Unter Palmen und Buchen: Zweiter Band
Sechstes Capitel. Im Walde.
Bäumen — ein Stück Rinde abgeschlagen oder einen Busch eingehauen, denn
kein wirklicher Fußpfad führte hier hindurch. Die Hauptschwierigkeit war aber,
den Durchgang durch den nächsten Sumpf zu finden, und die Indianerin hatte
sich den gemerkt. Der Platz lag auch nicht mehr weit. Kaum eine Viertelstunde
mochten sie so zurückgelegt haben, als sich das Terrain wieder senkte, und bald
führte sie ihre Begleiterin seitab von den Marken zu einer Stelle, wo einer der
mächtigen Waldriesen querüber in den Sumpf geschlagen war. Hier blieb sie
stehen.
»Dort ist Dein Pfad, Schwester,« sagte sie leise, »und mag Gott Dich schützen,
daß Du Deinen Zweck erreichst. Cherita wird für Dich beten.«
»Dank, Dank, Du herziges Kind,« sagte das junge Negermädchen gerührt,
umschlang sie mit ihren Armen und drückte einen Kuß auf ihre Lippen.
»Und werd' ich es je erfahren?«
»Ich sende Dir Botschaft — verlass' Dich darauf.«
»Sei glücklich!« flüsterte die Indianerin noch einmal, während ein Paar große,
helle Thränen ihre Augen füllten. Dann wandte sie sich ab und kehrte nach dem
Dorf zurück, während Eva, den Lanzenschaft als Stütze brauchend, auf den alten
Baum hinübersprang, und mit flüchtigen Schritten darauf hin eilte, ihrem Ziel
entgegen.
S e c h s t e s C a p i t e l .
Im Walde.
Es war ein ganz eigenes, fast erdrückendes Gefühl, das Eva's Herz erfaßte, als
sie zuerst a l l e i n in den düstern Urwald eintauchte, der in keinem Lande der
Welt mächtiger und bewältigender auftritt, als in d i e s e n Sümpfen. Aber sie
schaute weder rechts, noch links — José war der einzige Gedanke, den sie
kannte, und nur ihr Auge flog forschend über die nächsten Büsche, um die
angehauenen Zweige und dadurch die einzig richtige Bahn nicht zu verfehlen.
Hier im Anfang war das freilich noch nicht möglich, denn der Zufall hatte da,
wo der abgebrochene Wipfel des einen Baumes endete, einen anderen ihm
entgegengeworfen, so daß diese beiden den schlimmsten und tiefsten Theil des
Sumpfes vollkommen überdeckten. Wo sie den Baum verlassen mußte, sank sie
nur noch auf mehrere Schritte weit bis über die Knie in flüssigen Schlamm, und
zähes, dicht verwachsenes Wurzelwerk, das durch seine zahllosen und festen Fasern vielleicht eine Brücke über einen unsichtbaren Abgrund bildete, denn der
eingestoßene Lanzenschaft fand k e i n e n Grund. Aber dicht vor ihr lag fester
Boden, und dort zeigte auch bald ein von einem Popabaum abgehauener Spahn
mit der, an dem Stamm hinuntergelaufenen dicken und süßen, aber schon gelb
gewordenen Milch deutlich und leicht erkennbar die Stellen, wo sich die Trocha
in den Wald hineinzog.
Dicht über ihr ertönte plötzlich ein gellender Schrei, und Eva schrak empor, aber
es war nur ein Affenschwarm, den ihr Erscheinen geängstigt hatte, denn die
scheuen Thiere flüchteten jetzt über die dicht in einander gewachsenen Wipfel
hin, um eine ruhigere Stelle zu suchen, als diese, und doch lag auch hier
Todesschweigen auf der Waldung. Doch das Mädchen wendete dem
plappernden, davon flüchtenden Trupp keinen Blick zu; nur ängstlich forschte
sie nach den spärlichen Zeichen, die das Messer der Weißen hie und da an einem
Busch zurückgelassen, und mit den nackten Füßen flog sie dabei leicht hin über
niedergebrochene Aeste und weiter hin, als sie die Hügel erreichte, über rauhes
Gestein.
Aber je weiter sie kam, desto deutlicher wurde auch die Trocha, die man
Anfangs, wie noch unsicher der Richtung, kaum bezeichnet hatte. Durch das
ärgste Dickicht fand sie an manchen Stellen eine ordentliche und breite Bahn
freigehauen, und brauchte jetzt wenigstens nicht mehr zu fürchten, ihren Weg zu
verlieren.
Wie still und geheimnißvoll lag aber der Wald! Wie das rauschte und brauste!
