Die doppelköpfige Nymphe

Kasimir Edschmid · Kapitel 20 von 23

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Die doppelköpfige Nymphe

17. Durchstich durch den vierundzwanzigsten Januar Neunzehnhundertzwanzig der Literatur

17. Durchstich durch den vierundzwanzigsten Januar

Neunzehnhundertzwanzig der Literatur

 

Zur Not begriffe mein Hund Tobias, daß, als die Menschen in Zahnradbahnen

auf die Gletscher glitten, mit Gasbomben und Feuerspritzen sich töteten, im

Luftschiff nach Stockholm vom Bodensee aus flogen, das Fett des

Zivilisatorischen ihre Brüste und Hüften übergoß, und die heimlichen Lenden

der Dichtung abmagerten wie Mädchen im fünfzehnten Jahr. Darum waren

Revolutionäre der Ideen wie Baudelaire entschlossene Gegner des Fortschritts.

Die Schlappschwänze, welche die Prosa von einem Krieg zum andern zu hüten

hatten, liefen aber hinter den Techniken her, und unfähig, sich überhaupt des

Größeren zu begeben, verloren sie sogar die Verantwortung vor dem Wort.

Bierbaum, der seine Zeit fürstlich repräsentierte, hatte stilistisch nicht mehr als

ein Kommis. Man schrieb, wie man aß, badete, ins Bett stieg. Die Magie der

Sätze, die Farbskala der Vokale, die dichterische Biegung und Bremsung der

Perioden, es galt ihnen nichts. Sie hatten es vergessen. Die Sprache ward Mittel

und Zweck, sie kehrten ihre Lächerlichkeiten damit in die Ecken. Jeder Wurm,

dem drei Verse gelangen, war ein Papst, aber der Titan, der die mißhandelte, tags

genotzüchtigte Sprache aus Gosse und Bürgerschleim auftrieb, melodisch

beschwingte und zu Glut der Entfesselungen bestürmte, ward verlacht,

übergangen. Irgendwo lebte zwar Nietzsche. Man wußte es nicht. Sie hatten an

nichts sich mehr erinnert. Man wird ihre Unfähigkeit vielleicht entschuldigen,

weil sie schließlich ihr Leben auch gelebt haben wie andere und nicht mehr

Fähigkeit abgeben konnten, als in ihren Knochen Saft hockte, doch man wird sie

ohne Besinnen in die Kehrichte schmeißen, weil sie vor der Verantwortung

fahrlässig sündigten und wie betrunkene Kutscher vergaßen, wohin sie sollten;

aber noch mehr, welche Vermächtnisse und Aufgaben hinter ihnen lagen.

Geliebte Dichter.

Wie saß im Stabreim schon, der nichts anderes war als beherrschte Prosa, die

heidnische Rhythmik wie ein gefesselter Athlet und zuckte mit den Muskeln.

Man hat die ganze germanische Dichtung erzählend vorgetragen: Die

Zaubersprüche der Merseburger, Wiens Hundesegen, Lorscher Bienensegen und

Blutsegen, der wundervolle Torso des Wessobrunner Gebets das hinter einer

Litanei eine heidnische große Schöpfung schwingt. Notker Labeo entriß den

Klerikalen sie aus dem Latein. Hinter dem Epos her führten Ekkehard und

Mechthild sie bis an den Rand der Seelendarstellung, glühten sie in Inbrünsten

und Sehnsüchten. Brant und Gailer hinterher. Grimmelshausens Sprache ist breit und gewachsen. Volksbücher bringen Derbes, Abenteuerliches, Unzüchtiges

hinzu, es geht manchmal schon gewaltig al fresco. Hutten schmiß sie wieder aus

dem Außenseiterigen der Bildung und feuerte den Mut und das Bekenntnis

hinein, es stieg ins Menschliche und auf die große Tribüne der Gerechtigkeit.

Luthers Plastik. Lessings übersachliche Strenge. Nun wurde es reifer Obstgarten,

himmlische Schmiede und hohes Urteil. Die Eleganz gab Wieland. Büchner den

wilden Aufruf und die Jugendlichkeit der Begeisterung. Die gigantische

Ausweitung kam bei Jean Paul, dem schöpferischsten Phänomen der Deutschen.

In romantischen Epochen schwankt der Geist immer mehr in der Atmosphäre,

und Jugend ist auf Treppen, Dächern und Bergen aus, ihn zu suchen.

Dazwischen Heines üppige Schärfe und Gepflegtheit. Klassisches kommt in der

Regel auf Jambus und träumt sich in Alexandriner, hat Kothurne für die Bühne.

Was in ihr für Prosa bleibt, ist gemessene Beschreibung und zu edel und zu sehr

voll Langeweile, die feurigen und sehnsüchtigen Pferde der Sätze die Gangarten

großer Erhebungen machen zu lassen. Mit gutem Geschmack ist ein Gedicht

Paul Heyses zwischen glitschigen Austern und Crême fraiche vielleicht noch zu

ertragen, seine Prosa unentschuldbar. Heinrich Mann und Kerr und Wedekind

standen umheult, als nach der Romantik die Prosa in die Trottoirs des Verkehrs

geriet und man sie dort verbuhlte. Es scheint, man hatte ihr ein Opiat

eingegeben, und die armseligen Verbrecher, die sie beschliefen, entlockten ihr

immer wieder das Gedächtnis daran, woher sie komme und welche Haltung und

Würde ihr angemessenes Mindesterbe sei. Sie fuhren mit ihr Schnellboot und,

Lunapark und Hundertzwanzigpferdekräftler, und als Herr Kellermann sie besaß,

hatte sie einen eleganten Geliebten, der sie wohl kühn aus bürgerlichem

Gequassel entführte und Geschmeidigkeit und Tempo ihr vorführte wie keiner

der Nullen vorher, aber nur raffiniert überkandierte Schleifen mit ihr jagte,

innerlich unbeteiligt blieb und reizlos wie Herr Ebers und Schlaf, und nie daran

dachte, den Kreisschwung zum Rosahorizont Geist mit ihr zu machen. Er hatte

sie getäuscht, denn er sah Bildern früherer Geliebter ähnlich. Sie verließ ihn

rasch, als die anderen und Neuen kamen und Verantwortung und das große

Pathos um die Lippen hatten, welches sie seit dem Malermüller und der Bettina

nicht mehr gesehen. Auch ging ein Schatten über die Pupille und sie kam näher

an Europa. Sie nahm ohne Zögern eine Fackel in die Hand.

Sie hatte damit immer schon hinüber und herübergeleuchtet. Einmal gings

zwischen Dänen und Deutschen mit den Sagen der Helden. Von den Italienern

kams, als Petrarca nach Prag kam, Hutten zwischen den Humanisten heraufritt.

