Unter Palmen und Buchen: Zweiter Band

Friedrich Gerstäcker · Kapitel 18 von 18

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Unter Palmen und Buchen: Zweiter Band

Negerleben.

 

Die Menschen gewöhnen sich — und es ist das eine merkwürdige Thatsache —

mit der Zeit selbst an das Wunderbarste, so daß sie es zuletzt nicht einmal der

Mühe werth halten, mehr darüber nachzudenken. Wir sehen die Sonne auf- und

untergehen, die Pflanzen keimen und wachsen, das Meer ebben und fluthen —

sehen Winter und Sommer kommen, den Baum aus einem Kern, den

Schmetterling aus einer Raupe, den Lieutenant aus einem Wickelkind entstehen,

und bemerken die Verwandlung nicht einmal mehr, die für uns etwas

Alltägliches geworden.

So staunen wir auch wohl anfangs neue Erfindungen an und bewundern die

Kraft des Dampfes und Elektro-Magnetismus — aber nicht lange, dann benutzen

wir sie und können uns kaum noch denken, daß es eine Zeit gegeben hat, in der

sie nicht gekannt war.

Ebenso geht es mit althergebrachten Gewohnheiten und Sitten. Kommt ein

Europäer in ein tropisches Land, so ist er ganz erstaunt, dort auf einmal einer

Race zu begegnen, die vollkommen nackt in der Welt herumläuft, und will sich

halb todt lachen, wenn sich der König eines fremden Volkes zu ihm auf die Erde

setzt und ihn um etwas Tabak anspricht; aber kaum lebt er vier Wochen unter

den Leuten, so sieht er weder die Nackten mehr, noch findet er etwas

Außerordentliches in der Herablassung Sr. Majestät.

Genau so geht es uns mit der Sclaverei.

Wenn sie noch nie bestanden hätte und ein Mensch sich dann erfrechen wollte,

einen zweiten, der eine andere Hautfarbe hat, als er, und nicht ganz so »gebildet«

ist, zu zwingen, für ihn umsonst zu arbeiten, während er in der nämlichen Zeit

dessen Frau und Kinder an einen Dritten verkaufte, so wären wir außer uns und

hielten das mit Recht für eine Scheußlichkeit und Niederträchtigkeit. Jetzt aber

sind wir so gewohnt, von Negersclaven und deren Versteigerung zu hören, daß

die meisten Menschen bis vor kurzer Zeit gar nichts Absonderliches mehr in der

Sache fanden. Ja, in den Ländern, wo die Sclaverei wirklich bestand, wurde

sogar das Recht der Weißen, schwarze Sclaven zu halten, in den Schulen gelehrt,

und Geistliche entblödeten sich nicht, die heilige Schrift zu mißbrauchen, um ein

solches Verbrechen als von Gott selber eingesetzt hinzustellen.

Daß wir die Baumwolle theurer bezahlen müssen, wenn es einmal keine Sclaven

mehr giebt, steht wohl fest, denn der Arbeiter verlangt dann seinen verdienten Lohn, aber das Rechtlichkeitsgefühl civilisirter Menschen hat sich endlich dahin

ausgesprochen, daß ein wenn auch durch Jahrtausende geübter Brauch doch ein

Mißbrauch und eine Niederträchtigkeit sein könne, und während in Rußland die

Leibeigenen freigegeben wurden, traten in Nordamerika Hunderttausende unter

Waffen, um ihr Vaterland von der Schmach zu befreien, zu den Sclavenstaaten

gezählt zu werden.

Es fällt mir indessen hier nicht ein, eine Abhandlung über die Sclaverei, ihre

Nichtberechtigung oder Berechtigung zu schreiben. Der gesunde Sinn des

Volkes hat längst darüber entschieden und sie für ein Verbrechen erklärt — wenn

es auch selbst in Deutschland noch einige Menschen giebt, die sie vertheidigen

und mit schalen Phrasen ihre Existenz als nothwendig darzustellen suchen. Ich

selber möchte hier dem Leser nur eine kurze Schilderung der Zustände geben, in

denen ich Neger in den verschiedenen Welttheilen getroffen habe, und eine

solche Zusammenstellung ist immer insofern interessant, als sie einen Vergleich

zuläßt.

Von der Heimath der Neger will ich nicht reden. Leute, die mit deren Vaterland

genau vertraut sind, haben das schon viel besser gethan, als ich es im Stande

wäre. Nach Allem aber, was man von ihnen hört und sieht, scheint es, daß sie

dort, wo sie mit den Weißen noch nicht in nähere Berührung kamen, wie das

auch bei den Indianern der übrigen Welttheile der Fall ist, harmlos und gastfrei

sind und eben nicht mehr arbeiten, als sie zu ihrem Lebensunterhalt brauchen.

Dann kommen die Europäer zu ihnen. Portugiesische Sclavenhändler

durchziehen das Land, die Gier nach Reichthümern wird in ihnen erregt, alle

Leidenschaften werden wachgerufen und zu Verbrechen gesteigert, und dann

werfen sich die Weißen in die Brust und sagen: »Was für thierische Völker sind

das! Kann sie Gott der Herr für etwas Anderes erschaffen haben, als den Weißen

durch ihre Körperkraft zu dienen?«

Wir wollen uns diese thierischen Völker betrachten, wie sie in anderen Ländern

der Erde leben, wohin sie aber nur durch die Weißen selber gebracht wurden.

