Unter Palmen und Buchen: Zweiter Band
Siebentes Capitel. Der Commissair in der Falle.
er auf, was ihm gerade unter die Hände kam, und folgte den Vorangegangenen,
die schon unterwegs nach dem Boote waren.
S i e b e n t e s C a p i t e l .
Der Commissair in der Falle.
In einer entsetzlichen Lage waren indessen die unglücklichen Gefangenen, die,
ganz der Willkür ihres Henkers anheim gegeben, den rohen Scherzen und dem
Spott der Soldaten zur Zielscheibe dienen mußten, damit diese sich die müßige
Zeit am Ufer vertreiben konnten. Fosca hinderte sie auch nicht daran und Señor
Ramos knirschte machtlos seine Zähne zusammen. Er konnte nichts dagegen
thun. Mit auf den Rücken gebundenen Händen lag er hinten im Boot, während
neben ihm im Heck, die Steuerreeps in der Hand, der Commissair Platz
genommen hatte. Die Frau kauerte mit dem Kinde in der Mitte des Bootes,
neben ihren dort aufgehäuften Habseligkeiten, und ihre stillen Thränen netzten
die Wangen der Kleinen, während sie ihr liebe Worte gab, sie zu beruhigen
suchte und ihr Trost zusprach — Trost, der ihr selber fehlte.
Der Commissair war schon fast ungeduldig geworden, denn wenn auch seine
eigene Habgier die Leute noch einmal hinauf geschickt hatte, um so viel als
möglich mit fortzuführen, fing die Zeit ihm doch an lang zu werden.
Die Soldaten schlenderten indessen am Ufer auf und ab, als einer von ihnen die
Ankunft der Erwarteten meldete.
»Nun endlich!« rief ihnen Fosca schon von weitem entgegen. »Das hat lange
gedauert. Macht, daß Ihr herein kommt. Aber wozu schleppt Ihr den ganzen
Plunder mit herunter? Wer hat Euch gesagt, daß Ihr die Betten mitnehmen sollt?
Wir haben ja nicht einmal im Boote Platz. Werft die Lumpen dort auf den Sand
und legt nur das Andere herein.«
»Bitte um Entschuldigung, Señor Comisario,« lachte Baptiste, indem er seine
Ladung, g e g e n den Befehl, in das Boot warf und dann Antonio's ebenfalls
abnahm und den ersten folgen ließ; »es ist eine alte Regel, beim Ausräumen
nichts zurückzulassen, und da die Gefangenen doch unterwegs wahrscheinlich
auch schlafen wollen, brachte ich mit, was mir unter die Hände kam.«
»Caramba!« rief der Commissair erstaunt. »Señor Batista? Ich meinte, die ganze
Mannschaft sei hinter Ihnen her, um Sie wieder einzufangen!«
»Das ist prächtig,« lachte der Franzose. »Dasselbe haben mir schon die Burschen gesagt. Wenn ich also auf speciellen Befehl des Admirals in der Stadt
herumlaufe, um einige Aufträge auszuführen, hetzt der Steuermann die Soldaten
hinter mir drein, um mich wieder einzufangen. Kostbare Idee das! — Aber
rasch, Jungens, das Wasser fällt schnell, die Ebbe muß bald ausgelaufen sein und
wir bleiben auf trockenem Sande sitzen. Holzköpfe, Ihr, seht Ihr nicht daß das
Boot schon aufsitzt? Angefaßt da! Rasch, damit wir es wieder flott bekommen!«
Die Thatsache ließ sich nicht leugnen und die Soldaten, völlig beruhigt darüber,
daß ihr Officier n i c h t hatte weglaufen wollen — er wäre sonst doch wahrhaftig
nicht freiwillig wieder gekommen — sprangen in das Wasser und schoben das
Boot zurück, bis es wieder flott wurde.
»Wir haben hier nicht alle Platz!« rief der Commissair.
