Unter Palmen und Buchen: Zweiter Band

Friedrich Gerstäcker · Kapitel 16 von 18

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Unter Palmen und Buchen: Zweiter Band

Siebentes Capitel. In Cachavi.

»Komm José — o komm — da naht das Canoe — es führt uns der Heimath

entgegen —«

»Er wird uns verfolgen und anklagen.«

»Lass' ihn — dann flüchten wir in den Wald hinein, und die Wildniß sei unsre

Heimath, wohin sie nicht wagen dürfen, uns zu folgen — Komm José — es ist

Blut genug geflossen,« setzte sie schaudernd hinzu, »oh vermehre nicht die

Schrecken dieser Stunde — aber ich konnte nicht anders.«

»Du rettest mein Leben!« rief José.

»Fort von hier — ich sterbe selber, wenn ich das Blut noch länger sehen muß,

das i c h vergoß« — und schaudernd vor dem Entsetzlichen, sprang sie die steile

Uferbank hinab.

Es war ein einzelner Neger, der hier in seinem Canoe vorüberruderte, und von

Concepcion kommend, wollte er nach Hause — nach Cachavi zurückkehren. Er

lenkte den Bug seines Fahrzeugs rasch dem Lande zu, als er das Mädchen am

Ufer stehen und winken sah, und wenige Minuten später hatte er Eva wie José in

seinem Fahrzeug aufgenommen, das jetzt, von sechs kräftigen Armen getrieben,

die Fluth unter dem Bug aufschäumen machte, und jede neue Gefahr hinter sich

ließ.

 

FUSSNOTEN:

[D] E l p e r d i d o nennen die Ecuadorianer einen ziemlich großen braunen Vogel, der genau einen solchen Ruf hat, als ob ein Mensch in der Wildniß verirrt wäre, und um

Hülfe riefe.

 

S i e b e n t e s C a p i t e l .

 

In Cachavi.

 

In Cachavi herrschte große Aufregung, und Niemand dachte heute an's Arbeiten.

Die M ä n n e r mußten nämlich einen wichtigen Fall berathen, über den indeß

die F r a u e n schon lange einig waren, und — während sich die Ehegatten in

dem breiten Gerichtsgebäude sammelten, überall auf den Straßen in kleinen

Gruppen standen.

Die Sache betraf aber auch in der That nichts Geringeres, als die Flucht José's

von seinem weißen Herrn, und die Ermordung des Mulatten, denn Eva wie José

hatten bei ihrer Ankunft in Cachavi dem Alkalden die ganzen Vorgänge treu und

einfach erzählt, und um seinen Schutz gebeten, wenn sie bis hierher verfolgt

werden sollten.

Der Fall kam übrigens zu einer höchst ungünstigen Zeit, denn erst gestern war

ein Canoe von der Tolamündung eingetroffen, wo sie Nachricht von Esmeraldas

gehabt haben wollten, daß General Franco von Guajaquil aufgebrochen wäre,

Bodegas genommen hätte, und jetzt gegen Quito marschire, um sich das ganze

Land zu unterwerfen. Wenn er Sieger blieb — und die Berichte, die seine

Anhänger hierher gesandt, ließen kaum einen Zweifel darüber — so schickte er

einen Theil seiner Schwärme auch jedenfalls in diesen entlegenen Theil des

Landes, und was hatten sie dann zu hoffen, wenn sie gegen einen seiner eigenen

Offiziere Partei genommen?

Die Frauen sind in der ganzen Welt über solche Combinationen erhaben. Bei

ihnen spricht das Herz das e r s t e Wort, und nur der Augenblick entscheidet ihre

Handlungen. Die Frauen deshalb waren auch fest entschlossen, den armen

jungen Burschen nicht wieder auszuliefern, und was Eva betraf — ei! d e n

hätten sie sehen wollen, der ihr in ihrer eigenen Vaterstadt ein Leides that, und

daß sie dem pockennarbigen Mulatten einen Lanzenstich versetzt — der hatte

den S t r i c k verdient, zehnmal und hundertmal, und war ja schon einmal bei

Nacht und Nebel von Cachavi in einem gestohlenen Canoe geflüchtet, um der

gerechten Strafe für seine Missethaten zu entgehen.

