Die doppelköpfige Nymphe

Kasimir Edschmid · Kapitel 14 von 23

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Die doppelköpfige Nymphe

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11. Theodor Däubler und die Schule der Abstrakten

 

Theodor Däubler ist im menschlichen Schnitt schon kosmisch geraten. Aber

seine Monumentalität ist nicht mehr rassehaft; mit schwarzem Bart, dem riesigen

Körper und den kleinen halbmondhaften, schrägen Augen langt er nach Asien

wie sein Werk. Es geht da alles schon übers Europäische hinaus. Auch ist er der

einzige, der neben Schickele weise genannt werden kann. Seine Blutmischung

ist romanisch-italienisch, die des Schickele romanisch-fränkisch. Wir scheinen

keine germanischen Geistsouveräne mehr zu haben, sind in einem Tiefstand der

Rasseäußerung. Wir hätten sonst den Krieg nicht angefangen und nicht verloren.

In Clémenceau, in George, in Pétain ist ein auch dem Blutfeind ins Gesicht

hüpfender Überlegenheitswille. Bei Jagow, Scheidemann, Hindenburg eine

platte Mittelmäßigkeit. Erst aus den Katastrophen wird die deutsche Seele,

wahrscheinlich später, wenn beruhigtere Epochen uns ablösen, sternhafte

Klarheiten äußern. Däubler ist eine der wenigen Figuren, die heut nicht nur

genial sind, sondern eine Größe darstellen, wie sie die überlegeneren Franzosen

mehr besitzen. Er ist ein Bruder des Francis Jammes, des in Deutschland fast

unbekannten großen Charles Louis Philippe, aber auch einer Litaipes und der

Veden. Er ist einer der von innen Leuchtenden, selbst das Dunkle und Wirre hat

den einfachen Reiz. Eigentlich ist er wohl Lyriker. Über Kunst hat er das

Schönste nicht nur, sondern auch Wesens-Tiefstes gesagt. Als europäischer

Wanderer hat er noch für Impressionisten gekämpft, Picasso durchgesetzt, und

ist erst im Kriege nach Deutschland gekommen. Man sagt, auch über Musik

habe er Bedeutendes geäußert. Lange, ehe italienische Nationalisten damit

energisch Schule propagierten, hat er futuristische Verse geschrieben. Seine

Prosa ist von großer Bedeutung für die Entwicklung. Sie ist wie sein Vers

merkwürdig undiszipliniert, an manchen Stellen läuft sie hinter ihm her, als

kümmere sie ihn nicht. Dann aber macht er sie wie Schnee.

Das ist der geheimnisvollste Prozeß auf der Erde überhaupt. Im Schneien

sind alle Farben, Freuden und Abenteuerlichkeiten des Erlebens immer

vorhanden. Bauern und Gebirgler unterscheiden ihn auch nicht etwa weiß,

sondern blau und rot. In Wahrheit ist das natürlich erst der Anfang, ihn zu

begreifen. So ist das Wichtigste wohl an ihm. Man muß denken, daß er stark im

Süden wandre und am besten von dort aus seine Sehnsuchtsverschwisterung mit

den Sternen erreiche, und man kann nicht verfehlen, dabei von Malern reden zu

müssen, um ihn deutlich zu machen. Da ist Chagall, der ja auch im slavischen

Seelenlabyrinth die Südlichkeit hat. Die russische Seelenbreite hat Däubler gewiß, aber es ist nur ein Bogen. Dann hat er jene Klarheit, die schon aus dem

Gefühl vom Jenseits der Gegenstände kommt, das Klee in guten Momenten

erreicht. Jenes Nur-Wissen um Tiefe der Farben und der Mondbewegungen.

Manchmal scheint es, als laufe die ganze Epoche dort hinaus und das dauernde

Zerstören der Form lande in einer ganz abstrakten Kunst. Mir scheint das ein

bedeutsamer und enger Irrtum. Denn nur ganz wenigen und innerlich erlauchten

Personen ist es verliehen, über die Dinge hinaus zu sehen und die Mauer zu

überblicken, hinter der das Weltgeschehen wie ein schönes und feierliches

Changieren der leuchtenden und klaren Weltkörper vor sich geht. Dahin rechne

ich nicht die italienischen Futuristen, aber Chagall, Klee und Däubler. Die

andere Kunst wird immer auf der Erde bleiben, wo sie im Kampf mit den

Gegenständen und ihrer Vergeistigung schwere Niederlagen und heftige Siege

von fast gleicher Größe erreichen wird. Auf das ins grammophon- und

bilderbuchhafte Treiben des Dramas, das in den Scharnieren schon knackt,

geistig wohlverstanden, aber dennoch knackt wie ein Panoptikumsaffe, wird ein

wilder Hereinsturz naturalistischer Gefühle folgen. Ihr habt’s zu weit geschoben

schon. Das Negieren der Tatsachen und Ins-Blaue-Wursteln mit reinen

Vorstellungen ist eine Räterepublik von 1919. Die Bauern werden Euch mit

Knüppeln erschlagen. Eine Schule der gegenstandslosen Kunst halte ich für

unmöglich, aber es wird vielleicht ein starker dekorativer Stil daraus entstehen.

