Unter Palmen und Buchen: Zweiter Band

Friedrich Gerstäcker · Kapitel 12 von 18

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Unter Palmen und Buchen: Zweiter Band

Drittes Capitel. Die Canoefahrt.

will!«

»Señor Rigoli,« unterbrach ihn der Alkalde erschreckt, »wissen Sie, daß Sie von

unserer höchsten Obrigkeit sprechen, und ich eigentlich gezwungen wäre —«

»Zum Henker mit unserer ganzen Obrigkeit,« beharrte aber der unverbesserliche

kleine Schneider, der nicht den geringsten Respekt, weder vor dem Präsidenten

noch vor dem Alkalden zeigte. — »Wenn es denn so mit uns steht, dann will ich

doch sehen, ob nicht das Vo l k einmal gelegentlich die Sache in die Hand

nehmen kann, und wo S i e dann bleiben, Señor, und der Padre mit Einschluß

Ihres Franco'schen Generals, darauf bin ich nachher selber neugierig.«

»Señor Rigoli, Sie werden mich noch zwingen, ernstere Maßregeln mit Ihnen zu

ergreifen.«

»Ach Papperlapapp,« sagte der Italiener verächtlich, »drohen gilt nicht, aber das

versichere ich Sie, Señor, wird das Geld herbeigebracht, und der Schwarze

n i c h t freigelassen, dann zettele ich Ihnen hier eine Negerrevolution an, die sich

gewaschen hat, und dann wollen wir doch einmal sehen, ob wir die Francosche

Wirthschaft nicht auch bei der Gelegenheit auseinanderjagen können.«

»Señor Rigoli!« rief der Alkalde und fuhr aus seiner Hängematte in die Höhe,

aber der kleine Italiener nahm keine Notiz mehr von ihm, stülpte seinen Hut auf

und verließ ohne Weiteres das Haus.

 

D r i t t e s C a p i t e l .

 

Die Canoefahrt.

 

In ängstlicher Furcht hatte indessen das arme Negermädchen unten auf den

Erfolg der Unterredung gewartet, und die lauten, ärgerlichen Stimmen oben

konnten sie wahrlich nicht dabei beruhigen. — Jetzt endlich kam der weiße

Mann zurück — aber er sah erhitzt und ärgerlich aus. Sie wagte nicht einmal ihn

zu fragen, welche Hoffnung sie fassen dürfe. Der kleine Italiener ließ sie aber

nicht lange in Ungewißheit.

»Nimm Deinen Bruder, Schatz,« sagte er, »und mache daß Du nach Cachavi

zurückkommst und Dein Geld holst — ich würde es Dir selber borgen, aber die

Lumpen hier zahlen so schlecht, daß man kaum landesübliche Münze genug für

Bananen und Chocolade im Haus behält. Hast Du ein Canoe?«

»Noch nicht, Señor,« sagte das Mädchen schüchtern; »aber die Señora Bastiano

borgt mir gewiß das ihrige.«

»Gut dann; Du könntest meines kriegen, aber am Bug ist ein Stück

herausgebrochen, und muß erst wieder gemacht werden — das soll aber jetzt

gleich geschehen, denn ich weiß nicht, wie bald ich es selber brauchen werde.

