Die doppelköpfige Nymphe

Kasimir Edschmid · Kapitel 17 von 23

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Die doppelköpfige Nymphe

14. Jüdisches (Die Ehrenstein, Lasker-Schüler, Brod, Meyrink)

 

Wer das jüdische Weib kennt von der Wollust bis in den Todesschrei, hat keine

Notwendigkeit, den Geist der Rasse lange zu studieren.

Das klingt im Überlegungsweg wie eine Roheit. Aber es ist eine mächtige

Lobpreisung. Es gibt im Schreibtum wie bei den Frauen die zwei Linien, von

denen eine das Ghetto durchgemacht hat, von denen die andere stolz und

aristokratisch aus Spanien über Saloniki oder Amsterdam ins zentrale Europa

kam. Einmal gab es eine national-übernationale Poesie unermeßlichen

Flügelschwungs, die Bibel, die Psalmen, das hohe Lied. Im Ghetto ging diese

Unmittelbarkeit verloren, da schliffen in den Judengassen die Städte, Feudalen

und Bourgois den Asiaten so die Leber, daß ihnen nichts andres übrig blieb als

Verteidigungs-Parade wie eine dolchscharfe Kultivierung des Hirns. An dieser

Übung zehrt, krankt und jubelt die ganze jüdische Dichtung, die, ob sie deutsch,

polnisch, russisch sich coiffiert, im Boulevardrock, in Talmudlocken doch immer

international und asiatisch ist. Das ist wie ihre Diaspora wohl auch ihre Mission,

so sehr Erwerbs- und Konjunkturbeflissene, sowie einige in den Stand der

Bourgeois Übergegangene im Krieg sich germanisch maskierten, keltisch

fluchten oder jingoisch die Zähne bleckten. Das ist Rampenkomödie. Im Blut

rollt unerbittlich, golden und von den Jahrtausenden gefeiert der Rhythmus des

Roten Meeres und des Jordans und der Tempel Jerusalems.

Gott warf das Volk hinaus, damit es den groben Teig der stumpfen und

westlichen Völker durchsäure, es aufpeitsche, vermittle, Märtyrer sei für die

großen Ideen und die neuen Gewitter der geistigen und künstlerischen

Spannungen, aber er gab ihnen auch die wundervollste Tragik: nie vergessen zu

können, daß sie aus schöner Heimat zum schweren Dienst nur ausgesandt seien,

in Wahrheit aber die Sehnsucht nach der Rückkehr und der eigenen Bestimmung

nie verlören und einmal wohl bestätigt sehen würden. Die großen Rabbiner des

Ostens fanden, als sie gegen die rabbinitische Dogmatik kämpften, in die

Schlichtheit des Herzens zurückkehrend, wieder Klänge von der Reinheit der

davidischen Sänge. Baalschem hat eine in wundervollen quellklaren Ekstasen

Gott erreichende Stimme. Als Werfel zu singen begann, war man erstaunt, in

ihm die Ansätze manchmal einer Hymnik zu finden, die unbeschwert und hell

war. Doch sie dauerte nicht lange. Der größte Rufer zu dem Goldton hin ist heut

Martin Buber, der die junge jüdische Generation zu einer Selbstbesinnung

überzeugt. Ihm ist Palästina nicht so wichtig wie das Bewußtsein der

palästinensischen Idee. Schüler von ihm haben sich an Hölderlin verschenkt, aber sie ertrinken in ihm. Das alles sind Kämpfe gegen ein tragisches Schicksal.

Nur die Lasker-Schüler, auf Mondsicheln fahrend, ist frei. Sie ist die

bedeutendste Dichterin des jüdischen Volkes seit Jahrhunderten. Weib und Geist

der Rasse sammeln sich unmittelbar in ihr, fast über der Erde. Asien ist mächtig

aufgewacht. Sie steht dicht neben dem hohen Lied, keine irdische Passion, die

sie hemmt. Wahrscheinlich ist sie durch einen Irrtum einige tausend Jahre zu

spät in die Körperlichkeit geraten. Sie hat das Blutfunkeln, was auch

Planetengeleucht sein kann, und der Geruch ihrer Gedichte und ihrer Prosa ist

von den dumpfen und schönen Uranfängen der Menschheit. Sie trägt frei und

königlich das, worum die anderen unten sehr verzweifelt streiten. Manchmal

scheint es, sie lächle über diese Bemühung.

