Unter Palmen und Buchen: Zweiter Band

Friedrich Gerstäcker · Kapitel 2 von 18

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Unter Palmen und Buchen: Zweiter Band

El Comisario.

 

E r s t e s C a p i t e l .

 

Tomaco.

 

Die Grenze zwischen den beiden Republiken Neugranada und Ecuador an der

Westküste Süd-Amerikas bildet der aus den Cordilleren mit wildem Ungestüm

niederstürzende Fluß Mira — und auch wirklich nichts weiter, als die G r e n z e,

denn erst ganz nahe der See, im flachen Land, ist es möglich, ihn mit Booten zu

befahren. Weiter oben hat er einen viel zu steilen Fall, und riesige Felsblöcke,

die er überall aus seinem Bett und von seinen Ufern losgerissen, machen die

Passage selbst für Canoes gefährlich.

Durch die Gewalt, mit welcher er aus den Bergen kommt, und bei einer

außerordentlich kräftigen Strömung durchriß er aber das niedere fruchtbare Land

an verschiedenen Stellen, und bildete so einige kleine Inseln, von denen Tomaco

die wichtigste, und ein wirkliches Miniaturparadies ist. Ein Paradies nämlich,

was Scenerie und Vegetation betrifft, denn sonst sorgen die Bewohner dieser

Republiken schon dafür, daß die paradiesischen Zustände in ihrem Lande nicht

zu sehr an die alte Sagenheimath unserer Vorältern erinnern.

Ein vielleicht hundert oder hundertzwanzig Fuß hoher Felsen scheint den Kern

der Insel zu bilden, an dem sich die Macht des Stromes in früheren

Jahrhunderten brach, so daß dieser gezwungen wurde, sich rechts und links

daran hin seine Bahn, dem Meere zu, zu suchen. Aber der fruchtbarste Boden

deckt das alte Gestein und, ganz unähnlich ihren Nachbarn an der Küste, die zu

faul sind, einen Fruchtkern in den Boden zu stecken, haben die Leute, die sich

dort auf der kleinen Insel niederließen, einen wahren Garten aus ihr geschaffen,

dessen Producte jetzt Käufer an der ganzen Küste finden.

Fortwährend legen dort kleine Schooner an, die von Guajaquil besonders Waaren

und leider auch Getränke bringen, und, dafür mit Cocosnüssen, Bananen,

Cherimoyen, Alligatorpears (a g u a c a r t a), Ananas und andern kostbaren Früchten

beladen, wieder dorthin zurückkehren, oder ihre Fracht auch an den

Zwischendörfern absetzen, und dafür Gummi oder Cacao einnehmen.

Im Anfang bestand die kleine Ansiedelung, die sich auf der Insel gegründet, nur aus wenigen Personen, die sich theils mit dem sehr bedeutenden Fischfang,

theils mit dem Gartenbau beschäftigten. — Nach und nach siedelten sich mehr

dort an, Kaufläden entstanden und Branntweinschenken; eine Brennerei wurde

sogar auf der Insel selber angelegt, um das dort gezogene Zuckerrohr gleich an

Ort und Stelle zu verwerthen, und der Verkehr wuchs so bedeutend, daß es sogar

der kleine englische Dampfer, der seine regelmäßigen Fahrten zwischen Panama

und Guajaquil macht, für vortheilhaft fand, dort anzulegen und so eine

Postverbindung zwischen Tomaco und der übrigen Welt herzustellen.

Einen Alkalde wählten sich die Leute zwar noch immer selber und aus ihrer

Mitte, und sie hatten bis dahin von den gar nicht seltenen Revolutionen

Neugranadas eigentlich nur dann erst Kunde bekommen, wenn die Sache vorbei

und für eine oder die andere Partei entschieden war. Wie sich der Wohlstand der

Insel aber mehr und mehr hob, lenkte sie auch — keinen Falls zu ihrem Vortheil

— die Aufmerksamkeit der Regierung auf sich, und die Wichtigkeit ihres

Besitzes stellte sich mehr und mehr heraus, als auch das unmittelbar daran

stoßende Ecuador Oberhoheitsrechte über Tomaco beanspruchte.

Trotzdem hatte man in der letzten Revolution, die Mosquera gegen die

bestehende Regierung anzettelte, noch sehr wenig von den Lasten des Krieges

gefühlt, und einzelne Familien zogen sich sogar aus dem, den ewigen Streifcorps

beider Parteien preisgegebenen Bogota hierher zurück. Aber dieser Friede sollte

nicht lange dauern, denn während südlich von ihnen in Ecuador der

Mulattengeneral Franco die Fackel der Empörung in ein ruhiges Land

schleuderte und seine Macht mit gemietheten Banden eine kurze Zeit aufrecht

hielt, rüstete Mosquera im Norden ein paar kleine Schiffe aus, um auch die

Küstenplätze des Reiches zu besetzen, während er mit seinen Truppen das Innere

durchzog und mit wechselndem Glück bald Bogota, die Hauptstadt, einnahm,

bald wieder daraus vertrieben wurde. An eine Ve r t h e i d i g u n g derselben

dachte man nie. — Welche Partei gerade die stärksten Banden hatte, rückte ein,

und die andere zog indessen ab, um größere Verstärkung zu bekommen.