Doch Eva war in dem Walde ja daheim, und fürchtete nicht seine Oede und
Einsamkeit.
H u h p , H u h p ! klang von da drüben her der wie hülferufende Ton einer ängstlichen
Stimme.
»Rufe nur!« lachte das Mädchen trotzig vor sich hin, »m i c h lockst Du nicht
von meinem Wege ab, falscher Verirrter!«[D] und fester packte sie ihren
Lanzenschaft und glitt die steilen, schlüpfrigen Lehmabhänge nieder, watete
durch niedere Bergwasser und klomm an feuchten Hängen hinauf, immer und
aufmerksam der angezeigten Spur folgend.
Wohl hielt sie dabei den Blick am Boden selber, denn gerade von diesem Theil
des Landes waren ihr gar schreckliche Geschichten erzählt worden, wie er von
giftigen Schlangen wimmeln sollte. Aber sie fand bald, daß es in ihren
heimischen Wäldern grade so viel, oder besser, grade so wenig gab, als hier,
denn nur selten einmal sah sie eine kleine Schlange scheu aus der Trocha hinaus
in das Dickicht schlüpfen, und wandte den Kopf nicht einmal, um nachzusehen.
Vorwärts lag ihre Bahn, aber wie schwül es hier in dem feuchten Walde war, in den dichten Büschen, während die niederen Negritopalmen mit ihren wunderlich
stacheligen Fruchtkugeln den Raum zwischen Unterholz und Palmenkronen
vollständig ausfüllten, und dadurch den Wald so dichteten, daß kein
Sonnenstrahl auf das dunkelgelbe nasse Laub fallen, und es je abtrocknen
konnte.
Und wie das plötzlich raschelte und wühlte, und brach um sie her. Erschrocken
hielt sie still und horchte, aber es war nur ein Rudel von wilden Schweinen, von
Seynos, von denen sie nichts zu fürchten hatte, wenn sie nicht eines der Jungen
angriff, das dann vielleicht durch sein Quietschen die Alten zu Hülfe gerufen.
Grunzend, und dann und wann einander bei Seite stoßend, durchwühlten sie quer
über die Trocha hinüber den Grund, und Eva blieb dicht vor ihnen stehen, um sie
erst vorüber zu lassen.
Da bekam ein alter Keiler Wind von ihr, und hob sichernd den Rüssel.
»Fort mit Dir, Bursche,« rief das Mädchen, und schwenkte die Lanze, und mit
einem lauten, halb erschreckten, halb ärgerlichen Grunzen floh die schwarze
Gestalt in den dicken Busch hinein, wohin ihm das alarmirte Rudel jetzt flüchtig
folgte. Ein wahrhaft mephitischer Geruch erfüllte aber die Luft, durch die sie
davon gestürmt.
Und weiter verfolgte das junge Negermädchen ihre Bahn. Ein kleiner, reißender
Waldstrom lag quer durch ihren Pfad, aber was kümmerte sie der, sie schwamm
hindurch und nahm sich, drüben am anderen Ufer angelangt, kaum Zeit die
tropfenden dünnen Kleider nothdürftig auszuringen. Vorwärts mußte sie; überall
vor sich im Wege sah sie die deutlichen Spuren der vorangegangenen Männer,
den Eindruck von den Stiefeln jenes Guajaquilenen, die Fährten der nackten
Füße seiner drei Begleiter, und sie wußte, daß die schmalste davon ihrem José
gehörte — vorwärts, denn einen großen Vorsprung hatten diese, und erreichten
sie den Bogota v o r ihr, dann war auch dieser schwere Gang vergebens, und der
Geliebte vielleicht auf immer für sie verloren.
Immer wellenförmiger wurde das Terrain, und gegen Abend umwölkte sich auch
der bis jetzt lichte Himmel, und der Regen viel in Strömen herab. Wohl passirte
sie jetzt wieder eine der mit Palmzweigen gedeckten Hütten, in denen Wanderer
schon übernachtet hatten, und darunter hätte sie im Trocknen ausruhen können.
Aber was that ihr das Wasser! Durchnäßt war sie doch schon lange, in ihrem
dünnen Zeug, und in dem heißen Klima kühlte sie das eher, als daß es ihr
hinderlich gewesen wäre. Weiter strebte sie, weiter, und als der Abend endlich zu
dämmern anfing, beflügelte sie ihre Schritte nur noch mehr, als ob sie damit der
einbrechenden Nacht hätte entfliehen können.
Umsonst; furchtbar rasch schwand die kurze Dämmerung, und als sie trotzdem ihren Weg noch fortsetzen wollte, sah sie doch bald die Unmöglichkeit eines
solchen Wagnisses ein.
