Unter Palmen und Buchen: Zweiter Band

Friedrich Gerstäcker · Kapitel 4 von 18

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Unter Palmen und Buchen: Zweiter Band

Drittes Capitel. Der Alarm.

das Mädchen, in dem Gestell aus — und wie viel Zeug brauchte man für einen

einzigen Rock.

Juanna selbst wünschte sich in ihrem ungewohnten Staat auch der kranken

Schwester zeigen, die daheim lag und Nichts von all den Herrlichkeiten zu sehen

bekam. Leichtsinniger Weise erlaubte es ihr Renard — wohnte sie doch nur

schräg gegenüber — und Juanita flog der eigenen Wohnung zu, an der — wie

bei allen übrigen Häusern, nur eine schmale Leiter — oft nur ein eingekerbter

Baumstamm — lehnte, um an diesem auf und ab zu steigen.

Die Meisten der Neugierigen folgten ihr, kaum aber war sie drei oder vier Stufen

hinauf gestiegen, als die Zuschauer unten in ein schallendes Gelächter

ausbrachen. Das arme Kind merkte jetzt, daß ihr Kleid, das ihr sonst glatt am

Körper niederhing, weit auf der Leiter ausblähte. Aengstlich drückte sie es

zusammen, aber die elastischen Reifen wichen aus — was sie auf der einen Seite

niederdrückte, stand auf der anderen um so viel weiter ab. Vor Scham tief

erröthend, sprang sie endlich von der Leiter mit e i n e m Satz hinab, um die

häßlichen Reifen so rasch als möglich los zu werden.

Das gab der Crinoline den Todesstoß, denn daran hatte bis jetzt noch Niemand

gedacht. Welche Frau oder welches Mädchen hätte mit einem solchen Putz ihr

Haus je verlassen oder wieder dahin zurückkehren können? Es war rein

unmöglich, denn an a l l e n Häusern lehnten diese Leitern, und Monsieur Renard

that das Einzige, was er mit der Crinoline überhaupt thun konnte — denn kaufen

wollte sie jetzt Niemand — er hing sie in seinen Laden unter Siebe, eiserne

Töpfe, Besen und andere dergleichen im Handel vorkommende Dinge, an der

Decke auf, und nahm sich vor, mit dem nächsten Dampfer nach Panama an

seinen Correspondenten zu schreiben, ihm doch um Gottes Willen keine weitere

Nachsendung d e r a r t i g e r Moden zu machen.

Juanna hieß aber von dem Tag an nur La Crinolita in der ganzen Stadt, und lange

noch standen die Leute vor dem Hause und lachten und plauderten mit einander,

bis endlich ein tüchtiger Regenschauer sie in ihre Häuser trieb, und sie von dort

aus, über die Straße hinüber und unter einander, aber doch unter Dach, das

höchst interessante Gespräch über die merkwürdige Neuigkeit fortsetzen

konnten. An Mosquera's Flotte dachte Niemand mehr.

 

D r i t t e s C a p i t e l .

 

Der Alarm.

So rückte der Abend heran. Der Regen hatte aufgehört und am westlichen

Horizont wurde eben noch ein rother Gluthstreifen sichtbar, den die

untergehende Sonne auf ihrer Bahn nach sich zog, als plötzlich ein Canoe um die

nördliche Landzunge bog und, von den Rudern der darin Sitzenden getrieben,

wie ein Pfeil über das Wasser dahin und der Landung zuschoß.

»M o s q u e r a !« hieß der Schreckensruf, der gleich darauf durch die kleine,

noch ebenso ruhige Stadt zuckte — »M o s q u e r a ! — Draußen segeln die

Schiffe an und Tomaco ist vom Feinde bedroht.«

Das war ein Durcheinanderlaufen, und wie sich Alles noch vor wenigen Stunden

lachend und jubelnd um Renard's Laden gedrängt hatte, so rannten die Leute

jetzt nach dem Strande, um von den eingelaufenen Fischern das Nähere über die

beunruhigende Kunde zu hören. Selbst Señor Ramos befand sich diesmal unter

den Neugierigen. Aber der Bericht, den die Seeleute geben konnten, lautete

immer noch unbestimmt, wenn er auch das Schlimmste fürchten ließ.

