Lebenslauf des heiligen Wonnebald Pück

Ricarda Huch · Kapitel 15 von 18

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Lebenslauf des heiligen Wonnebald Pück

D aß Lux und ihr Kind in…

D aß Lux und ihr Kind in solcher Weise vernachlässigt wurden, hing folgendermaßen zusammen: der Bischof hatte Befehl gegeben, daß niemand sich

in die Bewachung und Bedienung der Gefangenen einmische, die er sich selbst

vorbehalten habe, aber es fügte sich, daß er sich länger, als er gemeint hatte, bei

der Hermenegilde, der er eben an diesem Tage einen Besuch abstattete,

verweilen mußte. Die Kammerfrau, die mit ihm im Einverständnis die

Entfernung des Neugeborenen besorgt hatte, spiegelte der Wöchnerin vor, daß

das Kind zur Schonung ihrer Gesundheit zunächst von ihr getrennt bleiben

müsse, fand indessen damit wenig Anklang bei Hermenegilde, denn diese war

jetzt durch und durch in Mutterliebe entbrannt, sprach von allen Männern ohne

Ausnahme mit Geringschätzung, und es kostete die erdenklichste Mühe und

Gewandtheit, um sie im Bette zu halten. Wonnebald litt an ihrer Seite scharfe

Höllenpein sowohl durch die augenblicklichen Angriffe, mit denen

Hermenegilde ihm zusetzte, wie durch die Angst vor der weiteren Entwicklung

der Dinge, und dachte zwischendurch mit Groll und manchem Seufzer an Lux,

die wegen ihrer albernen Sprödigkeit schuld an dieser Not wäre.

 

Nichtsdestoweniger verharrte er in der Absicht, die Flucht der Gefangenen

zu bewerkstelligen, und nachdem er am späten Nachmittag zurückgekehrt war

und sich bei einer kräftigen Mahlzeit von der Strapaze und Gemütsbewegung

erholt hatte, schritt er zur Ausführung des Planes. Als er ins Freie trat, blies ihm

der Wind so stark entgegen, daß er den Mantel, den er umgehängt hatte, fester

zusammenfaßte und die Kapuze über den Kopf zog, worauf er entschlossen über

den freien Platz eilte, der zwischen dem Hauptgebäude der Burg und dem Turme

sich erstreckte.

 

Nun traf es sich, daß Lando, der schon seit einiger Zeit mit dem Vorsatz

umging, die einst Geliebte, wenn auch nicht für sich zu befreien, worüber er mit

dem Schicksal nicht mehr streiten wollte, wenigstens doch vor Schande und

vielleicht gar gewaltsamem Tode zu bewahren, ebendieselbe Stunde wie der

Bischof gewählt hatte, um das Rettungswerk zu verwirklichen. Er hatte, sowie

Lux in den Turm geführt war, eingesehen, daß die Gelegenheit jetzt günstig

wäre, sich Werkzeuge verschafft, um das Torschloß zu erbrechen, und sich dann

in das leerstehende Häuschen des alten Bernkule begeben, um die Zeit bis zum

Hereinbrechen der Dunkelheit mit wehmütigen Träumereien zu betrügen. Er

setzte sich an das Fenster, wo Lux viele Male mit ihm gekost und geflüstert hatte, und versenkte sich in die Wonnen der Vergangenheit, bis ihn der

