Unter Palmen und Buchen: Zweiter Band

Friedrich Gerstäcker · Kapitel 10 von 18

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Unter Palmen und Buchen: Zweiter Band

Am Cachavi.

 

E r s t e s C a p i t e l .

 

In Concepcion.

 

An dem Santiago-Flusse in Ecuador, tief im Walde drinnen, von Palmen- und

Bananenhainen umgeben, liegt das kleine Binnenstädtchen Concepcion so

malerisch und freundlich, wie sich nur etwas denken läßt.

Dicht unter demselben mündet der, kurz vorher den Cachavi aufnehmende

Bogota in den breiteren und tieferen Santiago, und vermittelt, wenn auch nur

durch Canoes, die Verbindung mit der reichsten Provinz des Innern, mit

Imbaburru und deren Hauptstadt Ibarra, während der Santiago durch die Tola-

Mündung mit dem Meer in direkter Verbindung steht und nach Norden hinauf

sogar, durch die Taja-Lagune, einen breiten und bequemen Wasserweg nach dem

Pailon und der dort neu angelegten englischen Colonie und deren Hafen bildet.

Den meisten und lebendigsten Verkehr unterhielt es aber doch mit dem fast nur

von Negern bewohnten Cachavi und den dortigen Golddistrikten, und wenn auch

der Handel mit dem Innern nur durch Lastträger betrieben werden konnte, da

nicht einmal ein Maulthierpfad durch den Wald führte, war der Umsatz doch

nicht unbedeutend und die Leute befanden sich wohl und in guten Umständen.

Der Santiago sowohl, wie der Bogota fließen aber auch durch ein reiches,

unendlich fruchtbares Land, und breite ausgedehnte Baumwollen- und

Zuckerrohrfelder mit weiten Cacao- und Bananenanpflanzungen (sogenannten

Platanaren) geben Zeugniß, welch' reichen Ertrags der Boden dort fähig ist, und

wie er die geringste Arbeit tausendfältig lohnt. Sie sind auch ziemlich dicht

besiedelt, wenn auch nicht von den Ureinwohnern des Landes, die sich in den

feuchten und heißen Niederungen dieser Gegend nicht so wohl zu fühlen

scheinen, als weiter oben in den kühleren Bergen und an den rasch quellenden

Gebirgswässern. Möglich aber auch, daß sie von den Negern, mit denen sie

überhaupt nicht gern Gemeinschaft halten, zurückgedrängt wurden.

Als nämlich mit der Abschüttelung des spanischen Joches die Leibeigenen der

spanischen Provinzen freigegeben und für ewige Zeiten frei erklärt wurden, da

zerstreuten sie sich — besonders in Ecuador und Neu-Granada — vorzugsweise

über dies Terrain und wurden H e r r e n des dortigen Bodens, dessen Sclaven sie bis jetzt gewesen waren. Ueberall am Santiago und Bogota legten sie Estancien

an, rodeten den Wald aus, und pflanzten Bananen, Cacao, Kaffee und

Zuckerrohr, und wenn sie jetzt auch nach ihrer Bequemlichkeit arbeiteten, und

nicht mehr vom Tagesanbruch bis in die späte Nacht Hacke und Schaufel führen

mußten, so dankte ihnen der Boden doch mit verschwenderischer Hand für die

geringe Mühe, die sie auf seine Pflege verwandten, und wo sie nicht eben r e i c h

wurden, hatten sie doch vollauf zu leben.

Welche Bedürfnisse kannten sie denn auch, die sie nicht hier mit Leichtigkeit

beschaffen mochten. Ihre Wohnungen waren um weniges besser, als die, in

denen sie früher von ihren Herren einquartirt worden, ihre Kleidung — eine

baumwollene Hose und ein eben solches Hemd mit einem selbst geflochtenen

Strohhut blieb dieselbe, und was sie an Nahrung brauchten und wünschten,

lieferte das Land.

So bildeten sie bald, in diesen Distrikten wenigstens, die große Majorität des

Staates und es gab Dörfer, wo sie sich sogar ihren Alkalden aus eigener

schwarzer Mitte wählten.

Nur die Stellen der Gobernadores und Friedensrichter besetzte die Regierung mit

den H i j o s d e l p a i s — das heißt nicht etwa den eigentlichen »Söhnen des

Landes,« den Indianern, sondern mit den Abkömmlingen der spanischen Raçe,

die auch solche Plätze viel besser zu verwerthen und auszubeuten verstanden.

Ecuador war allerdings eine Republik, aber es wäre deshalb der obersten

Staatsbehörde doch nicht im Traum eingefallen, dem Volk in seinen eigenen

Richtern eine M a j o r i t ä t zu gestatten.