Das andere ist verhirnt. Doch darf man diesen Zustand nicht mit

Europäischem verwechseln, wo es vertrocknet, unschöpferisch, pedantisch,

lehrhaft klingt und den Kunstfunken schon bei der Geburt kastriert. Bei den

Juden ist das Hirn in die geistigen Zeugungsorgane gerutscht. Vielleicht auch

stieg das Sperma in das Hirn, es ist anatomisch nicht zu erklären. Jedenfalls

ergab sich aus der Ghettozeit her eine Vereinigung. Das rein Gescheite kann

nunmehr so sehr beflügelt werden, daß es Wolkenhöhe nehmen und Blumenduft

erreichen kann. Manchmal reitet das Hirn zärtliche Menuetts, oft ist es auch in

galanten Situationen. Es hat seine straffe Begrenzung ausgezeichnet erweitert.

Was an Vorrat bei einem von uns Goijims nur ein mittelmäßiger Aufsatz oder

eine Überzeugungstafel würde, kann sich zu dichterischer Glosse und gut

geformter Novelle hier steigern. Sie haben eben Handikap, und als wir mit

Macht und Gewalt jahrhundertelang sie striezten und dumm und breit

verlachten, wuchs ihr Hirn und ihr Instinkt ein paar Jahrhunderte und viele

Kilometer uns voraus. Stets hat der Geist sich gegen die Brutalität gewehrt und

gerächt mit Sieg. Schreit alldeutscher Pressepöbel heut hepp hepp gegen

jüdische Entrepreneure, vermöchte ihr teutonischer Gott, selbst mit Stierhelm

und Wolfsgurt herabsteigend, sie leider nicht davon zu überzeugen, daß, wer

dem verkannten Künstler, dem genialen Projekt, dem extravaganten

Gedankenjongleur zäh, mit unbedingtem Glauben und materiellem Einsatz

jahrelang die Treue hielt, auch später Lohn dafür ernten dürfe. Es gibt für alles

Neue die ersten Jahre ja nur jüdisches Publikum. Sie opfern sich schon für den

von ihnen sofort erkannten Gehalt, während die protzigen Kimbern sich noch

vor Lachen über die Verrücktheit ihre fetten Wänste schlagen. Auch ich bin, als

ich zum erstenmal bei anderen die Sachlage erkannte, von Wodan zu Jehova

übergegangen. In gewissen Fällen, mit einigen Vorbehalten, aber mit der besten

Überzeugung.

Als unter dem großen Päderasten und Savoyer Eugen man mit Kreuzfahnen noch gegen Belgrad und weiße Halbmonde zog, starrte Wien als Bollwerk des

Abendlandes gegen den züngelnden Orient. Heut haben Asiaten die Kanonen

herumgeworfen, und die Praterstadt ist die Schleuse, aus der Asien

unabänderlich in uns sich ergießt. In diesem Boden, wo es quirlt von Zukunft

und Rasse, und wo slavisch-südlicher Kulturboden ganz nah ist, hat das Jüdische

sich glänzend entfaltet. (In Norddeutschland hat nur Kerr einen freien Blutstil

des Essaiistischen gefunden und Hillers Intellektualismus zieht einen rassig hirn-

expressionistischen Stil herauf (den er aber nicht haben will). Arnold Zweig,

Heymann, auch Sternheim und tausend andere haben das rein jüdische

Bewußtsein nicht so bewahrt oder es bürgerlich, politisch oder literarisch

gemischt.) Der bedeutendste Sänger seines Leids an der Überbewußtheit ist dort

Ehrenstein. Manchmal reißt er sich zu Gesängen auf, die fast klassisch in ihrer

schmerzlichen Kühle werden. Seine Verzweiflung wird oft kosmisch, eine

teuflische Hilaritas, ein Veitstanz aus dem wienerischen Geklügel ins

Transzendente, Gelächter mit Geheul drin. Kinder, es weint sich ein

Beschnittener ins Himmelreich. Die Welt ist über ihm als eine Wand, darum

sucht er sie einzuschlagen, zu anarchisieren. Keine großen Worte schüttet er auf

seine Pistole. Er geht spazieren an Wirtshausschildern, da weiß er alles, was ihn