Sie hatten draußen an der Punta Mariana gefischt, und befanden sich schon

wieder auf dem Heimweg, als sie zwei Fahrzeuge bemerkten, die gegen den

Wind aufkreuzten und augenscheinlich auf Tomaco zuhielten. Das eine war ein

Schooner gewesen, das andere eine Galeotte. Wie sie näher kamen, hatten sie auf

dem Schooner eine Flagge aufgezogen, da sie aber von ihnen fortwehte, konnten

sie die Farben nicht erkennen, und wahrscheinlich sollte das ein Zeichen sein,

daß man sie an Bord verlangte, um dort vielleicht als p r a c t i c o s oder Lootsen zu

dienen.

Aus Furcht davor hatten sie sich in die Ruder gelegt und waren geflohen,

während das kleinere Fahrzeug, die Galeotte, sobald sie das an Bord merkte,

versuchte, ihnen den Weg abzuschneiden. Aber das ging freilich nicht; sie selbst

hielten sich in seichtem Wasser, wohin ihnen das tiefer gehende Segelschiff nicht

folgen durfte, wenn es nicht auf den Grund gerathen wollte, und als es wenden

mußte, trieb es der ungünstige Wind viel mehr zurück, als daß es Fortgang

gemacht hätte.

»Und wann könnten sie hier sein?«

Keinen Falls vor morgen früh, denn von der letzten Punta aus hatten sie die

beiden Kriegsfahrzeuge nur noch in weiter Ferne gesehen, und ohne Lootsen an

Bord durften sie nicht wagen, in dunkler Nacht hier einzulaufen.

Das war der einzige Trost, den sie mitbrachten, aber am nächsten Morgen

konnten die Bewohner von Tomaco darauf rechnen, den unwillkommnen Besuch

der Feinde da zu haben.

Was nun thun? Ihr erster Nationalitätseifer war schon merklich abgekühlt, und

sollten sie wirklich all' ihr Hab' und Gut daran wagen, um der Regierung in Panama, die bis dahin n o c h g a r N i c h t s f ü r s i e gethan, die Insel in

treuer Botmäßigkeit zu erhalten? Wer vergütete ihnen den Schaden, wenn die

Stadt in Brand geschossen wurde? — Aller Wahrscheinlichkeit nach Niemand,

und die Stimmung der Bevölkerung fing an, eine entschieden friedliche zu

werden. Selbst Renard, der keine verkäuflichen Waffen mehr an der Hand hatte,

hütete sich, ein einziges aufregendes Wort fallen zu lassen, ja er wußte sogar

einige Beispiele von andern Städten Neu-Granadas zu erzählen, wo Mosquera —

weil er keinen Widerstand gefunden — vollkommen friedlich eingezogen war

und Niemanden belästigt hatte.

Nur der Postmeister blieb Feuer und Flammen und war wieder emsig

beschäftigt, die Landwehr zu organisiren, die er am liebsten die ganze Nacht

durch hätte exerciren lassen. Dazu brachte er die Leute nun allerdings nicht, aber

sein Beispiel diente doch dazu, sie wenigstens in etwas aufzuregen. — Schämten

sie sich doch, so gar kalt zu bleiben, wo es die Vertheidigung des Vaterlandes

und des eigenen Heerdes galt. Sie verstanden sich also dazu, am nächsten

Morgen, noch vor Tag, den Strand zu besetzen, die Kanonen zu richten und —

wie es der Postmeister verlangte — »mit Gut und Blut ihre Ehre und ihre Rechte

zu vertheidigen.«

Der Postmeister sorgte auch dafür, daß sie nicht zu lange schliefen, denn kaum

tauchte der Morgenstern über den Baumwipfeln des festen Landes auf, so

rasselte, von ihm selber bearbeitet, eine alte Trommel durch die stillen Straßen

der Stadt, um in einer Art von verzweifeltem Generalmarsch die Bevölkerung zu

wecken, die jungen Männer herauszurufen und die Frauen und Kinder durch den

ungewohnten Lärm fast zu Tod zu ängstigen.

Er unterließ auch keine Vorsichtsmaßregeln. Ein Canoe wurde, als noch tiefe

Nacht auf dem Meere lag, an die nördliche Punta hinaufgeschickt, um dort auf

Wacht zu liegen, bis der Tag anbreche, und dann ungesäumt genaue Kunde zu

bringen. Ebenso wurden auf den Felsen hinauf Posten geschickt, und ihnen eine

kleine Fahne mitgegeben, durch welche sie bestimmte Botschaften auf eine

vorher bestimmte Art herabwinken sollten — was sie aber natürlich vergaßen,

ehe sie nur oben waren.

