Lebenslauf des heiligen Wonnebald Pück
D er alte Bernkule war, seit Lux…
D er alte Bernkule war, seit Lux da war, ihm alle Arbeit abgenommen und ihn gepflegt hatte, ganz in sich zusammengesunken und fing behaglich an zu
sterben; in den letzten Tagen indessen, als der Bischof eben seinen großen
Streich vollführt hatte, befand er sich so wohl und kräftig, daß er mit Lux und
den Kindern einen großen Spaziergang unternahm, der sie weiter als sonst in die
umliegenden Täler hineinführte. Auf einer Anhöhe machten sie halt, und
nachdem sie einen Imbiß zu sich genommen hatten, erklärte der Alte die Namen
der Gipfel, die man sehen konnte und die er in früheren Jahren manches Mal
bestiegen hatte. Gerade ihnen gegenüber befanden sich auf einem verödeten
Hügel die Ruinen einer Burg, an einigen Stellen so niedrig und verbröckelt, daß
das Gras darüber hinauswuchs, während an andern das Gemäuer noch die
einstigen Formen erkennen ließ. Christoph Bernkule erzählte alte
Überlieferungen, die sich daran knüpften, und fügte hinzu, daß er als Kind hätte
sagen hören, es töne zuweilen bei Abend- oder Nachtzeit eine süße Musik aus
den verfallenen Mauern, deren Ursprung nie habe erkundet werden können;
denn sooft einer sie gehört und neugierig zwischen den Trümmern nachgespürt
habe, sei sie verstummt und nie etwas andres zu finden gewesen als etwa eine
zirpende Grille oder ein weinendes Käuzchen.
Lisutt blieb eine Weile still und in sich gekehrt, so daß nicht zu erkennen
war, ob sie die Erzählung des Großvaters verstanden hatte, plötzlich aber richtete
sie die Augen groß und heiter auf ihn, sagte: »Ich höre die Musik!« und blickte
dann wieder fest auf das Gemäuer, hinter dem, durch unregelmäßige Lücken
sichtbar, das Feuer der untergehenden Sonne brannte. Während der alte Bernkule
lächelte, sah Brun ernst und fast traurig auf die Kleine, der das wunderbare
Tönen aufgegangen war, und auch der alte Mann konnte sich der Neugierde und
Bewunderung nicht enthalten, wie sie die runden Arme mit einer kleinen,
unbewußten Bewegung hin und her zu wiegen begann, gerade als ob sie zu einer
die Seele durchdringenden Musik den Takt angeben wollte. Lux lag ein wenig
abseits im Moose und horchte halb auf das Gespräch der andern, halb in sich
hinein, wo der Nachhall der Schwüre ihres Geliebten weiterlebte, die er, sowie
sie einen Zweifel an seiner Beständigkeit oder an ihrer gemeinsamen Zukunft
merken ließ, nicht müde wurde zu wiederholen: daß die Kraft der Liebe sein
Herz und seinen Willen gehärtet habe, so daß weder Zwang noch Bitten ihn
würden biegen können, daß ihre Armut ihn beglücke, weil er, ein Bettler vor der
Fülle ihres Wesens, dadurch doch auch einmal, wenn auch nur in vergänglichen und nebensächlichen Dingen, reich sein und ihr schenken könne, daß er lieber
Fluch, Verbannung, Elend und das ewige Brennen der Hölle mit ihr teilen wolle,
als entblößt von ihrer Nähe und Liebe die schauerliche Langeweile des Lebens
ertragen. Auf einer unfaßbaren Melodie durchfluteten sie solche Worte, Minuten
wie Stunden erfüllend und verzehrend, so daß sie die Flucht der Zeit nicht
bemerkte. Auch der Alte saß selbstvergessen da, aus den verglimmenden
Äuglein auf das Kind blinzelnd und zuweilen bewußtlos in sich hineinlachend.
Das kantige Trümmerwerk starrte schwärzer aus dem weißleuchtenden, grünlich
überhauchten Himmelsgrunde, und schon sammelte sich kühle Feuchtigkeit über
dem Boden, als Lux zum Heimgehen mahnte. Sie und Brun mußten
wechselweise Lisutt auf den Armen tragen, die unvermerkt eingeschlafen war,
der alte Bernkule hingegen ging seinen steten, langsamen Schritt nach Hause
und murmelte zuweilen für sich unverständliche Dinge, wobei er ein wenig die
unsicheren Arme bewegte. Am andern Morgen fieberte er, schien aber mehr
schwach als krank zu sein, doch starb er, ohne noch einmal volles Bewußtsein
wiedererlangt zu haben, zwei Tage darauf; die Anstrengung des Spaziergangs
und die Feuchtigkeit des Abends mochten die Auflösung des Greises
beschleunigt haben.
Der Tod des alten, mehr als neunzigjährigen Mannes, den jedermann in
Klus, groß und klein, reich und arm, kannte, erregte allgemeine Teilnahme, und
viele kamen, ihn zu sehen, der mit dem langen weißen Haar und dem wallenden
Bart, in dem sich noch schwarze Haare kräuselten, erbaulich wie ein Patriarch
dalag und die Umstehenden zu schönen Betrachtungen über Leben und Sterben
veranlaßte. Die Kinder, die sich bei seinen Lebzeiten vor ihm gefürchtet hatten,
liefen neugierig herbei und brachten Blumen ohne Zahl, so daß beim Begräbnis
der kleine schwarze Sarg unter Kränzen fast verschwand. Himmel und Erde
lachten in sommerlicher Wonne, als das Trauergeleit den eingesegneten
Leichnam auf den Gottesacker führte, der, zwischen zwei Hügel eingebettet, ein
halbes Stündchen außerhalb des Dorfes lag. Dicht hinter dem Leichenwagen
ging mit flinken, fröhlichen Schritten Lisutt, weiß angetan und weiß bekränzt,
strahlend vor feierlicher Heiterkeit, da sie überzeugt war, den Großvater in das
Paradies zu führen, wo Engel und Heilige auf den Wiesen tanzten und hurtige
Affen auf immergrünen Bäumen kletterten.