Die doppelköpfige Nymphe

Kasimir Edschmid · Kapitel 13 von 23

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Die doppelköpfige Nymphe

10. Datterich (Dialekt-Tragik)

 

Ich setze diese (zu seiner Säkular) geschriebene Zeilen hierher, um

Niebergalls Andenken zu retten. In seiner Heimat streiten Pastoren und

Pollissons, ob er als versoffene Unke oder gleisnerisch und im

Gehrock sehr früh die Jagdgründe vertauscht habe. Seine Tragik ist

aber, daß diesen Schaffer des stärksten Dialektgeballs zehn Stunden

hinter seiner Vaterstadt kein Mensch und keine Rübe mehr versteht. Er

wollte das größte und hat (immerfort) das kleinste Publikum. So

deutsch schrieb kaum je einer, es ward aber (den anderen) chinesisch.

Er war ein armer Kerl, vor dessen Werk die Zeit ihre Ironie exerzierte.

Er soll im Angedenken nicht verloren gehen.

 

Kann etwas leichter sein, als mittags, das Gesicht gegen den Himmel

schwebend, zu liegen. Zwischen Himmel und Gesicht hängt das Glasdach eines

Atelier. Kann etwas leichter sein, als daß Märzgewitter klingend darüberspielen,

Hagel auf dem Dach sich zerhaut, der aus dem Imaginären kommt und mit

einem Mal ganz nahe wie ein Tier in wütendem Bündel gegen das Gesicht stürzt.

Aber das Glas schwebt ihm entgegen, leicht und glänzend, und das Eis zerknackt

sich an ihm mit klirrendem Anprall. Es lautet, als beiße der Hagel sich toll die

Zähne aus und unser Gesicht liegt lächelnd darunter. Gewitterschläge schwingen

und stehen überall in der Luft. Regenbogen laufen über das Kristall des Atelier,

einer Blase von Glas gegen die süße Wut der Gewitter aufgebeult und mit einem

Male dann wieder lichter Ballon und breiter Schmetterling in seidiger Sonne

schwimmend, von strahlendem Himmel gehalten. O Leben unserer beiden

hessischen jungen Dichter, das diesen Tagen glich wie ein Tanz einem andern

und jeder kurze Rausch den ungeheuren Räuschen dieses Seins. Georg Büchner,

erster und liebster der Darmstädter Dichter, dessen Kunst ein zuckendes Tremolo

von Faustschlägen war über einem schlanken Stück Jugend, und der aus der

fabelhaften Explosion seines vierundzwanzigsten Jahres wie ein metaphysisches

Projektil in rasende Unendlichkeiten geschleudert wurde. Und dann, Genosse

seiner Stadt und Zeit, trunkener Bruder seines maßlosen Suchens, stiller und

seßhafter Mensch, Ernst Elias Niebergall, Hauslehrer und Theologe, immer

gefüllte, nie zerplatzende Petarde im sonntäglichen Raum der kleinen Stadt, aber

immer geschwellt und ewige Drohung, auf einem schmalen gezäunten Steg

Leben lavierend, manchmal von Räuschen überschaukelt, taumelnd durch Wein

und Bürgertum, und im achtundzwanzigsten Jahre sanft hinausgeschoben über

die breite Dürftigkeit des Lebens, das mit groteskem Schweigen und wahnsinniger Komik gefüllt war bis zum obersten Rand. In Darmstadt heißen sie

solche, die mit neidisch-verkrampften Fingern gierig und bebend nach dem Glas

haschen, ehe es noch die Tischkante berührt, deren Hände tanzen den ganzen

Tag vor zitternder Sehnsucht und die sich erst beruhigen im Griff des Römers,

solcher Leute Zustand heißen sie Datterich. Ernst Elias Niebergall hat seine

verschwiegene Tragik, seinen unheimlichen Humor, in ein Stück

hineingeschrieben, dessen Mittelpunkt, Helden und Partikulier er Datterich

nannte. So heißt auch das Stück, das zu herrlich war, als daß man es über hundert

Jahre hätte vergessen können. Es kann sein, daß man das Stück sieht fünfmal,

fünfmal in vier Wochen, es kann sein, daß das Falsett begeisterungsfähiger

Weiber in Lerchentönen schluchzt, das Herz muß folgen, denselben Takt,

denselben Takt.

