Unter Palmen und Buchen: Zweiter Band

Friedrich Gerstäcker · Kapitel 13 von 18

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Unter Palmen und Buchen: Zweiter Band

Viertes Capitel. Nach dem Pailon.

Ueber den Plan schlenderte der Schließer des Gebäudes, ein alter mürrischer

Neger mit einem, von den Blattern ganz zerrissenen Gesicht. — Sie kannte ihn.

»Oh Pedro!« rief sie ihn mit zitternder Stimme an — »wo — wohin habt Ihr José

gethan?«

»José?« antwortete der Alte mürrisch — »sein Herr ist mit ihm heute Morgen

den Strom hinab gefahren. — Was weiß ich, wohin.«

 

V i e r t e s C a p i t e l .

 

Nach dem Pailon.

 

Eva's Herzblut stockte bei der furchtbaren Kunde. — So war alle Mühe und

Aufopferung umsonst gewesen und José — der unglückliche José auf's Neue für

sie verloren. Im ersten Augenblick stand sie auch wirklich regungslos und keines

Gedankens fähig an derselben Stelle, nur von dem Gefühl ihres Unglücks, ihrer

Verlassenheit erfüllt, und der alte Pedro war lange in den Schatten seiner eigenen

Wohnung zurückgekehrt, ehe sie einen neuen Entschluß fassen konnte, was nun

zu thun — wie zu handeln.

Rigoli — der kleine freundliche Weiße — er blieb jetzt ihre einzige Hoffnung,

und wenige Minuten später stand sie in seiner Wohnung.

Der Italiener war allerdings auf's Aeußerste überrascht, sie schon wieder in

Concepcion zu sehen, und wollte es kaum glauben, daß sie in der Zeit nach

Cachavi hinauf und wieder zurückgerudert sein könne. Aber das mitgebrachte

Geld, das sie ihm zeigte, ließ keinen Zweifel mehr, und Rigoli, der indessen den

Gefangenen nicht aus den Augen verloren, erging sich nun erst für kurze Zeit in

einer Reihe der lästerlichsten Verwünschungen gegen den schuftigen

Guajaquilenen, jenen Francoschen Offizier, und gegen den Alkalden selber, der

mit ihm jedenfalls unter einer Decke stecke. Eva, die ihn dabei mit keiner Sylbe

unterbrach, erfuhr nun, daß er gestern noch einmal bei dem Alkalden gewesen

sei, und dort einen heftigen Auftritt mit diesem gehabt habe, als er hörte, daß

sich der angebliche Offizier zur Abreise bereit mache. Er verlangte, daß dieser

die Rückkunft des abgesandten Boten erwarten solle, der abgegangen wäre um

die Summe für den Loskauf des Gefangenen herbeizuholen — ja er erbot sich

sogar selber Bürgschaft für die Zahlung des Geldes zu leisten — Alles aber

vergebens. Der Guajaquilene behauptete, daß er seinen D i e n e r jetzt gerade

nothwendig brauche, da er an den Pailon hinüber und von dort durch den Wald wieder nach Concepcion zurückkehren wolle. Er wisse aber nicht, ob er dort

sicher einen Träger bekommen könne. Wenn er zurückkehre und das Geld

wirklich bezahlt werde, so ließe sich weiter über die Sache sprechen.

»Und kehrt der Weiße wirklich hierher zurück?«

»Der Teufel trau' ihm!« rief Rigoli heftig aus — »möglich ist's, aber sicher in

keinem Fall, denn was ich mir über die Sache denke, so ist dieser vorgebliche

Franco'sche General weiter Nichts als ein ganz gewöhnlicher Landspeculant, der

die Gegend hier abschnüffeln will, ob er irgendwo einen vortheilhaften Kauf

machen kann, ohne Schwielen dabei in die Hände zu bekommen. Wenn er den

José aber hier nicht an den Padre abtreten darf, so verkauft er ihn unterwegs, wo

er die erste beste Gelegenheit bekommt, und ein paar hundert Dollars daran

verdienen kann. Die nöthigen Papiere sind ja leicht genug fabricirt, und wenn er

dem armen Jungen, der natürlich weder schreiben noch lesen kann, etwas von

baldiger Freiheit vorschwatzt, malt der sein Zeichen unter irgend einen Wisch,

den er ihm vorlegt.«

»Armer José,« hauchte das zitternde Mädchen.