Spät gings hinüber zu den Tschechen. Später noch, als der Glîchezare den

Ysengrimes den Niederländern nahm, und die indische Fabel unter dem Scheine

hereinzog zwischen Elbe und Ems. Immer aber hatte sie zwischen den Vogesen geleuchtet und ohne Pause war es über den Rhein herübergeströmt. Über der

Mystik stand Bernhard von Clairvaux. Zwischen Silberhimmel und Olivengrün

kam das Provençalische zum Minnesang herüber. Namen fielen ihr ein, als sie

Gottfrieds von Straßburg, Wolframs, des von der Aue gedachte, die als gute und

große Führer diesen Deutschen den Weg gaben: Chrestien de Troies, der von

Britanje, Benoit de St. Maure. Hinter diesen zogen scharf und fast blau die

Pyrenäen und das Loch aus dem Asiatischen her, wo blonde Mauren einmal in

das bräutliche Fleisch Europas eingeritten und die Dulce France von den Höhen

her mit fremden und schönen Orchestern so überspielten, daß es bis über den

Rhein, nur in französische Zungen umgebogen, brauste. Immer hatte die Fackel

den Zug der europäischen Bindungen überschienen.

Sie lächelte, als große Worte heraufklangen. Es schien ihr, als ob ihre Haut

und ihre schönen langen Schenkel bald wieder in paradiesischen Gärten und um

wilde Pferdebäuche gehen würden. Als sie den Bart des Francis Jammes sah, der

die schönste Stimme Frankreichs hat, nickte sie. Auch Schickele übersah sie

nicht, als er sich aufmachte, das denen über dem Rhein zu sagen. Es wurden

Feste in München, Heidelberg, Berlin, Darmstadt und in den Bergen gefeiert.

 

Man war dort sehr erfreut, denn die jungen Dichter fühlten den Atem der

gleichen Absicht, das humanitäre, straffe, helfen wollende und leidenschaftlich

angreifende aus der Luft. Zurück wich mehr gegen den Rand das Allzuviele, in

dem ihre Straße nur als blankster Keil lag. Es kam Verwandteres und Geliebteres

als das, was Volksgenossen immer noch den Kriegsinstinkten, den Hetzereien,

der bösartiger Dummheit und den einfältigen Lastern gaben, und wo schlechte

Handwerker an großen Aufgaben turnten. Epigonen des alten Schrifttums herum

schlugen die Leier als Elegiker ihres Verkanntseins und hatten endlich als

Fürsten Herrn Paul Ernst sich erwählt. Geschwänzte Knaben ritten Foxtrott auf

den Sätteln, unter denen Gäule fehlten, aber sie übertönten den Galopp mit

Geschrei. So brandet es rechts und links und von allen Höhen heran, man hält

die Mitte und schaut nicht um, aber man saugt es gern auf, stürzt der Horizont

herunter mit fremden Freunden. Ich sage es gern.

Denn natürlich steht mir Anatole France näher wie Hermann Stehr. Und René

Arcos und Martinet, Goldring, Barbusse, Duhamel, Jules Romain, Dymow näher

wie Herr Presber, Herr von Zobeltitz, Frau Dill, Frau Gabriele Reuter, Frau Boy-

Ed, wie dieser oder jener Literaturschieber Cohn oder Kahn. Natürlich ist es

wichtiger, das nackte Herz der Fremden eigenem Volk angenehm zu zeigen als

Quatsch und Bockkohl eigener Volksproduktion immer wieder am Weg zu sehn.

Aber es muß einen Sinn haben, wie der Austausch sich untereinander

verbindet.

Einmal müssen endlich die Zollwächter der Verantwortung an den Rhein-

und Elbbrücken stehen und auf den Bodenseemonitoren, auf den Ost- und

Nordseetorpedos sitzen, damit nur das bei uns einfällt, was als gute

Sternschleuder bis auf den Boden zischt und die Völker einander kenntlich

macht: so sind diese, das sind jene . . . und daß die Idee, mit Blei und Kugel

einmal gegen diese an einem unsinnigen Tag heran zu ziehen, verzischt und

verknallt. Aber natürlich darf nichts in jener Tendenz nahen wie die

unsterblichen Dokumente der Dummheit, in denen Heerführer und Gesandte

anderen Völkern ihre Barbarei bewiesen, indem sie den prunkvollen Glanz

deutscher Demut und Kraft ihnen anpriesen wie Wurst und Präservativs. Die

Vorsehung wollte es, daß man den gegenteiligen Zweck erreichte. Auch hat man

gelacht. Man braucht den Deutschen nur zu zeigen, daß auch die Anderen

Menschen und nicht Mörder sind. Haben sie das kapiert, wird ihnen auch die

Folgerung aufgehn. Man braucht nur zu sieben, daß nicht der französische

Schlamm hereinbricht, sondern daß die Bücher Laternae Magicae der Qualität

als Dichtung und der menschlichen Gedanken als Inhalt sind. Das genügt. Aber

man muß sie deutlich und mit nicht nachlaßbarem Nachdruck zeigen. Sonst

halten sie es für einen Film.

Immer war Deutschland schon der Kulturbottich und das mitteleuropäische

Bassin, in dem die fremden Fischsorten schwammen, Delphine und Krabben,

Schildkröten und Heringe. Auch Miesmuscheln und Sand. Haifische und Hechte

waren selten geworden, eher noch fette Schollen. Aber sie waren immerhin von

Zeit zu Zeiten da. Man war urban, um es mit Gerechtigkeit zu sagen. Man gab

den Refugiés des Geistes immer Asyl, aber die mittlere speckige Ware kochte

ebenfalls durch alle Kessel. Jedoch auch die Genies der kleinen Völker wurden

gemünzt. Heut noch degoutieren die Schweden den August Strindberg, heut

noch führt ihr repräsentativer Dichter Per Halström (den sein konservatives Herz

nur schlafen ließ, wenn die Deutschen am Tage ein Tausend Gefangener

machten . . . so waren unsere Freunde) Krieg gegen ihn und den famosen

Inselbewohner Hamsun, während das von Millionen beschossene und berannte

Deutschland seine späten Stücke zuerst spielte, seinen Namen wie den eines

Halbgotts feierte. Den Norweger Hamsun nahmen sie auf, zogen sie aus seinen

paar hunderttausend Landsleuten, kiepten ihn auf die Schleuder und zeigten auf

dem Donnerschlag des Paukenfells zwischen Alpen und Holstein, daß hier ein

Genie lebe, von dem die Franzosen zwei Jahre nach dem Rückzug der

Deutschen aus Pikardie und Belgien kaum den Namen und nicht eine einzige

Übersetzung kannten. Sie verdarben sich, indem sie Herrn Ibsen zehn Jahre lang

ausschließlich spielten, die Schauspielerschaft einer ganzen Generation mit

Nervengeflüster und bemerkten gar nicht, daß sie darüber ihren bedeutendsten Dramatiker der letzten fünfzig Jahre, Frank Wedekind, gänzlich vergaßen. Sie

haben die Dänen Jensen, Jürgensen, Jacobsen, Madelung, Aage von Kohl, die

Schweden Gejerstam, Lagerlöf, Heidenstam weit über ihr Verdienst hinaus, aber

auch dreißig hinter diesen her, in die Mitte gezettelt. Sie grinsten in allen

Pressenotizen hinter d’Annunzios Abenteuern, Bangs Lastern, Wildes

Extravaganzen, Björnsons Späßen schamlos her. Sie haben sich weit

ausgebreitet, waren wirklich aufnehmend, geschmacklos in der Gastlichkeit nach

allen Seiten wie das Haus eines Parvenüs (das sie auch hatten). Doch

erstaunlicherweise, sogar im Kriegsgeifer zeigten sie etwas Genie, serbische

Gedichte kamen, Russen und immer mehr Franzosen von Repräsentation

erschienen und ihre Geister schwebten ruhig im Kanonenlärm. Zwar hatten der

dramatischen Industrie Beflissene unter der strategischen Leitung der Presber

und Fulda verlangt, bei Kriegsausbruch schon, den Fremden die Freiheit

deutscher Bühnen zu sperren. Doch werden auch in den kaufmännischen

Branchen Wucher und Unfairheit mittlerer Häuser keineswegs der ganzen Zunft

als belastend ausgelegt. Auch waren die besten Dichter im Dienst des

Übertragens. Schon begann im übelsten Lärm der Zeitgenossen die Solidarität

der Künstler und geistigen Führer. Die ersten Stufen stiegen sie und

proklamierten den Weg, den im Dienste des menschlichen Gedankens sie so bald

nicht aufhören werden zu gehen: den zur Macht.

