Die doppelköpfige Nymphe

Kasimir Edschmid · Kapitel 10 von 23

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Die doppelköpfige Nymphe

7. Staatsanwalt, Dichtung, Unzucht, Freiheit

 

Immer haben die jammervollsten Kämpfe der Menschen ihren eigenen Gesetzen

gegolten und nie war ihre Verzweiflung größer, als wenn sie sich in den Maschen

der kühl erdachten Normen in dem Augenblick verfingen, als ihr Blut heiß und

ihre Leidenschaft so groß war, daß nichts mehr zwischen ihnen und dem

Schicksal stand. Stets kam die Tragik unaufhaltsam bis in die erbärmlichsten

Kalküls der Menschheit, wo sie lächelte statt zu erstarren. Nie haben

Pensionierte aufgehört, die Glänzenden zu hassen. Bürger greinen hinter den

Freien. Staatliche Autoritäre haben immer die unabhängigen Führer verfolgt. Nie

hat das Starre versäumt, sich gegen das Bewegende zu verschwören, und keine

Idee hat, wenn sie in die Tatsache übertrat, sich nicht sofort verleugnet und

gegen sich selbst gekehrt. Als die Menschen das Gesetz erfanden, wichen die

efeubekränzten, Pauken zur Flöte mischenden, Bacchantinnen in die

thebanischen Wälder, und die Unzucht der Paragraphen ersann sich die

scheußliche Mißgeburt des öffentlichen, bezahlten und zur Anklage

verpflichteten Beamten. Das Gesetz nahm das intellektuelle Monocle ins Auge,

den Staatsanwalt; und die Maschine der Gerechtigkeit erhielt die Musik der

Vorstädte und der Verdammten, den Grammophonschrei, die blecherne Tirade.

Die Humanität hatte einen starken Arm und spießte, ihrem Zeitalter nicht

unwürdig, auf Degenspitzen die Opfer wie Gänseherzen über den Rost.

Der Haß gegen die Dichtung, die sich frei und ohne Zirkular bewegte, blieb

immer in der Luft dieser Säle. Die Autodafés rauchten, aber man hat nie

aufgehört das edelste Wild zu jagen. Die Gerichte waren immer Tempel der

Reaktion, und die Politik hat ganze Arbeit mit ihnen gemacht. Vom Fall Dreyfus

bis zu den Mördern der Landauer, Luxemburg, Liebknecht läuft eine Idee. Aber

die Romanen haben irgendwie die Hartnäckigkeit ihres Geistes gegen die

Formeln in jahrelangen Kämpfen bewahrt. Zola hat gesiegt, als er sich gegen das

Dumpfe erhob und Dreyfus gerettet. Flaubert errang vor den Assisen, der

unzüchtigen Dichtung angeklagt wegen der „Bovary“, einen Triumph. Die

Deutschen verurteilten achtzehnhundertfünfunddreißig Gutzkow und mit seinem

Werk die Freiheit überall, wo sie sich regte. Später setzten sie in Dresden ihm

ein Denkmal. Das Blamabelste vollzog sich in Leipzig, als von Nichts berührte

Richter im Juni achzehnhundertneunzig Alberti, Conradi, Wallot verurteilten und

damit den Sinn ihrer Maschine und die Duldsamkeit der offiziellen Deutschen

gegen den Geist in nie gut zu machender Geste verrieten.

Die Geschichte dieses Prozesses darf nicht vergessen werden.

Sie war kunterbunt und einfältig aber nicht ohne Warnung. Enkel und

Optimisten werden ihre Freude daran haben, aber die Tieferschauenden werden

grausen, wenn sie bedenken, wohin mancher Weg von heute im Zeitpark zu

führen vermag. Die Verantwortungsvollen haben ihr sicheres Gefühl, das ihnen

Ziel und Richtung ohne Unterlaß bestätigt. Wohl werden Hexen nicht mehr auf

die Märkte ins Feuer geschleift, aber die Dummheit liebt wie immer die

Symbole des Geistes zu zerstören, um im Stande der Macht gerne die Roheit des

Siegers auch in den einfachsten Realitäten wieder zu genießen. Man ist am

bequemsten eingerichtet, wenn das idiotische Gewissen die herrlichsten Formen

der Vergangenheit am deutlichsten wieder in Übung nimmt, das hat jede Historie

gezeigt und jede Entwicklungsempirie des menschlichen Herzens.

