Unter Palmen und Buchen: Zweiter Band

Friedrich Gerstäcker · Kapitel 6 von 18

PDF-Seiten

Unter Palmen und Buchen: Zweiter Band

Fünftes Capitel. Baptista.

»C o m p a ñ e r o s e l v i v a ! Vi v a S a E x c e l l e n c i a e l p r a e s i d e n t e S e ñ o r M o s q u e r a ! — E l

v i v a !«

»E l v i v a ! E l v i v a !« jubelten ihm die Leute nach, die ebenfalls ihre Hüte

schwenkten, und wie ein Lauffeuer pflanzte sich der Schrei durch die Stadt fort.

Galt er ja doch als Friedenszeichen und war den Leuten eine Bürgschaft, daß sie

von den Schrecken und Gefahren des Krieges verschont bleiben sollten. Mit d e r

Gewißheit hätten sie irgend einen lebenden oder auch todten Menschen — wer

er immer gewesen — leben lassen.

Es war in der That ein Jubel auf der Insel, als ob man diesem Augenblick schon

seit Jahren mit der größten Spannung entgegengesehen hätte, und daß der

Postmeister gerade, der noch vor wenigen Stunden da unten am Strande

Sandschanzen aufgeworfen und selbst eine Kanone auf die nahenden Schiffe

abgefeuert, in den Ruf mit einstimmte, fiel keiner Seele mehr auf.

 

F ü n f t e s C a p i t e l .

 

Baptista.

 

Der Capitän hatte seine Schuldigkeit gethan und sein Ziel viel rascher und

vollkommener erreicht, als er je gehofft. Es drängte ihn deshalb wieder an Bord

zurück. Aber so bald kam er noch nicht los, denn von allen Seiten strömten

Menschen herbei, um ihm die Hand zu drücken und ihm zu erklären, daß sie

gute Freunde bleiben und keinen Krieg miteinander haben wollten. Und nicht

allein die Männer thaten das, sondern ganz besondere Energie entwickelten die

Negerweiber, von denen die Insel ein außerordentlich starkes Contingent stellte,

und wo solch eine alte würdige Dame einmal die Hand des Seemannes

erwischte, ließ sie nicht sogleich wieder los. Sie versicherten ihm dabei stets mit

ihrer gewöhnlich tiefen Baßstimme, daß sie sich unendlich glücklich schätzen

würden, wenn er zu ihnen in das Haus kommen und eine Tasse Chocolade

trinken wolle.

Er hatte Mühe sich ihrer zu erwehren, und sein Boot endlich wieder gewinnend,

sprang er hinein und ließ sich an Bord zurückrudern.

Still vor sich hin mußte er freilich unterwegs lachen, wenn er sich überlegte, daß

Tomaco eigentlich nur dadurch friedlich erobert und Mosquera eine neue Stadt

gewonnen sei, daß sich beide Theile vor einander gefürchtet hätten, denn wie die

Sachen standen, konnten sie sich gegenseitig keinen großen Schaden thun. Die

List w a r aber gelungen; die Bewohner von Tomaco hatten sich durch eine völlig unausführbare Drohung: die Beschießung der Stadt, einschüchtern lassen, und es

lag jetzt an Señor Fosca, das Weitere in Frieden und Freundschaft zu arrangiren

und sich mit den Behörden zu verständigen.

Als der Capitän sein kleines Fahrzeug erreicht und den Befehl gegeben hatte,

Munition und Kugeln wieder fortzuräumen und die »Geschützstücke« auf's Neue

zu befestigen — ein sicheres Zeichen also, daß von einem Kampf nicht weiter

die Rede war — trat plötzlich der Franzose zu seinem Admiral heran, und seinen

kleinen Wachshut abnehmend, wollte er ihn eben anreden, als Señor Fosca mit

triumphirendem Blick auf diesen zukam und rief:

»Ich weiß Alles! Schon ehe Sie zurückkamen war ein Fruchtboot hier. — Meine

alten Freunde sind noch dieselben — der nämliche Eifer, Einer dem Andern

einen Verdienst vor der Nase wegzuschnappen. — Aber ich habe auch Ihren

Erfolg erfahren und — daß Señor Ramos wirklich hier mit seiner ganzen Familie

lebt. Er kann uns jetzt nicht mehr entgehen und ich bitte Sie also, Almirante, mir

nachher sechs Mann von Ihren Leuten zur Verfügung zu stellen, um den

Verräther zu verhaften.«

»Mein bester Señor,« sagte der Seemann, dem die Sache augenscheinlich fatal

war, — »ich habe den guten Leuten da drüben versprochen, sie nicht weiter zu

schädigen.«

»Aber der Verräther war ausgenommen,« rief Fosca rasch, — »gehört er doch

auch gar nicht nach Tomaco und geht der Stadt nicht das Geringste an. Señor

Almirante, ich habe den s t r e n g e n Auftrag von Sr. Excellenz, auf diesen

gefährlichsten aller Staatsverräther zu fahnden und ihn nach Buenaventura zu

liefern. Ich möchte nicht in des Mannes Haut stecken, der ihm Zeit und

Gelegenheit ließe, zu entkommen.«

»Ach was!« brummte der Seemann verdrießlich vor sich hin, »so gefährlich wird

die Sache nicht sein, Señor. Aber meinetwegen thun Sie, was Sie nicht lassen

können und nehmen Sie sich von Leuten was Sie brauchen. Ich mache S i e aber

dafür auch für alle Folgen verantwortlich, wenn Sie die jetzt beruhigten

Einwohner wieder aufreizen und unser Aller Sicherheit dadurch gefährden.«

»D i e Verantwortung übernehme ich,« sagte der Commissair, und ein boshaftes

Lächeln zuckte über sein fahles Gesicht, als er sich umdrehte und wieder in die

Cajüte hinunter stieg.

