Unter Palmen und Buchen: Zweiter Band

Friedrich Gerstäcker · Kapitel 17 von 18

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Unter Palmen und Buchen: Zweiter Band

Der Tiger.

 

Es war an einem jener wundervollen Abende, wie wir sie wirklich nur in den

Tropen finden, daß ich auf Java mit Herrn Phlippeau zu seiner Kaffeepflanzung

nach Lembang hinauf fuhr. Lembang liegt außerdem schon etwa 4500 Fuß über

der Meeresfläche, von drei bis sechs Uhr Abends war der gewöhnliche, fast

immer von Gewittern begleitete Schauer gefallen, der die Erde abgekühlt und die

Bäume und Pflanzen mit seinem erfrischenden Segen überschüttet hatte, und die

Luft kühl und labend. Hoch am Himmel stand das südliche Kreuz, und ein

wunderbarer Blüthenduft wehte von den Fruchtbaum-Oasen der einzelnen

Kampongs oder Dörfer zu uns herüber.

Die Theeplantage von Tjoem Boeloeit hatten wir schon lange hinter uns, und der

Weg zog sich ziemlich steil an dem Berghang empor, aber die vier munteren

Macassarhengste zogen den leichten Wagen rasch bergan, und unsere Cigarren

rauchend und im Fond zurückgelegt, genossen wir mit voller Lust den wahrhaft

wundervollen Abend.

So erreichten wir endlich die Höhe des Berges, auf dem das Wohnhaus mit den

Kaffeegebäuden, Mühlen und Trockenhäusern lag, von denen wir selber etwa

noch sechshundert Schritt entfernt sein mochten, als ich einen eigenen dumpfen

Ton zu hören glaubte, und in demselben Moment auch die Pferde unruhig

wurden und von dem Kutscher kaum konnten in der Straße gehalten werden.

»Was ist?« fragte Herr Phlippeau, sich rasch im Wagen aufrichtend. —

»Ta u , Tu w a n ! « sagte der Bursche mit seinem singenden Ton und achselzuckend

— aber wir sollten nicht lange darüber in Zweifel bleiben, denn kaum waren die

Thiere, wenn auch noch schnaubend und blasend, wieder dazu gebracht worden

anzuziehen, als plötzlich das laute, donnerähnliche Gebrüll eines Tigers an unser

Ohr schlug und die Pferde jetzt so wild und erschreckt zurückfuhren und in die

Höh' bäumten, daß uns nur eben Zeit blieb aus dem Wagen zu springen und

ihnen in die Zügel zu fallen.

Es gelang auch endlich sie wenigstens so weit zu beruhigen, daß sie still standen,

aber an ein Weiterfahren war vor der Hand nicht zu denken, da sie sich alle im

Geschirr verwickelt hatten, und ehe wir das in der Dunkelheit lösen und in

Ordnung bringen konnten, ertönte ein neues Brüllen der verwünschten Bestie,

worauf sie es ärger als zuvor trieben. Der eine kleine Hengst besonders begann

so furchtbar hinten auszukeilen, daß der malayische Kutscher gar nicht mehr in seine Nähe wollte; ebensowenig war dieser aber zu bewegen, nach dem kaum

zweihundert Schritt entfernten Kampong zurück zu laufen und Hülfe von dort

herbeizuholen, denn bis jetzt hatten wir alle Hände voll zu thun die Pferde zu

verhindern, daß sie nicht den Wagen seitwärts vom Weg abschoben und

zertrümmerten.

Herr Phlippeau redete dabei heftig und ärgerlich in malayisch auf ihn ein; da er

aber sehr rasch sprach, verstand ich nicht, was er sagte, und halb lachend, halb

fluchend wandte er sich endlich gegen mich und rief:

»Jetzt fürchtet sich der Esel vor dem Tiger, den er selber jeden Morgen füttert.«

»Dem Tiger?« —

»Allerdings; ich habe ihn ja neben meinem eigenen Haus in einem Käfig. Das ist

aber schon das zweite Mal, daß es mir die Bestie so macht, und ich muß sie

todtschießen, denn die Pferde wollen mir Nachts gar nicht mehr in die Nähe der

Häuser und scheuen schon, wenn der Wind nur von dort herüberweht und ihnen

die Witterung zuträgt.«

Es gelang uns endlich die Pferde los und frei zu machen, daß der Wagen

wenigstens nicht mehr gefährdet war, und ich sprang jetzt selber nach dem

Kampong hinüber, um ein paar der dortigen Einwohner herbeizurufen, damit sie

die Pferde einzeln führen konnten. Wir selber wollten natürlich viel lieber die

kurze Strecke nach dem Hause zu g e h e n, als daß wir uns noch einmal der

Arbeit mit den scheuen Thieren unterzogen.