Die Suggestivität des erregenden und harmonisch-einschlingenden Weltalls

werden nur ganz wenige überirdisch schauende Künstler fertigbringen. Fast alle

abstrakten Künstler sonst würden versagen, wenn man sie vor Aufgaben der

Stofflichkeitsbezwingung stellte, und zwar so, daß ihnen nur offensichtlich

Dilettantisches und Dünnes gelänge. Das heißt, ihr Zusammenbruch wäre kein

radikaler und bestürzender, was ja für sie spräche, sondern er würde werden wie

eine Entschleierung. Nun hat aber Däubler noch etwas, nämlich auch die

kosmische Ruhe, das Idyllische und sich im Geistigen so zu-Hause-Fühlende, als

sei das seit Jahrtausenden die Tätigkeit seiner Familie. Etwas ähnliches hat Franz

Marc bei uns versucht, indem er auf die großen persischen Vorbilder kam. An

geistiger Idylle haben wir ja den Schweizer Walser. Der schreibt immer wie ein

Knabe, aber nicht ohne Raffinement. Walsers idyllische Welt hat auch

Regenbogen, aber mehr im Sinne der naiven Kinderbücher, sie ist doch in

wichtigen Momenten ins andere Jahrhundert zurückgewandt und hat bürgerlich-

romantisches Blut wie der Spitzweg. Seine Abenteuerlichkeit besteht doch

wesentlich darin, daß er sich abseits der Gesellschaft empfindet, er steht im

Gegensatz zu ihr, aber deshalb noch lange nicht in Ninive. Wenn die Schweiz die

Welt allein wäre, ließe sich diskutieren, daß er ein großer Dichter des Kosmos

sei. Aber wenn Däubler erstaunt ist, ist es nicht die erzwungene Naivität des graziösen, fast rokokohaften Jünglings, sondern das Staunen der ersten Tiere, der

Heiligen, des Defoe und der Erdkörper selbst, wenn es wahr ist, daß sie in einem

göttlichen Atem immer schaukeln. Sein Glaube an die Erde und gerade ihre

Mission und die der Menschen ist ungemein groß. Seine Prosa sagt es genau wie

die Lyrik. Interessanter, als was er sagt, ist daher immer das Darumzitternde. Obs

ein Bild oder eine Nacht ist, plötzlich geistert es. Natürlich hat er nie

Erzählungen geschrieben oder Sachen, die vorgehn. Höchstens, daß er auf sie

gleich einem Schemel steigt, um rasch da hinauf zu kommen, wohin ihn es zieht.

Seine Sätze werden sofort visionär, umnebeln sich und irren im Freien. Dabei

haben sie eine Zeugungskraft in sich selbst, die Däubler oft fast in

Hoffmannsthalsche Nähe bringen, wo Lust und Klang sich berauschen an sich

selbst. Doch er gleitet immer heraus, er ist weich und monumental, das weist ihn

auch (wie die Lasker-Schüler) auf den Erdteil manchmal, der der Welt geistig

näher ist als Europa, nach Asien. Suchte man ähnliches im Rein-Deutschen heut,

bliebe Hans Thoma, mit guten Altmännersprüchen und der meisterlichen

Gestaltung eines Stücks Deutschtum, das man Waldbach oder Mondschein

nennen kann, das aber nicht in Siriusakkorde einschwingt. Tief unter Däubler.

Wir sind doch sehr arm, eben weil wir, den Anschluß verloren hatten. Welche

Geistriesen waren die Ottonen, war Heinrich der Vierte und Geprüfteste noch

gegen diesen armen mechanisierten Ludendorff. Däublers Sprache ist eigentlich

tatsächlich Schnee. Sie setzt sich aus wenigen Flocken in ein Gestöber um,

Vision opalisiert sich an Vision der Farben, öfter kommt eine fabelhafte

Gebirgsgegend unter fast fremder Sonne mit donnerndem Blauhimmel. Er hat in

der Sprache keine logische Absicht mehr, sondern vielmehr den Willen, aus ihrer

ungeheuren Vielhaftigkeit immer das Sternspiel herauskommen zu lassen,

berauscht sich am Anblick und spielt damit immer weiter, bis er rasch in

Seelenzustände wieder hineinschwingt. Dabei bekommt die verhüllte Farbskala

immer einen dalmatinisch silbernen Schatten um die Kontur. Immer neue

Landschaften der Seele fallen vor den Wortvisionen auf.

