Die doppelköpfige Nymphe

Kasimir Edschmid · Kapitel 3 von 23

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Die doppelköpfige Nymphe

Notwendiges als Einleitung

 

Seltsame Sechzehnjährige meiner Zeit, die Neid auf Unsterblichkeit schon

umbuhlt . . .!

Wir hatten damals noch bis zum Scheitel der Zwanzig Ehrgeiz um Game und

Goal und Jolle und waren in den weißbehosten Turnieren und Regatten schöner

zu Hause als jene Jaguare und Hyänen, die schon im Kindbett mit dem Geiste

kokettieren und Unzucht treiben mit Erfolg. Als wir einmal zu Kunst gelangten,

schlugen wir vom Sport und dem Umherschweifen aus uns auch entschlossener

und ungehemmt an das Gesicht des Neuen. Man hatte auch nach rückwärts

unbefangenere Freiheit, Dichterisches anderer Epochen ungestempelt und wie

neu durch die Hände laufen zu lassen. Einige begannen zu lachen, wo sie sie

trafen, über die Professionels der Literatur, die kleinen Eingeschlossenen der

Dichtung, arme Fanatiker und Bürokraten der Kunst. Sie waren abergläubig und

subaltern für ewig in ihre Berufswolke gekettet und trugen in grotesker

Überschätzung und blutloser Kindischkeit ihre Geist-Atmosphäre durch das

ihnen unbekannte Leben. Die Bedauernswerten wußten nicht, daß es Wichtigeres

und Glücklicheres gab als Kunst . . . . .

Herrlich wer, da er die Städte und die Berge und das Meer und die Menschen

vollauf erlebte, an der Spitze der Berufung und mitten in der Leistung, ein

Außenseiter geblieben ist.

Ich habe Umwege über Ski und Segelboot stets gepriesen und, indem ich

entzückt ihnen von neuem nachgehe, habe ich keinen anderen Ehrgeiz, als, wo

ich angreife, lobe und scheide, es wie ein Nichtzünftiger zu tun.

Gute Diana, wir fanden einen Maimorgen in der Rue de Richelieu eine deiner

schönsten Gefährtinnen, an denen die Meute der Midinettes des Quartiers sich

vergriffen, weil sie mit ländlichen Hüften und einer Frische des Blutes kam, daß

die Wälder und Flüsse hinter ihr sich bogen. Als wir sie auffütterten, nahm sie

Abschied, ohne zu weinen, und manche, die sie später am Montmartre gesehen,

hatten dieselbe Bewunderung und den Respekt für ihre Haltung.

Sie hatte sogar Kritik und Duldsamkeit bekommen.

Ich habe nie etwas mehr gehaßt wie falsche Würde und jene dichterische

Separation, deren Phrasenhaftigkeit kein gutes Werk je verdeckte, und nichts

schien mir lächerlicher und mehr eine Schwäche und Ohnmacht anzuzeigen, als

das Verneinen der Tatmöglichkeiten und die Scheu vor der Wirkung. Männlicher

wie mit feisten Worten bei Seite zu stehen, war es mir und kühner auch

erschienen, in jeder Arena aufzutreten und das zu sagen, was Zeit und Minute unter den Fingern brannte. Einmal mußte wohl, wenn die Literaten versagten,

ein Irgendwer, ein Mann aus dem Publikum auftreten, dem dies alles ganz egal

sein könnte, der lieber sein selbst gewähltes Dasein nach seiner Farbe und

seinem Geschmack weitertriebe . . . . und in das zeitgenössische Affengeschrei

des Betriebes seine wohl anderen Zwecken zugewandte Stimme legen. Ich habe

immer den Schriftsteller in mir geliebt und propagiert, obwohl ich mir nie

verhehlte, daß, zum mindesten den Deutschen ich in der Erneuerung der Sprache

und der dichterischen Prosa Wege gewiesen und neue Möglichkeiten geboten

habe.

Wenn etwas von Verantwortung aber bestand, war es jedoch trotz anderer

Wünsche und Sehnsucht, nicht musiger Idylle allein sich hinzugeben, sondern,

mehr als wissenschaftliche Wühler wollen und deutsche Dichter zu unbegabt

oder zu feig sind, den Zusammenhängen der Prosadinge der letzten Dezennien in

Bauch und Seele zu leuchten. Ein Buch war nicht im Plan, aber es ist aus vielen

Einzelgängen sehr rasch gewachsen. Es ist nicht methodisch, eher attackierend,

ich denke es klärend, aber ich bin des festen Wissens, daß es so radikal wie lang

ist. Die Dünnen lieben es nur, schmale Nieren als das Unentwegte hinzustellen,

doch echter scheint es mir, die Epoche aus den Büchern zu den Traditionen, den

Werten und vor allem zu den Menschen zu runden in einer Zeit wo nur Greise,

Ehrgeizige und Idioten das Pfund der Kritik und der Bewertung der Prosa hüten.

Schicklicher dünkt mir dies und eines Dichters, dessen Titel allein mich

irgendwo letzthin natürlich begleiten möge, würdiger als hinter Faltenschwüngen

und steif gewordenen Worten die byzantinischen Gebärden der praktischen und

das heißt menschlichen Impotenz zu verbergen.

Vor sechs Jahren erzählte in Paris dem Dreiundzwanzigjährigen Veniselos mit

der Armwunde, man habe in seinem Garten zu Syrakus eine Herme gefunden,

auf der geritzt war, wie Zeus abends eine Nymphe neben dem Fluß gefunden,

deren tragisches und stilles Weinen ihn zum Anhalten erschütterte. Sie sagte in

seinem Arm, daß in der aphroditischen Gefolgschaft sie einsam wandre, Kränze

flechte und jene Lieder ersänne, die an allen Festen zu Oliven und Kornernte

über das Land sie trieben, und die nach Jahren aus den Städten der Menschen

ihnen wieder entgegenschallten. Venus aber habe sie gestraft, daß sie, in Baum

und Wolke nach ewigen Gesängen feurig suchend, Gefahr, Zeit und

Notwendigkeit des Dienstes und Urteils vergäße, worauf Zeus sich

herunterbiegend ihr verlieh: daß unsichtbar den anderen neben dem von

dichterischen Gefügen überströmten Antlitz sie noch ein Gesicht trage, das nach

Vergangenheit und Zukunft spähend, Verantwortung der Zeit und des

Geschehens um sie herum ihr gewähre und in seinen kühnen Biegungen, dem

anderen vom Ewigen erleuchteten nicht unähnlich, immer anschaue, verstehe, liebe und hasse, aber bedenke auch und urteile vor allem, abgrenzend und

bestimmend, und jede Sekunde im Dienst.

Ich habe diesem nichts von Bedeutung hinzuzufügen.

Partenkirchen, März 1920.

Kasimir Edschmid.