Die doppelköpfige Nymphe

Kasimir Edschmid · Kapitel 8 von 23

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Die doppelköpfige Nymphe

5. Dichter — Zeit — René Schickele

 

Die deutsche Dichtung ist sehr stark in die Politik getrieben. Es begann schon,

ehe die Probleme von damals Katastrophen wurden. Das Ästhetische und

Artistische, das sich in müder Prätention auf den Oberflächen sehr sicher lagerte,

brach mit einem bestürzenden Ruck ein und sah sich einer Phalanx gegenüber,

die entschlossen diese Generation bei Seite legte. Der Krieg machte dann die

Atmosphäre aufs äußerste zugespitzt. Aus seinen Zuckungen erwächst der

Jugend, dem Nachwuchs, überhaupt der ganzen Masse der Dichter und Künstler

die politische Verschmelzung. Die soziale Idee dringt rasch in den Mittelpunkt.

Sie wird nicht mehr naturalistisch nachmalend geformt, wie Zola es tat (der ein

genialer Riese war, und mit der monumentalen Wucht der

aufeinandergeschichteten Tatsachen cyklopische Wirkungen erreichte, wenn

auch nicht künstlerische in dem Sinn, wie wir Gestaltetes verstehen) vielmehr ist

das Soziale und Politische nun nur eine Umschreibung, ein Deutlichermachen

der Begriffe Gerechtigkeit und Liebe, ein kosmisches Hineinschwärmen, ein

tapferes Reiten für die Internationale des Geistes. Immerhin: es ist

selbstverständlichstes Thema geworden, sogar so sehr, daß die Polizisten dieses

literarischen Links-Terrains schon Gesinnungslosigkeit riechen, geht ein Dichter

auf Minnesang oder Weiberabenteuer. Ja es wurde so sehr fast Konjunktur, daß

junge Leute statt mit fester Arbeit mit tendenziösen und pazifistischen Gedichten

sich in die Avantgarde hineinpauken wie Korpsstudenten ehemals mit Mensuren.

Es kam so weit, daß, in Deutschland wie in Frankreich Worte wie Pacifismus,

Demokratie, Politische Literatur bei den Aufrechten und Ehrlichen in jenen

Verruf gekommen sind wie alle Altäre, deren Schwurempfänge die größten

Lügenposten sind. Die Aufrechten müssen flüchten aus den Zirkeln, die sie

selbst gegründet haben, weil die Hyänen mit den Masken der Frommen und

Begeisterten die Zäune übersteigen. Aber selbst diese äußersten Fälle haben

innere Figur, gestalten das Bild ins Typische. Die Idee marschiert, man muß sie

schon vor den eigenen Sklaven schützen. Unter dem Gesicht keines Dichters

aber kommt die politische Lagerung so deutlich und echt und schon so früh

heraufgeschwommen wie aus dem Schickeles.

Er ist Elsässer, als Dichter das Bedeutendste, was dieser Grenzstrich seit

Gottfried von Straßburg abgestoßen. Es gibt schlechthin in Deutschland nichts,

was an spiritueller Bewegtheit, an Buntheit, Geist und Weisheit auch annähernd

nur die maskuline Eleganz dieser gallisch-allemanischen Figur erreichte. Seine

Abstammung, seine Heimat rückten ihn in den Brennpunkt der Weltkatastrophe. Damit die Revolution im Osten zustande käme, hat die Vorsehung es wohl

gewollt, daß die Verständigung im Mittelpunkt Europas nicht erreicht würde.

