Unter Palmen und Buchen: Zweiter Band
Drittes Capitel. Der Alarm.
das Mädchen, in dem Gestell aus — und wie viel Zeug brauchte man für einen
einzigen Rock.
Juanna selbst wünschte sich in ihrem ungewohnten Staat auch der kranken
Schwester zeigen, die daheim lag und Nichts von all den Herrlichkeiten zu sehen
bekam. Leichtsinniger Weise erlaubte es ihr Renard — wohnte sie doch nur
schräg gegenüber — und Juanita flog der eigenen Wohnung zu, an der — wie
bei allen übrigen Häusern, nur eine schmale Leiter — oft nur ein eingekerbter
Baumstamm — lehnte, um an diesem auf und ab zu steigen.
Die Meisten der Neugierigen folgten ihr, kaum aber war sie drei oder vier Stufen
hinauf gestiegen, als die Zuschauer unten in ein schallendes Gelächter
ausbrachen. Das arme Kind merkte jetzt, daß ihr Kleid, das ihr sonst glatt am
Körper niederhing, weit auf der Leiter ausblähte. Aengstlich drückte sie es
zusammen, aber die elastischen Reifen wichen aus — was sie auf der einen Seite
niederdrückte, stand auf der anderen um so viel weiter ab. Vor Scham tief
erröthend, sprang sie endlich von der Leiter mit e i n e m Satz hinab, um die
häßlichen Reifen so rasch als möglich los zu werden.
Das gab der Crinoline den Todesstoß, denn daran hatte bis jetzt noch Niemand
gedacht. Welche Frau oder welches Mädchen hätte mit einem solchen Putz ihr
Haus je verlassen oder wieder dahin zurückkehren können? Es war rein
unmöglich, denn an a l l e n Häusern lehnten diese Leitern, und Monsieur Renard
that das Einzige, was er mit der Crinoline überhaupt thun konnte — denn kaufen
wollte sie jetzt Niemand — er hing sie in seinen Laden unter Siebe, eiserne
Töpfe, Besen und andere dergleichen im Handel vorkommende Dinge, an der
Decke auf, und nahm sich vor, mit dem nächsten Dampfer nach Panama an
seinen Correspondenten zu schreiben, ihm doch um Gottes Willen keine weitere
Nachsendung d e r a r t i g e r Moden zu machen.
Juanna hieß aber von dem Tag an nur La Crinolita in der ganzen Stadt, und lange
noch standen die Leute vor dem Hause und lachten und plauderten mit einander,
bis endlich ein tüchtiger Regenschauer sie in ihre Häuser trieb, und sie von dort
aus, über die Straße hinüber und unter einander, aber doch unter Dach, das
höchst interessante Gespräch über die merkwürdige Neuigkeit fortsetzen
konnten. An Mosquera's Flotte dachte Niemand mehr.
D r i t t e s C a p i t e l .
Der Alarm.
So rückte der Abend heran. Der Regen hatte aufgehört und am westlichen
Horizont wurde eben noch ein rother Gluthstreifen sichtbar, den die
untergehende Sonne auf ihrer Bahn nach sich zog, als plötzlich ein Canoe um die
nördliche Landzunge bog und, von den Rudern der darin Sitzenden getrieben,
wie ein Pfeil über das Wasser dahin und der Landung zuschoß.
»M o s q u e r a !« hieß der Schreckensruf, der gleich darauf durch die kleine,
noch ebenso ruhige Stadt zuckte — »M o s q u e r a ! — Draußen segeln die
Schiffe an und Tomaco ist vom Feinde bedroht.«
Das war ein Durcheinanderlaufen, und wie sich Alles noch vor wenigen Stunden
lachend und jubelnd um Renard's Laden gedrängt hatte, so rannten die Leute
jetzt nach dem Strande, um von den eingelaufenen Fischern das Nähere über die
beunruhigende Kunde zu hören. Selbst Señor Ramos befand sich diesmal unter
den Neugierigen. Aber der Bericht, den die Seeleute geben konnten, lautete
immer noch unbestimmt, wenn er auch das Schlimmste fürchten ließ.
Sie hatten draußen an der Punta Mariana gefischt, und befanden sich schon
wieder auf dem Heimweg, als sie zwei Fahrzeuge bemerkten, die gegen den
Wind aufkreuzten und augenscheinlich auf Tomaco zuhielten. Das eine war ein
Schooner gewesen, das andere eine Galeotte. Wie sie näher kamen, hatten sie auf
dem Schooner eine Flagge aufgezogen, da sie aber von ihnen fortwehte, konnten
sie die Farben nicht erkennen, und wahrscheinlich sollte das ein Zeichen sein,
daß man sie an Bord verlangte, um dort vielleicht als p r a c t i c o s oder Lootsen zu
dienen.