Wann willst Du fort?«

»Gleich, Señor — der Weg ist weit,« sagte das junge Mädchen, »sobald ich nur

das Canoe habe.«

»Noch eins — wie viel Geld hast Du denn eigentlich, Schatz?«

»Es werden wohl 46 Dollars sein,« erwiderte zitternd das arme Kind —

»glauben Sie, daß es genug ist, um den armen José zu befreien?«

»Genug? sicher!« rief der kleine Italiener, sich vergnügt die Hände reibend —

»und sag' dem Alkalden in Cachavi nur, zu welchem Zweck Du es willst, und

daß sie hier Deinen Liebsten als Sclaven halten, dem Gesetz zum Trotz. — Und

wenn Du zurückkehrst, so komme gleich zu mir, und ich bringe die Sache in

Ordnung, darauf kannst Du Dich verlassen. Verstanden?«

»Oh wie soll ich Euch je dafür danken, Señor?«

»Danken? für was?« brummte der kleine Mann vor sich hin — »wenn ich Dir

das Geld geben könnte, hättest Du Ursache dafür — so nicht — mach' nur, daß

Du fort kommst.«

Eva ließ sich das nicht zweimal sagen, und flog die Straße hinab der Wohnung

der »Señora Bastiano«, einer würdigen Negerdame, zu. Allerdings machte diese

noch einige Schwierigkeiten, denn sie wollte morgen oder übermorgen selber

nach dem Pailon hinüber fahren, um dort einige alte Freunde zu besuchen, da ihr

aber das junge Mädchen fest versprach, bis spätestens übermorgen wieder

zurück zu sein, ließ sie sich endlich erbitten, und kaum zwei Stunden später,

nachdem Eva noch von José Abschied genommen, und seine Seele mit freudiger

Hoffnung erfüllt hatte, saßen die beiden Geschwister, Eva und ihr Bruder Tonio,

im Canoe, ruderten den Santiago hinab, bis zu der nächsten Landspitze und

bogen dann in den Bogota ein, um hier ihre beschwerliche und ermüdende Fahrt

gegen die Strömung zu beginnen.

Aber Eva kannte keine Ermüdung; der freundliche Italiener hatte die beiden

Geschwister auch noch außerdem mit Mundvorrath versehen, daß sie nirgends

anzulaufen brauchten. Frisches Wasser quoll ebenfalls um sie her, denn bis

hierher reichte die Fluth des Meeres nicht, und rüstig und unverdrossen ruderten

sie bis zu der Mündung des Cachavi, wo dann die Strömung des wohl kleineren,

aber viel reißenderen Flusses so mächtig wurde, daß sie zu ihren Stangen greifen

mußten. Aber unermüdlich arbeiteten sie vorwärts, die ganze Nacht hindurch

und noch stand am nächsten Tage die Sonne hoch am Himmel, als sie das kleine

Negerstädtchen, wo früher ihre Eltern gewohnt, erreichten.

Eva hatte hier keine Schwierigkeit, das ersparte Geld von dem Alkalden zu

bekommen, denn diese Leute speculiren nicht mit den ihnen anvertrauten

Capitalien. Das Geld hing wohlverwahrt in einem Beutel von weißem

Baumwollenzeug an einer etwas versteckten Stelle unter dem Dach und war

rasch herbeigeholt; aber der Alkalde, ein alter greiser Neger, der früher selber

Sclave gewesen, und durch das Emancipationsgesetz befreit worden, hatte mehr

von der Welt gesehen, als das junge Mädchen, und schien dem unerfahrenen

Kinde nur ungern den mühsam genug verdienten und aufgespeicherten Schatz

anzuvertrauen.

Er kannte die Leute, die sich c a b a l l e r o s nennen, durch und durch, und wäre am

liebsten selber mit nach Concepcion hinab gefahren, um bei dem dortigen

Alkalden die Sache in Ordnung zu bringen — aber es ging nicht. Seine Frau war

wieder krank und eine Tochter lag am Fieber darnieder, und dann erwarteten sie

jetzt auch mit jedem Tage die indianischen Träger von Ibarra, die ihnen eine

Menge neuer Waaren bringen sollten, bei deren Verkauf er jedenfalls zugegen

sein mußte. Kurz es ging eben nicht an, und er mußte das junge Mädchen ihrem

Schicksal überlassen.

Diese wäre am liebsten auch gleich an dem nämlichen Abend wieder

aufgebrochen, um auch nicht eine Stunde so werthvoller Zeit zu versäumen, aber

ihr überdieß schwächlicher Bruder war durch die ungewohnte Anstrengung so

erschöpft, daß er einer Nacht Schlaf nothwendig bedurfte. Der Alkalde selber litt

ebenfalls nicht, daß sich das junge Mädchen so übermäßig anstrenge, sie mußte

deshalb bei ihm übernachten, aber mit Tagesgrauen war sie wieder auf, röstete

für sich und Tonio ein paar Bananen zu Frühstück und Mittagessen, und ging

dann selber zu dem Canoe hinab, um dieses, das die Nacht über stets hoch an

Land hinaufgezogen werden mußte, da der Fluß oft so plötzlich steigt, flott zu

bekommen.