Die eingeborenen Afrikaner sind nämlich keine seefahrende Nation, woran auch

vielleicht die ungünstige Beschaffenheit ihrer Küsten die Schuld trägt. Nur die

ihnen zunächstliegenden wenigen Inseln haben sie bevölkert und sie entweder

ganz besetzt, oder sich mit den Ureinwohnern vermischt, wie z. B. auf der

Westküste von Madagascar.

Daß die Eingeborenen Australiens eine Mischlingsrace von Aethiopiern und

Malayen sein sollten, ist nur eine Phantasie Blumenbach's. Die australischen

Schwarzen sind ein unzweifelhafter Urstamm, und nie hat ein Aethiopier oder

Neger deren Küsten, außer auf einem Schiffe der Weißen, betreten.

Auch im ostindischen Archipel, ja selbst in dem ihnen gegenüberliegenden

Arabien finden wir keine Spur von ihnen als freien Einwanderern. Sie sind nur

als Sclaven dort hinüber geschleppt, während sie von den an ihren Küsten

landenden Abkömmlingen der kaukasischen Race weiter und weiter in das

innere Land zurückgedrängt wurden.

Wenn sie aber nicht selber zur See gehen wollten, so gab man ihnen Passage,

und die Spanier und Portugiesen, nachdem sie in Amerika die gutmüthigen

Indianer unter dem Vorwand, ihre Seelen zu retten, erschlagen oder zu Tode

geknechtet hatten, mußten schon Sclaven dort hinüber führen, um die Arbeit zu

thun, die das faule Seeräubergesindel nicht selber verrichten mochte.

Nordamerika folgte, und wie sich der Reis-, Baumwollen- und Zuckerrohrbau

als ergiebig zeigte, schaffte man Neger dort hinüber, die nicht allein die Felder

bestellen mußten, sondern auch einen einträglichen Handelsartikel bildeten.

Die Sclaven werden nun überall, wo man sie hält, nur in seltenen Fällen wirklich

schlecht behandelt, denn es liegt im eigenen Interesse des Besitzers, sie gesund

und bei Kräften zu erhalten. Sie dürfen deshalb ebensowenig, wie ein Pferd oder

Stier, überarbeitet werden, und die Hauptkunst eines ordentlichen

»Sclavenzüchters« besteht darin, so viel Arbeit aus ihnen herauszubekommen,

als sie leisten können, ohne sie dabei zu schädigen.

Es giebt Ausnahmen — ich kenne auch selbst aus den Vereinigten Staaten

Beispiele von boshafter, ausgesuchter Grausamkeit — Geschichten, wie sie

selbst Mrs. Beecher-Stowe nicht schlimmer erdacht hat, die doch das Mögliche

darin leistete, aber es sind das doch nur Ausnahmen. Im Ganzen hatten sie ihre

bestimmte Arbeitszeit und ihre ihnen angemessene Kost, auch die nöthige

Kleidung, und die meisten Herren gaben ihnen auch noch einen Gartenplatz, um

darin für sich selber zu arbeiten. Die Vertheidiger der Sclaverei sagen nun: »Was

will so ein Neger mehr? Ist er nicht viel besser daran, als unsere deutschen

Armen, die, wenn sie krank und elend werden, verhungern können, ohne daß

sich ein Mensch um sie bekümmert? Der Herr muß seinen Sclaven erhalten,

auch wenn er nicht arbeitet.«

Das ist wahr, und die gezwungene Arbeit bleibt das geringste Elend der Sclaven

— das furchtbarste ist der Verkauf.

Eine Negerfamilie hat über Tag ihre Arbeit gethan, ihr Herr ist gut und milde mit

ihnen, sie werden freundlich behandelt, aber — er liegt krank in seinem Haus.

Wenn er morgen stirbt, wird das Gut mit seinem Inventar, zu dem die Sclaven

gehören, verkauft, und was wird dann aus ihnen? Jetzt noch sitzen Vater und

Mutter mit ihren Kindern beisammen — wie lange noch? Die Gesetze verboten

freilich, daß in den Staatsauctionen die Familien getrennt wurden; aber wer kaufte die Neger auf den Auctionen? Nur herumreisende Yankees, denn kein

anständiger Südländer würde sich zu dem schmutzigen Geschäft eines

Sclavenhändlers hergegeben haben; nur diese Menschenclasse, die der freie

Norden und dort hauptsächlich der kleine Complex der eigentlichen

Yankeestaaten, Massachusets, Connecticut und Vermont liefert. Die aber

machten sich auch kein Gewissen daraus, Familien zu trennen und das Weib von

dem Gatten, Kinder aus dem Arme der Eltern zu reißen. Es war einmal ihr

Geschäft, für das ja auch sogar mancher deutsche Gelehrte seine Lanze einlegte

und, wenn auch unbewußt, seine Rechtmäßigkeit vertheidigte.

Das ist das Furchtbare im Leben des Negersclaven, daß er nie und zu keiner

Stunde seiner eigenen Familie sicher ist, daß er, wenn er sein Kind auf den Arm

nimmt und es herzt und küßt, nicht weiß, ob nicht schon morgen ein frecher,

tabakkauender Weißer, von den Gesetzen beschützt, den Arm danach ausstreckt

und er es nie, nie wiedersieht. Fragt die Aermsten unserer Armen, fragt die

unglücklichen Erzgebirger, die sich in ungünstigen Jahren von faulen Kartoffeln

nähren und nicht einmal genug von d e r Nahrung haben, ob sie mit ihm tauschen

möchten!

