Die doppelköpfige Nymphe
4. Keyserling und die Gefühls-Mosaikler oder der impressionistische Roman
4. Keyserling und die Gefühls-Mosaikler oder der
impressionistische Roman
Die Gefahr des Feudalismus warfen die französischen Revolutionen schon gegen
die Wand. Adel ist heut keine Drohung mehr gegen die Freiheit, Feind ist allein
die geistverdickende Bourgeoisie. Adel ist heute ausgewählter Stoff und Symbol
der Züchtung. Seine Männer sind körperlich Träger guter Gewohnheiten, seine
Frauen haben allein (neben Jüdinnen) Rasse und Körper und Takt des Anzugs.
Der Ausleseprozeß hat sie durch Generationen müd gemacht, aber er hat sie
gestaltet. Kosmopolitische Ansicht einigt sich gern mit dem Weitblick alter
Magnaten, nie mit dem kleinen und schneidigen Vertreter raschen Reichtums
oder bedachtsamer Bürgerlichkeit. Zwischen guten Revolutionären und alter
konservativer Rasse ist immer ein Findepol, denn beide haben die Kühnheit und
die Rücksichtslosigkeit von Ideen um sich. Wird das Gezüchtete, Adlige sogar
geistige Auslese, ergibt sich unbedingt eine Hochsteigerung des National-
Möglichen. Vielleicht, daß es beschränkt und problematisch, verfluchbar oder
politisch hymnisch ist, jedenfalls wird es eine ganze Sache sein. Denn in solchen
Verfeinerungen trifft sich der aus dem Jahrhundertwerden aufsteigende Saft mit
der Wellenbrechung der Zeit. Nicht in Büchern, Reden und Museen setzt sich
Kultur und Bewußtsein ausgeglichner und großer Vergangenheit fort, sondern
wie jede große Musik nur in den Menschen. Der Reinhalteprozeß der
Aristokratie ist irgendwie inferior, weil er, nach bornierten Gesichtspunkten
angelegt, nur Macht, Würde oder Ansehen, nicht Geist und überhaupt
Führerqualität durch die Jahrzehnte mischt und schleudert. Aber es ist ein wenn
auch enger, so doch unbestreitbarer Züchtungsvorgang. Hier kommt aus
gepflegter und immer wachgehaltener Tradition Tat, Leidenschaft und Dasein
vergangenen Geistes heraus. Nichts Gelebtes, Gedachtes, was eine Zeit groß
machte, was hier nicht in dem Bewußtsein noch säße. Darum ist ihre Bewegung
mehr nach rückwärts geneigt, weil sie früher stark nach vorne gingen. Sie sind
belastet und nicht aktiv mehr, aber das Reservoir, die große Stauung des
Seitherigen, ein enormer Besitz. Hier einigt sich Überliefertes mit Blut, ein
unerhörtes Zusammentreffen.
Denn wirkender Stil ist ja nicht Oberfläche, sondern tiefe Verankerung. Nie
Gewohnheit, sondern aus dem Muß herausgegangene immer wieder bejahte
Form, die stündlich begründet, sekündlich durchatmet wird. Stil sind die drei
Kronen auf den schwedischen Banknoten, auf den Eisenbahnpolstern, das
Zeichen ist selbstverständlich, räumlich schön, ist, kurz, symbolisch geworden, in den Volkskörper übergegangen. Stil ist Walpurgis auf Haselbakken, ist ein
Allgäuer Haferlschuh, ist der Kontakt der Gräfin M. mit den Pergamentbüchern
und Wappen in ihrem Burgturm, ist das Lächeln einer Pariser Hure im
lateinischen Viertel, Essen im Café de la Paix, das Fest nach der Hopfenernte am
Bodensee, Smörgasbord auf skånischen Schlössern, ist die Anmut einer
verschlossenen Dame, die Geistiges andeutet. All das erbt man, aber lernt es
nicht. Überall ist die Form wie Nebensächliches, ja schon souverän jenseits des
Formalen, beherrscht von einem alten Gehalt, von Errungenem und sich in den
Sitten und Äußerlichkeiten spielerisch weiterbewegende Wahrheit. Stil ist kein
Korsett, keine Rückenmarkstarre, sondern die ungemeine Lebendigkeit
derselben Sache. Stil ist ganz rund, ganz eindeutig, ganz bestimmt und
präzisierbar wie ein Körper, jedoch in seiner Vollkommenheit so vibrierend, so
erregend und derart ungewöhnlich scheinend, daß er nicht zu bestimmen ist.