Ob Mosquera siegte oder besiegt wurde, unruhige und beunruhigende Gerüchte

zuckten überall an der Küste auf und ab, und ließen die Eingeborenen, die nicht

das geringste Interesse an dem endlichen Ausgang des Kampfes hatten, ihres

Lebens sich nie freuen. Was lag ihnen daran, ob ihr Präsident Mosquera oder

sonst wie hieß? Sie bekamen ihn auf Tomaco doch nie zu sehen, und selbst zu

Ecuador hätten sie sich mit der größten Gleichmüthigkeit schlagen lassen, wenn

sie weiter keinen Nachtheil hatten.

Aber es ist eine alte Geschichte, daß weder in Republiken noch Monarchien das

eigentliche Volk selber eine Revolution macht, sondern im Gegentheil dazu überredet werden muß. Der materielle Druck einer Regierung wirkt nie so

unerträglich, treibt nie so rasch zum Aeußersten, wie der geistige, den das

eigentliche Volk nicht so leicht fühlt.

Auch Mosquera's Regierung würden sich die Einwohner von Tomaco mit

Vergnügen unterworfen haben, so weit es nämlich die unteren Classen, die

Fischer und Ackerbauer betraf, denn sollten sie sich etwa, eines Namens wegen,

widersetzen und ihre Netze und Boote, ihre Anpflanzungen und Gärten

preisgeben? — Aber in Tomaco befand sich ein unter der alten Regierung

gewählter Alkalde, ein Postmeister, ein Steuereinnehmer — lauter Leute, die

allerdings in bloßen Füßen und Kattunhemden in der Welt herumliefen, aber

trotzdem eine Stellung zu verlieren hatten. Sie stützten mit ihrem Anhang das

alte Regime, während die hierher geflüchteten Neu-Granadienser Alles thaten,

was in ihren Kräften stand, um gegen Mosquera und die Umsturzpartei zu

wirken. Es wurde ihnen das um so leichter, als Mosquera in dem Verdacht stand,

eine Militärherrschaft gründen zu wollen, und das war die verhaßteste von Allen,

denn die jungen Leute fürchteten, nicht mit Unrecht, ausgehoben und in das

innere, ungesunde Land geschleppt zu werden.

Kurz, Mosquera schien in Tomaco, wenn man die Bevölkerung hätte wollen über

ihn abstimmen lassen, wenig Aussicht auf Erfolg zu haben. Desto größer war die

Beunruhigung der Leute, als der kleine Dampfer, die »Anna«, eines Tages die

Kunde mit nach Tomaco brachte, daß Mosquera Buenaventura besetzt habe, und

zwei »Kriegsschiffe« schon von dort ausgelaufen seien, um die südlicher

liegenden Küstenstädte ebenfalls dem »neuen Präsidenten« zu unterwerfen. Sie

hatten wenigstens Buenaventura schon verlassen, als die Anna dort anlief, wenn

es auch noch eine Weile dauern konnte, bis sie hierherzu aufkreuzten, da ihnen

Wind, wie Strömung an der Küste fortwährend entgegen waren.

Wie ein Lauffeuer zuckte diese Schreckenskunde über die Insel und die

Bewohner schienen gar nicht an Widerstand zu denken, bis ein Franzose, der

dort eine Art von Hôtel oder Branntweinwirthschaft mit einem Kaufladen hielt

und außerdem noch herüber und hinüber speculirte, der Unschlüssigkeit ein

Ende machte, und von seinem Ladentisch aus den Einwohnern auseinander

setzte, daß sie sich v e r t h e i d i g e n und ihre Freiheit bewahren müßten.

Der Mann sprach jedenfalls als Fremder unparteiisch, denn daß er ein Dutzend

alte Musketen und ordinäre, schon halb verrostete Flinten auf Lager hatte, und

außerdem Pulver und Munition führte, wovon er in ruhigen Zeiten

außerordentlich wenig absetzte, konnte ihn kaum dazu bewogen haben, seinen

Mitbürgern einen solchen Rath zu geben. Nichtsdestoweniger versäumte er keine

Zeit, um die genannten Kriegsinstrumente, so rasch es anging, wenigstens von außen, wieder etwas in Stand zu setzen und den Rost zu entfernen. Was er an

sonstigen Waffen: Pistolen und Messern, besaß, wurde ebenfalls vorgesucht, um

zur Schau auf seinem Ladentische auszuliegen.