Aber sonst geht es den Negern gut.

Es ist gerade so, als ob ich von einem Menschen sage: »Er hat freilich die

Schwindsucht — aber sonst geht es ihm gut.«

Ein glücklicher Leichtsinn half dem Volk übrigens das oft Unerträglichste

wirklich zu ertragen. Ja, man hörte wohl dann und wann einmal von dem

Selbstmord einer Mutter, der man ihr Kind geraubt und die sich in den Strom

gestürzt; auch hat dann und wann ein junger Bursch aus thörichter Eifersucht

einen Aufseher erschlagen und ist natürlich deshalb gehangen worden. Aber war

das nicht Wahnsinn, mußte er denn nicht wissen, daß die Sclavinnen alle

Eigenthum ihres Herrn sind, und keines der Mädchen dem Aufseher oder n i g g e r -

d r i v e r eine kleine Gefälligkeit weigern konnte, wenn sie nicht die Hölle auf

Erden haben wollte?

Wie vergnügt die jungen Leute trotzdem zur Arbeit gingen! Es lag ihnen einmal

im Blut, und wenn man sie so zusammen schwatzen und lachen hörte, hätte man

kaum glauben können, daß eine einzige Sorge ihr Leben trübe?

Der Neger hat ungemein viel Sinn für das Komische und Niemand in der Welt

kann herzlicher und lauter lachen, als ein Neger. Ihr Jaw! Jaw! Jaw! hört man oft

unglaubliche Strecken weit, und sie biegen sich dabei zurück und zeigen ein paar

Reihen von Zähnen, die an blendender Weiße Nichts zu wünschen übrig lassen.

Musik und Tanz lieben sie ebenfalls leidenschaftlich, und das einfachste

Instrument genügt, um eine ganze Plantage auf die Füße zu bringen. Oft und oft habe ich die Arbeiter bewundert, die an der Levée von New-Orleans die

schweren Baumwollenballen und Zucker-»h o g s h e a d s« an Bord der Schiffe

wälzen. Besonders das letztere Geschäft treiben sie systematisch.

Es giebt nämlich kaum eine schwerere Arbeit, als solch ein großes Zuckerfaß zu

rollen, denn es ist nie vollständig gefüllt. Der schwere Zucker fällt dadurch

fortwährend nach unten, so daß stets das ganze Gewicht gehoben werden muß.

Je schwerer die Arbeit aber, desto lauter und lustiger geht es dabei zu, und man

soll nur einmal die acht Mann, die gewöhnlich zu einem großen Faß gebraucht

werden, sehen, wie sie dabei hüpfen und springen und im Tact ein munteres Lied

singen. Wie am Bord der Schiffe bei schweren Arbeiten, macht auch hier Einer

den Vorsänger, der irgend eines ihrer oft schwermüthigen, oft ausgelassenen

Negerlieder singt, in das dann, beim Ende eines jeden Verses, der Chor in lauter

jubelnder Lust einfällt. Aber noch nicht genug, der Vorsänger ist auch zugleich

Vortänzer, und während er jetzt mit triefender Stirn gegen die ungefüge Last

anarbeitet, springt er plötzlich zurück, tanzt, während er die zwei letzten

Strophen seines Verses singt, um die Arbeitenden und das Faß her, und wirft

dann mit dem Refrain seine Schulter wieder gegen das riesige Hogshead.

So finden wir sie in den Sclavenstaaten, während sie in der Freiheit ganz andere,

viel gesetztere Menschen werden und ihrer Arbeit mit großem Eifer, aber weit

ruhiger obliegen, den fröhlichen leichtherzigen Sinn aber auch da nicht

verleugnen.

In den nördlichen Staaten der Union leben Tausende und Tausende von freien

»Farbigen«, wie sie sich dort selbst bezeichnen, denn sie setzen eine Ehre darin,

nicht etwa Schwarze oder gar Neger und noch schlimmer Nigger genannt zu

werden, da das Wort Nigger eins ihrer eigenen und ärgsten Schimpfworte ist. Sie

belegen ihre Race auch deshalb nur mit dem Namen c o l o u r e d p e o p l e oder

farbiges Volk, und der Unterschied zwischen ihnen und den Weißen wird mit a

w h i t e l a d y und a c o l o u r e d l a d y oder a w h i t e g e n t l e m a n und a c o l o u r e d g e n t l e m a n

ausgedrückt.

Nun fand man sie allerdings in vielen Gewerken vertreten; sehr selten wird man

aber einen der Race als Drechsler, Blechschmied, Uhrmacher &c. antreffen,

selbst Kaufleute und Händler wurden sie nur in Ausnahmsfällen. Dagegen

monopolisirten sie schon früher in allen nordischen Städten Amerikas sowohl,

wie selbst im Süden die sogenannten b a r b e r s h o p s oder Barbierläden, in denen

auch stets zugleich frisirt wird. Sämmtliche Köche und Kellner in den großen

Hotels, O y s t e r s h o p s und anderen Anstalten sind ebenfalls »c o l o u r e d m e n« und

keine Musikbande besteht fast von den Canadischen Seen nieder bis zum Cap

Horn an der Südspitze des Festlandes, wo nicht ein Neger oder Mulatte die große Trommel schlüge oder Cymbeln und Triangel bearbeitete.