Auch Concepcion war zu einem sehr großen Theil von Negern bewohnt. Nichts

destoweniger blieben aber in dieser größeren Stadt die W e i ß e n in der

Majorität, wo sie schon durch ihre Farbe den Stand der Honoratioren vertraten.

Ueberhaupt hat der N e g e r nur in sehr seltenen Fällen — so geschickt er oft in

mechanischen Arbeiten sein mag — Talent zum H a n d e l. Es fehlt ihm der

Speculationsgeist, und die verschiedenen Läden befanden sich deshalb

sämmtlich in der Hand von Weißen. Eben so waren — wie sich das von selbst

versteht — der Geistliche, der Alkalde und der Schullehrer Abkömmlinge der

spanischen Raçe, und selbst ein italienischer Schneider hatte sich dort etablirt;

und sich — wie das gewöhnlich diese Art von Professionisten thun — zu einer

der ersten politischen Größen und zu einer entschiedenen Opposition der

bestehenden Regierung aufgeschwungen.

Señor Rigoli, wie der kleine, sehr lebendige Mann hieß, hing nämlich mit Leib

und Seele an der Quitenischen Regierung, während der Alkalde und Geistliche

besonders — Beide von dem gegenwärtigen Usurpator des Südens, dem Mulattengeneral Franco eingesetzt — für diesen nach allen Kräften zu wirken

suchten.

Rigolis Feinde behaupteten allerdings, nur der Geist des Widerspruchs hätte den

kleinen Italiener in diese politische Richtung geworfen, denn ohne Widerspruch

konnte er nicht existiren: aber er leugnete dies vollkommen, und würde dadurch

jedenfalls seine beste Kundschaft in den Honoratioren der Stadt verloren haben,

wenn sie eben nicht gezwungen gewesen wären, bei ihm arbeiten zu lassen. Er

hatte nämlich keinen Concurrenten im Ort, als einen Neger, der Alles verdarb,

was er unter die Scheere bekam, aber dafür auch zu den leidenschaftlichsten

Anhängern Francos gehörte und alle Augenblicke neue Gerüchte über die

gewonnenen Siege des Mulattengenerals verbreitete.

Uebrigens war diese politische Meinungsverschiedenheit bis jetzt sehr harmlos

verlaufen, denn Theil an den großen Kämpfen ihres Vaterlandes konnten die

Bewohner von Concepcion nicht nehmen, dafür lagen sie von dem Hauptplatz

der Action zu weit entfernt, und völlig abgeschieden und aus dem Weg in ihrem

reizenden Thal. Aber es würzte doch die Unterhaltung, und wenn Rigoli Abends

in der Posada e i n e Flasche Tschitscha getrunken und eine zweite vor sich hatte,

hielt er so lange politische Reden, bis er seine Gegner — wenn auch nicht

überzeugte, doch wenigstens zu Paaren trieb, und zuletzt gewöhnlich das

Schlachtfeld allein behauptete.

So lebhaft aber derartige Debatten fast jeden Abend geführt wurden — und in

der letzten Zeit lebhafter als je, da sich ein Franco'scher Offizier hier aufhielt,

was aber nicht vermochte, den kleinen muthigen Mann der Nadel

einzuschüchtern — so still lag Concepcion während der heißen Stunden des

Tages, wenn die Häuser keinen Schatten mehr warfen und die breiten

Bananenwipfel ihre sonst vom leichtesten Luftzug bewegten Fächerblätter still

und regungslos hielten. Dann ließ sich auch kein lebendes Wesen mehr auf der

Straße blicken und in den luftigen, auf Pfählen gebauten Häusern, schaukelten

die Bewohner derselben in ihren Hängematten, oder lagen ausgestreckt auf dem

Boden unter ihren Mosquitonetzen.

Nicht weit von der Plaza, freundlich genug gelegen und von bunt blühenden und

duftigen Akazien halb versteckt, wie von einer einzelnen Cocospalme überragt,

stand ein kleines, niederes und düsteres Gebäude, aus festen, eisenharten

Stämmen aufgeführt, und die Fenstereinschnitte — und welches andere Haus

hatte hier überhaupt Fenster, wo alle Wände offen lagen — mit dicken eisernen

Gittern verwahrt.

Es war die »c o l a b o z o«, das Gefängniß Concepcions, und in der That gewöhnlich

leer und offenstehend, aus dem Grund vielleicht, damit ein Jeder hinein gehen, und sich den unheimlichen dumpfigen Raum betrachten könne. Heute aber

schien sie verschlossen und fest verriegelt, und draußen an der schweren Thür

auch noch mit einem riesigen Vorlegeschloß gesichert, denn der »Schließer«

konnte doch nicht immer davor sitzen, eines einzigen lumpigen Gefangenen

wegen.