»Das ist richtig. Dann bleiben die Soldaten zurück, bis wir das Boot wieder
herüber schicken können.«
»Das geht nicht,« beharrte Fosca. »Ich muß Wache bei dem Gefangenen haben.«
»Dann wird doch wohl noch ein Canoe aufzutreiben sein,« sagte Baptiste. —
»He, Bursche, hast Du kein Canoe in der Nähe?«
»Gleich hier oben, Señor,« rief Antonio, an den die Frage gerichtet war.
»Dann hole es, schnell!«
Der Mulatte verschwand wie ein Schatten in der Nacht.
»Wer war der?« fragte der Commissair.
»Ein Bursche, der uns heute Abend noch frisches Fleisch herüber liefern soll. Er
muß mit an Bord, um den Auftrag zu erhalten.«
Ein eigener wilder Plan zuckte durch des Franzosen Hirn. Noch war es vielleicht
möglich die Unglücklichen zu retten, wenn er den größten Theil der Soldaten
beseitigen konnte. Aber wie? Gewohnt jedoch, Alles dem Augenblick zu
überlassen, sprang er jetzt ebenfalls in das Boot, angeblich um das Gepäck zu
ordnen, in Wirklichkeit, um es so zu vertheilen, daß so wenig als möglich
Menschen darin sitzen konnten.
Die Gefangenen hatten ihn gar nicht beachtet und noch viel weniger in der
Dunkelheit erkannt. Waren doch auch Jahre verflossen, daß sie seine Stimme
gehört, die damals, von Krankheit geschwächt, auch matt und hohl genug
geklungen hatte. Und wie konnten sie ihn an Bord hier und unter denen
vermuthen, die im Begriff waren, ihr ganzes Lebensglück zu zerstören!?
Von oben den Canal herunter kam jetzt das Canoe gerudert und lief im nächsten
Augenblick etwa zehn Schritt von dem anderen auf den Sand.
»Hallo! Was ist das für ein Frauenzimmer da drin?« rief der Commissair.
»Die Wäscherin, Señor, die an Bord soll und die ich dort oben fand,« erwiderte Antonio rasch gefaßt, und Ramos zuckte unwillkürlich zusammen, denn j e t z t
hatte er seines treuen Burschen Stimme erkannt. Aber Baptiste rief, auf die Idee
eingehend:
»Zum Henker und wegen der bin ich eine volle Stunde in dem dunklen Nest und
drüben an der Punta herumgehetzt! Ich glaubte schon, der Admiral würde mir
alle Wetter auf den Hals fluchen, wenn ich sie nicht mitbrächte. Aber hinein hier
mit ihr in das Boot! Die darf ich nicht drüben bei den Soldaten lassen.«
»Hier in das Boot geht sie nicht mehr,« rief der Commissair dazwischen.
»Caramba! Mann, wen und was wollt Ihr denn nicht n o c h hereinpacken?«
Baptiste war nicht gesonnen, seinen einmal gewonnenen Vortheil aufzugeben.
J e t z t mußte er mit dem B o o t e fliehen — das war die letzte Möglichkeit eines
Erfolges, und da er mit dem Canoe nie hätte wagen dürfen, schwer geladen in
die offene See hinauszusteuern, so bot das Boot, so mittelmäßig es auch sonst
sein mochte, doch unendlich mehr Sicherheit. Ohne deshalb auch weiter den
Befehl des Commissairs zu beachten und das Mulattenmädchen, das schnell an
Land gesprungen war, selber in den Bug des Bootes hebend, sagte er:
»Ueberlassen Sie das Alles mir, verehrter Herr! I c h bringe Sie sicher hinüber,
denn mir liegt selbst daran, von der Sache abzukommen. Auf einem Kriegsschiff
macht man nicht gern den Polizeidiener und Büttel. — He, kannst Du rudern,
Bursche?«
»Gewiß, Señor,« erwiderte Antonio.
