Die doppelköpfige Nymphe

Kasimir Edschmid · Kapitel 15 von 23

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Die doppelköpfige Nymphe

12. Leonhard Frank

 

Nun wird die Welt sehr fest und hart. Granit und Basalt werden angespieen von

dem Geist. Aus den dicksten und schwersten Kristallen wird die Form

gebrochen. Die Situation liegt so, daß hier das Deutsche sich mit den Realitäten

auseinandersetzt. Zwischen zwei Polen wird hier geschafft: Dostojewsky plus

deutsch. Leonhard Frank ist ein Bauernformat, ein Schlosser, ein Fußballspieler,

außen rechts, den beim Goalsprung die ekstatische russische Seelenhölle

überfällt. Sie hat ihren Zug durch Deutschland schon vor Lunatscharsky und

Lenin begonnen. Eigentlich werden Tolstoi und Dostojewsky jetzt erst aktuell.

Ganz vom (gewöhnlich jüdischen) Geist her aufgefaßt und weitergegeben, hat

sie mancherlei Gefolgschaft. Kornfeld hat sie in Arien und dramatischen

Monologen oft bezaubernder Art gefangen. Mondän und elegant verfuhr mit ihr

schon Bruno Frank, doch ist er nicht hier einzuwechseln. Sehr deutlich ward die

Angelegenheit, als sie tatsächlich auf rein germanischen Ambos geriet. Sie

wurde mit furioser Wucht aufgelegt und mit dem Schreien eines Stieres

geschichtet. Die Musik der ganz reinen Wolkengeister ist immer für den

Cenakel, den ergriffenen Schwärmer unter der Abendlampe und für abstrakte

Kaffern. Geschmetter und Zulauf und Wirkung, Tat, vor allem kommt nur, wenn

ihr unterwegs ein gesunder Naturalismus begegnet und sie rasend in ihn fährt.

Aus der Reibung, dem bis an alle Himmelsdecken dampfenden Beischlaf fährt

erst das elektrische Gewitter der aufziehenden Idee. Zuerst stieß Frank, noch

grob und derb, gegen die Erziehung, denn was er seither schrieb, ist filtriert aus

seinen schlechten Erfahrungen, und seine Wunden bluten sich ins Buch. Da war

noch Jugendliches manchmal, aber es drängte schon Bitternis nach. Dann griff er

entschlossen ins Dostojewskyhafte und stellte es auf massive deutsche Beine,

das heißt, er ahmte es nicht nach, sondern infizierte sich damit. Aus der

Okulierung kam seine Sprache, zuerst noch schleichend wie ein verstörter, im

Leben unsicherer riesiger Proletarier, dem aber Ziel und Gewißheit unfehlbar

sicher sind. Im Krieg gab er Novellen, die Predigten sind. Man wird einmal

finden, sie seien das einzige Dokument der deutschen Dichter gegen den Krieg.

Ein paar Exemplare, die dank gesinnungshafter beamteter Wächter durch die

Pressezentralen der Generalkommandos aus der Schweiz nach Deutschland

sickerten, wühlten Tausende auf. Er hat tatsächlich Furor. Man kann nicht sagen,

er habe in die Sprache besondere Akzente getragen, ins Dichterische neuen

Schwung gebracht. Er war jedenfalls eine Erscheinung von Breitbrüstigkeit in

der Herde der Dünnpinkel und Schleimiers, die auf schmalen Flöten sich ungemein erbosen. Auch hat er eine anfangs sehr naturalistische Sprache in

höllische Zucht genommen und in die Sätze Sprengstoff und klotzige

Geistdurchwitterung getrieben. Bedenklich ist nur die Intensitätsgrube seiner

Kraft. Da seine Stärke der Angriff ist, muß man ihn sich in Güte vorstellen. Das

ist unmöglich. Das Menschliche reicht nur zur Klage und Drohung. Das kann ein

Anfang sein, kein Ende ist denkbar so aus Unfruchtbarkeit und Zorn allein

gehoben. Was Liebe in ihm an Augen aufschlägt, kommt nicht aus Hingebung

und nicht direkt aus seinem Blut. Zu innerst steht der Haß nur auf, und über

diesen Umweg liebt er erst das, was er nicht haßt. Er liebt Opfer der bürgerlichen

Gesellschaft. Aber er liebt nicht das Opfer. Zutiefst ist bei aller Flamme eine

tiefe Wut, sonst nichts. Es ist von enormster Wichtigkeit, daß Erscheinungen wie

Leonhard Frank existieren, und ihr Mut wird nicht vergessen sein, wenn

irrgeleitete Knaben mit neu polierten Phrasen in neue Kriege ziehen werden.

Viele Unbestochene werden an seinem Namen einen Halt finden und werden

sein Buch dem Wahnsinn vielleicht entgegenhalten. Aber es werden auch heute

Menschen da sein, die in die tieferen Gründe sehen wollen und eine unbedingte

Angst tragen, dieser Dichter, der Liebe forderte wie wenige, aber nichts tat als

Felsen schleudern, würde, in den Stand der Macht gekommen, die Menschen

nicht schonen sondern erschießen lassen. Es wäre zum mindesten konsequent.

Aber es ist nicht der Wille des Schicksals, daß außenseitige Fallen in das Fleisch

der ewig marschierenden Ideen schlagen.