In dem Gerichtssaal tagten indeß die Männer, und eine wunderliche

Versammlung war es, der der Alkalde präsidirte. Aber kein Mulatte fand sich

unter ihnen, lauter ächte, rabenschwarze Söhne Aethiopiens, wenn auch wohl

Alle auf diesem Grund und Boden geboren, saßen, lagen und standen in dem

Raum umher und rauchten ihre Papiercigarre. Sie Alle, ohne Ausnahme, waren

nackt bis auf den Gürtel, und selbst das dichte, fest zusammengekräußte

Wollenhaar verschmähte einen Hut.

Eva und José waren erst diesen Morgen vernommen worden, und Keiner der hier

Anwesenden zweifelte, daß sie mit jedem Wort Wahrheit gesprochen. Der

Alkalde selber hatte ja auch das Geld für Eva in Verwahrung gehabt, und ihr es

erst vor wenigen Tagen ausgehändigt. Er wußte genau, wie viel es gewesen, und

was sie damit gewollt.

Der Alkalde, eine schlanke, muskulöse Gestalt, mit schon grauem Wollkopf und

etwas Cavalièrem in seinem ganzen Wesen, wie denn überhaupt die f r e i e n

Neger — selbst in den Sklavenländern die Sklaven, wenn sie sich am Sonntag

ihre eigenen Herren wissen — sehr gern die Bewegungen und Manieren der

Weißen nachahmen, hatte den Leuten jetzt eine lange Rede gehalten, worin er

beide Seiten der Frage beleuchtete, und seine Zuhörer dadurch in völliger

Ungewißheit ließ, zu welcher Seite er sich eigentlich schlug, und welche

Meinung s i e haben sollten. Es war dabei schmählich warm geworden; die Sonne stand im Zenith, und kein Lüftchen regte sich, das die Temperatur hätte

nur in etwas abkühlen können.

Ein kleiner dicker Neger, in Cachavi sehr geachtet, weil er die besten und

festesten Dächer flechten konnte, nahm da endlich das Wort und sagte:

»Was zerbrechen wir uns denn den Kopf über ungelegte Eier. Das Wettermädel

hat dem schuftigen Nero eine Lanze in den Leib gerannt, weil er den José mit

der Macheta todtschlagen wollte — soweit ist Alles in Ordnung. Wenn wir uns

hier im Walde nicht s e l b e r helfen, wer soll es sonst thun? und daß sie dem

schurkischen Mulatten einen Denkzettel gegeben, oder ihn auch meinetwegen

todt gestochen hat, ist nur ein Gewinn für die Colonie. — Daß aber der José ein

Recht hatte wegzugehen, wenn sein Jahresgeld bezahlt worden, das mein' ich, ist

außer aller Frage, und wenn ihn der Señor zurückhaben will, mag er einfach

herkommen und beweisen, daß er ihm noch etwas schuldig ist. Nachher kommen

wir wieder zusammen, was sollen wir uns jetzt bei der Hitze abquälen.«

Der Vorschlag klang viel zu vernünftig, als daß ihm nicht alle Uebrigen hätten

beistimmen sollen. Der Alkalde schüttelte zwar mit dem Kopf; im Grunde

genommen war's ihm aber vielleicht auch recht, die Sache vor der Hand auf sich

beruhen zu lassen; alle diese Menschen leben ja doch nur dem Augenblick. Die

Sitzung war also damit geschlossen, und die Frauen erfuhren wenige Minuten

später zu ihrer Genugthuung, daß José und Eva vor der Hand in Cachavi bleiben

könnten. — Wenn noch etwas in der Sache geschehen solle, so möchten's die

Herren in Concepcion anfangen. S i e wollten weiter nichts damit zu thun haben.