Ihr Bruder packte indessen oben die Bananen ein, und der alte Alkalde war

selber mit zum Fluß gekommen, um nachzusehen, daß sie ihr Geld gut verwahre,

und ihr Glück auf die Reise zu wünschen.

Dem jungen Mädchen war bei der Arbeit — das Canoe allein über das Geröll

in's Wasser zu schieben — warm geworden, und sie hatte ihr leichtes Oberkleid

ab und in's Canoe geworfen, der kurze dünne Kattunrock reichte ihr dabei kaum

bis über's Knie. Aber ihr Gesicht strahlte vor Freude, denn heute noch — heute,

konnte sie den Geliebten befreien, durfte ihn selber aus seinem dumpfen Kerker

in die liebe Gottesnatur hinausführen, und das Herz hätte ihr fast zerspringen

mögen vor Lust und Seligkeit.

Mit viel geringerem Eifer kam ihr Bruder, von dem Alkalden begleitet, zum Ufer herunter. Ihm wäre es weit lieber gewesen, wenn er hier oben, in seiner

Vaterstadt, ein paar Rasttage hätte machen dürfen, und von der übermäßigen

Anstrengung gestern thaten ihm außerdem noch die Arme weh.

Eva sah, wie er nur zum Ufer herabkam, seine betrübte Miene und lachte ihn

fröhlich an.

»Da, setz' Dich vorn hinein in's Canoe und mach' es Dir bequem, Tonio — ich

brauche Dich heute nicht zum Rudern, denn der Fluß trägt uns allein schon rasch

zu Thal.«

»Und hier ist Dein Geld, Mädel,« sagte der Alkalde, indem er der jungen Dirne

den Beutel reichte, »verwahre es gut und laß es nicht in's Wasser fallen.«

»Ich bin ja doch kein Kind mehr, Señor,« sagte die Jungfrau, indem sich ein

leises Erröthen über ihre dunklen Züge stahl, »seht — hier schlag' ich es fest in

das Tuch, und wenn ich auch schwimmen müßte, so kann's nicht verloren

gehen.«

Damit nahm sie sich ein seidenes, buntes, aber schon lange verblichenes Tuch,

das ihr José einmal in früherer Zeit geschenkt, vom Hals, faltete das Geld hinein,

verband die beiden Enden dicht mit im Canoe liegenden Bast und schlug es sich

dann um die schlanke Hüfte. — »So — und n o c h einen Knoten, und nun dürft

Ihr sicher sein, daß ich es nach Concepcion bringe.«

»Dann mit Gott, mein Kind,« sagte der alte Neger. »Du bist ein rechtschaffenes

und braves Mädchen, und verdienst dereinst glücklich zu werden. Hast Du

Deinen José aber befreit, dann bleibe nicht in Concepcion zwischen den vielen

Weißen — sie hassen uns, wenn sie sich's auch nicht immer merken lassen. —

Kommt herauf zu uns nach Cachavi — zu verdienen giebts hier immer, und daß

Du an mir einen treuen Freund hast, weißt Du ja.«

»Dank Euch, Señor — Dank Euch recht vom Herzen — ich werde die

freundlichen Worte nie vergessen, die Ihr zu der armen Waise gesprochen,« sagte

die Jungfrau, — »und Gott nur weiß, wie bald wir Eure Hülfe in Anspruch

nehmen müssen. Geht aber Alles gut, und bleibt José und ich gesund, dann hoff'

ich, gründen wir uns auch unseren eigenen Heerd, ohne irgend Jemandem zur

Last zu fallen. Wir sind Beide jung und kräftig und der Herr da oben wird ja

weiter helfen. — Alles in Ordnung, Tonio?«

»Alles, Eva,« sagte der junge Bursch, der sich behaglich vorn in dem Canoe

ausstreckte — »stoß ab, daß wir vielleicht in der Hitze ein Bischen in den

Schatten fahren können.«

Das Mädchen trat, ohne ein Wort weiter zu sagen, aus dem Canoe hinaus in die

klare Fluth, um das schwanke Fahrzeug von den letzten Steinen, auf denen es

noch auflag, los zu heben, als ein scharfer, gellender Schrei vom oberen Theil des Stromes niederschallte, und rasch in dem Dorfe selber an mehreren Stellen

beantwortet wurde.

