Die doppelköpfige Nymphe

Kasimir Edschmid · Kapitel 12 von 23

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Die doppelköpfige Nymphe

9. Der Reisende

 

Es wäre Lästerung, nicht sofort auf das Bild und den Namen des Mannes zu

stoßen, der schon früh hier unerreichbare Erfüllung war. Ungekannt von den

Deutschen, verschollen seine Bücher, vergessener noch mehr sein menschliches

Bild, das in der Zeit, die Menschen braucht wie keine, wichtig und bedeutsam

ist. Es muß gewagt sein, seine Erscheinung in einer Laune, die so groß war, daß

nur er sie wagen konnte, sein Bild in einem gebogenen Glas zu geben: Auf einer

europäischen Landstraße rollt ein Wagen, himmelblau ausgeschlagen, mit

goldenen Quasten, riesigen Spiegelscheiben. Ein Windspiel auf dem Teppich

innen als einzigen Gast. Hinten auf dem Bock ein blonder Jäger, vorn auf dem

Bock der Herr. Er ist schlank, vornehm, in seiner Haltung ist Zartes gemischt mit

großer Energie. Er trägt Nankinghosen und Lackschuhe. Die Stirn ist

ungewöhnlich. Sein dunkles Haar fällt aus einem tunesischen Fes. Er schaut

nachlässig mit einer Lorgnette in den Wald. Den Hals bedeckt ein bunter

Kaschmirschal. Erste Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts. Dies ist Fürst

Pückler-Muskau, der größte deutsche Reisende. Er ist der europäischste

Charakter. Er steht dicht neben Casanova in der unerhörten Urbanität der

Gesinnung. Wie der Venetianer stets Italiener, bleibt er immer typisch deutsch.

Seine moralische Einstellung kommt nicht aus dekadentem Hirn, sondern aus

dem Temperament. Aristokrat der Gesinnung und Haltung, ist sein

Kosmopolitismus rein aus dem Geist. Er reist, als Reisen Gefahr ist und Frage

der Persönlichkeit, nicht Nuance des Kapitals. Er wird Kaleidoskop seiner Zeit.

Seine Schilderung Karlsbads gliedert das gesellschaftliche Jahrhundert. Seine

Lebenskurve ist sehr weit gespannt. In der Nähe Abessyniens ist seine Geste

dieselbe wie am Berliner Hof. Ein französischer Autor sucht ihn zu erledigen,

indem er aus seinen Büchern die Menüs zusammenstellt. Zwischen einer

Anekdote und einem inbrünstig erlebten Sonnenaufgang lächelt ihn der Fürst zu

Tod. Er hat eigene Orthographie, die pittoresk ist. Sein Buch über Parks ist die

größte Form. Er scheidet sich von der geliebten Frau, um in England reich zu

heiraten, verwirft den Plan, lebt geschieden mit ihr weiter. Er fährt unter

betäubendem Donner von Fregatten- und Linienschiffen im Hafen Alexandrias

ein, wo er sich mit Mehemed Ali befreundet, dessen Werk, wäre es gelungen,

eine Revolution der Historie geworden wäre. Auf afrikanischer Erde das erste

Glas trinkt er auf seine Frau. Er ist zart, gesund und anmaßend. War Rittmeister

in der Garde, in russischem Dienst, Gouverneur von Brügge. Die

Literaturgeschichten Deutschlands lieben ihn ahnungslos zu zerreißen. Bei Louis Philippe geladen, kommt er zu spät, die Königin nimmt gleich seinen Arm, er

lobt die Küche, redet von Politik. Er dringt nach den Nilquellen vor, weiter wie

je ein Europäer. Kamele tragen seine Weine. Löwen fallen die Karawane an, in

der Frauen und Knaben seiner Wahl mitreisen. Einer sagenhaften Stadt

nachfahrend, ihr gegenüber erkrankt er. Im Zelt von Blitzen umjagt, liest er zum

zehnten mal Voltaires Candide fährt dann auf dem mit Affen und Vögeln

beladenen Boot aus dem Sudan zurück. Sein Wissen ist profund. Seine

wissenschaftliche Rolle bedeutend. Gesinnung, Pikantes, Muskelhaftes spielen

wundervoll ineinander. Sein Stil oft dichterisch, seine Erlebnisfläche unerhört,

sein Aspekt stets von weltmännischer Objektivität . . . . . wer hätte solchem

Zueinanderkommen von so viel Glück und solcher Beherrschung Ähnliches

entgegenzusetzen?

