Die doppelköpfige Nymphe
10. Datterich (Dialekt-Tragik)
Ich setze diese (zu seiner Säkular) geschriebene Zeilen hierher, um
Niebergalls Andenken zu retten. In seiner Heimat streiten Pastoren und
Pollissons, ob er als versoffene Unke oder gleisnerisch und im
Gehrock sehr früh die Jagdgründe vertauscht habe. Seine Tragik ist
aber, daß diesen Schaffer des stärksten Dialektgeballs zehn Stunden
hinter seiner Vaterstadt kein Mensch und keine Rübe mehr versteht. Er
wollte das größte und hat (immerfort) das kleinste Publikum. So
deutsch schrieb kaum je einer, es ward aber (den anderen) chinesisch.
Er war ein armer Kerl, vor dessen Werk die Zeit ihre Ironie exerzierte.
Er soll im Angedenken nicht verloren gehen.
Kann etwas leichter sein, als mittags, das Gesicht gegen den Himmel
schwebend, zu liegen. Zwischen Himmel und Gesicht hängt das Glasdach eines
Atelier. Kann etwas leichter sein, als daß Märzgewitter klingend darüberspielen,
Hagel auf dem Dach sich zerhaut, der aus dem Imaginären kommt und mit
einem Mal ganz nahe wie ein Tier in wütendem Bündel gegen das Gesicht stürzt.
Aber das Glas schwebt ihm entgegen, leicht und glänzend, und das Eis zerknackt
sich an ihm mit klirrendem Anprall. Es lautet, als beiße der Hagel sich toll die
Zähne aus und unser Gesicht liegt lächelnd darunter. Gewitterschläge schwingen
und stehen überall in der Luft. Regenbogen laufen über das Kristall des Atelier,
einer Blase von Glas gegen die süße Wut der Gewitter aufgebeult und mit einem
Male dann wieder lichter Ballon und breiter Schmetterling in seidiger Sonne
schwimmend, von strahlendem Himmel gehalten. O Leben unserer beiden
hessischen jungen Dichter, das diesen Tagen glich wie ein Tanz einem andern
und jeder kurze Rausch den ungeheuren Räuschen dieses Seins. Georg Büchner,
erster und liebster der Darmstädter Dichter, dessen Kunst ein zuckendes Tremolo
von Faustschlägen war über einem schlanken Stück Jugend, und der aus der
fabelhaften Explosion seines vierundzwanzigsten Jahres wie ein metaphysisches
Projektil in rasende Unendlichkeiten geschleudert wurde. Und dann, Genosse
seiner Stadt und Zeit, trunkener Bruder seines maßlosen Suchens, stiller und
seßhafter Mensch, Ernst Elias Niebergall, Hauslehrer und Theologe, immer
gefüllte, nie zerplatzende Petarde im sonntäglichen Raum der kleinen Stadt, aber
immer geschwellt und ewige Drohung, auf einem schmalen gezäunten Steg
Leben lavierend, manchmal von Räuschen überschaukelt, taumelnd durch Wein
und Bürgertum, und im achtundzwanzigsten Jahre sanft hinausgeschoben über
die breite Dürftigkeit des Lebens, das mit groteskem Schweigen und wahnsinniger Komik gefüllt war bis zum obersten Rand. In Darmstadt heißen sie
solche, die mit neidisch-verkrampften Fingern gierig und bebend nach dem Glas
haschen, ehe es noch die Tischkante berührt, deren Hände tanzen den ganzen
Tag vor zitternder Sehnsucht und die sich erst beruhigen im Griff des Römers,
solcher Leute Zustand heißen sie Datterich. Ernst Elias Niebergall hat seine
verschwiegene Tragik, seinen unheimlichen Humor, in ein Stück
hineingeschrieben, dessen Mittelpunkt, Helden und Partikulier er Datterich
nannte. So heißt auch das Stück, das zu herrlich war, als daß man es über hundert
Jahre hätte vergessen können. Es kann sein, daß man das Stück sieht fünfmal,
fünfmal in vier Wochen, es kann sein, daß das Falsett begeisterungsfähiger
Weiber in Lerchentönen schluchzt, das Herz muß folgen, denselben Takt,
denselben Takt.