Kaum eine Viertelstunde war vergangen, seit sie oben am Himmel durch eine
gelegentliche kleine Lücke in den Baumwipfeln die Wolken sich hatte in der
Abenddämmerung röthen sehen, und wenn auch der Himmel noch licht, wie ein
zartes, helles Gewebe, durch das Baumgewölbe schimmerte, lag doch schon
tiefe, undurchdringliche Nacht auf dem Urwald drunten.
Eva sah bald die Unmöglichkeit ein, ihren Weg in dieser Finsterniß zu verfolgen.
Sie war nicht mehr im Stande die Zeichen der Trocha zu erkennen. Nur einen
riesigen Baumstamm sah sie noch durch das Dunkel schimmern, und eilte jetzt
zu dessen Wurzel, um dort und im Schutz seiner Zweige den dämmernden
Morgen zu erwarten.
Und wie das jetzt um sie her lebte und sich regte in der Wildniß, denn mit
einbrechender Nacht erwachen ja die meisten Waldbewohner erst zu ihrer
geheimnißvollen Thätigkeit. Nicht weit von ihr suchte wieder ein Affenschwarm
seinen Ruheplatz für die Nacht, und wie das da oben in den alten Wipfeln
plapperte und kreischte und zankte und grunzte! Es war ein entsetzlicher Lärm,
ehe sie alle einen bequemen Sitz gefunden hatten, und keiner den andern mehr
belästigte. Endlich wurde es still, nur ein oder das andere kleine Aeffchen gab
noch manchmal einen Schrei von sich, dann verstummte auch das.
Jetzt hämmerte plötzlich, dicht über ihr im Baume ein Specht, der Carpintero,
wie ihn die Ecuadorianer nennen. Was suchte der noch in der Dunkelheit? Aber
er schwieg rasch, denn nebenan im Gebüsch begann »die verlorene Seele« ihr
leises, klagendes Lied, nicht unähnlich dem Ansetzen unserer eigenen
heimischen Nachtigall, aber viel stärker, viel seelenvoller, mit einem Ton, als ob
er dem furchtbarsten Gram eines bedrückten, kummervollen Herzens Laute
gäbe.
Die »verlorene Seele« nennt der Indianer diesen Vogel, und Eva traten die
Thränen in die Augen, als sie den klagenden Tönen lauschte, die genau so
klangen, als ob sie aus ihrem eigenen Herzen kämen.
Es war völlig Nacht geworden, und mächtige Leuchtkäfer schwirrten durch die
Finsterniß und zuckten, wie kleine Miniaturblitze, in gelben und grünen Lichtern
von Busch zu Busch. Und jetzt, da bellte eine Schlange, nicht zehn Schritt von
ihr entfernt, die wahrscheinlich die Nähe eines Menschen gewittert hatte.
Unwillkürlich griff das junge Mädchen nach der am Baum lehnenden Waffe, um
das ekle Geschöpf von sich abzuhalten; war es doch auch ein unheimlicher Gast,
ihm in der Finsterniß zu begegnen.
Deutlich konnte sie das Ungethüm durch das Laub schlüpfen hören, wie es sich über die feuchten Blätter hinwegwand, aber es kam nicht näher, es scheute die
Nähe der Menschen, und nahm die Richtung seitab von dem Baum.
Und das alte faule Holz umher fing an zu leuchten, und nahm phantastische,
abenteuerliche Formen an. Von allen Seiten schimmerte es durch den Wald; dort
hing ein altes, halbverfaultes Blatt von einer Negritopalme nieder und zeigte in
seinem Phosphorschein die skelettgleichen Rippen der Blätter, hier glich ein
heruntergebrochener, von feuchtem Moder überzogener Ast in seinen
Windungen der Form einer glühenden Schlange.
Jetzt ein leiser, leichter Schritt durch den Wald; eine Tigerkatze vielleicht, die
auf Beute ausging, und scheu die fremde, aber auch gefürchtete Witterung
umschlich, die sie bekommen, und nun — Eva fuhr entsetzt von ihrem Lager
empor, ein lautes Prasseln und Brechen durch die Zweige, und gleich darauf ein
schmetternder Schlag, der den Boden selbst erbeben machte, aber i h r drohte
keine Gefahr. Nur einer der alten Waldriesen, der vielleicht Jahrtausenden
getrotzt, war niedergebrochen, in seinem Fall das ganze, ihm im Wege stehende
Unterholz mit sich zu Boden reißend. Die Affen wurden wieder laut und
schnatterten und klagten, und die Eule antwortete mit ihrem monotonen, hohlen
Ruf dem dumpfen Fall des niedergebrochenen Baumes.