Leider kann man keine Apologie dieser Dichter geben, sie waren nichts. Aber

nicht mehr und nicht weniger als ihre Zeit, die sie schließlich vertraten. Man

schrieb den Dingen das Gesicht und den Leib nach, vergaß auch das

Unaussprechliche nicht, die Kanäle und das Geschlecht. Vielleicht betonte man

es heftiger, weil Paul Heyse und der Teutone Wildenbruch gar zu sehr darüber

geschwiegen. Man stritt um die Bagatellen, daß auch, statt zuckriger Linien

solche von Kot, gut gemalt, bedeutsam seien. Am Schluß war alles doch nur

kindische Photographiererei und Provinz des Dichterischen. Von der ganzen

Prosa ist ja nichts geblieben. Zola, ein Riese, kam aus monumentalen

Talentgründen nur hoch darüber in sphärischere Luftschicht. Die anderen vergaß

man bald, Doch haben sie, tapfer und eigentlich mehr Opfer als Führer so

lumpiger Epoche, Bestes gewollt und mit Anstand gestritten. Auch hat der

damalige Geistseismograph sie zu den bekanntesten und erlesensten

Schriftstellern des Realismus angezeigt, was Geheime Hofräte schließlich und

auch ein fürstliches Kabinett bezeugten. Aber als man sie verurteilte, hat nicht

Deutschland einen Augenblick stillgestanden. Kein Atemzug hat das Volk

aufhorchen lassen. Niemand hat daran gedacht, daß hier die tollste Kavalkade

der Dummheit sich in das Fleisch der Kultur trieb. Zynisches blieb da und

machte frivole Mätzchen. Der Dichter war den Menschen ein bunter Wolf, den

hinterm Gitter man gern sah, dessen Berührung aber irgendwie beflecken mußte

und wo man nie Garantien hatte, daß er nicht um sich biß oder gegen Regierung

und offizielles Moralgesetz Ketzereien sagte. Das Urteil des Gerichts wird vor

der Zeit gegen die Richter gesprochen, denn man kann die Freiheit nicht in

Schutzmannshände geben und sie hat noch nie, wie jener Alberti von sich sagte,

die Ehre gehabt, vor einem Gerichtshof zu erscheinen. Die Götter zahlen keine

dreihundert Mark an fiskalische Kassen, weil sie „gröblich die Scham- und

Sittlichkeitsgefühle mit unzüchtigen Schriften verletzten“. Wer den Geist

insultiert, behängt sich selbst mit Fäkalischem. Die Dichter selbst, gegen die man sprach, wurden nur Träger des Mißverständnisses wie tausend vor ihnen, an

denen sich in der Wut auf das Überlegene der Pöbel der Macht vergriff.

Auch war man über nichts im klaren. Seltsame soziale Schwärmer: M. G.

Konrad beschwor Wilhelm den Zweiten sich der Überschwemmung durch

ausländische Literatur entgegenzusetzen. Conradi grüßte im Kaiser den Führer

der Neuen Generation. Man hatte gar keine Grundbegriffe, sonst hätte solche

Narretei sich nicht vollziehen dürfen. Conradi starb an den Aufregungen des

Prozesses später, und machte es oben aus, was ihn unten erwartete, wo man

Gefängnisse öffnete, weil er in die Nähe des Namens Christi das Wort

„verrecken“ setzte, ohne daß er anderes wollte, als den schweren Tod intensiver

zu geben. Selbst der Figaro schrieb, die junge naturalistische Generation erwarte

vieles von diesem Kaiser, und durch irgendwelche Manipulation geschah es in

der Tat, daß Heinrich Hart eine Staatsunterstützung erhielt, um einen

Humanitätsgesang unbeschwert zu schreiben. Die Anklage des Gerichts aber

enthielt mit dem Aufgebot dreitägiger Verhandlung als Inkriminiation zwei

Stellen: „und starrte verschlafen auf die weißen, wie Weiberbusen

schimmernden Hügel“. Der Staatsanwalt stößt sich daran, daß ein Kleid zu eng

war, daß ein Korsett geöffnet wurde, und daß Menschen Fleisch haben,

schließlich aber auch, daß das Weiße des Spitzenbesatzes durch die oberste

Öffnung der Robe geschimmert habe. Als der Dichter auf diese Sätze im

Plaidoyer kommt, wird die Öffentlichkeit entfernt. Wie ein Sachverständiger

erwähnt, in Italien stille man öffentlich, unterbricht ihn der Präsident ängstlich.

