Unter Palmen und Buchen: Zweiter Band
Der Tiger.
Es war an einem jener wundervollen Abende, wie wir sie wirklich nur in den
Tropen finden, daß ich auf Java mit Herrn Phlippeau zu seiner Kaffeepflanzung
nach Lembang hinauf fuhr. Lembang liegt außerdem schon etwa 4500 Fuß über
der Meeresfläche, von drei bis sechs Uhr Abends war der gewöhnliche, fast
immer von Gewittern begleitete Schauer gefallen, der die Erde abgekühlt und die
Bäume und Pflanzen mit seinem erfrischenden Segen überschüttet hatte, und die
Luft kühl und labend. Hoch am Himmel stand das südliche Kreuz, und ein
wunderbarer Blüthenduft wehte von den Fruchtbaum-Oasen der einzelnen
Kampongs oder Dörfer zu uns herüber.
Die Theeplantage von Tjoem Boeloeit hatten wir schon lange hinter uns, und der
Weg zog sich ziemlich steil an dem Berghang empor, aber die vier munteren
Macassarhengste zogen den leichten Wagen rasch bergan, und unsere Cigarren
rauchend und im Fond zurückgelegt, genossen wir mit voller Lust den wahrhaft
wundervollen Abend.
So erreichten wir endlich die Höhe des Berges, auf dem das Wohnhaus mit den
Kaffeegebäuden, Mühlen und Trockenhäusern lag, von denen wir selber etwa
noch sechshundert Schritt entfernt sein mochten, als ich einen eigenen dumpfen
Ton zu hören glaubte, und in demselben Moment auch die Pferde unruhig
wurden und von dem Kutscher kaum konnten in der Straße gehalten werden.
»Was ist?« fragte Herr Phlippeau, sich rasch im Wagen aufrichtend. —
»Ta u , Tu w a n ! « sagte der Bursche mit seinem singenden Ton und achselzuckend
— aber wir sollten nicht lange darüber in Zweifel bleiben, denn kaum waren die
Thiere, wenn auch noch schnaubend und blasend, wieder dazu gebracht worden
anzuziehen, als plötzlich das laute, donnerähnliche Gebrüll eines Tigers an unser
Ohr schlug und die Pferde jetzt so wild und erschreckt zurückfuhren und in die
Höh' bäumten, daß uns nur eben Zeit blieb aus dem Wagen zu springen und
ihnen in die Zügel zu fallen.
Es gelang auch endlich sie wenigstens so weit zu beruhigen, daß sie still standen,
aber an ein Weiterfahren war vor der Hand nicht zu denken, da sie sich alle im
Geschirr verwickelt hatten, und ehe wir das in der Dunkelheit lösen und in
Ordnung bringen konnten, ertönte ein neues Brüllen der verwünschten Bestie,
worauf sie es ärger als zuvor trieben. Der eine kleine Hengst besonders begann
so furchtbar hinten auszukeilen, daß der malayische Kutscher gar nicht mehr in seine Nähe wollte; ebensowenig war dieser aber zu bewegen, nach dem kaum
zweihundert Schritt entfernten Kampong zurück zu laufen und Hülfe von dort
herbeizuholen, denn bis jetzt hatten wir alle Hände voll zu thun die Pferde zu
verhindern, daß sie nicht den Wagen seitwärts vom Weg abschoben und
zertrümmerten.
Herr Phlippeau redete dabei heftig und ärgerlich in malayisch auf ihn ein; da er
aber sehr rasch sprach, verstand ich nicht, was er sagte, und halb lachend, halb
fluchend wandte er sich endlich gegen mich und rief:
»Jetzt fürchtet sich der Esel vor dem Tiger, den er selber jeden Morgen füttert.«
»Dem Tiger?« —
»Allerdings; ich habe ihn ja neben meinem eigenen Haus in einem Käfig. Das ist
aber schon das zweite Mal, daß es mir die Bestie so macht, und ich muß sie
todtschießen, denn die Pferde wollen mir Nachts gar nicht mehr in die Nähe der
Häuser und scheuen schon, wenn der Wind nur von dort herüberweht und ihnen
die Witterung zuträgt.«
Es gelang uns endlich die Pferde los und frei zu machen, daß der Wagen
wenigstens nicht mehr gefährdet war, und ich sprang jetzt selber nach dem
Kampong hinüber, um ein paar der dortigen Einwohner herbeizurufen, damit sie
die Pferde einzeln führen konnten. Wir selber wollten natürlich viel lieber die
kurze Strecke nach dem Hause zu g e h e n, als daß wir uns noch einmal der
Arbeit mit den scheuen Thieren unterzogen.