»Halt, Mädel! Halt!« rief der alte Alkalde rasch und erschreckt — »die Wasser

kommen. Hab' ich es mir doch fast gedacht, denn es donnerte tüchtig gegen

Morgen, und oben in den Gebirgen ist ein starker Regen gefallen.«

»Desto rascher kommen wir hinab,« lachte aber das tollkühne Ding, indem sie

ihr Canoe mit starker Hand in den Strom hineinstieß, und selber nachsprang.

»Caramba, Eva,« rief ihr Bruder erschreckt, indem er sich mit beiden Armen an

dem Rand des Canoe emporrichtete. — »Du willst doch nicht etwa fahren, wenn

die Wasser kommen?«

»Und warum nicht?«

»Das ist Thorheit, Mädel!« schrie der Alkalde, indem er selber in die Fluth

hineinsprang, um das Canoe noch zu erfassen und zurückzuziehen.

»Zu spät!« lachte aber Eva, indem sie ihr Ruder schon gegen die Steine gesetzt

hatte, und das schlanke Boot mit scharfem Druck in den Strom hinaustrieb. —

»Wir können ja auch Beide schwimmen, und schlägt das Canoe gar um, bringen

wir's schon wieder in die Höh'. Adios, Señor, adios! Habt keine Sorge um uns.

Ich weiß ein Ruder zu führen. Hei, da kommt die Woge! Jetzt, Tonio, liege still

und rühre und rege Dich nicht. — Adios, Señor, auf Wiedersehen in Cachavi!«

Vom Strande nieder stürzten eine Masse schwarzer Gestalten nach dem Flußufer,

um ihre dort angebundenen Fahrzeuge in Sicherheit zu bringen, denn rasend

schnell steigt oft das Wasser in diesem kleinen, den mächtigen Bergen

entquellenden Strome. Unten im Thal ist vielleicht das schönste, sonnigste

Wetter, und das Wasser des Cachavi selber, so klar wie Krystall, murmelt still

dahin in der eingeengten Bahn. Aber weiter oben hat der Sturm seinen Tanz

gehalten, und die Wolken haben ihre Sturzfluth über die Hänge entladen, an

deren steilen Abdachungen nieder Bach an Bach in die Hauptader hinabspringt.

Den Lehm aber wuschen sie mit, und nicht allmählig wächst der Fluß dann an,

nein, so gewaltsam und mit einem Guß, wie ihm die Massen zugetheilt wurden,

so wälzt er sie in einer hohen, lehmfarbenen Woge die Bahn entlang, und hinter

dieser braust und kocht schäumend die Sturmfluth, nicht selten Felsblöcke aus

ihrem Bett drängend und mit sich fort führend.

Sie kann auch nicht heimlich nahen. Schon von weitem hört man ihr dumpfes

Brausen, und wie sie die Bäume schüttelt und Busch und Strauchwerk tief

hineintaucht in ihre kochenden Wogen; wahrhaft unheimlich sieht es aus, wenn

die hohe gelbe Welle sich überstürzend in den klaren Strom hineinpeitscht, und

wenn sie, darüber hinrollend, die zurückgelassene Fluth in flüssigen Lehm

verwandelt.

Der Fluß steigt in einem solchen Falle oft drei bis vier Fuß in wenigen Minuten

und führt mit Pfeilesschnelle auf seiner Oberfläche dahin, was er sich losgespült.

Indianer und Schwarze aber, die an seinem Ufer wohnen, flüchten, wenn sie sich

gerade in ihren Canoes befinden, in wilder ängstlicher Eile an Land und ziehen

ihre Fahrzeuge hinter sich her, bis sie dieselben in sicherer Entfernung von den

rasenden Wassern wissen.