Das Leben wird in dieser Atmosphäre eine staatlich regulierte Maschine. Man

hat von Kind auf gelernt, wo man sich zu schämen, wo zu schweigen, wo zu

reden hat. Lang nach Beginn der Verhandlung verteilt man die Bücher. Der

Rechtsanwalt ruft: „Der Staatsanwalt verteilt unzüchtige Literatur“. Kein Richter

hatte eine Ahnung, um was es sich handelt. Dem Gerichtshof ist literarischer

Gebrauch, dichterisches Unternehmen höllisch entfernt. Er soupsonniert,

Freiexemplare seien von den Autoren verlangt, um sie unter der Hand schielend

und bückend zu verkaufen. Daß Dichter Geld erhielten für ihr Werk, kommt

ihnen schamlos vor, die sich besolden lassen, um Urteile zu fällen, grausam zu

sein, im Schmutz zu wühlen. Im frommeren Mittelalter war der Beruf des

Henkers schändlich, und die Ritter zogen als Dichter auf den Pferden. Im

Zeitalter gewonnener Kriege und beginnenden Autorennen ist der Dichter ein

Aussatz, der öffentliche Ankläger jeder Würde wert. Sinn für menschlichen

Anstand und die Würde der Tätigkeit ist verloren, eine Verdrehung des

Gesichtsfelds von schauderhafter Groteske beginnt und würgt sich in der eigenen

Lende ab bis zum Krieg. Der medizinische Sachverständige ist der berufenste.

Stände er fest auf dem Standpunkt, im Zustand des Schöpferischen sei der Dichter verminderten Bewußtseins, der freien Bestimmung ausgeschlossen, der

Präsident schlösse die Akten, spräche frei. Der Fall läge wie Trunksucht, zu

Imbezillen und Mikrozephalen verwiese man den Träger der symbolischen

Fackel. Nichts bestände, die Ausnahme zu konstatieren, die Zusammenhänge

lägen kurioser. Von den Unterschieden wäre wenig die Rede. Die Seele ist in der

Bürokratie einer Gesellschaft in solche Schablonen verraten worden, daß auch

der schamloseste Inzest sich nicht mehr begreift. Man hat hier nicht einmal wie

Makart und Fragonard gemalt, mehr wie Hogarth, aber das Düstere ist

verfehmter wie wollüstiger Glanz diesen Menschen, die immer nur den Staat

sehen, die blitzende, fressende Maschine eines kaiserlichen, traditionslosen und

schneidigen Zeitalters. Wie Alberti, dessen Partie als Jude von vornherein

verloren, sich auf Hebbel beruft und den Staatsanwalt Nagel in Parenthese fragt,

ob er ihn kenne, antwortet der: „Nein, sind seine Schriften in Leipzig

erschienen?“ Redet er von Goethes Tagebüchern, unterbricht ihn das Monocle,

ob es sich um eine Publikation des Verlages Dettmann handle. Ihm dämmert

hinter dem Glas, daß der Verlag steckbrieflich verfolgt sei. Man kann nicht

davon reden, daß hier Stil fehle oder daß der Apparat nicht von einer

Eindeutigkeit und Ausprägung sei, die Bewunderung verlange. Alberti muß

vierzig Mark niederlegen, als er diesem Beamten sagt: er erlaube sich zu

behaupten, daß auch Staatsanwälte es gebe, die den Ovid nicht begriffen. Das

Einauge faucht. Die Macht wird eingeschaltet. Jedes Jahrhundert hat die

Blamage, die es verdient.

Was ist Kunst? Begreifbar wie eine Wage, eine Algebra, eine Manipulation?