»Dann marsch hinein mit Dir und stoß ab! Halt, für das Canoe sind zu viel
Leute! Zwei können noch mit hier herein.«
»Wenn Sie nicht den ganzen Platz verpackt hätten,« rief der Commissair
unwillig. »Werft doch den Plunder über Bord.«
»Gut, dann legt Eure Gewehre hier herein. Gebt sie her! Herr Commissair, bitte
um ein wenig Raum.« Und die Gewehre der Leute nehmend, trug er sie selber,
das Wasser nicht achtend, hinter nach den Steuerreeps.
»Und wie soll ich jetzt steuern?« fragte Fosca ärgerlich.
»Das besorge ich selber. Jetzt vorwärts! Einer von Euch noch herein. Du hier,
Pedro!« sagte er, einen kleinen schwächlichen Burschen aus dem Trupp
ergreifend. »Setze Dich da vorn hin und rudere aus Leibeskräften. Nun ab!
Kommt mit dem Canoe nach, so rasch Ihr könnt.«
Die Soldaten waren ganz verdutzt. Wenn ihnen aber das hastige, fremdartige
Benehmen ihres Officiers auch auffiel, konnten sie doch nichts dagegen thun,
denn er war einmal ihr Vorgesetzter, und so lange es sich der Commissair
gefallen ließ, durfte es i h n e n auch recht sein.
»Caracho, Señor!« lachte der Eine. »Die Señorita hätten Sie uns ebensogut im
Canoe lassen können. — Sie haben ja schon eine an Bord.«
»Nichts für uns Beide, Camerad!« rief ihm der Franzose zu, während er, von
Antonio kräftig unterstützt, das Boot mit dem Ruder hinaus in tiefes Wasser
stieß. Dort wirkte schon die Strömung und sie mußten zu den Rudern greifen.
»Bitte, Señor,« sagte dann Baptiste, indem er ziemlich rücksichtslos über die
Gefangenen hin nach hinten stieg und sich zu dem gebundenen Ramos
niederbog, »der Señor hier liegt mir im Wege. Steuern S i e einmal einen
Augenblick.«
»Ja steuern!« brummte der Commissair. »Alle Gewehre liegen auf den Reepen.«
»Fassen Sie nur das Ruder mit der Hand an. Sie wissen sich doch sonst immer so
vortrefflich zu helfen, Señor.«
Der Ton, mit dem dieses gesagt wurde, frappirte den Neu-Granadienser, aber er
mußte in der That das Steuer etwas aufdrehen, wenn das Boot nicht mit der
Strömung zu weit hinabgetrieben werden sollte. Er erhob sich zu dem Zweck,
kniete auf den Sitzbord und richtete das Ruder.
»Muth!« flüsterte in demselben Moment Baptiste dem Gefangenen zu und
Ramos fühlte, wie ein scharfes Messer seine Bande durchschnitt. Seine Arme
wurden frei.
»Und nun legt Euch in die Ruder, Burschen!« rief der Franzose, sich wieder
aufrichtend, den beiden Leuten zu, indem er selber zum Steuerruder ging und die
Gewehre so zurückschob, daß er zwischen sie und den Commissair zu sitzen
kam.
»G u a r d a s e , S e ñ o r ,« sagte der Soldat, »sie sind alle geladen.«
»Ich weiß es. Nehmt Euch nur beim Aussteigen damit in Acht, daß Keiner an
dem Hahn hängen bleibt. So, Señor Comisario, jetzt werde ich Sie ablösen.
Haben Sie die Güte und rücken Sie noch ein klein wenig hinüber.«
»Halten Sie nicht zu tief! Die Strömung ist hier sehr stark und wir treiben sonst
vorbei,« sagte Fosca, als er sah, daß der Franzose den Bug mehr abfallen ließ.
»Nur keine Angst, Señor,« lachte dieser in der Erregung des Augenblickes und
das Herz klopfte ihm, als ob es ihm die Brust zersprengen wollte. »Ich verfehle
mein Ziel nicht, und passen Sie auf, was für eine angenehme Fahrt wir haben.«
»Sie treiben wahrhaftig zu weit nach unten! Caracho, Señor! Können Sie nicht
steuern? Sehen Sie doch, wie das Canoe hält.«
»Ja, mein bester Señor,« lachte Baptiste — sie waren dem Canoe wenigstens
hundert Schritte voraus. »Die Leute da drüben wollen auch an B o r d, wir aber
sind im Begriff, eine kleine S e e f a h r t zu machen.«
»Eine Seefahrt?« rief der Commissair, erschreckt von seinem Sitze aufspringend.