Das junge Mädchen sank wieder auf ihr Lager zwischen den alten Wurzeln
zurück, und wenn es sie auch jetzt in dem dünnen, nassen Zeug, trotz der
warmen Nacht, anfing zu frösteln, drückte sie sich doch in Moos und Blätter
hinein, und war bald sanft und süß eingeschlafen.
Kaum eine Legua von ihr in der Trocha, an einer der schon früher errichteten
und mit Palmenblättern gedeckten Ranchos hielt an dem nämlichen Abend Señor
Cerro, um dort zu übernachten, und warf sich, als er die Stelle erreichte,
todesmüde unter einen Baum, daß seine Leute indessen den Schlafplatz wieder
herstellen konnten.
Ein ziemlich starker Baumast war nämlich in der Zeit, in der er nicht gebraucht
worden, auf den Rancho gestürzt, und hatte ein Paar von den Stangen zerbrochen
und einige Blätter geschädigt. Außerdem mußte auch das alte Laub, was zur
Lagerstatt gedient hatte, hinaus- und fortgeschafft werden, ehe sich der Weiße
hineinwagte, denn wer wußte, ob es nicht Schlangen, Centipeden, und welches
andere Ungeziefer noch beherbergte.
Señor Cerro war gerade nicht bei guter Laune. Er hatte unterwegs einen Affen zu
ihrem Abendbrod schießen wollen, dem flüchtenden Trupp aber nicht so rasch
nachkommen können, und wie er ihnen im Dickicht den Weg abzuschneiden
suchte, war er mit dem Gewehr gestürzt, daß an diesem der Schaft abbrach.
Einer der Mulatten versuchte zwar, ihn mit Bast wieder zusammenzuschnüren,
aber es ging nicht, er bekam keinen Halt, und mißmuthig ließ der Ecuadorianer
endlich die doch jetzt nutzlose Waffe zu dem übrigen Gepäck in einen der Körbe
legen.
Seine drei Diener gingen indessen rüstig daran, das Lager wieder in Ordnung zu
bringen, und der Eine von ihnen nahm die Axt und fällte ein paar junge, gut
bewipfelte Palmen, während der Andere mit seiner Macheta die einzelnen
langen Blätter abhieb.
José, der arme Bursche und Leibeigene seines strengen, mürrischen Herrn, faßte
dann das Mittelblatt an der Spitze, riß es von einander und trat zwischen die
Hälften, bis er das Hauptblatt dadurch in zwei völlig gleiche Theile schied, die
dann sowohl dazu dienten, das Dach des Ranchos wieder auszubessern, als auch
zu Schlafmatten verwandt werden konnten. Diese wurden zum Rancho
geschleppt und sorgfältig ausgebreitet, und in kaum einer halben Stunde war die
Wohnung für diese Nacht wieder völlig regendicht und mit einer neuen Matratze
versehen auf's Neue hergestellt.
Der älteste Mulatte hatte indessen noch eine andere stärkere Palme umgehauen,
deren Wipfel er von einander hieb, um zu dem Herz oder Kern zu gelangen,
denn diese Stelle enthielt ein schneeweißes, vortreffliches Mark, das
ausgezeichnet schmeckte und recht gut als Gemüse dienen konnte.
José packte indessen aus dem Provisionskorb den er unterwegs zu tragen hatte,
die für den Herrn mitgenommenen Lebensmittel, scharf geröstetes
Schweinefleisch und in Fett hart gebratene Bananenscheiben, sowie einige
getrocknete Fische aus, und stellte den eisernen Topf zum Feuer, um die
Chokolade darin zu kochen.
Es war aber plötzlich vollständig dunkel geworden, und der Ecuadorianer hatte
sich auf die am besten ausgepolsterte Seite des Rancho geworfen und suchte die
Beendigung der Mahlzeit durch Flüche und Verwünschungen zu beeilen. Um die
Langeweile indeß zu tödten, fing er die einzelnen großen Leuchtkäfer, die von
dem Feuerschein herbeigelockt, herüber und hinüber durch den Rancho
schwirrten, drückte ihnen die Flügeldecken auseinander, daß der darunter
leuchtende hellgelbe Punkt deutlich zum Vorschein kam, und mit den beiden
grün schimmernden Kugeln, welche die schönen Thiere am Kopf trugen, wie
Edelsteine erglänzten. Dann band er sie neben einander an eine der Querstangen
des Rancho, so daß sie ordentlich Licht darin verbreiteten, und ließ die armen
Thiere dort in all ihrer Pracht sich abzappeln und quälen, bis mit ihrem Tod auch
der Feuerschein erlosch.