Er hat da einen Antipoden und einen Freund im gleichen Bezirk, sowie einen,

der halb in seinem Ring, halb außer ihm liegt. Nämlich das sprengende Prinzip,

das ähnliches erreicht, doch nicht mit Pendelschwingen eines alles

einbeziehenden Gefühlsmeeres, sondern mit einer bombenhaften

Zerschmetterung aus dem Hirn her, das ist Gottfried Benn. Er hat nur ein ganz

kleines Territorium inne gegen Däubler, ist aber neben ihm in anderem Sinne

gleich wichtig für die in ganz ungekannte Grenzen brandende

Bedeutungsentwicklung der Prosa, die wahrlich heut fast genau so viel

ausdrücken kann wie die Lyrik. Auf Vorgänge kommt es ihm nicht an, ihn

sensationiert das Wort wie eine Metallkugel, in der ihm alles gespiegelt ist, was er liebt, braune Haut, Weiber, Göttliches in Überfülle. Das Zerebrale feuert ihm

die Welt auseinander, fast um sich beißend, drückt er aus dem Wort die letzte

Schlagkraft heraus, ein dramatischer Vorgang, ein Krampf immerhin. Sein

Gesicht wird derart mit Spannung und Ladekraft überhäuft, daß es ungemein

angezogene Kurven erhält. Im molluskenhaften Urnebel Däublerscher Sprache

vollzieht sich der Bennsche Vorgang wie Kristallisieren, Eckenbekommen,

geometrische Schlagkraft des Ewigkeitsausdrucks. Die Entschlossenheit ist

ähnlich wie die von Heckel oder Kirchner, wahrscheinlich aber innerlicher und

neuere Gebiete aufbrechender als die der beiden Maler. Tatsächlich wird hier

explodiert und bis zum Wehtun intensiv umgedacht in gehämmerte neue Gestalt.

Genau so sicher verleugnet Franz Kafka alles, was im menschlichen Bezirk

beziehungshafte Bedeutung hat, es interessiert ihn keine Minute. Logik und

Psychologie und alles, was uns an menschliche Begrenztheit und

Abgeschlossenheit gegenüber dem Äther erinnern könnte, ist gar nicht mehr da

später. Allerdings noch am Anfang, was ihn allein von den anderen

unterscheidet, denn er fängt Geschichten zu erzählen an, Handlungen und

Hergänge wie die Dichter unserer Großmütter auch. Aber dann ist bis zum

Gefrieren erschreckend, mit welch übersinnlicher Sicherheit und Präzision sich

die Sache ins Kosmische entwickelt. Grad’ wie er die Linien durchbricht, die

unsere Welt von der außenliegenden absperren, ist phänomenal. Plötzlich, wie

durch Magnetisches, sind sie durch das Glas weg, was uns einschließt, und

gehorchen mit gleichen Absichten ganz anderen und größeren Gesetzen. Man

denkt an Jules Vernes Vorgang der Expeditierung der Menschen auf den Mars

mittels des Fernrohrs, natürlich nur ein recht grober Vergleich. Jedenfalls

praktiziert Kafka das Wunder tatsächlich ganz natürlich in seine Vorgänge

hinein, die sich auch ganz übernatürlich auflösen. Tod, Schmerz und Lust

existieren in diesen Räumen nicht mehr, da entwickelt alles sich aus den Formen

eines übergeordneten tragischen Geschehens. Diese Form ist im Grunde

natürlicher und bedeutender wie die Meyrinks, der sein Geisterreich immer

konstruiert, immer einen Fächer aufschlägt, immer die Pose hat, daß selbst der

naivste Schwung bemerkt: alleweil geht es ins Nebulose. Allerdings kommt er

dann auch glatt hinein. Natürlich ist aber Kafka ein bescheidenes Talent in der

Kraft seiner Äußerung, schmale Novellen und Betrachtungen machen einen

recht kleinen Kreis um Prag. Aber die Eindeutigkeit ist gewiß sehr ausstrahlend.

Ebenso ist es mit Paul Adler. Diese Dichter all haben ja nicht die Absicht und

wahrscheinlich keineswegs die Gestaltungskraft, das Bild einer Epoche und

eines Volkslebens aufzubauen wie Dickens, Voltaire, Balzac, Zola. In diesem

Sinn kommen sie überhaupt nicht in Frage und können so gar nicht angeschaut

werden. Es fällt eher in Philosophisches statt in soziale Strukturen, was sie erstreben, und viel mehr ins Abseitige, aber ungeheuer erweiternde, Material,

geistiges Fundament und Bedeutung Schaffendes als in Kunst allein oder

Architektur der Geistesbogen. Wenn Däubler im Nebel der Adria einen Raben

schreiend auffliegen sieht, bestürzt ihn der Ton so, daß ihm das Gefühl gibt, dies

sei der erste menschliche Ton. Er schaut im Sanskrit nach, da stimmt der Laut.

