Unter Palmen und Buchen: Zweiter Band

Friedrich Gerstäcker · Kapitel 14 von 18

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Unter Palmen und Buchen: Zweiter Band

Fünftes Capitel. Die Indianerin.

um das Land kennen zu lernen. Sein Geschäft war, wie er angab, Juwelenhandel,

und er hatte ihnen eine Anzahl von kostbaren Steinen zum Verkauf angeboten.

Die Leute aber, die hierher gekommen waren um das Land zu cultiviren,

brauchten keine Diamanten und Saphire, und als er fand, daß er hier keine

Geschäfte machen konnte, war er ohne Weiteres wieder aufgebrochen.

Als Diener hatte er die Leute mitgenommen, die ihn hierher gerudert, einen

jungen Negerburschen und zwei alte Mulatten.

 

FUSSNOTEN:

[B] Die Balsa ist ein vollkommen korkähnliches, außerordentlich leichtes weißes Holz — nicht wie der Kork nur die Rinde des Baumes. Der Balsabaum wächst oft zu zwei-und dritthalb Schuh Stärke und eignet sich, seiner fabelhaften Leichtigkeit wegen,

ganz vorzüglich zum Wassertransport. Er hat nicht viel mehr Gewicht, als das Mark unseres Ahorns, ist aber fester.

[C] Trocha ein Pfad, nicht mit geebnetem Weg, sondern nur eine Bahn durch den Wald — durch angekerbte Stämme bezeichnet.

 

F ü n f t e s C a p i t e l .

 

Die Indianerin.

 

Was jetzt thun? In ihrer Verzweiflung lief Eva zurück zur Señora Bastiano, aber

die alte Dame war schon, mit ihrer unteren Toilette wieder in Ordnung, auf einer

ihrer Staatsvisiten begriffen, die hier natürlich den Weißen — als geborenen

Honoratioren, zuerst galten. Sie besuchte gerade einen Ecuadorianer, den sie

aber just bei einer etwas wunderlichen Beschäftigung traf. Er stand nämlich

unten in seinem Hof und hatte einen alten Topf auf dem Feuer stehen, in dem er

bemüht schien, eine Hand voll rostiger Nägel, ein zerbrochenes Harpuneneisen

und ein paar ausgediente Vorhängeschlösser abzukochen.

»Ave Maria!« sagte die Señora, indem sie vor Erstaunen die Hände zusammen

schlug, »das alte Eisen wollen Sie doch nicht weich kochen, Señor?«

»Ah Señora Bastiano — auch einmal in San Lorenzo?« lachte der Mann. — »Sie

kommen gerade recht zum Mittagsessen — haben Sie aber keine Furcht, meine

Frau wird Ihnen schon etwas Besseres zubereiten. — Ich koche hier eben nur

schwarze Dinte.«

»Aus alten Vorlegeschlössern?«

»Aus altem Eisen und grünen Cocosnußschalen — man muß sich zu helfen

wissen, Señora, wenn man so weit von einer Stadt abwohnt. Aber wollen Sie nicht hinaufgehen? Manuelita wird sich unendlich freuen, Sie zu begrüßen. Ich

komme auch gleich nach.«

Die Señora folgte würdevoll der Einladung, und als Eva den Platz erreichte, war

es unmöglich, jetzt ein Anliegen bei ihr vorzubringen. Sie wäre in diesem

Augenblick mit Entrüstung über eine solche Unschicklichkeit abgewiesen

worden.

Dicht daneben wohnte eine alte Indianerin mit ihrer Tochter. Wie Eva mit

niedergeschlagenen und thränenden Augen auf der Straße stand, rief die Alte

gutmüthig von oben herunter:

»Was hast Du, Kind? — weshalb weinst Du? komm herauf.«

Draußen in der Bai lag ein Schiff, dasselbe, das die neuen Einwanderer hierher

gebracht. Ein paar betrunkene Matrosen kamen lachend und schreiend die Straße

herab, und aus Furcht, von ihnen gesehen zu werden, folgte das arme Mädchen

der Einladung.

