Unter Palmen und Buchen: Zweiter Band

Friedrich Gerstäcker · Kapitel 11 von 18

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Unter Palmen und Buchen: Zweiter Band

Zweites Capitel. Ein Besuch beim Alkalden.

fleißig bin. Also mit Gott, José — aber ich komme noch einmal zu Dir zurück,

und bringe Dir dann auch ein paar Cocosnüsse zum Trinken mit. Die Señora

Bastiano hat deren viele in ihrem Garten, und erlaubt mir schon ein paar zu

pflücken.«

»Mein liebes, liebes Herz.«

»Hab' guten Muth,« lachte da das Mädchen, die den Geliebten nicht wollte

merken lassen, wie weh ihr selber um's Herz war, »bald bring' ich Hülfe und

dann brauchen wir uns nicht mehr zu trennen — Lebe wohl José« — und mit

beiden Armen sich kraftvoll an dem Gitter emporhebend, brachte sie ihren Mund

über die unterste Eisenstange, drückte einen Kuß auf seine Lippen, und lief dann

flüchtigen Schrittes durch die Straßen hinab.

 

Z w e i t e s C a p i t e l .

 

Ein Besuch beim Alkalden.

 

In einer der Hauptstraßen der kleinen Stadt, und in einem, ebenfalls auf Pfählen

gebauten Eckhaus, lebte und schneiderte Meister Rigoli mit drei Lehrjungen, die

er sich, wie er meinte, nur angenommen hatte, um seinen täglichen Aerger nicht

zu vermissen, denn alle Arbeit mußte er doch selber thun — und that sie auch

wirklich, weil ihm Niemand — weder in der Politik noch in der Schneiderei —

etwas recht machen konnte.

Rigoli war aber trotzdem von Herzen ein seelensguter Mensch, der nie

Jemandem wissentlich ein Unrecht gethan hätte, aber auch eben so wenig ein

Unrecht an anderen Menschen leiden konnte. Ein so bescheidenes Metier er

dabei trieb, so fürchtete ihn selber der Alkalde, denn er hatte — was man so im

gewöhnlichen Leben zu nennen pflegt — Haare auf den Zähnen, und war dabei

viel gescheuter und belesener als der Alkalde selber — wozu allerdings nicht

viel gehörte.

In dieser Tageszeit schienen aber auch s e i n e geistigen Kräfte erschöpft zu sein,

denn inmitten seiner Lehrlinge, die Nadel in der Hand, ein neu zugeschnittenes

Kleidungsstück vor sich auf den Knien, war er eingenickt, und als Eva

geräuschlosen Schrittes die zu seiner Werkstätte aufführende Leiter hinanstieg

und dabei ihr schüchternes »Av e M a r i a« murmelte, um ihre Gegenwart

bemerkbar zu machen, hörte sie dasselbe von keiner Seele beantwortet — denn

die Jungen schliefen ebenfalls.

Sie blieb einen Augenblick auf der Leiter stehen, und während sie sich mit den

nackten, vollen Armen auf die niedere Schwelle stützte, von wo aus sie den

ganzen inneren Raum mit den Augen überfliegen konnte, zuckte ein leichtes

Lächeln über ihre wirklich schönen Züge. Aber es war auch nur ein Moment,

denn rasch kam wieder das Gefühl ihrer eigenen, unglücklichen Lage über sie,

und daß sie keine Zeit versäumen dürfte, wenn sie den Geliebten wirklich retten

wollte.

Mit lauter Stimme wiederholte sie deshalb ihr meldendes »Av e M a r i a ,« das der

kleine Rigoli aber, noch halb im Schlaf, mit einem sehr profanen »Caracho,

Señor, t r e s v a r a s — n o e s p o s s i b l e —« beantwortete.

Durch seine eigenen, laut herausgestoßenen Worte erwachte er indeß

vollkommen, und sich im ersten Augenblick erstaunt umsehend, — er begriff

augenscheinlich nicht gleich was mit ihm vorgegangen — überzeugten ihn die

schlafenden Lehrlinge an seiner Seite doch rasch genug von dem Thatbestand.