»Was wollen Sie?« wandte sich der Capitän nun, eben nicht in bester Laune, an

den jungen Franzosen, der indessen zurückgetreten war, um sein Anliegen später

vorzubringen.

»Señor Almirante,« sagte der Franzose, »wie ich zu meiner Freude sehe, ist kein

Krieg mehr nöthig. Unter diesen Verhältnissen brauchen Sie aber auch keinen m a s t e r a t a r m s mehr, und da ich jetzt ein unnützes Möbel an Bord bin, so wollte

ich Sie ersuchen, mir meine Entlassung zu geben. Ich möchte gern in mein

eigenes Vaterland zurückkehren.«

»Thut mir leid,« sagte der Seemann barsch, »Ihre Zeit ist noch nicht um und

außerdem brauche ich Sie nothwendig. Sie sind Schiffszimmermann, nicht

wahr?«

»Ein sehr mittelmäßiger,« bestätigte achselzuckend der Gefragte.

»Thut nichts! Wahrscheinlich immer noch besser als unsere c a r p i n t e r o s in

Buenaventura. — Sie müssen mit helfen, den Schooner wieder in Stand zu

setzen, wenn wir zurückkommen.«

»Den Schooner?« lächelte der Franzose. — »Ach ja, es geht, wenn er einen

neuen Rumpf und andere Masten bekommt und nachher frisch aufgetakelt

werden kann. An d e n alten Kasten werden Sie aber doch keine Reparaturkosten

mehr wegwerfen wollen?«

»Das ist Sache der Regierung,« brach der Capitain kurz ab. »Sie gehen jedenfalls

mit zurück und dort findet sich das Weitere. Sehen Sie indessen zu, daß mir das

Volk kein Unglück mit dem Pulver anrichtet — daß sie besonders da unten nicht

rauchen. Haben Sie mich verstanden?«

»Vollkommen gut, Señor,« sagte der Franzose mit einer Verbeugung, als der

Seemann an ihm vorüberschritt und dem Commissair in die Cajüte folgte.

»Abgeblitzt!« lachte der Engländer, der, als er auf das Quarterdeck kam die

Unterredung gehört hatte. — »Hätte ich Euch auch vorher sagen wollen,

Camerad, denn wenn der Alte uns paar Europäer von Bord ließe, wen behielt er

denn da zurück als die Buschläufer, die ein Fallreep nicht von der Besanschote

zu unterscheiden wissen. Nein, damit ist's nichts! Ich hätte selber Einsprache

dagegen erhoben, also schlagt Euch die Phantasien aus dem Kopfe.«

»Wird wohl nicht anders werden, Mr. Culpepper,« stimmte der Franzose bei,

indem er leise vor sich hinpfeifend, nach vorn ging.

Der Nachmittag war indessen schon ziemlich weit vorgerückt; die Sonne stand

kaum noch eine halbe Stunde hoch am westlichen Himmel und die Wolken

begannen schon die den Tropen eigene, violette Färbung anzunehmen, als Señor

Fosca mit seinem Boot an Land fuhr. Statt der erbetenen sechs Mann Wache

hatte er sich aber zwölf ausgesucht, die vollständig bewaffnet ihn begleiten

sollten, und der Capitain that da auch keinen Einspruch. Er wollte

augenscheinlich mit der ganzen Sache nichts zu thun haben.

Am Land wurde er von den Spitzen der Behörden empfangen, der Alkalde, der

Postmeister und der Steuerbeamte — dessen Posten er selber früher einmal auf

Tomaco bekleidet hatte — standen an der Landung und die Begrüßung — wenn man überhaupt auf äußere Anzeichen schließen konnte — war eine herzliche.

Am liebsten hätte Señor Fosca nun allerdings das vorgenommen, was ihm am

meisten am Herzen zu liegen schien: die Verhaftung des Hochverräthers — aber

das ging doch nicht — der wichtigere Act und zwar die Uebernahme der Insel

und die Huldigung des neuen Präsidenten mußte vorausgehen, und die

S p i t z e n der Bevölkerung, von den meisten dort Ansässigen begleitet, begaben

sich demnach in das »Regierungsgebäude« (ein Haus, das sich vor den übrigen

nur durch einen etwas größeren Umfang auszeichnete), um den feierlichen Act

dort vorzunehmen.