Aus Furcht davor hatten sie sich in die Ruder gelegt und waren geflohen,
während das kleinere Fahrzeug, die Galeotte, sobald sie das an Bord merkte,
versuchte, ihnen den Weg abzuschneiden. Aber das ging freilich nicht; sie selbst
hielten sich in seichtem Wasser, wohin ihnen das tiefer gehende Segelschiff nicht
folgen durfte, wenn es nicht auf den Grund gerathen wollte, und als es wenden
mußte, trieb es der ungünstige Wind viel mehr zurück, als daß es Fortgang
gemacht hätte.
»Und wann könnten sie hier sein?«
Keinen Falls vor morgen früh, denn von der letzten Punta aus hatten sie die
beiden Kriegsfahrzeuge nur noch in weiter Ferne gesehen, und ohne Lootsen an
Bord durften sie nicht wagen, in dunkler Nacht hier einzulaufen.
Das war der einzige Trost, den sie mitbrachten, aber am nächsten Morgen
konnten die Bewohner von Tomaco darauf rechnen, den unwillkommnen Besuch
der Feinde da zu haben.
Was nun thun? Ihr erster Nationalitätseifer war schon merklich abgekühlt, und
sollten sie wirklich all' ihr Hab' und Gut daran wagen, um der Regierung in Panama, die bis dahin n o c h g a r N i c h t s f ü r s i e gethan, die Insel in
treuer Botmäßigkeit zu erhalten? Wer vergütete ihnen den Schaden, wenn die
Stadt in Brand geschossen wurde? — Aller Wahrscheinlichkeit nach Niemand,
und die Stimmung der Bevölkerung fing an, eine entschieden friedliche zu
werden. Selbst Renard, der keine verkäuflichen Waffen mehr an der Hand hatte,
hütete sich, ein einziges aufregendes Wort fallen zu lassen, ja er wußte sogar
einige Beispiele von andern Städten Neu-Granadas zu erzählen, wo Mosquera —
weil er keinen Widerstand gefunden — vollkommen friedlich eingezogen war
und Niemanden belästigt hatte.
Nur der Postmeister blieb Feuer und Flammen und war wieder emsig
beschäftigt, die Landwehr zu organisiren, die er am liebsten die ganze Nacht
durch hätte exerciren lassen. Dazu brachte er die Leute nun allerdings nicht, aber
sein Beispiel diente doch dazu, sie wenigstens in etwas aufzuregen. — Schämten
sie sich doch, so gar kalt zu bleiben, wo es die Vertheidigung des Vaterlandes
und des eigenen Heerdes galt. Sie verstanden sich also dazu, am nächsten
Morgen, noch vor Tag, den Strand zu besetzen, die Kanonen zu richten und —
wie es der Postmeister verlangte — »mit Gut und Blut ihre Ehre und ihre Rechte
zu vertheidigen.«
Der Postmeister sorgte auch dafür, daß sie nicht zu lange schliefen, denn kaum
tauchte der Morgenstern über den Baumwipfeln des festen Landes auf, so
rasselte, von ihm selber bearbeitet, eine alte Trommel durch die stillen Straßen
der Stadt, um in einer Art von verzweifeltem Generalmarsch die Bevölkerung zu
wecken, die jungen Männer herauszurufen und die Frauen und Kinder durch den
ungewohnten Lärm fast zu Tod zu ängstigen.
Er unterließ auch keine Vorsichtsmaßregeln. Ein Canoe wurde, als noch tiefe
Nacht auf dem Meere lag, an die nördliche Punta hinaufgeschickt, um dort auf
Wacht zu liegen, bis der Tag anbreche, und dann ungesäumt genaue Kunde zu
bringen. Ebenso wurden auf den Felsen hinauf Posten geschickt, und ihnen eine
kleine Fahne mitgegeben, durch welche sie bestimmte Botschaften auf eine
vorher bestimmte Art herabwinken sollten — was sie aber natürlich vergaßen,
ehe sie nur oben waren.