Nun wußte der alte Alkalde allerdings, daß ein Mensch, wenn er sein Ruder gut

gebrauchen konnte, wohl im Stande wäre, die Mitte der Strömung zu halten, und

aufkochende Wirbel zeigten immer schon voraus, wo ein vom Wasser kaum

bedeckter Felsen ihm hätte Gefahr bringen können. Aber das schwache Mädchen

— war s i e im Stande, das Canoe zu steuern, und wenn ihr die Kraft gebrach —

sie kannte die Gefahr gar nicht, von einer solchen Fluth erfaßt zu werden, gegen

die keine Menschenkraft im Stande gewesen wäre anzuschwimmen. Wenn ihr

Kopf gegen einen Felsen traf —

Aber zu spät kamen alle Warnungen und Zurufe; das tolle Mädchen w o l l t e

nicht hören, und hochaufgerichtet, das Ruder im Wasser haltend, das Antlitz aber

der heranstürmenden gelben Woge zugewandt, um ihr mit voller,

ungeschwächter Kraft entweichen zu können, stand sie da. Sie wußte, daß die

Gefahr schon halb vorüber war, sobald sie nur die erste hohe Welle verhindert

hatte ihr die Fluth in das Canoe zu werfen — jetzt kam sie heran — das Ruder

setzte sie ein, daß es sich von dem Drucke bog — fort schnellte das Canoe,

hinter ihr die gelbe drohende Masse — aber das Wasser, das so vorausdrängte,

hob das Hintertheil des leichten Fahrzeugs, jetzt faßte es die Woge und drohte

den Bug vorn in den Grund zu bohren, Tonio stieß einen Angstschrei aus, und

hielt sich krampfhaft an dem Bootrand fest.

»Gewonnen!« jubelte da die wilde Schifferin, indem sie den linken Arm

emporwarf, aber keine Zeit blieb ihr jetzt weitere Zeichen zu geben, denn ihre

ganze Gewandtheit erforderte die Regierung des Bootes, das sie mit kundiger

Hand inmitten der furchtbaren Strömung zu lenken wußte.

Und es war ein wunderbar schönes, wenn auch wildes Bild.

Hochaufgerichtet im Canoe, den schlanken, üppigen und rabenschwarzen

Oberkörper nackt bis zum Gürtel, mit jeder Muskel in voller Thätigkeit, stand

die Jungfrau. Das wollige, in kleine Zöpfe geflochtene Haar flatterte im Wind,

die dunklen, seelenvollen Augen glühten im Triumph über ihr gewonnenes

Wagestück, die vollen rothen Lippen hatte sie trotzig aufgeworfen, daß zwei

Reihen perlengleicher Zähne sichtbar wurden, und das lange Ruder mit voller

Sicherheit, und dadurch auch mit Ruhe führend, glitt sie wie eine schwarze

Najade über die schäumende Fluth.

Die zum Strome hinabgesprungenen jungen Männer hatten ihr anfangs

erschreckt und sprachlos nachgesehen, denn keiner von allen zweifelte daran,

daß die erste und schwerste Sturzfluth auch ihr Schicksal besiegeln und das

Canoe rettungslos senken und füllen müßte. Wie es sich aber hob und sank und

wieder hob, und die schlanke Gestalt des Mädchens fest und unerschüttert in

ihrem Nachen stehen blieb, da donnerte ein lauter Jubelruf der Bewunderung

und des Beifalls hinter ihr her, und ein leichtes Lächeln flog über ihre schönen

Züge, als er ihr Ohr erreichte. — Aber schon hatte sie die nächste Biegung des

Stromes erreicht — wie ein Pfeil glitt der Kahn, von der stürzenden Fluth

getragen, dahin — ihr Ruder begegnete der Kraft, die sie an das jenseitige Ufer

zu werfen drohte — sie hielt die Mitte des Stromes, und wenige Secunden später

war auch der Schrei schon in weiter Ferne verhallt, und hoher, mächtiger Urwald

umgab sie an allen Seiten.

