Lebenslauf des heiligen Wonnebald Pück
D aß Lux und ihr Kind in…
D aß Lux und ihr Kind in solcher Weise vernachlässigt wurden, hing folgendermaßen zusammen: der Bischof hatte Befehl gegeben, daß niemand sich
in die Bewachung und Bedienung der Gefangenen einmische, die er sich selbst
vorbehalten habe, aber es fügte sich, daß er sich länger, als er gemeint hatte, bei
der Hermenegilde, der er eben an diesem Tage einen Besuch abstattete,
verweilen mußte. Die Kammerfrau, die mit ihm im Einverständnis die
Entfernung des Neugeborenen besorgt hatte, spiegelte der Wöchnerin vor, daß
das Kind zur Schonung ihrer Gesundheit zunächst von ihr getrennt bleiben
müsse, fand indessen damit wenig Anklang bei Hermenegilde, denn diese war
jetzt durch und durch in Mutterliebe entbrannt, sprach von allen Männern ohne
Ausnahme mit Geringschätzung, und es kostete die erdenklichste Mühe und
Gewandtheit, um sie im Bette zu halten. Wonnebald litt an ihrer Seite scharfe
Höllenpein sowohl durch die augenblicklichen Angriffe, mit denen
Hermenegilde ihm zusetzte, wie durch die Angst vor der weiteren Entwicklung
der Dinge, und dachte zwischendurch mit Groll und manchem Seufzer an Lux,
die wegen ihrer albernen Sprödigkeit schuld an dieser Not wäre.
Nichtsdestoweniger verharrte er in der Absicht, die Flucht der Gefangenen
zu bewerkstelligen, und nachdem er am späten Nachmittag zurückgekehrt war
und sich bei einer kräftigen Mahlzeit von der Strapaze und Gemütsbewegung
erholt hatte, schritt er zur Ausführung des Planes. Als er ins Freie trat, blies ihm
der Wind so stark entgegen, daß er den Mantel, den er umgehängt hatte, fester
zusammenfaßte und die Kapuze über den Kopf zog, worauf er entschlossen über
den freien Platz eilte, der zwischen dem Hauptgebäude der Burg und dem Turme
sich erstreckte.
Nun traf es sich, daß Lando, der schon seit einiger Zeit mit dem Vorsatz
umging, die einst Geliebte, wenn auch nicht für sich zu befreien, worüber er mit
dem Schicksal nicht mehr streiten wollte, wenigstens doch vor Schande und
vielleicht gar gewaltsamem Tode zu bewahren, ebendieselbe Stunde wie der
Bischof gewählt hatte, um das Rettungswerk zu verwirklichen. Er hatte, sowie
Lux in den Turm geführt war, eingesehen, daß die Gelegenheit jetzt günstig
wäre, sich Werkzeuge verschafft, um das Torschloß zu erbrechen, und sich dann
in das leerstehende Häuschen des alten Bernkule begeben, um die Zeit bis zum
Hereinbrechen der Dunkelheit mit wehmütigen Träumereien zu betrügen. Er
setzte sich an das Fenster, wo Lux viele Male mit ihm gekost und geflüstert hatte, und versenkte sich in die Wonnen der Vergangenheit, bis ihn der
brummende Schlag der Burguhr weckte und ermahnte, sein Vorhaben zu
beginnen. Die Nacht war nicht so dunkel, wie er hätte wünschen mögen, allein
es war rings kein Mensch wahrzunehmen, und die Burg war unerleuchtet, wie
wenn bereits alles schliefe. Gerührt und hingerissen von der Betrachtung, daß er
das unglückliche Weib in kurzem wiedersehen würde, um sich sofort auf immer
aus ihren Armen zu reißen, ging er mit verschlossenen Sinnen vorwärts, als er,
eben der Pforte des Turms sich nähernd, einen Schritt hörte und in derselben
Entfernung vom Turm, wie er selbst war, den Bischof erblickte, der gleichzeitig
seiner gewahr wurde. Es schoß beiden eine Reihe von Empfindungen des Ärgers
und der Eifersucht durch den Kopf, vor allem aber beherrschte einen jeden der
Wunsch, er möchte vom andern nicht bemerkt worden sein, und obwohl dies
dem Augenscheine nach durchaus unmöglich war, machten sie doch
unwillkürlich eine Wendung von der Tür weg, so daß sie einander den Rücken
zukehrten, und setzten eilig und beflissen ihre Wege in entgegengesetzter
Richtung fort. Es konnte nun so scheinen, als ob sie, von den Reizen der
Novembernacht angezogen, einen Spaziergang unternommen und dabei den
Turm gestreift hätten, worauf sie nach einigen beliebigen Umwegen wieder unter
das schützende Dach zurückgekehrt wären, was freilich in Wirklichkeit keiner
vom andern glaubte. Sie hörten einander heimkommen und zu Bett gehen, und
jeder horchte aufmerksam, ob sich noch etwas mit dem andern begäbe; auf diese
Weise verhielten sich beide still und wachsam, bis sie endlich über dem
anhaltenden Aufmerken einschliefen.