Dort mußte sie jetzt erzählen, was sie hierher geführt, und weshalb sie so traurig

sei, und die Alte schüttelte dabei den Kopf und sagte:

»Die Fremden sind schlimm, aber die eigenen Landeskinder sind noch viel

schlimmer, wo sie einen von uns, sei es nun ein schwarzer oder ein brauner

Mensch, unterdrücken können. Daß ihre Haut von der Sonne g e b l e i c h t ist,

während die unsere davon gebrannt wurde — ist's u n s e r e Schuld? aber

verachten thun sie uns doch, wo wir ihnen in den Weg treten, und prahlen thun

sie auch, daß Gott der Herr u n s nur erschaffen habe, um für s i e zu arbeiten.«

»Aber wie kann ich den armen Menschen jetzt befreien?« bat Eva, die nur dem

e i n e n Gedanken folgen mochte.

»Ja mein Herz,« sagte die Alte kopfschüttelnd, »was willst D u da machen?

Wäre es hier im Orte, so könnten Dir die Fremden vielleicht dabei helfen, die

bringen Manches fertig, was Unsereiner für unmöglich gehalten hätte. Aber

während Du hier herumläufst und Deine Zeit verlierst, marschirt der Weiße ruhig

seine Bahn fort, und kommt er dann nachher, wo die Trocha ausläuft, oben an

den Bogota, so ist er mit einem der dort immer vorbeifahrenden Canoes fort, und

wer soll Dir sagen, ob er stromauf oder stromab gegangen.«

»Und mündet der Pfad an keinem Haus aus?«

»Segne Dich Gott, Kind, nein. Blanker, wilder Wald ist's, durch den er läuft, voll

von wilden Schweinen und Schlangen und Tigern, so daß sich keiner von

unseren besten Männern a l l e i n hinein getraut. Es gehen immer nur wenigstens

zwei mitsammen hinein, damit sie Hülfe haben, wenn Einem ein Unglück

zustößt.«

Eva hatte mit ängstlich klopfendem Herzen der Beschreibung gelauscht, aber vor

ihrer Seele stand nur das Bild des Geliebten, der, selbst während sie hier

zauderte, weiter und weiter in eben jenen furchtbaren Wald hineingetrieben

wurde, während sie ja die Mittel in Händen hielt, ihn der Freiheit, dem Leben

wiederzugeben.

»Und kann ich den Weg finden?« sagte sie endlich, und ihr Auge glühte dabei

von einem wilden, fast unheimlichen Feuer — »ich fürchte mich nicht vor dem

Walde, ich bin ja darin aufgewachsen.«

»Die Trocha, Schatz?« sagte die Alte — »und wer wird mit Dir gehen?«

»Ich habe Niemand,« seufzte das arme Mädchen, »aber Gott ist mit mir.«

Die Alte schüttelte den Kopf.

»Das ist Wahnsinn,« brummte sie. »Wenn Du auch der Trocha folgen könntest,

und wirklich von keinem Tiger unterwegs gefressen würdest, was wolltest Du

machen, wenn Dich der Weiße nachher wieder unverrichteter Sache fortschickte

— was er jedenfalls thut. Wenn er Deinen José hätte losgeben wollen, so würde

er ihn nicht von Concepcion mit fortgenommen haben. Wart's ab, Kind, Du bist

noch jung, und es fällt Dir schwer etwas aufzugeben, an das Du Dein Herz

gesetzt hast — mit den Jahren lernst Du's« — setzte sie seufzend hinzu, »und —

wirst es auch zuletzt gewöhnt. Lieber Himmel, was wird uns hier auf der Welt

n i c h t genommen, das wir lieb und theuer hatten, und die Geistlichen, wenn sie

einmal zu uns kommen — sagen dann, man müsse dem lieben Gott für A l l e s

danken — auch für Leid und Trübsal.«

»Wenn ich nur den Platz wüßte, wo die Trocha beginnt,« sagte Eva, die keine

Sylbe der letzten Rede verstanden, oder auch nur auf den Sinn geachtet hatte.