Auch an Bord von Schiffen sind sie meist Köche und Stewards, seltener

Matrosen, nie aber konnten sie als Steuermann fahren und können es

wahrscheinlich noch nicht, denn kein weißer amerikanischer Matrose würde sich

von ihnen etwas befehlen lassen.

Merkwürdig ist überhaupt die grenzenlose Verachtung, mit welcher die farbigen

Leute, selbst in ihren lichtesten Abkömmlingen, von den weißen

Nordamerikanern behandelt wurden, ehe ihre Emancipation erklärt war. Sie

hatten im Theater ihre bestimmten Plätze, auf der Eisenbahn ihre besonderen

Wagen, sie mußten in den Straßen jedem Weißen ausweichen, wenn sie sich

nicht augenblicklicher Züchtigung aussetzen wollten, und nur in neuerer Zeit

scheint man den Versuch gemacht zu haben, sie in A l l e m den weißen Bürgern

der Union gleichzustellen, ja ihnen sogar das Stimmrecht zu verleihen, und es

bleibt abzuwarten, wie lange das gut thut. Es wird aber sehr schwer sein, die

alten Vorurtheile so mit einem Mal zu beseitigen, denn der Weiße h a ß t e nicht

allein den Neger — das hätte sich ändern lassen —, nein er v e r a c h t e t e ihn

auch, und ein derartiges Gefühl ist unendlich schwer in Achtung zu verkehren.

Geschah doch sogar das Außerordentliche vor einigen Jahren in einem der ersten

Hotels Bremens, einer d e u t s c h e n Stadt, wo ein Violinenvirtuos, ein Mulatte

und ein durchaus gebildeter junger Mann, die Tafel auf Geheiß des Wirthes

verlassen mußte, weil die dort das Haus zahlreich frequentirenden

amerikanischen Schiffscapitaine drohten, das Hotel in Verruf zu erklären, wenn

der N i g g e r nicht entfernt würde.

Jetzt ist die Sclaverei im Norden aufgehoben, und das einzige Land des

amerikanischen Continents, wo es noch (außer in einem kleinen Theile Guianas)

Negersclaven giebt, ist Brasilien. Dorthin wird auch noch — trotz aller dem

entgegenlaufenden Gesetze — ein lebhafter Negerhandel von der afrikanischen

Küste getrieben. Man scheint übrigens die Sclaven in Brasilien — so weit ich

nämlich darüber urtheilen kann, — ziemlich gut zu behandeln, und die

Regierung thut auch ihr Möglichstes der Verbreitung der Sclaverei

entgegenzutreten. Verbietet man doch sogar den deutschen Colonisten dort

Sclaven zu halten. Die Neger verleugnen aber auch dort ihr leichtes Blut nicht

und verrichten die schwersten Arbeiten unter Singen und Lachen. So sah ich

einst vier Neger ein Pianino in Rio-Janeiro durch die Straßen tragen, und zwar

auf ganz eigenthümliche, dort aber stets gebräuchliche Weise. Sie trugen das

ziemlich schwere Instrument an den vier Ecken auf den Köpfen, und keuchten

nicht etwa ihren Weg entlang, sondern t a n z t e n. Einer von ihnen hatte eine Art

von Castagnetten, mit denen er den Tact angab, und während sie mit lauter, jubelnder Stimme und außerordentlich vergnügten Gesichtern eines ihrer tollen

Lieder sangen, tanzten sie dabei im wahren Sinn des Worts auf dem breiten

Trottoir hin und verdrehten ihre Körper in der wunderlichsten Art.

In sämmtlichen Republiken des amerikanischen Continents sind die

Negersclaven freigegeben, denn mit Recht hielten es die damaligen Gesetzgeber

einer Republik für unwürdig, alle Menschen frei und gleichberechtigt zu

erklären, und doch dabei die eine bestimmte Race in Banden und Knechtschaft

zu halten. An der ganzen Westküste Amerikas, wie auch in den La Plata-Staaten,

giebt es, dem Gesetz nach, keinen Sklaven mehr. Wo aber wäre schon ein Gesetz

gegeben worden, das nicht der Eigennutz und die Habgier der Menschen zu

umgehen und kraftlos zu machen gewußt!

Das Gesetz in Ecuador und Peru sagt ausdrücklich, daß dort kein Neger mehr als

Sclave gehalten und verkauft werden darf, und doch geschieht Beides noch bis

zu dieser Stunde, wenn auch in beschränktem Maße, aber noch dazu vor Gericht

und von den Gesetzen unterstützt. Das Wie? ist leicht erklärt. Die Neger sind

Alle frei, aber — Contracte haben, zwischen Arbeitgeber und Arbeiter, volle

Gültigkeit. Die Neger sind, wenn nicht zur Arbeit gezwungen, ziemlich faul, und

Viele von ihnen auch dem Trunk ergeben. Haben sie gar kein Geld mehr, so

arbeiten sie, und Weiße finden sich überall, die ihnen Vorschuß geben. Hat der

Neger aber von einem Weißen erst einmal Vorschuß bis zu einer Höhe von

vierzig Dollars erhalten, dann kommt der Gläubiger zu den Schwarzen und sagt:

»Hör' einmal, lieber Freund, das geht nicht mehr. Was Du mir schuldig bist,

kannst Du allerdings nach und nach abarbeiten, aber Du mußt mir jetzt hier

diesen Schein unterschreiben, daß ich vierzig Dollars an Dich zu fordern habe

und Du mir dafür ein Jahr dienen willst. Was Du indessen brauchst, geb' ich

Dir.« Der Schwarze unterschreibt nun den Schein und tritt in den Dienst des

Weißen, dessen Sclave er von dem Augenblick ist, denn in nur sehr seltenen

Fällen wird er wieder frei. Was er nämlich indessen an Kleidern und Schuhwerk

braucht, oder an Branntwein haben will, giebt ihm sein neuer Herr bereitwillig,

zu von ihm selbst festgestellten Preisen, und sorgt dadurch schon dafür, daß er

bis zum Ende des Jahres wieder die alten vierzig Dollars Schulden hat.

Auch ein förmlicher Verkauf ist dabei nicht ausgeschlossen, wenn dieser auch

unter einem anderen Namen stattfindet. Ein Anderer zahlt nämlich dem

Gläubiger die Schuldsumme vor Gericht, und eine Kleinigkeit mehr privatim,

wenn verlangt, und der Sclave — wechselt seinen Herrn.

In Ecuador haben sich die befreiten Sclaven meist in das niedere Land gezogen

und dort ganze Districte besiedelt. In den mächtigen Niederungen, besonders an

den Ufern der verschiedenen Ströme, sind förmliche Niederlassungen von ihnen gegründet, und man kann dort tagelang reisen ohne einen anderen Menschen als

einen Neger oder Mulatten zu treffen. So fand ich am Cachavi (einem kleinen

Strom, der sich in den Santiago ergießt und durch diesen mit dem Pailon in

Verbindung steht) eine völlige kleine Negerrepublik. Sie hatten dort einen

schwarzen Alcalden und schwarze Beamte und nur ein einziger weißer Händler,

ein Italiener, lebte zwischen ihnen.

So war es an der ganzen Westküste aufwärts, während auch im Süden die Ufer

des Guajaquilstroms meistens von Schwarzen besetzt und bebaut waren, die dort

Platanare- und Cacaopflanzungen angelegt hatten, während die Weißen den

Handel zwischen ihnen vermittelten.

Anders stellte sich das Verhältniß in Peru, wo es kein niederes sumpfiges Land

giebt, das ihnen, wie in den nördlicheren Staaten, allein überlassen blieb. Dort

halten sich die Schwarzen in der Nähe von Lima, oder selbst in der Stadt auf —

eben nicht zum Nutzen der öffentlichen Sicherheit — und es giebt kaum ein

frecheres, vorlauteres Volk in der weiten Welt, als diese freigesprochenen Neger

Perus. Ganze Vorstädte bevölkern sie dort, und während die Regierung die

jungen Leute meist unter die Soldaten steckte, sind doch noch genug übrig

geblieben, um die Straßen unsicher zu machen. Nicht mit Unrecht legte man

nämlich den Schwarzen einen großen Theil jener Straßenräubereien zur Last, die

in der unmittelbaren Nähe Limas verübt wurden und ihren Höhepunkt

erreichten, als die Todesstrafe aufgehoben wurde. Die Gefängnisse waren

nämlich so beengt, daß man die Verbrecher gar nicht alle darin unterbringen

konnte, und es ist wohl nicht blos eine Fabel, wenn die Peruaner behaupten, daß

man damals, wenn die Zellen gefüllt waren und neue Sträflinge eingeliefert

wurden, die hinausließ, die am längsten gesessen hatten. Erst als Präsident

Castilla im Jahre 1860 die Todesstrafe nothgedrungen wieder einführte und

zugleich ein riesiges Zellengefängniß mit furchtbaren Behältern im Bau begann,

nahmen die Verbrechen etwas ab, wenn sie auch nicht ganz aufhörten.

Und tragen die Schwarzen allein an diesen Verbrechen die Schuld? Ich glaube

kaum. Befreite Sclaven nur waren es, die das gewonnene Gut, ihre Freiheit,

misbrauchten, weil sie nie gelernt hatten es zu schätzen, und wahr ist das Wort:

 

Vor dem Sclaven, wenn er die Kette bricht —

Vor dem freien Menschen erzittere nicht.

 

Wir dürfen uns deshalb auch nicht wundern, wenn wir noch von manchem

Misbrauch hören sollten, den die Neger in Nordamerika von ihrer Freiheit

machen. Es ist leicht, aus einem Sclaven einen freien Menschen, aber entsetzlich

schwer, aus einer rohen arbeitenden Kraft plötzlich und mit einem Schlag einen

civilisirten und vernunftbegabten Staatsbürger zu machen.

Unverhältnißmäßig wenig Neger giebt es, zum großen Glück für die dortige

Bevölkerung, in Australien, was aber nur zufälligen Umständen zu verdanken

ist.