Auf solchen Bögen läuft hier alles; von den ersten Ursprüngen des Existierens

bis in die letzten Geahntheiten der Menschenkugel. Alle Grenzen sind

durchbrochen, die eine Handlung, einen Zeitkatafalk bauen könnten. Stürzen die

Dämme des hochgelegenen Festlands ein, wird Meer Afrika, Asien, Australien,

Amerika, Europa, die Pole und alle Inseln überschwemmen. Das wird vielleicht

eine Sensation ungemeinen Grades sein. Die Südseeflecken, Palau und Otaheiti

werden wie Monde in dem brausenden Nebel zittern, vielleicht wird eine Stadt,

Moskau oder Theben, zehn Meter unter der Oberfläche silbern, die Dschungeln,

der Bois de Boulogne und der Lunapark mit dem Hradschin und Pekingzentrum

auf Mondregenbögen flackern. Es wird ein gewaltiges Ahnen großer

Zusammenhänge des Weltgeschehens da sein. In dieser Verbreiterung, die nicht

Chaos ist, sondern nur Überwinden der menschlichen Gebundenheiten, vollzieht

sich diese Kunst. Bei Paul Adler sind die letzten Konsequenzen gezogen. Er hat

einen archimedischen Punkt außerhalb des Sterns gefunden. Von dort aus setzt er

sich die Erinnerung des menschlichen Gestirns neu und besser zusammen. Raum

und Zeit hebt er auf und schiebt alle Ebenen ineinander, die sehr sauber und

abgestaubt auf der reinlich-bürgerlichen Erde übereinanderstanden. Was früher

dämmrig war, ist ihm das Chaos der Gebundenheiten, Verwirrungen und

Tierheiten. Daraus entwickelt er aus Räumen mystischer Verwandlungsfähigkeit

sich ins Gottsucherische hinan. Samten und goldweich seine Sprache.

Unergründlich die glanzvoll gedämpfte Biegung der Bilder. In Graves und

Largos ergeht die Zwiesprache mit der Schöpfung und aus paradiesisch

umnachtetem Raum singen Steine, reden die Pferde. Keine Verwüstung

geschieht hier, nur ein Durcheinanderhäufen, damit das harmoniesuchende

Menschliche tiefer steigen und höher gleiten kann.

Das ist ein entzückendes Spiel, das der Geist sich mit dem Kosmos gestattet.

Manchmal gelingt es dem einen oder anderen, mit einem Traum wie mit einem

Tritt die Erde bei Seite zu schieben, dann sieht er das Aquarium des Geschehens

in rätselhafter Schönheit. Es wird nicht ganz gelingen vorderhand, solang der

Stern noch so unvollkommen, die Menschen so irregeleitet und die Führer so

kleinköpfig sind, die Erde selbst zu ignorieren. Wir anderen sind magisch an sie

gebannt, müssen ihre Schmerzen durch Bauch und Herz mitschreien, ihr

Weggehen mitwandeln, die Not und das Leid unserer Erdenjahre erdulden,

mitleiden und gestalten und unser Durchgemachtes aufbauen zu dem Monument, das, einmal an Schmerzen und Sühnen übergroß geworden, den Weg uns ins

Kosmische gestattet. Nicht aus dem Spiel des Geistes kommen wir hinter die

Mauer, wo Kometen laufen und Raum und Zeit in schöne Farbdunkeleien

eingestürzt sind, sondern vorderhand durch die Streiterei und das Aufunsnehmen

der Welt. Wir müssen hindurch uns bohren und können uns nicht, schöne

Verantwortungslose, hinübersehnen oder sie bei Seite schieben in einer

erstaunten Stunde. Zentaurisch sind wir am Leib der Zeit festgewachsen. Das ist

Weg und Ziel der Generationen. Das andere ist ein Spiel von Größe, aber ein

Spiel nebenan. Es ist sehr wichtig, weil es uns unerschöpfliche Neuatmungen,

Aussichten, Farben, Pollen, Fabeltiere, zeigt und zuträgt. Manchmal sehen wir,

die wir uns Tausende von Jahren noch mühen müssen, wichtiger als die anderen,

wie Däubler dann, der Genosse der großen Indier und Chinesen, von einem

Baum aus Sterne wie Uhren reguliert und überwandert ist von Monden, viel

größer geworden wie die Sterne all um ihn, später aufstehend und wie in einem

Regen zwischen ihnen urwärts fortwandern.