Denn hier mehr als am Balkan lag das Gespenst. Und hatte unter der dritten

französischen Republik auch anfangs die Kriegsidee etwas Verachtetes und

Überwundenes, dem auf internationale Weltfreiheit eingestellter Blick kaum

Bedeutung beimaß, so sprengten beim ersten Anstoß die atavistischen

militärischen Instinkte die republikanische Bonhomie und entfachten mit Elsaß-

Lothringen als Kampfruf die nationalistische Gebärde. In Deutschland war noch

weniger Verständigung. Man wies Jaures aus, der als einzige Möglichkeit den

Frieden zu erhalten und die deutsch-französische Verständigung als „pivot de la

politique mondiale“ zu verwirklichen, die Verleihung der Autonomie an Elsaß-

Lothringen innerhalb des Deutschen Reichs gefordert hatte. Das hätte den Krieg

gebremst. Aber im Sommer Neunzehnhundertachtzehn noch, als Einsichtige in

Berlin und im Hauptquartier wie Tiger dafür kämpften, war niemand da, der, um

sein Volk zu retten, dies bißchen Freiheit konzediert hätte. Man war mit

Blindheit sehr geschlagen, wie dies bei allen großen Katastrophen im Lager der

Machthaltenden ist. Man schließt die Ventile, bis die Kessel platzen. Die

Vorsehung hat es wohl so dirigiert, daß die Explosion ihr die erwünschte

Möglichkeit war, Kräfte zu steigern und frei zu machen. Aber einige wenige

Köpfe, denen der Einsatz von Millionen Toten zu hoch schien, um diesen Preis

zu erlangen, hatten wie Löwen und Irrsinnige ihr Hirn wund gestritten, um es

billiger zu haben. Sie kämpften seit einem Jahrzehnt, je mehr die Kriegsseuche

heraufschwoll, den elsässischen Reizkörper zu entfernen, indem sie ihm durch

größere Freiheit die Glätte und die Beweglichkeit gaben, ohne Reibung und

Verwundung zwischen den beiden Ländern zu rollen, glatt und vermittelnd, wie

dies die große kulturschöpferische Aufgabe des herrlichsten aller Grenzländer

sein muß, wo zwei der besten Völker der Erde sich schon so deutlich im Körper

und im Geist gemischt haben. Zu ihnen gehörte die geistige elsässische Jugend,

darunter der sehr unwillig in solchem Krieg gefallene Ernst Stadler, dessen Herz

ganz von einer großen Internationale dröhnte, und den es zerriß, das heldenmütig

tun zu müssen, was er aufs heißeste bekämpft hatte: in dem Völkerhaß eine

Rolle zu spielen. Alle diese jungen Leute wollten für das Grenzland die

Autonomie. An ihrer Spitze Schickele.

Man hat nie begriffen, daß die Elsässer sich nie als Deutsche oder Franzosen

dachten, wenn sie ihre Mission auf diesem Gestirn überlegten. Sie hatten

lediglich die Sehnsucht, sich selbst, also, nicht wahr, Elsässer zu sein. Eine ganz

eigene Sache, was sie ja auch, wenn nicht der Politik oder der Geographie nach,

sondern um ihrer Mentalität und ihrer überleitenden aber hartnäckigen Situation

halber waren. Übersahen sie ihren Standpunkt und die Entfernung zum Ziel, so war es nicht ihre Schuld, wenn sie von Deutschland gar nichts, von Frankreich

immerhin Einiges zu erwarten hatten. Die Schwenkung nach Frankreich war also

ein taktischer Schritt zur Freiheit, aber nur der erste und eine Etappe. Die

Bewegung wird nicht stille stehen, und zweifellos aus Frankreich genau so

hinausführen, wie aus Deutschland und wird erst ein Ende haben, wenn die

Autonomie da ist. Dann wird dies so oft eingeschlungene und ausgestoßene,

reiche und paradiesische Land, das diese Wanderung mit vielen Läuterungen,

aber auch vielen Schmerzensrufen unternommen hat, die Plattform sein einer

neueren und europäischeren Gesinnung und Berührung der Geister. Man muß

sich das ohne Haß und mit viel Hingabe klar machen und ohne jede

nationalistische Voreingenommenheit sich einstellen. Denn hier ist einer der

seltsamsten Prozesse im Werden, der für die neuen völkerschaftlichen

Beziehungen von einer taktischen Bedeutung ist wie der Sozialismus, denn er

bedeutet das Sichpräparieren eines Erdstücks auf den Übergang aus

nationalistischen Grenzen in sich selbst und darüber hinaus ein Zusammenführen

der beiden noch getrennten anderen Gebiete über sich ineinander. Ein

Bindeglied, das sich in beide auflöst und die beiden damit aus ihren Grenzen

reißt und entnationalisiert. Diese Aufgabe, die das Elsaß in sich trägt, seit jeher