Hier schwankt das bürgerliche Leben in jeder Breite voll Tollheit, Dürre,
klebend, aber wundervoll in allen Gängen bewegt gleich einem rasch
durchhauenen Ameisenbau in der Vielheit der Gestalten hin und her. Luft vom
Anfang vorigen Jahrhunderts, dick und bleischwer, weht mit Figuren belebt, die
taumeln. Niemand kennt mehr diese Butzenscheiben und guten Stuben und
blankgefegten Dielen der Kneipen, die das Geschehen der Dinge, diese
Menschen einschließen. Überall hier kämpfen Außenseiter des Bürgerlichen den
uralten Kampf ihrer ewigen Legion gegen die starre Barrikade der kleinen Stadt.
Typen, Typen, Typen . . . es ist unsäglich, Saft, Blut, aufspritzende Kraft,
trunkenstes Sein . . . das Leben ist zu rund, ist zu massiv, als daß es töten könnte.
Wie Geigenstriche rennen die Streiche der Kneipenhocker über die biedere
Physiognomie der Stadt. Ihre Sprache hat eine Gedrängtheit von lapidarem
Humor, ihre Geste hat das Groteske des Tragischen, ihre Hose die Seßhaftigkeit
der langen Nächte und des gering gebliebenen Horizonts. Aber in der nichts
Weites und Glühendes gewohnten dürftigen Enge ihrer Seelen und Gesichte
heult mit dunkler Ewigkeit die klingende Fronde. In ihren Herzen vagabundiert
die Endlosigkeit der Welt, während sie skaten und saufen. Ihre Lüge ist
Geistigkeit, ihre Kehlen, die strotzend voll Musik liegen wie die Bäuche der
Baßgeigen, legen jedes Wort hin wie einen Stein, so fest, und fassen alle Sachen
ihres gewöhnlichen Lebens in Worte von ungewöhnlichster Gewalt. All ihre
Anstrengungen scheinen nur Kämpfe gegen Kellnerinnen, Schuster, Vorstöße
gegen Beamte, Metzger, Barone, aber im tieferen Grunde ist es gegen die
unerhört schöne Borniertheit des schlechthin Bürgerlichen der Anprall der
heißen Welle der Phantasie. Zwischen den großen Fugen liegen die kleinen
Entreakte von Liebeslauten gelispelter Derbheit, Duelle der Drechsler, Politik im
Mikrokosmos des Weindorfs, nächtliche Parke und Philomelen, von bourgoisen
Blicken gestreichelt, bourgoisen Rahmen eingeordnet und doch in einem tollen Wirbel darüberhinaus sich hängend wie schwere Goldreinettes über
Landschaftswegen. Manchmal aber fällt alles in einen bacchantischen Strudel
des Geschehens, der Rede, der mitlebenden Szene. Worte fallen, platzen. Gesten
explodieren, die gefesselte Seele des Stücks entzündet sich über die Enge des
spießerischen Raumes hinaus, brennt immanent dem Milieu, strahlt von innen,
glüht, johlt, die Szene biegt sich wie unter dem Gestampf eines schweißig
ringenden Paares, die Bühne birst vor der Kraft und steht am Ende dampfend da
und erledigt von der Wucht des Gewesenen.
Durch den unermeßlichen Strudel in Emotion gebrachter und glühender
bürgerlicher Weltatome aber schwingt sich wie ein Sommermond schön,
tragisch, toll und hundsföttisch die Figur des Datterich. Er hält gleich einer
überlegen parodierenden Gerechtigkeit die sechs Bilder des Stücks in seinen
Händen, doch sie werden seinem Gleichgewicht zu schwer und ziehen ihn nach
der Seite und lassen ihn eine Weile in hellen Zirkusrädern hinrollen, bis er in
einer Minute neuer Balance in eine große Pose zurückfällt. Am Ende schlägt
sich das Stück mit allen Agierenden in einem bunten und prachtvollen Rad noch
einmal vor ihm auf und er hält Abrechnung mit der Welt, den Kopf in den
Nacken gelegt, die Hand leis bewegt von oben nach unten. Er ist überlegen in
allem Angeborenen und vom Blut Bedingten, himmlischer Gegenpol des
Städtischen, Verschwisterten, Engzusammengebauten, siegreich, glänzend,
allein. Kurz darauf aber jagt ihn am letzten Horizont des Stücks die harte
Realität eines Fußtritts aus der Bahn. So schwenkt auch hier in einer höheren
Bedeutung der tolle Kreislauf des Lebens den Helden in einer entzückenden
Miniatur aus dem Hochgefühl in die Beschämung, denn es ist gut und recht so,
daß ein Wechsel sei.