Ganz feminin im Reiz. Nicht heute Köchin, morgen Dame, dann Dirne, dann
Weib, sondern das Weibliche schlechthin und zwar in der Form der tadellosen
Dame, jedoch mit solchem Geschiller und derartiger Möglichkeitslinie in
Gesicht, Geruch und Stellung, daß alles, was ausdenkbar und erwünscht in
weiblichem Weltbild, darum ist. Stil ist darum nie Mode. Nur Kindische und
flache Denker verwechseln seine Äußerung und seinen treibenden Grund. Was
heute Expressionistisches ist, bleibt in den echten Äußerungen nach zwanzig
Jahren dasselbe, nur mit anderem Namen. Ewiges ward immer in die Spirale
modischer Formen gebaut und was Dürer, was Rembrandt seinen Mitmenschen
bedeutsam zu machen schien, war sicher das Nebensächliche, nicht sein Kern.
Schreien im Jahre Neunzehnhundertzwanzig Dadaistenjünglinge den Tod des
Expressionismus aus, ist das ein Zeichen ihres Hirnes, das im Tempo der
Schreibmaschinen nur Zeit und Symptome faßt, nur sieht, daß eine seit Persiens
Miniaturen, seit Amenophis, Böhme, Ekkehard, Büchner, Strindberg bestehende
geistige Richtung in ihrer modischen Schale falsch verstanden und von Knaben
und Snobs zu blendenden Exercitien vergewaltigt wird. Irgendwo ist unter uns,
ist in uns der dunkle Strom eingeschaltet, der das nie versiegende Feuer des
Geistes auf uns richtet und die uralten Gehalte weitertreibt in die Kanäle des
großen Ausbruchs und der inneren Verbundenheit. Auch das ist Stil. Er hat keine
Gesetze, sondern Berufung. Ein Bauer, ein Proletarier kann fortsetzen, was vor
hundert Jahren an erlauchter Stelle herauskam. Fritz v. Unruh schreibt
manchmal, als ginge keine Überlieferung ihm voraus. Der Sohn eines
Mehlhändlers schwärmt in verzücktesten Adelstraditionen. Die Völkerattitüden
selbst vertauschen sich manchmal sogar scheinbar. Der Däne Jensen schreibt wie
ein Norweger, Madelung wie ein halber Russe. Deutsche manchmal wie
Österreicher. Auch zwischen Deutschen und Franzosen beginnen Wechselspiele. Am deutlichsten bleibt immer der Russe, trotzdem ist Kusmin vollständig
französiert. Dennoch gibt es dem Kenner und Einsauger des Vorgesetzten
letzthin keinen Zweifel. Aus der Zivilisationsgier des kleinen Mannes dringt die
Geilheit, mehr zu scheinen, durch, neben der Sehnsucht, die vielleicht
vorhanden, nach wahrer Erhöhung. Irgendein Fadendünnes ist auch in Jensens
Wolfsgebiß. Das Weltgefühl, die geistige Substanz, die das Ganze gliedert, ihm
den Aufbau gibt und die Wärme, in der es atmet, schwankt unentrinnbar hinauf.
Nichts ist delikater wie Stil. Vor so langer Pflege besteht nichts, was nicht
auserwählt ist und was seine Natur verläßt, wird verlogen und ist erledigt. Nur
innere letzte Wahrheit bringt ans Ziel, und die grobe und wilde Geste des
zupackenden Stürmers hat genau die Überlieferung des Geistes, wie jene des
Besingers der langen schönen Finger und der abgewandten in sich selbst
zufriedenen Gebärden. Nur gibt es einen Unterschied: Wohl ist auch
Zusammenhang zwischen Revolutionär und Revolutionär. Aber das Weltgefühl
einer Rasse, das in ihr aufgespeichert in jeder Bagatelle des banalen Lebens
Ausdruck und Sinn fand, kommt in ganz anderer Abgeschlossenheit, ganz
anderer Endgültigkeit ins Kunstwerk, hat einer dieser Rasse selbst den Funken,
der ihn aufsteigen läßt und reden. Hier ist alles vorbereitet. Eine innere Größe
des Stils ist als Vorbedingung vorhanden von einer Sicherheit, die tötlich, einer
Glätte des Seelischen, die souverän, einer inneren Haltung, die von vorn herein
grenzenlos überlegen steht über Ahnungslose, die stumpf und unklar nach dem
noch forschen, was jener im Blut hat.