Unterdessen ließ er die beiden Kanonen an die äußerste Spitze der Insel

schaffen, von wo er aus beide Canäle — wenn auch nicht gerade beschießen,

doch jedenfalls bedrohen konnte, und ebenso mußten die Leute mit Spitzhacken

und Schaufeln arbeiten, um eine Art Schanze aufzuwerfen, hinter der sie gedeckt

gegen das Feuer der Schiffe stehen konnten. In dem lockeren Sande war leicht

zu arbeiten und sie hatten bald eine Brustwehr ausgegraben, die hinreichend

schien, sie zu verbergen, wenn sie auch einer wirklichen Kanonenkugel kaum einen Widerstand geboten hätte.

Bis Tagesanbruch waren sie richtig damit fertig. Der Postmeister blickte mit

Stolz auf das vollendete Werk, und als der Tag graute, hingen Aller Blicke mit

Spannung an dem westlichen Horizonte, den noch ein duftiger Nebel deckte.

Kaum aber hob sich die Sonne, so preßte sie auch diese leichten Schwaden auf

die Oberfläche der See nieder, von der sie rasch aufgesogen wurden, und »dort

sind sie! dort sind sie!« lief der Ruf von Mund zu Mund und fand bald sein Echo

in der Stadt, der die geängstigten Frauen und Kinder entströmten, um den Feind

mit eigenen Augen zu schauen.

Zu gleicher Zeit winkten die Posten auch auf den Hügeln mit ihren Fahnen, und

kam das nach der Punta ausgesandte Canoe in voller Eile zurück. — Sie Alle

hatten den Feind zu gleicher Zeit bemerkt, und die Richtung, welche die kleinen

Fahrzeuge mit der schwachen Morgenbrise nahmen, ließ keinen Zweifel mehr,

daß Tomaco wirklich ihr Ziel sei. — Aber waren es auch wirklich Kriegsschiffe?

In dem breiten weißen Streifen, der um den Rumpf herum lief, zeigten sich

allerdings die schwarzen viereckigen Portlöcher — aber ob es gemalte oder

wirkliche Porte waren, ließ sich in der Entfernung noch nicht erkennen, und

solche g e m a l t e Porte führten fast alle Kauffartheischiffe, während die wahren

Kriegsschiffe gewöhnlich ganz schwarz angestrichen waren und nicht die

geringste Abzeichnung trugen.

Der Postmeister selber, der eine Art von Telescop besaß, das er einmal einem

Walfischfänger um ein Billiges abgekauft, bemühte sich vergebens, etwas

Genaueres zu erkennen — das verwünschte Glas hatte so viel gekratzte Risse!

— Nicht einmal eine Flagge zeigten sie, und suchten nur mit sämmtlichen

beigesetzten Segeln den schwachen Wind zu fassen und dadurch vorwärts und

auf Ankergrund zu kommen. Mit der Seebrise, die den Nachmittag etwa um drei

Uhr einsetzte, durften sie sicher darauf rechnen, die Einfahrt des Hafens in ihrer

Gewalt zu haben.

Es war jetzt in der That nichts weiter zu thun als diesen Zeitpunct eben

abzuwarten, denn ein verzweifelter Plan, den der Postmeister entwarf, mit

Canoes und Booten nämlich in die offene See hinauszufahren, und die

Kriegsschiffe zu entern und zu nehmen fand auch nicht den geringsten Anklang.

Die Leute meinten ganz vernünftig: wenn sie d a s wollten, könnten sie ja nur

ruhig warten, bis die beiden Fahrzeuge zu ihnen hereinkämen; dann hätten sie es

doch jedenfalls weit bequemer.

Indessen ging der Alkalde, dem nicht wohl bei der Sache wurde, zu Señor

Ramos hinüber, um dessen Meinung zu hören; er staunte aber nicht wenig, als

ihm dieser ganz ruhig sagte, e r würde an seiner Stelle nicht den geringsten Widerstand leisten, denn einem ordentlichen Angriff hielten seine Leute doch

nicht Stand, und Widersetzlichkeit würde den Feind nur erbittern, aber nie etwas

an der Sache — der Besetzung Tomacos durch Mosquera's Truppen — ändern.

»Wenn Sie das nur dem Postmeister gesagt hätten!« entgegnete, etwas bestürzt,

der Alkalde. »Der ist ganz Feuer und Flamme.«

»Der Postmeister ist ein Bramarbas,« sagte Señor Ramos ruhig. — »Lassen Sie

den da draußen maneuvriren, er wird nicht den geringsten Schaden thun.«

Dabei blieb es, und die Einwohner von Tomaco beobachteten mit ängstlicher

Spannung das zwar langsame, aber doch unverkennbare Näherrücken der

»Flotte«.