Sie haben einen langen Chausseestaub an sich bis zu diesem Punkt. Der

häßliche kleine Homosexuale Sokrates hat sie noch bespieen, selbst Plato sie zu

einfältigen Ingenieuren der Idee verwiesen. Das Pamphlet auf sie zu schreiben,

blieb Plutarch, der zur öffentlichen Verachtung aufrief, aber Lukian, dem wohl

gefiel, was sie schufen und der die Tragweite der heiligen Form begriff, war

hinter den Verfertigern noch her als Tagedieben, Apachen und Fronsäuen. Auf

den Märkten wandernd führte sie Dio Chrysostomos ans göttliche Licht, Plotin

zeigte, ihre Schwängerung sei vom Geist, und Dürer machte sie deutlich, offen

die Brust und diese ganz voller Figur. Alberti und der schöne Lionardo hoben sie

in die geistige Sphäre ohne Makel hinein, und, im Quattrocento setzte sie der

Facius genau neben die Päpste und Kaiser und Fürsten. Aber die Dämonie erst,

mit der Michelangelo den Menschen die Überlegenheit seines Lebenssaftes

unerhört bewies, stieß den Stand an die Linie des Sichtbaren heran zu Bedeutung

und Einfluß. Bürgerliche Epochen haben das manchmal wieder verwischt, aber

sie wagten es nie, wie im Mittelalter den Künstler und geistigen Menschen in

den Abhub zu stoßen. Man hielt sie für gefährlich, vielleicht für Revolutionäre

und Schweine, aber nicht für Schmutzsäcke und Sklaven. Sie waren Herren

geworden, Marquis, Kavaliere, Gentlemen. „Ich verlange, daß Sie keine

Kleinigkeiten von mir erwarten“ sagte hochfahrend ein italienischer Sculptore der adligen Hofwolke, als ihn der größte französische König empfing. Dort

gings um Ruhm noch. Die Richtung ist abgebogen. Es geht um der Menschen

und der Gerechtigkeit willen, um den Staat und die Macht. Die Geistigen

schließen sich zusammen, werden ein Faktor. An einem Tage der Weltgeschichte

werden die Schacherer der staatlichen Maschinerie, die Horde der Minister,

Gesandten, Beamten unter die Kontrolle anderer Führer endlich gekommen sein.

Aber man muß die Einzelnen lernen, Sinn aus europäischen Einflüssen zu

ziehen. Lobe ich die entgegenkommende Tornüre der Teutonen, gebe ich lang

noch keinen Preis. Sie taten es aus einer angeborenen Tugend oder Neugier,

vielleicht aus Haltlosigkeit allein, keineswegs aus Verstand oder Moralität. Man

weiß wohl, Mischung sei gut und tut es bei Dünger, Tabak und Weinen. In

England nimmt man zur Aussat durchgängig ausländisches Getreide. Die

Bardrinks sind internationalste Koloristik. Kinder aus zweierlei Volk sind

schöner, ja, der Verfasser des alten Buches über „Zeichen und Wert des

verletzten und unverletzten jungfräulichen Zustands“ ist der Ansicht, die

Häßlichkeit der Juden und Neger stamme lediglich von ihrer Abscheu sich

stramm zu vermischen. Auch sind die Kinder südlicher Serails, wo Frauenelite

aller Stämme in schönen Ställen stutet, von bester Form. Doch setzt dies alles

voraus, daß Wille und Sehnsucht da ist zur anderen Vereinigung. Die Deutschen

haben aber ohne Sinn und meskin und roh gelesen und getauscht.

Sie waren sehr verblüfft, daß Maeterlinck über seine großen deutschen

Auflagen nicht vergaß, daß der Preuße ihm sein belgisches Haus zerstörte und

daß Verhaeren, dem Deutschland mehr als Frankreich Bett und Heimat war,

Flüche sprach, als Belgien überflutet wurde. Der deutsche Mensch hatte

geglaubt, Dank erwarten zu müssen. Er hatte alle Seelen umsonst studiert, alle

Bücher ohne Sinn gelesen, großen Aufwand aus den Fenstern geschmissen in

den Hof und den Mist. Sie hatten nicht gelernt, aus der Luft der Freiheit in

Tolstoi und Balzac die Lehre zu ziehen, sich selbst zu regieren, und seine

Regierer rannten wie arme und stolze Wölfe gegen die ganze Welt, die ihnen so

fremd war wie der Geist. Es half dem guten deutschen Teufel den Dreck, daß in

seinem Kulturbottich die halbe europäische Literatur bis zu den kleinsten

Schreibsardinen saß, als die Generalität in Belgien hauste. Und daß wir an

Dichtern und guten, nur seither machtlosen Herren nicht ärmer sind als andere,

unterstützte uns nicht die Spur, da draußen in der Breite der Masse man sie nicht

kannte. Man setze dies den gallischen Freunden aufs Genick und schreibe es in

die Minusspalte. Nur solche, die selbst nichts Gelingendes verstehen, sind

drüben bei der Vermittlung tätig. Kleine Literaten und schiefe Journalisten

übertragen. Man kann ein hochsteigendes Buch den Stallknechten zum Reiten

nicht geben. Deutsche schlupften gern in das Trikot jedes Boulevardschmarrn. Doch zur Zeit des direktesten größten Einflusses unsrer Dichtung auf die

romanische, als Musset, Hugo, Gautier vom Saft deutschen Genies überlebten

und neben Byron in Hoffmann sich verzückten, gab es nur einfältige

Verstümmelungen, nichts an Rhythmus und Klarheit ähnlich aufgetürmtes.

Während die Staël von Deutschland schwärmte, empfahl Mathieu de Mirampal,

da er dies Land für eines der Eisberge hielt, zum Zurückdrängen der

Geschlechtsreife die französische Jugend in das kalte Klima zu senden. Selbst

der zarte und süßeste Dichter des Rolla kannte kein Wort in Deutsch. Nun aber

wird getan und nicht geschwatzt. Es geht nicht um Utopie, sondern um Aktion.

Schon sind bereite und tapfere Hände da, das Blau des Vergessens und der

Besserung auf die Wunden zu legen, mit denen man den ärmsten vom Krieg

zerstörten Tieren, den Pferden, die geschlagenen Fesseln und Beine bedeckte.