Als daher die Jünglinge und Männer scharenweise begannen, die Welt in
kleine Teile zu zerlegen und mit Watte, Sachet und Sentiment umbrämt die
einzelnen Stücke nebeneinanderzustellen, als ein Dilettantismus des Schreibens
ausbrach, der keine Scham trug neben so ausgezeichneten Künstlerleistungen der
impressionistischen Malerei zu existieren, als die Mädchen und Jungfrauen
Deutschlands in Ansammlungen sich aufmachten, Kellermann zu lesen, blieb
Keyserling, Graf, Balte und Dichter die einzige Entschuldigung, die einzige
Rechtfertigung dieser Zeit. Er ist nahe bei Renoir. Er hält Deutschland allein
gegen Bang und Jacobsen. Was Kellermann im Virtuosen, Altenberg im
Albernen mit Erfolg unternahmen, rechtfertigte er in Stille. Sonst haben wir
niemand. In der Malerei Liebermann, Slevogt. Dieser Stil hat wenig Positives
jenseits der Trikolore geschaffen, wo Renoir über Manet und Pissaro die
glänzende und ruhige Schönheit eines Jahrhunderts in silbernen Rausch fing.
Präsentiert man uns Pierre Loti, die Dänen, den Schweden Gejerstam, Peladan,
den Engländer Wells, den Russen Korolenko, Brjussow, den Anfang des
Spaniers Baroja, ständen wir mit schlappen Mäulern, hätten wir den einen nicht.
Er ist sogar, was kein deutscher Maler der Zeit, kein Dichter sagen kann, unbeeinflußt. Die anderen schlugen krachend in Zolas Kerbe, schielten nach
Monet, Cézanne, warfen sich den Nordländern in die Hände, die das feine
Gestrichel der Impressionen mit Gefühlen weich im Kreise schwangen, und
deren sinnierendes und augenblickshaftes Leben den Boden abgab, wo dieser
Stil glänzend und fast national ward. Er ist der einzige Nenner gegen die
Zeitblamage, wo in Deutschland Autoren begannen ein Raum- und Stilgefühl
aufzulösen, das gar nicht vorhanden war, und nur süßliche Vapeurs in eine
übelriechende Luft wälzten: Eine Revolution, die in alten Rahmen vor sich ging,
die Sensation eines roten Fracks, aber im Salon der Frau Meyer. Er war ein
Adliger in der Zeit der sozialsten Anfangskämpfe, der Literaturbarrikaden, des
Proletariatszusammenschlusses. Zu seiner Zeit schwoll das Gesinnungshafte auf
in zerflatternden Elendszenen, in naturalistischer Photographie. Was blieb?
Wenn heut Aktivisten den Tod der Kunst brüllen und nur gesinnungshafte
Sauhatz loben, fällt dies Echo als barbarischer Keil in einem Dezennium auf ihre
nackten Schädel. Ich bin mit jedem Aktivisten gegangen, ich habe ihn im Krieg
als einzige Flamme gesehen der Jugend. Ich habe ihn geschützt, weil die Idee
wichtig war, weil das Prinzipielle mehr gilt als dies und das darum, was grün und
faul und dumm war. Ich habe jede Überschärfung der Forderungen gebilligt,
weil ich weiß, da ich das Leben aus den Tiefen her und mehr in den Höhen auch
als viele kenne, daß die Forderungen säbelscharf überspitzt wurden, weil man
auf dem Weg zum Gestaltwerden der Idee die besten Stücke aus den Lenden
beißt. Aber liebe Freunde, werdet Ihr starr und kalt und dogmatisch wie deutsche
Professoren, diktiert, verbannt, richtet, nehme ich mir freie Luft und die
Möglichkeit jeder Bewegung. Ich bin für jede Aktivität, aber für jede Duldung.
