Lebenslauf des heiligen Wonnebald Pück

Ricarda Huch · Kapitel 14 von 18

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Lebenslauf des heiligen Wonnebald Pück

S owie die öffentliche Anklage auf Zauberei…

S owie die öffentliche Anklage auf Zauberei gegen Lux erhoben wurde, schrieb Lando einen Brief an seinen Oheim, den Erzbischof Giselbert, und teilte

ihm die unerhörte Tatsache mit, zugleich bittend, er möge den Bischof sogleich

verwarnen, damit diese Torheit nicht weiter getrieben und die Kirche ganz und

gar lächerlich gemacht werde; worauf der Erzbischof sich behutsam bei

Wonnebald erkundigte, was an der Sache sei, und ihm auf alle Fälle riet, sich

und der Kirche keine Blöße zu geben. Obwohl er nicht verraten hatte, von wem

er seine Nachrichten habe, zweifelte der Bischof doch nicht, daß Lando dahinter

stecke, und antwortete mit Würde, der Erzbischof möge sich nicht von einem

leichtfertigen Knaben, wie sein Neffe sei, in so ernsten und schweren Dingen

beraten lassen; er wolle ihm insgeheim mitteilen, daß die beklagte Person

weiblichen Geschlechts sei und mit Lando einen weitgehenden Liebeshandel

unterhalten habe, und daß dies der Grund sei, warum er den Gang der Justiz zu

hintertreiben versuche; anstatt sich von ihm betören und ausnützen zu lassen,

solle Giselbert ihm lieber behilflich sein, den verblendeten Jüngling aus dem

Garn der Teufelin zu erretten. In diesem Schreiben leuchtete dem Erzbischof

vornehmlich das ein, was die Liebschaft seines Neffen betraf, an deren Bestand

er nicht zweifelte, und er beschloß, ihn sofort zu sich zu rufen und ihn auf andre

Gedanken zu bringen, zugleich aber über die wunderlichen Veranstaltungen des

Bischofs Kunde einzuholen. Lando hatte kaum den Befehl seines Oheims

erhalten, als seine Liebe hoch aufloderte und er bei sich schwur, allen Versuchen,

ihn den Pflichten der Treue und Ehre abwendig zu machen, Trotz zu bieten, nicht

vom Flecke zu weichen und die Geliebte im Notfall mit Aufbietung des letzten

Blutstropfens zu beschützen.

 

Indessen dachte die arme Lux nicht daran, daß ihr eine ernstliche Gefahr

drohe, vielmehr, als der Bischof im Ornat, umringt von vielen stirnrunzelnden

Männern, ihr vorhielt, daß sie, anstatt demütig ihres Amtes zu walten und die

Maulwürfe einzufangen, wie vorgeschrieben sei, durch verbotene Zauberei

dieselben vermehrt habe, sei es, um ihren Verdienst zu erhöhen, sei es, um den

Menschen zu schaden, konnte sie sich nicht enthalten zu lächeln und, obwohl es

ihr leid tat, den Ruf des verstorbenen Bernkule anzutasten, entschloß sie sich,

den Zusammenhang freimütig zu erklären. Sie schilderte deutlich und nett das

Verfahren bei Anfertigung der Schwänze, wie es ihr Schwiegervater erfunden

hatte, und gestand, daß sie auf die Ermahnung des Magistrates zu größerem

Fleiße mehr und mehr künstliche Ware eingeliefert habe, und wie dadurch der Anschein einer wunderbaren Vermehrung des Ungeziefers natürlich entstanden

sei. Als sie geredet hatte, sah sich der Bischof mit triumphierendem Lächeln im

Kreise um, welches bedeutete, daß diese freche und listige Erfindung, mit der

der Beklagte sich aus der Schlinge zu ziehen suche, ihn schlagend überführt

habe, und erklärte Lux, daß es nicht erlaubt sei, die Justizpersonen mit

gröblichen Aufschneidereien zum besten zu haben. Lux errötete und versprach,

wenn man ihr das dazu Nötige geben wolle, vor den Augen der Versammlung so

viel falsche Maulwurfschwänze man wolle herzustellen, die von echten nicht zu

unterscheiden sein sollten, allein die Herren weigerten sich, so weit auf die

schamlosen Lügen eines Bösewichtes einzugehen; denn nun waren sie

überzeugt, es mit einem verzweifelten Sünder zu tun zu haben.