quält. Er sieht da Arme, Reiche, an allem fühlt er begeistert, was ihn reißt. Er

zäumt das Zerebrale bis in die barocke Phantasie hinauf, aber auch in den

exotischsten Reichen, in spinneten Zuständen reißt er nur die Ironie bitter in sie

hinein. Sein Kampf ist karnevalisch-grotesk und erhaben im Pathos wie ein

Stück alten Stils. Wenn auch die Erkenntnis des Intellekts ihn immer wieder

befreit, läßt sie den Juden immer weiter schinden in der Entsetzlichkeit der

Realität. Es gab einmal eine „analytische Malergruppe“, die nur grau malten.

Ähnlich schon, wie er schreibt, aber er hat Geniales, während die anderen

spekulative Lapins waren. Das ist der Unterschied. Aber in diesem kleinen

Zerschlagenen und Aufgebäumten hat die jüdische Intellektdichtung ihre

heroisch-depressive Höhen Ein Zwerg hadert mit sophokleischen Worten vom

Sinai gegen Gott, aber dieser schaut nicht nach dem Buckligen. Drumherum

stehen Weltwendegewitter.

Ehrenstein kam aus Wien, wo die Psychologen im Zerspalten immer groß

waren. Auf tschechischem Kampfboden schlug die Einstellung etwas verändert

aus. Übrigens ist auch von da Galizien nicht mehr weit, wo die

Hemmungslosigkeit wohnen soll, und es gab und gibt viele, die Not und

Eigenart der jüdischen Seele aufzeichnen, ihre Landschaftslosigkeit, ihre

Heimatlichkeit in Jordanideen, ihre Efeuzähe, das Angeschmiegte an jede

Staude, und doch im Herz der unsplitterbare Glaube an die eigene Berufenheit.

Scholem Alechem und noch dichterischer Micha bin Gorion. Aber sie sind Schauende, Gebende, Willige. Mehr zeigen die Gepreßten, die von der Tragik

selbst Gehobenen, die Exponenten des Zustandes. Die Prager gaben es bald auf,

zu zerfasern und Betrachtungen durch Zerlegung ihres inneren Wesens

vorzunehmen. Sie waren gläubig und hatten gleich ihr Ziel hoch im Ethischen

aufgepflanzt und machten sich entschieden gegen höchste Klarheiten hin auf.

Das besserte ihr Niveau ganz erstaunlich, und man dachte gar nicht so sehr an

ihre Machtfülle, sondern an ihre Absicht und über die Klugheit, die fast glatt und

sicher so sehr wußte, was not tat und was sie wollte.

Die Vordergrunderscheinung ist Max Brod und der medizinisch

einwandfreieste Fall. Wären Unruh oder Frank so gescheit, es zerschnitte ihnen

mit vielen Messern jeden Arbeitsblock. Bei Brod schleift es und treibt es voran.

Je unheimlicher das Kluge Gott zu suchen scheint, um so näher kommt es ihm

scheinbar, ja es findet bei „Tycho de Brahe“ sogar einen philosophischen

Kunstgriff, ihn zu erreichen. Baalschem sandte wie einen Atemkringel den Kreis

der Gläubigkeit aufwärts, und bald stand der um den Jehova gespannt. Brod

erreicht ihn im Tennisduble. Es wird ein Kombinationsspiel. Netzspieler und

Driveschläger ergänzen sich zum dreifach eingesackten Satz. Der bewußte

Schaffer und der plötzlich eintretend Berufene erspielen die Lösung, den

HERRN zu erreichen. In Haag nennt man das „Swanze“. In Marseille sagt man

im Theater: „Une blague“. Am Hafen: „Un canard“.

Daß das mit Anstand, immer dichterisch, oft sehr langweilig, aber im Grunde

mit der letzten hingebenden Haltung, die das Talent ausgibt, gemacht ist, darüber

diskutiert man nicht. Aber diese Feststellung ist ungenügend. Es kommt auf die

Ausgiebigkeit an. Auf die Trommel der Brust, die Penetranz des Tons. Man kann

es nicht ganz als offene Karte hinnehmen, wenn zufällig, weil es fast gleich

aussieht, Gehirnwürze statt Unmittelbarkeit und vornehmste Klugheit als Geist

auftreten. Man wird sie entwirren.