Aber selbst dieses Licht genügte ihm nicht, seine endlich fertige Mahlzeit dabei zu verzehren, denn während er aß und die beiden Mulatten ihre eigenen Vorräthe
heraussuchten, mußte José eine kleine Fackel von zusammengeknetetem Gummi
elasticum halten, die ein zwar dunkelrothes aber doch vollkommen helles Licht
verbreitete, und — als der Herr endlich abgespeist, wieder ausgelöscht und in ein
Blatt gewickelt wurde, um bis zum nächsten Abend aufgespart zu werden.
Die Diener mochten ihre Mahlzeit beim Schein des Feuers verzehren, oder im
Dunklen, wie sie wollten.
Seine Decken waren indessen für den Herrn ebenfalls ausgebreitet worden, und
eine zum Daraufliegen, die andere zum Hineinhüllen benutzend, war er bald
sanft und fest eingeschlafen.
Am nächsten Morgen dämmerte kaum der Tag, als José schon wieder emsig
beschäftigt war, das Feuer frisch anzufachen, das ein gegen Morgen gefallener
Regenguß völlig ausgelöscht hatte. Er trug zu dem Zweck die trockenen Hülsen
einer reifen Cocosnuß bei sich, die wie Zunder fangen und die Gluth bis zur
letzten Faser hartnäckig halten. Es war übrigens kein leichtes Stück Arbeit, in
diesem nassen Walde, wo Alles bis in das Mark hinein von Feuchtigkeit
durchdrungen ist, ein helles Feuer anzufachen, und er gebrauchte eine lange Zeit
dazu. Indessen der Herr schlief ja noch, und endlich hatte er es so weit, um den
Chokoladentopf wieder an die Gluth setzen zu können. Die Sonne war aber
schon lange über den Horizont herauf, als er damit zu Stande kam, und da sich
die beiden Mulatten ebenfalls nicht sonderlich beeilten, ihre Morgenruhe zu
unterbrechen, war es fast acht Uhr geworden, ehe sie wieder an den Aufbruch
denken konnten.
Aber ihr Ziel lag nicht mehr weit. Kaum eine halbe Stunde bequemen Marsches
brachte sie an das Ufer des breiten Bogota, und sie fanden hier schon, nachdem
sie zuerst ein häßliches Bambusdickicht passirt waren, einen ziemlich großen
und freien Platz ausgehauen, der selbst vom Fluß aus deutlich sichtbar war, und
die Stelle künden sollte, an welcher die Trocha ausmündete.
Aeußerst vorsichtig schritten aber die Diener über jene Stelle, welche durch den
Bambus ausgehauen war, denn den zwar kleinen, aber furchtbar harten und
scharfen Dornen, welche an dessen Auszweigungen sitzen, und mit denen der
Boden hier bestreut war, boten selbst ihre harten, aber nackten Sohlen nicht
hinlänglich Widerstand. Den Lagerplatz dagegen hatten die früher hier
Gewesenen vollständig abgeräumt, und es war dort sogar ein großer Rancho
gebaut, um unmittelbar am Ufer übernachten zu können.
Schon von Weitem konnten die Wanderer die breite und offene Lichtung im
Walde und damit das erste Ziel ihres beschwerlichen Marsches erkennen, denn
dort auf dem Strome lag der S o n n e n s t r a h l, der nie in diese dichten Wälder drang, und es war ein ganz eigenthümlich wohlthuendes Gefühl, mit dem sie den
offenen, freien Platz betraten.
Der Guajaquilene schien sich aber am wenigsten diesem Genuß hinzugeben,
denn so bequem er bis jetzt seinen Weg verfolgt hatte, so rasch sprang er nun an
das Ufer und schien dort ein Canoe zu suchen, das, wie man ihm am Pailon
gesagt, dort angebunden liegen sollte. Aber nirgends war ein dem ähnliches
Fahrzeug zu erblicken, und gerade dort, wo die Trocha am Ufer des Bogota
ausmündete, lag weder an dieser, noch an der anderen Seite ein besiedelter und
dann auch bewohnter Platz. Wald, dichter, undurchdringlicher Wald deckte beide
Ufer, und noch viel dichter in der unmittelbaren Nähe des Wassers, als weiter
zurück, denn hier war er noch mit Bambus und Schling- und
Schmarozerpflanzen verwachsen.