Es verstand sich von selbst, daß die Befreiung nunmehr bis zum nächsten
Abend, wo das Dorf wieder in der Dunkelheit schlief, verschoben werden mußte,
und inzwischen dachten Wonnebald und Lando darüber nach, unter was für
einem Vorwande sie den andern zur betreffenden Stunde von der Burg entfernen
könnten. Plötzlich indessen wurden sie durch ein überraschendes Ereignis von
ihren Vorbereitungen abgelenkt: unangemeldet nämlich erschien der Erzbischof
von Casalba auf der Burg, der nicht länger davon abstehen wollte, das Treiben
seines Neffen sowohl wie des Bischofs durch eigne Anschauung zu untersuchen.
Dem Bischof, der den Tag übellaunig begonnen hatte, kam die Zerstreuung
erwünscht, und er ließ köstlich auftischen; aber Giselbert frühstückte mäßig und
schnell und ging sogleich zur Besprechung der vorliegenden Angelegenheiten
über, zunächst des Hexenprozesses, den er für ein anstößiges und bedenkliches
Gemächte erklärte. Wonnebald brachte manches vor über die Gefahren des
Zauberns, über die Neigungen und Gewohnheiten des Teufels und über Kobolde
und Gespenster im allgemeinen, worüber es dem Erzbischof heiß und absonderlich zumute wurde, da er es für nichts andres als den Ausfluß blöden
Aberglaubens halten konnte. Es schwante ihm, daß er Pück seinerzeit nicht
treffend eingeschätzt und nicht an den rechten Platz gestellt habe, und er sagte
sich, daß es jetzt an ihm sei, den verfahrenen Karren, wenn irgend möglich, ohne
Lärm und Aufhebens aus dem Sumpfe zu heben. Darum ließ er die Frage selbst
unerörtert und sagte nur, daß man auch die beste Sache nicht in schroffer Weise
und bis zum äußersten führen dürfe, daß Formen veralteten und daß es
wesentlich sei, nicht zum Trotz der allgemeinen Meinung an solchen
festzuhalten, schließlich, daß man es aufgeben müsse, mittelalterlichen Brauch
und Glauben bis aufs letzte Tüpfel wieder lebendig machen zu wollen.
Wonnebald war schlau genug, die Meinung des Erzbischofs herauszuwittern,
und beeilte sich, zu versichern, daß er ebenso denke, aber einer Partei habe
nachgeben müssen, die im Lande mächtig sei und an deren Spitze der
Medizinalrat von Boll stehe. Dieser sei ein fanatischer und blutdürstiger
Charakter und würde ganz anders gewütet haben, wenn er, der Bischof, ihn nicht
einigermaßen im Zaume gehalten hätte; auch hätte er bereits daran gedacht, die
Zauberin entweichen zu lassen, damit der Prozeß hängen bleibe und die böse
Sache im Sande verlaufen könne. Damit erklärte sich der Erzbischof
einverstanden, nur müsse vermieden werden, sagte er, daß Lando der Person
wieder in die Arme liefe, den sie in Tat und Wahrheit verzaubert zu haben
scheine.
Er fand jedoch Lando, den er nun zu sich beschied, ruhiger und
zugänglicher, als er sich nach seinem Briefe vorgestellt hatte: bei allen
Anzeichen äußerster Melancholie und Hoffnungslosigkeit zeigte er sich doch
willig, nicht nur auf die Geliebte zu verzichten, sondern auch dem Oheim in
seine Residenz zu folgen, vielleicht sogar die ihm zugedachte Braut zu heiraten,
die Giselbert ihm als krank vor Sehnsucht und mit mädchenhafter Scham
verhülltem Kummer überaus anziehend schilderte. Mit feucht umflorten Augen
und tiefer als sonst herabhängender Unterlippe versprach er dem Erzbischof,
sich seinen Wünschen fügen zu wollen, da er sowieso den Möglichkeiten des
Lebens nichts mehr nachfrage, wenn ihm dagegen verbürgt würde, daß die
Geliebte ungekränkt entfliehen und ihr ferner nicht nachgestellt werden solle,
worauf der Erzbischof nach einigem gespielten Bedenken und Zögern einging.