So vergingen zwei Tage, ohne daß man etwas von dem unteren Strom gehört

hätte, und den Bewohnern von Cachavi lag auch jetzt eine andere Sache am

Herzen. Die schon lange von Ibarra erwarteten Indianer, welche neue Waare

bringen sollten, waren nämlich immer noch nicht eingetroffen, und allerlei

dumpfe Gerüchte und Vermuthungen durchliefen die kleine Stadt. Waren sie

verunglückt? — böse Ströme hatten sie unterwegs zu passiren — oder sollte sich

der Krieg schon bis dort in die entlegene Provinz Imbaburru gezogen haben, daß

sie dem Feinde in die Hände gefallen? Es wäre ein harter Schlag für das kleine

Städtchen gewesen, denn viele der Einwohner würden unter dem Verlust gelitten

haben.

Man beschloß endlich, ihnen einen Boten entgegen zu senden — oder vielmehr

zwei, denn ein Einzelner würde nie den Wald auf irgend eine Entfernung

betreten — um sich Gewißheit zu verschaffen, und zwei der Männer wurden

gemiethet, und noch an dem nämlichen Tage in die Wildniß hinein gesandt, die

Cachavi vom Malbucho auf reichlich vier Tagereisen trennte.

An demselben Nachmittag langte aber eine andere Kunde an, die ihr Interesse wieder an das Schicksal der beiden jungen Leute fesselte.

In Concepcion war nämlich der Weiße mit Nero's Leiche und dem anderen

Mulatten eingetroffen, und hatte die Auslieferung seines Dieners und der

Mörderin verlangt, und der Alkalde von Concepcion sandte jetzt einen Boten

nach Cachavi, um die beiden Verbrecher mit einer dort beizugebenden Wache

überliefert zu bekommen.

Der Bote kehrte aber unverrichteter Sache zurück. Der Alkalde hielt es nach der

neulich zusammenberufenen Versammlung nicht einmal für nöthig, auf's Neue

bei den Einwohnern anzufragen — oder seine Frau entschied vielmehr für ihn,

denn sie fertigte den Boten, einen Gerichtsdiener von Concepcion, gleich so

energisch ab, und auf ihr Schreien sammelten sich rasch so viele dunkle,

drohende Gestalten, daß der arme Teufel froh war, wie er wieder in seinem

Canoe saß, und ungeschädigt das Negerdorf im Rücken hatte.

Das war nun allerdings ein ganz entschiedener Akt der Widersetzlichkeit gegen

die bestehende Autorität gewesen, und der Alkalde selber hätte vielleicht

gewünscht, seine eigene Ehehälfte etwas weniger leidenschaftlich dabei zu

sehen, aber die Sache war einmal geschehen, und ließ sich nicht mehr ändern,

und da das ganze Dorf der Abfertigung beistimmte, brauchte er auch die

Verantwortung nicht allein zu tragen.

Herrschte denn überhaupt in Ecuador ein gesetzlicher Zustand? — war das Land

nicht in Aufruhr und offenem Bürgerkrieg begriffen, und wußte denn irgend

Einer von Allen — in Cachavi sowohl wie in Concepcion — wer jetzt Präsident

im Lande sei — und wenn er es sei, wie lange? War es Franco noch, dann

allerdings hatte der Alkalde von Concepcion den Schutz desselben, um sich den

Rücken zu decken, und konnte in dem Fall auch wohl eine Rechtsverletzung in

s e i n e m Sinne strafen, falls Franco's Truppen in der That das Land besetzten,

oder der Mulattengeneral Geld genug schickte, um Soldaten hier für ihn

anzuwerben — war das aber nicht der Fall, so hätte es ihm schwer werden

sollen, sich von der Negercolonie Gehorsam zu erzwingen, und d e n Zeitpunkt

konnten sie eben ruhig abwarten.

Wer aber dadurch in die grimmigste Verlegenheit gerieth, war der Alkalde von

Concepcion. Dieser Señor Cerro, der hier als Franco'scher Offizier auftrat,

verlangte, wie er erklärte, nicht mehr als sein R e c h t, und da er selber von

Franco'schen Behörden in seine Stelle eingesetzt worden, k o n n t e er das nicht

gut vernachlässigen, ohne die Franco'sche Regierung auf den Fuß zu treten. Jetzt

aber weigerten ihm die verwünschten Neger da oben ganz direkt den Gehorsam,

und was blieb ihm da anders übrig, als seinen Willen mit Gewalt durchzusetzen?