Unterdessen ließ er die beiden Kanonen an die äußerste Spitze der Insel
schaffen, von wo er aus beide Canäle — wenn auch nicht gerade beschießen,
doch jedenfalls bedrohen konnte, und ebenso mußten die Leute mit Spitzhacken
und Schaufeln arbeiten, um eine Art Schanze aufzuwerfen, hinter der sie gedeckt
gegen das Feuer der Schiffe stehen konnten. In dem lockeren Sande war leicht
zu arbeiten und sie hatten bald eine Brustwehr ausgegraben, die hinreichend
schien, sie zu verbergen, wenn sie auch einer wirklichen Kanonenkugel kaum einen Widerstand geboten hätte.
Bis Tagesanbruch waren sie richtig damit fertig. Der Postmeister blickte mit
Stolz auf das vollendete Werk, und als der Tag graute, hingen Aller Blicke mit
Spannung an dem westlichen Horizonte, den noch ein duftiger Nebel deckte.
Kaum aber hob sich die Sonne, so preßte sie auch diese leichten Schwaden auf
die Oberfläche der See nieder, von der sie rasch aufgesogen wurden, und »dort
sind sie! dort sind sie!« lief der Ruf von Mund zu Mund und fand bald sein Echo
in der Stadt, der die geängstigten Frauen und Kinder entströmten, um den Feind
mit eigenen Augen zu schauen.
Zu gleicher Zeit winkten die Posten auch auf den Hügeln mit ihren Fahnen, und
kam das nach der Punta ausgesandte Canoe in voller Eile zurück. — Sie Alle
hatten den Feind zu gleicher Zeit bemerkt, und die Richtung, welche die kleinen
Fahrzeuge mit der schwachen Morgenbrise nahmen, ließ keinen Zweifel mehr,
daß Tomaco wirklich ihr Ziel sei. — Aber waren es auch wirklich Kriegsschiffe?
In dem breiten weißen Streifen, der um den Rumpf herum lief, zeigten sich
allerdings die schwarzen viereckigen Portlöcher — aber ob es gemalte oder
wirkliche Porte waren, ließ sich in der Entfernung noch nicht erkennen, und
solche g e m a l t e Porte führten fast alle Kauffartheischiffe, während die wahren
Kriegsschiffe gewöhnlich ganz schwarz angestrichen waren und nicht die
geringste Abzeichnung trugen.
Der Postmeister selber, der eine Art von Telescop besaß, das er einmal einem
Walfischfänger um ein Billiges abgekauft, bemühte sich vergebens, etwas
Genaueres zu erkennen — das verwünschte Glas hatte so viel gekratzte Risse!
— Nicht einmal eine Flagge zeigten sie, und suchten nur mit sämmtlichen
beigesetzten Segeln den schwachen Wind zu fassen und dadurch vorwärts und
auf Ankergrund zu kommen. Mit der Seebrise, die den Nachmittag etwa um drei
Uhr einsetzte, durften sie sicher darauf rechnen, die Einfahrt des Hafens in ihrer
Gewalt zu haben.
Es war jetzt in der That nichts weiter zu thun als diesen Zeitpunct eben
abzuwarten, denn ein verzweifelter Plan, den der Postmeister entwarf, mit
Canoes und Booten nämlich in die offene See hinauszufahren, und die
Kriegsschiffe zu entern und zu nehmen fand auch nicht den geringsten Anklang.
Die Leute meinten ganz vernünftig: wenn sie d a s wollten, könnten sie ja nur
ruhig warten, bis die beiden Fahrzeuge zu ihnen hereinkämen; dann hätten sie es
doch jedenfalls weit bequemer.
Indessen ging der Alkalde, dem nicht wohl bei der Sache wurde, zu Señor
Ramos hinüber, um dessen Meinung zu hören; er staunte aber nicht wenig, als
ihm dieser ganz ruhig sagte, e r würde an seiner Stelle nicht den geringsten Widerstand leisten, denn einem ordentlichen Angriff hielten seine Leute doch
nicht Stand, und Widersetzlichkeit würde den Feind nur erbittern, aber nie etwas
an der Sache — der Besetzung Tomacos durch Mosquera's Truppen — ändern.
»Wenn Sie das nur dem Postmeister gesagt hätten!« entgegnete, etwas bestürzt,
der Alkalde. »Der ist ganz Feuer und Flamme.«
»Der Postmeister ist ein Bramarbas,« sagte Señor Ramos ruhig. — »Lassen Sie
den da draußen maneuvriren, er wird nicht den geringsten Schaden thun.«
Dabei blieb es, und die Einwohner von Tomaco beobachteten mit ängstlicher
Spannung das zwar langsame, aber doch unverkennbare Näherrücken der
»Flotte«.