In Nordamerika waren die kriegerischen Eingeborenen nicht zur Arbeit zu

zwingen, und zogen sich, durch ihr Terrain begünstigt, weiter und weiter in ihre

Wälder zurück; ebenso in Brasilien. In den übrigen spanischen Colonien, wo

jene Piraten, die auf ihren verschiedenen Raubzügen die Länder nach und nach

entdeckten, von fanatischen Priestern angestachelt, Millionen unschuldige

Menschen unter dem Vorgeben erschlugen, ihre Seelen zu retten, rotteten sie die

Bevölkerung aus. In allen diesen Ländern mußte der Sclavenhandel die

fehlenden Arbeiter ersetzen. Nicht so in Australien, das von England aus nur als

Verbrechercolonie in Besitz genommen, und durch hinübergesandte Sträflinge

zuerst colonisirt wurde. Dort brauchte man keine Sclaven, denn die Kettengänge

der verurtheilten Verbrecher verrichteten so lange die Arbeit, bis freiwillige

Einwanderer, durch den Reichthum des Landes angelockt, ihre Plätze

einnahmen. So kommt es denn, daß sich dort nur sehr wenig Neger aufhalten,

und es sind das fast nur einzelne, von Schiffen entlaufene Matrosen. Ja selbst

diese hielten sich in den Städten auf und mieden, nach einigen verunglückten

Versuchen, das innere Land, wo sie bald fanden, daß selbst ihr Aufenthalt dort

mit Lebensgefahr für sie verknüpft sei, da ihnen die Australischen Schwarzen

erbittert nachstellten.

Merkwürdig ist der Haß der Mulatten und Quadronen gegen die Neger, deren

Stamm sie doch entsprossen. Wie der Wolf keinen grimmigeren Feind in der

Welt hat, als den Wolfshund, wie der Renegat kein Volk so hart bedrückt, als

seinen eigenen Stamm, so haßt der Mulatte selbst den Weißen, der ihn unter die

Füße tritt, nicht so bitter, wie seine eigene schwarze Verwandtschaft, und die grausamsten und unerbittlichsten Sclavenaufseher oder n i g g e r - d r i v e r der ganzen

Welt sind überall die Mulatten selber.

Besonders hat sich das auch in dem Befreiungskrieg von Haiti gezeigt, wo die

Mulatten die entsetzlichsten Grausamkeiten gegen die eigentlichen Neger

begingen, und wieder ihrerseits von diesen auf das Bitterste verfolgt und, wo es

anging, vernichtet wurden.

Der Charakter der Negerrace ist im ganzen gutmüthig, denn bei nur

einigermaßen freundlicher Behandlung sind sie leicht bei guter Laune und willig

zu jeder Arbeit zu erhalten. Viel religiöser Sinn liegt nicht in ihnen, wo sie sich

aber einmal in diese Richtung werfen, da werden sie auch leicht fanatisch,

besonders die Frauen, und neigen dann meist zu den Secten, deren

Religionsübungen in den lautesten Ausbrüchen stattfinden, wie z. B. die

Methodisten in Amerika. Diese haben in der That die meisten Anhänger unter

den Schwarzen, und einer solchen Andacht beizuwohnen, wenn der »Geist« über

die Betenden kommt und sie zu rasen anfangen, wenn sie stampfen, springen,

schreien und ihre eigene scharfe Ausdünstung dabei den geschlossenen Raum

erfüllt, ist das Haarsträubendste, was man sich auf der Welt denken kann.

Dabei lieben sie Putz und helle Farben. Die Frauen besonders kleiden sich am

liebsten in Weiß und Hellgelb und es steckt wirklich etwas vom Affen in ihrer

Natur, wenn man sieht, wie gewissenhaft der freie Schwarze die Moden der

Weißen nachahmt, und wie komisch er sich darin bewegt.

Nehmen wir ein Bild aus der Zeit vor Aufhebung der Sclaverei, Ein alter,

würdiger gelbbrauner Gentleman mit vollkommen weißwolligem Haar, der in

seiner Jugend vielleicht auf irgend einer südstaatlichen Pflanzung Baumwolle

pflückte, später als Steward auf einem Dampfboot mit furchtbar gescheiteltem

Haar eine Serviette unter dem Arme herumtrug, um sich im reiferen Mannesalter

hinter den gestreiften Barbierpfahl der schönen Kunst zurückzuziehen, hat sich

endlich zur Ruhe gesetzt und ordentlich rührend ist die steife Ehrbarkeit, mit der

er jetzt seinen schwarzen Frack, weiße Hosen, ein großes, schneeweißes Jabot,

riesige Vatermörder und eine vergoldete Dose trägt.

Dort kommen zwei schwarze Damen Broadway herunter. Es ist Sonntag

Nachmittag, die eine Dicke — mit einer Statur, mit der sie auf jeder deutschen

Messe als »Kolossdame« ihr Glück machen könnte, — ist in ein weißes,

ausgeschnittenes Mousselinkleid gehüllt, das ihre Reize mehr verräth, als

verbirgt — Sie trägt dabei eine goldene Kette, riesige Ohrringe, Broche,

Gürtelschnalle, Armbänder, Ringe, kurz einen wahren Juwelierladen von

Offenbacher Arbeit, einen weißen Seidenhut mit sämmtlichen Landesfarben der

Welt, und einen orangegelben chinesischen Shawl. Die junge Dame aber, die sie bei sich hat, ein junges Ding von noch kaum siebenzehn Jahren, voll und schlank

gebaut, nur von Rabenschwärze und mit etwas zu sehr aufgeworfenen Lippen,

aber prachtvollen Zähnen und ein paar wahren Gluthaugen, geht ebenfalls weiß

gekleidet und noch dazu höchst kokett mit weißen Rosen in dem wulstigen

Wollhaar, das in unzählige kleine Zöpfe geflochten ist.