Vorher hatte der Postmeister, der jetzt die Geschmeidigkeit selber zu sein schien

und gar nicht so that, als ob er je den geringsten Widerstand gegen Mosquera's

Ansprüche geleistet, eine längere und geheime Unterredung mit Señor Fosca,

und dann erfolgte in ziemlich summarischer Weise die Uebergabe der Stadt und

Insel an den neuen Herrscher, mit der Bestätigung der jetzigen Beamten in ihrem

Dienst.

Es war unterdessen vollkommen dunkel geworden und die beiden

»Kriegsfahrzeuge« in dem Canal hatten jedes an ihrem Vormast eine rothe

Laterne aufgezogen. Wachen brauchte es nicht an Deck, denn die ganze

Mannschaft lag zerstreut darauf herum oder saß plaudernd vorn auf der Back

oder auf den Railings. Hinten auf dem Quarterdeck ging der Franzose mit

verschränkten Armen auf und ab; der englische Steuermann lag bequem auf

einer Bank ausgestreckt und rauchte seine Cigarre.

Der Franzose hatte seine Jacke neben sich auf dem Steuerrad hängen, jetzt ging

er hin und zog sie wieder an.

»Nun, Bill,« lachte Mr. Culpepper. »Ihr friert doch nicht in d e r Temperatur?«

»Das nicht, Sir,« sagte der Mann gleichgiltig, »aber der Thau fängt an zu fallen,

und da drüben zieht auch wieder ein Wetter herauf. Wir bekommen eine böse

Nacht.«

»Ob es in dem verbrannten Lande nicht auch alle Tage vom Himmel

herunterschüttet!« brummte der Engländer und rauchte ruhig weiter. — Der

Franzose beschäftigte sich damit, einen Theil der noch unordentlich

umherliegenden Brassen aufzurollen. Eine davon aber, ohne daß es Mr.

Culpepper sehen konnte, nahm er und hing sie über Bord, dann stieg er langsam

und gleichmüthig über die Railing, ließ sich an dem Tau geräuschlos hinab und

verschwand im nächsten Augenblick unter Wasser.

»Heh, Bill!« rief der Engländer nach einer Weile, ohne jedoch den Kopf zu

wenden. — »Wohin wolltet Ihr denn eigentlich, wenn Euch der Alte losgelassen

hätte?«

Er bekam keine Antwort und sah sich jetzt erstaunt um. — Das Deck war leer.

»Hm!« brummte Mr. Culpepper vor sich hin. »Habe ihn doch gar nicht fortgehen

hören —«

»Du, Juan, da schwimmt ein Fisch!« sagte einer der Leute vorn an Bord.

»Wetter! Das muß ein großer Kerl sein. Ich mache meine Angel zurecht,

vielleicht fangen wir ihn.«

Es hatte sich für einen Moment ein dunkler Gegenstand über Wasser gezeigt,

verschwand aber sogleich wieder und einige der Leute holten ihr Angelgeräth

vor. Es gab wirklich viel Fische dort in der Nähe des Landes und das

aufsteigende Gewitter begünstigte den Fang.

Bill, wie ihn Mr. Culpepper alter Gewohnheit wegen nannte, hieß eigentlich

weder Bill, noch Guillaume, sondern Baptiste Lecomb, und hatte unterdeß seine

Flucht so keck und rasch ausgeführt, daß er als ein ganz vortrefflicher

Schwimmer das Land erreichte und längst zwischen den dunklen Häusern

verschwunden war, ehe er an Bord vermißt wurde. Am Land zog er sich vor

allen Dingen aus, und rang seine Kleider soweit als möglich trocken, daß er sich

nirgends durch die übergroße Nässe verrieth — eine Erkältung brauchte er in

dem heißen Clima nicht zu besorgen — und erkundigte sich dann bei dem ersten

Eingeborenen, den er antraf, ob kein Europäer, besonders ob kein Franzose in

dem Orte wohne. Er befand sich nicht weit von Renard's Haus und als er zu

diesem hingewiesen war, machte er keine weitern Umstände einzutreten.

Monsieur Renard war eben nach Hause zurückgekommen und bei der Uebergabe

der Stadt an Mosquera gegenwärtig gewesen. Er stand in seinem Laden und war

gerade im Begriff, seine beiden Lampen anzuzünden, da er an diesem Abend

unter den obwaltenden Verhältnissen nicht ohne Grund zahlreiche Gäste

erwartete, und die jetzt aufflackernde einzelne Oelflamme nur ein sehr

ungewisses Licht verbreitete. Wie in aller Welt hätte man auch eine s o l c h e

Festlichkeit in einem s o l c h e n Ort anders feiern wollen als durch Trinken, und

Renard wußte, daß er die besten Getränke in der Stadt hielt. — Es waren

wenigstens die theuersten.

Eben nicht angenehm überrascht wurde er da durch den etwas unerwarteten

Besuch, der sich ihm ohne Weiteres als Deserteur von einem der

neugranadiensischen Kriegsschiffe vorstellte.