Den stolzen Namen F l o t t e verdienten die beiden kleinen Fahrzeuge allerdings
nicht. Es waren ein paar ganz gewöhnliche Schooner, wie sie überhaupt an der
Küste kreuzten, um Tauschhandel zu treiben und selten größere Reisen als nach
Panama und wieder zurück zu machen. Noch dazu wurden zu diesen Fahrten
gewöhnlich die ältesten und schlechtesten Schiffe benutzt, da sie in dieser Breite
nie eine schwere See oder gar einen Sturm zu fürchten hatten. Das Schlimmste,
womit sie kämpfen mußten, waren Windstillen, die ihre Reise oft um das
Dreifache verlängerten. Uebrigens fanden sie überall an der Küste kleine Häfen,
wo sie einlaufen und frische Provisionen kaufen konnten — Wassermangel fand
in einer Gegend nie statt, wo wenigstens einmal an j e d e m Tag ein kleiner
Wolkenbruch fiel, so daß man an Deck, mit einem ausgespannten Segeltuch,
leicht auffangen konnte, was man über Tag brauchte.
Die beiden kleinen Fahrzeuge schienen nun auch nicht um einen Grad besser zu
sein, als alle anderen derartigen gleichen Gelichters, und möglich, daß der
Postmeister, der lange Jahre seines Lebens an der Küste zugebracht, auch der
festen Ueberzeugung war, er hätte es nur mit friedlichen Küstenfahrern zu thun
und könne, in sehr billiger und gefahrloser Weise, seinen Muth zeigen und
seinen Landsleuten imponiren. Mosquera, noch nicht im Besitz Panamas oder
irgend eines anderen bedeutenden Hafens, war aber in der That genöthigt
gewesen, ein paar ganz gewöhnliche Schooner, wie er sie an der Küste
genommen oder aufgekauft hatte, zu bemannen und zu armiren, und da die
Bewohner dieser kleinen Hafenplätze auch wohl noch nie ein wirkliches
Kriegsschiff gesehen hatten, so konnten sie, seiner Meinung nach, recht gut
Alles erfüllen, zu was er sie brauchte — und erfüllten es auch in vielen Fällen.
Die Spannung am Lande hatte ihren Höhepunct erreicht, als beide Schooner,
etwa Mittags um 12 Uhr, draußen vor dem Eingange des Canals, neben einander
ankerten, und gleich darauf ein kleines Boot in See gelassen wurde — was man
mit bloßen Augen deutlich erkennen konnte — in das einige Mann hineinstiegen und dann dem Lande zuruderten. Hinten im Heck des Bootes stand ein Offizier,
und als er näher kam, hob er eine kleine weiße Fahne empor — es war richtig
ein Parlamentairboot, und da die Leute recht gut wußten, daß sie von den paar
Mann keinen Ueberfall zu fürchten hatten, drängten sie mehr und mehr der
Landung zu, um dort gleich an Ort und Stelle das Schlimmste zu erfahren.
Selbst der Postmeister, der aber seinen Leuten streng anbefahl, auf ihren Posten
zu bleiben, den sie bis auf den letzten Mann vertheidigen wollten, näherte sich
der Stelle, um bei dem Kriegsrath zugezogen zu werden.
Still und schweigend ruderte indeß das Boot heran, und die vier Leute an den
Riemen — ruppig genug aussehende Burschen, wenn sie wirklich zu einem
Kriegsschiff gehörten — warfen bei ihrer Arbeit etwas scheu den Kopf zurück
nach den Leuten am Strande, und schienen keineswegs eines ganz freundlichen
Empfanges gewiß zu sein.
Vollkommene Ruhe bewahrte indeß der Offizier selber, der, als das Boot den
Sand scheuerte, von seinem Sitze aufstand und die weiße Fahne emporhob. Da
aber gerade Ebbe war, lag das Boot, wenn auch schon festgefahren, noch immer
wohl zehn oder zwölf Schritte von dem seichten Strande ab, und Einer der Leute
sprang ohne Weiteres hinaus und in's Wasser, um ihn auf seinen Schultern auf
trockenen Boden zu tragen, denn er hatte Stiefeln an, die er nicht naß machen
durfte.
Der Offizier nahm das auch an, und zwar als eine Sache, die sich von selbst
verstand, wenn es ihm auch in der Würde seiner Stellung und europäischen
Augen gegenüber vielleicht Eintrag gethan hätte, so huckepack und nichts
weniger als graziös, an's Land geritten zu kommen. Hier aber war man etwas
Aehnliches schon so gewöhnt, daß Niemand nur eine Miene deshalb verzog und
der Alkalde, in etwas steifer und gezwungener Haltung ihm entgegentrat, um zu
erfragen, was er wünsche und was die Schiffe da draußen beabsichtigten.