Den stolzen Namen F l o t t e verdienten die beiden kleinen Fahrzeuge allerdings

nicht. Es waren ein paar ganz gewöhnliche Schooner, wie sie überhaupt an der

Küste kreuzten, um Tauschhandel zu treiben und selten größere Reisen als nach

Panama und wieder zurück zu machen. Noch dazu wurden zu diesen Fahrten

gewöhnlich die ältesten und schlechtesten Schiffe benutzt, da sie in dieser Breite

nie eine schwere See oder gar einen Sturm zu fürchten hatten. Das Schlimmste,

womit sie kämpfen mußten, waren Windstillen, die ihre Reise oft um das

Dreifache verlängerten. Uebrigens fanden sie überall an der Küste kleine Häfen,

wo sie einlaufen und frische Provisionen kaufen konnten — Wassermangel fand

in einer Gegend nie statt, wo wenigstens einmal an j e d e m Tag ein kleiner

Wolkenbruch fiel, so daß man an Deck, mit einem ausgespannten Segeltuch,

leicht auffangen konnte, was man über Tag brauchte.

Die beiden kleinen Fahrzeuge schienen nun auch nicht um einen Grad besser zu

sein, als alle anderen derartigen gleichen Gelichters, und möglich, daß der

Postmeister, der lange Jahre seines Lebens an der Küste zugebracht, auch der

festen Ueberzeugung war, er hätte es nur mit friedlichen Küstenfahrern zu thun

und könne, in sehr billiger und gefahrloser Weise, seinen Muth zeigen und

seinen Landsleuten imponiren. Mosquera, noch nicht im Besitz Panamas oder

irgend eines anderen bedeutenden Hafens, war aber in der That genöthigt

gewesen, ein paar ganz gewöhnliche Schooner, wie er sie an der Küste

genommen oder aufgekauft hatte, zu bemannen und zu armiren, und da die

Bewohner dieser kleinen Hafenplätze auch wohl noch nie ein wirkliches

Kriegsschiff gesehen hatten, so konnten sie, seiner Meinung nach, recht gut

Alles erfüllen, zu was er sie brauchte — und erfüllten es auch in vielen Fällen.

Die Spannung am Lande hatte ihren Höhepunct erreicht, als beide Schooner,

etwa Mittags um 12 Uhr, draußen vor dem Eingange des Canals, neben einander

ankerten, und gleich darauf ein kleines Boot in See gelassen wurde — was man

mit bloßen Augen deutlich erkennen konnte — in das einige Mann hineinstiegen und dann dem Lande zuruderten. Hinten im Heck des Bootes stand ein Offizier,

und als er näher kam, hob er eine kleine weiße Fahne empor — es war richtig

ein Parlamentairboot, und da die Leute recht gut wußten, daß sie von den paar

Mann keinen Ueberfall zu fürchten hatten, drängten sie mehr und mehr der

Landung zu, um dort gleich an Ort und Stelle das Schlimmste zu erfahren.

Selbst der Postmeister, der aber seinen Leuten streng anbefahl, auf ihren Posten

zu bleiben, den sie bis auf den letzten Mann vertheidigen wollten, näherte sich

der Stelle, um bei dem Kriegsrath zugezogen zu werden.

Still und schweigend ruderte indeß das Boot heran, und die vier Leute an den

Riemen — ruppig genug aussehende Burschen, wenn sie wirklich zu einem

Kriegsschiff gehörten — warfen bei ihrer Arbeit etwas scheu den Kopf zurück

nach den Leuten am Strande, und schienen keineswegs eines ganz freundlichen

Empfanges gewiß zu sein.

Vollkommene Ruhe bewahrte indeß der Offizier selber, der, als das Boot den

Sand scheuerte, von seinem Sitze aufstand und die weiße Fahne emporhob. Da

aber gerade Ebbe war, lag das Boot, wenn auch schon festgefahren, noch immer

wohl zehn oder zwölf Schritte von dem seichten Strande ab, und Einer der Leute

sprang ohne Weiteres hinaus und in's Wasser, um ihn auf seinen Schultern auf

trockenen Boden zu tragen, denn er hatte Stiefeln an, die er nicht naß machen

durfte.

Der Offizier nahm das auch an, und zwar als eine Sache, die sich von selbst

verstand, wenn es ihm auch in der Würde seiner Stellung und europäischen

Augen gegenüber vielleicht Eintrag gethan hätte, so huckepack und nichts

weniger als graziös, an's Land geritten zu kommen. Hier aber war man etwas

Aehnliches schon so gewöhnt, daß Niemand nur eine Miene deshalb verzog und

der Alkalde, in etwas steifer und gezwungener Haltung ihm entgegentrat, um zu

erfragen, was er wünsche und was die Schiffe da draußen beabsichtigten.