»Wenn wir einen anderen Alkalden hätten, als diesen Holzklotz von einem

Menschen,« zürnte der kleine Italiener, »so wäre so etwas ganz unmöglich

gewesen. Aber mache einmal etwas gegen diesen — ich hätte bald was gesagt.

Er blieb dabei, daß kein Gesetz des ganzen Staates irgend einen weißen und

freien Mann zwingen könne, seine Reise aufzuschieben, und fort ist er jetzt an

den Pailon — ich hab' ihn nicht halten können.«

»Und wenn ich ihm dort das Geld für José brächte,« rief das Mädchen plötzlich,

von einem neuen Gedanken ergriffen, »müßte er ihn dort nicht frei geben?«

»Hm,« sagte Rigoli — »aber Du kannst nicht allein an den Pailon gehn — Du

kennst ja Niemand dort.«

»Die Señora Bastiano fährt heute oder morgen dorthin ab. Sie befahl mir ihr

Canoe rasch zurückzubringen, weil sie es für die Reise brauchte. — Sie nimmt

mich mit — und ist auch bekannt dort und geachtet —«

»Geachtet? — hm,« sagte der kleine Schneider, der seine ganz eigene Idee

darüber hatte, wie geachtet die dicke Negerin wohl in der, jetzt von lauter

Fremden besetzten Ansiedlung sein würde. Aber er mochte dem armen Kinde

auch das Herz nicht unnöthiger Weise vielleicht schwer machen und sagte

endlich:

»Nun, versuchen kannst Du's immer, Schatz — Schaden wird's nicht thun, ob's

Dir aber hilft — Gott weiß es. Säßen wir hier nur nicht so weggesetzt aus der

Welt, ich ginge — straf mich dieser und jener, meiner Seel' selber zum

Präsidenten, und wenn es selbst dieser blutige Franco wäre, und schenkte ihm einmal ein Glas reinen Wein ein; aber von hier aus müßte ich erst nach Tomaco

in Neu-Granada, und dort auf das Dampfboot passen, und wo das Geld dazu

hernehmen, wo keiner der hiesigen Lumpe Geld genug im Sack hat, auch nur

den Stoff für seine Hosen zu bezahlen.«

»Lebt wohl, Meister Rigoli,« sagte Eva herzlich — »und habt Dank — vielen

Dank für die Mühe, die Ihr Euch meinetwegen gegeben. Ich werde es Euch nie

vergessen.«

»Bah Mädel,« sagte der kleine gutmüthige Mann, »reden wir nicht weiter davon.

Ich wollte ich könnte Dir mehr helfen. Aber laß gut sein, jetzt — geh erst mit

Deiner dicken Señora an den Pailon, und wenn Du dann zurückkommst und

Nichts ausgerichtet hast —«

»Aber sie müssen ihn doch freilassen, wenn ich das Geld für ihn bezahle.«

»Na ich setze ja nur den schlimmsten Fall — gewiß müßen sie, wenn ihre

Gesetze nicht lauter Lügen sein sollten — aber ich meine ja nur so — wenn Du

trotz alle dem Nichts ausrichten solltest, dann komm wieder zu mir hierher und

— ich weiß dann freilich selber noch nicht, was ich gleich thun werde, aber

einen Skandal giebts, darauf kannst Du Dich verlassen — einen Mordskandal,

und das Andere — wollen wir dann eben abwarten. Schon gut, Mädel, schon

gut, — mach' jetzt, daß Du zu Deiner Señora Bastiano hinüber kommst.

Apropos, wo ist denn Dein Bruder eigentlich — ah, da kommt er eben

angekrochen. Na! der wird schön müde sein von der Parforcetour. Du hast den

Teufel im Leibe. Nun er mag heute schlafen und sich ordentlich ausruhen, daß er

mir morgen wieder frisch bei Kräften ist.«

Wie in einem Traum stieg das arme Mädchen die Leiter hinab und eilte dem

Hause der Patronin zu, von der allein sie jetzt noch Hülfe und Unterstützung

hoffte. Die alte würdige Dame war übrigens den Augenblick bereit, sie

mitzunehmen, aber für heute Abend war an den Aufbruch nicht mehr zu denken.

