Unter Palmen und Buchen: Zweiter Band
Zweites Capitel. Die erste Crinoline.
Die erste Crinoline.
Jetzt herrschte wieder Ruhe auf Tomaco. Fünf Tage waren vergangen, seit
Capitän King von der Anna die Nachricht gebracht hatte, daß die Mosqueraflotte
unterwegs sei. Sie fand aber durch Nichts eine Bestätigung, im Gegentheil war
sogar eben ein Canoe von Irapiche eingelaufen, das Gummi geladen hatte, und
dafür Aguaardiente mitnehmen wollte, und dessen Leute aussagten, an der
ganzen nördlichen Küste wisse man Nichts von einem Einbruch der Mosquera-
Truppen. Bonaventura sollten sie allerdings besetzt haben, von dort aber seien
die Schiffe wieder nach Norden gegangen, um zuerst Panama zu nehmen, und
dadurch die Regierung des ganzen Landes in die Hand zu bekommen.
Der leichte, sorglose Sinn der Bevölkerung verlangte nicht mehr, denn schon die
gehabte Aufregung war ihnen unbequem gewesen. Die Fischer schaukelten
schon lange wieder draußen in ihren Canoes, während die Landeigenthümer
hinaus in ihre Platanare gingen, um die schweren Fruchttrauben derselben an den
Strand zu tragen, oder hinauf in die Cocospalmen zu steigen, um die erst
halbreifen, aber mit erquickendem Wasser gefüllten Früchte abzupflücken und
mit einer geschickten Schwingung der Hand so hinabzuwerfen, daß sie sich in
der Luft drehten und dann mit ihrer Spitze in den Sand fielen. Schlugen sie breit
auf, so platzten sie leicht durch ihr Gewicht, denn die Nuß ist so mit Milch
angefüllt, daß diese herausspritzt, sowie man nur mit einem Messer hineinsticht.
In dem kleinen Städtchen herrschte wieder ganz das alte Leben. Nur die Frauen
waren in einer etwas ungewöhnlichen Bewegung, denn »Señor Renard« hatte
mit dem Dampfer von Panama einen Gegenstand bekommen und eben
ausgepackt, der ihr Interesse wunderbar fesselte, und zu den lebhaftesten
Debatten Veranlassung gab.
Der Gegenstand war in der That von großer Wichtigkeit, nämlich nichts
Geringeres als — eine C r i n o l i n e, und zwar die erste, die in diesem
entlegenen Theil der Welt je gesehen worden.
In einem Ort, wo es so viel müßige Leute gab, wie in Tomaco, verstand es sich
von selbst, daß die wenigen Kaufleute beim Auspacken ihrer eben
angekommenen Waaren immer eine Menge von Zuschauern hatten. Es lag das ja
auch mit in ihrem eigenen Interesse, denn es machte eine Ankündigung
derselben unnöthig, sobald das schöne Geschlecht Stück für Stück derselben in
Augenschein nahm, und dann sicherlich schon an dem nämlichen Abend Stück
für Stück einzeln besprach und kritisirte. Selbst schon beim Auspacken wurde
manches Stück verkauft, denn darin bleiben sich die Menschen überall in der ganzen Welt gleich, ob sie nun in einer braunen oder weißen Haut herumgehen:
daß sie nämlich gern das Neueste haben und sich besonders bei der Auswahl
solcher Dinge zu dem hingezogen fühlen, was ihnen aus fremden Ländern
gebracht wird.
Auch diesmal hatte sich ein Theil Neugieriger eingefunden, als Renard seine
neuen Waaren öffentlich — wie er es stets that — auspackte, und allerdings wäre
es nicht leicht gewesen, etwas Derartiges in diesen offenen Häusern heimlich zu
thun. Renard kam freilich selbst in Verlegenheit, als er diese erste und einzige
Crinoline aus ihrem Versteck hervorzog und entfaltete, denn wenn ihm auch der
Verkäufer in Panama angezeigt hatte, daß er ihm in Kiste so und so, einen aus
P a r i s erhaltenen Artikel neuer Damenmoden mitschicke, so war der Franzose,
der früher Kellner, dann Matrose auf einem Walfischfänger gewesen und später
in Chile desertirt war, doch keineswegs in die Toilettengeheimnisse der Damen
soweit eingeweiht, um selbständig gleich an Ort und Stelle beurtheilen zu
können, wie dieser höchst durchsichtige Gegenstand zu einer Damengarderobe
verwandt werden könne. Den N u t z e n begriff er nicht, und als Zierrath oder
Schmuck schienen ihm die Drahtreifen nicht elegant genug, um gerade aus
P a r i s zu kommen.
»Q u e e s e s t a ?« (Was ist das?) riefen die Damen wie aus einem Munde, als er
das wunderliche Ding entpuppte. — »' d o n d e v i e n e , (wo kommt es her?) S e ñ o r ?«
»N o s e ,« (Ich weiß nicht) sagte Monsieur Renard achselzuckend, indem er den
fraglichen Gegenstand selbst mißtrauisch betrachtete, »a l g u n a c o s a p o r l a s
S e ñ o r i t a s« (Etwas für die Damen).