Er streichelte seinen Neffen zärtlich und fing, um ihn zu zerstreuen, ein
Gespräch über die Torheiten des Bischofs an, worauf Lando lustiger und
gesprächiger wurde, freilich ohne seine Schwermut abzulegen, so daß auf dem
schwarzen Grunde seine frechen Witze desto blendender funkelten.
Nachdem es beschlossene Sache war, daß Lux entfliehen sollte, überlegte sich der Erzbischof, daß es weiser wäre, anstatt Wonnebald oder Lando mit der
Ausführung des Werkes zu betrauen, die Sache selbst in die Hand zu nehmen,
wodurch zugleich eine gewisse Neugierde, die er empfand, befriedigt werden
würde. Da es infolge seiner Frage, wer die Aufsicht und Verpflegung der
Gefangenen im Turme besorgt hätte, herauskam, daß sie nicht nur am laufenden,
sondern auch am vorigen Tage ohne Nahrung geblieben waren, erklärte der
Erzbischof, nun nicht bis zum Untergange der Sonne warten zu wollen, bis er
hinüberginge, besonders weil es sich um ein kleines Kind handle, das einer
solchen Entbehrung leicht erliegen könne. Die Bestürzung Wonnebalds zeigte
deutlich an, daß dem Versehen nicht mörderische Absicht, sondern
Vergeßlichkeit zugrunde lag, weshalb es der Erzbischof bei einem kurzen,
scharfen Fluch, der in vornehmen Kreisen gebräuchlich war, bewenden ließ und
schnell von der bischöflichen Tafel Fleisch, Brot, Leckereien, Obst und Wein
zusammenraffte und in einen Korb packte, um ihn den Darbenden zu bringen.
Der Aufstieg der steilen Treppe nahm ihm den Atem, so daß er mehrere
Male keuchend stehen bleiben mußte; doch beschleunigte er die Schritte immer
wieder, so gut er konnte. Beim Eintritt in das Turmstübchen sah er sogleich die
Frau und das Kind allem Anschein nach bewußtlos auf dem Boden liegen; doch
richtete sich Lux ein wenig auf und sah ihn aus tief umschatteten Augen so
traurig an, daß sich sein Herz vor Mitleid und Grauen zusammenzog. Er kniete
schnell neben ihr nieder und setzte die Weinflasche an ihre Lippen, indem er sie
mit dem Arm unterstützte; erst als sie getrunken hatte, bemerkte er, daß ihr
Hemd offen stand und Hals und Brust sehen ließ, und das Blut stieg ihm langsam
in die zarten, verwelkten Wangen. Schleunig beugte er sich über das Kind, das
still mit halb offenen Augen dalag, und über dessen Körper dann und wann ein
kleines Zucken lief, rieb seine Schläfen mit Wein und versuchte, einige Tropfen
in das offene Mündchen fließen zu lassen, während welcher Bemühungen Lux
anfing zu weinen, und je eifriger er sich bemühte, desto leidenschaftlicher
schluchzte. Allgemach belebte sich Lisutt und konnte dazu gebracht werden, daß
sie ein wenig Brot und Fleisch aß, worauf sie sich zusehends erholte, ihre Mutter
und den fremden Mann betrachtete und diesen mit freundlich ernstem Blick und
zutraulichem Nicken fragte: »Bist du der Himmelvater?« Dem Erzbischof
kamen Tränen in die Augen, und er bückte sich ein wenig, um eine von den
kältestarren Händen der Kleinen zu ergreifen und sie an sein Gesicht zu drücken,
was sie sich feierlich froh gefallen ließ.