Man schießt Brod wie Hirsche beim Wechseln ab.

Nach einer Wiese geht seine Sehnsucht besonders absonderlich, aber es ist

sehr schwer für ihn hineinzukommen. Das ist das Übersinnliche. Er rennt, wenn

er sich unbeobachtet glaubt, immer davor auf und ab, und sieht man ihn aus der

Ferne, schaut es aus, obwohl gar nichts Hemmendes da ist, er renne wie ein

Zimmerfalter gegen Glas. Es gibt da etwas, was ihn hemmt, was er nicht sieht.

Aber da die Bewußtheit bis in die höchste Kultur bei ihm verfeinert ist, weiß er

es wohl, was hemmt, und es bedrückt ihn.

Durch nahe Schleier sieht er die wundervolle Weite der jüdischen Mystik, die

oft donnernder ist von Gottes Nahen als die katholische, und er möchte gern in

ihr sein wie die Rabbiner, die Propheten, möchte auch das Gras essen des Rabbi

Nachmann, und des Sirach. Aber ach, der Eingang ist ihm unsichtbar versperrt. Nun hat er aber den heilgen Berg in manchem Traum auf raffiniertesten Zirkeln

seiner Seelenwege erschlichen, darum probiert er jede Finte, mit dem Geweih,

mit den Tönen, duckt sich, macht sich unsichtbar, umschmückt sich mit Laub,

daß er Bäumen gleiche.

Ehern ist ihm der Eingang gesperrt.

Einmal scheint es, er habe es erreicht. Doch ist es eine Spiegelung gewesen.

Je schwerer es wird, um so zäher wird er es versuchen. Es wird noch lange so

gehn.

Aber es gibt keinen Weg ins Übersinnliche, weil es im Herzen selbst ist. Und

wo die Einfachheit der Blutkanäle fehlt, kommt keine überlegene Geistigkeit

hinein. Sein Schleichen um die paradiesische Wiese ist ein Zirkulieren um sich

selbst. Er hat gezeigt, daß man Gott erleben kann auch aus dem Hirn. Er hat es

gewiesen auf die edelste Weise. Auch Karl May würde auf seine Art es nicht

unversucht lassen, dies Gleiche uns ebenfalls zu klären. Schon in dem

Augenblick, wo nur der Gedanke auftaucht, er wolle ins Unsinnliche, liegt schon

eine Welt zwischen ihm und dem Ziel. Wo er versucht, das Mystische zu

beschwören, indem er auf die Wiese wechselt, springt ihm das eigene Hirn ins

Gesicht und macht ihn blind.

Ich habe bei Hagenbeck in „Beasts and Men“ ersehen, daß er glaube, in den

Sümpfen Afrikas würden ohne Zweifel noch Dinosauren leben. Kürzlich las ich

in der „Times“, bei Port Elizabeth im Kongo hätte Herr Levage ein Vieh

angeschossen, das einen Rüssel und zwei Nashörner hatte, vorne die Beine des

Gauls, hinten zwiegespaltene Hufe und zwischen den Schultern schalige Wülste.

Es werden dies, wie ich, auf dem Lande, in York, Chester, Norfolk, im Lincoln

Wold, in Kingston, in Hornby, Australien, Neuzeeland, im schottischen

Wigtown, in Haidarabad, im kanadischen Athabaska, am Missinaibi-River, im

Betschuanaland, in Somerset, in Kent, viele einfache Menschen, Bauern, Neger,

Kinder, lesen und glauben. Sie werden Gott näher sein wie Max Brod, indem er

ihn am heftigsten beschwört. Ich zweifle nicht, eine solche Sache würde den

Prager sehr reizen, aber er in phantastischem Intellekt oder in logischer

Ausschweifung daran verderben. Ich glaube, er würde das Tier theleologisch

erklären und auch der Tatsache des Wunders einen tieferen Sinn und eine

humane Notwendigkeit verleihen. Das gute Tier bei Port Elizabeth aber frißt und

liegt in der Sonne afrikanischer Wollust, leckt sich den Bauch und verdaut. Ich

muß dies bei aller Liebe und Bewunderung zu so feiner Züchtung des Hirns

hinzufügen.