Ist Handlung nur Motor, Geist nur Zweckmaschine, rette ich mich in jene
Landschaft, wo Menschen an Wachstum und Fülle, Tropischem und Bodenfrucht
still und menschlich Freude haben. Wächst aus Politik kein gutes und rasches
Machtgefühl, werdet Ihr geschliffen zu Kastratenkompromissen, und, wo
Illuminierte eingingen, speien die Tore Zwitter aus. Was heut proklamiert wird,
soll von der ersten Eizelle an den Menschen bessern, es wird nicht mit
Kommandos gehn, er muß willig sein, überredet werden, nicht militarisiert zum
Geist. Dann kommt nur aus großer Zeitkunst, wo Form, Idee, Kraft und Genie
sich zu geheimnisvoller Schöpfung vereinigt, zurück, was bleibt, da ist, und ein
neues Geschlecht begeistert, befittigt. An Zweckkunst allein erbricht sich das
Gefühl wie der Steiß an Jugendstilmöbeln. Nicht Kunst ist unwichtig, sondern
nie war sie wertvoller und von größeren Sonnen beschienen. Geist ist nicht
Enge, nicht Diktat, sondern wie jede Äußerung des Ungewöhnlichen und Großen
loyal und auch in der Duldung voll Größe. Schaut in ein Dutzend
Erdumdrehungen die Erde nach anderen Schwüngen, sind die Voraussetzungen heutiger Ekstasen vorbei. Nichts bleibt als Gestaltung.
Immer war die Muse die große Trösterin und die schön Aufnehmende unseres
Leides, und kein Gott hat gewagt, ihrem unerbittlich großen Gang sich
entgegenzustellen. Eine seltsame Erleuchtung hat es unternommen, daß, als erste
soziale Feuer sich entfachten und hymnische Knaben erfanden, daß
„Freiluftkunst“ und Fidus, Naturstimmung und Stammeln Höhen des Erlebnisses
seien, ein Aristokrat die reinste Musik seiner Jahrhundertshälfte in der Prosa
formte, indem er in vollendeter und schöner Schwäche den Todesgesang und das
entzückende Sichneigen seiner Rasse und seiner Generation begann. Außer
Menschen, die die Wehmut seiner Sprache liebten oder Dandysmus des Gefühls
in der spielerischen Geste zu sehen glaubten, außer Frauen und
emporgekommenen Jünglingen hat niemand seine Sprache vernommen, niemand
diesen großen Abschluß begriffen. Ehe er starb, war er jahrelang blind. Jenseits
der Menschen schon, wie er über der Form stand, gleich Klee und Renoir ein
Handwerkszeug so meisterlich beherrschend, daß er es fast nicht mehr
gebrauchte. Eine Könnerschaft ging weg, wie in der Ausbalanzierung der Worte,
in der Elastizität der schwankenden Sätze, in der tragischen Grazie dieses Land
sie generationenlang nicht besaß. Wie allein Sternheim in der unheimlichen
Knappheit jahrhundertalter Hirnkultur sie konstruktiv danebenstellen kann, aber
niemals diese Gelassenheit erreicht, in der alte Möbel und Schlösser, Schlachten,
Heiraten, Herbste, Ernten, Rokoko und erlauchte Blutmischungen Farbe und
Erinnerung hineingaben. Da wir Kraft des Ausdrucks scheints mehr schätzen
und haben als erlesene Prozesse der inneren Läuterung, liegt dem Deutschen und
Kaffern das Einfühlen dahinein schwer. Weltgefühl hatten Staufer, die Ottonen.