In dem Gefängniß aber, die Stirn gegen das Gitter gepreßt, lehnte ein junger, bis

zum Gürtel nackter Neger, und hielt mit dem einen, durch die Stäbe

hinausgestreckten Arm die Hand eines bildhübschen Negermädchens, das vor

seiner Zelle stand und in der Linken ein bunt gewürfeltes Tuch mit Gaben hielt,

die sie dem Gefangenen wahrscheinlich mitgebracht.

»Armer José,« klagte dabei das Mädchen, indem ihr die großen hellen Thränen

in die Augen traten — »daß es dahin mit Dir kommen mußte. Oh was hast Du

nur verbrochen, daß sie Dich in den schrecklichen Kerker werfen konnten!«

»Verbrochen, m i c o r a z o n — Nichts,« seufzte der junge Bursch. »Nichts auf der

Welt weiter, als daß ich Dich, nach jahrelanger Abwesenheit, wieder einmal

sehen wollte. — Nur deshalb nahm ich an der Tola-Mündung das Canoe, und

weil ich Einzelner nicht so stark rudern konnte, als die vier starken Cajapas-

Indianer, holten sie mich hier ein und ich muß jetzt büßen.«

»Aber die Sclaverei ist ja doch bei uns aufgehoben,« rief das Mädchen heftig, —

»Mutter und Vater waren schon f r e i e Menschen, und die Gesetze verbieten den

Weißen, Sclaven zu halten.«

»Die Gesetze,« zischte der junge Bursch trotzig zwischen den Zähnen durch, —

»wer hat die Gesetze gegeben, als nur die Weißen, und sie machen damit, was

sie wollen. Was bin ich anderes als der Sclave jenes Guajaquilenen? Er hatte mir

Geld geborgt, und ich muß es jetzt abverdienen.«

»Oh José,« sagte da das Mädchen mit leisem, wie schüchternem Vorwurf im

Ton, aber einem gar so lieben und herzlichen Blick — »weshalb h a s t Du von

ihm geborgt? — konntest Du denn das böse, häßliche Trinken nicht lassen,

womit Du uns Beide jetzt unglücklich gemacht?«

Der junge Bursche senkte beschämt den Kopf.

»Du hast Recht, q u e r i d a«, sagte er leise — »ich war schlecht und leichtsinnig,

aber schon seit langen Monden trinke ich nicht mehr, und arbeite fleißig — doch

was hilft es mir. Wir ziehen ununterbrochen von Ort zu Ort, und die Arbeitstage,

die er mir dem Gesetz nach gestatten muß, nützen mir Nichts, denn für wen soll

ich arbeiten auf der Reise?«

»Und wie viel bist Du ihm schuldig?« frug das Mädchen ängstlich.

»Ich weiß es nicht,« seufzte der junge Bursch — »er schreibt sich Alles auf, was

er mir giebt, und soviel hat mir der Alkalde gesagt, daß ich für 40 Dollars ein ganzes Jahr für ihn arbeiten muß —«

»Und ist es soviel?«

»Ich glaube es nicht — was hat er mir denn gegeben? Die dürftigste Kleidung,

ein paar Stangen Taback und schon seit langen Monden kein a g u a r d i e n t e mehr.