Wehrt keinen die Scheu, von ihr zu reden? Jeder Plattkopf findet den Mut sich zu

äußern und Respekt haben sie nur noch vor Spezialisten des U-Boots und der

Parsevale, denen Wissenheit der Sanskrite und Etymologen schon humoristisch

vorkommt, da es erwerbloses Gut ist und nichts einbringt den Häschern des

Geldes. Da nur Geld ihnen gleich Geld gesetzt Wert wird, finden sie es

anmaßend, auch nur den Geist gleich Geld zu setzen und nivellieren ihre

Landschaft nur nach Kapital. Sie häufen und bremsen, schlingen das Überlegene

in die Räder wie die stumme Materie, bis das Eisen sich durchfrißt am stärkeren

Weltstoff. Dann stehen sie atemlos vor der Katastrophe. Ihre Besessenheit und

der Frevel ist ihnen nicht bewußt und sie waren mit Blindheit gegeißelt, als sie

sich am Licht vergriffen. Sie praßten innen in einer Welt, an deren

Stacheldrähten die Dichter entlang strichen. Manchmal trieben sie einen Stier

ihnen hinaus, daß sie ihn schlachteten, aber anderen Tages ließen sie sie in

Kostümen paradieren und freuten sich des Spektakels. Einmal sollte der Tag

kommen, wo dieser Gesellschaft die Rechnung schwer auf die Stirne gelegt und

die Sünde der Generation auf Schultern geladen ward, die aus der Tragik, die die Welt spaltet, nicht aus ihrem eigenen Verschulden, ihnen als Erbteil werden

sollte. Als sie den Nazarener übers Kreuz nagelten, Galilei peinigten, waren es

Dieselben und meinten sie das Gleiche, als sie Heinrich Mann beschlagnahmten

und nach der glorreichen deutschen Revolte Sternheim so unterdrückten, wie sie

Unruh und Kerr in den dunklen Monaten vor dem Festungwerden der Welt

beschlagnahmt hatten. Es sind immer die Gleichen und der Ton ist derselbe

verschwörerische internationale, den jedes Jahrhundert und jede Sprache findet,

wenn die Bedlamiten das heilige Beil gegen die Tapferen aus der Erdrinde

graben.

Niemand kann den Mut finden in eine Diskussion einzutreten, die ernstlich

die Gegenüberstellung eines Gerichts und des Geistes, der die Kunst darstellt

wie jede menschliche Erhebung, versuchte, ein Gelächter würde in den Wolken

entfacht, das benachbarte Planeten infizierte und unseren Irrsinn ihnen

denunzierte. Das Wort will immer das Unfaßbare töten. Der Paragraph hat den

Neid auf die Freiheit. Die Cochonnerien werden entschlüpfen, indem sie sich

verkleiden, das geile Aufreizende, das verführt und sich enthält, die drittklassige

Erotik werden lächeln und siegen. Das Logische wird das Falsche treffen, den

Vorgang verwechseln mit dem Unwägbaren, was dahinter steht, der Form, der

Gestaltung. Plumpe Finger werden selbst bei gutem Willen das Gute bluten

lassen und die versteckte Ethik verfällt dem Gesetz. Wie Meer und Blitz und

Erschütterung hassen sie das Direkte, und das Elementare ist von den Menschen

stets verabscheut und gefürchtet worden, weil es ihre mühsamen Dämme

einreißt, an deren Richtung und Stärke sie ihr Selbstbewußtsein und nichtige

Größe gern vergleichen. Eine Umarmung und ein Donner sind Dinge voll

Ehrfurcht und heilig gewesen, solange wir einfältig und einfach waren. Als wir

uns in die Städte begaben und Moses vom Sinai abstieg, verloren wir die Spur

der Erschütterungen und begannen ihnen feind zu werden. Das Zupackende ist

ursprünglich und schön, ein Sommerregen, zwei verkettete Falter, der Sprung

des Hengstes sind Äußerungen der erhabenen zeugenden Kraft. Es waren die

schmutzigen Tiere, die den anderen die Unreinlichkeit vorwarfen und die

Systeme haben erst das Menschliche geschändet, als sie begannen, es zu

untersuchen.

Staatsanwälte, die ahnungslos vor der Wucht künstlerischer und geistiger

Fragen das Leben mittelmäßiger Beamten zwischen Zahlenerörterungen und

Bestimmungen vollbringen, stehen heute noch am Rande der Seelenäußerungen

und zählen mit Uhr und staatlichem Messer Erlaubtes und Verfehltes als letzte

Kompetenz. Der Zustand ist schamlos. Urenkel werden sich auf die Beine

schlagen vor Entzücken. Unseren Kindern wird es vielleicht vorkommen wie

Besuchern von Folterkammern in unseren Tagen.