aber nie erreichte, ist erst möglich, wenn es selbst im Zustand der letzten

Glücksphase eines Volkes angelangt ist, in dem der Freiheit. Wer aber diesen

Gedanken schon immer liebte, propagierte, den Tauben in die Ohren schrie,

Weltfrieden damit stützen, Militarismus damit stürzen, irgend einen

paradiesischen Zustand damit heraufführen wollte, es nicht erreichte, aber auch

im Zusammenbruch all seiner Pläne, im Krieg, die Fahne hochhielt, immer

höher: Schickele.

Er machte den Kampf gegen den Krieg. Alles, was eigentlich seither über

Politisches, Geographisches und Landschaftliches gesagt ist, ist über Schickele

gesagt. Es deckt sich vollauf das Persönliche und das Allgemeine. Man muß

diese Dinge sehr genau und mit aller Wahrheit und voll Nachdruck sagen, damit

sie unbefangen genommen und in ihrer ganzen Kühnheit begriffen werden.

Schickele kämpfte gegen den Krieg. Er stellte sich außerhalb dieser Dinge, wo

Feldherren und Völker sich töteten und die Grenzen der Länder wie Goalstangen

hin- und herschoben. Er nahm keine deutsche Partei. Aber auch keine

französische. Er trieb eine europäische Politik, und es mag sein, daß er, Elsässer

(das heißt weder Deutscher noch Franzose, sondern in diesem Fall fast schon

Bewohner eines fremden Sterns, denn wer war sonst außer Planetenbewohnern

ohne Haß), daß er als Elsässer, die Situation klug bedenkend, taktisch denselben

Ruck machte wie das Elsaß und den Sieg des demokratischen Gedankens und

der Befreiung des Elsaß mehr von einer Demütigung des deutschen Militarismus

erwartete als von der des französischen. Hier muß ein Akzent gemacht werden.

Schickele war nicht für einen französischen Sieg, er war überhaupt für keinen

Sieg, weil er nur ein Imperium des Geistes liebte und jede Gewalt bekämpfte, sei

sie für Wilhelm den Zweiten oder für Lenin. Er glaubte höchstens, wie viele der

besten Deutschen, daß eine Niederlage des militaristischen Geistes das deutsche

Volk im Sinne der Humanität und der Liebe weiter seiner Vollkommenheit und

seiner Mission entgegenbringen werde. Sein Kampf war kühn, tapfer und

ehrlich. Aber er ist in die furchtbarste Lage gekommen. Die Menschen

verstanden ihn nicht. Die Deutschen schalten ihn Deserteur. Die Franzosen

machten eine Kampagne gegen ihn als Kompagnon Erzbergers und Beteiligten

an der deutschen Propaganda, obwohl Schickele Erzberger nicht kennt. Die

„Tägliche Rundschau“ nennt ihn einen Vaterlandsverräter und übergießt ihn mit

jener Mayonnaise, die an Verleumdung, Verdächtigung und Deutsch der Gosse

ein wesentliches und penetrantes Requisit der alldeutschen Presse ist. Der Führer

der Elsässer, Grumbacher, der aus der Schweiz heraus den Krieg bekämpfte,

dämpft den französischen Aufruhr, indem er im Mühlhauser „Republikaner“ für

Schickeles unantastbare Ehrlichkeit eintritt. Aber er zeichnet Schickeles Bild

nicht als das des Europäers, sondern malt seine Gesinnung mit den Farben der

Trikolore, den Farben, die nur den Durchmarsch der Elsässer auf dem Weg zum

eigenen Volk umgeben. Das verdirbt seine Stellung wieder gegen Deutschland.

Und kürzlich veröffentlicht die französische Regierung den Erlaß, daß

Schickeles Altersklasse zu den Fahnen gerufen werde, als mobilisiert betrachtet

sei. Und Schickele, durch die Annexion seiner Heimat Franzose geworden,

Schickele, der den deutschen Militarismus bekämpft hat, steht dem

französischen nationalistischen mit der gleichen Geste gegenüber. Schält sich nicht aus so zwischen zwei Fronten hin- und hergehetzter Figur, aus solch

zwischen den Heerlagern der Völker von Mißverständnissen umwölkter Person

die europäische reine Menschlichkeit? Die Linie seines Geistes liegt von

vornherein klar. Seine Taktik, sein menschlich sichtbarer Weg ist der seines

Landes. Nur Narren können hier verwechseln und die Idee da nicht sehen, wo sie

schon siegt.