Tonio, der kleine schwarzbraune Bursche, dem aber der Muth der Schwester

vollständig gebrach, hatte mit Entsetzen sich zum Theilhaber eines Wagestücks

machen sehen, das ihm die krause Wolle zu Berge trieb. Mit beiden Händen fest

an den Rand des Canoes geklammert, erwartete er auch nichts Geringeres, als

dieses sinken und umdrehen zu sehen, wobei sie selber dann, wenn sie an's Ufer

schwimmen wollten, gegen die noch immer hier und da aus der gährenden Fluth

vorragenden Felsböcke geschleudert und elend zerschellt werden würden. Er war

sich auch in dem Augenblick wirklich noch nicht einmal recht klar, ob die

Schwester ihr Fahrzeug muthwillig in den Strom hinausgestoßen, oder ob die

Sturzfluth sie in ihrem wilden Ansturm vom Ufer losgerissen habe, und das

Canoe jetzt, grimmig spielend, seinem Verderben entgegen wirbelte. — Aber es

behielt seine Richtung — es schwankte wohl unter den nachpressenden Wellen

und tanzte auf und ab, aber der schlanke Bug vermied sorgfältig jede Gefahr, die

ihm durch Felsen oder treibendes Holz drohen konnte und hoch und aufgerichtet,

mit den blitzenden Augen jeden gefährlichen Punkt bewachend und ihm

ausweichend, stand Eva im Rücktheil des Bootes.

Die ersten Wellen hatten dabei wohl ihre Spritzkämme an Bord gesandt und eine

Menge Wasser hineingeworfen, das gleich anfangs keine Zeit blieb zu

beseitigen. Jetzt aber war die erste Gefahr überwunden, und sich völlig bewußt

der weiteren Fahrt auch ruhig begegnen zu können, wandte sie ihre

Aufmerksamkeit auch wieder dem Boote zu.

»Komm, Tonio,« sagte sie lachend, »rutsch ein Stückchen weiter zurück zu mir,

daß ich das Wasser im Canoe unter die Füße bekomme. Was fürchtest Du Dich,

Muchacho, Du weißt ja doch, daß ich ein Canoe zu führen verstehe.«

»Ja, aber Eva,« klagte der Knabe, indem er jedoch dem Befehl Folge leistete, »was fiel Dir denn auch ein, in den Strom hinauszustoßen, wo die Fluth kam.

Wenn ich das vorher gewußt hätte, wär' ich gewiß nicht mit Dir gefahren.«

»Du bist gar nicht wie ein Junge, Tonio,« sagte das junge Mädchen lachend,

indem sie den rechten Fuß im Canoe feststellte, und dann mit dem linken das im

Canoe stehende Wasser faßte, und es so gegen ihr rechtes Bein schnellte, daß es

hoch aufspritzend über Bord flog. Mit sechs, acht Streichen hatte sie das kleine

Fahrzeug vom Wasser klar, und das bischen Nässe, das zurückblieb — bah, was

schadete das den bloßen Füßen der Maid; ja, es kühlte sie eher, indem es darüber

hinwusch.

Aber jetzt erforderte der Fluß auch wieder ihre volle Aufmerksamkeit, denn

noch war er nicht hoch genug gestiegen, um die darin liegenden Stromschnellen

völlig auszugleichen, und vor ihr lag eine Stelle, in der die gelbe Fluth gurgelte

und zischte, und überall verrätherische, unter dem Wasser lauernde Felsen

kündete.

»Setz' Dich, Eva,« bat Tonio, »wenn das Canoe einen Stein streift, fliegst Du

hinaus und kannst Dir Schaden thun.«

»Wenn ich sitze, seh' ich die Felsen nicht,« entgegnete aber die wackere

Bootführerin, »hab' keine Angst, Herz, ich führe Dich sicher hindurch. Ist es

denn das erste Mal, daß ich durch solches Wasser steuere?«

Im nächsten Moment brodelte und schäumte die Fluth um den Bug und wie es

die Wellen faßten, rieb der flache Boden ein paar Mal auf den glatten Steinen.

Aber Eva hatte nicht zu viel versprochen, wenn sie dem Bruder versicherte, sie

führe durch, was sie begonnen. Jetzt lag das Ruder zwischen ihren Füßen und

mit einer leichten, aber zähen Stange, die sie aufgegriffen, lenkte sie den Lauf

des Canoes so geschickt, daß es auch nicht ein einzig Mal die Seite den

gefährlichen Stellen bot. Blitzesschnell aber schoß das leichte Fahrzeug in den

aufgeregten Wassern seine Bahn dahin, und Secunden brauchten sie dazu, um

Stellen zu passiren, gegen die sie gestern noch, mit Anspannung aller ihrer

Kräfte halbe Stunden lang anarbeiten mußten.