Steht Mensch zu gleichgeartetem Mensch erst einmal freundlich im Bund, ist das

beste Geschütz gebaut gegen Kriegsgeheul, Revanche, Kastengeknurr. Man

könnte ein neues Zeitalter einläuten, wollte man nicht mit der Skepsis, die aller

Tapferkeit gesundester Bankert ist, die Resultate erst abwarten. Doch sind die

Straßen voll von einigen Zügen Entschlossener, den Griff zu versuchen, der

ihnen Mitbestimmung an den Leitungen der Völkergeschicke gäbe. Es ist dafür

reichlich an der Zeit geworden.

Währenddem hat d’Annunzio mit Freischaren sich nach Norden begeben. Die

Versailler Cäsaren haben in ihrem kompromißlichen Herzen eine Torte Europas

zurechtgeschnitten, die zwar die Kandierung eines ersten Völkerbundes

versüßte, aber in ihrer wilden Annexionsgier den stolzen südlichen Romanen

nicht genügte. Ein Dichter hat Divisionen gegen den Völkerbund geführt und hat

kein Unglück damit gehabt. Man hat ihn im pazifistischen Europa ein

Konjunkturferkel genannt. Die Pariser haben unter der Führung Barbusses, der

mit seinem „Feuer“ den Krieg allen Menschen bloß und grausam in nackter

Verviehtheit vor die Pupillen warf, dagegen protestiert. Augenfällig: hier

scheidet sich alte und neue Welt.

Man muß gerecht sein. Die Nebbiche sollen einen Dichter nicht verheulen.

D’Annunzio wird die Segel gerefft bekommen, die er auf dem Nationalismus

aufgezogen hat. Das ist die Zeit, die solche Kühnheiten als eitel und verbraucht

bei Seite legt. Als Dichter ist d’Annunzio stärker als Barbusse. Doch dessen

ethisches und großes Pathos füllt die Welt wie seinerzeit nur der Engländer

Richardson. Die Wikingerei d’Annunzios ist eine Farce. Der Sturzhelm des

Fliegers tanzt ein wenig wie auf der neapolitanischen Maskerade, allein wenn er

dem Geist abtrünnig geworden, so ist er doch von ihm gestreift und auch nach

dem Sturz noch Ritter. Der letzte Knauf ist in ihm von jener Pyramide, mit der

die Romanen seit Jahrhunderten selbst den Ruhm dem Staate zuführten und die große Entdeckung und die Beute des Geistes immer nur so sahen, als seien sie

lediglich da, bedeutenderen Glanz um das Gefüge ihres Volkes zu legen.

Manchmal kam d’Annunzio in seiner Verehrung des Heldentums so weit, daß er

wie der Verfasser des Speculum historicum glaubte und wie die Kathedralen

französischer Brudererde es lehrten, seit der Ankunft des Christus habe außer

Bekennern, Doktoren und Märtyrern die Welt keine großen Männer mehr

gehabt, und er wies den Eroberern, Siegern, Kaisern und Königen den

geringsten, aber für Hirten, Äbte, Mönche und Bettler den erhabensten Platz an.

Doch aus dieser Gabelung treibt ihn rasch in die andere das, was an Glanz und

Bedeutung der Jahrhundertsaft in ihm vorangezeigt am Heldentum der

Tollkühnen, der Strategen, der Volksführer. Wie von Cicero bis zu dem

Mittelalter und den Tempelrundungen alles Italienische ihn durchdringt, so

stehen alle Glänzenden auf in der Historie der Schlachten und Niederlagen und

geben ihm die Entscheidung. Er wird Instrument mehr als freier Wille. In ihm

erfüllt sich eine Epoche und sein Zug wird symbolisch als Abgrenzung der

Linie. Da endet irgendwie eine Welt, die vielleicht aufsteht einmal wieder in

diesem und jenem Jahrhundert, die aber den Fangspieß im Hals hat, weil zum

ersten Mal sich groß und mit aller Bedeutung der Erstmaligkeit eine neue

erhoben hat. Meisterlich und sehr verehrt als Dichter hüllt d’Annunzio

Schweigen. Um Barbusse steht irgendwie schon die Weisheit.

 

Empfange ich Neunzehnhundertzwanzig am vierundzwanzigsten Januar, bereit,

in die Schweiz zu fahren, einen Ausländer, der den Hut abnimmt, hinsitzt und

ernsten Auges fragt: „was habt Ihr getan, wo steht Ihr, ich will nicht Auskunft,

eher Rechenschaft“, es wäre schwer, ihn zum Tee zu bitten in solcher Eile. Sind

Sie ein Spanier, sagte ich wohl, kennen Sie das Spottbild, wo jedem ein anderer

Spruch aus dem Hals speit, Volk König, König Minister, Klerus Arbeiter

bestiehlt und alle der Teufel einsackt. Nicht sehr viel anders die Mischung. Über

die Grenze können Sie aber noch schärfer sehen und Wichtiges an der Farbe und

vertrauten Bewegung im Zentrum erblicken. Wären Sie Deutscher, wäre Ihnen

die Orientierung ganz versaut. In Italien lassen sie die Manegen hügelaufwärts

legen, daß die Gäule klettern lernen und die Passanten die Muskelarbeit und die

Schrittunterschiede glatt unterscheiden. Die Deutschen treiben ihre Pferde ins

Wasser, daß sie, statt zu reiten, fast ersaufen, und Publikus nur die Nasen sieht

und dem größeren Schnauber die Sympathie zuwedelt. Wohl wäre es

angenehmer und eine Erlösung unter sich, europäisch zu sein. Aber es ist

wichtiger, aus Unterschriftstellern, Ahnungslosigkeit und Niedertracht der

eigenen Volksschreiberei ein gangbares Niveau herzustellen. Die Sehnsüchtigen

nach Klarheit und Übersicht wagen sich nicht auf die trügerische Ebene ohne Pfadkenntnis. Anders kommen wir aber nie zu Stil, Ausbreitung des Gefühls fürs

Wichtige. Da liegt aber der einzige Quellpunkt, Deutschland unter einem

Kulturdruck von annehmbaren Graden allgemein und überall zu setzen. Mir, der

ich nicht um Geldes willen mich damit beschäftige, neben der dichterischen

eigenen Betätigung mich mit der Bücherwelle auseinanderzusetzen, und nicht

schreibe und rede, um Feinde zu treffen, Menschen zu gefallen, Weiber zu

haben, es auch nicht nötig habe, an irgendwie für mächtig Gehaltene mich

anzufreunden, da ich selbst mächtig bin . . . sondern dies mache, weil ich glaube,

damit einer Sache zu dienen, die ich vielleicht schlecht mache, aber im besten

Glauben tue, sie tun zu müssen, weil ich keine zwei sehe, die es hinreichend heut