— »Verrath!«
Er hatte das Wort noch nicht ganz heraus, als ihm Baptiste's Finger den Hals wie
in einem Schraubstock zusammenpreßten.
»Señor Ramos,« rief er dabei, »auf und an Ihr Ruder! Du, Pedro, nach vorn! Die
geringste Bewegung die Du machst, und ich jage Dir eine von den Kugeln durch
den Leib — oder halt! Willst Du rudern, so rudere, was Du rudern kannst, und es
soll nachher Dein Schade nicht sein, aber bei dem geringsten Zeichen von
Verrath bist Du eine Leiche!«
»Ja, Señor, gewiß — wenn ich muß.«
»Du mußt! Antonio, bei der ersten falschen Bewegung, die er macht, rennst Du
ihm Dein Messer in den Leib und wirfst ihn über Bord. Rudere jetzt! Stärker!
Caramba, es ist für Dein Leben, Patron, denn wenn wir eingeholt werden,
massakrire ich Dich selber.«
»Hallo!« schrien jetzt die im Canoe befindlichen Soldaten hinter ihnen her.
»Weiter hinauf! Ihr verfehlt das Schiff.«
»Bube!« zischte der gefangene Commissair unter dem furchtbaren Griff seines
Nachbars durch die Zähne, und sich dann mit äußerster Kraftanstrengung frei
machend, schrie er in einem wahren Aufkreisch um Hülfe. Aber es war nur ein
einziger Ruf, den er ausstoßen konnte, denn Baptiste, der das Steuer nicht
loslassen konnte, hatte nur einen Moment in seinem Griffe nachgelassen. D e r
Gefahr durften sie sich nicht aussetzen und ehe der Ueberlistete einen zweiten
Schrei ausstoßen konnte, traf ihn die geballte Faust des kräftigen Franzosen so
eisenstark gegen die Schläfe, daß er, wie von einer Kugel getroffen,
zusammenknickte.
»Jetzt binden und knebeln Sie ihn, Señor!« rief er Ramos zu. »Rasch! Um unser
aller Leben, denn wirkliche Gefahr erwartet uns erst, wenn sie auf den Schiffen
mißtrauisch werden.«
Es bedurfte keiner Worte weiter. Ramos begriff ihre Lage besser als irgend ein
Anderer, wenn er sich auch noch nicht denken konnte, wer sein Befreier sei. Es
war auch keine Zeit zu fragen, und mit einem Stück des Seils, mit dem er selber
gebunden gewesen, schnürte er dem noch Bewußtlosen die Glieder zusammen
und zwang ihm dann das Halstuch seines Kindes zwischen die Zähne in den
Mund.
Sie trieben jetzt, ungefähr noch 120 Schritte von dem nächsten Schiff entfernt,
an diesem vorbei.
»A h o y t h e b o a t ! « schrie Mr. Culpepper's Stimme von dort herüber. — »Was für
ein Boot ist das? Wohin wollt Ihr?«
Keine Antwort erfolgte. Baptiste wußte nicht gleich, was er erwidern sollte, oder
fürchtete, sich durch seine Stimme zu verrathen.
»Boot hinab! Rasch! Hinunter mit Euch, Ihr Jungen! Die besten Ruderer hinein
und vier Mann mit Gewehren, hinter dem Boot dort her! Gebt Feuer, wenn sie
nicht halten und dann rasch wieder geladen!«
Die Worte hallten deutlich von dort herüber.
