Lebenslauf des heiligen Wonnebald Pück
S owie die öffentliche Anklage auf Zauberei…
S owie die öffentliche Anklage auf Zauberei gegen Lux erhoben wurde, schrieb Lando einen Brief an seinen Oheim, den Erzbischof Giselbert, und teilte
ihm die unerhörte Tatsache mit, zugleich bittend, er möge den Bischof sogleich
verwarnen, damit diese Torheit nicht weiter getrieben und die Kirche ganz und
gar lächerlich gemacht werde; worauf der Erzbischof sich behutsam bei
Wonnebald erkundigte, was an der Sache sei, und ihm auf alle Fälle riet, sich
und der Kirche keine Blöße zu geben. Obwohl er nicht verraten hatte, von wem
er seine Nachrichten habe, zweifelte der Bischof doch nicht, daß Lando dahinter
stecke, und antwortete mit Würde, der Erzbischof möge sich nicht von einem
leichtfertigen Knaben, wie sein Neffe sei, in so ernsten und schweren Dingen
beraten lassen; er wolle ihm insgeheim mitteilen, daß die beklagte Person
weiblichen Geschlechts sei und mit Lando einen weitgehenden Liebeshandel
unterhalten habe, und daß dies der Grund sei, warum er den Gang der Justiz zu
hintertreiben versuche; anstatt sich von ihm betören und ausnützen zu lassen,
solle Giselbert ihm lieber behilflich sein, den verblendeten Jüngling aus dem
Garn der Teufelin zu erretten. In diesem Schreiben leuchtete dem Erzbischof
vornehmlich das ein, was die Liebschaft seines Neffen betraf, an deren Bestand
er nicht zweifelte, und er beschloß, ihn sofort zu sich zu rufen und ihn auf andre
Gedanken zu bringen, zugleich aber über die wunderlichen Veranstaltungen des
Bischofs Kunde einzuholen. Lando hatte kaum den Befehl seines Oheims
erhalten, als seine Liebe hoch aufloderte und er bei sich schwur, allen Versuchen,
ihn den Pflichten der Treue und Ehre abwendig zu machen, Trotz zu bieten, nicht
vom Flecke zu weichen und die Geliebte im Notfall mit Aufbietung des letzten
Blutstropfens zu beschützen.
Indessen dachte die arme Lux nicht daran, daß ihr eine ernstliche Gefahr
drohe, vielmehr, als der Bischof im Ornat, umringt von vielen stirnrunzelnden
Männern, ihr vorhielt, daß sie, anstatt demütig ihres Amtes zu walten und die
Maulwürfe einzufangen, wie vorgeschrieben sei, durch verbotene Zauberei
dieselben vermehrt habe, sei es, um ihren Verdienst zu erhöhen, sei es, um den
Menschen zu schaden, konnte sie sich nicht enthalten zu lächeln und, obwohl es
ihr leid tat, den Ruf des verstorbenen Bernkule anzutasten, entschloß sie sich,
den Zusammenhang freimütig zu erklären. Sie schilderte deutlich und nett das
Verfahren bei Anfertigung der Schwänze, wie es ihr Schwiegervater erfunden
hatte, und gestand, daß sie auf die Ermahnung des Magistrates zu größerem
Fleiße mehr und mehr künstliche Ware eingeliefert habe, und wie dadurch der Anschein einer wunderbaren Vermehrung des Ungeziefers natürlich entstanden
sei. Als sie geredet hatte, sah sich der Bischof mit triumphierendem Lächeln im
Kreise um, welches bedeutete, daß diese freche und listige Erfindung, mit der
der Beklagte sich aus der Schlinge zu ziehen suche, ihn schlagend überführt
habe, und erklärte Lux, daß es nicht erlaubt sei, die Justizpersonen mit
gröblichen Aufschneidereien zum besten zu haben. Lux errötete und versprach,
wenn man ihr das dazu Nötige geben wolle, vor den Augen der Versammlung so
viel falsche Maulwurfschwänze man wolle herzustellen, die von echten nicht zu
unterscheiden sein sollten, allein die Herren weigerten sich, so weit auf die
schamlosen Lügen eines Bösewichtes einzugehen; denn nun waren sie
überzeugt, es mit einem verzweifelten Sünder zu tun zu haben.