Unterdessen wirkte das ausgestreute Gift. In seinem Laden sammelten sich

vorzugsweise die Müßiggänger der Stadt, um bei einem Glase Aguaardiente

oder süßen Liqueurs, den sie sehr gern tranken und den Monsieur Renard so

schlecht als theuer führte, ihre zukünftige Haltung zu besprechen. Sie wollten

sich zu einem Entschluß hinaufarbeiten, der aber — wie die Meisten recht gut

wußten — im letzten und entscheidenden Augenblick doch unausführbar war.

Welchen Widerstand hätten sie einer bewaffneten Macht bieten wollen? Ein

einziger Raketenschuß würde ihre ganze aus Bambus und Schilfdächern erbaute

kleine Stadt in Brand gesteckt haben. Befestigungen gab es gar nicht — die

Straßen lagen sämmtlich offen, feindliche Boote konnten in der Fluthzeit fast an

jedem Theile der Insel landen. Dazu war die Bevölkerung fast waffenlos und,

wenn sie auch Waffen gehabt hätte, ungeübt in dem Gebrauch derselben. Alle

Vernunftgründe sprachen deshalb dafür, etwas, das man doch nun einmal nicht

ändern konnte, ruhig über sich ergehen zu lassen, noch dazu, da es ihnen nicht

einmal Nachtheil bringen konnte. — Aber der Branntwein! Sobald die Köpfe

erregt waren, fingen die Leute an, welche ihre j e t z i g e Regierung ebenfalls nur

dem Namen nach kannten, patriotisch zu werden, und eines Tages, ehe es dunkel

wurde, hatte Louis Renard seine sämmtlichen alten Musketen an den Mann

gebracht, sogar seine eigene und letzte, ziemlich gute Doppelflinte verkauft und

mit seiner Munition so weit aufgeräumt, daß ein neuer Auftrag nach Guajaquil

oder Panama nöthig wurde.

Am nächsten Morgen waren die Bewohner von Tomaco auch schon mit

Tagesanbruch munter, und Kundschafter erkletterten den Felsen, um von dort

aus einen besseren Ueberblick über die See zu gewinnen, und etwa ansegelnde

Fahrzeuge augenblicklich signalisiren zu können. Ueberhaupt befand sich die

Stadt in einer ziemlichen Aufregung, da sich zu gleicher Zeit eine Art von Miliz

gebildet hatte, die freilich nur in der einen Hinsicht uniform war, daß sämmtliche

»Soldaten« o h n e Uniform erschienen. Auch zwei kleine Kanonen wurden

vorgesucht, die der Postmeister einmal von der »Anna« erstanden hatte, wo man

sie gebraucht, um Signalschüsse zu geben. Natürlich fehlte es an Kugeln dazu,

die sich aber durch kleine Stücke gehackten Bleies ersetzen ließen, und es sah in

der That so aus, als ob die Stadt entschlossen wäre, ihre »heiligen Rechte« bis

auf den letzten Blutstropfen zu vertheidigen — aber es sah auch nur so aus.

Die Leute exercirten allerdings den ganzen Vormittag und als die Seebrise mit

dem nahenden Abend das Land bestrich, begannen sie noch einmal, und die Meisten hatten sich schon gemerkt, was Links und Rechts war. Als indeß der

ganze Tag verlief, ohne daß sich ein feindliches Segel blicken ließ, und am

nächsten und nächstfolgenden Mosquera's Flotte immer noch auf sich warten

ließ, erkaltete der Eifer, und man fing an, seinen gewohnten Beschäftigungen

wieder nachzugehen. Sie mußten das ja auch, wenn sie überhaupt leben wollten,

denn wer denkt in diesem Klima daran, sich Vorräthe von dem anzulegen, was er

gerade braucht! An der Insel lagen ein kleiner Schooner und zwei

Wallfischboote, die angelaufen waren, um Früchte zu kaufen; diese mußten ihre

Ladung bekommen, und die Fischer durften ebenfalls nicht länger müßig liegen,

denn Alles murrte, daß kein einziger frischer Fisch im ganzen Orte zu finden

war.

Man tröstete sich sogar damit, daß die ganze Flottengeschichte nicht wahr sei.

Der liebe Gott wüßte, welches Märchen man den Leuten von der Anna in

Buenaventura aufgebunden hatte. Mosquera dachte wahrscheinlich gar nicht

daran, sie in ihrem abgelegenen Fischerdorf zu belästigen, und ihre

Vorsichtsmaßregeln waren unnütz gewesen — hatten aber freilich nur jenen

leichtsinnigen Menschen Schaden gethan, die sich verleiten ließen, so Hals über

Kopf Schießwaffen und Munition zu kaufen. Was sollten sie jetzt mit den alten

Schießeisen anfangen?