Hier schwankt das bürgerliche Leben in jeder Breite voll Tollheit, Dürre,

klebend, aber wundervoll in allen Gängen bewegt gleich einem rasch

durchhauenen Ameisenbau in der Vielheit der Gestalten hin und her. Luft vom

Anfang vorigen Jahrhunderts, dick und bleischwer, weht mit Figuren belebt, die

taumeln. Niemand kennt mehr diese Butzenscheiben und guten Stuben und

blankgefegten Dielen der Kneipen, die das Geschehen der Dinge, diese

Menschen einschließen. Überall hier kämpfen Außenseiter des Bürgerlichen den

uralten Kampf ihrer ewigen Legion gegen die starre Barrikade der kleinen Stadt.

Typen, Typen, Typen . . . es ist unsäglich, Saft, Blut, aufspritzende Kraft,

trunkenstes Sein . . . das Leben ist zu rund, ist zu massiv, als daß es töten könnte.

Wie Geigenstriche rennen die Streiche der Kneipenhocker über die biedere

Physiognomie der Stadt. Ihre Sprache hat eine Gedrängtheit von lapidarem

Humor, ihre Geste hat das Groteske des Tragischen, ihre Hose die Seßhaftigkeit

der langen Nächte und des gering gebliebenen Horizonts. Aber in der nichts

Weites und Glühendes gewohnten dürftigen Enge ihrer Seelen und Gesichte

heult mit dunkler Ewigkeit die klingende Fronde. In ihren Herzen vagabundiert

die Endlosigkeit der Welt, während sie skaten und saufen. Ihre Lüge ist

Geistigkeit, ihre Kehlen, die strotzend voll Musik liegen wie die Bäuche der

Baßgeigen, legen jedes Wort hin wie einen Stein, so fest, und fassen alle Sachen

ihres gewöhnlichen Lebens in Worte von ungewöhnlichster Gewalt. All ihre

Anstrengungen scheinen nur Kämpfe gegen Kellnerinnen, Schuster, Vorstöße

gegen Beamte, Metzger, Barone, aber im tieferen Grunde ist es gegen die

unerhört schöne Borniertheit des schlechthin Bürgerlichen der Anprall der

heißen Welle der Phantasie. Zwischen den großen Fugen liegen die kleinen

Entreakte von Liebeslauten gelispelter Derbheit, Duelle der Drechsler, Politik im

Mikrokosmos des Weindorfs, nächtliche Parke und Philomelen, von bourgoisen

Blicken gestreichelt, bourgoisen Rahmen eingeordnet und doch in einem tollen Wirbel darüberhinaus sich hängend wie schwere Goldreinettes über

Landschaftswegen. Manchmal aber fällt alles in einen bacchantischen Strudel

des Geschehens, der Rede, der mitlebenden Szene. Worte fallen, platzen. Gesten

explodieren, die gefesselte Seele des Stücks entzündet sich über die Enge des

spießerischen Raumes hinaus, brennt immanent dem Milieu, strahlt von innen,

glüht, johlt, die Szene biegt sich wie unter dem Gestampf eines schweißig

ringenden Paares, die Bühne birst vor der Kraft und steht am Ende dampfend da

und erledigt von der Wucht des Gewesenen.

