Die doppelköpfige Nymphe
9. Der Reisende
Es wäre Lästerung, nicht sofort auf das Bild und den Namen des Mannes zu
stoßen, der schon früh hier unerreichbare Erfüllung war. Ungekannt von den
Deutschen, verschollen seine Bücher, vergessener noch mehr sein menschliches
Bild, das in der Zeit, die Menschen braucht wie keine, wichtig und bedeutsam
ist. Es muß gewagt sein, seine Erscheinung in einer Laune, die so groß war, daß
nur er sie wagen konnte, sein Bild in einem gebogenen Glas zu geben: Auf einer
europäischen Landstraße rollt ein Wagen, himmelblau ausgeschlagen, mit
goldenen Quasten, riesigen Spiegelscheiben. Ein Windspiel auf dem Teppich
innen als einzigen Gast. Hinten auf dem Bock ein blonder Jäger, vorn auf dem
Bock der Herr. Er ist schlank, vornehm, in seiner Haltung ist Zartes gemischt mit
großer Energie. Er trägt Nankinghosen und Lackschuhe. Die Stirn ist
ungewöhnlich. Sein dunkles Haar fällt aus einem tunesischen Fes. Er schaut
nachlässig mit einer Lorgnette in den Wald. Den Hals bedeckt ein bunter
Kaschmirschal. Erste Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts. Dies ist Fürst
Pückler-Muskau, der größte deutsche Reisende. Er ist der europäischste
Charakter. Er steht dicht neben Casanova in der unerhörten Urbanität der
Gesinnung. Wie der Venetianer stets Italiener, bleibt er immer typisch deutsch.
Seine moralische Einstellung kommt nicht aus dekadentem Hirn, sondern aus
dem Temperament. Aristokrat der Gesinnung und Haltung, ist sein
Kosmopolitismus rein aus dem Geist. Er reist, als Reisen Gefahr ist und Frage
der Persönlichkeit, nicht Nuance des Kapitals. Er wird Kaleidoskop seiner Zeit.
Seine Schilderung Karlsbads gliedert das gesellschaftliche Jahrhundert. Seine
Lebenskurve ist sehr weit gespannt. In der Nähe Abessyniens ist seine Geste
dieselbe wie am Berliner Hof. Ein französischer Autor sucht ihn zu erledigen,
indem er aus seinen Büchern die Menüs zusammenstellt. Zwischen einer
Anekdote und einem inbrünstig erlebten Sonnenaufgang lächelt ihn der Fürst zu
Tod. Er hat eigene Orthographie, die pittoresk ist. Sein Buch über Parks ist die
größte Form. Er scheidet sich von der geliebten Frau, um in England reich zu
heiraten, verwirft den Plan, lebt geschieden mit ihr weiter. Er fährt unter
betäubendem Donner von Fregatten- und Linienschiffen im Hafen Alexandrias
ein, wo er sich mit Mehemed Ali befreundet, dessen Werk, wäre es gelungen,
eine Revolution der Historie geworden wäre. Auf afrikanischer Erde das erste
Glas trinkt er auf seine Frau. Er ist zart, gesund und anmaßend. War Rittmeister
in der Garde, in russischem Dienst, Gouverneur von Brügge. Die
Literaturgeschichten Deutschlands lieben ihn ahnungslos zu zerreißen. Bei Louis Philippe geladen, kommt er zu spät, die Königin nimmt gleich seinen Arm, er
lobt die Küche, redet von Politik. Er dringt nach den Nilquellen vor, weiter wie
je ein Europäer. Kamele tragen seine Weine. Löwen fallen die Karawane an, in
der Frauen und Knaben seiner Wahl mitreisen. Einer sagenhaften Stadt
nachfahrend, ihr gegenüber erkrankt er. Im Zelt von Blitzen umjagt, liest er zum
zehnten mal Voltaires Candide fährt dann auf dem mit Affen und Vögeln
beladenen Boot aus dem Sudan zurück. Sein Wissen ist profund. Seine
wissenschaftliche Rolle bedeutend. Gesinnung, Pikantes, Muskelhaftes spielen
wundervoll ineinander. Sein Stil oft dichterisch, seine Erlebnisfläche unerhört,
sein Aspekt stets von weltmännischer Objektivität . . . . . wer hätte solchem
Zueinanderkommen von so viel Glück und solcher Beherrschung Ähnliches
entgegenzusetzen?