brummende Schlag der Burguhr weckte und ermahnte, sein Vorhaben zu

beginnen. Die Nacht war nicht so dunkel, wie er hätte wünschen mögen, allein

es war rings kein Mensch wahrzunehmen, und die Burg war unerleuchtet, wie

wenn bereits alles schliefe. Gerührt und hingerissen von der Betrachtung, daß er

das unglückliche Weib in kurzem wiedersehen würde, um sich sofort auf immer

aus ihren Armen zu reißen, ging er mit verschlossenen Sinnen vorwärts, als er,

eben der Pforte des Turms sich nähernd, einen Schritt hörte und in derselben

Entfernung vom Turm, wie er selbst war, den Bischof erblickte, der gleichzeitig

seiner gewahr wurde. Es schoß beiden eine Reihe von Empfindungen des Ärgers

und der Eifersucht durch den Kopf, vor allem aber beherrschte einen jeden der

Wunsch, er möchte vom andern nicht bemerkt worden sein, und obwohl dies

dem Augenscheine nach durchaus unmöglich war, machten sie doch

unwillkürlich eine Wendung von der Tür weg, so daß sie einander den Rücken

zukehrten, und setzten eilig und beflissen ihre Wege in entgegengesetzter

Richtung fort. Es konnte nun so scheinen, als ob sie, von den Reizen der

Novembernacht angezogen, einen Spaziergang unternommen und dabei den

Turm gestreift hätten, worauf sie nach einigen beliebigen Umwegen wieder unter

das schützende Dach zurückgekehrt wären, was freilich in Wirklichkeit keiner

vom andern glaubte. Sie hörten einander heimkommen und zu Bett gehen, und

jeder horchte aufmerksam, ob sich noch etwas mit dem andern begäbe; auf diese

Weise verhielten sich beide still und wachsam, bis sie endlich über dem

anhaltenden Aufmerken einschliefen.

 

Es verstand sich von selbst, daß die Befreiung nunmehr bis zum nächsten

Abend, wo das Dorf wieder in der Dunkelheit schlief, verschoben werden mußte,

und inzwischen dachten Wonnebald und Lando darüber nach, unter was für

einem Vorwande sie den andern zur betreffenden Stunde von der Burg entfernen

könnten. Plötzlich indessen wurden sie durch ein überraschendes Ereignis von

ihren Vorbereitungen abgelenkt: unangemeldet nämlich erschien der Erzbischof

von Casalba auf der Burg, der nicht länger davon abstehen wollte, das Treiben

seines Neffen sowohl wie des Bischofs durch eigne Anschauung zu untersuchen.

Dem Bischof, der den Tag übellaunig begonnen hatte, kam die Zerstreuung

erwünscht, und er ließ köstlich auftischen; aber Giselbert frühstückte mäßig und

schnell und ging sogleich zur Besprechung der vorliegenden Angelegenheiten

über, zunächst des Hexenprozesses, den er für ein anstößiges und bedenkliches

Gemächte erklärte. Wonnebald brachte manches vor über die Gefahren des

Zauberns, über die Neigungen und Gewohnheiten des Teufels und über Kobolde

und Gespenster im allgemeinen, worüber es dem Erzbischof heiß und absonderlich zumute wurde, da er es für nichts andres als den Ausfluß blöden

Aberglaubens halten konnte. Es schwante ihm, daß er Pück seinerzeit nicht

treffend eingeschätzt und nicht an den rechten Platz gestellt habe, und er sagte

sich, daß es jetzt an ihm sei, den verfahrenen Karren, wenn irgend möglich, ohne

Lärm und Aufhebens aus dem Sumpfe zu heben. Darum ließ er die Frage selbst

unerörtert und sagte nur, daß man auch die beste Sache nicht in schroffer Weise

und bis zum äußersten führen dürfe, daß Formen veralteten und daß es

wesentlich sei, nicht zum Trotz der allgemeinen Meinung an solchen

festzuhalten, schließlich, daß man es aufgeben müsse, mittelalterlichen Brauch

und Glauben bis aufs letzte Tüpfel wieder lebendig machen zu wollen.

Wonnebald war schlau genug, die Meinung des Erzbischofs herauszuwittern,

und beeilte sich, zu versichern, daß er ebenso denke, aber einer Partei habe

nachgeben müssen, die im Lande mächtig sei und an deren Spitze der

Medizinalrat von Boll stehe. Dieser sei ein fanatischer und blutdürstiger

Charakter und würde ganz anders gewütet haben, wenn er, der Bischof, ihn nicht

einigermaßen im Zaume gehalten hätte; auch hätte er bereits daran gedacht, die

Zauberin entweichen zu lassen, damit der Prozeß hängen bleibe und die böse

Sache im Sande verlaufen könne. Damit erklärte sich der Erzbischof

einverstanden, nur müsse vermieden werden, sagte er, daß Lando der Person

wieder in die Arme liefe, den sie in Tat und Wahrheit verzaubert zu haben

scheine.

 

Er fand jedoch Lando, den er nun zu sich beschied, ruhiger und

zugänglicher, als er sich nach seinem Briefe vorgestellt hatte: bei allen

Anzeichen äußerster Melancholie und Hoffnungslosigkeit zeigte er sich doch

willig, nicht nur auf die Geliebte zu verzichten, sondern auch dem Oheim in

seine Residenz zu folgen, vielleicht sogar die ihm zugedachte Braut zu heiraten,

die Giselbert ihm als krank vor Sehnsucht und mit mädchenhafter Scham

verhülltem Kummer überaus anziehend schilderte. Mit feucht umflorten Augen

und tiefer als sonst herabhängender Unterlippe versprach er dem Erzbischof,

sich seinen Wünschen fügen zu wollen, da er sowieso den Möglichkeiten des

Lebens nichts mehr nachfrage, wenn ihm dagegen verbürgt würde, daß die

Geliebte ungekränkt entfliehen und ihr ferner nicht nachgestellt werden solle,

worauf der Erzbischof nach einigem gespielten Bedenken und Zögern einging.