Ohne länger auf ihre Verteidigung zu achten, wurden jetzt sämtliche
Zeugnisse zu Protokoll genommen, welche die Bauern über die Zauberei des
jungen Schermäusers aufzubringen wußten: daß man ihn öfters Holunderzweige
habe abbrechen sehen, die man freilich im allgemeinen dazu gebrauche, den
Maulwurf zu vertreiben, was aber jedenfalls auch Hexerei sei, und was nicht
unwahrscheinlich auch dem entgegengesetzten Zwecke dienen könne; daß man
ihn auch oft im Schatten von Holunderbüschen habe sitzen sehen, was von jeher
ein seltsamer Ort und Aufenthalt gewesen sei; daß man ihn den lieben langen
Tag durch Felder, Gärten und Wiesen hätte streifen sehen, Lieder trällernd, die
wohl ihre Bedeutung gehabt hätten, niemals mit dem Aufstellen der Fallen oder
andrer ehrlicher Arbeit beschäftigt; daß man ihn ferner auch nachts beim
Mondschein habe laufen sehen oder am Fenster sitzend, was als ungewöhnlich
aufgefallen sei. Daß er auch in der Erde gegraben habe, aber augenscheinlich
nicht nach Maulwürfen. Daß er der Kleinen, die er stets mit sich geführt habe,
öfters breite Blumenkränze auf den Kopf gesetzt habe. Daß man von jeher das
Blut unschuldiger Kinder zu Zaubersuppen verwendet habe, und daß man nicht
wissen könne, was er im Sinn gehabt habe. Daß man ihn an einem Teich habe
sitzen sehen, wo die Frösche gesungen hätten, und daß er überhaupt gern mit
dem Vieh umgegangen sei, auch gern in Höfen und Ställen sich aufgehalten
habe.
Schließlich trat der Bischof selbst als Zeuge auf und meldete, daß Lux ihm,
zweifelsohne durch Anwendung teuflischer Mittel, eine unüberwindliche
Zuneigung eingeflößt habe, wie es denn wohl jedermann bekannt gewesen sei,
daß der junge Bursch in seiner Gunst gestanden habe und mancher ihn vielleicht
zu seiner hohen Verwunderung mit dem Schermäuser habe spazieren sehen; bis
derselbe ihn habe bereden wollen, sich eines Alrauns zu bedienen, nämlich einer
goldschwitzenden Wurzel, und ihm auch Anweisung gegeben habe, wie dem Fetisch durch Verfluchung des Christengottes müsse gehuldigt werden,
vermutlich um seine Seele dem Teufel zuzuwenden, worauf ihm denn endlich
die Augen über die wahre Natur des gottlosen Menschen aufgegangen wären.
Nach eignem Geständnis hätte er seine Kenntnis solcher Zauberei aus einem
alten Buche, worin auch allerlei verschwiegene Mittel vorgestellt wären, um
unbeliebte Personen unmerklich vom Leben zum Tode zu bringen.
Diese Erzählung des Bischofs wirkte wohltuend und erleuchtend auf alle
die Leute, denen es noch in peinlicher Erinnerung lebte, wie lieb ihnen der junge
Geselle gewesen war, der ihnen lauter Freundlichkeit und Güte erwiesen hatte,
was sie nun nicht mehr zu verbergen brauchten, da sich ja nur seine schwarze
Kunst desto deutlicher darin offenbarte. Es wurden eine Menge Beispiele von
seiner Verzauberung der Menschen zusammengetragen: wie er den schwarzen
Tobias um die Abendzeit in seiner Hütte besucht, ihn herzlich angeblickt und
ihm Unterstützung versprochen hatte, um ihn zu trösten, weil er um seinetwillen
die Stelle als Hilfsjäger des alten Bernkule verloren habe; wie er sich häufig zur
schiefen Resi auf die Bank vor dem Hause gesetzt und ihre gichtgekrümmten
Hände gestreichelt hatte; wie er dem stelzfüßigen Klaus, der nicht Weib noch
Kind besaß, Kleider und Strümpfe geflickt und oft mit eignen Händen eine
Suppe gekocht hatte; wie er die Kinder an sich gelockt und ihnen Pfennige
geschenkt hatte; wie die Mädchen in ihn vernarrt gewesen waren, obwohl er sich
öffentlich nie um sie gekümmert hatte; wie er so sanfte Hände und vor allen
Dingen einen zärtlichen Blick gehabt habe, wodurch er die Seelen habe betören
können, wie sich nun herausstelle, um sie dem Teufel als schuldigen Tribut oder
als Lösegeld in die Krallen zu spielen. Auch jetzt flößte Lux, die bald
verwundert, bald wehmütig die Verhandlungen an sich vorübergehen ließ, ohne
viel dazu zu sagen, vielen von den Richtern ein Gefühl ein, das ihnen wie
natürliche Zuneigung erschienen wäre, wenn sie nicht durch die Bekenntnisse
der übrigen Betroffenen eitel Teufelei dahinter hätten erkennen müssen, so daß
ihr Abscheu vor dem gefährlichen Satansbuben dadurch nur vermehrt wurde.