verstünden: mir scheint, um Prinzipielles endlich zu sagen, die Form falsch,

dumm und sinnlos, wie heut die Masse über Geschriebenes orientiert wird. Das

macht den Knäuel noch undurchsichtiger. Erfolg kann nur erzielt werden durch

Bearbeitung von langer Hand und bedeutender, immer gleicher Richtung. Das ist

das mindeste, was unter heutigen demokratischen Regierungsformen erwartet

werden kann. Dauerndes Beisammensein mit ausgewählten Dingen kultiviert bis

zu den Graden, zu denen überhaupt auf diese Weise zu gelangen ist, und das ist

schon eine gute Portion. Der Herzog von Modena, der anfangs ein Schaf schien,

pflegte in seiner Galerie sich rasieren zu lassen, und da Correggios, Raffaels,

Tizians ihn umgaben, wurde ein genauer Kenner der Bildkunst aus ihm. Selbst

Halbblinde sollen auf Inseln und Prärien, weil sie leben mußten, ausgezeichnete

Schützen und Jäger geworden sein. Aber natürlich war eine Vorsehung da, die

sie in Zusammenhang brachte mit Wild und Objekt. In Deutschland ist der

Schicksalsführer in der Regel ein Dummling, seine Rolle, höflich gesagt, eine

Drôlerie. Statt daß die schöpferischsten Kräfte, wie bei allen Führer- und

Gesellschaftsschichten, sich mühten, stolz alles nur halb Genügende

auszuscheiden und selbst Richter zu sein ihres Gebiets, lassen sie Halunken und

Reporter die letzten Urteile fällen. Der Tanz dieser Dioskuren ist einer der

blamabelsten Versager unserer geistigen Einrichtung. Daß die Unfähigsten die

Richter über die Fähigen werden, hat kein Negerstamm erlaubt. Ihnen fehlt

natürlich in der Mehrzahl die Bildung, die Souveränität, die Schreibkunst und

die Übersicht. Liebliche Naturen geben Inhalte wieder, intelligentere machen

Synthesen. In Caféhäusern ist das Kitzel einiger Literaten. Im übrigen Humbug

und Schwindel. Denn die Herrn Stein und Damen Ellenbach und Kuntze, die

belehrt sein wollen, denen ist das eine Hieroglyphe, ein Zéro. Die sind aber die

einzigen Zielscheiben, nach denen gerichtet werden muß. Das einzelne Buch ist

völlig schnuppe. Wirkung vollzieht sich nur, wenn von einem weitsichtigen

Feldherrn methodisch und nach Gesichtspunkten der Schlachtplan gegen

Barbarei und Dummheit vorgetrieben wird. Es handelt sich um die Abgrenzungen, das Ausscheiden, das Herausschälen der Kerne. Daß die Leute

endlich Witterung bekommen, schon riechen, wo Geschmack und Dichte sitzen.

Daß er unbedingt weiß „Aha“. Daß er spürt, worum es geht und welche

Wichtigkeit es hat in der Gesamtoperation, geht ein Sturmtrupp genial vor oder

versagt einer mit aufgebogenen Schnurrbartspitzen. Ist ein ganzer Durchbruch

gelungen, ist das all nicht mehr nötig. Aber ich fürchte, es wird erst direkt vor

dem Einlaufen ins Paradies sein, zu dem die Erdfahrt ja wieder geht, womit der

Kurs erledigt sein wird und Ewigkeitsengel wohl die Lichter löschen und

abblasen. Weiter kann man nicht denken. Aber um diese Form der Kritik zu

erreichen, bedürfte man Kerle. Die Menschen, die eben in allen Entscheidungen

zu geringes Maß haben, fehlen auch hier. Denn in einem Lande, wo die

bestwollenden Gazetten auf einer Seite wöchentlich in einer Beilage zwanzig

Männlein über zwanzig Bücher reden lassen (wobei ihr Niveau noch toller ist

wie ihre Voraussetzung und die Verschiedenart des beschwatzten Materials), in

einem Lande, wo knapp drei Buchkritiker erheblichen Verständnisses vorhanden

sind, gibt es infolgedessen sehr bizarre Resultate und Schiebung über

Schweinerei. Der deutsche und kluge Dichter scheut aus Eitelkeit die

Konsequenzen mutigen In-die-Bresche-Springens. Es ist keine Kleinigkeit, sich

mit den mittleren Gemeinen einzulassen, überschaut man sie nicht und wirft hin

und wieder einen wie die Fischer zweimal aufs Maul. Leider haben aber, wie

Livingstone des öfteren bemerkte, die Löwen stets dem Nashorn gegenüber das

bessere Teil der Tapferkeit erwählt.

In das Gelände, wo winterlich jetzt die deutsche Schreiberei sich ergeht, ist

zwischen viel zerstreutes Publikum endlich eine glatte und feurige Bobbahn

gelegt. Sie ist der Mittelpunkt und das fiebernde Herz, wo die Jugend rattert

zwischen Signalen, Pfeifen, Starts und irgendwo fern hinter Kurven hängenden

Zielen. Die Sonne, scheint es, ist inbrünstig in das Stahlband verliebt. Die

Expressionisten haben sie auch in höheren Gesängen gehuldigt. Die

wesentlichen Bobs sind die gleichen wie vor drei Jahren. Die alten Farben tuten

gut vorbei. Man bemerkt neu Herrn Krell, der fast einzig den Ehrgeiz zum

großen Roman mit bedeutenden Massen fährt, in den Kurven nicht ganz sicher

noch ist, aber das meiste übrige etwas schlank, aber mit eisernster Übung

überrundet. In der Nähe der Prager ist Oskar Baum in einer zarten

Übersinnlichkeit noch ein wenig verwoben. Klabund hat Larven vor das Gesicht

der Barmädels getan, mit denen er fährt. Sehr verbissen und berlinisch hat Essig

gekurvt, haarscharf abgemessen. Sein Bob ist siebensitzig, großes Format und

heißt Taifun. Er hat den besten satirischen Roman seit Jahrzehnt, da er ihn an der

Ewigkeitsschleife tatsächlich ins Dichterische und nicht, wie die Besatzung des

Mann-Schlittens, ins Zeitpolitische hinauftreibt. Auch Alfred Wolfenstein hat sich für einige Stunden mit starrer und liebender Sorgfalt zu den Prosaikern

gesellt, es sehnt ihn schon wieder zu der kubischen Schöne seiner Verse. Paul

Zech in robustem Hörnerschlitten mit Schmiedeglocke, Maurus Fontana mit

italienischem Geleut und Jugendlichkeit sind passiert. Die Fürstin Mechtild

Lichnowsky hat rosagepflegte Kufen und geigt mit fast strindbergscher lautloser

Musik das Eis. Robert Müller ist sehr sportlich, fährt auf dem Bauch, kopfvoran,

man hofft, daß ihm nichts zustößt. Es ist nicht ganz einfach, sich auf das Hirn zu

verlassen, selbst wenn es apfelsinenfrisch ist, fruchtsaftig und voll geistigem

Schneid. An der Ewigkeitskurve soll er hurra gerufen haben, doch war es gewiß

nicht militaristisch gemeint. Als Herr Wilhelm Lehmann erschien, dachten

manche wegen der phallischen Form seines Vehikels Dionysos käme und riefen

Evoë, daß die Fahnen wackelten, in der Nähe hatte der Bob aber Butzenscheiben

und Kautzornamente, da schwiegen einige wieder. Aber es blieb trotz barocker

Verknorzung der Stützhölzer eine fast erotomanisch flagellierte und kräftig

schöne Luft. Schon warf es an der Ewigkeitskurve einen um, der mit einer

Menagerie scheinbar beladen und Musikgebumm angefahren war Er schien die

böse Nachläuferschaft zu symbolisieren, denn als er aufgeschmissen war,

entstieg dem Schnee nur ein Pierrot, so daß viele lachten, die ihn für einen

kanibalischen Dresseur gehalten. Es war Herr Curt Corrinth. Er suchte aus

Scham, indem er einen Affen kopierte, seine Primitivität und Stärke zu

beweisen, auch hatte er ein Paar Hosen von Sternheim an und athletische Runen

in ein Gesicht geschminkt, das wie das des armen Beardsley aussah. Die

Massary, die das scharmanteste Lächeln in Deutschland hat und die vorüberkam,

gab ihm Fondants, als er von der Erlösung der Welt durch Umarmung sprach,

sah auf ihre Snow-Boots und empfahl ihm, den Amerikaner Edward Bellamy zu

lesen. Zuletzt kam als Jüngster der dämonische Bürgerschreck

Westdeutschlands, Herr Mierendorff-Vielgeschrey gefahren. Er hatte unter

anderem Wilhelm Michel als Passagier, während er selbst am Steuerrad murkste.