Der mußten sie sich ja dann auch fügen, oder offene Rebellion erklären, was derartige Leute aber nicht sogleich thaten, da die Negeremancipation, wie sie

von der einen Regierung eingesetzt worden, von einer andern auch eben so leicht

wieder umgestoßen werden konnte.

Es galt also, einen raschen und entschiedenen Entschluß zu fassen, denn dieser

Señor Cerro drohte mit einem Bericht an den General Franco, und der m u ß t e

vermieden werden. Also überraschte denn der Alkalde die Bewohner

Concepcions am nächsten Morgen mit einem Aufruf an die Nationalgarde, und

verbreitete dabei — um sich den Rücken zu decken — die Kunde in dem kleinen

Ort, daß General Franco Quito genommen habe, jetzt gegen Ibarra vorrücke, und

einen Theil seines Heeres über San Pedro und Malbucho an den Bogota senden

werde, um sich von der Loyalität seiner Unterthanen zu überzeugen.

Das wirkte wie ein Donnerschlag aus heiterem Himmel für Viele, die bis jetzt

geglaubt hatten, der Revolution des übrigen Landes viel zu fern zu sein, um je

darunter leiden zu können, und deshalb auch, obgleich im Herzen vollkommen

Quitenisch gesinnt, doch General Franco's Partei anerkannten — nur eben der

Bequemlichkeit wegen. Aber was ließ sich thun? — Gehorchten sie dem Aufruf

nicht, und überschwemmten die Franco'schen Banden wirklich das Land, dann

durften sie sich auch fest darauf verlassen, als Mißliebige denuncirt, und von den

Freibeutern nach Herzenslust gebrandschatzt zu werden. Wohl oder übel holten

sie also alle ihre halbverrosteten Waffen herbei, und um zehn Uhr Morgens lagen

vier Canoes mit Bewaffneten, und das fünfte mit dem Alkalden, Señor Cerro,

und sämmtlichen Dienern der Gerechtigkeit reisefertig an der Landung, und

setzten sich zusammen in Bewegung stromauf.

An ihnen vorbei aber glitt ein anderes, leichtes Canoe, von vier stämmigen

Negern gerudert, und am Steuer saß der kleine italienische Schneider, der die

Aufforderung, zur Nationalgarde zu stoßen, mit Hohn zurückgewiesen hatte, und

jetzt auf eigene Faust die Reise machte.

Als ihn der Alkalde bemerkte, schien er nicht übel Lust zu haben, den kleinen

contrairen Fremden zu arretiren, denn es ahnte ihm, daß der Bursche, wenn er

vor ihnen einträfe, da oben böses Blut machen würde. Ehe er aber mit seinem

Entschluß völlig im Reinen war, passirte das Canoe schon das vorderste des

Zuges, und an ein Einholen desselben war nicht mehr zu denken. Daß der kleine,

nichtswürdige Italiener aber nicht warten würde, wenn er ihn anriefe, wußte er

vorher, und durfte sich auch deshalb nicht einmal mit einem solchen Versuch

blamiren.

Des Alkalden Befürchtung war aber auch sehr gerechtfertigt, denn Rigoli hatte

kaum von der Anklage und dem Unternehmen der tapferen Ecuadorianer gehört,

als er auch augenblicklich beschloß, dem entgegen zu arbeiten. Seine Neger entwickelten dabei einen wahren Feuereifer, ihn vorwärts zu bringen, und am

nächsten Morgen mit Tagesanbruch landete er schon in Cachavi, während die

schweren Canoes der Bewaffneten, obgleich sie ebenfalls die halbe Nacht

gearbeitet hatten, doch endlich beilegen, und Tageslicht abwarten mußten.

Es mochte elf Uhr Mittags sein, als sie das Negerdorf in Sicht bekamen, und sie

sahen sich dabei eben nicht angenehm überrascht, die Landung Mann an Mann

mit den herkulischen, halbnackten Einwohnern besetzt zu finden, die dabei noch

Lanzen, Machetas, Musketen und eine Masse anderer gefährlicher Werkzeuge in

Händen hielten.