Man hat es nicht bewahrt. In der Breite blieb keine Form. Kommt ein Spätling
damit ans Licht, zeigt in sieben Sätzen davon mehr als der Durchschnitt heutiger
Autoren aufweisen kann, schelten sie ihn, achselzucken sie: Artist. Niemand
ahnt, keiner weiß, welche Leiden, Mühen und Jahrzehnte es erst braucht, setzt
aus den Stürmen und Kämpfen unseres Weltgefühls heut sich einmal nur die
erste Stufe glatter Tradition, so daß irgendeiner schon jenseits all unserer
Kämpfe leicht wie in luftloser Freiheit Summen und süße Kraft zieht. Im Chaos
unserer Bewegung durch die Jahrhunderte steckt beste Kraft. Aber das ist kein
Zustand, ist barbarische Gewohnheit. Lästerern, die sich der Roheit brüsten, ja
uns allen, die an der Roheit wir ohne Schuld tragen, ist nur selten ein Zeichen
gekommen, das zur Arbeit an der Gemeinsamkeit einer Harmonie riefe. Hier
verscholl eines. Sein Gedanke war in andere Welt gekehrt. Kein Fanatismus,
keine Problematik gab es mehr. Zeitfragen waren Stoff und Vorwurf, der so
unwesentlich ihm war wie irgendeinem. Zum Schluß sah er nur noch Menschen.
Die Melodie, mit der eine Welt aufwuchs noch einmal, war beste europäische, männlich, zurückhaltend und auch in der Schwäche ernst.
Zwischen Rußland und Deutschen hat die baltische Kultur sich in
abgeschlossenen Jahrhunderten zu Reife und Enge entwickelt. Chinesisches kam
aus ähnlicher Einsamkeit. Die Herrenkaste haßte Deutsches und Preußisches,
schwang in Rußland die Geißel. Schon das Kokettieren mit Preußen, als der
slavische Imperialismus die Brücken und Stoßwagen verbrannte, hätte diese über
Zeit und Jahrhunderte unwahrscheinlich gebogenen Zustände innerlich zerstört.
Zwischen Bolschewiken und Junkern laviert eine Kaste, die ein Jahrhundert zu
lang Kondottieri und Ritter geblieben war. Um ihre Wälder und Schlösser aber
staute sich die Zeit wie eine Schale gegen den Himmel. Darin wuchs wie aus
Urformen Gewohnheit und Blutstraße sich zu einem Daseinsrhythmus, der in
seiner Überzüchtung weit über Wien hinausgehend, den Rekord auf
deutschredendem Boden mit tausend Längen schlug. Hier war ein Volk noch
aristokratisch, noch mittelalterlich, flackten Feuer, Feste, Fackelzüge übers Eis
in Übung und Sinn des achtzehnten, des zwölften Jahrhunderts. Stoffe und
Menschen, der Frühling und die Geburt kamen in Einstellung auf ein Dasein,
dessen Inhalte diese Vorgänge nie gliederte, sondern nur beherrschte. Alles ist
abgerichtet, fertig. Den letzten Dichter der Epoche läßt das Schicksal sterben,
ehe eine neue Zeit das alles zerstört. Was er findet aber, ist so vorbereitet, so
vollendet, so voll verhaltenem, kaum ertragbarem Ton, ist so in seine Hand
hineingetrieben und ihren Rinnen gemäß gebaut, daß seiner geringsten
Bewegung alles gehorcht. Er denkt die Vorgänge in seine Prosa, nie schreibt er.
Das Mechanische ist tief unter ihm. Wissende spüren, wie ungeheuer das
Bedeutendste bei ihm zwischen den Zeilen ist, wie bei Hamsun in der
Atmosphäre so nah liegt, daß es nie, sondern nur Unwichtiges gesagt wird.
Barbaren warfen mykenischen Stuten Menschen zum Fraß vor. Religiöse und
Erschauerns fähige Völker wagten den Namen Gottes nie auf die Lippe zu
nehmen und umschrieben ihn mit einfachen Symbolen.
