Erlebtes und Fiktives

Aida Vita · Kapitel 1 von 27

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Erlebtes und Fiktives

Eine beinahe unglückliche Fahrt zum „Unglücklichen Cap“ - Eine wahre Geschichte

Aida Vita

 

Erlebtes und Fiktives

Eine beinahe unglückliche Fahrt zum

„Unglücklichen Cap“ - Eine wahre Geschichte

 

Während meines letzten Winterurlaubes auf der wunderschönen Tropeninsel Mauritius beschloss ich an einem meiner letzten Tage, eine Fahrt mit dem Bus zum berühmten „Cap Malheureux“ zu machen. Es hat seinen Namen erhalten, weil sich ---der mauritianischen Legende nach--- das Liebespaar Jean und Marie aus unglücklicher Liebe dort ins Meer gestürzt haben. Es ist die nördlichste Spitze von Mauritius, eine Stelle, wo der Wind immer weht, ein bisschen unwirtlich. Als Feriengast sollte man unbedingt einmal dort gewesen sein—las ich im Reiseführer. ‚Gut’, dachte ich, ‚das soll mein nächstes Ziel auf der Insel sein, ich muss doch die Erinnerungsstätte des mauritianischen Pendants von „Romeo und Julia“ unbedingt sehen, zumal ich ganz in der Nähe wohnte. Voller Vorfreude nahm ich den nächsten Bus, der Kassierer kam und fragte mich nach meinem Ziel. Ich sagte ihm, ich wolle nach ‚Cap Malheureux’ fahren. „Wollen Sie zum Strand?“ fragte er mich. Das verneinte ich. „Nein, ich möchte mir die Stadt ansehen“, antwortete ich ihm. Zweifelnd schaute er mich an: “Die Stadt?“ „Ja“, bestand ich hartnäckig darauf. Er wechselte ein paar Sätze mit dem Busfahrer----hier war der Busfahrer nicht gleich der Kassierer---wobei er mich seltsam anschaute . Entweder hält er mich für verrückt, dachte ich, oder mein Französisch ist so schlecht. Wir näherten uns dem Strand von „Cap Malheureux“ und einige Fahrgäste stiegen aus. Es ist dort Sitte, dass der Kassierer, der die Stops seiner Fahrgäste anscheinend genau im Kopf hat, jeweils den nächsten Aussteigern ein Zeichen zum Aussteigen gibt. Ich blieb angespannt sitzen, denn mir hatte er noch kein Zeichen gegeben. Wir fuhren weiter. Dann kam ein Ortsschild, auf dem ich „Cap Malheureux“ lesen konnte. ‚Aha’ war mein Gedanke, ‚hier ist die Stadt und hier werde ich gleich heraus gewunken’. Ich saß artig wie ein Schulkind in der 1. Bankreihe und wagte nur zaghaft zu fragen, ob ich denn hier aussteigen könnte. „Noch nicht“, bekam ich zur Antwort. „ Ich sage Ihnen, wo Sie aussteigen sollen“. Also verhielt ich mich erst einmal ganz ruhig. Wir fuhren über eine lange Landstraße, vorbei an weiten Zuckerrohrfeldern, das Ausgangsschild von C.M. lag schon lange hinter uns. ‚Ob die Beiden, der Kassierer und der Busfahrer mich wohl kidnappen wollen’? schoss es mir, der Krimi-Liebhaberin, durch den Kopf. Das wäre ja gar nicht so ungewöhnlich.. Jetzt wurde ich unruhig. Es waren schon viele Fahrgäste ausgestiegen und bei jeder Haltestelle wurden es weniger. ‚Du hättest doch wenigstens ein Gasspray aus Deutschland mitnehmen können’, machte ich mir insgeheim Vorwürfe. Man sollte sich doch nie auf Fremde verlassen.

