Die doppelköpfige Nymphe

Kasimir Edschmid · Kapitel 4 von 23

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Die doppelköpfige Nymphe

1. Die Situation der deutschen Dichtung

 

Heutige Dichtung der Deutschen ist eine sehr klüftereiche Sache. Da ist wohl

Fluß und Weiher, Park, Chaussee und Sturzbach, Wald und Himmel. Aber da ist

auch Lust nach Himalaja neben Dachsberg, Laubenkolonie und Sibirien,

leninischer Durchbruch und tirpitzsche Kanone, auch kruppsche Stauanlage. Es

geht alles toll durcheinander. Man braucht aber Chaos nicht anzuerkennen. Es

kommt auf den Kern an. Schält man ab, was vorbei ist der Gesinnung und Form

nach, streicht man weg, was an Qualität nicht Äußerstes befriedigt, nimmt man

die (oft bedeutenden) Außenseiter nicht zu wichtig, mißt man Geist der Dichtung

am guten Barometer des Zeit- und, ohne sich zu verwirren, des Welt-Geistes, so

muß schon ein Typisches herauskommen. Es kann nicht anders sein.

Es ist das Expressionistische.

Daneben noch einige Menschheitsdichter, die ihre Entschlossenheit wie

Heilige, Sektierer und Irre weit über ihr kleines Talent hinaufreißt. Vor dem

Schicksal steht ihre Kunst en garde. Virginiatabak und Benzin ist ein Geruch, der

aktuell in den besetzten Gebieten, aber nicht von Dauer ist. Diese Leute kommen

mit Posaunen der Liebe, aber sie werden in der Geschichte keine sortie d’éclat

haben. Eine unbefangenere Generation, die auf Kunst lüstern an sie herangeht,

wird die Achseln zucken. Was blieb, ist Null. Was ist uns Herwegh anders als

schlechte Literatur? Aber sie werden im Unterstrom der menschlichen

Dienstbarkeit an der Idee human, tapfer und wie wenige mitgearbeitet haben.

Agitierend wie Redner, deren Schall erlischt, haben sie Brände erregt. Man hat

es grausam mit ihnen von oben her gemeint, daß man sie zum Anonymen warf.

Da liegt aber in der Regel unseres Volkes beste Fleischportion. Wenn sie aber

große Künstler waren, sind sie Expressionisten.

Doch ist das nichts Neues, nicht Formwitz, nicht Mode. Pyramiden,

Strindberg, die Frühgriechen, Gotiker, Litaipe, Novalis, Brueghel waren auf dem

gleichen Marsch. Die Bataillone des Geistes hatten immer die gleiche Richtung

und ähnlich modellierte Köpfe. Man soll sich nicht verblüffen lassen durch

äußerliche Extravaganz. Die Kraftresultanten zieht zwar einmal ein anderer und

die Parade der Künstler und ihrer Leistung nimmt später erst einmal an Lende

und Zeugung ein schnauzbärtiger Gott strengerer kommender Zeit ab. Kümmert

uns wenig . . . . . .

Aber eine Sache ist fatal verbürgt: Es geht in der Absicht und mit viel Not

das steilste Recken der deutschen Seele vor sich seit Gotik, Barock, Romantik.

Scheinbar ist auf Geistterrain ein Hügel aufgeschossen, der jedem der drei ähnlich sieht. Er ist an der Spitze sehr scharf, gläsern und schwertspitz, denn er

mußte Gestrüpp, aber auch die Ablagerung deutscher Kultur der letzten hundert

Jahre, und ihm schien: eine geistverfluchte kleine Hölle durchstoßen, um ins

Belichtete zu kommen und mit seiner unerbittlichen Form zu beweisen, es gäbe

keinen anderen Ausdruck für die Zeit.

Aber die tausend Rückbleibsel verkalkter Tradition fanden sich rasch in

Stellung.

Es gab einen Teufelsskandal.