Der Tiger schien sich beruhigt zu haben, kaum aber hatten die herbei gerufenen
Malayen die Thiere gefaßt, als das Gebrüll von neuem begann und die kleinen
Hengste toller als je zu schnauben und auszuschlagen begannen. Das aber war
jetzt der Malayen Sache, mit ihnen fertig zu werden, wir selber schritten rasch
auf dem breiten, gut gehaltenen Weg den Häusern zu, und erfuhren am andern
Morgen, daß die Eingeborenen wirklich gestern Abend noch mehrere Stunden
gebraucht hatten, um die erschreckten Pferde in ihre Umzäunung zu bringen.
Herr Phlippeau war aber fest entschlossen die unbequeme Bestie, die ihm
denselben Streich schon einmal gespielt hatte, als er vor einigen Tagen mit seiner
Frau zurück nach Hause wollte, abzuschaffen, was eben nicht anders geschehen
konnte, als sie todt zu schießen. Der Transport nach Batavia hinab, wo er den
Tiger hätte gut genug an eines der heimkehrenden Schiffe verkaufen können,
war zu lang und unbequem, auch kostspielig, und ich selber wurde zum Executor
bestimmt.
Am nächsten Morgen nahm ich deßhalb meine Büchse und ging zu dem Käfig,
oder Kasten, der mitten auf einem offenen Platz, etwa vierzig Schritt von den
Häusern der malayischen Diener entfernt, und zwischen diesen und den Wohngebäuden stand. Der Kasten war gar nicht von starker Art und nur aus etwa
4 Zoll starken Stäben von Arenpalmen-Holz gemacht. Dieses Holz eignet sich
aber vortrefflich dazu wilde, störrische Bestien zu halten, denn erstens ist es zäh,
und dann splittert es, wenn diese hineinbeißen wollen, und sticht sie in das
Zahnfleisch, so daß sie selten mehr als einen oder zwei Versuche machen, ihr
Gefängniß zu durchbrechen.
Die Malayen selber waren aber sehr froh, als sie hörten daß der Tiger getödtet
werden sollte, denn ihrer Behauptung nach hatte er die letzte Nacht so furchtbar
gewüthet und an seinem Käfig gerüttelt, daß sie gefürchtet zu haben schienen, er
würde sich wirklich frei machen, und dann ihnen zuerst einen Besuch abstatten,
ehe er sich in seinen Wald zurückzog. — Der Tiger mußte jetzt übrigens den
Zorn und die Ungeduld, die er die Nacht gefühlt, überwunden haben, denn er lag
lang ausgestreckt und ruhig in seinem Käfig und leckte seine Tatzen mit der
stachligen Zunge.
Es war noch ein junges, vielleicht zweijähriges Thier, schlank und geschmeidig,
mit glattem, wundervoll gezeichnetem Fell. Wie ich aber auf ihn zu und dicht an
seinen Käfig trat, hörte er mit Lecken auf, duckte sich womöglich noch dichter
auf den Boden nieder, legte die Ohren zurück, fletschte die Zähne und knurrte
leise und tief, wie ein ärgerlicher Hund. So lag er eine lange Weile — seine
Augen waren ordentlich grün geworden und leuchteten unheimlich, und wie ich
einen Arm nach seinem Käfig ausstreckte, als ob ich ihn berühren wollte, fuhr er
plötzlich mit einem wilden Satz und weit geöffnetem Rachen gegen die Stäbe an.
Aber er biß, von früher her wahrscheinlich gewitzigt, nicht hinein, sondern
schien sich damit zu begnügen, mir nur anzuzeigen, daß ihm meine Gegenwart
unbequem sei.
Einige zwanzig Arbeiter vom Platz hatten sich indessen ziemlich dicht um den
Käfig versammelt, und nur die Frauen wichen scheu zurück, als das gereizte
Thier empor fuhr. Der Tiger aber, wie damit zufrieden gestellt, daß er uns seinen
Muth und seine Kampfbegier gezeigt, war wieder in seine alte Stellung
zurückgefallen, und nur der tückische Blick blieb mir seitwärts zugewandt, als
ob er in mir seinen schlimmsten Feind ahnte. Wäre er frei gewesen, so bin ich
auch fest überzeugt, daß er mich, vor allen Anderen, angenommen hätte. — So
freilich mußte er sich das vergehen lassen; der kleine aber starke Käfig hielt ihn
sicher genug.