Sein weiser Mitsitzer war nicht gestört durch das Tempo, es gefiel ihm, aber er

dachte wohl an etwas anderes, wahrscheinlich, daß später einmal eine neue

Jugend Hölderlin, über den er das Tiefste gesagt hatte, als Führer und Leitstern

nehmen werde. Er fühlte sich zwar wohl in seinem augenblicklichen Zustand,

doch jener Gedanke erwärmte ihn wie ein Allasch. Weiter unten hatten sie ein

Kruzifix angefahren, errichtet Gustav Sack, den sie im Krieg erschossen hatten.

Die Lektoren bedeutender Verlagshäuser hatten ihn zu Lebzeiten abgelehnt, sein

Horoskop stand nicht auf geschäftlichem Erfolg. Die Lektoren waren der

Ansicht gewesen, für Menschenliebe und Förderung seien die auf Humanität

abgestempelten Lyriker der Verlage da. Nach seinem tragischen Weggang

werden hohe Auflagen und Ruhme mit ihm erzielt. Guido Reni hatte, als ihm billige Bilder entlockt und wo anders auf dem Markt hochgepumpt wurden, eine

Taxe festgesetzt: Köpfe fünfzig, Halbfigur hundert, Ganzfigur zweihundert Taler.

Degas hat weise im gleichen Fall die Achseln gezuckt. Renoir hat

hereingemausert, was er konnte. Sie hatten allerdings Chance und Zeit dazu, da

sie weiterlebten. Sack, wie dem anderen Ekstatiker Van Gogh, schoß die

Vorsehung Bleiernes ins Gekröse. Ein wirrer Kopf, Herr Sack, aber strammste

Potenz, bezeichnend für alle Zerrissenheiten der Zeit, Mischung von Barbarei

und Genie. Er hatte nicht Volkshumus, um anzusetzen und Wurzeln zu schlagen,

so gab das Ganze ein unerlöstes Monstrum, aber in einigen Partien ist dieser

Mann ein Feldherr gewesen. Tausend Möglichkeiten starren aus seinem

Kadaver, aber die Seele ist weg. Hier vorbei geht immer wieder die scharfe

Fahrt, die die neue Generation gelegt hat. Kommen aber die hohen und großen

Signale, zum Zeichen, man habe von Herrn Schickele bis Däubler und

Sternheim und Heinrich Mann den Start betreten, werden die Fahrer wieder zu

Zuschauern und sehen die größeren Bobs flitzen.

Auf einer Berghalde üben manche schöne Schwünge, ihnen kommts auf

Kraft und Zeitfanfare nicht an, sie wollen die gutgebogne Wade sehn, die

schmelzende Bewegung. Es genügt nicht, um auf Skiern Touren zu fahren, aber

ihnen ist genug. Die um George waren die einzigen, die von Baudelaire und ein

wenig von Verlaine herkommend seinerzeit dem Naturalismus ein Retraite

zubliesen, ihre Tat in der Lyrik ist unbedenklich epochal gewesen. Aber Prosa

war ihnen nur ein dekorativer Schmarrn, Erzählches und minderes Handwerk.

Georges Prosa selbst sogar ist schwach ästhetisierend, die des Schöpferischsten

Gundolfs, erhebt sich bei aller Schärfe nicht über brokatene Würde. Was die

hornbebrillten Jünger in Sandalen und Schillerhemd züchtig und voll Hochmut

schufen, ist trocken berechneter Geist. Nur den österreichischen Hofmannsthal

umgaukelte Sinnliches. Doch ging er lieber zu Pantomime und Ballett, und gibt

er dichterische Handlung in Prosa, bei Gott, es wird keine Almeh, die ihre

Abenteuer aus dem Blut heraus mit perlumwickelten Brustspitzen in roten

weiten Hosen mit grüner Bauchschleife tanzt, es wird erlauchtes Ballett. Es

kommen effektiv die Seelenvorgänge nicht aus dem Herzen, sondern aus der

Pose, mit der die Tänzerinnen es ohne Wort hervorcharchieren würden. Sehr

graziös und angenehm, aber etwas dünn fährt Herr Hofmannsthal seine

Schwünge. Viel gelöster erreicht es Stucken, herzuhalten, er ist auch ins

wurzlichere Terrain mit den Ameisen-Hügeln gestiegen. Früher schrieb man an

seinem Tisch gern germanisch-mystische Dramen mit Binnenreimen. Jetzt aber

hat man zehn Jahre die Kultur der Azteken durchschaufelt und eine Trilogie

geschrieben, die auf der Linie der Paul et Virginie und der Salambo liegt und

Deutschland ein bedeutsames Werk hinterließ. „Die weißen Götter“ sind mit guter Form von ihm überwunden worden, als er der Form nicht mehr bedurfte

und also auch in ihr nicht wie ein Kaninchen im Netze hängen blieb. Da ist auch

Kahane, schon halb drüben bei den Keller-Leuten, aber doch mit der Liebe

neuromantisch orientiert. Er lächelt manchmal ein pastellsanftes, verzückt

jünglingshaftes Lächeln. Hinter ihnen, die sich gut abzeichnen im Schnee, ist die

neuromantische Sphinx in Kontemplation versunken.

Was man an Weibern sieht, da und dort, ist nicht sehr appetissant. Ein Papst

meinte schon, es sei unkeusch, wenn sie Männerakte zeichneten, sie möchten

großen Vorbildern nacheifern. Er hatte als Klerk den guten Geruch, daß er sie

von eigenen Wegen verwies, sie tappen sofort in Männerspuren und werden

beispiellos peinlich, verfallen sie in deren Seelenjargon. Sirach, Eurypides und

der Kompilator des kessen Buches: ob Weyber Menschen seyn . . . haben es

drastischer herausgedrückt. Sie können dem fast alle nicht ausweichen, selbst da,

wo sie wie Frau von Winternitz mit einer schönen Seele, den Formen Manns und

Wassermanns klug folgen. Doch gibt es ohne Zweifel Menschen, die auf

menschlichen Gehalt gierig aus sind, und denen wie bei Kahane die überall

entblößte dichterische Figur in ihrer menschlichen Nähe wärmer, bequemer und

zärter ist als alle Erschütterungen der Welt. Sie mögen es haben, auch diese

Sache hat ihr Recht. Auf der nach klassischer Vergangenheit hingewandten Seite

läßt sich eine Führerschaft der Frau Huch nicht leugnen. In der Nähe der Neuen

steht mit sehr farbigem koketten Sweater die silberblonde aparte Frau Godwin.

