Lebenslauf des heiligen Wonnebald Pück

Ricarda Huch · Kapitel 12 von 18

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Lebenslauf des heiligen Wonnebald Pück

D er alte Bernkule war, seit Lux…

D er alte Bernkule war, seit Lux da war, ihm alle Arbeit abgenommen und ihn gepflegt hatte, ganz in sich zusammengesunken und fing behaglich an zu

sterben; in den letzten Tagen indessen, als der Bischof eben seinen großen

Streich vollführt hatte, befand er sich so wohl und kräftig, daß er mit Lux und

den Kindern einen großen Spaziergang unternahm, der sie weiter als sonst in die

umliegenden Täler hineinführte. Auf einer Anhöhe machten sie halt, und

nachdem sie einen Imbiß zu sich genommen hatten, erklärte der Alte die Namen

der Gipfel, die man sehen konnte und die er in früheren Jahren manches Mal

bestiegen hatte. Gerade ihnen gegenüber befanden sich auf einem verödeten

Hügel die Ruinen einer Burg, an einigen Stellen so niedrig und verbröckelt, daß

das Gras darüber hinauswuchs, während an andern das Gemäuer noch die

einstigen Formen erkennen ließ. Christoph Bernkule erzählte alte

Überlieferungen, die sich daran knüpften, und fügte hinzu, daß er als Kind hätte

sagen hören, es töne zuweilen bei Abend- oder Nachtzeit eine süße Musik aus

den verfallenen Mauern, deren Ursprung nie habe erkundet werden können;

denn sooft einer sie gehört und neugierig zwischen den Trümmern nachgespürt

habe, sei sie verstummt und nie etwas andres zu finden gewesen als etwa eine

zirpende Grille oder ein weinendes Käuzchen.

 

Lisutt blieb eine Weile still und in sich gekehrt, so daß nicht zu erkennen

war, ob sie die Erzählung des Großvaters verstanden hatte, plötzlich aber richtete

sie die Augen groß und heiter auf ihn, sagte: »Ich höre die Musik!« und blickte

dann wieder fest auf das Gemäuer, hinter dem, durch unregelmäßige Lücken

sichtbar, das Feuer der untergehenden Sonne brannte. Während der alte Bernkule

lächelte, sah Brun ernst und fast traurig auf die Kleine, der das wunderbare

Tönen aufgegangen war, und auch der alte Mann konnte sich der Neugierde und

Bewunderung nicht enthalten, wie sie die runden Arme mit einer kleinen,

unbewußten Bewegung hin und her zu wiegen begann, gerade als ob sie zu einer

die Seele durchdringenden Musik den Takt angeben wollte. Lux lag ein wenig

abseits im Moose und horchte halb auf das Gespräch der andern, halb in sich

hinein, wo der Nachhall der Schwüre ihres Geliebten weiterlebte, die er, sowie

sie einen Zweifel an seiner Beständigkeit oder an ihrer gemeinsamen Zukunft

merken ließ, nicht müde wurde zu wiederholen: daß die Kraft der Liebe sein

Herz und seinen Willen gehärtet habe, so daß weder Zwang noch Bitten ihn

würden biegen können, daß ihre Armut ihn beglücke, weil er, ein Bettler vor der

Fülle ihres Wesens, dadurch doch auch einmal, wenn auch nur in vergänglichen und nebensächlichen Dingen, reich sein und ihr schenken könne, daß er lieber

Fluch, Verbannung, Elend und das ewige Brennen der Hölle mit ihr teilen wolle,

als entblößt von ihrer Nähe und Liebe die schauerliche Langeweile des Lebens

ertragen. Auf einer unfaßbaren Melodie durchfluteten sie solche Worte, Minuten

wie Stunden erfüllend und verzehrend, so daß sie die Flucht der Zeit nicht

bemerkte. Auch der Alte saß selbstvergessen da, aus den verglimmenden

Äuglein auf das Kind blinzelnd und zuweilen bewußtlos in sich hineinlachend.

Das kantige Trümmerwerk starrte schwärzer aus dem weißleuchtenden, grünlich

überhauchten Himmelsgrunde, und schon sammelte sich kühle Feuchtigkeit über

dem Boden, als Lux zum Heimgehen mahnte. Sie und Brun mußten

wechselweise Lisutt auf den Armen tragen, die unvermerkt eingeschlafen war,

der alte Bernkule hingegen ging seinen steten, langsamen Schritt nach Hause

und murmelte zuweilen für sich unverständliche Dinge, wobei er ein wenig die

unsicheren Arme bewegte. Am andern Morgen fieberte er, schien aber mehr

schwach als krank zu sein, doch starb er, ohne noch einmal volles Bewußtsein

wiedererlangt zu haben, zwei Tage darauf; die Anstrengung des Spaziergangs

und die Feuchtigkeit des Abends mochten die Auflösung des Greises

beschleunigt haben.

 

Der Tod des alten, mehr als neunzigjährigen Mannes, den jedermann in

Klus, groß und klein, reich und arm, kannte, erregte allgemeine Teilnahme, und

viele kamen, ihn zu sehen, der mit dem langen weißen Haar und dem wallenden

Bart, in dem sich noch schwarze Haare kräuselten, erbaulich wie ein Patriarch

dalag und die Umstehenden zu schönen Betrachtungen über Leben und Sterben

veranlaßte. Die Kinder, die sich bei seinen Lebzeiten vor ihm gefürchtet hatten,

liefen neugierig herbei und brachten Blumen ohne Zahl, so daß beim Begräbnis

der kleine schwarze Sarg unter Kränzen fast verschwand. Himmel und Erde

lachten in sommerlicher Wonne, als das Trauergeleit den eingesegneten

Leichnam auf den Gottesacker führte, der, zwischen zwei Hügel eingebettet, ein

halbes Stündchen außerhalb des Dorfes lag. Dicht hinter dem Leichenwagen

ging mit flinken, fröhlichen Schritten Lisutt, weiß angetan und weiß bekränzt,

strahlend vor feierlicher Heiterkeit, da sie überzeugt war, den Großvater in das

Paradies zu führen, wo Engel und Heilige auf den Wiesen tanzten und hurtige

Affen auf immergrünen Bäumen kletterten.