Aber der Zeitgeist liebt Räderschlagen. Der Nichtjude Meyrink geht auf der

Wiese spazieren. Er ist tatsächlich darauf anwesend und geht mit

Selbstverständlichkeit in den jüdisch-mythologischen Bezirken sogar. Ihm ist dagegen sehr unwohl draußen im Lebenskalkül. Als der Krieg ausbrach,

beschloß er sogar, als er mit dem Marktnetz, um Gemüse zu kaufen, nach

München hineinfuhr, in eine Bank einzutreten. Doch halfen ihm die plötzlich

einsetzenden Börsenhaussen seiner Bücher darüber hinweg. Ist er jedoch aus

dem Erd-Gedrückten ins Übersinnliche gekommen, hebt sich ihm Tatkraft und

Kopf, er wird gleich in Vollwichs erscheinen. Buber wird schmerzlich lächeln

und diese Prosa als Schändung des Göttlichen empfinden. Darüber hat, da es

ums Heiligste geht, wohl der feinste Jude nur das richtige Urteil.

Meyrink ist der bedeutsamste Groteskendichter (weil symbolisch) unserer

Zeit. Er konnte früher fast allein überweltliche Atmosphäre gestalten. Gewiß war

sie oft von außen her gekommen, aber schließlich drang sie doch in die Zimmer.

Es ist etwas an Unerlöstheit schon daran, wie bei Kubin, wo zwar die Gesichte

manchmal tadellos durch die Bewußtseinsketten stürzen, aber meist doch eine

literarische Vorstellung bleibt. Auch mache ich das Kreuz vor den

Erfolgsbüchern. Man befaßt sich nicht literarischen Erwerbs halber jährlich mit

der Abfassung eines Buches um die letzten Dinge. Dennoch ist er schwer

verkannt. Sein Wesentliches wird effektiv lange währen, wenn auch die Signale

und Symbole, die er um sein Starnberger Haus gesteckt hat, mit manchen

Winden nach der Zugspitze flattern werden. Aber aus Kolportage, Bordell und

heiliger Handlung richten sich gleich Fahnenspitzen die Dinge immer ins

Gespenstige und das Entscheidende tritt ein, daß es hieraus genau so sicher ins

Symbolische geht. Also ist Größe oft nicht fern. Auch ist die Sprache oft von

dichterisch gezähmter Kraft. Manchmal kommt er von Kubin bis Ensor und zu

Munch. Und das Jüdische mit mittelalterlicher Ghettoverdichtung, mit Angst, die

Berufung verlieren, die Ewigkeitsverbindung übers Leben hinaus, den

Hineinbruch des Todes in die Lebensebene als eine Parallele . . ., das sammelt

sich hier in einer Hellsicht, die vielleicht gartenlaubisch gefühlt ist, aber die

Atmosphäre hat, den Prozeß, die Faust und das Gelöste. Und selbst die

Fanatiker, die jeden, der in Deutschland mit Auflagen die Kaffeehausziffer

überschreitet und Erfolg hat, als Karrieremann und Miesnick so lange verbrüllen,

bis sie das gleiche erreicht haben und verächtlich nach hinten schauend lächeln

über die zurückgebliebenen Radikalen, auch jene Hanswurste der falschen

Entschlossenheit werden zugeben, daß ihm eine Reinheit des Gefühls sehr oft

nicht fehle, die an eine schönere und übersinnlichere Welt ein aromatisches und

gutes Erinnern trüge.

So wandelt er, vielleicht kitschig aber sicher, auf den mystischen hebräischen

Wiesen. Es hat den Fünfzigjährigen verwundert, als die Antisemitischen ihm die

Fenster einwarfen. Unten schaukelten seine Segelboote, oben las er im

aufgeschlagenen Fachblatt: „Wenige unseres Klubs werden wissen, daß unser Ruderobmann Meyrink auch ein bekannter Schriftsteller ist“. Aber wie Großes

kann aus jüdischer Dichtung kommen (schon Werfel zeigt es), wenn sie vom

Hirn einmal wieder losgelöst ist und mit Meyrinkscher Geschlossenheit auf den

Wiesen geht. Buber wird Wege wissen, wie dies zu erreichen sei. Wahrscheinlich

wird die Zeit es noch umfassender verstehen. Umsonst ist das internationale

Band durch die Palästinensische Invasion nicht um die Völker der Erde

geschlungen.