 

Ohne länger auf ihre Verteidigung zu achten, wurden jetzt sämtliche

Zeugnisse zu Protokoll genommen, welche die Bauern über die Zauberei des

jungen Schermäusers aufzubringen wußten: daß man ihn öfters Holunderzweige

habe abbrechen sehen, die man freilich im allgemeinen dazu gebrauche, den

Maulwurf zu vertreiben, was aber jedenfalls auch Hexerei sei, und was nicht

unwahrscheinlich auch dem entgegengesetzten Zwecke dienen könne; daß man

ihn auch oft im Schatten von Holunderbüschen habe sitzen sehen, was von jeher

ein seltsamer Ort und Aufenthalt gewesen sei; daß man ihn den lieben langen

Tag durch Felder, Gärten und Wiesen hätte streifen sehen, Lieder trällernd, die

wohl ihre Bedeutung gehabt hätten, niemals mit dem Aufstellen der Fallen oder

andrer ehrlicher Arbeit beschäftigt; daß man ihn ferner auch nachts beim

Mondschein habe laufen sehen oder am Fenster sitzend, was als ungewöhnlich

aufgefallen sei. Daß er auch in der Erde gegraben habe, aber augenscheinlich

nicht nach Maulwürfen. Daß er der Kleinen, die er stets mit sich geführt habe,

öfters breite Blumenkränze auf den Kopf gesetzt habe. Daß man von jeher das

Blut unschuldiger Kinder zu Zaubersuppen verwendet habe, und daß man nicht

wissen könne, was er im Sinn gehabt habe. Daß man ihn an einem Teich habe

sitzen sehen, wo die Frösche gesungen hätten, und daß er überhaupt gern mit

dem Vieh umgegangen sei, auch gern in Höfen und Ställen sich aufgehalten

habe.

 

Schließlich trat der Bischof selbst als Zeuge auf und meldete, daß Lux ihm,

zweifelsohne durch Anwendung teuflischer Mittel, eine unüberwindliche

Zuneigung eingeflößt habe, wie es denn wohl jedermann bekannt gewesen sei,

daß der junge Bursch in seiner Gunst gestanden habe und mancher ihn vielleicht

zu seiner hohen Verwunderung mit dem Schermäuser habe spazieren sehen; bis

derselbe ihn habe bereden wollen, sich eines Alrauns zu bedienen, nämlich einer

goldschwitzenden Wurzel, und ihm auch Anweisung gegeben habe, wie dem Fetisch durch Verfluchung des Christengottes müsse gehuldigt werden,

vermutlich um seine Seele dem Teufel zuzuwenden, worauf ihm denn endlich

die Augen über die wahre Natur des gottlosen Menschen aufgegangen wären.

Nach eignem Geständnis hätte er seine Kenntnis solcher Zauberei aus einem

alten Buche, worin auch allerlei verschwiegene Mittel vorgestellt wären, um

unbeliebte Personen unmerklich vom Leben zum Tode zu bringen.

 

Diese Erzählung des Bischofs wirkte wohltuend und erleuchtend auf alle

die Leute, denen es noch in peinlicher Erinnerung lebte, wie lieb ihnen der junge

Geselle gewesen war, der ihnen lauter Freundlichkeit und Güte erwiesen hatte,

was sie nun nicht mehr zu verbergen brauchten, da sich ja nur seine schwarze

Kunst desto deutlicher darin offenbarte. Es wurden eine Menge Beispiele von

seiner Verzauberung der Menschen zusammengetragen: wie er den schwarzen

Tobias um die Abendzeit in seiner Hütte besucht, ihn herzlich angeblickt und

ihm Unterstützung versprochen hatte, um ihn zu trösten, weil er um seinetwillen

die Stelle als Hilfsjäger des alten Bernkule verloren habe; wie er sich häufig zur

schiefen Resi auf die Bank vor dem Hause gesetzt und ihre gichtgekrümmten

Hände gestreichelt hatte; wie er dem stelzfüßigen Klaus, der nicht Weib noch

Kind besaß, Kleider und Strümpfe geflickt und oft mit eignen Händen eine

Suppe gekocht hatte; wie er die Kinder an sich gelockt und ihnen Pfennige

geschenkt hatte; wie die Mädchen in ihn vernarrt gewesen waren, obwohl er sich

öffentlich nie um sie gekümmert hatte; wie er so sanfte Hände und vor allen

Dingen einen zärtlichen Blick gehabt habe, wodurch er die Seelen habe betören

können, wie sich nun herausstelle, um sie dem Teufel als schuldigen Tribut oder

als Lösegeld in die Krallen zu spielen. Auch jetzt flößte Lux, die bald

verwundert, bald wehmütig die Verhandlungen an sich vorübergehen ließ, ohne

viel dazu zu sagen, vielen von den Richtern ein Gefühl ein, das ihnen wie

natürliche Zuneigung erschienen wäre, wenn sie nicht durch die Bekenntnisse

der übrigen Betroffenen eitel Teufelei dahinter hätten erkennen müssen, so daß

ihr Abscheu vor dem gefährlichen Satansbuben dadurch nur vermehrt wurde.