Erst aber nur einmal eine einzige Legua zurückgelegt, und die Gefahr war

vorüber; das Wasser fing an sich wieder zu beruhigen — es stieg wohl noch,

aber nur langsam, und mit unermüdeter Kraft trieb Eva ihren Nachen weiter.

Nur ein einziges Mal landeten sie auch unterwegs, und zwar an einer Stelle, wo

ein alter Neger, ein Freund ihres verstorbenen Vaters, den Urwald gelichtet und

einen Platanar angelegt hatte, und der Alte ließ sie nicht fort, ehe sie nicht einen

Becher Chokolade bei ihm getrunken hatten. Aber dann ging es auch weiter, und

Tonio mußte jetzt ebenfalls sein Ruder nehmen, um noch rascher das Ziel zu

erreichen.

Am Cachavi selber trafen sie überhaupt wenig gelichtete Punkte — das tiefer

gelegene Land war fruchtbarer, und als sie den ruhigern Bogota erreichten,

schien es ordentlich, als ob sie die Wildniß hinter sich gelassen hätten. Noch

mußten sie allerdings weite Strecken Wald passiren, aber dann lichtete sich

dieser plötzlich, und die breitblätterigen Bananen schüttelten ihre edel geformten

Wipfel bis dicht über die, steil unter ihnen abfallende Uferbank. Hochstämmige

Cocospalmen ragten mit ihren gefiederten Kronen über die darunter versteckten

Wohngebäude der Menschen, und Cacao- und Baumwollenpflanzungen

bewiesen, daß auch der f r e i e Neger, wo ihm zu seiner Entwicklung nur Raum

gegeben wird, dem Boden mehr abzuringen weiß, als er zu seinem eigenen

Bedarfe braucht.

Aber wenig genug beachtete das junge Mädchen diese Anfänge der Civilisation,

diese Zeichen regen Fleißes, und nur dann und wann haftete ihr Blick hier und

da auf einer freundlicher gelegenen Hütte, aus deren Schattenbäumen vielleicht

eine Fülle goldiger Orangen hervorleuchtete, während zahmes Vieh am Ufer des

Flusses weidete, denn so hatte sie sich ihre eigene Heimath oft und oft in stillen

Stunden ausgemalt, und ein schwerer Seufzer hob dann wohl ihre Brust, wenn

sie daran dachte, wie lange sie Beide — sie und ihr José, wohl noch hart und

bitter arbeiten müßten, ehe sie das ersehnte Ziel erreicht. — Aber der Arm ruhte

dabei auch keinen Augenblick — je näher sie der Mündung des Bogota in den

Santiago kamen, desto schärfer griff sie aus, denn jede Viertelstunde, die sie hier

versäumte, verlängerte ja auch die Kerkerhaft des Geliebten.

Endlich sah sie das breite, klare Wasser des schönen Stromes vor sich — um die

Landzunge bog der Bug ihres Canoes, und dort voraus schimmerten wieder die

weißen Häuser von Concepcion im Sonnenlicht.

Oh wie bog sich ihr Ruder gegen die Strömung des Santiago jetzt an, um die

kurze Strecke dort hinüber zurückzulegen, und wie trieb sie den Bruder an, den

sie bis jetzt so viel als möglich geschont, um sie in dieser letzten kurzen Fahrt zu

unterstützen. Er theilte ihre Eile gar nicht, denn dort wartete nur wieder die

Werkstatt des kleinen Italieners auf ihn, der er gar so gern noch eine kurze Zeit

entgangen wäre — aber die Schwester ließ ihn nicht. Aus allen Kräften mußte er

sich in's Ruder legen, und kaum berührte ihr Canoe den Sand, unterhalb der

Stadt, als sie auch schon mit flüchtigem Satz an's Land sprang, Tonio die Sorge

um das Canoe überlassend.

Kaum nahm sie sich dabei Zeit, ihr Oberkleid wieder umzuwerfen, so drängte es

sie, dem Geliebten die Kunde seiner baldigen Freiheit zu bringen, und rasch

hatte sie auch das Gefängniß erreicht, aber — ein eisiges Gefühl ergriff ihr Herz,

als sie das niedere, unheimliche Gebäude schon von weitem erblickte, denn — die Thür stand offen. — Hatten ihn die W e i ß e n frei gelassen, oder war er —