Der Offizier grüßte freundlich, ohne sich dann aber bei weiteren Höflichkeiten

aufzuhalten, sagte er ruhig:

»Señores, ich komme hierher im Namen meines Capitäns und Admirals, des

ehrenwerthen Don Juan Salcantra, um Sie aufzufordern, Sr. Excellenz, dem

geliebten und tapferen Präsidenten Mosquera, den Huldigungseid zu leisten und

zu schwören, daß Sie diesen Platz gegen alle Feinde Sr. Excellenz vertheidigen

und ihm überhaupt treue Unterthanen sein wollen.«

Todtenstille folgte dieser Aufforderung, und selbst der Alkalde war in

Verlegenheit, was er darauf erwidern solle. Mit der Schlauheit und

Geschmeidigkeit der ganzen spanischen Race ließ er aber doch nicht lange auf

eine Antwort warten und erwiderte freundlich:

»Señor, wir sind ruhige und friedliebende Bürger auf Tomaco, die mit treuer

Anhänglichkeit an ihrer Regierung hängen und erst vor ein paar Tagen erfahren

haben, daß eine Revolution im Lande ausgebrochen sei. Daß der neue Präsident

in Panama Mosquera heißt, wußten wir noch gar nicht, und wenn Sie uns von

dort den schriftlichen Befehl zu dem eben Verlangten bringen, sind wir mit

Vergnügen bereit, Ihrem Wunsche zu willfahren.«

»Die Regierung in Panama,« sagte nun der Offizier finster, »ist gestürzt —

General Mosquera regiert jetzt allein im Lande, und deshalb haben die

verschiedenen Hafenplätze auch von ihm allein Befehle entgegen zu nehmen,

die er aber nie schriftlich, sondern nur mündlich giebt.«

»Bitte um Entschuldigung, Señor,« nahm der Postmeister das Wort. »Die

Regierung von Panama ist n i c h t gestürzt, wenigstens nicht, daß S i e etwas

davon wissen könnten, denn der englische Dampfer, der direct von Panama kam,

hat erst n a c h Ihnen Buenaventura verlassen, und uns noch Depeschen

u n s e r e r Regierung mitgebracht.«

»Señor,« erwiderte der Offizier kalt, »die Regierung von Panama ist im

g a n z e n L a n d e gestürzt, und in Panama eingeschlossen, Sie können dieselbe

also nicht mehr Regierung nennen. Aber ich bin nicht hier, um mich mit Ihnen in

einen Wortstreit einzulassen. Meine Aufforderung an Sie ergeht nur dahin, ob

Sie sich den r e c h t m ä ß i g e n Behörden unterwerfen wollen, wo nicht, werden

wir mit unseren Schiffen Ihren Gehorsam zu e r z w i n g e n wissen, und die

Folgen — haben Sie sich dann selber zuzuschreiben. — Ich bitte um Antwort.«

»Und die soll Ihnen werden,« rief der enragirte Postmeister, ehe der Alkalde

selber das Wort ergreifen konnte. — »Kommen Sie nur so nahe, daß wir Sie mit

unseren Kanonen erreichen können, so wollen wir Ihnen eine Antwort

hinüberschicken, daß Ihnen die Köpfe brummen.«

»Ist das Ihr letztes Wort?« frug der Offizier finster.

Der Alkalde wollte etwas erwidern, aber die Umstehenden, denen die kecke

Rede ihres Postmeisters imponirte, brachen in ein donnerndes Hurrah aus, und

die Leute im Boote griffen erschreckt nach ihren Rudern, weil sie sich nicht

sicher fühlten, daß die übermüthigen Burschen am Ende über sie herfallen

könnten. — Was wußten sie von Völkerrecht oder Parlamentairflagge!

Der Offizier mochte etwas Aehnliches fürchten, denn er trat dicht zum Rand des

Wassers zurück und sah sich nach seinen Leuten um. Dadurch gewannen die

Bewohner von Tomaco nur neuen Muth. Der Alkalde wollte etwas sprechen,

aber er kam nicht zu Worte — wieder gaben die Hurrahschreier eine volle Salve,

und der Offizier, mit gänzlicher Mißachtung seiner blanken Stiefeln und

trockenen Beinkleider, trat in das Seewasser hinein, war mit wenigen Schritten bei seinem Boote, schwang sich hinein, und während sich die Ruderer mit aller