Zumal unter Deutschen. Wer versteht den tieferen Sinn des Weltdurchlaufens

von ihnen? Reisen heißt: Gesamtwillen haben, Spannung besitzen, eine

Persönlichkeit sein, die zentripedal den großen Radius zu Urteil zusammenzieht.

Wer hat unter den Deutschen die Geste, die Selbstverständlichkeit, die innere

Voraussetzung, bei solch innerer Zerrissenheit der Kultur die Welt beschauen zu

können? Wer ist so stark, von so ungefestigtem Boden her, gegen das Totalste

treten zu wollen, das uns sichtbar gegeben ward: die Erde? Sie, die sich

sphinxhaft verhüllt, zu entschleiern, aufzubrechen, auf Leib und Brust ihr

loszugehen, ihr Rätsel schließlich aufzulösen und zu großem Ausdruck zu

gestalten . . . . . welche Aufgabe?

Ändern sich die Voraussetzungen des Reisens, so ändert sich auch die

Psychologie. Früher riskierte der Schweifende sekündlich den Leib. Später ging

es nur um eine Diarrhöe in Honkong, ein Fieber in Kapstadt. Früher war der

Reiz unerhört und bedrückend. Nun geht es mehr um das Urteil. Früher kam es

an aufs Entdecken, aufs Wühlen in Unbekanntem. Heute schaut man, Reisen

wird Politik des Geistes.

Aus welchem Herzen kam früher der Drang in die Welt? Gelehrte,

Verzweifelte, Abenteurer waren die Heroen. Große Exploiteure brechen in

Afrika ein. Gordon legt Eisen um den Sudan. Gessi, Baker, kämpfen dort. Emin

Pascha liegt im Krankenbett zu Bagomoio, während sein Retter Stanley auf der

„Somali“, gefolgt von einer ganzen Flotte, europäischem Ruhm entgegendampft.

Livingstone, der Schwede Andersson treffen den See Ngami, durch die Wüste,

durch Betschuanen sich durchschlagend. Rane, Franklin stoßen nach den Polen

vor. Schreiben sie, ist es bezaubernde Sachlichkeit. Ihnen ist die Gebärde fern,

die heut Helden zu Feuilletonisten ihrer Tat erniedrigt. Sie schreiben lediglich

sich und ihrem Gewissen einen Bericht. Der Chevalier Chardin reist segelnd

über Smyrna vor einigen hundert Jahren als Juwelenhändler nach Persien. Im Anfang des achtzehnten Jahrhunderts sendet die französische Akademie

Bouguer nach Peru, um die Erdgrade unter der Mittellinie auszumessen. Mit

dem britischen Gesandten durchquert John Barrow Esqu. China 1793. Die

spanischen Dreieinigkeitsmönche brauchten Ärzte in Tunis. So kam Herr Grager

nach Afrika. Da die Revolution sein Herz degoutiert, wandert De la Tocnaye zu

Fuß durch Irland und Skandinavien. Aus Tübingen bricht der Chemie- und

Kräuterwissenschafts-Lehrer Gmelius auf und bereist Sibirien auf das Ersuchen

der russischen Regierung. 1788 kommt Philipp Ticknesse nach Frankreich und

Katalonien. Ein Prozeß hat dem Weltmann die Rente gekürzt. Er reist um zu

sparen.

Diese Leute schrieben ohne Ehrgeiz, sahen, schilderten gläubig. Ihre Mission

war getan. Das Buch war ihnen das sekundäre. Ihre Aufgabe war anderswohin

orientiert.

Das Bild der Erde ordnete sich, vervielfachte sein Einzelnes, kam in genaues

Maß. Nun Reisende befuhren sie auf Bahnen und Schiffen, um sie zu

beschreiben. Sie repetierten Geschildertes in die Unerträglichkeit des

tausendsten Falles. Sie dilettierten mit geschmacklosen Impressionen.