Er filtriert Menschen nicht zur Idee, denn was Menschen damit meinen, ist in
ihrer langen Vergangenheit schon irgendwie ihnen begegnet, in sie eingetaucht,
Probleme gibt es nicht mehr. Die Zeit ist so alt geworden, daß alles bekannt und
freund ist. Leidenschaften werden nicht mehr von Belang. Sie werden getragen,
sind sie zu stark, stirbt man unter ihnen wie bei zu sehr Geliebten. Ein Heroimus
des stillen Unterliegens und der passiven Widerstände erhebt sich und wird
allgemein, nicht besonders. Gutes, Böses, Soziales und die Forderungen, mit
denen Zeit und Schicksal die ewige Drehung des Gestirns begleiten und
dirigieren, werden nicht mehr bewußt, das ist geregelt, Widerstand wird nicht
erdacht. Es würde Unsinn, denn in welche Welt wäre zu scheiden aus dieser, es
sei denn in den Tod? Man trägt. Wie bei den Russen. Auch hier wie bei Tschechow. Aber erlesener, man hat mehr an Süßigkeit vergangener Zeit und
ungemeinen Geschehens auf seinen Leib gesammelt. Die großen Gebärden
waren schon da, sie werden aus Achtung nicht wiederholt. Die Welt ist ganz in
Zurückhaltung zusammengewachsen. Was den Neu-Aufgekommenen
bestaunbar, stürmisch, durchwatbar und Meersehnsucht des Unendlichen scheint,
belächelt man. Es war zu den Kreuzzügen schon Fanal. Die Landschaft gliedert
sich in Alleen mit Nebel, auch etwas Sonne. Natürlich ist es sehr farbig im
Herbst, der Sommer bringt zum tausendsten Mal Frucht. Die Seelen der Frauen
sind sehr seltsam geworden in diesen Wiederholungen der Körper. Bild an der
Wand gleicht Bild an der Wand und denen, die sie beschauen. Der Makrokosmos
ist in ihre Seelen schattenhaft eingegangen. Man kennt nicht viel, weiß aber fast
alles. Daher ist die Wehmut in allem, im Glück, in der Zeugung, im Schrei.
Manchmal hat sie die äußersten Grade des Süßen erreicht, vollendet bis zum
Glanz des Porzellans und starr geworden wie die Welt asiatischer Miniaturen,
dünn im Atem und tötlich in der Tragödie und von einer Selbstverständlichkeit
der menschlichen Schwünge und Charaktere, daß die zitternde Hand vor dem
Sausen der Natur zurückschreckt.
Mit feinem Anschlag kommt eine Hand an die Tastatur. Beherrscht, klar,
Gefühl bei Gefühl, die tanzende Weltkugel in der Mitte auf Wasserstrahl in
absoluter Geschlossenheit, mit gewähltestem Anstand, beginnt ein Orchester.
Bläser und Trommeln sind nicht vonnöten. Man sieht überhaupt keine
Instrumente. Nur ein großer Dirigent hat eine heimliche Melodie angeschlagen,
aber, als er begann, waren Solisten und Instrumente schon in jenen Nebel
entzogen, den die Zeit vor die Abschlüsse stellt. Doch da sie zur Katastrophe den
guten Ton setzt, haben, lang noch, Engel und Verfluchte Glanz und erlesene
Substanz irgendwo im Raum von einer Wolke abgelesen.
Jedes Schachteln und Bestimmen hört damit auf. Er wurde aus einer Schule
heraus groß. Ein Schlagwort hat immer allgemeinen Sinn, und sage ich zögernd
expressionistisch, meine ich Cheops so gut wie Roswida, Däubler, den
Baalschem, den William Shakespeare. Mir wächst das Wichtige ins Gesicht,
nicht die gorillahafte Färbung. Heut ist mir’s Ausdruck des Weltgefühls meiner
Epoche, es bedeutet mir Phalanx mit Pazifisten, Mutigen und Aktivisten und
Malern. Es können Blasse dabei sein und Fliegerleutnants. Es sind Brüder zum
Ziel. Messe ich nach fünf Jahren, lasse ich nur die Leistungen passieren, das,
was hart und dick geworden ist. Das Schlagwort zerflattert. Wahrscheinlich ist
mir dann, ich habe es nie gewußt. Daß, als Keyserling lebte, getüpfelt ward,
Bang strichelte, Jacobsen schraffierte, Gejerstam an dem Filetrahmen saß,
Programme darauf geschrieben wurden, Gierige sie ausschrien und sich damit
kostümierten, hat nie eine Zeile des Mannes umgedreht. Zuviel war hinter ihm. Stil und Haltung, die ihn trugen, waren geschmeidig genug, den Luftzug
aufzunehmen und sich untertänig zu gestalten, wie alles, was die Zeit herantrug.
