Die doppelköpfige Nymphe

Kasimir Edschmid · Kapitel 5 von 23

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Die doppelköpfige Nymphe

2. Marginalien zur Kritik

 

Kritik heißt nie: über eine Sache reden, sondern über ihr stehn. Nicht sie

zerfasern, sondern ihr gütig nahen. Kritik heißt nicht wahlloses Urteil, sondern

sie verlangt große Politik. Die Kritik unserer Zeit ist noch nicht erfunden. Ihr

Niveau ist eine Unerträglichkeit. Auf keinem Gebiet der geistigen Disziplinen

würde gewagt werden, mit solcher Verantwortungslosigkeit vorzugehen. Zur

Kanarienvogelzucht, zu Petroleumtrusts würde nie ein Laie delegiert. Über

Bücher schreibt jeder Dilettant. Doch selbst Fähigkeiten genügten nicht. Es

bedarf des Menschen. Denn Kritik heißt Aufbau. Nicht Zerstörung. Heißt Liebe

haben und nicht Haß. Dies ist das Zentrum. Nur eine große Persönlichkeit kann

die ungemeine Verantwortung tragen, Kritik ist nichts Artistisches. Es ist eine

humane Angelegenheit. Es ist der sicherste und direkteste Weg zur Kultur. Denn

ihr Sinn ist, Niveau zu schaffen. Aus Liebe das Ungenügende zu zerstören, aus

Liebe das Große immer wieder zu betonen. Das Wichtige zu plakatieren. Immer

Diener sein der eigenen Verantwortung. Durch keinen Zweck der Person, durch

keinen Gewinn, keine Frau, keinen Ehrgeiz gestört, getrübt zu werden. Nicht im

Zeitlichen stehen bleiben, nicht dem Augenblicksreiz unterliegen, sondern

immer das Momentane messen an der Verantwortung. Aber den Geist der Zeit

fördern. Zeigen, daß Pazifismus nötig ist, aber noch lange nicht Rechtfertigung

eines mißlungenen Gedichts. Aber kühn behaupten, daß Hölderlins Hymnen ein

ungeheures Ethos tragen ohne einen zeitlichen Gehalt. Immer die Idee der

Qualität als das Letzte nehmen. Den expressionistischen Nachläufer stäupen, den

besseren Impressionisten unseres Tages bedauern, aber loben. Immer den Weg

finden aus Zeit und Unzeit zur ewigen Prägung des Fürstworts. Feurig sein

gegen das Gesinnungslose, kühl gegen Anmaßung. Fehler bekennen. Immer

Linie halten. Nie den großen Dichter um Kleinigkeiten tadeln, während den

Nebbich man laufen läßt als das, was er ist. Vielmehr auf das Wichtige sehen. In

jahrelanger Arbeit nie den Lesenden verwirren, sondern ihn erziehen. Kritik ist

im allerletzten und bedeutendsten Sinne Aufbau, Architektur, Arbeit am Leib des

Volkes. Es bedarf nur neuer Rasse, das Werk zu machen. Radikal zu sein im

Dienst am Geist. Klug wiederum mit Bescheidenheit auf vieles Wissen, da es

nichts ist als Voraussetzung. Göttlich streitbar für Junges, ohne es innerlich zu

überschätzen. Ohne literarische Geste, ohne Kunst zu wichtig zu nehmen, aber

wissen, das alles groß Erlebte in sie zurückströmt. Vieles gesehen haben, das

Meiste kennen und Menschliches verstehen in seinen Wurzeln, Fehlern und Güte

— und dann zu richten . . . eine Aufgabe von solcher Humanität ausüben, ja allein auf diesem Boden der Gesinnung zu stehen, dazu bedarf es so

ungewöhnlicher Menschlichkeit, daß es nicht erstaunt, heute keine Urteilenden

gerecht am Werke zu sehen. Ist der neue Mensch geschaffen mit Einkehr, Lust

an der kämpfenden Liebe und Hingabe am Werk, wird eine Generation von

Kritikern aufstehn. Keine Eitelkeit wird mehr Triebfeder sein, kein geistiger

Imperialismus Ziel, Diktatur nicht der Zweck, sondern ameisenhafte Arbeit an

der Größe und Aufgabe. Und so Kultur und eine Tradition guten Sinnes. Und

eine nicht zerstörerische und idiotische Kritik, sondern eine schöpferische,

helfende, keine Analyse, sondern eine dauernde Tat.