In einem neugebauten Haus, das sich durch die noch nicht wettergebräunten

Tragestämme und das helle, frische Dach deutlich von den anderen unterschied,

auch auffallend sauberer gehalten war und oben, statt der sonst gewöhnlich halb

oder ganz fehlenden Seitenwände, neue Bambusseiten zeigte, deren regelmäßig

eingeschnittene Fenster mit einer dort gebräuchlichen Art von Bambusjalousien

verhangen waren, wohnte ein Señor Ramos mit seiner Familie, der vor etwa drei

Monaten mit seiner Frau, einem Kinde und zwei schwarzen Dienstleuten hierher

übersiedelte, gleich nach seiner Ankunft den Platz kaufte und das Haus darauf

baute.

In jenen glücklichen Ländern nämlich braucht man zu einem Hausbau keine

Maurer, Zimmerleute, Tischler, Dachdecker, Tüncher, Glaser, Schlosser,

Tapezierer und wie die schrecklichen Menschen alle heißen, die einem Bauherrn

das Leben bis in das innerste Herzblut hinein vergiften, so daß er tagtäglich das

Bauen auf ewige Zeiten verschwört. Wer sich ein »Haus« bauen will, accordirt

dasselbe mit einem Eingeborenen, der sich entweder von seiner eigenen Familie

helfen läßt, oder ein paar Nachbarn zur Arbeit nimmt, dann werden die dazu

nöthigen Stämme im Walde frisch gefällt, Einer spaltet die jungen Palmen, die

zu Boden oder Wänden benutzt werden sollen, indem man sie einhackt und

ausbreitet, ein Anderer holt das Schilf oder die Palmenblätter zum Dach und schnürt sie mit Bast in Büschel zusammen. Wenn einmal die Löcher gegraben

sind, in welche die Pfähle zu stehen kommen, die den oberen und einzigen Stock

tragen sollen, so ist auch das Haus in einer einzigen Woche fertig, und kann

bezogen werden. Die Häuser stehen dort alle auf Pfählen. Es ist das viel

gesünder und luftiger und auch des vielen Ungeziefers wegen nöthig, das sich

unten auf dem Boden weit zahlreicher einfinden würde. Nur in den kleinen

Städten haben die K a u f l e u t e ihre Läden unten, indem sie einen Palmen- oder

Bambusverschlag um die unteren Stämme machen, aber auch sie w o h n e n

oben. Ueberhaupt würde es Niemandem einfallen, auf der feuchten Erde zu

schlafen, wenn er sich nicht gerade draußen im Wald befindet, und dazu

gezwungen ist.

Señor Ramos muthete das nicht einmal seinen Dienstleuten zu, sondern setzte

noch ein kleines Nebenhaus für diese an, das zwar seine besondere Leiter hatte,

mit dem Hauptgebäude aber im ersten Stock durch einen schmalen und

schwanken Bambussteg verbunden war, der Abends durch eine vorgebundene

und mit einer Matte bedeckte Gitterthür von dem nämlichen Material abgesperrt

wurde.

Señor Ramos mußte — wenn die Vermuthung der Leute von Tomaco richtig war

— ein sehr reicher Mann sein, denn er arbeitete nicht allein Nichts — das thaten

sehr Viele in Tomaco — er verkaufte auch Nichts, und bezahlte Alles, was er

brauchte — wenn das auch nicht viel war — baar und in blankem Silber. Er

verließ auch sein Haus nur sehr selten, schrieb aber dort fleißig, und nur, wenn

der englische Dampfer kam, fuhr er mit dem Capitän an Bord zurück, blieb dort,

bis das kleine Fahrzeug wieder zu arbeiten anfing, und kehrte nachher in seinem

eigenen Canoe, das sein Neger ruderte, an Land und in sein Haus zurück.

Er war, wie man recht gut wußte, ein Feind Mosquera's und ein getreuer

Anhänger der Regierung von Panama, denn er hatte, als er hierher zog, kein

Hehl daraus gemacht. Trotzdem kaufte er sich weder bei Señor Renard eine von

dessen alten Musketen, noch exercirte er mit in der Sonne am Strand, und als ihn

der Postmeister direct dazu aufforderte, sich an der Nationalvertheidigung zu

betheiligen, meinte er, er könne schon exerciren, und wenn es wirklich zum

Kampf käme, würde er neben dem Postmeister fechten, — eine Sache, die der

Postmeister — allerdings aber nur im Stillen — für sehr unwahrscheinlich fand,

denn er selber war noch gar nicht mit sich einig, ob er es soweit würde kommen

lassen.

 

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