Als van Gogh und Cézanne tot waren, schlug sich der Pöbel, der von ihnen
lernte und lebte, darum, ob sie als Im- oder als Expressionisten sich gedacht
hatten, solange sie sehnsüchtig oder überdrüssig den romanischen Teil der
Oberfläche Europas besiedelten. Sie haben schwer sich geschunden und um den
Ausdruck ihrer Kraft gerungen. Was große Persönlichkeiten einfängt in die
Spiegeleien an den vier Wänden der aktuellen Zeit, ist nur von sekundlichem
Belang. Was säuselte in impressionistischen Kapiteln, ist abgefallen, nicht mehr
da. Die Zeit drängt enorm zusammen. Bald werden Renoir und Picasso dicht
nebeneinander liegen. Das ist die große Einstellung. Im Ausscheiden und
Niveaudurchbilden von Monat und Jahr geht es ums andere, ums
Gegeneinanderstellen, um die Kontraste, ums Deutlich- und Gesundmachen der
problematischen Vereiterungen durch Operation. Von denen der letzten fünfzig
Jahre ist Wassermann durch Romancierfülle in einer asketischen und mager
gewordenen Romanzeit, Heinrich Mann durch die große Geistigkeit, Sternheim
über seine schmale und glitschige Florettbegabung durch die Zeitprophetie und
sein unerschütterliches Bekennertum weit und sehr über Schulehaftes
hinausgestrebt.
Da gibt es nach dem Durchbruch eine Luftschicht, wo unten sich
Befeindendes zusammenrückt. Man ist unter sich, Cervantes, Chrestien von
Troies, Tomas a Kempis und Hutten, Heine und Hölderlin. Zola und
Maupassant. Man darf in dieser Höhe die unten wichtigen Unterscheidungen der
Stile nicht zu ernst nehmen. Man tut es im letzten Grund überhaupt nicht, auf
Gipfel, Kerle, Leistungen bedacht. Die kleinen Gefühlvollen haben den großen
Dichter deutscher Prosa einen Ästheten genannt. Manchmal war er allerdings
gegen feuchte Hände und Röllchen. Es war ein Reinlichkeitstrieb, den selbst
Papageien und Hunde haben, mit Dichtung hat dies nichts zu tun.
Fortgeschrittene liebten ihn wegen seiner Milieus und seiner Gefühle. Sie waren
nicht gefährlich, auch Gouvernanten erkannten im Leben der Vielen, die sich
selbst unterdrückten, ihre geschundene Kreatur wieder und beschlagnahmten ihn
für sich. Kenner aber statuierten ihn zum Impressionisten. Liebe Ahnungslose, er
war nicht von euch, der das Martyrium reiner Menschlichkeit in zu sehr
auserlesenen Exemplaren zu Hyperbel und Schleife über den Schicksalsrücken
zog. Indem er jenseits von Kunst stand, weil er zusehr sie beherrschte, war er
nicht mehr kategorisierbar. Wohl war nicht stark seine Hand, ein Knick in jedem
Buch, langsam das Blut und fadendürftig das Rollen des Vorgangs, aber es war
ein Bild. Ein Erdbild. Schon als er begann es auszusprechen, war er Symbol
einer Zeit, die fast nicht mehr bestand, als er endete, war sie vorüber. Ihr Weltgefühl ist nur noch in seinem Werk. Ein kleiner Narr nur redet von
Kunstform vor solcher Wölbung aus der Jahrhundertkurve. Dieser Mann nur,
nicht Hauptmann, nicht Thomas Mann, nicht euer dummer Liliencron, kann auf
solcher Höhe mit solchem Anspruch neben France, Chesterton, D’Annunzio auf
irgendeinem Olympos der Völker, wo schon nicht mehr um Forderung und um
Zeit gefeilscht, sondern um Repräsentation der Gefühle und Gezeiten gefochten
wird, in erster Linie und mit der Haltung solcher Würde eingeführt und
empfangen werden.