Was jetzt thun? — der Alkalde wäre am liebsten gleich wieder umgekehrt, und

hätte sich damit begnügt, einen Bericht an die Regierung in Guajaquil

abzufassen, daß das Land im Aufstande wäre, und General Franco eine Armee

zum Schutz der beleidigten Autorität herbeisenden möge — aber Señor Cerro

ließ ihn nicht.

»Glauben Sie doch nur nicht,« rief er ihm zu, »daß sich diese sclavischen Hunde

ernstlich widersetzen werden — lassen Sie uns hier unten landen, und in

geschlossenen Colonnen hinaufmarschiren, und zeigen sie den geringsten

Widerstand, so schießen wir das ganze Nest in Brand.«

»Ja, Señor,« sagte der Alkalde verlegen, »aber sie haben nur schon gezeigt, daß

sie Widerstand leisten k ö n n e n. Ihre eigene Erfahrung —«

Der Ecuadorianer knirschte die Zähne zusammen, wenn er an den Moment

dachte, wo er vor einem M ä d c h e n die Flucht ergriffen, und die Erinnerung

daran diente wahrlich nicht dazu, ihn zu besänftigen.

»Vorwärts,« rief er; »bei der geringsten Widersetzlichkeit feuert Ihr zwischen

den nackten Trupp hinein — wir wollen ihnen die schwarzen Felle pfeffern, und

ich übernehme jede Verantwortung, die daraus für Sie entstehen könnte.«

Der Nationalgarde von Concepcion blieb in der That weiter nichts übrig, als

wenigstens zu landen, wenn sie sich nicht auf ewige Zeiten lächerlich machen,

und dem Gespött der Neger aussetzen wollte. Die Canoes wurden deshalb an das

steinige Ufer gelenkt, und die Besatzung derselben sprang, ohne daran im

Geringsten verhindert zu werden, auf trockenen Boden.

Etwas unterhalb der Stadt, und gerade der Kirche gegenüber befanden sie sich

hier; als sie aber das eigentliche und hohe Ufer erklommen, waren sie auf's

Aeußerste erstaunt, auch nicht einen der Feinde mehr zu sehen. Wie in den

Boden hinein schienen diese verschwunden, und Señor Cerro rief triumphirend

aus:

»Nun, Señor, habe ich es Ihnen nicht vorher gesagt? Wo sind die feigen

Canaillen jetzt geblieben? Zeigen Sie ihnen Ernst, und Keiner von Allen wagt auch nur, Ihnen frech in's Auge zu sehen.«

»Da kommt der Alkalde.«

»Der alte Wollkopf?«

»Er wird wahrscheinlich unterhandeln wollen.«

»Fertigen Sie ihn kurz ab, das ist das Beste; keine Unterhandlungen mit

Rebellen.«

Der Alkalde dachte anders darüber; der alte Neger war aber jetzt schon zu dicht

herangekommen, um ein weiteres Gespräch zu gestatten, und wie er sich auf

etwa zehn Schritte genaht hatte, sagte er ruhig:

»Señor Alkalde, können Sie mir vielleicht erklären, weshalb die Boote mit den

Bewaffneten hier an unserer friedlichen Stadt landen? Ich hoffe doch nicht, daß

der Bürgerkrieg bis in unser stilles Asyl gedrungen ist.«

»Señor Alkalde,« erwiderte der Ecuadorianer sehr förmlich, »die Ursache

kennen Sie wahrscheinlich. Es handelt sich hier um die Auslieferung einer

Mörderin, und die Zurückgabe eines entlaufenen und contractbrüchigen Dieners.

Machen Sie keine Schwierigkeiten, a m i g o, denn die Gesetze müssen in Kraft

gehalten werden, und es sollte mir wahrhaft leid thun, wenn ich gezwungen

würde, von der mitgekommenen Macht Gebrauch zu machen.«

»Señor Alkalde,« erwiderte der alte Neger da, aber vollkommen ruhig — »ich

glaube fest, daß wir noch Alles in Frieden beilegen können, wenn Sie nicht eben

zu sehr auf Ihre M a c h t trotzen, und Recht und Gesetz auch für uns gelten

lassen.«

»Das versteht sich von selbst,« rief der Alkalde aus Concepcion rasch.