Sie fällt gewiß nie in maskuline Allüre. Ist in ihr alles Kätzchenhafte gesammelt

bis an den Punkt, wo das Weibliche ins Häschenhafte übergeht, so muß niemand

zweifeln, daß weniger mondän aber international und mit Duft nach

Königshäusern, Jesuiten und Parfüms die Weiblichkeit der Annette Kolb

schließlich alle überkreist. Es ist wohl nie ein weiblicheres Buch auf so hoher

Ebene und so überlegen geschrieben worden wie ihr „Exemplar“, und selten hat

eine Frau so gekämpft wie sie. Frau Lasker-Schüler soll auf einem sagenhaften

Almfeld fahren. Sie ist ganz über allen, zeitlos und eigene Klasse. Einige hörten,

daß es ein Versehen sei, und daß sie keine Zacke dieses Gestirns sondern den

Walfisch und den kleinen Hund und nur manchmal den Äquatorbogen befahre.

Am kleinen Sprunghügel haben sich die Wiener gesammelt, sie haben die

breitest geschnittenen Breeches, schwarzweiß gewürfelte Sweater und öfter ixige

Beine. Man macht in dem Kostüm keine Gletscherfahrt, aber elegantestes

Handwerk, nicht ohne Kühnheit. Den Boden zu verlassen und zurückzugleiten

auf seinen Rücken, ist nicht nur mutige Tugend, sondern Eifer und Leidenschaft.

Irgendwo ist in der Nähe Kultur. Mit Dichtung hat es nicht viel zu tun.

Gepflegtsein ist noch nicht Tiefe, brave Eleganz noch nicht Geist. Doch sie

veredeln das Handwerk, in den Bau kommt Erfreuliches. Unterhaltungsliteratur als Bedürfnis wegleugnen zu wollen, ist Sache des weltfremden Dichters oder

der Snobin. Hier wird er auf eine Höhe kultiviert, die ihn den Schleimstreichern,

der Courths-Mahler und dem Rudolf Herzog abnimmt, deren unverhüllte Roheit

der Krebsschaden ist. So etwas kommt sonst nur noch mit dänischem Einschlag

oder aus den Ostprovinzen, wo Fundamente da sind. Statt als armselige

Dichterepigonen geranienblasse Gefühle das dritte Mal zu pervertieren, tun diese

begabten Talente den Schritt ins Handwerkliche, ohne Ambition der

Herzenskonflikte. Herr von Flesch Bruningen schreibt famos Phantastische

Bücher, die die Deutschen nicht haben, Herr Soyka geht zu Knipslaterne und

Revolver und Dietrich und stellt den einzigen deutschen Kriminalromancier hin.

Andere Völker, zumal die Skandinaven, haben das dutzendfach. Sven Elvestad,

Frank Heller, Doyle, Renard, Eje, Wells sind Phänomen. Den Deutschen fehlt

Selbstvertrauen und Sicherheit dafür, die Huch versuchte es, es mißlang. Sie ist

eine Frau. Die Männer klauben in Kaffeehäusern dünnste Lyrik und scheuen die

Wirkung mit Sensation wie gesellschaftlichen Affront. Im Grund ist das ein

Kodex voll eigentlich zappelndst bürgerlicher Instinkte, mit Freiheitsphrase

garniert und einer maßlosen Überschätzung des künstlerischen Berufs überimpft.

Große Dichter scheuten keine Arbeit, aber wohl müssen die Geringsten mit

schiefer und ohnmächtiger Radikalität ihr mangelndes Vermögen keusch

verdecken. Das Feigenblatt der arroganten Würde ist ein verheerendes Ornament

für eine humane Zeit. Statt mit Trommel, Erbsenblase und

Kolophoniumstreichen tätig zu sein, ist mancher lieber Pasquillant und

Togaschwinger. Der Baron von Knigge, der zwar ein moralisierender Junker,

nationalistischer Piepmatz köstlicher Geschwätzigkeit, aber ein sehr kluger

Mann war (weshalb er für Pressefreiheit schwärmte), hat, indem er zugab, daß

der deutsche Roman der elendste sei auf der Erde, in seinem Buch über

Schriftstellerey vor hundertdreißig Jahren schon jene Mittellage der Dichtung

verlacht, die zu fadenscheinig als Dichter, zu vornehm für Schriftstellerei,

drohnenhaft und mit empfindlichsten Nerven die weiten Räume der

Literaturgeschwätze bewohne. Er war ein Weltmann und schlug sie zur

Verachtung vor. Es ist mehr im Sinn der Menschheit gehandelt (um im

dichterischen Argot zu sprechen), wenn das Niveau gebessert wird, als wenn

Impotente hinter Großen herwanken. Wir haben nichts davon. Lesen die

Menschen statt Tovote an Dichterischem geschulte Unterhaltungsbücher,

verbessert sich der Geschmack, der Weltblick, die ganze Struktur. Die hier sich

hingeben, sind wahrhaftig im menschlichen Dienst. Sie tun etwas, um mit

Feuilles volantes die Gemüter und Seelen furchtbar zu laxieren. Schwäne haben

das weißeste Vogelgefieder, aber das schwärzeste unbrauchbare Fleisch, weshalb

die klugen Rabbiner sie in die Klasse der Heuchler zählten.

Am Sprunghügel sammeln sich viele Menschen, die Gelenke knacken

hübsch, wenn die Kniee beim Aufsprung sich gewandt und sehnig biegen und

unerwartete Wendungen durch die Publikumsreihen jagen. Immerhin ist die

Gefahr nicht groß, denn der Absprung ist nur sechzig Zentimeter. Die großen

Rennen mit den dreißig Meter-Sprüngen werden keineswegs hier ausgefahren.

Es hatten Weidenkätzchen im Schnee schon Goldfahnen aufgesteckt, dahinter

erhob sich Bardala-Heilo-Geschrei. Doch sah man es nicht, denn mit Gottfrieds

Bild kamen die Keller-Leute in Prozession den Klammweg heraufgetrappelt. Sie

waren wenig sportiv, man vernahm nur sächsisch und schwäbisch, später erst

wurde deutlich, wie Herr von Bodman eine Ode auf seinen Helm rezitierte. Er

fand genügenden Beifall. Sie nahmen Richtung auf die Hütte, wo zur Zither

gespielt wird, der Kaffee soll wärmend dort sein, kommt man mit Försterpfeifen

und sinnigem Gespräch bei Straßenrock und Gummischuh durch Schnee.

Entfernt von ihnen, die am Waldrand heimatliche Lieder sangen, ging Karl

Röttger, mit christushafter Milde und wahrer Hingebung im gläubigen Gesicht.

Auch der Anstand und die vornehme Haltung des Herrn Kurt Martens war

deutlich im Profil. Hinter den Weidentroddeln ward das bärenhafte Gerüpel

wieder deutlich, als sie verschwanden, und nun sahen sie den Skandinaven Adolf

Paul, der die Tuiskodichtung beschwor, in nationaler Reckengröße in den

Jusquauboutismus zu wachsen. Doch Wotans bankrotte Firma zog nicht sehr.