Er streichelte seinen Neffen zärtlich und fing, um ihn zu zerstreuen, ein

Gespräch über die Torheiten des Bischofs an, worauf Lando lustiger und

gesprächiger wurde, freilich ohne seine Schwermut abzulegen, so daß auf dem

schwarzen Grunde seine frechen Witze desto blendender funkelten.

 

Nachdem es beschlossene Sache war, daß Lux entfliehen sollte, überlegte sich der Erzbischof, daß es weiser wäre, anstatt Wonnebald oder Lando mit der

Ausführung des Werkes zu betrauen, die Sache selbst in die Hand zu nehmen,

wodurch zugleich eine gewisse Neugierde, die er empfand, befriedigt werden

würde. Da es infolge seiner Frage, wer die Aufsicht und Verpflegung der

Gefangenen im Turme besorgt hätte, herauskam, daß sie nicht nur am laufenden,

sondern auch am vorigen Tage ohne Nahrung geblieben waren, erklärte der

Erzbischof, nun nicht bis zum Untergange der Sonne warten zu wollen, bis er

hinüberginge, besonders weil es sich um ein kleines Kind handle, das einer

solchen Entbehrung leicht erliegen könne. Die Bestürzung Wonnebalds zeigte

deutlich an, daß dem Versehen nicht mörderische Absicht, sondern

Vergeßlichkeit zugrunde lag, weshalb es der Erzbischof bei einem kurzen,

scharfen Fluch, der in vornehmen Kreisen gebräuchlich war, bewenden ließ und

schnell von der bischöflichen Tafel Fleisch, Brot, Leckereien, Obst und Wein

zusammenraffte und in einen Korb packte, um ihn den Darbenden zu bringen.

 

Der Aufstieg der steilen Treppe nahm ihm den Atem, so daß er mehrere

Male keuchend stehen bleiben mußte; doch beschleunigte er die Schritte immer

wieder, so gut er konnte. Beim Eintritt in das Turmstübchen sah er sogleich die

Frau und das Kind allem Anschein nach bewußtlos auf dem Boden liegen; doch

richtete sich Lux ein wenig auf und sah ihn aus tief umschatteten Augen so

traurig an, daß sich sein Herz vor Mitleid und Grauen zusammenzog. Er kniete

schnell neben ihr nieder und setzte die Weinflasche an ihre Lippen, indem er sie

mit dem Arm unterstützte; erst als sie getrunken hatte, bemerkte er, daß ihr

Hemd offen stand und Hals und Brust sehen ließ, und das Blut stieg ihm langsam

in die zarten, verwelkten Wangen. Schleunig beugte er sich über das Kind, das

still mit halb offenen Augen dalag, und über dessen Körper dann und wann ein

kleines Zucken lief, rieb seine Schläfen mit Wein und versuchte, einige Tropfen

in das offene Mündchen fließen zu lassen, während welcher Bemühungen Lux

anfing zu weinen, und je eifriger er sich bemühte, desto leidenschaftlicher

schluchzte. Allgemach belebte sich Lisutt und konnte dazu gebracht werden, daß

sie ein wenig Brot und Fleisch aß, worauf sie sich zusehends erholte, ihre Mutter

und den fremden Mann betrachtete und diesen mit freundlich ernstem Blick und

zutraulichem Nicken fragte: »Bist du der Himmelvater?« Dem Erzbischof

kamen Tränen in die Augen, und er bückte sich ein wenig, um eine von den

kältestarren Händen der Kleinen zu ergreifen und sie an sein Gesicht zu drücken,

was sie sich feierlich froh gefallen ließ.