Baptiste war in der That nicht der Mann, große Umstände zu machen, und nach

seiner ersten Einführung setzte er nur hinzu, indem er sich im Laden umsah:

»Zuerst, Landsmann, sehe ich, Sie haben hier Getränke, also bitte ich, geben Sie

mir einen tüchtigen Cognac, denn heißes Wasser zu einem Grog, der mir besser

thun würde, ist gewiß nicht fertig — es ist wenigstens nie fertig, wenn es am nöthigsten gebraucht wird, und dann verschaffen Sie mir ein Canoe, damit ich

nach Ecuador entkommen kann.«

»Und brauchen Sie sonst Nichts?« fragte Renard, über diese Zwanglosigkeit

erstaunt.

»Ein paar Dutzend Franken baar Geld wären allerdings erwünscht, denn das

Einzige, was ich von landesüblicher Münze besitze,« fuhr der junge Franzose

fort, »sind zwei schlechte ecuadorische Reale, sogenannte Dimesstücke, die ich

Ihnen hier nicht einmal für Ihren Cognac anbieten mag. Ich darf doch einen

Landsmann nicht beleidigen.«

»Alle Wetter!« lachte Renard, den diese ganz eigene Keckheit — und er selber

war sonst nicht gerade blöde — zu amüsiren anfing, »Sie trotzen nicht schlecht

auf unsere Landsmannschaft, Kamerad, denn wissen S i e wohl, daß Sie mich

hier — mit dem neuen Regime im Lande — durch Ihre Flucht in die furchtbarste

Verlegenheit bringen können, sobald man erfährt, daß ich das Geringste damit zu

thun hätte!«

»Bah!« sagte Baptiste gleichgültig. »Sie wissen recht gut, daß jeder Franzose,

unter ähnlichen Umständen, das Nämliche für S i e thun würde, also ist es nicht

der Mühe werth, nur ein Wort weiter deshalb zu verlieren. Oder wollten Sie mich

etwa an die Bestien wieder ausliefern?«

»Aber, bester Freund,« sagte Renard, wirklich in Verlegenheit, »was hilft Ihnen

selbst ein Canoe? Der Weg von hier nach dem Pailon — dem nächsten Platz in

Ecuador — ist gar nicht so leicht zu finden und Sie brauchen —«

»Machen Sie sich deshalb keine Sorgen,« lachte Baptiste. — »Ich bin nicht zum

ersten Male in Tomaco und kenne den Weg sowohl durch die Lagune wie um die

Punta Manglares.«

»Dann, bester Freund,« sagte Renard rasch, indem er ihm ein tüchtiges Glas

Cognac einschenkte, das Baptiste mit einem vergnügten »à v o t r e s a n t é !

Apropos, haben Sie nicht ein paar Cigarren?« leerte — »kann ich Ihnen keinen

bessern Rath geben als — und hier haben Sie auch einige vortreffliche

Esmeralda-Cigarren — als sich das erste beste Canoe von der Landung zu

nehmen und zu machen, daß Sie fortkommen, denn wenn man Sie an Bord

vermißt, werden Sie auch augenblicklich verfolgt werden, und wo soll man Sie

an einem Ort verbergen der nicht einmal Wände, viel weniger heimliche

Verstecke hat? Nur so viel Rücksicht bitte ich Sie auf einen Landsmann zu

nehmen, daß Sie m e i n Canoe liegen lassen. Es hat vorn am Bug einen kleinen

Messingknopf mit einem Hufeisen darunter genagelt. Ein Ruder gebe ich Ihnen

mit.«

»Sehr schön,« sagte Baptiste. »Ihr Canoe ist sicher, aber vorher beantworten Sie mir noch eine Frage. Lebt hier im Ort ein Señor Ramos? Apropos, haben Sie hier

eine Hinterthüre, wenn Jemand vorn in den Laden kommen sollte?«

»Allerdings, aber je länger Sie zögern, desto schwieriger wird Ihre Flucht sein.

Ein Señor Ramos lebt allerdings hier; kennen Sie ihn?«

»Ist er derselbe Ramos, der vor drei Jahren in Buenaventura wohnte?«

»Er zog glaube ich von dort nach Bogota.«

»Er hat Familie?«

»Eine sehr hübsche junge Frau und ein Kind, ein kleines Mädchen von etwa

sechs oder sieben Jahren.«

»P e s t e !« rief Baptista, indem er mit dem Fuße aufstampfte, »dann kann ich noch