Als nun auch in Zweifel gezogen wurde, ob Lux wirklich, wie sie
angegeben hatte, der Enkel des verstorbenen Bernkule sei, zeigte sich, daß sie
keine Papiere besaß, um sich auszuweisen, und ihr der Aufenthalt in Klus
seinerzeit nur auf eine mündliche Erklärung des Alten und wegen der
bischöflichen Fürsprache war gestattet worden. Es wurde für das beste gehalten,
den kleinen Brun zu befragen, der, während man Lisutt bei dem angeblichen
Bruder gelassen hatte, einem Lehrer zu vorläufiger Obhut übergeben worden war
und von diesem als ehrlicher und zuverlässiger Bursche geschildert wurde. Als
Brun sich unversehens seiner Mutter gegenübersah, ohne sich ihr nähern, geschweige denn mit ihr sprechen zu dürfen, die ihm aber ermunternd zulächelte
und zunickte, wurde er blaß, und das Weinen stieg ihm so heftig in die Kehle,
daß er es kaum verschlucken konnte. Nach einer feierlichen Ermahnung des
Bischofs, die Wahrheit zu sagen, wurde er gefragt, ob Lux sein Bruder sei,
worüber er aufs äußerste erschrak, da er wohl wußte, wie sie ihm eingeprägt
hatte, daß er sie vor den Leuten nicht Mutter nennen dürfe, und er glaubte, es
hänge ihr Glück oder ihr Leben von seinen Worten ab; aber es war ihm
unmöglich, eine Lüge auszusprechen, und mit einem herzzerreißenden Blick auf
Lux sagte er, nein, sie sei sein Bruder nicht, war aber zu weiteren Erklärungen
durch kein Zureden zu bewegen.
Nachdem somit das vagabundenhafte, auf Lug und Trug gebaute Dasein der
Lux nachgewiesen war, sollte auch Lisutt von ihr getrennt werden, und der
Medizinalrat übernahm es, indem er sich für einen Kinderfreund erklärte, die
Kleine an sich zu locken. Lisutt aß zwar die Süßigkeiten auf, die er ihr brachte,
als er sie aber auf den Arm nehmen wollte, schlug sie nach ihm und schimpfte
mit heller Stimme so kräftig, daß er sich eilig bekreuzte und entfernte und
berichtete, das Kind habe sich wie ein feuerspuckender Teufel gebärdet,
entweder es sei doch von einer Brut mit dem Schwarzkünstler, oder er habe es
bereits von Grund aus verhext, so daß man sie füglich beieinander lassen könne,
bis das Urteil gefällt sei.
Damit hatte es aber noch einige Schwierigkeiten: der Bischof nämlich war
der Ansicht, ein Zauberer müsse mit Feuer verbrannt werden, die andern
dagegen fanden, ein Scheiterhaufen passe nicht in die neuen Zeitläufte, er solle
sich mit dem Galgen begnügen, ja verschiedene wollten weder vom Brennen
noch vom Hängen etwas wissen und sagten, man hätte einzig die Sache mit dem
Kirchenraub verfolgen sollen als etwas Handfestes und allgemein
Verständliches, mit der Zauberei könnten sie viel Anfechtung und üble Nachrede
erfahren.