In anderen Ländern ist die Kluft zwischen neuer Dichtung und alter nicht so

gewaltig wie bei uns. Das kommt, weil ihre Literatur Nabelschnur hat. Unsere

aber nur die Zentrifugalkraft des Karussels. Wir waren früher nicht allzu reich an

Dichtung, die Sperma hatte und Eizellen, um zu zeugen, fort- und

hochzuentwickeln. Wir hatten gewöhnlich ein Paar Riesen, die keine Kinder

machten, um sie herum Miesnicke, die karnickelhaft den Stumpfsinn, das

drittklassige Niveau, die internationale Kitschigkeit weiter entwickelten. Von der

Romantik ab verloren wir total die Orientierung. Da ging das Bürgerliche mit

allen Gewehren vor, zimmerte sich in der Literatur seines glorreichen

neunzehnten Jahrhunderts eine eklatante Fanfare, einen Termitenbau, speziell

vom Keller bis zum Plafond für bürgerliches Weltgefühl eingerichtet. Es fehlte

nicht an Hygiene, auch nicht an elektrischem Licht. Weltanschauung

europäischen oder kosmischen Gefühls suchte man bei bequemen Klassikern,

schlug es tot in Deutschland, so es sich reckte, verjohlte es, gewann es an Stärke,

verwies es aus der gesellschaftlichen Struktur, hatte es (was jede gute Dichtung

haben muß) revolutionäres Blut. Wilhelm der Zweite bestellte Logen ab, ein

Dichter schwankte am Galgen. Sein heldenhafter Sohn geruhte unter schiefer

Mütze ein Stammeln, ein Festspiel wurde abgesagt. So kindisch war jedoch das

Niveau nicht ganz. Das Kunstgemäch der Fürsten, des Adels, der höfischen

Gesellschaft nahm kein Chauffeur mehr ernst. Konditoren wußten, dies sei

einmal diskutabel zur Renaissance gewesen. Der Kitsch der Siegesallee war

ungefährlich, weil er komisch war. Die dichterische Ambition der bürgerlichen,

liberalen Gesellschaft war gefährlich, weil sie mit ihrer Weltanschauung, deren

Himmel Aktienbläue, deren Form Mechanik, deren Seele die Rhythmik der

Transmissionen und Pferdekräftestärke war, das Geistige in ihren Bann zog. Da

schrieben die Dichter Romane, die nur in solchem Ideenkreis zirkulierten und

darstellten, daß das Leben nicht lebenswert sei, weil ein Oberst einen Leutnant

nicht grüßte, oder daß Glück nicht sei, weil morganatische Trauung

undurchführbar sei im Kodex eines fürstlichen Hauses, und daß die größte

Tragik sei, den guten Namen zu verlieren, oder wenn eine Fabrik einen

Handelsmann erledigte. Arme Narren von Dichtern! Statt den Sirius auf den Mond prallen zu lassen, vertaten sie ihr oft großes Talent an Affereien, nahmen

die Uniform als Weltregulator, das Kapital als Maschine, als Demiurg, sahen nie

die Tragik hinter dem Menschen. Sahen nur Anwälte, Franzosen, Engländer,

Kaminkehrer, Divisionäre. Sahen darum nur Schuld und Leid der

gesellschaftlichen Konvention. Nie das Leid des einfachen wahren Menschen.