Er machte sich selber und einen neben ihm sitzenden dicken und entsetzlich

schwitzenden Mulattenjungen auch rasch dadurch munter, daß er diesem eine

derbe Ohrfeige steckte, die ihn blitzschnell auf die Füße brachte. Die Anderen

erwachten dadurch ebenfalls und griffen rasch und mechanisch nach ihrer

fallengelassenen Arbeit, während der Meister kopfschüttelnd sagte:

»Ob das faule Volk nicht jede Gelegenheit benutzt! Caramba, Señores, ich werde

Euch auf den Pelz kommen, wenn Ihr mir nicht besser aufpaßt! — He meine

kleine Eva — e n t r a, Schatz, e n t r a. — Was bringst D u mir? ist der Wollkopf,

Señor Bastiano, wieder nicht mit seinem Rock zufrieden?«

»Ach Señor,« sagte das junge Mädchen, indem sie der Aufforderung Folge

leistete und die letzten Stufen der Leiter emporstieg, neben der sie sich dann am

Boden niederkauerte — »mit einer Bitte für mich selber komm ich diesmal.«

»Mit einer Bitte, Schatz? — nun laß hören.«

»Daß Ihr mir auf zwei Tage den Bruder borgen möget, um ein Canoe nach

Cachavi hinauf zu rudern.«

»Ihr Beiden? — aber wozu? was wollt ihr denn oben?« frug Rigoli

kopfschüttelnd.

Eva schwieg einen Augenblick und sah still und ängstlich vor sich nieder.

Endlich faßte sie sich ein Herz und erst mit leiser, dann immer festerer Stimme

erzählte sie dem kleinen gutmüthigen Italiener ihre einfache Leidensgeschichte.

Das Schicksal des Geliebten, den jener Francosche Offizier — trotzdem daß die

Gesetze die Sclaverei verböten, als Sclave halte, und hier in das Gefängniß

geworfen habe, weil er nur auf wenige Tage nach Cachavi hinauf gewollt, wo er

sie selber zu finden geglaubt. Jetzt aber gedenke der Weiße den armen José wieder mit fort von hier zu nehmen, Gott nur wisse wohin, daß sie ihn vielleicht

nie im Leben wieder zu sehen bekomme, und sie selber wolle jetzt nach Cachavi

hinauf, um von dort ihr mühsam gespartes und bei dem Alkalden hinterlegtes

Geld zu holen und den Geliebten frei zu kaufen.

Der kleine Rigoli hatte der Erzählung aufmerksam zugehört, und im Anfang

wohl seine Arbeit wieder dabei aufgenommen und weiter genäht, aber je mehr er

sich in die Sache hinein dachte, desto empörter wurde er, und die neben ihm

liegende Scheere aufgreifend rief er, als Eva geendet:

»Da haben wir die Geschichte, und dieser Lump von Alkalden wagt es, mir von

Freiheit und Gesetzlichkeit zu reden; Sclaverei, wie sie im Buche steht —

Unterdrückung des Volkes, Mißbrauch der Amtsgewalt, ungerechtfertigte

Einkerkerung, Veräußerung der Menschenrechte — aber ich weiß weshalb. Eben

dieser selbe Señor Cerro, der hier mit seinem gelben, nichtswürdigen Gesicht

herumläuft und sich einen Francoschen Offizier nennt, hat diesem hergeregneten

Alkalden die Stelle verschafft, und jetzt hocken sie mitsammen unter einer

Decke — der Padre nicht ausgenommen, und glauben, s i e können die Herren

und Meister hier im Lande spielen. Da wollen wir aber einen Riegel

vorschieben,« fuhr er fort, indem er von seinem Sitz aufsprang, und sich den

etwas heruntergerutschten Hosenbund wieder in die Höhe zog. »Dieser kleine

blutgierige Wütherich, dieser Franco, hat u n s hier oben Nichts zu befehlen,

sonst wäre er längst mit seinen Soldaten hierher gekommen und gegen Quito

marschirt, und dasselbe Recht, was d e r hat, Präsident zu sein, habe ich auch,

wenn ich auch nicht schwarz bin und Haare statt Wolle auf dem Kopfe habe. —

Und jetzt komm einmal, Eva — jetzt wollen wir dieser obersten Gerichtsbarkeit

einmal einen Besuch abstatten, daß ihr die Augen übergehen sollen.«

Und damit hatte er seine Toilette beendet, stülpte sich seinen kleinen Panamahut

auf und schritt der Leiter zu.

Das arme Negermädchen war eine bestürzte Zuhörerin des Ganzen gewesen,

denn wenn sie auch die einzelnen Ausdrücke und deren Sinn nicht verstand,

begriff sie doch so viel, daß der kleine Schneidermeister ihrer obersten

Gerichtsbehörde zu Leibe wollte, und daß sie dabei Zeuge sein sollte. Wenn d e r

Mann aber, der die Macht hatte, ihren Geliebten in's Gefängniß zu werfen, böse

gemacht wurde, welches furchtbare Unglück konnte er über sie Alle verfügen,

und mit zitternder Stimme bat sie:

»Oh Señor, macht den Herrn Alkalden nicht böse, oder er sperrt uns Alle mit

einander ein, und dann hat José Niemanden in der Welt mehr, der ihm helfen

kann.«

»M i c h einsperren?« lachte aber jetzt Meister Rigoli bei dem Gedanken laut auf — »m i c h, den einzigen Schneider, den sie in der ganzen Stadt haben? — Das