»Schön,« sagte der Alte, der übrigens keine Waffe in den Händen trug, »dann

können wir Ihnen den Beweis liefern, daß das arme Mädchen, welches Sie eines

Mordes anklagen, nur in einem Akt der Nothwehr handelte, als sie jenen

nichtsnutzigen Mulatten, der den Tod schon zehnmal verdient hatte —«

»Sie stach ihn meuchelmörderisch nieder,« schrie Señor Cerro dazwischen. —

»Ueber den Haufen stieß,« fuhr der alte Neger ruhig fort. »Und was den

weggelaufenen Diener betrifft, für den jener Herr da die Auslösungssumme

schon in der Tasche hat, und nicht wieder herausgeben wollte, so braucht er uns

nur die Beweise zu liefern, w o f ü r ihm José 120 Dollars schuldet, und wenn die

Belege alle richtig sind, soll ihm entweder das noch fehlende Geld ausgezahlt

werden, oder er seinen Diener zurückbekommen. Finden Sie das nicht in der

Ordnung?«

»Gegen das Letzte ließe sich allerdings nichts —«

»Und glaubt Ihr Canaillen,« schrie der Ecuadorianer in voller Wuth heraus, »daß ich mich zwingen ließe, e i n e m N e g e r Contracte vorzulegen? Beim ewigen

Gott, es ist weit in Ecuador gekommen, aber dem wollen wir ein Ende machen.

— Gebt Ihr die beiden Verbrecher gutwillig heraus oder nicht?«

Der alte Neger antwortete ihm gar nicht — er hob beide Hände trichterförmig an

den Mund, und stieß einen eigenthümlichen, aber durchdringenden und lauten

Ton damit hervor. — Und überall umher wurde es lebendig — den Fluß

herunter, den sie von hier aus deutlich übersehen konnten, kamen plötzlich noch

vier Canoes mit bewaffneten Negern — selbst den Strom herauf ruderten zwei

mit Anstrengung aller ihrer Kräfte, und aus allen Häusern quollen — jedenfalls

dem verabredeten Zeichen gehorchend — Massen von dunklen, drohenden

Gestalten, ohne sich jedoch im Geringsten feindlich zu gebehrden. Nur den Platz

schlossen sie in einem weiten Bogen vollständig ein, wo die Canoes von

Concepcion gelandet waren, und der dortige Alkalde bemerkte zu seinem

Entsetzen, daß ihre eigenen Fahrzeuge unten im Fluß von den beiden stromauf

kommenden Canoes vom Ufer gelöst, und an die andere Seite hinüber geführt

wurden, was ihnen natürlich jeden Rückzug abschnitt.

Zu gleicher Zeit ertönte aber aus dem Walde des anderen Ufers ein gellender,

langgezogener Schrei, der jedoch nicht in Verbindung mit den hier getroffenen

Vorbereitungen zu stehen schien, denn die Neger selber stutzten und horchten

dort hinüber, aber nicht lange.

»Die Indianer kommen!« jubelte eine Stimme, und bald antwortete ein wildes,

tobendes Jauchzen dem Meldungsruf von da drüben. — Das aber brachte die

tapferen Schaaren von Concepcion, die sich hier überhaupt sehr in der

Minderzahl sahen, ganz außer Fassung.

»Die Indianer kommen?« Hatten diese verzweifelten Schwarzen auch noch die

wilden Horden des Innern zu ihrer Hülfe herbeigerufen?

