Die doppelköpfige Nymphe
12. Leonhard Frank
Nun wird die Welt sehr fest und hart. Granit und Basalt werden angespieen von
dem Geist. Aus den dicksten und schwersten Kristallen wird die Form
gebrochen. Die Situation liegt so, daß hier das Deutsche sich mit den Realitäten
auseinandersetzt. Zwischen zwei Polen wird hier geschafft: Dostojewsky plus
deutsch. Leonhard Frank ist ein Bauernformat, ein Schlosser, ein Fußballspieler,
außen rechts, den beim Goalsprung die ekstatische russische Seelenhölle
überfällt. Sie hat ihren Zug durch Deutschland schon vor Lunatscharsky und
Lenin begonnen. Eigentlich werden Tolstoi und Dostojewsky jetzt erst aktuell.
Ganz vom (gewöhnlich jüdischen) Geist her aufgefaßt und weitergegeben, hat
sie mancherlei Gefolgschaft. Kornfeld hat sie in Arien und dramatischen
Monologen oft bezaubernder Art gefangen. Mondän und elegant verfuhr mit ihr
schon Bruno Frank, doch ist er nicht hier einzuwechseln. Sehr deutlich ward die
Angelegenheit, als sie tatsächlich auf rein germanischen Ambos geriet. Sie
wurde mit furioser Wucht aufgelegt und mit dem Schreien eines Stieres
geschichtet. Die Musik der ganz reinen Wolkengeister ist immer für den
Cenakel, den ergriffenen Schwärmer unter der Abendlampe und für abstrakte
Kaffern. Geschmetter und Zulauf und Wirkung, Tat, vor allem kommt nur, wenn
ihr unterwegs ein gesunder Naturalismus begegnet und sie rasend in ihn fährt.
Aus der Reibung, dem bis an alle Himmelsdecken dampfenden Beischlaf fährt
erst das elektrische Gewitter der aufziehenden Idee. Zuerst stieß Frank, noch
grob und derb, gegen die Erziehung, denn was er seither schrieb, ist filtriert aus
seinen schlechten Erfahrungen, und seine Wunden bluten sich ins Buch. Da war
noch Jugendliches manchmal, aber es drängte schon Bitternis nach. Dann griff er
entschlossen ins Dostojewskyhafte und stellte es auf massive deutsche Beine,
das heißt, er ahmte es nicht nach, sondern infizierte sich damit. Aus der
Okulierung kam seine Sprache, zuerst noch schleichend wie ein verstörter, im
Leben unsicherer riesiger Proletarier, dem aber Ziel und Gewißheit unfehlbar
sicher sind. Im Krieg gab er Novellen, die Predigten sind. Man wird einmal
finden, sie seien das einzige Dokument der deutschen Dichter gegen den Krieg.
Ein paar Exemplare, die dank gesinnungshafter beamteter Wächter durch die
Pressezentralen der Generalkommandos aus der Schweiz nach Deutschland
sickerten, wühlten Tausende auf. Er hat tatsächlich Furor. Man kann nicht sagen,
er habe in die Sprache besondere Akzente getragen, ins Dichterische neuen
Schwung gebracht. Er war jedenfalls eine Erscheinung von Breitbrüstigkeit in
der Herde der Dünnpinkel und Schleimiers, die auf schmalen Flöten sich ungemein erbosen. Auch hat er eine anfangs sehr naturalistische Sprache in
höllische Zucht genommen und in die Sätze Sprengstoff und klotzige
Geistdurchwitterung getrieben. Bedenklich ist nur die Intensitätsgrube seiner
Kraft. Da seine Stärke der Angriff ist, muß man ihn sich in Güte vorstellen. Das
ist unmöglich. Das Menschliche reicht nur zur Klage und Drohung. Das kann ein
Anfang sein, kein Ende ist denkbar so aus Unfruchtbarkeit und Zorn allein
gehoben. Was Liebe in ihm an Augen aufschlägt, kommt nicht aus Hingebung
und nicht direkt aus seinem Blut. Zu innerst steht der Haß nur auf, und über
diesen Umweg liebt er erst das, was er nicht haßt. Er liebt Opfer der bürgerlichen
Gesellschaft. Aber er liebt nicht das Opfer. Zutiefst ist bei aller Flamme eine
tiefe Wut, sonst nichts. Es ist von enormster Wichtigkeit, daß Erscheinungen wie
Leonhard Frank existieren, und ihr Mut wird nicht vergessen sein, wenn
irrgeleitete Knaben mit neu polierten Phrasen in neue Kriege ziehen werden.
Viele Unbestochene werden an seinem Namen einen Halt finden und werden
sein Buch dem Wahnsinn vielleicht entgegenhalten. Aber es werden auch heute
Menschen da sein, die in die tieferen Gründe sehen wollen und eine unbedingte
Angst tragen, dieser Dichter, der Liebe forderte wie wenige, aber nichts tat als
Felsen schleudern, würde, in den Stand der Macht gekommen, die Menschen
nicht schonen sondern erschießen lassen. Es wäre zum mindesten konsequent.
Aber es ist nicht der Wille des Schicksals, daß außenseitige Fallen in das Fleisch
der ewig marschierenden Ideen schlagen.