Bürgerliche Herzen reflektierten den Strahl der Welt zu grauenhafter

Uniformität. Das Mechanische ist leicht geworden. Niemals begriff der Reisende

aber, der fuhr aus Reichtum, aus Genuß, aus Langeweile, daß das Geistige sich

maßlos komplizierte. Gelehrte sind phantasielos, wo der Stoff sich nicht selbst

betont. Dichter und Künstler fahren, geben dieser Gegend jenen Reiz ihrer

Anschauung, dieser die Leuchtkraft ihres Stils. Da nichts zu entdecken mehr,

bleibt die Sensation der individuellen Darstellung. Solch Geschaffenes kann

schön sein, aber für das Allgemeine ist es ohne Wichtigkeit. Es bleibt im

Ästhetischen wie bei Kellermann. Im bürgerlichen Impressionimus wie bei

Hesse, Bonsels. Der große Auftrieb fehlt. Es genügt nicht. Es wird dichterisch in

manchem Höhepunkt vielleicht wichtig als Gestaltung, wie bei Loti, Brun und

Suarès. Dies zielt aber in anderes Gebiet. Hier entsteht Dichtung. Aber die

vielgestufte Erde wird damit nicht umfaßt.

Es bedarf der Persönlichkeit. Überlegenheit des Temperamentes ist die erste

Forderung dieser imaginären Figur. Seine Stirn bleibt stets oberhalb der

betäubend in Fülle ihn umschwankenden Erde. Sein Auge dichterisch, seine

Phantasie leicht gezügelt, sein Herz voll Gesinnung . . . . . erlesenes

Zusammenspiel. Er kann schreiben, aber dies ist ihm nur Durchgang. Er schaut,

er durchlebt, er übersieht. Am Hebelwerk von Zivilisation und Kultur erblickt er

den ewigen Ausgleich der Welt mit der Triebkraft der Elemente. Er geht durch

das Schöne, das ihn berauscht, hinunter zu den schöpferischen Quellen humaner

Existenz. Im Wirbel der Nationen erkennt er das Endgültige und legt das Einzelne danach aus. Mensch zu sein als oberste Pflicht, gerecht zu sein mit

Härte als Bedingung . . . . wie entschält bei solcher Haltung sich das Dasein zu

ungeahntem Zusammenhang. Wie kreist die Fülle, blendet der bunte

Umschwung, gebiert sich das Rätsel. Er ist Dichter und Gelehrter, er ist ein Kerl

und Geliebter, voll Schmutz und voll Inbrunst. Ihm geht nichts, was erhebt und

erniedrigt, ab . . . welche Mischung. Er sieht durch den Gegenstand durch auf

den Sinn. Ihm kommen die Zusammenhänge entgegen. Darum schildert er nicht.

Er hat glühendere Leidenschaft. Er sieht, und das bedeutet ihm Abschätzung. Er

urteilt. Er reist . . . . und das heißt — um endlich die Spitze zu treffen — er ist

politisch. Weltmann, Genießender und Forderer . . . . diesen Politischen Sinn hat

unter den Deutschen nur der fürstliche Muskauer gehabt. Aus der Totalität seines

innerlich kultivierten Herzens vermochte er die Erde zu beurteilen und sich

gleichzeitig an ihr zu berauschen. Er konnte es damals schon, als er in

unbekannte Territorien stieß. Denn er war ein Mensch, der sich rund wußte. Der

seine Verantwortungen kannte und somit die Verantwortungen der Schicksale,

der Erde sah. Nur das Bild des innerlich geformten, in Gesinnung erglühten

Menschen spiegelt die ganze Form der Schöpfung wieder. Die fremde Erde, die

wunderbaren Gärten der Inseln und entlegenen Länder und die Betriebsamkeit

ihrer Städte und Völker fallen und steigen vor solchem Blick nach dem

Rhythmus der menschlich gerichteten Gesetze. Er sieht und urteilt. Was er

entschält, ist der Mensch. Ist sein Bild gut, wird auch das Antlitz der zerrissenen

Erde heiter und schön sein. Weiter hat alles andere keinen Sinn.