»Caracho,« murmelte Señor Cerro leise zwischen den Zähnen durch, indem er
den Fuß unwillig auf den Boden stampfte, »ob man sich auch noch auf einen
Menschen in der Welt verlassen kann.«
»Kein Boot da, Señor?« frug der eine Mulatte, »nun wartet nur ein klein
Weilchen, den Bogota fahren immer Canoes hinunter und hinauf.«
»Aber ich will weder hinunter noch hinauf.«
»Weiß schon, Señor,« grinste der Mulatte, »aber wenn wir erst Hand auf Bug
haben, fährt es uns hin, wohin wir wollen, auch gerad' über den Strom.«
»Und glaubt Ihr gewiß, daß Ihr den Weg nach Alto Tambo finden könnt?«
»Sicher wie was,« nickte der Gelbe, »Señor hat doch das kleine gelbe
Messingding?«
»Den Compaß? Ja!«
»Schön — der zeigt genau die Richtung an, und wenn wir fortgehen, wie die
Trocha läuft, immer gerade aus, so treffen wir auf C a m i n o r e a l, können ihn gar
nicht verfehlen; läuft gerade quer durch von Cachavi nach Malbucho hin.«
»So wollen Sie nicht zurück nach Concepcion, oder hinauf nach Cachavi,
Señor?« frug José erschreckt.
»Du, mein Bursche,« sagte der Mulatte tückisch, »gehst hin, wohin man Dich
schickt, und wenn Dein Herr weder Lust nach Concepcion noch Cachavi hat, so
schleppst Du Deinen Bambuskorb eben durch den Wald. Was kann's Dich
kümmern.«
»Und ist der Wald nicht zu dicht?« fragte noch einmal der Ecuadorianer, ohne
von des Negerburschen Frage die geringste Notiz zu nehmen.
»S i , u n p o c o ! « lachte der Andere, »aber wir kommen schon durch. Nero geht mit
der Macheta vorweg und Señor hinterher, und sagen nur immer nach dem Compaß, rechts oder links, oder gerad aus — dauert zwei Tage, sind wir im
Weg.«
»Und Lebensmittel?«
»Bah, Menge von Palmen und wildem Honig und Kastanien. Kommen schon
durch — besser wie durch Cachavi.«
»Ich weiß nicht — ich wäre doch lieber erst nach Cachavi gefahren, um dort
frische Lebensmittel einzunehmen.«
»Da geht Nero aber nicht mit,« sagte der erste Mulatte trocken.
»Caramba,« rief der Ecuadorianer, »glaubst Du, es würde Einer der schwarzen
Schufte dort wagen dürfen, Hand an Dich zu legen, so lange Du in m e i n e n
Diensten stehst? Den wollte ich sehen.«
»Q u i e n s a b e ,« brummte der Mulatte achselzuckend — »besser ist besser, und
wir sparen dabei noch außerdem eine lange Strecke Weg.«
»Wenn nur mein Gewehr nicht zerbrochen wäre.«
»Machen wir wieder,« lachte der Mulatte — »gar nicht weit von hier am Fluß —
glaube ein Stückchen weiter oben, wohnt ein Schmied, der legt ein Blech darum.
Der hat auch großen Platanar, nehmen wir Lebensmittel und gehen dann gerad'
durch, durch den Wald.«
»Wenn nur erst ein Canoe käme.«
»Hallo, was ist das?« rief der Mulatte rasch, und drehte den Kopf der Richtung
zu, von der sie eben hergekommen — »dort geht ein Mensch.«
»Ein Mensch?« rief der Ecuadorianer emporfahrend, denn allerdings war es
etwas Außerordentliches, in d i e s e r Wildniß noch ein lebendes Wesen zu
finden — »Caramba — ein Mädchen?« fuhr er aber noch überraschter fort, als
im nächsten Augenblick Eva aus den Büschen trat. Aber diese achtete weder auf
ihn noch einen der beiden Mulatten; nur José hatte ihr fernsehender Blick
gesucht, nur auf diesen sprang sie zu, und seine Hand ergreifend rief sie freudig
aus:
»Gott sei Dank, José! Gott sei Dank, so war mein langer einsamer Weg doch
nicht umsonst, und ich bin noch zur rechten Zeit gekommen.«
»Meine Eva!« rief der junge Bursch bewegt — »aber wie um Gottes Willen
kommst Du in diese Wildniß — Von Concepcion in einem Canoe?«
»Hat das Mädchen ein Canoe bei sich?« frug der Ecuadorianer rasch und erfreut.
»Nein, Señor,« sagte die junge Negerin, langsam dabei den Kopf schüttelnd —
»derselben Trocha bin ich gefolgt wie Sie —«
»Allein?« rief Nero erstaunt.
»Wie ich hier stehe.«
»Mein armes, armes Mädchen,« sagte José gerührt, »aber hier sind wir am
Bogota-Fluß, und das nächste Canoe kann und wird Dich wieder zwischen die
Ansiedlungen bringen. Wenn Dich nun eine Schlange gebissen, oder ein wildes
Thier gefaßt hätte.«
»Die Thiere des Waldes sind barmherziger als die Menschen,« sagte das
Mädchen leise.