»Señor,« rief der Alkalde den alten Neger ängstlich an, »ich mache Sie für jedes

Blutvergießen hier verantwortlich. — Wir sind als friedliche Boten des Gesetzes

zu Ihnen gekommen —«

»D e r ist verantwortlich,« sagte der alte Mann ruhig, »der den ersten Schuß

abfeuert, oder die erste Lanze wirft.«

»Aber Sie haben unsere Canoes wegnehmen lassen.«

»Zu Ihrer Abreise stehen Ihnen dieselben immer wieder zur Verfügung,« lächelte

der Alte — »aber wer kommt da?« unterbrach er sich plötzlich rasch und selber

erstaunt, als sein Blick nach dem jenseitigen Ufer hinüberflog — »Soldaten?«

»Das sind die Truppen des General Franco!« rief der Alkalde von Concepcion

jubelnd aus — »Viva Franco! Viva Franco!« schrie er dabei, aber ziemlich

vereinzelt, denn beide Parteien waren in diesem Augenblick gleich gespannt, ob sie von dorten her Freund oder Feind zu erwarten hätten.

Das Dickicht da drüben wurde in der That in diesem Augenblick lebendig, und

Gewehre blitzten in der Sonne — und braune, aber uniformirte Burschen

sprangen die Uferbank hinab, und in das seichte Wasser hinein, um den Fluß zu

durchwaten.

»Viva Franco!« schrie der Alkalde noch einmal in einem Uebermaß von

Entzücken. — »Das sind die Truppen des tapferen Generals!«

»Viva Flores!« donnerte aber in dem Augenblick von dort drüben der Gegengruß

herüber, daß der Magistratsperson das letzte Wort vor Angst in der Kehle stecken

blieb. — »Franco, der schuftige Dieb, ist verjagt, F l o r e s e l v i v a!«

»E l v i v a!« jubelten da die Neger, die sich von allen Seiten zum Ufer drängten —

»e l v i v a ! — e l v i v a !«

Und »F l o r e s e l v i v a« schallte es jetzt sogar aus den Reihen der Concepcionsleute

selber, die gar nicht daran dachten, die usurpirten Rechte des Mulattengenerals

zu vertheidigen, wo sie noch dazu die Uebermacht auf Flores Seite sahen.

Der Alkalde war indessen rasch gefaßt. W a s konnte i h m hier geschehen?

Huldigte das Volk der, wie es schien, siegreichen Quitenischen Regierung,

welchen Grund hätte e r dann gehabt, sich dem nicht anzuschließen? Und wie er

sich nur von seinem ersten Erstaunen erholt hatte, Quitenische Soldaten von

dieser Seite her marschiren zu sehen, wo er jene furchtbare Wildniß wußte,

stimmte er plötzlich lustig in den Ruf mit ein.

Alles drängte indessen dem Ufer zu, das die durch das Wasser watenden

Soldaten jetzt erreicht hatten, und dabei sehr erfreut schienen, hier k e i n e

Feinde, sondern Bundesgenossen zu finden. Da erhob sich plötzlich am unteren

Theil des Flusses ein Lärm, der aber nur von ein paar einzelnen Menschen

ausgehen konnte.

»Caracho!« hörten sie eine Stimme in wildem Fluch — »was haltet Ihr mich

fest? — was habe ich mit Euch zu schaffen?«

»Du mit uns wohl nichts, mein Schatz,« lachte dagegen des kleinen Italieners

Stimme; »aber w i r dagegen so viel mehr mit D i r. Was hast Du denn

ausgefressen, daß Du auf einmal Fersengeld geben willst?«

»Was ist dort? — Wen habt Ihr da?« frug jetzt der Quitenische Offizier, der seine

Leute rasch gesammelt hatte, weil er noch immer nicht recht wußte, wie er mit

den Bewohnern dieser Gegend stand. Das Vivarufen allein hielt er noch für

keine genügende Bürgschaft.