Das junge Indianermädchen hatte daneben gestanden, und mit mitleidigen

Blicken die Fremde betrachtet.

»Ich weiß den Platz im Wald, wo die Trocha beginnt« sagte sie plötzlich — »ich

war dort — ich bringe Dich über den Nadadero hinüber, bis zu der Stelle, wo die

niedergebrochenen Stämme über den Sumpf führen.«

»Und was soll ihr das helfen, Muchacha,« rief die Alte, »thörichtes Kinderzeug,

das Ihr alle beide seid und glaubt, Ihr müßtet Euren Willen haben zu jeder Zeit.

Soll das tollkühne Mädchen etwa allein in die Wildniß hineinlaufen, und elend

darin zu Grunde gehn? Wer hat sie dann auf dem Gewissen? — Du und ich.«

»Oh fürchtet nicht für mich,« rief Eva rasch, »ich bin stärker als ihr glaubt.«

»Was hilft Dir Deine Stärke, Kind, wenn Du Dich verirrst und in die Sümpfe,

oder gar zurück zu der Bai in die Manglaren hinein geräthst — Perdido! es ist

ein entsetzliches Wort, und ich möchte Dir nicht wünschen, daß Du seine Schrecken erfährst. Sei vernünftig und füge Dich.«

Eva stand zaudernd — aber wieder tauchte des armen José Bild vor ihr auf.

»Ich gehe,« hauchte sie — »führe mich, gutes Mädchen — thu' mir die Liebe,

und zeige mir den Weg. Du bist ja die Einzige, die mir helfen will.«

»So komm,« sagte das junge Indianermädchen entschlossen. »Sie hat Recht,

Mutter; ich würde gerade so an ihrer Stelle handeln.«

»So lauft meinetwegen,« rief die Alte mürrisch. »Wer nicht hören will, muß

fühlen, c a r a m b a und ich will mit Euch beiden tollen Mädchen Nichts weiter zu

thun haben. So viel aber prophezeihe ich Dir, Negrilla — Dein Geld nehmen Sie

Dir ab, und Deinen José führen sie trotzdem mit fort. Ich kenne die beiden

braunen Schufte, die der Ecuadorianer bei sich hat. — Der Eine von ihnen war

es, der meines Vaters Haus bei Esmeraldas in Brand steckte, und daß der Andere

nicht in Cachavi vor fünf Jahren gehangen wurde, verdankt er nur seiner

schnellen Flucht. Es ist böses, böses Volk, dem Du allein nachlaufen willst und

— gebe Gott, daß Dir nichts Schlimmeres geschieht.«

»Gott wird mich schützen und die heilige Jungfrau,« sagte Eva fest — »und Ihr,

habt Dank für den guten Rath, aber wenn ich José erst erreicht habe, fürchte ich

Nichts. — Er wird mich schon schützen, denn sein Arm ist stark wie Eisen.«

Die Alte seufzte tief auf, aber sie sah wohl, daß sie dem fremden Mädchen den

einmal gefaßten Entschluß nicht ausreden könne.

»Halt,« sagte sie aber plötzlich — »dort in der Calebasse ist etwas gebackener

Reis — den nimm mit — und da, die Bananen binde in Dein Tuch — Du mußt

etwas auf dem Weg zum Leben haben, denn im Walde findest Du Nichts als

Negritonüsse, und weiter oben drinnen, wilde bittere Castanien.«

»Tausend, tausend Dank.«

»Und noch eins — dort in der Ecke steht eine alte Lanze, die mir einmal ein

Strolch von Neu-Granadienser für Branntwein in Pfand gegeben hat. Er soll

heute noch wiederkommen, und das alte Ding lehnt schon drei volle Jahr in

meinem Hause hier, und ärgert mich jedesmal, wenn ich es ansehe. Nimm es

mit.«

»Die Lanze?« lächelte Eva.