Der Tiger schien sich beruhigt zu haben, kaum aber hatten die herbei gerufenen

Malayen die Thiere gefaßt, als das Gebrüll von neuem begann und die kleinen

Hengste toller als je zu schnauben und auszuschlagen begannen. Das aber war

jetzt der Malayen Sache, mit ihnen fertig zu werden, wir selber schritten rasch

auf dem breiten, gut gehaltenen Weg den Häusern zu, und erfuhren am andern

Morgen, daß die Eingeborenen wirklich gestern Abend noch mehrere Stunden

gebraucht hatten, um die erschreckten Pferde in ihre Umzäunung zu bringen.

Herr Phlippeau war aber fest entschlossen die unbequeme Bestie, die ihm

denselben Streich schon einmal gespielt hatte, als er vor einigen Tagen mit seiner

Frau zurück nach Hause wollte, abzuschaffen, was eben nicht anders geschehen

konnte, als sie todt zu schießen. Der Transport nach Batavia hinab, wo er den

Tiger hätte gut genug an eines der heimkehrenden Schiffe verkaufen können,

war zu lang und unbequem, auch kostspielig, und ich selber wurde zum Executor

bestimmt.

Am nächsten Morgen nahm ich deßhalb meine Büchse und ging zu dem Käfig,

oder Kasten, der mitten auf einem offenen Platz, etwa vierzig Schritt von den

Häusern der malayischen Diener entfernt, und zwischen diesen und den Wohngebäuden stand. Der Kasten war gar nicht von starker Art und nur aus etwa

4 Zoll starken Stäben von Arenpalmen-Holz gemacht. Dieses Holz eignet sich

aber vortrefflich dazu wilde, störrische Bestien zu halten, denn erstens ist es zäh,

und dann splittert es, wenn diese hineinbeißen wollen, und sticht sie in das

Zahnfleisch, so daß sie selten mehr als einen oder zwei Versuche machen, ihr

Gefängniß zu durchbrechen.

Die Malayen selber waren aber sehr froh, als sie hörten daß der Tiger getödtet

werden sollte, denn ihrer Behauptung nach hatte er die letzte Nacht so furchtbar

gewüthet und an seinem Käfig gerüttelt, daß sie gefürchtet zu haben schienen, er

würde sich wirklich frei machen, und dann ihnen zuerst einen Besuch abstatten,

ehe er sich in seinen Wald zurückzog. — Der Tiger mußte jetzt übrigens den

Zorn und die Ungeduld, die er die Nacht gefühlt, überwunden haben, denn er lag

lang ausgestreckt und ruhig in seinem Käfig und leckte seine Tatzen mit der

stachligen Zunge.

Es war noch ein junges, vielleicht zweijähriges Thier, schlank und geschmeidig,

mit glattem, wundervoll gezeichnetem Fell. Wie ich aber auf ihn zu und dicht an

seinen Käfig trat, hörte er mit Lecken auf, duckte sich womöglich noch dichter

auf den Boden nieder, legte die Ohren zurück, fletschte die Zähne und knurrte

leise und tief, wie ein ärgerlicher Hund. So lag er eine lange Weile — seine

Augen waren ordentlich grün geworden und leuchteten unheimlich, und wie ich

einen Arm nach seinem Käfig ausstreckte, als ob ich ihn berühren wollte, fuhr er

plötzlich mit einem wilden Satz und weit geöffnetem Rachen gegen die Stäbe an.

Aber er biß, von früher her wahrscheinlich gewitzigt, nicht hinein, sondern

schien sich damit zu begnügen, mir nur anzuzeigen, daß ihm meine Gegenwart

unbequem sei.

Einige zwanzig Arbeiter vom Platz hatten sich indessen ziemlich dicht um den

Käfig versammelt, und nur die Frauen wichen scheu zurück, als das gereizte

Thier empor fuhr. Der Tiger aber, wie damit zufrieden gestellt, daß er uns seinen

Muth und seine Kampfbegier gezeigt, war wieder in seine alte Stellung

zurückgefallen, und nur der tückische Blick blieb mir seitwärts zugewandt, als

ob er in mir seinen schlimmsten Feind ahnte. Wäre er frei gewesen, so bin ich

auch fest überzeugt, daß er mich, vor allen Anderen, angenommen hätte. — So

freilich mußte er sich das vergehen lassen; der kleine aber starke Käfig hielt ihn

sicher genug.