Während Giselbert Geld zwischen die Lebensmittel im Korbe versteckte,
Lux Anweisungen gab, welchen Weg sie einschlagen und wohin sie sich wenden
sollte, dann wieder Lisutt vorsichtig mit kleinen Bissen fütterte, war es Abend geworden, und er mahnte zum eiligen Aufbruch. Auf der Treppe jedoch gab es
einen Aufenthalt: denn unten war Brun, der, obwohl er sich kaum auf den
Beinen halten konnte, als er seine Mutter herunterkommen hörte, ihr
entgegenging und an ihren Knien zusammenbrach. Es stellte sich heraus, daß er,
sowie Lux in den Turm geführt worden war, sich dorthin geschlichen und in dem
Gebüsch, das ihn umgab, versteckt gehalten hatte, in der Hoffnung, bei
irgendeiner Gelegenheit hineinschlüpfen zu können, jedenfalls aber ihre
Gefangenschaft freiwillig zu teilen und, wenn auch von ihr ungesehen und
ungeahnt, ihr nah zu sein. Nachdem er mit Essen und Trinken ein wenig gestärkt
war, verlangte er Lisutt zu tragen, mußte sich aber mit dem Korbe begnügen, da
Lux die Kleine nicht aus den Armen lassen wollte. Der Erzbischof sah den
dreien nach, wie sie sich den schlängelnden Pfad des Burghügels
hinunterbewegten, bald verschwindend, bald von neuem auftauchend, bis er sie
nicht mehr erkennen konnte, und ging dann langsam ins Haus zurück.
Am Kopfe der Brücke, die unweit des Wassersturzes über den Strom führte,
hatte sich Lando aufgestellt, um Lux, wenn sie hinüberginge, das letzte Mal zu
sehen, ihr Lebewohl zu sagen und vielleicht noch einmal ihre Hand zu drücken
und ihren Mund zu küssen. Er wartete mit klopfendem Herzen und in
prickelnder Erregung, die ebenso lieblich wie peinlich war; allein als er sie
kommen sah, in einer Bewegung, wie ein Sturmvogel leicht und kräftig durch
milde, nasse Luft schneidet, das helle Gesicht dem kalten, schwarzen Himmel,
die Augen dem gegenüberliegenden Berge zugewendet, empfand er plötzlich
bitteres Weh im Herzen und weinte verstohlen auf den hölzernen Pfosten, an den
er sich so dicht preßte, als ob er eins mit ihm wäre. Lux hätte ihn ohnehin nicht
gesehen, oder wenn sie ihn gesehen hätte, nicht erkannt oder nicht beachtet;
nichts war da für sie, außer sie selbst und die beiden getreuen kleinen Wesen, die
sie nah bei sich fühlte, miteinander getragen und gehalten von der Erde und der
Luft und dem Wasser, die sie rauschend, atmend, zitternd, wissend umgaben.
Eben als sie über die Brücke gingen, erwachte Lisutt, vielleicht durch das
Dröhnen des Wassers, und sagte verschlafen, indem sie, wie es ihre Gewohnheit
war, ihr weiches Gesicht mit der kalten Nase in den Hals ihrer Mutter grub: »Du
riechst gut!« worauf sie sofort wieder einschlief. Es kam Lux eine
unwiderstehliche Lust an zu lachen, daß es von dem breiten Bergrücken
widerhallte, die Frostluft über dem winterlich schlafenden Dorfe durch lautes,
jauchzendes Geschrei zu erschüttern; aber sie hielt an sich und drückte nur Bruns
magere Hand und Lisutts leise schmorenden Körper fester.
D ie Einwohnerschaft von Klus war noch in Aufregung über die Flucht des Schermäusers, welche offenbar durch Magie oder schwarze Kunst war
bewerkstelligt worden, als eine weit ärgere Neuigkeit laut wurde: die Stiftsdame
Hermenegilde nämlich, die inzwischen der Beseitigung ihres Kindes auf die
Spur gekommen war, erschien auf dem Rathause und rief den Bischof als
ruchlosen Bösewicht aus, der nicht nur der Millionenmaria die Krone gestohlen,
sondern dazu noch einen Unschuldigen des Verbrechens bezichtigt habe. Um
ihre Aussage gehörig zu bekräftigen, wies sie eine Handvoll Rubine, Saphire
und andrer Edelsteine vor, die er ihr geschenkt habe, und die allerdings als zu
dem vermißten Heiligtume gehörig erkannt wurden. Das Diadem selbst, sagte
Hermenegilde, würde sich zweifelsohne im Besitze des Bischofs finden, der sich
ohne Erröten als Entwender desselben ihr gegenüber bekannt habe, und auf
Befragen, warum sie sich zur Hehlerin eines solchen Frevels gemacht habe, gab
sie an, daß in ihrer Brust ein langes Kämpfen verschiedener Pflichtgefühle, als
der Rücksicht gegen ein hohes geistliches Haupt und den Bischof, ihren
Beichtvater, insbesondere, der Wahrheitsliebe, der Nächstenliebe und mehr
dergleichen stattgefunden, und daß eben jetzt das Mitleid mit dem fälschlich
Beklagten, von dessen Flucht sie noch nichts gewußt hätte, gesiegt habe.