Der Kasten war in der That kaum breit genug, daß das so geschmeidige Thier im
Stande schien sich darin umzudrehen, und er lag jetzt mit dem Gesicht nach vorn
und den Rücken der schmalen Thür zugedreht, die mit einem hölzernen Zapfen
verschlossen gehalten wurde, vollkommen bequem zu einem sicheren Schuß.
Da ich ihn noch abstreifen wollte, ehe es zu heiß wurde, zögerte ich auch nicht
lange, und ließ die Malayen von der anderen Seite zurücktreten, weil ich nicht
wußte, ob meine Spitzkugel, die ich damals noch führte — ich bin auf der Jagd
aber vollkommen davon zurück gekommen — nicht doch vielleicht durch den
Schädel schlagen und auf der anderen Seite noch Unheil anrichten konnte. Die
neugierigen Burschen waren aber kaum fern zu halten, so wollten sie alle, ganz
in der Nähe, den Tod des Raubthiers betrachten, und wie ich nur wenigstens vor
der Kugel freien Raum hatte, trat ich dicht an den Käfig, hielt dem Raubthier die
Mündung des Büchsenlaufs vor das Ohr und drückte ab.
Der Tiger zuckte nicht einmal zusammen; der halb und tückisch nach mir
gehobene Kopf fiel auf seine Tatzen nieder, und die Malayen sprangen jetzt zu
ihm heran. Wie ich selber aber nun den Schuß gefeuert hatte, gab ich mein
Gewehr dem Nächsten zum Halten, trat hinten an den Kasten, zog den Pflock
heraus und öffnete die kleine Thür. Das aber hatten die Malayen nicht gedacht.
Auf den Tiger war allerdings ein Schuß gefallen, aber daß er todt sei und keinem
Menschen auf der Welt mehr schaden könne, wußte ich nur allein, die Malayen
schienen wenigstens von einem so raschen und nicht von der geringsten
Bewegung begleiteten Tod noch keineswegs überzeugt, und kaum hatte ich die
Klappe geöffnet, ja wie ich nur den Pflock herauszog, stoben sie alle in wilder
Flucht und mit lautem Geschrei auseinander und ihren Hütten zu.
Es war ein höchst komischer Anblick, und vergebens mein Rufen, daß der Tiger
todt und unschädlich sei. Erst als ich mich nicht weiter um sie kümmerte und
den Tiger beim Schwanz ergriff, aus dem Käfig zog und anfing ihn abzustreifen,
kamen sie wieder schüchtern näher und lachten nun selber, in ihrer gutmüthigen
Weise, über ihre Furcht. Keiner aber legte mit Hand an, und sie ließen mich
meine Arbeit ganz allein vollenden. Erst als ich die Haut vollkommen herunter
hatte und mir nun von Einigen dünne Bambusstäbe bringen ließ, um sie
auszuspannen und dann in der Sonne rasch zu trocknen, machten sich ein paar
von ihnen daran den Körper aufzuschlitzen.
Im Anfang wußte ich allerdings nicht, zu welchem Zweck das geschah, denn daß
sie das Fleisch des Tigers nicht essen, hatte ich schon oft bestätigen hören. Sie
nahmen aber auch nur das Herz des Raubthiers heraus, das sie in kleine Stücke
schnitten und unter einander vertheilten. Wie ich ihnen noch erstaunt zusah,
verschluckten auch ein paar von ihnen ihren Antheil gleich roh an Ort und Stelle,
und nur mein letzter Führer auf der Rhinocerosjagd, ein Bursche, der auch nicht
einen Funken von Courage besaß und bei dem Ausreißen vorher der
Schnellfüßigste gewesen, verschwand mit seinem Stück und kehrte erst nach
einigen Minuten ohne dasselbe zurück.
Er sollte mir jetzt erklären, was dieser Gebrauch bedeute, denn zum Sattessen
hatten sie das Fleisch keinesfalls genossen, dazu waren die Bissen zu klein
gewesen. Er kam dann endlich, wenn auch etwas verschämt, mit dem
Bekenntniß heraus, daß die Javanen, wenn sie ein Stück von dem Herzen des
Tigers verzehren, auch einen Theil von dessen Muth bekämen. Rasch setzte er
aber hinzu, daß er nichts davon gegessen habe, das solle ich nicht glauben —
und dabei saß ihm das frische Blut noch in den Mundwinkeln.