Mädchen ist himmlisch! — Nein, mein Schatz, da hab' keine Furcht. So viel

Verstand hat unser Alkalde denn doch noch — wenn ich auch nicht für m e h r

einstehen möchte, und daß er D i r Nichts thut, das laß meine Sorge sein. Und

jetzt komm, arbeiten kann ich doch nichts mehr mit den Gedanken um das

allgemeine Wohl im Kopf, und nun wollen wir einmal sehen — und wo ich

E u c h Schlingel wieder schlafend finde, wenn ich zurück komme, statuire ich

ein Exempel an Euch — ob wir die oberste Gerichtsbehörde nicht überzeugen

können, daß wir in einer Republik leben, und freie Bürger sind — komm.«

Und ohne ihr weiter Zeit zu einem Einwand zu lassen, kletterte er voran die

Leiter hinunter und schritt dann, von dem zitternden Mädchen dicht gefolgt, die

Straße hinauf, der Wohnung des Alkalden zu.

Es war allerdings jetzt k e i n e Besuchszeit in den Tropen, und der würdige

Friedensrichter denn auch noch mitten in seiner Siesta, welche er in der, nach

dortiger Landessitte kurz geschlungenen Hängematte halb sitzend, halb liegend

verträumte. Rigoli schien aber nicht gesonnen, sich bei Kleinigkeiten und leeren

Ceremonialformen aufzuhalten. Den Neger, der ihm unten den Aufgang

verweigern wollte, schob er einfach bei Seite und hatte denn auch die

Genugthuung, ihr gesetzliches Oberhaupt bald völlig erwacht, wenn auch nicht

eben sehr erfreut, in der Hängematte sitzen zu sehen, um zu hören was er

verlange.

»Ich habe Sie gestört, Señor Alkalde,« sagte der kleine Mann, der den Sturm

allein versucht hatte, denn Eva wäre unter keiner Bedingung zu bewegen

gewesen, ihm dahinauf zu folgen.

»Das haben sie allerdings, Señor Rigoli,« versicherte der Alkalde mit einem

nichts weniger als freundlichen Gesicht, »und die Sache muß in der That sehr

wichtig sein, daß Sie einem Manne, der ununterbrochen von schweren

Geschäften geplagt ist, die einzige kleine Ruhe seiner Siesta kürzen.«

»Bitte um Verzeihung, Señor,« sagte Rigoli ohne weitere Umstände, »aber die

Sache ist allerdings wichtig, denn es handelt sich hier darum, ob wir noch ein

Gesetz im Lande haben, oder nicht.«

»Lieber Meister Rigoli,« sagte der Alkalde, durch die Anrede in seiner Laune

eben nicht gebessert — »ich bin schon so ziemlich daran gewöhnt, daß Sie sich

fortwährend um Sachen bekümmern, die Sie eigentlich gar Nichts angehen. Was

ist nun wieder?«

»Die Sache, Señor,« sagte der kleine Italiener gereizt, »geht j e d e n Bürger an,

denn wenn ich unter einer despotischen Regierung hätte leben wollen, so wäre

ich lieber in meiner eigenen Heimath geblieben.«

»Sie hätten wirklich besser daran gethan.«

»Meinen Sie?« rief Rigoli ärgerlich, »aber wir wollen uns nicht wieder zanken,«

setzte er ruhiger hinzu. — »Die Sache selber ist auch zu ernst, denn sie betrifft

unserer Aller Freiheit — die Menschenrechte eines ganzen Volkes, die hier —

vielleicht ohne Ihr Wissen — verletzt werden.«

»Da wäre ich doch begierig — aber bitte, wollen Sie nicht Platz nehmen, Señor.«

»Mit Vergnügen,« sagte Señor Rigoli, der sich um Alles nicht hätte etwas

vergeben mögen. — »Und nun zur Sache: Sie wissen doch, daß hier ein Neger

im Gefängniß sitzt.«

»Ich habe ihn selber einsperren lassen. Er war seinem Herrn entlaufen,« sagte

der Alkalde ruhig.

»So besteht also in Ecuador, trotz den dagegen erlassenen Gesetzen, noch immer

die Sclaverei?« rief Rigoli rasch.