Diese Aussage der von Mutterliebe und Rachsucht gestachelten
Hermenegilde setzte die Justiz von Klus in unerträgliche Verlegenheit, und sie
hätten die peinliche Angelegenheit vielleicht vertuscht, wenn nicht einige Herren
darunter gewesen wären, die, scharf und scheel, immer bei der Hand waren,
wenn es galt, der Geistlichkeit etwas aufzumutzen, und wenn die Stiftsdame
nicht bereits wie eine gackernde Henne von Haus zu Haus gegangen wäre, um
ihr faules Geheimnis in jedes offene Ohr zu legen.
Es wäre nicht unnatürlich gewesen, wenn der Bischof, durch das rasch
verbreitete Geschwätz gewarnt, die verräterische Krone auf die Seite gebracht
hätte, bevor eine Untersuchung in Gang kam; aber er war an diesem Tag
abwesend, weil er den Erzbischof in seiner großen Kutsche bis zur nächsten
Eisenbahnstation begleiten mußte, die mehrere Stunden weit entfernt lag, und
kam erst zurück, als sich bereits einige Gerichtsbeamte in seiner Wohnung
festgesetzt hatten, um sie nach dem heiligen Gegenstande zu durchstöbern.
Wonnebald war zu überrascht, um seinen Schrecken verhehlen zu können, und
warf sich laut ächzend in einen Sessel, von dem aus er die Nichtswürdigkeit der Hermenegilde verwünschte, die es nicht für zu entmenscht hielte, einen treuen
Freund, Vater, Berater und Seelsorger öffentlicher Schande preiszugeben. Die
Herren hörten diese Klage achtungsvoll im Hintergrunde mit an, wagten aber
endlich, sie durch die Bitte um Schlüssel zu unterbrechen, mit denen sie die
Kasten, Schränke und Türen öffnen könnten, worauf Wonnebald mit müder
Handbewegung auf eine silberne Truhe deutete, in der sich ein Schlüsselbund
befand. Während sie damit hantierten, fuhr er fort zu jammern, daß er schon am
vergangenen Tage durch den Besuch des Erzbischofs aus seinen Gewohnheiten
herausgerissen sei, daß er in aller Frühe habe aufstehen müssen, um im Wagen
Knochen und Eingeweide durcheinander geschüttelt zu bekommen, daß man ihm
in der Bahnhofswirtschaft ein Huhn vorgesetzt habe, das fader als gekochtes
Kalb gewesen sei, und einen Wein, der wie Blausäure und Essig geschmeckt
habe, daß er keine Mittagsruhe habe halten können, und daß er nun, da er gehofft
habe, sich endlich wiederherstellen zu können, in eine solche Wirtschaft gerate,
so daß er sich in Wahrheit einen großen Märtyrer und Leidensgenossen nennen
dürfe.
Unterdessen war die Messingkrone in einem Ofenloch gefunden worden,
das Wonnebald im Laufe des Sommers als Rumpelkammer zu benutzen pflegte,
und das zufällig noch nicht gebraucht war, und die Herren entfernten sich, indem
sie dem Bischof höflich empfahlen, die Burg nicht zu verlassen, deren Ausgänge
übrigens mit Polizeisoldaten besetzt wurden. Wonnebald atmete auf, als die
Störenfriede sich entfernt hatten, und da er der Meinung war, es würde töricht
sein, nachdem das Schicksal ihn dermaßen gepeinigt habe, sich freiwillig weiter
zu kreuzigen, ließ er sich eine auserlesene Abendmahlzeit auftragen und schlief
gut gesättigt bis in den lichten Morgen. Es zeigte sich, daß dies eine glückliche
Maßregel gewesen war, denn während er bei frischen Kräften den Morgenkaffee
zu sich nahm, kam ihm ein vortrefflicher Einfall, mit dessen Hilfe er sich aus
dem Netz zu ziehen hoffte, das man ihm umgeworfen hatte. Bald darauf wurde
er im Wagen abgeholt, um auf das Rathaus geführt zu werden, was nur langsam
vonstatten ging, da brüllendes Volk das Gefährt umdrängte, um ihn zu
beschimpfen und womöglich zu ermorden, der, ohne seine Furcht merken zu
lassen, die Menge mit milder Gebärde durch das verschlossene Fenster segnete.