»D i a b l e !« murmelte Baptiste vor sich hin. — »Mit zwei Rudern kommen wir
nicht aus der Stelle. Señor, Sie müssen mit helfen. Rasch, greifen Sie ein Ruder
auf, um Ihr Leben. Oder können Sie steuern? Ich habe mehr Kraft.«
»I c h kann steuern,« sagte da die junge Frau, die vor Aufregung zitternd die
letzten Vorgänge beobachtet, aber noch nicht gewagt hatte, eine Frage zu thun,
ein Wort laut werden zu lassen. Wie ein Traum kam ihr das Ganze vor, und der
Uebergang von dem furchtbarsten erdenkbaren Elend und Jammer zu Freiheit
und Leben war ihr so überraschend schnell, so unerwartet, nie mehr gehofft
gekommen, daß sie noch immer nicht daran glauben mochte. Jetzt aber, wo ihre
eigene Kraft und Geschicklichkeit ihnen nützlich werden konnte, brach sie das
Schweigen.
»Brav, Señora, brav!« rief Baptiste jubelnd aus. »Das giebt uns ein Ruder mehr.
Und jetzt, Teresa, hierher! Weiter zurück, mein Schatz! Der Bug drückt vorn zu
viel nieder und wir gehen deshalb zu schwer. Du kannst das Kind nehmen.«
»Teresa?« fragte die Frau erstaunt, aber Freudenthränen weinend und doch in
zitternder Angst kroch das arme Mädchen über die aufgethürmten Betten hinweg
zu ihrer Herrin, vor der sie niederfiel und ihre Knie umfaßte.
»Weg mit den Thränen, Schatz! Weg mit den Thränen!« rief Baptiste lachend.
»Dazu ist nachher Zeit. Wir werden da draußen Salzwasser genug in's Boot
kriegen. — So recht, Pedro, lege Dich tüchtig hinein! Es soll Dein Schaden nicht
sein und wir wollen doch sehen, ob wir in Ecuador nicht noch etwas Besseres
aus Dir machen können als einen lumpigen Soldaten. W i r sind jetzt Kameraden,
und ich lasse Dich nicht im Stich.«
Dadurch, daß das Mädchen zurückkommen mußte, hatte das Boot viel an
leichterer Fahrt gewonnen, denn der Bug hob sich. Des Seemanns scharfes Ohr
hatte aber auch bereits das Einsetzen der Ruder vom Schiffe her gehört, wenn sie
den Schooner selber auch schon nicht mehr auf dem dunklen Hintergrunde des
Manglarenwaldes erkennen konnten. Nur die rothen Lichter leuchteten noch
herüber.
»Nun für unser Leben!« rief er, sein eigenes Ruder aufgreifend, während die
Señora das Steuer genommen und nicht zu viel versprochen hatte, als sie
versicherte, sie könne es regieren. »Halten Sie den Bug jetzt noch immer auf jenen hellleuchtenden Stern zu — es ist die Venus, und mag er uns Glück
bedeuten heute Abend.«
Von jetzt an wurde kein Wort mehr gesprochen. Die vier Männer ruderten
schweigend, aber aus Leibeskräften, denn sie wußten, daß nur größere
Schnelligkeit sie retten konnte.
Da fielen rasch hinter einander drei Schüsse von dem verfolgenden Boot.
»Großer Gott, sie schießen!« rief die Frau. »Lege das Kind auf den Boden des
Bootes, Teresa.«
»Nicht hierher,« beruhigte sie Baptiste, da er, mit dem Rücken nach vorn im
Boot sitzend, das Abblitzen der Gewehre hatte sehen können. »Es ist unmöglich,
daß sie uns hier schon erkennen, wenn nicht die hellen Betten zu sehr leuchten.«
»Werft sie über Bord!« bat Ramos.