Sie hatte das Canoe gar nicht so rasch zurück erwartet — sie mußte ja damit

geflogen sein — einige Provisionen mußten auch noch eingelegt, und einige

Abschiedsbesuche gemacht werden — Morgen früh aber jedenfalls — je früher

desto besser, um die Morgenkühle noch zu benutzen, und dann wollten sie den

Señor schon kriegen, der einen freien Mann zum Sclaven herabwürdigte. S i e

kannte alle Familien am Pailon — brave ehrenwerthe Leute, mit denen sie in

intimster Verbindung stand — die ließen sie nicht im Stich, und Eva konnte ganz

ruhig sein, auf dem Rückweg hätten sie ihren José mit im Canoe.

Das Mädchen brannte vor Ungeduld, aber die Señora Bastiano war nicht aus

ihrem Gleis zu bringen, und es blieb eben bei der Abfahrt auf den nächsten

Morgen.

Schon vor Tag war Eva munter und unten an der Landung, um das kleine Canoe

in Stand zu setzen und ja keine Zeit zu versäumen — aber es half ihr Nichts.

Eine Reise nach dem Pailon war für die würdige Dame, die nur selten aus ihren

vier Pfählen kam, eine viel zu wichtige Begebenheit, um sie so leichthin anzutreten. Die dazu nöthigen Vorbereitungen mußten mit der ihrem Stande

würdigen Ordnung getroffen werden. Dabei hatte sie sich überlegt, daß das

kleine Canoe ein solches Auftreten aber unmöglich mache, und deshalb

beschlossen, ein größeres zu miethen.

Dem lagen nun allerdings keine Schwierigkeiten entgegen, denn große Canoes

gab es in Concepcion genug, und ein solches war bald herbeigeschafft, aber es

erforderte einige Zeit, ehe eine hübsch und vollständig schattige Laube in dem

Heck desselben aufgebaut werden konnte, und wenn auch Eva unermüdlich

Bananenblätter und Stäbe herzutrug, und die Arbeiter zur Eile antrieb, so wurde

es doch fast zehn Uhr, ehe sie Alles in Stand hatten, und die Señora gerufen

werden konnte.

Und jetzt kam sie. Señora Bastiano war wirklich eine Persönlichkeit in

Concepcion, — unter der farbigen Raçe wenigstens. Ihr Mann besaß ein nicht

unbedeutendes Grundeigenthum und hielt eine Menge Leute in seinen Diensten.

Außerdem spielte er ganz vortrefflich die Marimba oder Holzharmonika, und da

die alte Señora wirklich ein gutes Herz hatte und viele Arme unterstützte, so war

sie gewißermaßen ein Orakel der Neger geworden, die sich bei ihr und ihrem

Gatten in schwierigen Verhältnissen gern Rath, und wenn es sein mußte, auch

Hülfe holten.

Es ist dabei wunderbar, mit welcher Würde solche alte Negerdamen aufzutreten

pflegen, wenn sie einen gewissen Rang in der Gesellschaft einnehmen, oder

doch einzunehmen glauben. Keine Fürstin mag es ihnen an huldreicher

H e r a b l a s s u n g gleich thun, wo sie mit minder Glücklichen zusammen

kommen, und da sie sich außerdem sehr gewählt kleiden und fast immer eine

sehr tiefe Baßstimme haben, so kann sich der Europäer, wenn er ihnen begegnet,

selten eines Lächelns erwehren — aber ich wollte es ihm nicht rathen, daß es die

Señora bemerkte. Ein völlig vernichtender Blick würde ihn gewiß dafür strafen.

Señora Bastiano war der Typus dieser Negerfrauen. Wohlbeleibt, wenn auch

nicht übermäßig stark, aber sehr voll gebaut, und mit zurückgebogenem Kopf

einherschreitend, trug sie ein carrirtes Seidenkleid; darüber, trotz der

niederbrennenden Sonne, einen papageygrünen chinesischen Shawl, eine dicke

Kette von Bernsteinkugeln um den braunen Hals, und glanzlederne Schuhe aber

o h n e Strümpfe, und einen hellgelben, seidenen Sonnenschirm oder Knicker,

den sie aber nur als Fächer benutzte.