»Weiter Niemanden, Señor,« sagte da der kleine, herbeikommende Schneider,

während seine vier Neger den Gefangenen schon fest gefaßt, und ihm in aller Eile die Hände auf dem Rücken zusammen geschnürt hatten — »als einen Herrn,

der sich für einen Franco'schen Offizier ausgiebt, und unter d e r Firma einen

ganzen Haufen voll Unheil angerichtet hat.«

»Señor Cerro,« rief aber der fremde Offizier erstaunt, »das ist ja ein eigenes

Zusammentreffen. Also S i e sind ein Franco'scher O f f i z i e r?«

»Ich kenne Sie nicht, Señor,« sagte der Gebundene finster; »aber wenn S i e

wirklich Q u i t e n i s c h e r Offizier sind, so verlange ich wenigstens als

Kriegsgefangener behandelt, und nicht in den Händen dieser Schufte gelassen zu

werden.«

»Hoho, Señor,« schrie Rigoli lebendig, »wir werden Dir gleich Deinen Schädel

weich klopfen, wenn Du Deine Zunge nicht im Zaume hältst.«

»Ich glaube, Sie sind in ganz richtiger Verwahrung, Señor,« erwiderte aber kalt

der Quitener. — »Das ist kein Offizier, c o m p a ñ e r o s,« wandte er sich dann an die

Leute, »sondern ein Schuft, der in Guajaquil, als eine Art Kammerdiener des

Mulattengenerals, einen bedeutenden Diebstahl beging, und dann flüchtig

wurde. Durchsucht ihn doch einmal, vielleicht finden wir noch eine Anzahl

Juwelen bei ihm, die damals vermißt wurden.«

»Sieh einmal an,« lachte der Italiener — »das Geldsäckchen der armen Eva hatte

er auch noch, das habe ich aber schon in Sicherheit gebracht — nun, vielleicht

finden wir noch mehr.«

Cerro machte einen verzweifelten Versuch, seine Banden zu zerreißen, aber die

Neger hielten ihn wie in einem Schraubstock. Er wurde zu Boden geworfen, und

bald fand sich denn auch, daß er in einem um den Leib geschnallten Geldgürtel

eine Anzahl werthvoller Steine und Golddoublonen versteckt trug.

Indessen hatten die Bewohner von Concepcion Kunde aus dem Innern von den

Neugekommenen, wie auch von den sie begleitenden indianischen Lastträgern

erfragt, und als sie jetzt die Bestätigung erhielten, daß der kleine Tyrann Franco

schon vor drei Wochen aus Guajaquil verjagt und zu Schiff getrieben, das ganze

Land aber in den Händen des Quitenischen Generals Flores, und der Bürgerkrieg

wirklich beendet sei, kannte der Jubel keine Grenzen.

Natürlich war jetzt von einer Verfolgung oder Bestrafung José's keine Rede

mehr. Der »Señor Cerro« blieb gebunden in den Händen der Polizei, um ihn in

den nächsten Tagen durch den Sumpf nach Ibarra, und von da nach Quito zu

schaffen, wo er den ordentlichen Gerichten übergeben werden sollte. Der

würdige Alkalde von Concepcion aber war ebenfalls machtlos geworden, und

die Bürger der kleinen Stadt luden den Offizier mit seinen Leuten jetzt auf das

Herzlichste ein, mit ihnen nach Concepcion hinab zu fahren, und dort den Sieg

der gerechten Sache solenn zu feiern.

Rigoli war einer der lebhaftesten bei dieser Einladung, und ruhte auch nicht eher,

bis er den Offizier, um den Zug mit ihm zu eröffnen, allein und an der Spitze

seiner Flotte in seinem Canoe hatte, das er jetzt mit einer, in dem dortigen Laden

zusammengekauften und rasch genähten ecuadorianischen blau, roth und gelben

Flagge schmückte.

Aber er vergaß in seinem Jubel auch nicht das arme, junge Paar, das so viel Leid

ausgestanden. Noch in der nämlichen Woche kehrte er nach Cachavi zurück, und

vier Wochen später bezogen José und Eva einen kleinen, reizenden Rancho,

unmittelbar unter der Stelle, wo der Cachavi in den Bogota mündet, mit

Orangenbäumen vor dem Hause, und ein paar wehenden Cocospalmen, wie

einem schon angepflanzten Platanar. Die Hochzeit aber wurde in Cachavi

ausgerichtet, und Rigoli tanzte darauf, zum Jubel der Neger, die sich über den

kleinen fidelen Burschen vor Lachen ausschütten wollten, mit der jungen Frau

die erste Marimba.