»Bitte um Verzeihung,« erwiderte der Alkalde — »er ist nicht der Sclave,

sondern nur der Diener seines Herrn, bis er diesem die schuldige Summe

abgearbeitet hat.«

»Wenn ich also irgend Jemandem ein paar Thaler schuldig bin — oder

umgekehrt, Señor Alkalde,« sagte der kleine Schneider, »wenn m i r Jemand

einen ähnlichen Betrag schuldete, so wäre ich eben so berechtigt, den besagten

Herrn in D i e n s t zu nehmen und ihn — wenn er nicht gehorchte, einsperren zu

lassen, wie?«

Der Alkalde bekam einen etwas rothen Kopf, denn die Frage war zu deutlich

gestellt gewesen, als daß er sie nicht hätte auf die 52 Dollars beziehen sollen, die

er selber dem vor ihm Sitzenden noch schuldete.

»Señor,« sagte er, aber doch etwas verlegen, »Sie vergessen, daß ein solches

Gesetz nur für Neger und frühere Sclaven Kraft haben kann; es ist wenigstens

noch nie auf einen Caballero angewandt worden, oder könnte auf ihn

angewendet werden.«

»Und das nennen Sie eine Republik.«

»Bah, sein Sie vernünftig — einen Unterschied muß es nun einmal in der Welt

geben, und wo man keine Schwarze hat, bildet, wie Sie mir selber erzählt haben,

ein Theil der W e i ß e n das Proletariat.«

»Aber ich habe gehört, daß jener Señor, der sich einen Francoschen Offizier

nennt, und eher aussieht wie ein durchgegangener Schulmeister, die Absicht

haben soll, seinen D i e n e r, wenn Sie denn so wollen, zu verkaufen?«

»Er kann ihn nicht v e r k a u f e n,« bemerkte der Alkalde kopfschüttelnd, »das

würde direkt gegen die Gesetze verstoßen, aber er mag ihn an einen Anderen, der ihm die ausgelegten Gelder zurückerstattet, a b t r e t e n.«

»Danke Ihnen — und ist das etwas Anderes als v e r k a u f e n?«

»Lieber Freund,« sagte der Alkalde, dem das Gespräch unangenehm wurde,

»ländlich, sittlich — Sie sind mit unseren Gebräuchen noch zu wenig bekannt,

um die inneren Triebfedern zu erkennen, durch welche die Staatsmaschine in

Gang gehalten wird.«

»Und nennen Sie eine U m g e h u n g der Gesetze eine innere Triebfeder?«

»Es war ein Irrthum, dessen sich die Gesetzgeber schuldig machten,« bemerkte

der Ecuadorianer trocken, »die Sclaverei völlig abzuschaffen, und wir thun nur

unsere Schuldigkeit, wenn wir den einmal begangenen und unwiderruflichen

Fehler soviel als möglich gut zu machen suchen.«

»Caracho!« rief der kleine Italiener, »das heißt ehrlich gesprochen, und

eigentlich hätte ich einen anderen Namen dafür. — Aber damit kommen wir

nicht zur Sache. Unter welchen Bedingungen wird der gefangene Neger wieder

freigegeben?«

»Sobald er seine eingegangene Schuld bezahlt,« lautete die Antwort. »Derartige

Leute benutzen aber höchst selten die ihnen durch unser Gesetz verstatteten drei

freien Tage in jeder Woche, um für sich selber zu arbeiten, und ihre

eingegangenen Verpflichtungen abzutragen.«

»Und wie kann er arbeiten?« rief Rigoli rasch, »wenn sein Herr die ganze Zeit

mit ihm im Lande umherzieht, und ihm die Feiertage nicht einmal anrechnet, um

seine Heimath zu besuchen?« — Der Alkalde zuckte die Achseln.

»Das ist allerdings ein Punkt,« sagte er, »den das Gesetz n i c h t vorgesehen hat,

denn ich sehe keine Möglichkeit um einen c a b a l l e r o zu zwingen, ruhig an einer

Stelle zu bleiben, damit der ihm verschuldete Diener Geld in der Nachbarschaft

verdienen kann.«

»Und wie viel beträgt des Burschen Schuld jetzt?«

»Soviel ich weiß einige vierzig Thaler,« erwiderte der Richter — »jedenfalls

über ein Jahrlohn — und wenn es nur e i n und vierzig sind, hat er ein Recht ihn

zur Arbeit anzuhalten.«

»Und wenn das Geld in einigen Tagen bezahlt wird?«

»Ich weiß doch nicht recht,« sagte der würdige Richter etwas verlegen, »ob der

Señor damit gezwungen werden kann, seine Rechte auf die J a h r e s a r b e i t des

Burschen aufzugeben, denn er hat keine weiteren Zinsen von dem ausgelegten

Capital.«

»So? — d a s wollen wir denn aber einmal sehen,« rief der kleine Italiener, in

vollem Ingrimm von seinem Stuhl emporspringend. — »Wenn das die neuen Gesetze sind, die der verdammte Mulattengeneral in unserem Lande geben