Zumal unter Deutschen. Wer versteht den tieferen Sinn des Weltdurchlaufens
von ihnen? Reisen heißt: Gesamtwillen haben, Spannung besitzen, eine
Persönlichkeit sein, die zentripedal den großen Radius zu Urteil zusammenzieht.
Wer hat unter den Deutschen die Geste, die Selbstverständlichkeit, die innere
Voraussetzung, bei solch innerer Zerrissenheit der Kultur die Welt beschauen zu
können? Wer ist so stark, von so ungefestigtem Boden her, gegen das Totalste
treten zu wollen, das uns sichtbar gegeben ward: die Erde? Sie, die sich
sphinxhaft verhüllt, zu entschleiern, aufzubrechen, auf Leib und Brust ihr
loszugehen, ihr Rätsel schließlich aufzulösen und zu großem Ausdruck zu
gestalten . . . . . welche Aufgabe?
Ändern sich die Voraussetzungen des Reisens, so ändert sich auch die
Psychologie. Früher riskierte der Schweifende sekündlich den Leib. Später ging
es nur um eine Diarrhöe in Honkong, ein Fieber in Kapstadt. Früher war der
Reiz unerhört und bedrückend. Nun geht es mehr um das Urteil. Früher kam es
an aufs Entdecken, aufs Wühlen in Unbekanntem. Heute schaut man, Reisen
wird Politik des Geistes.
Aus welchem Herzen kam früher der Drang in die Welt? Gelehrte,
Verzweifelte, Abenteurer waren die Heroen. Große Exploiteure brechen in
Afrika ein. Gordon legt Eisen um den Sudan. Gessi, Baker, kämpfen dort. Emin
Pascha liegt im Krankenbett zu Bagomoio, während sein Retter Stanley auf der
„Somali“, gefolgt von einer ganzen Flotte, europäischem Ruhm entgegendampft.
Livingstone, der Schwede Andersson treffen den See Ngami, durch die Wüste,
durch Betschuanen sich durchschlagend. Rane, Franklin stoßen nach den Polen
vor. Schreiben sie, ist es bezaubernde Sachlichkeit. Ihnen ist die Gebärde fern,
die heut Helden zu Feuilletonisten ihrer Tat erniedrigt. Sie schreiben lediglich
sich und ihrem Gewissen einen Bericht. Der Chevalier Chardin reist segelnd
über Smyrna vor einigen hundert Jahren als Juwelenhändler nach Persien. Im Anfang des achtzehnten Jahrhunderts sendet die französische Akademie
Bouguer nach Peru, um die Erdgrade unter der Mittellinie auszumessen. Mit
dem britischen Gesandten durchquert John Barrow Esqu. China 1793. Die
spanischen Dreieinigkeitsmönche brauchten Ärzte in Tunis. So kam Herr Grager
nach Afrika. Da die Revolution sein Herz degoutiert, wandert De la Tocnaye zu
Fuß durch Irland und Skandinavien. Aus Tübingen bricht der Chemie- und
Kräuterwissenschafts-Lehrer Gmelius auf und bereist Sibirien auf das Ersuchen
der russischen Regierung. 1788 kommt Philipp Ticknesse nach Frankreich und
Katalonien. Ein Prozeß hat dem Weltmann die Rente gekürzt. Er reist um zu
sparen.
Diese Leute schrieben ohne Ehrgeiz, sahen, schilderten gläubig. Ihre Mission
war getan. Das Buch war ihnen das sekundäre. Ihre Aufgabe war anderswohin
orientiert.
Das Bild der Erde ordnete sich, vervielfachte sein Einzelnes, kam in genaues
Maß. Nun Reisende befuhren sie auf Bahnen und Schiffen, um sie zu
beschreiben. Sie repetierten Geschildertes in die Unerträglichkeit des
tausendsten Falles. Sie dilettierten mit geschmacklosen Impressionen.