Die Begleitung Eva's war ihr dabei ganz angenehm, denn wenn sie auch

selbstverständlich ein Mädchen zur Bedienung mitnahm, sahen zwei doch besser

und anständiger aus, und Eva dankte Gott, als sie endlich im Canoe saßen, das

von zwei starken Negern gerudert wurde, und sie nun unterwegs waren. Rückten sie doch nun auch mit jedem Ruderschlage ihrem Ziele näher. Sie selber wollte

auch gleich mitarbeiten, aber das litt die Señora nicht.

»Laß Du das nur die Leute thun, mein Kind,« sagte sie freundlich, aber

bestimmt. »Die haben Mark in den Knochen und bringen uns schon rasch genug

vorwärts, ob wir ein paar Stunden früher oder später an den Pailon kommen,

bleibt sich doch vollkommen gleich. Du kriegst Deinen José.« Damit war die

Sache abgemacht.

Das Canoe war ein breites, sehr bequem hergerichtetes Fahrzeug, aus dem

Stamm eines der mächtigen Waldriesen dieser Gegend ausgehauen, mit flachem

Boden, daß es nicht so leicht umschlug, und um ihm noch größere Sicherheit zu

geben, mit ein paar schwachen Balsastämmen[B] an beiden Seiten. Den dritten

Theil des ganzen Canoes deckte dabei eine laubenartige Hütte, gerade hoch

genug, daß man bequem, und ohne anzustoßen, darunter sitzen konnte. Sie war

einfach durch gebogene und am Canoe befestigte Bambusstäbe hergestellt, über

welche die breiten Blätter der wilden und keine Frucht tragenden Banane gelegt

und festgesteckt wurden, und so dicht, daß sie nicht allein die Sonnenstrahlen

verhinderten durchzubrechen, sondern auch einen recht tüchtigen Regenschauer

abhalten konnten, — und auf beides mußte man in diesem Klima gefaßt sein.

In der Mitte der Laube nun, auf einer Anzahl von weichen Matten, saß die

Señora, zu ihren Füßen kauerte die mitgenommene Dienerin, und wenigstens des

Steuers hatte sich Eva bemächtigt, um doch etwas beitragen zu können, zur

Beschleunigung ihrer Reise.

So ruderten sie mit der nicht unbedeutenden Strömung — nachdem der

Abschied am Ufer von einer Anzahl anderer würdiger Damen auch noch einige

Zeit in Anspruch genommen — rasch vorwärts, und wie ein wechselndes Bild

von Palmen, Bananen und mächtigem Urwald, der seine Riesenzweige bis weit

über das Ufer hinausstreckte, glitt die Landschaft an ihnen vorüber.

»Siehst Du das Haus dort, an der rechten Uferbank, Eva?« frug da die alte

Dame, nachdem sie etwa eine Stunde so gefahren waren, »wo die vielen

Orangen stehen?«

»S i Señora.«

»Fahre dort an die Landung.«

»Wollen wir halten?«

»Ja mein Kind; die Señora Piedra würde es mir sehr übel nehmen, wenn ich

vorbeiführe, ohne ihr einen guten Morgen zu sagen. — Es sind gar achtbare

Leute die Piedras.«

Eva gehorchte seufzend, und eine volle Stunde ihrer kostbaren Zeit wurde damit verschwendet, daß sich ein paar alte Frauen leere Höflichkeiten sagten, und

Chokolade dazu tranken.

Und das war nur der Anfang einer vollkommenen Kette von Besuchen gewesen,

denn Señora Bastiano schien es mit einem höchst empfindlichen Gefühl von

Schicklichkeit ganz unversöhnbar zu halten, daß sie auch nur ein einziges Haus

vorbeifuhr, in welchem eine, selbst flüchtige Bekanntschaft wohnte. Und was für

Zeit brauchte sie nicht allein zum Ein- und Aussteigen, und dem vorläufigen

Anfragen im Hause, wohinauf immer erst einer der Ruderer mußte, um sich zu

erkundigen, ob die »Señora« daheim und geneigt sei, den Besuch zu empfangen.

Wie sie aber den vierten solcher Besuche gemacht und glücklich beendet hatten,

trat die F l u t h ein, in deren Bereich sie sich schon befanden, und um ihre Leute

nicht unnöthig anzustrengen, wie auch den dringenden Anforderungen einer

anderen dicken Mulattin nachgebend, dort zu übernachten, wurde das Boot noch

am hellen lichten Tag an Land gezogen und Halt gemacht. Bei Nacht wäre

Señora Bastiano überhaupt nicht gefahren — ihre Nerven vertrugen das nicht.