»Und wo willst Du hin, Muchacha?« frug sie der Ecuadorianer, indem sein Blick
die tadellosen Formen des Mädchens überflog — »Du kannst bei uns bleiben,
wenn Du Lust hast — es soll Dein Schade nicht sein.«
»Ich wollte zu Euch, Señor?«
»Zu mir? Caramba!« lachte der Ecuadorianer vergnügt auf, »das trifft sich ja
herrlich, denn in dem vermaledeiten Wald ist das Leben langweilig und öde
genug.«
»Zu Euch — José's — Eures Dieners wegen,« fuhr aber die junge Negerin fort,
ohne den Doppelsinn der Worte zu verstehen oder zu beachten.
»J o s é ' s wegen? In der That, und was hast D u mit d e m zu thun, wenn man
fragen darf?«
Eva antwortete nicht gleich. Sie knüpfte von ihrem Gürtel das kleine Säckchen
mit Silber los, das sie sorgfältig da vorne verwahrt hatte, und es dann in der
Hand dem weißen Mann entgegenhaltend, sagte sie bittend:
»Nehmt das, Señor, ich bin einen weiten, mühsamen Weg gekommen, um es
Euch zu bringen, und ich habe lange, sehr lange hart arbeiten müssen, bis ich so
viel zusammenbringen konnte, aber es ist mit Freuden geschehen, wenn ich mir
damit José's Freiheit erkaufen kann. Nehmt, es ist mehr, wie sein jährlicher Lohn
beträgt; es sind sechsundvierzig Dollars, und laßt uns dann mitsammen in die
Heimath ziehen.«
»Eva, mein braves, wackeres Mädchen!« rief José.
Der Ecuadorianer aber, während des armen Kindes Blicke in Angst und
Hoffnung an ihm hingen, nahm lächelnd das Geld und wog es in der Hand.
»Also das ist Dein Schatz,« sagte er höhnisch, »und nur seinet-, nicht
m e i n e twegen bist Du hier in den Wald gekommen?«
Des Mädchens Blick hing zitternd an den kalten, spöttischen Zügen des Weißen.
»Und gebt Ihr ihn jetzt frei?«
»Frei?« lachte dieser, »wenn das Alles wäre, was er mir schuldete! Aber glaubst
Du denn, Du albernes Ding, daß ich ihn die zwei Jahre nur d a f ü r genährt und
gekleidet und mit a g u a a r d i e n t e versorgt habe? Hundertundzwanzig Dollars ist
er mir schuldig, und wenn die entrichtet werden —«
»Hundertundzwanzig, Señor,« rief da José erschreckt, »und wofür d i e Summe?
Für die baumwollene Hose und Jacke, und den alten Hut?«
»Halte Dein Maul, Bursche, bis Du gefragt wirst,« unterbrach ihn finster der
Weiße, »in meinem Buch ist Alles eingetragen, und wenn Du einmal Deine
Schulden abverdient hast, kannst Du meinethalben Deiner Wege gehen, ich will
froh sein, wenn ich mich nicht mehr mit Dir zu plagen brauche.«
»Aber Señor,« — bat das Mädchen.
»Das Geld hier werd' ich ihm aber zu Gute schreiben,« lächelte der Ecuadorianer
tückisch. »Sind es wirklich sechsundvierzig Dollars, denn jetzt habe ich keine
Lust sie nachzuzählen, so bleibt er dann nur noch mit 74 in meiner Schuld, und
wenn er fleißig ist, und Du ihm dabei hilfst, so kann er immer in Jahr und Tag
frei kommen,« und er schob den Beutel dabei in seine Brusttasche.
»Aber jetzt — j e t z t soll er n i c h t mit mir gehen?« bat das Mädchen in
Todesangst: »Oh, treibt nicht Euren Scherz mit uns, Señor, wir sind arm und
unglücklich genug in der Welt, und haben Nichts, Nichts weiter als einander.