 

Als nun auch in Zweifel gezogen wurde, ob Lux wirklich, wie sie

angegeben hatte, der Enkel des verstorbenen Bernkule sei, zeigte sich, daß sie

keine Papiere besaß, um sich auszuweisen, und ihr der Aufenthalt in Klus

seinerzeit nur auf eine mündliche Erklärung des Alten und wegen der

bischöflichen Fürsprache war gestattet worden. Es wurde für das beste gehalten,

den kleinen Brun zu befragen, der, während man Lisutt bei dem angeblichen

Bruder gelassen hatte, einem Lehrer zu vorläufiger Obhut übergeben worden war

und von diesem als ehrlicher und zuverlässiger Bursche geschildert wurde. Als

Brun sich unversehens seiner Mutter gegenübersah, ohne sich ihr nähern, geschweige denn mit ihr sprechen zu dürfen, die ihm aber ermunternd zulächelte

und zunickte, wurde er blaß, und das Weinen stieg ihm so heftig in die Kehle,

daß er es kaum verschlucken konnte. Nach einer feierlichen Ermahnung des

Bischofs, die Wahrheit zu sagen, wurde er gefragt, ob Lux sein Bruder sei,

worüber er aufs äußerste erschrak, da er wohl wußte, wie sie ihm eingeprägt

hatte, daß er sie vor den Leuten nicht Mutter nennen dürfe, und er glaubte, es

hänge ihr Glück oder ihr Leben von seinen Worten ab; aber es war ihm

unmöglich, eine Lüge auszusprechen, und mit einem herzzerreißenden Blick auf

Lux sagte er, nein, sie sei sein Bruder nicht, war aber zu weiteren Erklärungen

durch kein Zureden zu bewegen.

 

Nachdem somit das vagabundenhafte, auf Lug und Trug gebaute Dasein der

Lux nachgewiesen war, sollte auch Lisutt von ihr getrennt werden, und der

Medizinalrat übernahm es, indem er sich für einen Kinderfreund erklärte, die

Kleine an sich zu locken. Lisutt aß zwar die Süßigkeiten auf, die er ihr brachte,

als er sie aber auf den Arm nehmen wollte, schlug sie nach ihm und schimpfte

mit heller Stimme so kräftig, daß er sich eilig bekreuzte und entfernte und

berichtete, das Kind habe sich wie ein feuerspuckender Teufel gebärdet,

entweder es sei doch von einer Brut mit dem Schwarzkünstler, oder er habe es

bereits von Grund aus verhext, so daß man sie füglich beieinander lassen könne,

bis das Urteil gefällt sei.

 

Damit hatte es aber noch einige Schwierigkeiten: der Bischof nämlich war

der Ansicht, ein Zauberer müsse mit Feuer verbrannt werden, die andern

dagegen fanden, ein Scheiterhaufen passe nicht in die neuen Zeitläufte, er solle

sich mit dem Galgen begnügen, ja verschiedene wollten weder vom Brennen

noch vom Hängen etwas wissen und sagten, man hätte einzig die Sache mit dem

Kirchenraub verfolgen sollen als etwas Handfestes und allgemein

Verständliches, mit der Zauberei könnten sie viel Anfechtung und üble Nachrede

erfahren.

 

So standen die Dinge, als plötzlich ein Umschwung in der galligen Laune

des Bischofs eintrat, die zum großen Teil die Ursache war, daß er der armen Lux

einen kläglichen Tod bereiten wollte. Die Stiftsdame Hermenegilde hatte sich,

um ihre Entbindung zu erwarten, in einem kleinen, ihr gehörigen Schlößchen in

der Nähe von Klus einquartiert, das für gewöhnlich nur von einem Verwalter und

seiner Frau bewohnt wurde, und es war ihr Plan, daß das Kind bei diesen Leuten

als bei seinen Eltern aufwachsen sollte, so daß sie es, wenn sie immer Lust hätte,

besuchen und seine Erziehung beaufsichtigen könnte. Diese Vorstellung

ängstigte den Bischof über alle Maßen, doch ging er scheinbar auf alle Wünsche der reizbaren Freundin ein und verständigte sich nur insgeheim mit der alten