— Ich trinke nicht — nie mehr — ich habe es Dir versprochen, Eva.«

»Dann laß mich dafür sorgen, daß Du frei wirst, José,« sagte das junge Mädchen,

und frohe Zuversicht leuchtete aus ihren Augen. »Ich habe das letzte Jahr viel,

recht viel gearbeitet. Ich habe den Leuten Lebensmittel in die Minen gefahren,

und selber ein wenig Gold gegraben, auch bei unserem Alkalden in Cachavi

geschafft, Tag und Nacht, wie seine Frau krank war und sich nicht selber helfen

konnte. Das Geld liegt in Cachavi — ich hole es. — Was brauchen w i r es auch,

wir sind beide kräftig und gesund, und können uns schon auch ohne das eine

Heimath gründen.«

»Aber wie willst Du nach Cachavi hinauf kommen, Herz?« frug der junge

Bursch, — »der Fluß ist reißend, und allein wärst Du nie im Stande, ein Canoe

über die Stromschnellen zu bringen.«

»Mein Bruder ist hier,« sagte das Mädchen — »er lernt ein Handwerk bei einem

Weißen. — Der ist gut — der wird ihm erlauben, daß er mir helfen darf, und

wenn wir heute Abend fortfahren, können wir morgen schon oben sein.«

»Dein Bruder ist schwächlich —«

»Aber i c h bin stark,« rief das junge Mädchen lächelnd — »hab' kein Sorge,

José, ich bringe Dir Hülfe, und wenn Du mir nur versprichst, nie mehr zu

trinken, so können wir bald ein neues und schönes Leben beginnen.«

»Oh wie von Herzen gern verspreche ich Dir das, aber — der Weiße giebt mich

nicht wieder los, und hat mir schon gesagt, daß er mich, wenn er wieder nach

Concepcion zurückgekehrt, an den Padre verkaufen will, und der bekommt

immer Recht. — Hält er nicht schon seit sieben Jahren drei Sclaven in seinem

Haus, und sind sie je im Stande gewesen, sich frei zu kaufen?«

»Dann gehe ich zu dem Meister Rigoli,« sagte das Mädchen entschlossen — »er

ist gut — er wird mir helfen und der Präsident selber nicht leiden, daß sie hier

die Gesetze unter die Füße treten, die er zum Besten unseres Stammes gegeben

hat. Er will ja keine S c l a v e n im Lande leiden — alle Menschen sollen frei

und gleich sein.«

»Ach Du mein liebes Herz,« seufzte da José, »was weiß der Präsident von uns

armen Schwarzen in Concepcion, und ist es nicht gerade einer seiner Offiziere,

dem ich angehöre? Glaubst Du denn, daß er m i r gegen d e n beistehen würde?«

»Laß Du mich nur machen,« lächelte aber das junge Mädchen zuversichtlich, »Señor Rigoli bringt Alles in Ordnung, und ich und mein Bruder fahren

indessen, so rasch uns die Ruder treiben können, den Strom hinauf, um das Geld

zu holen. Stromabwärts geht's ja nachher wie der Wind, und in einem halben Tag

bin ich vom Cachavi hier unten.«

»Du treues Herz, — und Alles das meinethalben.«

»Und hier habe ich Dir indessen auch etwas mitgebracht,« fuhr das junge

Mädchen fort, indem sie das Tuch zu ihm emporhob. Aber sie fand bald, daß sie

es, dickgefüllt wie es war, nicht durch die Stäbe brachte, und begann deshalb

rasch es auszupacken.

»Hier,« sagte sie, indem sie ihm die einzelnen Sachen hinein reichte — »sind in

ihren Blättern gekochte Bananen — hier etwas geröstetes Schweinefleisch — ich

konnte Dir nicht soviel bringen, sie fordern einen so hohen Preis dafür — hier

hast Du Erdnüsse und rothen Pfeffer, und die Chokolade habe ich selbst für Dich

gerieben und da« — fügte sie leise hinzu — »ist auch etwas Geld. — Es ist nicht

viel,« lächelte sie wehmüthig, »aber ich habe ja auch immer gespart und gespart,

damit wir dereinst ein kleines Häuschen bauen und uns ein Stück Vieh und ein

paar Hühner anschaffen könnten. — Aber schau nicht so traurig d'rein, José —

wenn wir b e i d e z u s a m m e n arbeiten, gehts ja auch nachher so viel rascher

und irgendwo am Bogota oder Santiago wird sich ja wohl noch ein Plätzchen für

uns finden, wo wir uns eine Stelle urbar machen können.«

»Du wackeres, wackeres Kind, wie soll ich Dir das je danken?« sagte José

gerührt.

»Und h a s t Du es mir nicht schon gedankt?« erwiderte wehmüthig das junge

Mädchen — »lebte denn ein Mensch auf der weiten Welt, der die arme Waise

nach der Eltern Tode lieb hatte, und für sie und ihren Bruder sorgte, wie Du?«

»Und was h a b ' ich gethan?«

»Viel — sehr viel,« sagte das Mädchen rasch — »Du hast mir die H o f f n u n g

für dieses Leben erhalten, denn als wir die Mutter begraben hatten, war es mir,

als ob ich mich auch in das stille Grab legen müßte, und nie, nie im Leben

wieder froh werden könnte. — Und Alles, Alles wäre auch nachher gut

gegangen, wenn nur das böse Trinken — aber ich will Dir jetzt keine Vorwürfe

machen, José,« unterbrach sie sich rasch — »Du hast mir ja versprochen, daß es

nie, nie mehr geschehen soll, und jetzt gilt es nur, Dich aus Deiner Sclaverei zu

befreien.«

»Du willst schon fort?«

»Ich muß — die Zeit vergeht, vorher aber habe ich noch mit meinem Bruder und

seinem Lehrmeister zu sprechen, und nachher muß ich suchen, daß ich ein

Canoe geborgt bekomme. Aber das krieg' ich schon,« setzte sie lächelnd hinzu, »denn alle Menschen sind jetzt gut mit mir, weil sie sehen, daß ich brav und