Dann nahm meine Busfahrt eine neue Wendung. Auf der anderen Seite der Landstraße kam uns ein Bus entgegen. Plötzlich hielt er an und unser Bus auch. Der Kassierer winkte mich herbei. Ich sollte nun aussteigen. „Weshalb denn hier?“ gab ich mir auf Französisch die größte Mühe. Seine Antwort bestand nur aus den Worten „hier aussteigen und zur Kirche fahren, retour“.’Was!!! Ich soll wieder zurückfahren’. Der Kassierer verschwand sofort und ich wurde etwas unwirsch in den anderen Bus hineinbugsiert. Dieser war voller Schulkinder, alle Plätze besetzt, keiner für mich frei und niemand stand für mich, eine ältere Dame, auf. ‚Was für ein Benehmen! Unerhört!’ schoss es mir durch den Kopf. Der neue Kassierer erklärte mir nun knapp, er würde mich an dem Platz, an dem die berühmte Kirche steht, wohin die Touristen zu pilgern pflegen, hinauslassen. Die Kirche sei zum Gedenken von Jean und Marie erbaut worden. Beruhigt war ich nicht. Ich hoffte nur, dass mir in einem Bus voller Schulkinder nichts passieren würde und wartete ab. Wir fuhren fast den gleichen Weg , den ich gekommen war, wieder zurück. Ständig schaute ich mich um, ob mir die Strecke bekannt vorkam. Die Retour-Fahrt verlief aber anders. Ich hatte kein ruhiges Gefühl. Nachdem ich mir wiederum die Zuckerrohrfelder im Vorbeifahren angeschaut hatte und ebenso einige kleine baufällige Hütten, hielt der Busfahrer irgendwo in der „Pampa“ an und komplimentierte mich hinaus. Ich stand auf der Landstraße, schaute nach rechts und links und erahnte in der Ferne eine Kirche mit rot leuchtendem Dach. Das war die Sehenswürdigkeit, die man für mich für geplant hatte. Ich ging nun in der großen Mittagshitze , hungrig und durstig, die Straße entlang, sah in der Ferne Touristen, die ein Kreuz vor der Kirche von allen Seiten fotografierten. Endlich war ich am CAP MALHEUREUX angekommen. Als erstes stürzte ich mich in die kühle Kirche, danach besah ich mir den Platz genauer und konnte auch eine Gedenktafel an das unglückliche Liebespaar erkennen. Sowohl Kirche als auch Kreuz standen auf einem Hügel und überblickten das Meer. Das Cap wirkte meiner Meinung nach alles andere als glücklich und gab somit die Stimmung der unglücklichen Geschichte von Jean und Marie passend wieder. Die Bezeichnung „malheureux“ (unglücklich) traf den „Nagel auf den Kopf“. Vor mir sah ich ein zerklüftetes Ufer, an das die Wellen schlugen. Alte, unbrauchbare Boote lagen herum und Steine ragten in allen Größen aus dem Wasser. In der Ferne türmten sich schroffe Felsen und kleine steinige Buchten. Ein paar zerzauste Palmen ergänzten die trübe Stimmung. Baden konnte man jedenfalls an dieser Stelle nicht, aber das hatte ich auch nicht vorgehabt. Ich wollte doch die Stadt „Cap Malheureux“ sehen. Nun musste ich schliesslich erkennen, dass es eine Stadt überhaupt nicht gab. Es gab nur die Kirche und einige Plätze mit verfallenen Buden und dann noch Häuser, die an Touristen vermietet waren. Jetzt hatte ich endlich verstanden, weshalb Kassierer und Busfahrer im ersten Bus so irritiert wegen mir waren. Sie konnten mir keine Stadt vorführen, jedenfalls nicht mit dem obigen Namen.

Müde und verschwitzt suchte ich anschließend die Haltestelle für meinen Bus zurück nach Grand Baie, dem Ort, wo mein Hotel stand. Wenigstens hatte ich das berühmte CAP gesehen. Es hatte mich glücklicherweise nicht unglücklich gemacht, wenn es mich auch einige Mühe gekostet hatte, es zu finden.