Sondern das Leid der Attrappe, des Kleides. Welche Destruktion! Welche

Dekadenz in so viel Fett! Diese Dichter waren keine Europäer. Sie waren

Nationalisten und noch ärmer als solche. Denn sie malten das blöde Ideal der

Engherzigen nach, statt den Fluch auf die abgewirtschaftete Gesellschaft sehr

breit und deutlich an den Himmel Europas zu schreiben. Sie fühlten sich aber

wohl, wie es ihnen ging. Die Bourgeoisie hielt sie aus. Meutern ward streng

bestraft. Das Ganze war glänzend und hohl. Als der Krieg, als die Katastrophe

kam, stürzte es ein, verschwand es, eingezogen, aufgeschluckt. Weg! Dann kam

das Neue von der Schicksalstiefe aufgeschaukelt, sein Hebelarm wogte hoch. Es

war da schon vor dem Krieg, mit noch unsichtbaren Munden, aber

durchdringender Stimme sich aus der Tiefe anzeigend, hielt Liebe,

Gerechtigkeit, Furor, neue Fahnen und den Sturm des weitgespannten Geistes an

sich gefesselt. Das Erwachen war mächtig. Es war wie in der Politik. Die

Katastrophe machte die Kontraste überdeutlich. So auch die Kunst, die in Form

und politischer und geistiger Gesinnung revolutionär war.

In anderen Ländern war die Fassungslosigkeit nicht so groß. Hatte der Geist

genug Tradition, um sich nicht ganz zu verlieren. In anderen Ländern konnte ein

Verändern der Formprinzipien nicht solche Tumulte hervorbringen in der

Dichtung. Seit der Romantik hatten wir an Dichtung nichts. Bei den Franzosen

steht zwischen Hugo und Barbusse immerhin Maupassant. Zwischen Balzac und

France zum mindesten Flaubert. Die Norweger haben seit Jahren, als bei uns

schlimmster Naturalismus äußerliche Gravüren des Elends verbrach, Hamsun,

diese köstlichste Erscheinung europäisch untendenziösen Geistes, den Dichter,

der irgendwie alles hat, was man expressionistisch nennen kann, den bei uns die

Impressionisten mit Beschlag belegten, patentierten, mit Zucker verdünnten und

nachher nachmachten. Rußland hatte in dieser Zeit schon einen Dostojewski,

Gorki, Dymow. Irgendwie war bei ihnen allen ein Strang, der die Volksseele mit

der Ewigkeit verband und seismographisch mit jeder Nuance der

Wechselwirkung erzitterte. Bei uns ist die Volksseele noch nicht so eindeutig

entwickelt, wird mit nationalistischer Seele (Gott strafe England) verwechselt,

und dann hatte sie siebzig Jahre kein Bedürfnis nach Ewigkeit. Man wollte den

Bau der bürgerlichen Gesellschaft literarisch ausgebaut haben. Gab dazu

Senkrechte, Lot, Maß und Höhe. Die bürgerliche Gesellschaft wollte ihre eigene

Dichtung. Sie bekam sie. Der Dichtung bekam es schlecht. Sonst fühlte man sich wohl. Auch die Dichtung war behaglich temperiert. Kleine Fronde des

sozialistischen Naturalismus, kleine Frivolitäten und sentimentale

Weibergeheule der raffinierten Psychologen waren angenehme Kitzel, halfen im

Verdauen. Bedürfnis nach Humanität ward nicht geleugnet, war aber gedeckt.

Dafür war Tolstoi vorhanden.

Es mußte etwas kommen, was resolut und mit der Brutalität der Güte das

Affenzeug durchhieb, Pförtner, Diener, Besitzer hinauswarf und dem erstaunten

Parkett den adamitischen Menschen zeigte. Damit war alles getan.