Bürgerliche Herzen reflektierten den Strahl der Welt zu grauenhafter
Uniformität. Das Mechanische ist leicht geworden. Niemals begriff der Reisende
aber, der fuhr aus Reichtum, aus Genuß, aus Langeweile, daß das Geistige sich
maßlos komplizierte. Gelehrte sind phantasielos, wo der Stoff sich nicht selbst
betont. Dichter und Künstler fahren, geben dieser Gegend jenen Reiz ihrer
Anschauung, dieser die Leuchtkraft ihres Stils. Da nichts zu entdecken mehr,
bleibt die Sensation der individuellen Darstellung. Solch Geschaffenes kann
schön sein, aber für das Allgemeine ist es ohne Wichtigkeit. Es bleibt im
Ästhetischen wie bei Kellermann. Im bürgerlichen Impressionimus wie bei
Hesse, Bonsels. Der große Auftrieb fehlt. Es genügt nicht. Es wird dichterisch in
manchem Höhepunkt vielleicht wichtig als Gestaltung, wie bei Loti, Brun und
Suarès. Dies zielt aber in anderes Gebiet. Hier entsteht Dichtung. Aber die
vielgestufte Erde wird damit nicht umfaßt.
Es bedarf der Persönlichkeit. Überlegenheit des Temperamentes ist die erste
Forderung dieser imaginären Figur. Seine Stirn bleibt stets oberhalb der
betäubend in Fülle ihn umschwankenden Erde. Sein Auge dichterisch, seine
Phantasie leicht gezügelt, sein Herz voll Gesinnung . . . . . erlesenes
Zusammenspiel. Er kann schreiben, aber dies ist ihm nur Durchgang. Er schaut,
er durchlebt, er übersieht. Am Hebelwerk von Zivilisation und Kultur erblickt er
den ewigen Ausgleich der Welt mit der Triebkraft der Elemente. Er geht durch
das Schöne, das ihn berauscht, hinunter zu den schöpferischen Quellen humaner
Existenz. Im Wirbel der Nationen erkennt er das Endgültige und legt das Einzelne danach aus. Mensch zu sein als oberste Pflicht, gerecht zu sein mit
Härte als Bedingung . . . . wie entschält bei solcher Haltung sich das Dasein zu
ungeahntem Zusammenhang. Wie kreist die Fülle, blendet der bunte
Umschwung, gebiert sich das Rätsel. Er ist Dichter und Gelehrter, er ist ein Kerl
und Geliebter, voll Schmutz und voll Inbrunst. Ihm geht nichts, was erhebt und
erniedrigt, ab . . . welche Mischung. Er sieht durch den Gegenstand durch auf
den Sinn. Ihm kommen die Zusammenhänge entgegen. Darum schildert er nicht.
Er hat glühendere Leidenschaft. Er sieht, und das bedeutet ihm Abschätzung. Er
urteilt. Er reist . . . . und das heißt — um endlich die Spitze zu treffen — er ist
politisch. Weltmann, Genießender und Forderer . . . . diesen Politischen Sinn hat
unter den Deutschen nur der fürstliche Muskauer gehabt. Aus der Totalität seines
innerlich kultivierten Herzens vermochte er die Erde zu beurteilen und sich
gleichzeitig an ihr zu berauschen. Er konnte es damals schon, als er in
unbekannte Territorien stieß. Denn er war ein Mensch, der sich rund wußte. Der
seine Verantwortungen kannte und somit die Verantwortungen der Schicksale,
der Erde sah. Nur das Bild des innerlich geformten, in Gesinnung erglühten
Menschen spiegelt die ganze Form der Schöpfung wieder. Die fremde Erde, die
wunderbaren Gärten der Inseln und entlegenen Länder und die Betriebsamkeit
ihrer Städte und Völker fallen und steigen vor solchem Blick nach dem
Rhythmus der menschlich gerichteten Gesetze. Er sieht und urteilt. Was er
entschält, ist der Mensch. Ist sein Bild gut, wird auch das Antlitz der zerrissenen
Erde heiter und schön sein. Weiter hat alles andere keinen Sinn.