„Haben sie keinen Areopag gehabt,“ werden sie fragen, „wenn sie wirklich

Angst hatten, daß ein Volk von den Dichtern verführt und verdorben werde (statt

auf Staatsmänner und Generale zu schauen), hatten sie keinen geistigen

Areopag, vor dem sie ihre Gesetze sich selbst machen konnten? Mußten

zwischen Dieben und Mördern sie auf den Anklagebänken sitzen vor Richtern,

die ihre erlesensten Repräsentanten nicht kannten? Haben ihre Generäle selbst

nach den Revolutionen je vor Tribunalen gestanden, die den Rang der Leutnante

und der Divisionsführer nicht zu unterscheiden wußten? Und ist nicht, auch ohne

rote Bestreifung der Pantalone und Goldverbuckelung ihrer Schultern das

geistige Gesetz, das hier nur unterschied, von feinerer Substanz? Hat man das

höchste Menschliche so wenig mehr gekannt, daß man selbst, als die Völker

begannen, sich selbst zu regieren, so gering es bewertete, ja es noch unter die

Kaste jener Mörder stellte, die die Landsleute zu Millionen um der Bereicherung

willen schlachten ließen? Ist so tief der Schlamm der Jahrtausende um sie

gehäuft gewesen, daß sie das Tönen darüber so wenig metallen erhörten?

Ach wie ist unser Leben doch besser und unsere Einsicht, so gering sie noch

ist vor der großen Erhöhung des Lebens, daß wir doch wenigstens begonnen

haben zu unterscheiden, wenn auch vom Erkennen und Befolgen oder gar dem

Erreichen wir unsterblich noch entfernt sind. Diese Armen, die noch nicht, so

stolz sie sich gebärdeten, sahen, daß sie immer ins Blinde schlugen, wenn sie

reglementieren wollten, was über ihnen ist, daß sie das Schlimme sich zufügten,

wenn sie das Lebendige fesselten, die noch nicht verstanden, daß aus dem

Künstlerischen allein ihnen das ehrfurchtgebietende göttliche Gesicht

entgegenstrahlt, und wie sie mit glasbeäugten Affen es schändeten und daß das

einzige und letzte Gesetz nur die große und gütige Bewegung ist, die den Geist

entläßt, im Widerspiel der Kräfte sich auszuwirken: die Freiheit. Daß aber keiner

unter ihnen war, der, wohl lächelnd, aber doch voll Zorn gegen die Blödheit

seiner Zeit auf einen Sockel stieg und schrie: Auf Kameraden! Daß niemand sich

reckte und unter einem abendlichen Himmel oder aus einem übermäßig schönen

Garten zwischen den hüpfenden Wassern ihnen die Liste vorlas der großen

Namen und der Geschehnisse der Leidenschaft und Liebe von den Göttern her,

Leda und Europas Abenteuer, Noas Scham, Sarahs Verkauf, von Lea, Hagar, von

Thamar, Aristophanes Lysistrata, Trimalchios Szenen. Siegfried bei Brünhilde,

die Töchter Loths, den Boccaccio, den Simplizissimus, Macchiavell, Cervantes,

Plato, sogar die deutschen Klassiker, über die das Volk so beruhigt ist, daß in

ihrem sicheren Besitz es geistlos bis in die Ewigkeit gern schliefe. Und Homer

am Ende, wo lieblich und anmutig die Götter alle um Vulkan und Venus traten,

Witze machten und sich des Spieles erfreuten. Und daß nicht alle dann sich

aufmachten, zu zeigen, Begeisterung sei nicht erstorben, und in herostratischer Tat sich bewiesen, alle sich in die Maschine begaben und sich konfiszieren

ließen, damit es heiße, nur der sei kein Dichter, der nicht dem Moloch geopfert

und nicht verboten sei. Das wären Taten gewesen. Daß keiner aufstand und das

Monocle einwarf, das den Geist schund! Aber es scheint, sie wußten nur, wenn

sie schrieben, was Rausch und Welt war und gestalteten nur Träume, nicht tapfer

genug als Leute der Welt und Überlegene ebenso zu leben wie sie dachten, und

außerstande die Rolle einzunehmen, die ihnen vom Geist her zukam. Sie wußten,

wenige ausgenommen, vielleicht nicht, daß Leben nicht nur über ihnen, sondern

in ihnen war. Nicht einmal Hohn kannten sie, wo an Handlung es schon fehlte.

Arme Dächse, die den Geist so verkannten, daß sie ihn anbeten, aber nicht zu

erleben vermochten.“

Sie werden voll Mitleid neben der Verwunderung sein.