Der Kasten war in der That kaum breit genug, daß das so geschmeidige Thier im

Stande schien sich darin umzudrehen, und er lag jetzt mit dem Gesicht nach vorn

und den Rücken der schmalen Thür zugedreht, die mit einem hölzernen Zapfen

verschlossen gehalten wurde, vollkommen bequem zu einem sicheren Schuß.

Da ich ihn noch abstreifen wollte, ehe es zu heiß wurde, zögerte ich auch nicht

lange, und ließ die Malayen von der anderen Seite zurücktreten, weil ich nicht

wußte, ob meine Spitzkugel, die ich damals noch führte — ich bin auf der Jagd

aber vollkommen davon zurück gekommen — nicht doch vielleicht durch den

Schädel schlagen und auf der anderen Seite noch Unheil anrichten konnte. Die

neugierigen Burschen waren aber kaum fern zu halten, so wollten sie alle, ganz

in der Nähe, den Tod des Raubthiers betrachten, und wie ich nur wenigstens vor

der Kugel freien Raum hatte, trat ich dicht an den Käfig, hielt dem Raubthier die

Mündung des Büchsenlaufs vor das Ohr und drückte ab.

Der Tiger zuckte nicht einmal zusammen; der halb und tückisch nach mir

gehobene Kopf fiel auf seine Tatzen nieder, und die Malayen sprangen jetzt zu

ihm heran. Wie ich selber aber nun den Schuß gefeuert hatte, gab ich mein

Gewehr dem Nächsten zum Halten, trat hinten an den Kasten, zog den Pflock

heraus und öffnete die kleine Thür. Das aber hatten die Malayen nicht gedacht.

Auf den Tiger war allerdings ein Schuß gefallen, aber daß er todt sei und keinem

Menschen auf der Welt mehr schaden könne, wußte ich nur allein, die Malayen

schienen wenigstens von einem so raschen und nicht von der geringsten

Bewegung begleiteten Tod noch keineswegs überzeugt, und kaum hatte ich die

Klappe geöffnet, ja wie ich nur den Pflock herauszog, stoben sie alle in wilder

Flucht und mit lautem Geschrei auseinander und ihren Hütten zu.

Es war ein höchst komischer Anblick, und vergebens mein Rufen, daß der Tiger

todt und unschädlich sei. Erst als ich mich nicht weiter um sie kümmerte und

den Tiger beim Schwanz ergriff, aus dem Käfig zog und anfing ihn abzustreifen,

kamen sie wieder schüchtern näher und lachten nun selber, in ihrer gutmüthigen

Weise, über ihre Furcht. Keiner aber legte mit Hand an, und sie ließen mich

meine Arbeit ganz allein vollenden. Erst als ich die Haut vollkommen herunter

hatte und mir nun von Einigen dünne Bambusstäbe bringen ließ, um sie

auszuspannen und dann in der Sonne rasch zu trocknen, machten sich ein paar

von ihnen daran den Körper aufzuschlitzen.

Im Anfang wußte ich allerdings nicht, zu welchem Zweck das geschah, denn daß

sie das Fleisch des Tigers nicht essen, hatte ich schon oft bestätigen hören. Sie

nahmen aber auch nur das Herz des Raubthiers heraus, das sie in kleine Stücke

schnitten und unter einander vertheilten. Wie ich ihnen noch erstaunt zusah,

verschluckten auch ein paar von ihnen ihren Antheil gleich roh an Ort und Stelle,

und nur mein letzter Führer auf der Rhinocerosjagd, ein Bursche, der auch nicht

einen Funken von Courage besaß und bei dem Ausreißen vorher der

Schnellfüßigste gewesen, verschwand mit seinem Stück und kehrte erst nach

einigen Minuten ohne dasselbe zurück.

Er sollte mir jetzt erklären, was dieser Gebrauch bedeute, denn zum Sattessen

hatten sie das Fleisch keinesfalls genossen, dazu waren die Bissen zu klein

gewesen. Er kam dann endlich, wenn auch etwas verschämt, mit dem

Bekenntniß heraus, daß die Javanen, wenn sie ein Stück von dem Herzen des

Tigers verzehren, auch einen Theil von dessen Muth bekämen. Rasch setzte er

aber hinzu, daß er nichts davon gegessen habe, das solle ich nicht glauben —

und dabei saß ihm das frische Blut noch in den Mundwinkeln.