»Bewahre!« lachte der Franzose, »lieber den Comisario. Erst müssen wir finden,
daß sie uns zu schwer sind. Decke jenen dunklen Poncho darüber, der auf dem
Sitzbrett liegt, Teresa. Er gehört freilich dem Herrn Commissair, aber zu dem
Zweck wird er ihn uns wohl leihen.«
»Aber was bedeuten die Schüsse?«
»Nichts Gutes,« sagte Baptiste finster. »Es sind Signale für das Boot an der
anderen Seite der Insel, um dasselbe herbeizurufen, und wenn es wirklich in der
Nähe ist, kann es uns den Weg abschneiden. Aber caramba!« setzte er mit fest
zusammengebissenen Zähnen hinzu. — »Wir haben auch Gewehre im Boot und
im schlimmsten Falle können wir ihnen einen wärmeren Empfang bereiten als
sie jetzt wohl denken.«
»Aber keine Munition.«
»Pedro hat doch gewiß seine Patronentasche mit. Wie viel Patronen sind darin?«
»Zwanzig, Señor.«
»Bravo, und sechs geladene Gewehre, die Festung ist armirt.«
»Und mit dem Boot hinter uns?«
»Ah bah!« sagte Baptiste, sich in sein Ruder legend. — »Die Sache ist allerdings
fast zu interessant, um angenehm zu sein, aber hol's der Teufel! —
Entschuldigen Sie, Señora, auf See lernt man ein rohes Sprechen, ohne
manchmal etwas dabei zu denken — ich hoffe doch noch, daß wir die hohe See
gewinnen sollen und wenn sie uns da hinaus folgen, nun, dann formiren wir mit
den Matratzen eine kleine Festung um den schwachen Theil der Besatzung und
wehren uns eben unserer Haut. Vorwärts jetzt! — Mit dem Reden geht Kraft
verloren.«
Wieder wurden hinter ihnen drei Schüsse abgefeuert und Baptiste sah zu seinem Schrecken, daß sie diesmal nicht in die Luft schossen, sondern hinter ihnen her.
Aber die Entfernung war noch zu groß, nur wenn sie hoch gehalten hätten, wäre
vielleicht eine oder die andere Kugel bis zu ihnen geschlagen. So fielen sie alle
zu kurz und er hütete sich wohl ein Wort darüber zu sagen, um die Frauen nicht
unnützer Weise zu beunruhigen.
Das Boot flog rasch durch das Wasser und eine Zeit lang wurde kein Wort weiter
gewechselt. Der Commissair war wieder zur Besinnung gekommen und wand
sich krampfhaft am Boden des Bootes, aber er konnte keinen Schaden thun und
Baptiste, neben dem er lag, behielt ihn auch scharf im Auge.
»Wenn wir uns ein klein wenig mehr rechts hielten,« sagte Ramos endlich, —
»die Gefahr wäre dort geringer, einem der anderen Boote zu begegnen.«
»Wir dürfen nicht,« erwiderte Baptiste, — »wenn sie uns nachher den Paß
zwischen der Punta Manglares und der Insel verlegen, so treiben sie uns weit in
See hinaus und dort steht jetzt ein tüchtiger Südwind, von dem wir hier nur noch
nichts fühlen, weil wir durch das südliche Land gedeckt sind. Vorwärts! Hier ist
die Spitze der Insel! In wenigen Minuten muß es sich entscheiden! Bis jetzt war
Gott mit uns, er wird uns nun auch nicht verlassen.«
Das hinter ihnen folgende Boot hatte jedenfalls etwas an sie gewonnen, man
konnte die Ruderschläge desselben deutlicher hören, aber i h r e Ruder knarrten
und machten dadurch zu viel Geräusch.
»Teresa,« sagte Baptiste, »nimm Lappen oder Tücher, was Du gerade hast,
Schatz, tauche sie in's Wasser und lege sie uns unter die Ruder, verstehst Du?
So! Ich habe mir schon geholfen,« fuhr er fort, indem er sein Taschentuch in die
Ruderdolle brachte, — »nur für die Anderen.«
Das war bald geschehen und sie hatten nun den Vortheil, wenigstens geräuschlos
zu fliehen.
Auf Baptiste's Wunsch ließ die junge Frau das Boot jetzt noch ein wenig dem
Land zu abfallen. So nahe befanden sie sich jetzt am Ufer, daß die auf der
Backbord-Seite Rudernden mit ihren Riemen schon den Sand fühlen konnten.