Nationalismus war geistig überwunden, sobald die Brüderlichkeit postuliert,

nein, sobald sie nur genannt war. Krieg war Dummheit, sah der Mensch ihn vom

rein menschlichen Punkt aus. Der reine, auch primitive, das heißt in seinen

Gefühlen gottnahe und daher unverfälschte und groß schauende Mensch wird

mit Liebe zu Acker, Nachbar, Saatwind und großen Ideen geboren. Der

Mutterleib, der ihn barg, hat wenig Verbindung mit Montanaktie, Erzbecken von

Briey, mit Marne, Schantung, Monroe, Tabaktrust und Südseehegemonie. Er will

den inneren Menschenwert steigern. Er will die großen Ideen der Menschheit,

die mit Wolkenschönheit seinen Horizont überschwimmen, pflegen und geben

dem, der es nicht faßt. Er will Liebe lernen, Kreatur und Mensch. Er liebt nicht

die Parzellierung der Volksstämme hinter Festung und Grenzstrich. Er will die

Erde als eine Sache, die sein Gesicht umfaßt. Hat er sie geläutert, wird er sich

vielleicht der Kassiopeia zuwenden. Ihm sind Franzosen, Bergarbeiter, Russen,

Skandinaven gleich, nämlich Menschen. Er haut die geistigen Grenzen durch,

durchschreitet, verachtet sie, stößt begeistert auf gleiche Gedanken. Bald ist er

europäisch ganz zu Hause, völlig eingerichtet. Der Kosmos ist seiner Lunge,

dem Herzen Freund. Nichts mehr von Stand und Ansehn und Schicksalembryo

der bürgerlichen Einstellung! Der Blick geht auf die Ewigkeit. Das ist die ganze

Situation der jungen, deutschen Literatur.

Das ist der geistgeschichtliche Weg, die Entwicklung und der Zustand.

Verändert sich der Geist so stark, bekommt das Gesicht sehr durchlittene und

heldenhafte Linien, der ganze Habitus verflucht und geheiligt anderen Umriß.

Nie hat die Welt, weil sie so lange an Abziehbilder gewöhnt war, das Recken

eigener visionärer Formsprache, mit soviel Abscheu, Schauder, Haß und Wut

begeifert. Zu lange war der Geist in Villeggiatur am Nil oder auf Spitzbergen

gewesen, daß, als er in Mitteleuropa wieder die Städte betrat, Polizisten auf ihn

zu schießen begannen. Er war ihnen fremd geworden, und sein ungewöhnliches

Aussehen, das weder mit Orden noch Uniformen bedeckt war, machte

feindlichen Eindruck.

Die Gesinnung der deutschen Dichtung, soweit sie ehrlich, jung, qualitativ

ist, ist europäisch, einem Völkerbund zugeneigt, den sie selbst, sehr anders wie die Versailler, schaffen möchte. Den Bund der guten Europäer. So klangen in

aufrührender Novelle, Gedicht und Essay schon die Rhythmen anfangs des

Kriegs. Bald gab es Phalanx. Es gab Töter des Seitherigen. Aufpflanzer neuen

Ideals. Schwärmer der ungebundenen neugöttlichen Kraft, die sich in die großen

Himmel, die aufbrachen, stürzten. Aufbauer neuer Architekturen. Als Motor das

Herz, das ohne Ermüdung kämpfte und baute. Es gab keine Behaglichkeit mehr,

auch nicht immer Ordnung, aber einen Trieb, ein Ziel. Die letzten Stangen der

abgegrenzten Möglichkeiten galten allein als erstrebenswert. Die Literatur (und

Malen, Bildhauern, Häuserbauen, Musizieren allsamt) begannen den Weg, den

sehr leidvollen, sehr ruhmreichen, an dessen Anfang anfeuernd der Geist steht,

an dessen Ende schmerzlich mit neuer Anstrengung als Ziel der Geist steht.

Dazwischen Hasten und Kämpfen. Eine fiebrige Epoche. Alle Völker der Welt

gehen ihn, haben ihn schon beschritten oder müssen ihn beschreiten. Vielleicht

wird eine klassische Epoche hinterher in kühle Harmonien bannen, was hier mit

Blut gearbeitet wird. Denn heut noch ist das romantische Streiten, Boden

gewinnen, Urwald einhauen. Schließlich schwankt ja seit jeher die Welt

zwischen diesen beiden Spannungen. Im Grund ist ihr Sich-Ablösen immer das

Gleiche. Nur der Geist, der in unendlichem Saft steht, formt die Variation ein

jedes Mal mit unbegrenztem fanatischen Neusein.