So versäumten sie die Ebbe, und mußten bis zur zweiten Ebbe warten, die erst

um neun Uhr Morgens eintrat. Dann erst gingen sie wieder unterwegs, aber auch

nur, um diese unglücklichen Besuche zu erneuern, mit denen wieder ein Theil

der günstigen Zeit nutzlos vergeudet wurde.

Eva hätte blutige Thränen der Ungeduld weinen mögen, aber selbst ihre Bitten

fruchteten Nichts bei der alten Dame.

»Kind, das verstehst Du nicht,« sagte sie leutselig, »wenn Du einmal älter bist,

wirst Du auch einsehen, daß man Rücksichten im Leben zu nehmen hat, und daß

wir uns selber damit ehren, wenn wir Anderen eine Ehre erweisen.«

Es blieb auch dabei, und als sie endlich die Gegend der Manglaren erreichten,

wo die Ansiedelungen seltener wurden, und zuletzt ganz aufhörten, war es zum

zweiten Male nöthig geworden, in dem letzten Hause zu übernachten.

Von da an nahmen die Visiten ein Ende; nur im Garcero sprach die Señora am

nächsten Morgen noch einmal vor, traf aber glücklicher Weise Niemand zu

Hause, da die Bewohner der Ansiedelung sämmtlich nach dem Pailon und San

Lorenzo hinaufgefahren waren, und jetzt endlich faßten undurchdringliche

Manglaren das sumpfige Ufer ein, Lagune schloß sich an Lagune und bildete

Inseln und Küstenland, an dem zur Fluthzeit das Wasser in den Zweigen und

wunderlichen Wurzelbildungen der Mongrove wusch, und zur Ebbezeit den von

Millionen von Krabben bevölkerten Schlamm offen legte.

Bald fuhren sie auch in den breiten und tiefen Canal des Pailon ein, der in einem

rechtwinkeligen Arm erst von dem nördlich gelegenen Ocean nach Süden

hineinläuft, und hier von der Mündung der Tolita-Lagune direkt nach Osten einmündet. An dem Süd-Ufer dieses breiten Armes lag das kleine Fischerdorf

San Lorenzo.

Es hatte die Nacht über wieder gegossen, was vom Himmel herunter wollte —

wie denn überhaupt in diesem Himmelsstrich und inmitten der weiten,

waldbewachsenen Niederungen selten eine Nacht ohne Regen vorüber geht —

aber jetzt, nachdem sie die Morgennebel niedergedrückt, stand die Sonne frei

und klar am Himmel, und beleuchtete die wunderschöne Bai, und blitzte von den

Millionen Regentropfen des Waldmeeres nieder.

Vor dem Canoe her strichen ein paar große braune Pelikane, und ein

Fregattenvogel stand hoch, mit zitterndem Flügelschlage in blauer Luft, bis er

sich einen Fisch zur Beute ersehen, auf den er dann wie ein Pfeil herunter schoß,

tief unter Wasser tauchte, und wenige Momente später wieder mit tropfenden

Schwingen ordentlich aus der Fluth emporschnellte, um seine Beute hoch in dem

eigenen Element zu verzehren.

Bis hierher hatten sie die Ebbe günstig für sich gehabt, von da an aber kam sie

aus dem Pailon heraus gegen sie an, und wenn sie auch schon ihre größte Kraft

verloren, mußten die beiden Schwarzen nun doch tüchtig rudern, um gegen sie

anzuarbeiten. Ein Beilegen in den Manglaren war unmöglich, denn dort hätten

sie Mosquitos und eine kleine nichtswürdige Art von Stechfliegen, Jejen

genannt, zu Tode gepeinigt, und Señora Bastiano kannte jene Stellen zu genau,

um sich vom Ungeziefer mißhandeln zu lassen. Da mochten die Neger lieber

schwitzen.