»P o r l a s S e ñ o r i t a s ? I m p o s s i b l e ! Q u e b a r b a r i d a d ! « stöhnte eine dicke Negerin
entrüstet, als ihr vielleicht einfiel, wie sie in einem solchen
K l e i d u n g s s t ü c k aussehen würde.
Das wunderbare Fabrikat ging nun von Hand zu Hand; während aber die jungen
Mädchen errötheten und unter einander kicherten, die älteren Damen
mißbilligend den Kopf schüttelten, sammelten sich immer mehr Leute vor dem
Hause des Herrn Renard, und mit w e n i g e n Ausnahmen fehlte, kaum eine
Viertelstunde später, keine von Evas Töchtern — hoch oder gering — um den
neuen Putz in Augenschein zu nehmen.
Aber zu einem Resultat kamen sie nicht. Selbst das Wort Crinolina blieb ihnen
ein Räthsel, denn Niemand wußte, was es bedeuten solle, obgleich es spanisch
klang. Es waren nämlich weder Pferdehaare, noch Leinwand daran, was es
allenfalls hätte bedeuten k ö n n e n, sondern nur Baumwolle und Eisendraht.
Endlich machte Señora Ramos' Schwarze, die bei der Versammlung nicht fehlen
durfte, den Vorschlag, ihre Herrin zu fragen. Diese hatte sich in Bogota — wenn sie auch hier außerordentlich einfach ging, stets nach der neuesten Mode
gekleidet, und ihr Herr bekam immer Zeitungen, in denen lauter Neues stand.
Vielleicht wußten die es.
Das war ein Vorschlag zur Güte, und Renard's Frau — eine Eingeborene —
wurde augenblicklich abgesandt, um eine Aufklärung, wenn irgend möglich, zu
erbitten, indessen die Damen in äußerster Spannung auf dem Posten blieben. Sie
m u ß t e n doch erfahren, wie dieses neue Kleidungsstück g e t r a g e n würde.
Nach einer Viertelstunde endlich — und wie lang ihnen diese wurde! — kehrte
sie zurück und das Räthsel war gelöst. Dies Drahtgeflecht stellte nur einen
U n t e r r o c k vor — die anderen Kleider wurden d a r ü b e r gezogen, um recht
hübsch und weit auszublähen. — Das war das ganze Geheimniß, aber die
Lösung befriedigte die Damen noch nicht, denn nun wollten sie auch einmal
sehen, wie das wunderliche Ding g e t r a g e n würde, und ob es p r a k t i s c h
wäre — das heißt, ob es vornehm aussähe.
Hier aber fand sich eine andere Schwierigkeit, denn Niemand wollte es anfangs
anprobiren — selbst Señora Renard weigerte sich hartnäckig. Eine alte Negerin
erbot sich endlich — gegen angemessene Vergütung natürlich — die Probe an
s i c h machen zu lassen. Sie trotzte allen Schrecken. Renard aber war klug
genug, darauf nicht einzugehen, denn er wollte die neue Mode, von der er später
einen erklecklichen Profit hoffte, nicht gleich von vornherein lächerlich und
dadurch unmöglich machen. Endlich bewog er ein junges allerliebstes Mädchen
von Halbblut durch das Opfer eines buntseidenen Tuches, die Crinoline unter ihr
Kleid zu ziehen. Die Toilette wurde im Laden selber, unter der Beihülfe von
Renard's Frau, gemacht, die Thüre indeß verhangen, und die rings versammelten
Frauen hielten schon unberufene Neugierige ab, daß sich nicht ein oder der
andere junge Bursche gelüsten ließ, durch die allerdings zahlreichen Ritzen des
Hauses zu schauen, denn im Stande wären die es gewesen.
Es war ein großer Moment im Leben dieses einfachen Naturvolkes, als Juanna,
wie das junge Mädchen hieß, endlich im vollen Staat und Glanz aus der
Mattenthür des Ladens trat, denn da sich ihr Kleid als zu kurz und eng erwiesen,
hatte ihr Madame Renard für die Probe ihr bestes Sonntagskleid geborgt, das mit
seinen rothen und grünen Blumen ordentlich glänzte und funkelte. Verschämt
und kichernd ging die junge Dame ein paar Mal vor dem Laden auf und ab,
immer dann und wann selbst staunend auf die Pracht niederzuschauen, die sie
umgab. Wen störte es, daß sie bloße Füße hatte, und daß ihr das volle lockige
schwarze Haar wild und ungeordnet um die Schläfe hing?
Die Damen fingen wirklich schon an, Geschmack an der Sache zu finden. Wie
viel schöner sah man das M u s t e r auf einem Kleid, wenn man es so ausgespannt tragen konnte, und wie vornehm schaute das arme einfache Ding,