Dienerin, die sie begleitet hatte, indem er sie beredete, das Kind, kaum daß es

völlig auf der Welt wäre, geschwind in das nächste große Findelhaus zu tragen,

wo es denn für alle Zeit verschollen bleiben sollte. Die Sorge, ob der heikle

Auftrag sich würde ausführen lassen, verkehrte die übliche Zufriedenheit

Wonnebalds in Erbitterung, die er in dem Prozeß gegen Lux ausließ und die ihm

das Brennen auf dem Scheiterhaufen als etwas Wünschenswertes und

Notwendiges erscheinen ließ. Indessen, als er die Nachricht erhielt, daß das Kind

zwar lebendig ans Licht getreten, aber stracks in das Findelhaus verbracht wäre,

wo niemand es suchen und noch weniger finden könnte, glättete sich die Unruhe

seines Herzens und machte der ihm angeborenen Behaglichkeit Platz. Er fing an,

zärtliches Mitleiden für die unschuldig gepeinigte Lux zu empfinden, und

zugleich regte sich die vernünftige Betrachtung, daß am Ende noch ihr

Geschlecht bekannt werden würde und diese Entdeckung ihm nachträglich böse

Ausdeutungen der Gunst, die er ihr hatte angedeihen lassen, eintragen könnte.

Im stillen ärgerte er sich über den Medizinalrat, daß er ihn in eine so dornige

Sache hineingestoßen hätte, die seinem Gemüt nicht zusagte, und es dünkte ihn

in jeder Hinsicht das beste zu sein, wenn dem lieben Weibe zur Flucht verholfen

und damit der leidige Prozeß für immer begraben würde. Zu diesem Zweck

ordnete er an, daß Lux aus dem allgemeinen Untersuchungsgefängnis in einen

Turm überführt würde, der zum Umfange der Burg gehörte und der in alten

Zeiten als Luginsland sowie zur sicheren Aufbewahrung von Gefangenen war

gebraucht worden; wobei er sich des Vorwandes bediente, daß der Zauberer

vermutlich mittels schwarzer Kunst zu fliehen versuchen würde, wogegen jener

feste Zwinger das beste Bollwerk wäre. Also wurden Lux und Lisutt eines

Morgens in den Turm gebracht, in dessen pechdunkelm Innern eine

Wendeltreppe mit hohen steinernen Stufen zu einer kahlen Stube mit einem

Guckfenster nach jeder Himmelsrichtung führte.

 

Das Bewußtsein, nicht mehr im Gefängnis, sondern eigentlich im Hause des

Bischofs zu sein, an dessen Gutmütigkeit sie immer noch glaubte, vor allem das

Gefühl der Einsamkeit in der Höhe zwischen den winterlichen Lüften tat Lux

wohl; sie hob Lisutt auf ihre Schulter, ließ sie durch die vier Gucklöcher sehen,

küßte sie ungestüm und fing allerlei Spiele mit ihr zu spielen an mit mehr

Fröhlichkeit, als sie seit langem getan hatte, so daß Lisutts Jauchzen zwischen

den dicken Mauern erklang, wie wenn ein kleiner Vogel sich darin verflogen

hätte und zwitscherte. Nach einigen Stunden jedoch stellte sich Müdigkeit und

Hunger ein, und mit minderer Lust als im Anfang erzählte Lux Märchen und

Schnurren, damit das Kind nicht zu essen verlangte, bevor sie ihm etwas zu geben hätte. Dann, nachdem es gemerkt hatte, was ihm fehlte, und herzlich nach

Brot und Wasser verlangte, galt es allerlei zu ersinnen, um es zu vertrösten und

zu zerstreuen; aber zwischen dem Sprechen senkte sich dunkle, unheimliche

Furcht auf ihr Gemüt. Wenn sie nach der Treppe horchte, ob kein Schlurfen von

Schritten käme, war es drinnen still wie Stille im Grabe, die unendlich und

unabänderlich ist. Früh kam die Dämmerung und brachte wachendes Bewußtsein

der Kälte und Verlassenheit mit sich; Lisutts Tränen stürzten nun unaufhaltsam,

die sie bisher im Gefühle, wie weh sie ihrer Mutter taten, bitterlich kämpfend

hatte zurückhalten können.