Merkwürdiger Aberglauben, den die Leute haben, nicht wahr? — Und machen

wir civilisirten Christen es etwa besser, haben wir nicht eine Menge von Dingen,

die andere Völkerschaften für ebenso unhaltbar und thöricht halten, wie wir

jenen Gebrauch? Es ist und bleibt dieselbe Geschichte, und wir wollen nur nicht

selber eingestehen, das wir A l l e Balken im Auge tragen.

Thöricht ist der Gebrauch aber schon aus dem Grund, weil die Leute mit dem

Stück vom Herzen den M u t h des Tigers gewinnen wollen; es giebt nämlich auf

der Welt keine, zwar blutgierigere, aber auch feigere Bestie, als gerade den

Tiger. Er reißt Menschen nieder, ja, aber nur, wenn er sie aus dem Hinterhalt

überfallen kann, nie und nimmer offen und Gesicht in Gesicht. Heimlich

schleicht er herbei und liegt auf der Lauer, um irgend ein Stück Wild oder auch

vielleicht ein Rind zu erbeuten, aber schon das Geräusch des nahenden

Menschen schreckt ihn empor und treibt ihn in die Flucht, und wenn man in Java

wirklich von M e n s c h e n hört, die er überfallen hat, so sind es fast immer nur

Frauen und Kinder, an die er sich gewagt.

Schon seine ganze Jagd beweist, wie wenig Muth er besitzt, denn er muß

getrieben und umstellt werden, ehe man ihn zum Schuß bekommen kann, und

nur schwer verwundet oder in der Verzweiflung sich überlistet zu sehen, nimmt

er, wenn er nicht länger fliehen k a n n, den Kampf an, und dann freilich ist er ein

gefährlicher Gegner, ja vielleicht der gefährlichste von allen wilden Bestien, weil

seine Gewandtheit seiner furchtbaren Kraft gleich kommt.

Es ist vorgekommen, daß ein Tiger eins der kleinen Javanischen Pferde aus einer

fünf Fuß hohen Umzäunung geraubt hat, ohne den Zaun zu durchbrechen, und er

muß es, wenn er nicht damit hinüber g e s p r u n g e n ist, doch wenigstens

hinübergehoben haben, wozu kaum v i e r Menschen im Stande gewesen wären

— und draußen trug er es im Rachen fort. Aber Märchen sind es auch wieder,

wenn man behauptet, daß ein einziger Schlag seiner Tatze einen Büffel betäube

und zu Boden werfe. Nur wenn er ihm auf den Nacken springen kann, ist der

e i n z e l n e Büffel verloren, und den dortigen b a n t i n g s oder wilden Rindern mit

ihren spitzen Hörnern, die sich stets in Trupps halten, soll er scheu aus dem

Wege gehen, und nur wo das ungestraft geschehen kann, auf ein Kalb fahnden.

Es giebt in Java viel Tiger, und man findet sogar in den Walddistrikten hie und

da sogenannte »todte Kampongs«, die von den Bewohnern der vielen Tiger

wegen früher verlassen und deren Stätten von der gewaltigen Vegetation schon

lange überwuchert wurden, so daß nur die früher dort gepflanzten Cocos- und

Arecapalmen die Stellen bezeichnen, auf denen sie gestanden. Und doch wird

von dem Jäger nur in höchst seltenen Fällen, und dann selbst nur durch Zufall,

ein Tiger im Wald angetroffen und erlegt, denn der Tiger hält eben nicht Stand.

Nur in Gruben wird er gefangen, oder hie und da benutzt auch wohl ein

Europäer ein von der Bestie zerrissenes und aufgefundenes Stück, um Nachts

dabei anzusitzen und sie auf dem Anstand zu erlegen. Alle von den

Eingeborenen erbeuteten Felle m ü s s e n dabei an die Regierung eingeliefert

werden und der Eigenthümer bekommt dafür eine vom Staat festgesetzte Prämie

von früher fünfzehn jetzt zwanzig Gulden.

Der Tiger spielt aber, trotz seiner Feigheit, bei den Javanen eine große Rolle und

besonders seinen Krallen — außer der Wirkung, die das frisch verzehrte Herz

ausüben soll — trauen sie noch eine besondere Kraft zu, oft sehr zum Aerger der

Europäer, die sich dort angekaufte oder sonst gewonnene Felle gern vollständig

erhalten wollen. Die Eingeborenen stehlen nämlich diese Krallen, wo sie ihrer

nur irgend habhaft werden können, und auch an dem Fell, das ich an jenem Tag

abstreifte und zum Trocknen in die Sonne hing, fehlten sie schon an dem

nämlichen Abend sämmtlich.