nicht fort.«

»Und was haben Sie mit d e m zu thun?« fragte der Franzose. »Er hält mit

keinem Menschen Verkehr, und von ihm dürfen Sie keine Hülfe erwarten.«

»Aber e r braucht sie!« rief Baptiste rasch. »Vor drei Jahren, als ich in

Buenaventura todtkrank und verlassen lag, hat e r mich in sein Haus

aufgenommen und wie ein eigenes Kind gepflegt. — Seine Frau ist ein Engel

und die kleine Adriana ein Cherub. Meine Hand soll verdorren, wenn ich die

braven Leute im Stich lasse!«

»Das ist nicht übel!« rief Renard ärgerlich werdend. »Erstlich braucht Señor

Ramos weder Ihre noch eines andern Menschen Hülfe, und verlangt sie auch

wahrscheinlich gar nicht, und dann möchte ich wissen, was S i e ihm nützen

wollten, da Sie sich selber nicht einmal auf offener Straße dürfen blicken

lassen.«

»So haben Sie nichts davon gehört?« fragte Baptiste, »daß ihn der neue

Commissair — diese schieläugige Canaille mit dem Körper einer Katze und der

Seele eines Schakals — gefangen nach Buenaventura schleppen will, ihn und die

junge Frau und den Engel von einem Kind in jene Hölle von Gefängniß, das

mich, einen starken, kräftigen Mann, fast zum Selbstmord trieb?«

»Alle Wetter!« sagte Monsieur Renard halblaut und erstaunt. — »Also darauf

liefen die Anfragen des Señor Fosca hinaus? — Aber wie können Sie ihm

helfen?« fuhr er dann laut und kopfschüttelnd fort. »In der Stadt hat Señor

Ramos wenig oder gar keine Freunde, denn er hielt mit keinem Menschen

Verkehr und war immer stolz und aufgeblasen. — Gegen mich auch,« setzte er

etwas gereizt hinzu, »denn ich kam ihm ganz freundlich entgegen und meine

Frau hat den Leuten sogar einen Besuch gemacht, obgleich wir sie gar nicht

kannten, aber nicht ein Fuß von ihnen ist über unsere Schwelle gekommen,

außer den, welchen die Dienstleute darüber setzten, wenn sie Waaren holten, die sie aber schon hier holen m u ß t e n, weil sie sie sonst nirgends so gut und billig

bekommen.«

»Hat er seinen Neger bei sich?« fragte Baptista rasch, und ohne auf das, was

Renard sagte, zu hören, »einen flinken Mulattenjungen, der Antonio heißt?«

»Einer des Namens ist allerdings bei ihm, ein Bursche von vielleicht

vierundzwanzig Jahren.«

»Wenn ich nur d e n wenigstens sprechen könnte, daß man ihn warnte —«

»Alle Teufel!« rief Renard schnell. — »Jetzt kommen Leute.«

»Wo ist das Ruder?« rief Baptista rasch.

»Da hier in der Ecke lehnen zehn oder zwölf.«

Der Franzose griff ohne Weiteres eins davon heraus.

»Dort hinaus! Da ist die Thüre in den Hof. — Machen Sie, daß Sie hinüber nach

Ecuador kommen.«

Baptista sprang der Thüre zu, als dort ebenfalls Stimmen laut wurden.

»Caramba!« murmelte er leise vor sich hin. — »Das war zu spät.« Den Blick

umherwerfend erspähte er ein leeres Brodfaß, das dicht neben der

Ausgangsthüre und in einer Art von Gang stand, der aber nur durch Kisten,

Nagelfässer und sonstige Waaren gebildet wurde. Ohne Renard ein Wort weiter

zu sagen, oder ihn um Erlaubniß zu fragen, legte er die Hand auf den Rand

desselben, stützte sich mit der Rechten auf das Ruder und sprang hinein. Das

Ruder lehnte er dann daneben und hatte eben noch Zeit sich unterzuducken, als

die Thüre auch schon aufging und ein paar Einwohner von Tomaco, unter ihnen

der Postmeister, den Laden auf diesem ihrem Hause näher liegenden Wege

betraten. Gleichzeitig kam auch, laut und leidenschaftlich mitsammen redend,

ein Schwarm von Menschen von der anderen Seite und Renard, der, ehe er nur

einen Entschluß fassen konnte, seinen verzweifelten Landsmann schon in seinem

Versteck und dessen Flucht für jetzt wenigstens völlig abgeschnitten sah, warf

nur rasch und fast unwillkürlich eine gerade dort liegende alte Matte über das

Faß, und machte sich dann bereit, seine — jedenfalls in d i e s e m Augenblick

unwillkommenen — Gäste zu empfangen.

Señor Ramos hatte sich an diesem bewegten Tage, wie immer, streng

abgeschlossen in der Räumlichkeit seines eigenen Hauses und inmitten seiner

kleinen Familie gehalten, denn er suchte absichtlich Alles zu vermeiden, was ihn

mit dem politischen Treiben Tomacos hätte in Berührung bringen können. Was

half es auch, welche politische Richtung diese äußerste, vollkommen

abgeschiedene Ecke des Staates verfolgte? Sie stand mit dem übrigen Lande in

gar keiner Verbindung, und hatte sich dem zu fügen, was an den Hauptplätzen und im Herzen der Republik erkämpft und ausgefochten wurde.

Welchen Theil er früher an diesen Kämpfen genommen hatte — Niemand wußte

es in Tomaco; Niemand kümmerte sich darum. Hier schien er nur darauf

bedacht, seine Häuslichkeit so freundlich als möglich herzurichten, was ihm

denn auch mit den wenigen ihm hier zu Gebote stehenden Mitteln sicher

gelungen war.

Das Haus zeichnete sich vor den übrigen, wie schon früher erwähnt, allerdings

nur durch seine etwas größere Sauberkeit, und die zierlich gearbeiteten

Bambusjalousien, vielleicht auch dadurch aus, daß es vollkommen

g e s c h l o s s e n stand, und nur dann einen Einblick in das Innere gewährte,

sobald die Fenster in der Abendkühle weit geöffnet wurden. Im Innern aber

konnte es mit keinem der übrigen verglichen werden, denn Señor Ramos hatte

keine Kosten gescheut, ein kleines neu-granadiensisches Paradies daraus zu

schaffen.