Was Schickele in solchem Kampf zu sagen hat, das ist die „Genfer Reise“. Es

ist ein Buch, so üppig wie seine Landschaft, mit schräger Sonne und

muskulösen, herben, doch von starker Grazie geführten Vogesenzügen, an deren

Abhängen der Wein wächst und über denen französische Winde und deutsche

Wolken stehen. Dieses Buch ist locker komponiert. Es schlingen sich

Marginalien um eine Reise von Zürich nach Genf. Aber immerhin ist in dem

Buch das Bedeutendste gesagt, was ein Dichter Geistiges über den Krieg gesagt

hat. In Sätzen von blühendster Kraft und springender Schönheit verblutet ein

europäisches Herz, das keinen Augenblick bereut, sich an einen Ort begeben zu

haben, dessen unerhörte Kühnheit den Lebenden noch zu nah ist, um gebilligt zu

werden, dessen großer Kampf gegen den Kampf und das heißt gegen die Welt,

aber nie das tapfere Echo verlieren wird, solange noch Jünglinge da sind und

mutige Männer, die den Herzschlag weitertragen in eine Epoche, die unsere Zeit

mit dem Abscheu besieht, den das wahre Menschliche der Barbarei gegenüber

unentwegt getragen hat. In dem Buch stehen Novellen, die Essais sind. Aufsätze

von der Anmut tiefer Erzählungen und der spröden Glätte und Durchsichtigkeit

der Sprache. Es ist bezaubernd und weise. Spielerisch, aber unter der vollendeten

Form das Tiefste nicht verschweigend. Als selbstverständlich und darum aus

leichtem Handgelenk gebend, was eigentlich großes Wagnis und überzeitliche

Kühnheit ist. Die Hüften der früheren schönen Göttinnen sind darin gemalt, die

Säulenheiligen, der duftige Mai, in dem die Kathedralen liegen, die heidnische

Fruchtbarkeit eines Landes, das eine Normandie hat und gleichzeitig bis in die

Levante sich schiebt. Dazu ist die Blondheit, die Strenge des Gemüts des

Germanen gegeben. Zur Phrase die Sachlichkeit. Der sittliche Ernst zur

Begeisterung. Das tieflangende Schwert zum schmalen Segelboot. Etwas ganz

Germanisches, das sich auflöst in schöne Segelschwünge. Ein schweres

Flugzeug manchmal mit zärtlicher Flügelstellung. So und ähnlich ist die

Tragödie des Menschen im Krieg beschrieben. Die Not des Geistigen und die

tiefe Trauer dessen, der aus dem Hüben und Drüben zu einem Über-beiden-sein

will. Das Buch ist locker komponiert, weil es viel umfassen will, es ist ungemein

viel geschaut und gezeichnet, was an Ideen und Menschen Schatten warf gegen

die Wand dieses neutralen Landes. Der geistige Mensch reißt sich unter

heftigsten Qualen von allem los und läutert sich langsam zu den übernationalen Erkenntnissen des reinen Geistes. Wenn einmal das, was heut noch französischer

Mensch, deutscher Mensch heißt, in einer utopischen, aber nicht weniger realen

Zeit sich zum Idealtyp mischt, wird ein Name ausgegraben: Schickele. Es war

alles bereits in ihm. Der gallische Hahn hatte hier schon Gründlichkeit, die

deutsche Barke einen grazilen Fock. Auch wurde hier mit Tapferkeit der Seele

mehr wie von Priestern der Konfessionen und nicht minder fanatisch und bis ins

letzte brav und ehrlich wie von jenem Rabbi Jeschua von Nazareth, männlich

und zwischen den Schlachten der Welt, Liebe gepredigt. Man wird sehr verblüfft

sein über die Entdeckung.