Merkwürdiger Aberglauben, den die Leute haben, nicht wahr? — Und machen
wir civilisirten Christen es etwa besser, haben wir nicht eine Menge von Dingen,
die andere Völkerschaften für ebenso unhaltbar und thöricht halten, wie wir
jenen Gebrauch? Es ist und bleibt dieselbe Geschichte, und wir wollen nur nicht
selber eingestehen, das wir A l l e Balken im Auge tragen.
Thöricht ist der Gebrauch aber schon aus dem Grund, weil die Leute mit dem
Stück vom Herzen den M u t h des Tigers gewinnen wollen; es giebt nämlich auf
der Welt keine, zwar blutgierigere, aber auch feigere Bestie, als gerade den
Tiger. Er reißt Menschen nieder, ja, aber nur, wenn er sie aus dem Hinterhalt
überfallen kann, nie und nimmer offen und Gesicht in Gesicht. Heimlich
schleicht er herbei und liegt auf der Lauer, um irgend ein Stück Wild oder auch
vielleicht ein Rind zu erbeuten, aber schon das Geräusch des nahenden
Menschen schreckt ihn empor und treibt ihn in die Flucht, und wenn man in Java
wirklich von M e n s c h e n hört, die er überfallen hat, so sind es fast immer nur
Frauen und Kinder, an die er sich gewagt.
Schon seine ganze Jagd beweist, wie wenig Muth er besitzt, denn er muß
getrieben und umstellt werden, ehe man ihn zum Schuß bekommen kann, und
nur schwer verwundet oder in der Verzweiflung sich überlistet zu sehen, nimmt
er, wenn er nicht länger fliehen k a n n, den Kampf an, und dann freilich ist er ein
gefährlicher Gegner, ja vielleicht der gefährlichste von allen wilden Bestien, weil
seine Gewandtheit seiner furchtbaren Kraft gleich kommt.
Es ist vorgekommen, daß ein Tiger eins der kleinen Javanischen Pferde aus einer
fünf Fuß hohen Umzäunung geraubt hat, ohne den Zaun zu durchbrechen, und er
muß es, wenn er nicht damit hinüber g e s p r u n g e n ist, doch wenigstens
hinübergehoben haben, wozu kaum v i e r Menschen im Stande gewesen wären
— und draußen trug er es im Rachen fort. Aber Märchen sind es auch wieder,
wenn man behauptet, daß ein einziger Schlag seiner Tatze einen Büffel betäube
und zu Boden werfe. Nur wenn er ihm auf den Nacken springen kann, ist der
e i n z e l n e Büffel verloren, und den dortigen b a n t i n g s oder wilden Rindern mit
ihren spitzen Hörnern, die sich stets in Trupps halten, soll er scheu aus dem
Wege gehen, und nur wo das ungestraft geschehen kann, auf ein Kalb fahnden.
Es giebt in Java viel Tiger, und man findet sogar in den Walddistrikten hie und
da sogenannte »todte Kampongs«, die von den Bewohnern der vielen Tiger
wegen früher verlassen und deren Stätten von der gewaltigen Vegetation schon
lange überwuchert wurden, so daß nur die früher dort gepflanzten Cocos- und
Arecapalmen die Stellen bezeichnen, auf denen sie gestanden. Und doch wird
von dem Jäger nur in höchst seltenen Fällen, und dann selbst nur durch Zufall,
ein Tiger im Wald angetroffen und erlegt, denn der Tiger hält eben nicht Stand.
Nur in Gruben wird er gefangen, oder hie und da benutzt auch wohl ein
Europäer ein von der Bestie zerrissenes und aufgefundenes Stück, um Nachts
dabei anzusitzen und sie auf dem Anstand zu erlegen. Alle von den
Eingeborenen erbeuteten Felle m ü s s e n dabei an die Regierung eingeliefert
werden und der Eigenthümer bekommt dafür eine vom Staat festgesetzte Prämie
von früher fünfzehn jetzt zwanzig Gulden.
Der Tiger spielt aber, trotz seiner Feigheit, bei den Javanen eine große Rolle und
besonders seinen Krallen — außer der Wirkung, die das frisch verzehrte Herz
ausüben soll — trauen sie noch eine besondere Kraft zu, oft sehr zum Aerger der
Europäer, die sich dort angekaufte oder sonst gewonnene Felle gern vollständig
erhalten wollen. Die Eingeborenen stehlen nämlich diese Krallen, wo sie ihrer
nur irgend habhaft werden können, und auch an dem Fell, das ich an jenem Tag
abstreifte und zum Trocknen in die Sonne hing, fehlten sie schon an dem
nämlichen Abend sämmtlich.