Der Offizier grüßte freundlich, ohne sich dann aber bei weiteren Höflichkeiten
aufzuhalten, sagte er ruhig:
»Señores, ich komme hierher im Namen meines Capitäns und Admirals, des
ehrenwerthen Don Juan Salcantra, um Sie aufzufordern, Sr. Excellenz, dem
geliebten und tapferen Präsidenten Mosquera, den Huldigungseid zu leisten und
zu schwören, daß Sie diesen Platz gegen alle Feinde Sr. Excellenz vertheidigen
und ihm überhaupt treue Unterthanen sein wollen.«
Todtenstille folgte dieser Aufforderung, und selbst der Alkalde war in
Verlegenheit, was er darauf erwidern solle. Mit der Schlauheit und
Geschmeidigkeit der ganzen spanischen Race ließ er aber doch nicht lange auf
eine Antwort warten und erwiderte freundlich:
»Señor, wir sind ruhige und friedliebende Bürger auf Tomaco, die mit treuer
Anhänglichkeit an ihrer Regierung hängen und erst vor ein paar Tagen erfahren
haben, daß eine Revolution im Lande ausgebrochen sei. Daß der neue Präsident
in Panama Mosquera heißt, wußten wir noch gar nicht, und wenn Sie uns von
dort den schriftlichen Befehl zu dem eben Verlangten bringen, sind wir mit
Vergnügen bereit, Ihrem Wunsche zu willfahren.«
»Die Regierung in Panama,« sagte nun der Offizier finster, »ist gestürzt —
General Mosquera regiert jetzt allein im Lande, und deshalb haben die
verschiedenen Hafenplätze auch von ihm allein Befehle entgegen zu nehmen,
die er aber nie schriftlich, sondern nur mündlich giebt.«
»Bitte um Entschuldigung, Señor,« nahm der Postmeister das Wort. »Die
Regierung von Panama ist n i c h t gestürzt, wenigstens nicht, daß S i e etwas
davon wissen könnten, denn der englische Dampfer, der direct von Panama kam,
hat erst n a c h Ihnen Buenaventura verlassen, und uns noch Depeschen
u n s e r e r Regierung mitgebracht.«
»Señor,« erwiderte der Offizier kalt, »die Regierung von Panama ist im
g a n z e n L a n d e gestürzt, und in Panama eingeschlossen, Sie können dieselbe
also nicht mehr Regierung nennen. Aber ich bin nicht hier, um mich mit Ihnen in
einen Wortstreit einzulassen. Meine Aufforderung an Sie ergeht nur dahin, ob
Sie sich den r e c h t m ä ß i g e n Behörden unterwerfen wollen, wo nicht, werden
wir mit unseren Schiffen Ihren Gehorsam zu e r z w i n g e n wissen, und die
Folgen — haben Sie sich dann selber zuzuschreiben. — Ich bitte um Antwort.«
»Und die soll Ihnen werden,« rief der enragirte Postmeister, ehe der Alkalde
selber das Wort ergreifen konnte. — »Kommen Sie nur so nahe, daß wir Sie mit
unseren Kanonen erreichen können, so wollen wir Ihnen eine Antwort
hinüberschicken, daß Ihnen die Köpfe brummen.«
»Ist das Ihr letztes Wort?« frug der Offizier finster.
Der Alkalde wollte etwas erwidern, aber die Umstehenden, denen die kecke
Rede ihres Postmeisters imponirte, brachen in ein donnerndes Hurrah aus, und
die Leute im Boote griffen erschreckt nach ihren Rudern, weil sie sich nicht
sicher fühlten, daß die übermüthigen Burschen am Ende über sie herfallen
könnten. — Was wußten sie von Völkerrecht oder Parlamentairflagge!
Der Offizier mochte etwas Aehnliches fürchten, denn er trat dicht zum Rand des
Wassers zurück und sah sich nach seinen Leuten um. Dadurch gewannen die
Bewohner von Tomaco nur neuen Muth. Der Alkalde wollte etwas sprechen,
aber er kam nicht zu Worte — wieder gaben die Hurrahschreier eine volle Salve,
und der Offizier, mit gänzlicher Mißachtung seiner blanken Stiefeln und
trockenen Beinkleider, trat in das Seewasser hinein, war mit wenigen Schritten bei seinem Boote, schwang sich hinein, und während sich die Ruderer mit aller