 

Während Giselbert Geld zwischen die Lebensmittel im Korbe versteckte,

Lux Anweisungen gab, welchen Weg sie einschlagen und wohin sie sich wenden

sollte, dann wieder Lisutt vorsichtig mit kleinen Bissen fütterte, war es Abend geworden, und er mahnte zum eiligen Aufbruch. Auf der Treppe jedoch gab es

einen Aufenthalt: denn unten war Brun, der, obwohl er sich kaum auf den

Beinen halten konnte, als er seine Mutter herunterkommen hörte, ihr

entgegenging und an ihren Knien zusammenbrach. Es stellte sich heraus, daß er,

sowie Lux in den Turm geführt worden war, sich dorthin geschlichen und in dem

Gebüsch, das ihn umgab, versteckt gehalten hatte, in der Hoffnung, bei

irgendeiner Gelegenheit hineinschlüpfen zu können, jedenfalls aber ihre

Gefangenschaft freiwillig zu teilen und, wenn auch von ihr ungesehen und

ungeahnt, ihr nah zu sein. Nachdem er mit Essen und Trinken ein wenig gestärkt

war, verlangte er Lisutt zu tragen, mußte sich aber mit dem Korbe begnügen, da

Lux die Kleine nicht aus den Armen lassen wollte. Der Erzbischof sah den

dreien nach, wie sie sich den schlängelnden Pfad des Burghügels

hinunterbewegten, bald verschwindend, bald von neuem auftauchend, bis er sie

nicht mehr erkennen konnte, und ging dann langsam ins Haus zurück.

 

Am Kopfe der Brücke, die unweit des Wassersturzes über den Strom führte,

hatte sich Lando aufgestellt, um Lux, wenn sie hinüberginge, das letzte Mal zu

sehen, ihr Lebewohl zu sagen und vielleicht noch einmal ihre Hand zu drücken

und ihren Mund zu küssen. Er wartete mit klopfendem Herzen und in

prickelnder Erregung, die ebenso lieblich wie peinlich war; allein als er sie

kommen sah, in einer Bewegung, wie ein Sturmvogel leicht und kräftig durch

milde, nasse Luft schneidet, das helle Gesicht dem kalten, schwarzen Himmel,

die Augen dem gegenüberliegenden Berge zugewendet, empfand er plötzlich

bitteres Weh im Herzen und weinte verstohlen auf den hölzernen Pfosten, an den

er sich so dicht preßte, als ob er eins mit ihm wäre. Lux hätte ihn ohnehin nicht

gesehen, oder wenn sie ihn gesehen hätte, nicht erkannt oder nicht beachtet;

nichts war da für sie, außer sie selbst und die beiden getreuen kleinen Wesen, die

sie nah bei sich fühlte, miteinander getragen und gehalten von der Erde und der

Luft und dem Wasser, die sie rauschend, atmend, zitternd, wissend umgaben.

Eben als sie über die Brücke gingen, erwachte Lisutt, vielleicht durch das

Dröhnen des Wassers, und sagte verschlafen, indem sie, wie es ihre Gewohnheit

war, ihr weiches Gesicht mit der kalten Nase in den Hals ihrer Mutter grub: »Du

riechst gut!« worauf sie sofort wieder einschlief. Es kam Lux eine

unwiderstehliche Lust an zu lachen, daß es von dem breiten Bergrücken

widerhallte, die Frostluft über dem winterlich schlafenden Dorfe durch lautes,

jauchzendes Geschrei zu erschüttern; aber sie hielt an sich und drückte nur Bruns

magere Hand und Lisutts leise schmorenden Körper fester.

D ie Einwohnerschaft von Klus war noch in Aufregung über die Flucht des Schermäusers, welche offenbar durch Magie oder schwarze Kunst war

 

bewerkstelligt worden, als eine weit ärgere Neuigkeit laut wurde: die Stiftsdame

Hermenegilde nämlich, die inzwischen der Beseitigung ihres Kindes auf die

Spur gekommen war, erschien auf dem Rathause und rief den Bischof als

ruchlosen Bösewicht aus, der nicht nur der Millionenmaria die Krone gestohlen,

sondern dazu noch einen Unschuldigen des Verbrechens bezichtigt habe. Um

ihre Aussage gehörig zu bekräftigen, wies sie eine Handvoll Rubine, Saphire

und andrer Edelsteine vor, die er ihr geschenkt habe, und die allerdings als zu

dem vermißten Heiligtume gehörig erkannt wurden. Das Diadem selbst, sagte

Hermenegilde, würde sich zweifelsohne im Besitze des Bischofs finden, der sich

ohne Erröten als Entwender desselben ihr gegenüber bekannt habe, und auf

Befragen, warum sie sich zur Hehlerin eines solchen Frevels gemacht habe, gab

sie an, daß in ihrer Brust ein langes Kämpfen verschiedener Pflichtgefühle, als

der Rücksicht gegen ein hohes geistliches Haupt und den Bischof, ihren

Beichtvater, insbesondere, der Wahrheitsliebe, der Nächstenliebe und mehr

dergleichen stattgefunden, und daß eben jetzt das Mitleid mit dem fälschlich

Beklagten, von dessen Flucht sie noch nichts gewußt hätte, gesiegt habe.