 

In Lux war Staunen und Schrecken: es hätte sie nicht verwundert, wenn ein

neuer schöner Stern über dem unschuldigen Haupte ihres Kindes aufgegangen

wäre und Könige und Weise ihm Gaben gebracht und ihm gehuldigt hätten;

anstatt dessen sollte es auf nackten Steinen verhungern. Sie fühlte ihr Herz voll

der reichsten, stärksten, tapfersten Liebe, und nichts konnte sie tun, um das

vergötterte Kind vor grausamen Leiden zu retten, nicht so viel wie der Tod, der

Feind der Menschen, der es erlösen könnte, indem er es ihr entriß. Frühlingstage

und Sommertage waren gewesen, wo die Leute, wenn sie das süße Antlitz unter

Blumenkränzen hervorlachen sahen, stehen blieben und es grüßten und segneten,

wie man Leben, Sonne und Jugend segnet. Sie konnte es nicht fassen, daß jene

Tage gewesen waren und daß dieser war.

 

Mit der Dunkelheit wurde es kälter, und der Wind, der lauter und schneller

daherfuhr, blies durch die Fensterluken; es war Lux, als jagte der Tod auf

wieherndem Roß in engen, immer engeren Kreisen um den Turm, um ihr die

Seele der kleinen Lisutt zu entführen. Sie nahm das Kind, das allgemach von

Erschöpfung überwältigt war, so daß es nicht mehr weinte, und stellte sich mit

ihm an ein Fenster: da lag in kalter, heller, glorreicher Wintereinsamkeit der

Berg, den sie von ihrem Häuschen aus täglich gegenüber gesehen hatten, und

deutlich schimmerte der nackte Pfad, der sich geduldig an ihm in die Höhe

wand. »Siehst du?« flüsterte Lux, »da werden wir, wenn wir noch eine kleine

Weile still warten, zusammen in den Paradiesgarten hinter dem Berge gehn, wo

der Himmelvater wohnt und uns Milch und Honig gibt, so viel wir mögen.«

Lisutt nickte und lallte träumerisch: »Da werde ich deine Mutter sein und dich

niemals hungern und dürsten lassen.« Lux zog ihre Jacke ab, um ein notdürftiges

Bett für das Kind daraus zu machen, und sie hatte es kaum darauf gelegt, als es

in einen Schlaf fiel, der erst sehr tief war, dann rastlos und fieberisch wurde. Sie

selbst lag daneben auf dem Steinboden, zu besorgt um Lisutt, um das Nagen und

Zehren des eignen Hungers zu spüren, aber schwach, mit flackernder Seele, bald

in Träume, bald in Phantasien, bald in Betäubung hingerissen.

Sie sah Lisutt vor sich, wie sie als Säugling mit zahnlosem Mündchen

ausgesehen hatte, das begehrlich schnuppernd ihre Brust suchte, und dachte, wie

göttlich es gewesen war, sich dem geliebten Geschöpf selber zu Speise zu geben.

Dann dachte sie an die alte Resi, wie sie jetzt im Bett lag, klein, holzdürr und

holzbraun, mit traurig verrunzeltem Gesicht, eine krumme, empfindungslose

Hand, die man nicht anrühren konnte, ohne zu weinen, auf der sauberen

Bettdecke. Dann dachte sie an den hinkenden Klaus, der die weißen Stoppeln auf

dem ledernen Gesicht hatte, wie er sich mit seinem Stumpf von der einen auf die

andre Seite wälzte, ohne Schlaf zu finden, von stechenden Schmerzen und

grämlichen Gedanken gepeinigt. Dann dachte sie an Brun, seinen reinen, festen

Blick und sein unbeirrbares Herz, und was er jetzt einsam und verschwiegen um

sie leiden würde. Dann wieder dachte sie, daß alles das bald nichts mehr für sie

bedeuten würde, wenn sie mit Lisutt in jenes Tal hinübergegangen wäre, wo die

Welt jenseit aller Gedanken bliebe, und dies Bewußtsein durchdrang ihr auf

Augenblicke Leib und Seele mit Entzückung wie ein berauschender Stoff; aber

es wich sogleich einem krampfhaften Schauder und dem Gedanken, daß sie

leichten Herzens alle Himmel hingeben würde, um noch einmal Lisutt in ein

goldbraunes, knuspriges, wohlriechendes Brot beißen und essen sehen zu

können. Zwischen allen diesen hastigen Vorstellungen hörte sie den Tod, der um

den Turm herumjagte und sang: Zu mir, o Leben, zu mir komm! Lachendes,

grollendes, klagendes, ewig schönes Leben, ich liebe dich! In Purpur und Flören

und Fetzen, o Leben, liebe ich dich! Ich singe Nacht für Nacht unter deinem

Fenster und erzittre, wenn du eine Rose von deinem Haupt auf meine Brust

wirfst!