Damit der Geist der Kriegsschieberei, die Täglichen Anzeiger und

Landeszeitungen in dunkelster Provinzen heftig singen, nicht in den Zeitstrom

faulig dringe, malten geschickte Jongleure ihm die Zeichen seiner Tiefe auf die

Rüstung, indem sie eine Ziehglocke aus Draht hinzufügten. Doch als ein

Eingeborener dies seltsame Watercloset benutzte und zog, ergab es wohl

dröhnendes Gelärme des Wassersturzes — aber selbst das Metall, das kupfern

geglänzt hatte, erwies sich als Blech und barst.

Man sah in einem Schlitten Herrn Meyer-Gräfe, Herrn Hausenstein, Herrn

Westheim, Herrn Wolfradt nahen. Sie waren gut eingehüllt und etwas nervös. Es

hatte sie sekiert, daß jemand ihnen, die das Malerische als Domäne hatten, sagte,

das Tagebuch des Herrn von Chantelou enthielte bereits seit Jahrhunderten alles

Wissenswerte über jede Kunst. Das Pferd, mit Fuchsschwänzen und Schellen

geschmückt, hätte fast an Herrn Steffen gestoßen, denn er ging mit verträumtem

Auge und sah nur, was in früherer Existenz an diesem Orte vorgegangen und für

ihn allein erreichbar in der Luft zurückgeblieben. Er wußte die Prosa mit

schlichter Schweizerischkeit, seinem angenehmen Nachbar Hesse darin ähnlich,

in eine gläubige Höhe zu bringen, die seiner Muskulatur nicht entsprach. Aber

die Innigkeit seines theosophischen Glaubens gab ihm bedeutende

Unerbittlichkeit. Nur vergaß er, daß nur Vorbereitete und Eingeweihte die Farbkombinationen einer solchen Lehre verständen und daß er, der

verehrungswürdig ist, besser in Predigten rede als in dem Kunstrahmen, der sie

erstickt. Er geht sehr allein und gehörte eigentlich der Kellerprozession zu, allein

da er künstlerisch nur nebensächlich, als guter Menschenführer aber eigentlich

zu betrachten ist, ist wie das meiste suchende Deutsche er nirgendswohin zu

stellen. Es laufen einige originelle Menschen ähnlich durch den Schnee. Die

Dialektler, aus denen allein ja die Sprache neu heraus wächst, da sie tropisch ist

und herrlich unlogisch, haben den Hessen Alfred Bock, der in Dörfern und

Mundartschluchten ein saftiges und eigentümliches Mentalitätsgebräu sucht. Auf

Hickoryskieren kommt Löns, der deutsche Freund des Kipling, des Jürgensen,

der das Kongograuen zeigt, des Fleuron, der die Tierseele aus sich selbst heraus

entwickelt (daß Menschen denken, Biester zu sein, statt des umgekehrten

beliebten Verfahrens). Er hat ein Gewehr auf dem Buckel. Kleine Sachen, große

Sachen. Erdgeruch, ähnlich dem frühen Jensen und Madelung. Ein Landschaftler

mit wie die Erde toll und grausamem Gefüge. Wie er ansaust und bremst: erste

Klasse, erste Klasse. Man kann am Abend den dritten Outsider bei

Bauernweibern hören. Herr Utzarsky macht Späße seiner spanischen Reise. Das

wurde der deutschen Prosa nicht mehr zugetraut, daß sie so festen Hintern habe,

so derb qualme, so stänke und so saftig sei. O Geist Cervantes, der mit Rabelais

sich mischt. Auch die Fabliaux und Squenz und Straparola haben um die

Petrolkugel der Gespräche geschwebt. Es zog sie wütend an, wo seit Jahrzehnten

sie kein Medium fanden, in das sie stürzen konnten. Nun hocken sie zusammen.

Das gebildete Publikum eilt hinweg vor so viel Fleisch und Unanständigkeit. Im

Qualm hat es das Aussehen eines Holzschnitts, allein das Bild bewegt sich

manchmal, man merkt mit allen Sinnen, wie stark es existiert. In jedem guten

Sinn ist hier was deutschbarock geworden. Jedoch ist für engagierte Teutonen

die Tafel vor dies Wort gehängt, daß keine neue Fraktion und nichts Politisches

damit gemeint sei.

Die Wintergegend ist noch groß. Man kann sie schwer in allen Winkeln

übersehen. Hier ist ein Prisma, es ist genug verkreuzt. Nur gibts noch tausend

Abseitigkeiten, die Maulwürfe haben die ganze Talkesselung umwühlt und ihre

Hügel überall gesetzt. Auch wo von heuschleppenden Pferden Abfall hinkam,

haben blau und grün schillernde Käfer in Legionen sich gesammelt. Man soll

den Zuschauenden nicht belästigen. Mist ist wie Kokotten und Militarismus auch

international von durchaus gleichstem Element. Auch ist, was ich angedeutet,

nicht eine Menschenlebensdauer, es ist tatsächlich eine Saison. Doch sind die

Zufallsfischzüge die charakteristischsten. Ich bin nicht in Verlegenheit, dem

Frager Wichtiges und das gezeigt zu haben, was der Pflug durch die Geistebene

bei Seite wirft. Ein Demiurg schuf auch die Würmer und die Engerlinge. In der

Mitte des scheinbaren Ödlands aber hat eine Schar die Ehrfurcht vor dem

dichterischen Wort ergriffen.

Sind Sie ein Spanier in der Tat, der ausfragt, wo am vierundzwanzigsten

Januar Neunzehnhundertzwanzig ich in Eile bin, in die Schweiz zu fahren, sind

Sie Afrika näher als ich. Was von ägyptischer Geistigkeit der Jahrtausende blieb,

ist nur etwas Form, etwas Kunst. Es ist jedoch eine riesenhafte Sache. Auch

hatten sie Niveau. Sie waren nicht für jenen, diesen Außenseiter. Ein einzelner

Obelisk war ihnen Blödsinn. Sie machten zweireihige Alleen. Da das

Durcheinander so bedeutend ist und so vieles noch nebeneinander wächst, ist

nichts nötiger, wie einen guten Durchschnitt zu bilden. Es geht um die Tat, das

eigene Terrain ins Europäische langsam heranzuführen, nicht darum, in

exklusiven europäischen Schichten in Klubsesseln wohl zu sein. Die

Qualitätsfrage nimmt fast das Schema sozialer Strukturen an. Auch ist trotz alles

Delabrements die Situation hoffnungsfreudig. Erreichten wir dieses Minimum

nicht, wäre es vorzuziehen, gleich Butonesen nicht mehr sich zu waschen und an

den Beinen in Bäumen sich zu erhängen. Immer aber schwebte die geflügelte

Erde mit der Schlange vor den Tempeltoren. Man ist auf dem Weg scheinbar und

besingt sie heftig. In Tirol, mein Herr, sah ich eine Orgel, die so langsam lief,

daß der Curé, während er spielte, das Vergangene hörte, das Gegenwärtige nur

auf die Taste setzte, aber mit dem Blick schon auf der dritten Ebene, den

kommenden Noten, weilte. Er spielte gut und hatte das Augenblickliche fest in

der Tastatur der Hand. Aber mit aller Spannung und jeder Wirkungsabsicht hatte

auf das Kommende er zärtlich den Blick gerichtet. On est bien à la toilette,

quand on attend son amant.