Durch den unermeßlichen Strudel in Emotion gebrachter und glühender

bürgerlicher Weltatome aber schwingt sich wie ein Sommermond schön,

tragisch, toll und hundsföttisch die Figur des Datterich. Er hält gleich einer

überlegen parodierenden Gerechtigkeit die sechs Bilder des Stücks in seinen

Händen, doch sie werden seinem Gleichgewicht zu schwer und ziehen ihn nach

der Seite und lassen ihn eine Weile in hellen Zirkusrädern hinrollen, bis er in

einer Minute neuer Balance in eine große Pose zurückfällt. Am Ende schlägt

sich das Stück mit allen Agierenden in einem bunten und prachtvollen Rad noch

einmal vor ihm auf und er hält Abrechnung mit der Welt, den Kopf in den

Nacken gelegt, die Hand leis bewegt von oben nach unten. Er ist überlegen in

allem Angeborenen und vom Blut Bedingten, himmlischer Gegenpol des

Städtischen, Verschwisterten, Engzusammengebauten, siegreich, glänzend,

allein. Kurz darauf aber jagt ihn am letzten Horizont des Stücks die harte

Realität eines Fußtritts aus der Bahn. So schwenkt auch hier in einer höheren

Bedeutung der tolle Kreislauf des Lebens den Helden in einer entzückenden

Miniatur aus dem Hochgefühl in die Beschämung, denn es ist gut und recht so,

daß ein Wechsel sei.

Datterich ist alles, was das Leben schön macht: er ist Romantik, ist geistvoll,

ein Schwein, verkommen, voll boshafter Lyrik und pragmatischen Sentiments,

Filou, brennend vor Unternehmen, ein Hund, voll Ehre bis unter den

Fingernagel, ohne Geld und das Leben wie auf einem Karussell mitfahrend, auf

dem Gelage, Wind und Abenteuer ist. Seine Gestalt erscheint komisch und

heldisch, aber unethisch am Ende, weil sie alles hat, nur nicht das letzte und

trübste Requisit des Nichts-Als-Bürgerlichen: Güte aus Sentimentalität. Durch

das Transparent von Spießigkeit und feineren Weinen ist er ein Fenster auf die

tragische Narrheit des Lebens, das leichter und klüger scheint wie das der

Bouffons des Briten und vor allem — viel zu massiv als daß es töten könnte.

Schneidet man ein Filet von gutem Ochsen, rasch auf heißestem Rost

gebraten, blank auf, läuft der Fleischsaft hellrot heraus. Das ist die Sprache des

Stücks, Dialekt, Darmstädtischer, stumpfer, modulationsloser wie der des Elsaß,

mehr in allen Kapriolen der A und O aufsteigend und fallend, nicht schillernd, unmusikalisch, aber schwielig und breit und ungeheuer spießisch, derbblutig,

doch ohne Elan. Und wie das klingt . . . und drüber hinaus, wie die Drähte laufen

vom Lokalen zum letzten Seelischen und vom Dialekthaften plötzlich ins bitter

Schmerzende und um alles schließlich Funken der großen Fahrt aufsprühen in

der rasenden Bewegtheit, der latenten Seinsrealität in allem Fließenden . . . wie

die Sätze jagen, Schlag um Schlag, Schläuche gefüllt mit Drastik, Urtum,

Bauernhaftigkeit und derbem Leben . . . wie das Ganze so muskelhaft ist, daß es

die besten Spieler unserer Zeit mit den redlichsten Darstellungen nicht

verhunzen können — man muß das sehen, es ist mit der verzweiflungsvollsten

Wucht noch immer nicht zu sagen.

Daß das Stück Lokalposse heißt, ist eine Bescheidenheit, die sich nach sechs

Sätzen von selbst auffrißt. Denn hebt man das kriwwelnde Gehäuse tiefsten

Bürgertums unter eine rasche Lupe, stürzt in einem jähen Aufrauschen die Welt

mit größtem Geschehen unter das Glas, und mit einer schreckhaften Blässe

erkennen wir keine Gebundenheit mehr an Zeit, Ort und Sprache, sondern alles

Zierliche und Kleine hängt mit einem Male in ungeheueren Dimensionen mit

gewaltigen Mäulern schluckend und saufend an den breiten Mutterbrüsten der

obersten Welt.

Ernst Elias Niebergall wurde geboren Achtzehnhundertfünfzehn und starb

mit achtundzwanzig Jahren. Neben anderem liebte er Wein. Auch war er nicht

ohne europäische Gefühle.

Kann etwas leichter sein, als an Dichter denkend, mittags, das Gesicht gegen

den Himmel schwebend, zu liegen. Zwischen Himmel und Gesicht hängt das

Glasdach eines Atelier. Märzgewitter stehen wie wilde Hummeln über dem

seidigen Blau im Horizont.