So standen die Dinge, als plötzlich ein Umschwung in der galligen Laune
des Bischofs eintrat, die zum großen Teil die Ursache war, daß er der armen Lux
einen kläglichen Tod bereiten wollte. Die Stiftsdame Hermenegilde hatte sich,
um ihre Entbindung zu erwarten, in einem kleinen, ihr gehörigen Schlößchen in
der Nähe von Klus einquartiert, das für gewöhnlich nur von einem Verwalter und
seiner Frau bewohnt wurde, und es war ihr Plan, daß das Kind bei diesen Leuten
als bei seinen Eltern aufwachsen sollte, so daß sie es, wenn sie immer Lust hätte,
besuchen und seine Erziehung beaufsichtigen könnte. Diese Vorstellung
ängstigte den Bischof über alle Maßen, doch ging er scheinbar auf alle Wünsche der reizbaren Freundin ein und verständigte sich nur insgeheim mit der alten
Dienerin, die sie begleitet hatte, indem er sie beredete, das Kind, kaum daß es
völlig auf der Welt wäre, geschwind in das nächste große Findelhaus zu tragen,
wo es denn für alle Zeit verschollen bleiben sollte. Die Sorge, ob der heikle
Auftrag sich würde ausführen lassen, verkehrte die übliche Zufriedenheit
Wonnebalds in Erbitterung, die er in dem Prozeß gegen Lux ausließ und die ihm
das Brennen auf dem Scheiterhaufen als etwas Wünschenswertes und
Notwendiges erscheinen ließ. Indessen, als er die Nachricht erhielt, daß das Kind
zwar lebendig ans Licht getreten, aber stracks in das Findelhaus verbracht wäre,
wo niemand es suchen und noch weniger finden könnte, glättete sich die Unruhe
seines Herzens und machte der ihm angeborenen Behaglichkeit Platz. Er fing an,
zärtliches Mitleiden für die unschuldig gepeinigte Lux zu empfinden, und
zugleich regte sich die vernünftige Betrachtung, daß am Ende noch ihr
Geschlecht bekannt werden würde und diese Entdeckung ihm nachträglich böse
Ausdeutungen der Gunst, die er ihr hatte angedeihen lassen, eintragen könnte.
Im stillen ärgerte er sich über den Medizinalrat, daß er ihn in eine so dornige
Sache hineingestoßen hätte, die seinem Gemüt nicht zusagte, und es dünkte ihn
in jeder Hinsicht das beste zu sein, wenn dem lieben Weibe zur Flucht verholfen
und damit der leidige Prozeß für immer begraben würde. Zu diesem Zweck
ordnete er an, daß Lux aus dem allgemeinen Untersuchungsgefängnis in einen
Turm überführt würde, der zum Umfange der Burg gehörte und der in alten
Zeiten als Luginsland sowie zur sicheren Aufbewahrung von Gefangenen war
gebraucht worden; wobei er sich des Vorwandes bediente, daß der Zauberer
vermutlich mittels schwarzer Kunst zu fliehen versuchen würde, wogegen jener
feste Zwinger das beste Bollwerk wäre. Also wurden Lux und Lisutt eines
Morgens in den Turm gebracht, in dessen pechdunkelm Innern eine
Wendeltreppe mit hohen steinernen Stufen zu einer kahlen Stube mit einem
Guckfenster nach jeder Himmelsrichtung führte.
Das Bewußtsein, nicht mehr im Gefängnis, sondern eigentlich im Hause des
Bischofs zu sein, an dessen Gutmütigkeit sie immer noch glaubte, vor allem das
Gefühl der Einsamkeit in der Höhe zwischen den winterlichen Lüften tat Lux
wohl; sie hob Lisutt auf ihre Schulter, ließ sie durch die vier Gucklöcher sehen,
küßte sie ungestüm und fing allerlei Spiele mit ihr zu spielen an mit mehr
Fröhlichkeit, als sie seit langem getan hatte, so daß Lisutts Jauchzen zwischen
den dicken Mauern erklang, wie wenn ein kleiner Vogel sich darin verflogen
hätte und zwitscherte. Nach einigen Stunden jedoch stellte sich Müdigkeit und
Hunger ein, und mit minderer Lust als im Anfang erzählte Lux Märchen und
Schnurren, damit das Kind nicht zu essen verlangte, bevor sie ihm etwas zu geben hätte. Dann, nachdem es gemerkt hatte, was ihm fehlte, und herzlich nach
Brot und Wasser verlangte, galt es allerlei zu ersinnen, um es zu vertrösten und
zu zerstreuen; aber zwischen dem Sprechen senkte sich dunkle, unheimliche
Furcht auf ihr Gemüt. Wenn sie nach der Treppe horchte, ob kein Schlurfen von
Schritten käme, war es drinnen still wie Stille im Grabe, die unendlich und
unabänderlich ist. Früh kam die Dämmerung und brachte wachendes Bewußtsein
der Kälte und Verlassenheit mit sich; Lisutts Tränen stürzten nun unaufhaltsam,
die sie bisher im Gefühle, wie weh sie ihrer Mutter taten, bitterlich kämpfend
hatte zurückhalten können.
In Lux war Staunen und Schrecken: es hätte sie nicht verwundert, wenn ein
neuer schöner Stern über dem unschuldigen Haupte ihres Kindes aufgegangen
wäre und Könige und Weise ihm Gaben gebracht und ihm gehuldigt hätten;
anstatt dessen sollte es auf nackten Steinen verhungern. Sie fühlte ihr Herz voll
der reichsten, stärksten, tapfersten Liebe, und nichts konnte sie tun, um das
vergötterte Kind vor grausamen Leiden zu retten, nicht so viel wie der Tod, der
Feind der Menschen, der es erlösen könnte, indem er es ihr entriß. Frühlingstage
und Sommertage waren gewesen, wo die Leute, wenn sie das süße Antlitz unter
Blumenkränzen hervorlachen sahen, stehen blieben und es grüßten und segneten,
wie man Leben, Sonne und Jugend segnet. Sie konnte es nicht fassen, daß jene
Tage gewesen waren und daß dieser war.
Mit der Dunkelheit wurde es kälter, und der Wind, der lauter und schneller
daherfuhr, blies durch die Fensterluken; es war Lux, als jagte der Tod auf
wieherndem Roß in engen, immer engeren Kreisen um den Turm, um ihr die
Seele der kleinen Lisutt zu entführen. Sie nahm das Kind, das allgemach von
Erschöpfung überwältigt war, so daß es nicht mehr weinte, und stellte sich mit
ihm an ein Fenster: da lag in kalter, heller, glorreicher Wintereinsamkeit der
Berg, den sie von ihrem Häuschen aus täglich gegenüber gesehen hatten, und
deutlich schimmerte der nackte Pfad, der sich geduldig an ihm in die Höhe
wand. »Siehst du?« flüsterte Lux, »da werden wir, wenn wir noch eine kleine
Weile still warten, zusammen in den Paradiesgarten hinter dem Berge gehn, wo
der Himmelvater wohnt und uns Milch und Honig gibt, so viel wir mögen.«
Lisutt nickte und lallte träumerisch: »Da werde ich deine Mutter sein und dich
niemals hungern und dürsten lassen.« Lux zog ihre Jacke ab, um ein notdürftiges
Bett für das Kind daraus zu machen, und sie hatte es kaum darauf gelegt, als es
in einen Schlaf fiel, der erst sehr tief war, dann rastlos und fieberisch wurde. Sie
selbst lag daneben auf dem Steinboden, zu besorgt um Lisutt, um das Nagen und
Zehren des eignen Hungers zu spüren, aber schwach, mit flackernder Seele, bald
in Träume, bald in Phantasien, bald in Betäubung hingerissen.
Sie sah Lisutt vor sich, wie sie als Säugling mit zahnlosem Mündchen
ausgesehen hatte, das begehrlich schnuppernd ihre Brust suchte, und dachte, wie
göttlich es gewesen war, sich dem geliebten Geschöpf selber zu Speise zu geben.
Dann dachte sie an die alte Resi, wie sie jetzt im Bett lag, klein, holzdürr und
holzbraun, mit traurig verrunzeltem Gesicht, eine krumme, empfindungslose
Hand, die man nicht anrühren konnte, ohne zu weinen, auf der sauberen
Bettdecke. Dann dachte sie an den hinkenden Klaus, der die weißen Stoppeln auf
dem ledernen Gesicht hatte, wie er sich mit seinem Stumpf von der einen auf die
andre Seite wälzte, ohne Schlaf zu finden, von stechenden Schmerzen und
grämlichen Gedanken gepeinigt. Dann dachte sie an Brun, seinen reinen, festen
Blick und sein unbeirrbares Herz, und was er jetzt einsam und verschwiegen um
sie leiden würde. Dann wieder dachte sie, daß alles das bald nichts mehr für sie
bedeuten würde, wenn sie mit Lisutt in jenes Tal hinübergegangen wäre, wo die
Welt jenseit aller Gedanken bliebe, und dies Bewußtsein durchdrang ihr auf
Augenblicke Leib und Seele mit Entzückung wie ein berauschender Stoff; aber
es wich sogleich einem krampfhaften Schauder und dem Gedanken, daß sie
leichten Herzens alle Himmel hingeben würde, um noch einmal Lisutt in ein
goldbraunes, knuspriges, wohlriechendes Brot beißen und essen sehen zu
können. Zwischen allen diesen hastigen Vorstellungen hörte sie den Tod, der um
den Turm herumjagte und sang: Zu mir, o Leben, zu mir komm! Lachendes,
grollendes, klagendes, ewig schönes Leben, ich liebe dich! In Purpur und Flören
und Fetzen, o Leben, liebe ich dich! Ich singe Nacht für Nacht unter deinem
Fenster und erzittre, wenn du eine Rose von deinem Haupt auf meine Brust
wirfst!