Den Boden deckte vollständig eine chinesische roth- und gelbgestreifte

Strohmatte, ein Luxus, der sich in keinem einzigen der andern Häuser fand. Die

Betten, die in einem kleinen Bambusverschlag standen, waren reinlich

ü b e r z o g e n und mit schneeweißen Mosquitonetzen versehen, und selbst die

Wände waren nicht leer und ein Spiegel hing über einem kleinen sauber polirten

Tisch von inländischem Mahagoniholz, während zwei Oelgemälde in

vortrefflicher Ausführung Ansichten des wunderbar schönen Innern von Neu-

Granada darstellten.

Der Tisch war gerade zum Abendbrod gedeckt und die Chocolade dampfte in

Tassen von feinem Porcellan, während auf den Schüsseln gebratene Bananen

und Fische, frische Eier, feiner Schiffszwieback und eine dampfende Schüssel

mit Reis und gekochten Austern verriethen, daß es sich die Bewohner auch in

leiblichen Genüssen an nichts fehlen ließen. Auf dem Tische brannten zwei

Stearinlichter in Porcellanleuchtern. Dazu standen in einem besonderen

silbernen Gestell zwei junge angeschnittene Cocosnüsse auf dem Tisch, deren

süßes Wasser oder Milch als kühlendes Getränk dienen sollte, und die Frau, eine

reizende liebe Gestalt, mit rabenschwarzen Locken und feurigen Augen, hatte

gerade der Kleinen die Serviette umgebunden und sie auf ihrem Stühlchen näher

zum Tisch gerückt, als unten vor dem Hause Stimmen laut wurden, ohne daß sie

jedoch Geschrei oder Toben gehört hätten. Es war als ob eine Menge von Leuten

mit einander flüstere oder leise spreche.

»Was ist das?« sagte die Frau, erschreckt aufhorchend. »Hörst Du nichts, José?«

»Was wird es sein, mein Kind!« erwiderte freundlich der Mann. »Müßiges Volk,

das sich noch in der Straße herumtummelt, bis es von dem Gewitter in die Häuser getrieben wird. Setz' Dich, Schatz! Die Chocolade wird sonst kalt.«

»Sie kommen die Leiter herauf!« rief die Frau ängstlich. »Was können sie in

d e r Zeit noch von uns wollen? Es ist so viel fremdes Volk im Ort.«

»Gott weiß es!« erwiderte der Mann, jetzt ebenfalls aufstehend, denn die Frau

hatte Recht. »Bleib' sitzen, Adriana, mein Kind. Laß D u Dich wenigstens nicht

stören. Bleibe Du auch hier, mein Herz, ich werde selber nachsehen.«

»Ave Maria!« sagte plötzlich eine Stimme draußen an der kleinen Bambusthür,

die ebenfalls nur dieses eine Haus verschloß — denn Niemand wird in einem der

südamerikanischen Länder ein fremdes Haus ohne diese fromme Anrede

betreten, wenn auch der Sinn derselben oft nicht mehr bedeutet als der profane

Anruf bei uns, ob Jemand daheim sei.

»Purisima!« erwiderte Don Jose und öffnete die Thür, aber ein kaltes, eisiges

Gefühl durchzuckte sein Herz als der Lichter Schein auf das bleiche tückische

Gesicht des Commissairs fiel, der mit einem spöttischen Lächeln das kleine

freundliche Gemach rasch mit den Augen überflog und dann höhnisch sagte:

»Ungemein erfreut, Don José, Euch nach l a n g e m Suchen e n d l i c h in Euerm

stillen Asyl aufgefunden zu haben. Die Señorita doch wohl, hoffe ich? Bedauere,

wenn ich vielleicht stören sollte, aber Geschäfte, wie Ihr wißt, Don José, dulden

nun einmal keinen Aufschub.«

»Señor Fosca!« sagte Ramos fast tonlos — und er mußte sich zusammen

nehmen, um seine Fassung zu bewahren. »Ich hatte nicht erwartet, E u c h hier zu

sehen, denn ich glaubte, daß —«

»Ich noch ruhig hinter den eisernen Gittern säße, hinter die I h r die Güte gehabt,

mich zu setzen, wie?« lächelte der Mann und eine fast teuflische Bosheit zuckte

über sein außerdem nicht schönes Gesicht.

»Ich that nur meine Pflicht, Señor,« erwiderte Ramos.

»Natürlich, Don José, natürlich! — M e h r thun wir Alle nicht. Aber wollen Sie

mich wirklich heute Abend hier an der Thüre stehen lassen? Señorita, bitte,

setzen Sie sich, Sie zittern ja, als ob Sie einen Geist gesehen hätten.«

Ohne ein Wort zu erwidern schob ihm Don José einen Stuhl hin, auf den er aber,

mit einer höflich dankenden Verbeugung, nur zuschritt und mit der Hand dessen

Lehne ergriff, sich aber nicht niedersetzte.