Es war etwa drei Uhr Nachmittags, als sie San Lorenzo endlich erreichten —

leider in voller Ebbe, wo das ganze Ufer von einem vielleicht vierzig Schritt

breiten Schlammgürtel so vollständig eingefaßt war, daß an ein Landen gar nicht

gedacht werden konnte. Die Neger sprangen allerdings über Bord, und schoben

das Canoe so weit es nur möglicher Weise ging, auf den Schlamm hinauf und

dem Ufer um etwa zehn Schritt näher — dann aber arbeitete ihnen das solide

Gewicht der Señora so entschieden entgegen, daß sie es auch keinen Zoll breit

weiter vorrücken konnten, und die Señora hatte jetzt die Wahl, bis zur

wachsenden Fluth hier draußen sitzen zu bleiben — was immer noch vier volle

Stunden dauern konnte, oder das allerdings nicht ganz würdevolle Entree nach

San Lorenzo hinein zu wählen, und mit hochaufgeschürzten Röcken durch den

etwa knietiefen Schlamm an Land zu waten.

Beides schien ihr gleich unangenehm, so entschloß sie sich denn endlich zu der

kürzeren, wenn auch schmerzlicheren Procedur, zog ihre Schuhe aus, die sie Eva

zu tragen gab, packte ihrer anderen Dienerin den Sonnenschirm und eine Anzahl

anderer Kleinigkeiten mit einem Korb Backwerk auf, das sie den Kindern ihrer Freunde mitgebracht, und — stieg über Bord.

Es war allerdings ein höchst komischer Anblick, die alte würdige Dame in dieser

Situation, und dabei mit dem ernsthaftesten Gesicht von der Welt, durch den

tiefen Schlamm waten zu sehen, und ein paar Fremde, die am Ufer standen,

wollten sich auch halb todt darüber lachen — aber um so viel finsterere Falten

zog das braune Gesicht der alten Dame, die ihre Kleider in der Angst, sie im

Schlamm zu verunreinigen, noch weit höher aufnahm als eigentlich nöthig

gewesen wäre. Aber muthig watete sie vorwärts, und hatte endlich die

Genugthuung, eine kleine Quelle zu erreichen, die während der Ebbe in ein paar

Steinlöchern frisches Wasser hielt, und wo sie im Stande war, sich von ihrem

Mädchen die Füße waschen zu lassen.

Dort aber mußte sie noch immer eine Weile in der bisher behaupteten Stellung

verharren, bis ihre Dienerin die ihr anvertrauten Sachen abgelegt hatte, und dann

im Stande war, ihre Señora mit Hülfe eines Spahns erst von dem gröbsten

Schlamm zu säubern, und dann reinzuwaschen. Erst jetzt durfte sie wagen, ihre

Kleider fallen zu lassen, und ihre Schuhe anzulegen, um, wie es ihrem Stande

zukam, in der Stadt zu erscheinen.

Darauf aber hatte Eva schon nicht mehr gewartet. Leicht und flüchtig, war sie

nur wenig in den Schlamm eingesunken, und wie sie nur die Schuhe am Ufer auf

einen trocknen Platz gestellt, eilte sie flüchtigen Laufes in die Stadt hinauf, um

sich dort nur erst die Gewißheit zu holen, daß José in San Lorenzo angekommen

sei und dort weile. Mehr verlangte sie ja nicht — in allem Uebrigen würde ihr

die Señora Bastiano gewiß schon helfen.

Armes Kind, auch d i e s e r Weg schien vergebens gewesen, denn gleich im

nächsten Haus erfuhr sie, daß gestern allerdings ein »Señor Ecuadoriano,« der

ihrer Beschreibung entsprach, mit einem Canoe und einem schwarzen Diener

eingetroffen sei, und Verkehr mit den Fremden gehabt habe, dann aber, und zwar

noch gestern Abend, oder jedenfalls heute Morgen vor Tagesanbruch z u

L a n d e aufgebrochen sei, denn er habe das Canoe an die Fremden verkauft. Zu

Lande k o n n t e er aber keinen anderen Weg eingeschlagen haben, als die erst

kürzlich durch die Wildniß ausgehauene »Trocha«.[C] Ob er auf der aber

beabsichtige bis zum Bogota, und dann hinauf nach Quito zu gehen, oder ob er

nach Concepcion zurückkehren wolle, wußte Niemand anzugeben.

 

Der gutmüthige Ecuadorianer, dem das junge, in Thränen fast zerfließende

Mädchen leid that, ging sogar selber zu den dort eingetroffenen Engländern

hinüber, um sich zu erkundigen, ob sie etwas über den Fremden und sein

nächstes Ziel wüßten, erfuhr aber auch keine bestimmte Antwort. Er hatte nur, ihnen gegenüber, geäußert, daß er den Weg durch die Trocha einschlagen wolle,