Datterich ist alles, was das Leben schön macht: er ist Romantik, ist geistvoll,
ein Schwein, verkommen, voll boshafter Lyrik und pragmatischen Sentiments,
Filou, brennend vor Unternehmen, ein Hund, voll Ehre bis unter den
Fingernagel, ohne Geld und das Leben wie auf einem Karussell mitfahrend, auf
dem Gelage, Wind und Abenteuer ist. Seine Gestalt erscheint komisch und
heldisch, aber unethisch am Ende, weil sie alles hat, nur nicht das letzte und
trübste Requisit des Nichts-Als-Bürgerlichen: Güte aus Sentimentalität. Durch
das Transparent von Spießigkeit und feineren Weinen ist er ein Fenster auf die
tragische Narrheit des Lebens, das leichter und klüger scheint wie das der
Bouffons des Briten und vor allem — viel zu massiv als daß es töten könnte.
Schneidet man ein Filet von gutem Ochsen, rasch auf heißestem Rost
gebraten, blank auf, läuft der Fleischsaft hellrot heraus. Das ist die Sprache des
Stücks, Dialekt, Darmstädtischer, stumpfer, modulationsloser wie der des Elsaß,
mehr in allen Kapriolen der A und O aufsteigend und fallend, nicht schillernd, unmusikalisch, aber schwielig und breit und ungeheuer spießisch, derbblutig,
doch ohne Elan. Und wie das klingt . . . und drüber hinaus, wie die Drähte laufen
vom Lokalen zum letzten Seelischen und vom Dialekthaften plötzlich ins bitter
Schmerzende und um alles schließlich Funken der großen Fahrt aufsprühen in
der rasenden Bewegtheit, der latenten Seinsrealität in allem Fließenden . . . wie
die Sätze jagen, Schlag um Schlag, Schläuche gefüllt mit Drastik, Urtum,
Bauernhaftigkeit und derbem Leben . . . wie das Ganze so muskelhaft ist, daß es
die besten Spieler unserer Zeit mit den redlichsten Darstellungen nicht
verhunzen können — man muß das sehen, es ist mit der verzweiflungsvollsten
Wucht noch immer nicht zu sagen.
Daß das Stück Lokalposse heißt, ist eine Bescheidenheit, die sich nach sechs
Sätzen von selbst auffrißt. Denn hebt man das kriwwelnde Gehäuse tiefsten
Bürgertums unter eine rasche Lupe, stürzt in einem jähen Aufrauschen die Welt
mit größtem Geschehen unter das Glas, und mit einer schreckhaften Blässe
erkennen wir keine Gebundenheit mehr an Zeit, Ort und Sprache, sondern alles
Zierliche und Kleine hängt mit einem Male in ungeheueren Dimensionen mit
gewaltigen Mäulern schluckend und saufend an den breiten Mutterbrüsten der
obersten Welt.
Ernst Elias Niebergall wurde geboren Achtzehnhundertfünfzehn und starb
mit achtundzwanzig Jahren. Neben anderem liebte er Wein. Auch war er nicht
ohne europäische Gefühle.
Kann etwas leichter sein, als an Dichter denkend, mittags, das Gesicht gegen
den Himmel schwebend, zu liegen. Zwischen Himmel und Gesicht hängt das
Glasdach eines Atelier. Märzgewitter stehen wie wilde Hummeln über dem
seidigen Blau im Horizont.