»Es wird mir nicht so viel Zeit bleiben,« sagte er endlich, während er mit

tückischer Schadenfreude das Entsetzen beobachtete, das sein Erscheinen unter

den glücklichen Menschen angerichtet, »denn ich muß heute Abend noch an

Bord zurückkehren, aber die P f l i c h t wird eine angenehme, da ich die Fahrt in

so liebenswürdiger Gesellschaft mache. Señorita, ich möchte Sie bitten, etwas Wäsche zusammen zu packen, denn Sie werden uns begleiten.«

»Ich!« rief die Frau erbebend, und ihre Wangen überzog Todenblässe. — »Was,

um der Jungfrau Willen, haben Sie vor?«

»Señor,« sagte aber Ramos, der sich die größte Gewalt anthun mußte, um ruhig

zu bleiben, — »führt Sie eine Botschaft hierher, die Sie für m i c h haben, so bitte

ich, sich direct an m i c h deshalb zu wenden — einen unpassenden Scherz, den

Sie sich mit meiner Frau erlauben, dürfte ich nicht in der Stimmung sein, ruhig

zu ertragen. Sie wissen doch, daß Sie hier in m e i n e m Hause sind?«

»Señor Ramos,« erwiderte der Commissair mit seiner ewig lächelnden Ruhe, die

dem Gegner das Blut wie Feuer durch die Adern strömen machte, »behalten Sie

Ihr kaltes Blut! — Uebrigenes kann ich Ihnen die Versicherung geben, daß ich in

diesem Augenblick zu nichts weniger als zum Scherzen aufgelegt bin. Als ich

Ihrer Frau Gemahlin sagte, sie würde uns begleiten, sprach ich im vollen Ernst,

denn ich bin hierhergekommen, Señor Ramos, um Sie und Ihre Familie im

Namen Sr. Excellenz unseres hohen und berühmten Präsidenten Mosquera als

H o c h v e r r ä t h e r zu verhaften und nach Buenaventura hinüber zu führen.«

»Meine Familie?« schrie Don José fast außer sich. — »Und wenn ich wirklich

ein Hochverräther wäre, was hätte mein Weib — mein Kind dabei zu thun?«

»Das Kind allerdings nichts,« lächelte der Commissair, »aber die Anklage lautet

gegen Sie und Ihre Frau Gemahlin, und so leid es mir thut —«

»Hund, verruchter!« stöhnte da Ramos, der seine Wuth nicht länger mäßigen

konnte, indem er eins der auf dem Tisch liegenden Messer aufgriff und damit auf

den Buben lossprang. Fosca aber, der mit der entschiedenen Absicht hierher

gekommen war, seinen Todfeind bis zum Aeußersten zu reizen und dann erst zu

vernichten, war darauf vollkommen vorbereitet und hatte nichts versäumt.

Bei der ersten Bewegung, die der Wüthende machte, stieß er die Thüre auf und

in dem Moment sprangen die indessen heraufgeschlichenen Soldaten —

Gesindel, das er sich selber zu dem Zweck an Bord ausgesucht — über die

Schwelle und legten ihre Gewehre an. Die Frau fuhr in jähem Entsetzen nach

ihrem Kind, das schreiend die Aermchen nach ihr ausstreckte, aber ihre Kräfte

vermochten nicht sie länger aufrecht zu halten; sie brach ohnmächtig zusammen

und ihr Mann, alles Uebrige in der Angst um die Gattin vergessend, ließ das

Messer fallen und sprang zu, um sie zu unterstützen.

»Bindet den Verräther!« sagte Fosca ruhig, und ehe Ramos, mit der

Ohnmächtigen beschäftigt, nur den Sinn der Worte begriff, hatten sich ein Paar

der halbwilden Burschen schon auf ihn geworfen. Während ihn der Eine mit

dem Kolben vor die Stirn stieß, daß er zur Seite stürzte, faßten die Andern seine

Arme, zwangen sie zurück und schnürten sie fest.

Für einen Augenblick herrschte jetzt eine Scene der gräßlichsten Verwirrung in

dem kleinen Gemach. Der Gefangene, der nur für einen Augenblick betäubt

gewesen war, fuhr empor und suchte sich von seinen Banden zu befreien. In dem

Ringen stürzte der Tisch um und das Kind kreischte so laut, daß es die Mutter

damit wieder zum Leben zurückrief. — Aber auf der Straße unten sammelten

sich ebenfalls Leute, und zwar Bewohner der Stadt, die den Señor Ramos immer

nur als einen braven, ruhigen Mann gekannt, und jetzt nicht halb zufrieden

waren, ihn so behandelt zu sehen, aber auch keinen entscheidenden Schritt gegen

das bewaffnete wilde Gesindel wagen wollten.

»Nichtswürdiger Bube!« rief da Ramos, sobald er nur wieder Athem und

Besinnung erlangte, das ganze Furchtbare seiner jetzigen Lage zu übersehen. —

»Diebische, schuftige Canaille, aus dem Gefängniß entsprungen, um hier Deine

boshafte Rache an Unschuldigen zu üben....!«

Ein Soldat kam heraufgesprungen und flüsterte Fosca einige Worte zu. — Die

Stimmung unten wurde eine immer drohendere, und so gern sich der

Commissair vielleicht noch eine Weile länger an den Qualen der Unglücklichen

geweidet hätte, durfte er es doch nicht wagen. Er wußte genau, wie weit er gehen

konnte und daß er in der Furcht der Bevölkerung vor einem Conflict seine beste

Stütze hatte, war aber einmal der Damm durchbrochen, so ließen sich die Folgen

nicht absehn. So lag ihm denn nur daran, der Scene so rasch als möglich ein

Ende zu machen.