 

Diese Aussage der von Mutterliebe und Rachsucht gestachelten

Hermenegilde setzte die Justiz von Klus in unerträgliche Verlegenheit, und sie

hätten die peinliche Angelegenheit vielleicht vertuscht, wenn nicht einige Herren

darunter gewesen wären, die, scharf und scheel, immer bei der Hand waren,

wenn es galt, der Geistlichkeit etwas aufzumutzen, und wenn die Stiftsdame

nicht bereits wie eine gackernde Henne von Haus zu Haus gegangen wäre, um

ihr faules Geheimnis in jedes offene Ohr zu legen.

 

Es wäre nicht unnatürlich gewesen, wenn der Bischof, durch das rasch

verbreitete Geschwätz gewarnt, die verräterische Krone auf die Seite gebracht

hätte, bevor eine Untersuchung in Gang kam; aber er war an diesem Tag

abwesend, weil er den Erzbischof in seiner großen Kutsche bis zur nächsten

Eisenbahnstation begleiten mußte, die mehrere Stunden weit entfernt lag, und

kam erst zurück, als sich bereits einige Gerichtsbeamte in seiner Wohnung

festgesetzt hatten, um sie nach dem heiligen Gegenstande zu durchstöbern.

Wonnebald war zu überrascht, um seinen Schrecken verhehlen zu können, und

warf sich laut ächzend in einen Sessel, von dem aus er die Nichtswürdigkeit der Hermenegilde verwünschte, die es nicht für zu entmenscht hielte, einen treuen

Freund, Vater, Berater und Seelsorger öffentlicher Schande preiszugeben. Die

Herren hörten diese Klage achtungsvoll im Hintergrunde mit an, wagten aber

endlich, sie durch die Bitte um Schlüssel zu unterbrechen, mit denen sie die

Kasten, Schränke und Türen öffnen könnten, worauf Wonnebald mit müder

Handbewegung auf eine silberne Truhe deutete, in der sich ein Schlüsselbund

befand. Während sie damit hantierten, fuhr er fort zu jammern, daß er schon am

vergangenen Tage durch den Besuch des Erzbischofs aus seinen Gewohnheiten

herausgerissen sei, daß er in aller Frühe habe aufstehen müssen, um im Wagen

Knochen und Eingeweide durcheinander geschüttelt zu bekommen, daß man ihm

in der Bahnhofswirtschaft ein Huhn vorgesetzt habe, das fader als gekochtes

Kalb gewesen sei, und einen Wein, der wie Blausäure und Essig geschmeckt

habe, daß er keine Mittagsruhe habe halten können, und daß er nun, da er gehofft

habe, sich endlich wiederherstellen zu können, in eine solche Wirtschaft gerate,

so daß er sich in Wahrheit einen großen Märtyrer und Leidensgenossen nennen

dürfe.

 

Unterdessen war die Messingkrone in einem Ofenloch gefunden worden,

das Wonnebald im Laufe des Sommers als Rumpelkammer zu benutzen pflegte,

und das zufällig noch nicht gebraucht war, und die Herren entfernten sich, indem

sie dem Bischof höflich empfahlen, die Burg nicht zu verlassen, deren Ausgänge

übrigens mit Polizeisoldaten besetzt wurden. Wonnebald atmete auf, als die

Störenfriede sich entfernt hatten, und da er der Meinung war, es würde töricht

sein, nachdem das Schicksal ihn dermaßen gepeinigt habe, sich freiwillig weiter

zu kreuzigen, ließ er sich eine auserlesene Abendmahlzeit auftragen und schlief

gut gesättigt bis in den lichten Morgen. Es zeigte sich, daß dies eine glückliche

Maßregel gewesen war, denn während er bei frischen Kräften den Morgenkaffee

zu sich nahm, kam ihm ein vortrefflicher Einfall, mit dessen Hilfe er sich aus

dem Netz zu ziehen hoffte, das man ihm umgeworfen hatte. Bald darauf wurde

er im Wagen abgeholt, um auf das Rathaus geführt zu werden, was nur langsam

vonstatten ging, da brüllendes Volk das Gefährt umdrängte, um ihn zu

beschimpfen und womöglich zu ermorden, der, ohne seine Furcht merken zu

lassen, die Menge mit milder Gebärde durch das verschlossene Fenster segnete.