»Ja wohl, die Lanze,« sagte die Frau mürrisch. — »Du magst sie als Stock

gebrauchen, zum Gehen — sie ist nicht zu lang dazu, oder als Wehr, wenn Dir

etwas zustoßen sollte — wer weiß es denn, und zu schwer ist sie auch nicht zum

Tragen. — Und noch eins, merke Dir den Weg gut durch den Sumpf, wenn Du

allein zurückkehren solltest, daß Du den nachher nicht verfehlst, und dann —

dann sprich wieder hier vor.«

»Wie soll ich Euch für Alles danken,« sagte das junge Mädchen schüchtern.

»Für was, für das alte Eisen?« brummte die Frau. — »Am allerliebsten ließ ich

Dich gar nicht gehen — ja ich weiß schon,« setzte sie hinzu, als Eva eine

bittende Bewegung machte, »all' mein Reden hilft mir doch Nichts — also lauf

— und daß D u mir bald wieder zurückkommst, Cherita — bis zum Sumpf magst

Du mitgehen, aber weiter keinen Schritt.«

»Weiter kann ich ihr ja auch Nichts helfen, Mutter,« sagte das junge Mädchen —

»so komm, Fremde — Du hast einen weiten Weg;« und rasch stieg sie die Leiter

hinab, während Eva noch einmal der Alten, statt weiteren Dankes, die Hand

schüttelte, und der Vorangegangenen dann freudig folgte.

Es war ein wunderliches Paar, die beiden Mädchen. Die junge Negerin, voll

aufgeblüht, mit dem Typus der aethiopischen Raçe, aber alles Unschöne daran

gemildert, und mit dem vollen Ebenmaß ihrer Glieder, schlank und hoch

gewachsen, während die Indianerin, vielleicht kaum sechzehn Jahre zählend, von

lichtbrauner Farbe, wohl schlank, aber kleiner und schmächtiger war als Eva.

Ihre Züge trugen den vollen Ausdruck der kaukasischen Raçe. Herrliches langes,

schwarzes Haar floß ihr um die Schultern, und die dunklen, seelenvollen Augen

wurden von den herrlichsten Wimpern beschattet. Auch ihre Hände und Füße

waren zierlich und klein geformt, aber ihr ganzer Körper schien fast zu zart für

dieses wilde Leben, und als Eva rasch und rüstig neben ihr hinschritt, faßte sie

bittend ihre Hand und sagte:

»Du darfst nicht so rasch gehen, Fremde — mir thut es sonst hier in der Seite

weh.«

»Bist Du krank, Herz?« frug Eva freundlich.

»Nein,« lächelte das junge Mädchen wehmüthig. — »Die Mutter behauptet es

freilich, aber nur, weil sie sich so übermäßig sorgt. Siehst Du, so geht es ganz

gut, und wir kommen doch rasch von der Stelle.«

So schritten die beiden Mädchen durch das Fischerdorf, das nur aus einzelnen,

über den Rasen zerstreuten Häusern bestand, und tauchten in ein kleines

Dickicht ein, durch welches ein sumpfiger Weg nach den Platanaren führte. Aber

was kümmerte sie der Schlamm — beide hochgeschürzt und mit nackten Füßen,

schritten sie rasch hindurch, und passirten jetzt die Bananenanpflanzung, in der

sie eine Masse gefällter und darin umhergeworfener Bäume überklettern mußten.

Dicht dahinter lag der Nadadero, ein kleiner, reizender Waldstrom mit klarem

Wasser, aber überall leicht zu durchwaten, und an dem anderen Ufer desselben

betraten sie den eigentlichen Wald, aber hier noch licht und offen, aus

Oelpalmen und der Palma real, Negritos und Laubwald bestehend.

Hier zeigte ihr Cherita zuerst den Beginn der Trocha — der sie von jetzt zu folgen hatte, und die hier aus weiter Nichts bestand, als einzelnen Marken an den