»Knebelt den Burschen!« sagte er finster. »Wir dürfen uns nicht länger mit ihm

aufhalten — und dann an Bord.«

Den Soldaten selber war das ein erwünschter Befehl, denn sie fürchteten nicht

mit Unrecht, daß er ihnen das Volk über den Hals schreien könne. Im Nu war das

Knebeln geschehen, denn darin besaßen sie eine anerkennungswerthe Fertigkeit.

Ramos befand sich wenige Secunden später machtlos in der Gewalt seiner

Feinde.

»Señor, um der heiligen Jungfrau Willen, was habt Ihr mit uns vor?« rief die

Frau. — »Was ist geschehen, daß so Entsetzliches nöthig wurde?«

»Señorita,« sagte Fosca, dem jetzt nur daran lag, fort und an Bord zu kommen,

und der deshalb vor allen Dingen die Frau beruhigen mußte, »wenn Ihr Herr

Gemahl nicht nach einer Waffe gegriffen hätte, wäre das Alles unnöthig

gewesen. Ertragen Sie für jetzt, was sich nicht ändern läßt, mit Geduld. Die

Anklage ist allerdings erhoben und da die Regierung den Befehl zu Ihrer

Verhaftung erließ, so muß derselbe auch ausgeführt werden. An Ort und Stelle

finden Sie aber vielleicht Mittel und Wege, sich wirksam zu vertheidigen und

Ihrer Rückreise — wenn Sie freigesprochen werden — steht dann nicht das Mindeste im Wege; jetzt fort mit ihm, Ihr Leute! — Macht rasch! Das Boot

wartet. Señorita, wenn Sie noch etwas von Ihren Sachen mitzunehmen

wünschen, was Sie auf der R e i s e brauchen, so habe ich nicht das Geringste

dawider. — Alles Andere ist Staatseigenthum und wird Ihnen erst bei Ihrer

Freisprechung in Buenaventura wieder eingehändigt.«

»Staatseigenthum?«

»Bitte, beeilen Sie sich ein wenig, denn so leid es mir thut, kann ich Ihnen doch

nur noch fünf Minuten Zeit geben.«

So völlig machtlos die Frau bei dem ersten Begreifen dessen, was sie bedrohte,

in sich zusammen gebrochen war, so vollkommen klar stand jetzt Alles vor ihrer

Seele, und das Entsetzliche, anstatt sie zu beugen, hielt sie aufrecht. Sie sah den

Gatten widerstandslos in der Gewalt der Feinde, sah sich und ihr Kind von

einem gleichen Schicksal bedroht und fühlte, daß sie für Alle denken mußte. Mit

zitternder Hand strich sie sich die herabgefallenen Locken aus der Stirn, aber ihr

Blick schweifte fest und suchend in dem kleinen Gemach umher und haftete im

nächsten Augenblick auf der angstvollen Gestalt Antonio's, der neben dem

furchtsam zusammengekauerten Mulattenmädchen in der kleinen Hinterthüre

stand.

»Ah, Teresa,« rief sie diese an, »mach ein wenig rasch! Muchacha, wir haben

Eile. Gieb mir etwas Kinderwäsche für meine Adriana heraus — und für mich

auch. — Wir gehen auf Reisen. Das Mädchen darf mich doch begleiten, Señor?«

»Bedaure sehr, Ihnen das abschlagen zu müssen, Señorita,« sagte Fosca kalt. —

»Es ist nicht Sitte, daß Gefangene Dienerschaft mitnehmen, und der Raum auf

dem Schooner ist ohnedieß außerordentlich beschränkt.«

»Die Reise wird nicht lange dauern?«

»Höchstens zwei Tage. Wir laufen vor dem Wind nach Buenaventura hinauf.«

»Gut denn! Wie Gott will! Hier, Teresa — still, mein Herz, weine nicht — die

Mama bleibt bei Dir — hier, Teresa, diese Sachen packe in die kleine

chinesische Kiste — dies auch noch — hier ist noch ein Kleidchen für Adriana

—«

Sie war an den Schreibtisch ihres Mannes getreten und hatte dort aus einer der

Schiebladen ein kleines Kästchen genommen, das sie mit ihrem Körper so

verdeckte, um es vor den Blicken des Commissairs zu verbergen. Ihr Auge

suchte dabei Antonio und der schlaue Schwarze begriff augenblicklich, was sie

wollte. Als sie an ihm vorüberging, hatte sie es ihm gereicht und er es auch

schon mit einer raschen Bewegung hinter sich und hinaus in das Dunkle

geschafft.

»Madame erlauben mir vielleicht, daß ich Ihnen behülflich bin,« sagte da vortretend Fosca, — »es versteht sich von selbst, daß Sie alle W e r t h s a c h e n