Ihnen begegnet ein junger Stutzer — ebenfalls »couleurt.« Er war Steward in

einem der ersten Hôtels Philadelphias und ist jetzt nach New-York gekommen,

um hier ein »Engagement« zu suchen. Er geht à q u a t r e é p i n g l e s gekleidet,

ordentlich carrikirt modern, mit hellblauer, kaum fingerbreiter Cravatte,

veilchenblauen Glacéhandschuhen, Glanzstiefeln, großcarrirten, sehr engen

Pantalons, hellblauem Frack mit gelben Knöpfen, weißer, gestickter Weste,

Tuchnadel, Hemdknöpfen, Uhrkette und Berloques, kurz mit Schmuck

behangen, wie ihn bei uns nur ein jüdischer Weinreisender trägt. Ein kleines

Rohrstöckchen mit Elfenbeingriff, ein gekrümmtes Knie vorstellend, hält er an

die dicken Lippen und betrachtet musternd die ihm Begegnenden. Da fällt sein

Blick auf das ungleiche Paar.

»B y G o l l y ! « ruft er entzückt aus, »M i s s u s N e l s o n a n d t h e l o v e l y b l o s s o m M i s s

S a r a h M a r y ! « (Madame Nelson und die liebliche Blüthe Fräulein Sarah Mary.)

»O h , L o o o r d a M a s s y, « sagte die alte würdige Dame mit einem tiefen Grundbaß,

indem sie erstaunt mitten im Weg stehen bleibt und beide Hände — von denen

die eine den Sonnenschirm, die andere den »Strickbeutel« hält, erstaunt

emporhebt, »Mr. Brown in New-York.« Die junge Dame lächelt verschämt und

zeigt zwei Reihen wundervoller Zähne und ein paar verführerische Grübchen in

den Backen. Mr. Brown ist ganz befangen von der aufgeblühten Knospe, die er

seit Jahren nicht gesehen. Er behält den Hut in der Hand.

»Bitte, bedecken Sie sich, Mr. Brown,« sagte die Dame, »G e m m e n a l w a y s d o .«

(Die Herren thuen das immer.)

Mr. Brown gehorcht, aber noch immer wie in einem Traum. Dabei vergißt er die

für Einen seiner Race stets nöthige Aufmerksamkeit in der Straße.

Ein junger Patricier kommt des Weges; er ist elegant, aber nachlässig gekleidet,

sein Gesicht sieht verlebt und unzufrieden aus. Er scheint nicht besonders guter

Laune; seine Stirn ist in Falten gezogen: plötzlich stößt er gegen den ent- und

verzückten Mr. Brown aus Philadelphia an.

»Kannst Du nicht aus dem Weg gehen, verdammter Nigger!« und ein

Faustschlag schleudert den Unglücklichen aus seinem Himmel und von dem

Trottoir hinab, daß ihm der Hut vom Kopf und der Stock mit dem Elfenbeinknie

aus der Hand fällt.

»L o o o o r d a M a s s y ! « haucht die alte würdige Dame wieder in tiefer Entrüstung, aber mit nur halblauter Stimme, und der unglückliche Mr. Brown wagt gar keine

Entgegnung und hebt nur bestürzt seine Habseligkeiten wieder auf. Er weiß recht

gut, daß alle Weißen in Sicht bei der geringsten Widersetzlichkeit über ihn

herfallen und ihn mit Händen und Füßen mißhandeln würden. Klagen? bei wem?

»N o d a m m a g e d o n e « (kein Schaden verursacht), lacht ein Irländer, der gerade

sehr vergnügt mit seiner »d r a y« oder seinem Karren vorüberfährt.

Es waren das tägliche Scenen in New-York und sind es vielleicht noch, denn das

Volk, was auch die Regierung für Gesetze erläßt, wird sich schwer daran

gewöhnen können, dem »Nigger« eine Gleichberechtigung mit sich selber

zuzugestehen.

Dadurch bleiben sie auf sich selber angewiesen — eine verachtete Classe in

einer ihnen fremden Welt, selbst wenn sie sich, wie das gar nicht etwa selten

geschieht, zu Wohlstand und selbst Reichthum hinaufarbeiten.

So besuchte ich einst das Haus eines alten, sehr reichen Mulatten, der am False

River in Louisiana eine große Plantage und selbst viele Sclaven hatte. Ich wollte

einen von diesen von ihm miethen und wurde von der c h a m b e r m a i d oder dem

»Kammermädchen«, das mir die Thüre öffnete, in das untere, hohe und luftige

»Parlour« gewiesen.

Welch ein Unterschied: die Stammesgenossen des alten Herrn wohnten da

draußen in kleinen, dürftigen Negerhütten, ihre Kleidung war ein

weißbaumwollener Kittel, ihre Nahrung die gewöhnliche Negerkost: Speck und

Syrup — und hier?

Das Zimmer war mit einer rothen, geschmackvollen Tapete ausgeschlagen.

Gepolsterte Divans und Fauteuils standen darin umher und Mahagonymeubles.