Seid barmherzig!«
»Laß mich zufrieden mit Deinen Quängeleien,« unterbrach sie der Ecuadorianer
ungeduldig. »Du hast es jetzt gehört — genug damit. Wir haben noch einen
weiten Weg vor uns, und da kann ich den Diener, wenn ich ihn gerade am
Nöthigsten brauche, nicht fortschicken. — Alle Wetter, Burschen, kommt da
nicht ein Canoe?«
»Von unten herauf, Señor,« grinste Nero, »eben biegt es um die Landspitze —
gerade zur rechten Zeit, um uns hier fortzubringen. Wohin w i r gehen, folgt uns
das alberne Ding doch nicht.«
»Señor,« sagte José, der mit fest zusammengebissenen Zähnen dem
Urteilsspruch des Weißen gelauscht hatte — »wenn Ihr mich nicht wollt frei
lassen — wenn ich noch fort muß in den Wald mit Euch, und die Gesetze Euch
darin beschützen, dann gebt dem armen Kinde auch das Geld wieder — dann
will ich selber abverdienen, was ich Euch schulde.«
»D u sprichst, wenn Du gefragt wirst, mein Junge,« lachte der Ecuadorianer,
»denn ich weiß selber gut genug, was ich zu thun habe. Und jetzt pack' Deinen
Korb auf, trag' ihn zum Ufer hinab, und ruf' das Canoe heran, daß wir weiter
kommen.«
»Nicht einen Schritt, bis Ihr Eva das Geld zurückgegeben habt,« rief José, und
sein Auge leuchtete von einem unheimlichen Feuer. — »Ich weiß, daß Ihr unter
Euren Gesetzen mit uns Negern noch schalten wollt, wie es Euch gefällt, aber
beim ewigen Gott —«
»Rebellion?« zischte der Weiße zwischen den zusammengebissenen Zähnen durch — »aber dafür giebt's ein Mittel, Nero, wenn sich der Hund widersetzt,
klopfe ihn einmal mit Deiner Macheta auf den Schädel.«
»Den wollen wir schon kriegen,« lachte der riesige Mulatte, indem er die
Macheta ergriff — »fort mit Dir, Caracho!« rief er dabei, indem er den Neger
mit der Faust in den Nacken griff, und ihn vorwärts stoßen wollte — »hinunter
die Bank da, oder ich m a c h e Dir Beine.«
José hatte sich, der rohen Uebermacht gegenüber, bis jetzt so schwach und
willenlos gezeigt, daß die beiden Mulatten ihn schon auf dem ganzen Weg zur
Zielscheibe ihres Spottes gemacht. Was er aber auch ertragen und geduldet, so
lange er sich allein und hülfslos wußte, und vielleicht selber dabei fühlte, wie
große Schuld er an seiner eigenen Knechtschaft trage, jetzt in Eva's Gegenwart
kochte sein Blut auf, und jäh emporfahrend stieß er den Mulatten vor die Brust,
daß dieser zurücktaumelte, in einer Wurzel hängen blieb und mit schwerem
Schlag, der Länge nach, zu Boden stürzte.
»Caracho,« rief der andere Mulatte, und sprang dem Neger nach der Kehle, und
dieser konnte sich seines Gegners kaum erwehren, als Nero mit einem wahren
Wuthgeheul vom Boden emporschnellte.
»Negerbestie,« schrie er dabei, und mit der schweren und scharfen Macheta
ausholend, sprang er von hinten auf José zu.
»Mörder!« kreischte da Eva, die in zitternder Todesangst Zeuge des beginnenden
und so ungleichen Kampfes gewesen. Sie wußte dabei kaum, was sie that, aber
die Lanze, die sie noch immer hielt, mit beiden Händen fassend, rannte sie die
Spitze derselben dem Mulatten, gerade als er den Stich gegen José führen wollte,
in die Achselhöhle hinein, daß er mit einem gellenden Aufschrei zusammen
brach.
Mit einem gotteslästerlichen Fluch riß in diesem Augenblick der Ecuadorianer
einen Revolver aus seiner Tasche und drückte ihn drei vier Mal auf das Mädchen
ab; aber Du lieber Gott, er trug die Waffe schon wochenlang in der Tasche, und
in diesem ewigen Regen, und ununterbrochenen feuchten Dünsten, die dem
Boden entsteigen, versagt ja schon nach zwölf Stunden jedes frisch geladene
Gewehr, und machtlos schlug der Hahn auf die Hütchen nieder.
Aber jetzt war auch José's Blut in Wallung gerathen, und die Macheta
aufgreifend, die der Hand des zusammenbrechenden Mulatten entfallen war,
warf er sich in blinder Wuth auf seinen bisherigen Herrn, der es indessen nicht
für gerathen fand, den Angriff abzuwarten. Auch der Mulatte hatte mit Entsetzen
seinen Kameraden stürzen sehen, und Beide — er wie der Weiße, stoben vor den
gegen sie gehobenen Waffen des zur Verzweiflung getriebenen Negerpaars in die
nächsten Büsche hinein, und aus Sicht.
José wäre nun am liebsten dem Weißen gefolgt, und dessen Leben war dann
verloren, aber Eva ergriff seinen Arm, und in der Angst, daß noch irgend ein
unglücklicher Zufall ihre Flucht hemmen könne, rief sie bittend: