Unter Palmen und Buchen: Zweiter Band
Das Klima der Tropen.
Daß es in jenen Ländern, welche innerhalb der heißen Zone liegen und die wir
kurzweg »die Tropen« nennen, auch sehr heiß sein muß, gilt als eine völlig
feststehende Thatsache, und man hört gar nicht etwa so selten, daß Leute an
einem recht warmen Sommertag bei uns die armen Menschen bemitleiden, die
»bei d e r Hitze« auch noch unter dem Aequator sitzen müssen. Zehn gegen eins
läßt sich aber wetten, daß in sehr vielen heißen Ländern jene armen
bemitleideten Menschen in der nämlichen Zeit sich viel kühler und behaglicher
befinden, als wir selber.
Es giebt allerdings Landstriche, wo die Hitze außerordentlich drückend sein und
durch verschiedene Umstände noch vermehrt werden kann. So z. B. in den
afrikanischen, asiatischen und auch australischen Wüsten, wo der trockene Sand
den ganzen Tag über von der Sonne gebrannt wird und noch lange nach
Sonnenuntergang die eingesogene Brutwärme wieder aushaucht. Weit anders
dagegen ist es in allen übrigen Tropenländern der Erde.
Vor allen Dingen dürfen wir annehmen, daß es dort — so sonderbar das auch
klingen mag — doch in der That nie heißer wird, als es bei uns an recht heißen
Sommertagen ebenfalls werden kann, keinenfalls heißer. Ich weiß mich nicht zu
erinnern, daß ich in irgend einem Lande der Welt — und selbst das nur an
einzelnen sehr heißen Tagen — mehr als neunundzwanzig und einen halben oder
dreißig Grad Réaumur im Schatten gehabt habe, und das blos in Afrika; in
Indien dagegen, in Australien, in der Südsee und in allen Tropenländern
Amerika's habe ich nie mehr als achtundzwanzig und einen halben bis
neunundzwanzig Grad im Schatten erlebt, und glaube auch nicht, daß es je dort
heißer wird.
Was diesen Ländern den Namen der h e i ß e n giebt, ist also nicht die g r ö ß e r e
Hitze, sondern die das ganze Jahr ununterbrochen währende, aber dafür hat man
dort wieder andere Vortheile, welche die Hitze lange nicht so empfinden lassen,
wie sie bei uns empfunden wird.
Wir in Europa sind nämlich nur auf ein k a l t e s Klima eingerichtet, und
erwischt uns einmal hier eine so heiße Zeit, wie im letzten Sommer, so haben wir
keinen Schlupfwinkel, wohin wir flüchten können, und meinen gleich, daß wir
schmelzen müßten. In den heißen Ländern dagegen ist man vollständig darauf
vorbereitet. Die Häuser sind danach gebaut mit hohen, luftigen Zimmern, durch welche die Luft überall frei aus und ein kann, ohne durch enge Fensterhöhlen
einen schädlichen Zug zu erregen; Badehäuser stehen überall, die Kleidung ist
ebenfalls dem Klima angemessen und alle Beschäftigungen und Arbeiten sind so
eingetheilt, daß sich besonders die Europäer den Sonnenstrahlen nie in den
heißesten Tagesstunden aussetzen.
Ein anderer Vortheil, den man dort hat, liegt in den kurzen Tagen. In den Tropen
geht die Sonne, mit geringem Unterschied, durch das ganze Jahr jeden Tag um
sechs Uhr auf und um sechs Uhr unter. Bei uns, wo sie sich in den längsten
Tagen schon gleich nach drei Uhr Morgens zeigt, erhitzt sie um sieben Uhr
schon den Boden mehr, als dort um neun Uhr; auch hat sie dort um vier Uhr
Abends schon wieder ihre Kraft verloren. Noch angenehmer aber ist das Klima,
z. B. in Indien, in der Regenzeit, wo fast jeden Nachmittag um drei Uhr ein
kleiner Wolkenbruch, den die Leute dort scherzhaft Regen nennen, vom Himmel
herunterfällt und die Erde kühlt und erfrischt. Die Abende in dieser Jahreszeit
sind dann wahrhaft wundervoll und von drückender Hitze von der Zeit an keine
Rede mehr. Aber trotzdem, daß die Hitze dort eigentlich nie lästig wird,
erschlafft sie doch mit den Jahren den Körper, denn nicht allein die k a l t e n
N ä c h t e fehlen, sondern überhaupt der W i n t e r, in dem sich Menschen wie
Pflanzen wieder ausruhen und frische Kräfte sammeln können. Es ist mit einem
Wort nicht h e i ß e r dort, als bei uns im Sommer, ja die Hitze wird dort in
einzelnen Fällen vielleicht nicht einmal als so drückend verspürt, aber es ist
e w i g Sommer und das reibt zuletzt die stärkste und kräftigste Constitution auf.
Aber nicht alle Tropenländer sind etwa so heiß; an der Westküste von Amerika z.
B. kennt man, selbst unter den niedrigsten Breiten, eine andauernde Hitze nur an
wenigen Stellen. Die Ursache davon erklärt ein Blick auf die Karte — das
niedere Land ist dort zu schmal und im Osten von den schneebedeckten
Cordilleren begrenzt, im Westen vom Meer bespühlt und den Seewinden offen,
darum kann es da nie sehr heiß werden, wenigstens hat man immer kühle
Nächte.
Es ist eine sonderbare Thatsache, daß ein ganz bedeutender Handel, gerade von
Deutschland aus, nach Peru mit den allerschwersten und dicksten Tuchen
getrieben wird, und nicht etwa für das innere, hochgelegene Land werden diese
allein verwandt, sondern selbst in dem an der Küste und im flachen Lande
liegenden Lima (12 Grad südl. Breite) getragen. Sowie aber die Sonne im Meere
versinkt und die Luft von den Schneeriesen der Cordilleren herüberweht, wird es
auch ordentlich frisch an der Küste, und man kann einen warmen Rock recht gut
vertragen. Selbst unter dem Aequator sind die Nächte frisch und angenehm, und
da über den ungeheuern Waldungen von Ecuador und Neu-Granada der Himmel fast stets bedeckt ist, die Sonne also auch nie ordentliche Kraft gewinnt, so steigt
die Hitze dort über Tag selten höher als 26° — nie aber über 28 — und selbst das
nur auf wenige Stunden.
Die Linie des ewigen Schnees wird in den Tropen auf 16,000 Fuß gerechnet und
fällt, jemehr sie sich der kalten Zone nähert, bis sie etwa unter 80° nördlicher
wie südlicher Breite die Meeresfläche erreicht. Ganz genau trifft das aber auf die
Grade nicht zu. Besonders in den Cordilleren Südamerikas liegt die Schneelinie
unter 15-17° südl. Breite fast höher oder wenigstens eben so hoch, wie unter der
Linie selber. Die Ursache davon sind eine Masse kalter Hochebenen in der
Nachbarschaft und eine große Menge schneebedeckter Berge, welche näher zum
Aequator liegen und dadurch die Luft unnatürlich kälter machen, als es unter
gewöhnlichen Umständen der Fall sein dürfte.
Als ein Beispiel, in wie großer Höhe unter den Tropen noch Menschen wohnen
können, während in Europa, z. B. in der Schweiz, die Gletscher an manchen
Stellen bis zu 5000 Fuß und tiefer herabreichen, mag die Stadt Cerro de Pasco in
Peru dienen. Cerro de Pasco, eine Stadt, die in den Cordilleren unmittelbar an
den reichen Silberminen jener Berge entstand, liegt etwa unter 11° südl. Breite,
aber 14,500 Fuß hoch über der Meeresfläche — also noch etwas unter der Linie
des ewigen Schnees — aber es fällt dort schon ewiger Schnee, wenn er auch
nicht immer liegen bleibt, denn fast kein Tag vergeht im ganzen Jahr, an dem es
nicht ein wenig schneit. Nur ein dürftiges Gras wächst dort an den Bergen, das
immer gelb aussieht, weil die Spitzen stets erfroren sind. Das Futter für die
Lastthiere müssen diese selber aus den tiefer gelegenen Thälern heraufholen —
Bohnen und Hülsenfrüchte sind dort tropische Gewächse und werden eingeführt,
mit ihnen aber auch Ananas und Bananen, denn die Thiere brauchen nur ein Paar
Meilen weiter hinabgeschickt zu werden, um die Region des Zuckerrohrs zu
erreichen.
Der Aufenthalt in solcher Höhe ist aber trotzdem nicht unerträglich, wenn auch
der Neuankömmling im Anfang viel an Kopfschmerzen zu leiden hat und
besonders lange einen leisen Druck auf den Schläfen fühlt. Man gewöhnt sich
zuletzt daran, und der Beweis liegt schon darin, daß die Stadt Cerro de Pasco
nahe an 14,000 Einwohner zählt. Nur sehr viel kleine Kinder sollen dort sterben,
und wie ich hörte, vergeht kein Tag, an dem nicht wenigstens eine Kinderleiche
beerdigt wird. Cerro de Pasco ist, soviel ich weiß, die höchstgelegene Stadt der
ganzen Erde.