Sie durften nicht wagen, näher hinan zu halten. Da hörten sie plötzlich laute
Stimmen und Fluchen, dicht an ihrer Linken.
Fast unwillkürlich hielten Alle mit Rudern ein und wie ein dunkler Schatten glitt
das Boot, von der Ebbe und Strömung des Mira begünstigt, über die Oberfläche.
»Seco!« sagte da eine deutliche Stimme. »Caracho, Basilio! Ich sagte Dir es
gleich, daß wir hier auf den Grund rennen würden. Nun sitzen wir fest. Hinaus
mit Euch, daß wir den faulen Kasten wieder flott bekommen.«
»Sie sitzen fest! Vorwärts!« jubelte Baptiste mit vorsichtig gedämpfter Stimme
— und wieder trafen die Ruder in's Wasser, immer noch die vorherige Richtung haltend, um wenigstens aus dem Bereich der Schußwaffen zu kommen. Die in
dem anderen Boot hatten wirklich in dem Augenblick zu viel mit ihrer eigenen
Lage zu thun, um nach etwas Anderem auszuschauen. Sie waren jedenfalls über
Bord gesprungen, um das dadurch erleichterte Boot vom Sand abzuheben und
wieder in tieferes Wasser zu schieben. Deutlich konnten die Flüchtigen das
Plätschern und Fluchen der Leute hören. Aber so dicht mit den Köpfen über dem
Wasserspiegel mochte doch wohl einer oder der andere der Leute das
vorbeigleitende Boot bemerkt haben. Plötzlich war Alles ruhig und eine Stimme
rief gleich nachher:
»He da! Ist das nicht ein Boot?«
Keine Antwort folgte.
»Caracho! Warum antwortet Ihr nicht? — Schieß, Pablo!«
»Vorwärts um der heiligen Jungfrau willen!« drängte Baptiste. — »Sie sind noch
nicht flott. Jeder Ruderschlag bringt uns weiter aus dem Bereich ihrer
verdammten Flinten.«
Es dauerte wohl zwei Minuten, bis sie den scharfen Blitz eines abgefeuerten
Gewehres sahen, aber gute Schützen sind diese spanischen Abkömmlinge nicht,
schlechte Gewehre hatten sie ebenfalls und im Dunkeln auf den Schatten eines
Bootes zu halten ist ein schwieriges Ding. Die Kugel schlug wenigstens vier
oder fünf Ellen rechts von den Fliehenden auf das Wasser. Und kein zweiter
Schuß folgte. Die Mannschaft wollte sich wahrscheinlich nicht auf das unsichere
Feuern verlassen und lieber ihr Boot rasch wieder flott bekommen.
Dann antworteten wieder einige Schüsse von dem verfolgenden Boot, und die
Burschen des gestrandeten schrien als Antwort so laut sie konnten.
»Jetzt links hinüber, Señora!« rief da Baptiste. — »Immer an den Manglaren hin!
Dort ist tiefes Wasser, bis wir an die nächste Punta kommen. Sie ist nicht mehr
weit, und haben wir erst die zweite Mündung des Mira hinter uns, dann sind wir
gerettet.«
Die Leute arbeiteten mit Anspannung aller ihrer Kräfte und selbst Pedro leistete
Außerordentliches, denn es schien ihm selber nicht viel daran zu liegen, in den
eben erst verlassenen Kriegsdienst zurückzukehren.
Deutlich konnten sie jetzt noch einmal die Zurufe von den verschiedenen Booten
unterscheiden; auch die Ruder hörten sie wieder knarren, aber die Verfolger, mit
dem Terrain kaum genau bekannt, schienen unsicher geworden zu sein, welche
Richtung das flüchtige Boot genommen habe. Vielleicht fürchteten sie auch mit
der Ebbe hinaus in See genommen zu werden.
Eine Viertelstunde später herrschte Todtenstille auf dem Wasser, die nur durch
das leise Plätschern der Ruder unterbrochen wurde. Sie waren gerettet.