An den Wänden hingen — allerdings nicht gerade von den ersten Künstlern

gemalte — Bilder alter, würdiger Herren und Damen aus der Familie, mit

schwarzbraunen Gesichtern und Wulstlippen, aber in höchstem Staat und Glanz

— es schien der Ahnensaal zu sein — und auf dem einen Divan und in dem

einen Fauteuil lehnten zwei gelbbraune Damen von etwa zwei- und

sechsundzwanzig Jahren in einem sehr losen, aber sehr sauberen Morgenanzug

— die erhitzten Gesichter komischer Weise dicht mit weißem Puder bestreut, um

die transpirirte Feuchtigkeit abzutrocknen. Sie empfingen mich aber mit Grazie,

und der alte Herr, der bald darauf eintrat, machte das Geschäft mit mir in

wenigen Minuten ab.

Es war ein Mann von — wie man ihn dort taxirte — etwa hunderttausend

Dollars Vermögen, aber dennoch durfte er nicht wagen, sich in irgend einem

Hôtel mit an den Tisch zu setzen, oder — wenn er einmal das Dampfboot nach

New-Orleans benutzen wollte — auf diesem in der Cajüte zu fahren. Er mußte im Zwischendeck bleiben, wohin die »Niggers« gehörten.

Wie wunderbar ist überhaupt die ganze Race über den Erdboden zerstreut! In der

Heimath, unter ihren kleinen Fürsten, deren Geldgier die Weißen erregt haben,

geknechtet, gehetzt, eingefangen und an die Fremden verkauft, arbeiten sie in

einigen Ländern unter der Peitsche ihres Aufsehers, während sie in anderen, der

eigenen Heimath entfremdet, als unabhängige Menschen leben dürfen — und

wie benutzen sie diese Freiheit?

Der Stamm Israels, auf ganz ähnliche Weise in der Welt zerstreut, macht einen

anderen Gebrauch davon. Die Mehrzahl weiß, daß sie, nicht zu der bevorzugten

Kaste gehörend, nie durch sich selbst, nur durch den Erwerb herrschen kann, und

wirft ihre ganze Fähigkeit auf diesen Zweig. Der Neger nicht. Er hat keinen Sinn

für Wissenschaften, kein Geschick für den Handel, und was er sich verdient,

geschieht mit schwerer Arbeit oder eisernem Fleiß. Allerdings haben wir einige

Ausnahmen, wie z. B. Ira Aldridge und einige Wenige, die sich wirklich der

Kunst gewidmet, aber sie stehen viel zu vereinzelt da, um auch nur zu zählen.

Wo wir in Europa Neger oder ihre Abkömmlinge zu sehen bekommen, sind es

entweder in Livrée gesteckte herrschaftliche Diener, Kunstreiter, oder Gesindel,

das sich auf den Messen und Märkten herumtreibt, um dort entweder die große

Trommel zu schlagen oder sich als Indianer in den Buden für Geld sehen zu

lassen.

Der Neger lernt dabei leicht eine fremde Sprache, aber nie rein, und besonders

scheint ihn der Buchstabe R darin zu stören, während dagegen die

Indianerstämme, z. B. die australischen Schwarzen, ein ganz merkwürdiges

Gehör für einen fremden Klang haben und vorgesprochene Sätze auf das

Genaueste nachsprechen.

Vollkommen ungerecht wäre es aber, dem Stamm der Neger, wenn sie bis jetzt

auch noch nicht gerade viel darin geleistet haben, alle geistigen Fähigkeiten

abzusprechen, denn wenn wir gerecht sein wollen, müssen wir immer annehmen,

wie wenig Gelegenheit ihnen bis jetzt geboten wurde, sich zu entwickeln. Selbst

wo man sie freigegeben hat, hörten sie nie auf, einen untergeordneten Stamm zu

bilden, und wo man ihnen wirklich ein eigenes und freies Terrain anwies, um

einen eigenen und selbstständigen Staat dort zu bilden, oder wo sie sich das

selber nahmen, wie in der Negercolonie in Liberia oder auf Haiti, war es immer

nur wieder ein heißes, tropisches Land, das sie bewohnten und das nun einmal

einer jeden geistigen Entwicklung hinderlich ist und Geist und Körper erschlafft.

Selbst der Europäer, so lange er nicht seinen, in einer gemäßigten Zone

gestärkten Körper, mit in ein heißes Land bringt, fühlt sich dort am wenigsten zu

geistigen Arbeiten angeregt, wie können wir es da von dem Neger verlangen? Freieren Spielraum bekommen sie jetzt allerdings in den nordamerikanischen

Staaten, aber sie werden immer und ewig ein verachteter Stamm bleiben,

unbequem durch ihre Masse, aber deshalb nur noch mehr gehaßt, und wenn man

nicht ein Mittel findet sie zu Hunderttausenden aus dem Land zu schaffen, so

kann gerade das Anwachsen des Negerstammes, inmitten der weißen

Bevölkerung, später noch einmal zu schweren und blutigen Conflicten führen.

L e i p z i g,

Druck von Giesecke & Devrient.

Notizen des Bearbeiters:

 

Inhaltsverzeichnis um Einzelkapitel erweitert.

Unterschiedliche Schreibweisen deutscher und englischer Wörter wurden überwiegend

beibehalten.

 

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Friedrich Gerstäcker

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Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of electronic works in formats readable by the widest variety of computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks of life.

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Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit 501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

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