Erlebtes und Fiktives
Der böse Wolf stellt sich selbst eine Falle
Pfeifend und gut gelaunt schritt der böse Wolf durch den Wald und überlegte sich, wie er zu einem guten Braten kommen könnte. Da erblickte er das Rotkäppchen mit ihrem Körbchen und einer Flasche Wein darin. „Guten Tag, schönes Kind“, sprach er das Rotkäppchen an. „Bist du wieder mal auf dem Weg zu deiner Großmutter ? Ich sehe ein Körbchen bei dir, aber keinen Blumenstrauß. Sieh mal, wie schön die Blumen hier unter den Bäumen blühen. Deine Großmutter würde sich sicher über einen frischen Strauß sehr freuen“. „Da hast du recht“, antwortete das Kind. „Ich werde noch ein paar Blumen für meine Großmutter pflücken bevor ich zu ihr gehe.“ Der Wolf kicherte vor sich hin, denn er hatte bereits einen Plan gefasst.
Er beeilte sich und ging schnellen Fußes direkt zum Haus der Großmutter, denn er kannte diese Behausung. Er sah schon von weitem die Haustür offen stehen. Schnell ging er hinein in der Erwartung, die Großmutter im Bett vorzufinden, doch das war nicht der Fall. Auf dem Bett lag das Nachthemd und die Nachthaube, und die Frau war nirgends zu sehen. Der Wolf zog sich das Nachthemd an und setzte sich die Haube auf und wollte sich ins Bett legen, um die Großmutter zu imitieren, wenn Rotkäppchen herein käme. Doch bevor er dies tun konnte, fiel ihm noch etwas ein. Er rannte durch die Tür und wollte nun unbedingt seine Fußspuren verwischen, damit niemand bemerken konnte, dass er sich im Hause aufhielte. Kaum war er draußen, da fiel die Haustür zu und er stand im Freien. Wutentbrannt über sich selbst drehte er sich im Kreise und wusste nicht, wie er wieder in das Haus hinein kommen konnte. Während er grübelnd durch den Wald ging, bemerkte er einen Mann, der auf dem Waldboden herumkabbelte. Es war der Jäger; kein Unbekannter für den Wolf. Der Jäger sprach ihn an: „Hallo Großmutter, haben Sie vielleicht meine Brille gesehen? Sie ist mir gerade herunter gefallen. Ich kann sie nicht finden.“ Statt einer Antwort ging der Wolf schnell weiter und murmelte vor sich hin: „Was soll das, mich Großmutter zu nennen? Ich wäre schön dumm, mich vor den Jäger zu stellen.“ Nach ein paar Schritten kam ein Jüngling auf einem Pferd heran geritten und sagte: „ Großmutter, ich bin auf dem Weg, das Dornröschen aufzuwecken. Kennen Sie vielleicht den Weg dorthin?“ Wieder regte sich der Wolf auf und sagte zu sich selbst: „Was soll das Großmutter-Getue ?“ Statt einer Antwort entfernte er sich schnell. Plötzlich begegnete ihm der 'gestiefelte Kater'. Bevor dieser ihn auch mit 'Großmutter' ansprechen konnte, rannte der Wolf nun vor Wut außer sich und in seiner Würde als Wolf gekränkt schnurstracks weiter und fast in den Haufen der 7 Zwerge hinein, die gerade um eine Wegbiegung kamen und lustig vor sich hin trällerten. Er hörte noch im Wegrennen 'Das Wandern ist des Müllers Lust' und war froh, nicht wieder angesprochen zu werden. 'Das dauernde 'Großmutter-Getue' geht mir ja so auf die Nerven. Merken die denn nicht, dass ich der große Wolf bin?' fragte er sich. Er versteckte sich hinter einem Baum und wollte das Nachthemd ausziehen. Er zupfte und zerrte daran, bekam es aber nicht über den Kopf. Jetzt wurde er noch nervöser und wütender. 'Das blöde Ding muss ich loswerden' schimpfte er vor sich hin. Ich bin der große Wolf und die Großmutter ist in der Waldhütte. Aber das Herumzerren und Ziehen half nichts. Er bekam das Nachthemd einfach nicht mehr los. Währenddessen hatte sich ihm ,Rotkäppchen mit einem schönen Blumenstrauß genähert. Er sah das kleine Mädchen und dachte: 'Wenigstens das Rotkäppchen wird mich erkennen und mich nicht für seine Großmutter halten'. und er näherte sich ihm. Rotkäppchen schaute ihn erstaunt und fragend an: „Großmutter, hast du dich für mich verkleidet? Du hast ja so einen haarigen, langen Mund und deine Hände sind so groß. Das hättest du nicht zu machen brauchen.“ „ Ich bin der Wolf“, schrie der Wolf ganz laut, „deine Großmutter ist zu Hause.“ Ganz überrascht schaute das Mädchen nun näher hin und erkannte den Wolf in Großmutters Nachtgewand. „Hilf mir beim Ausziehen dieses blöden Hemdes, ich kann es nicht loswerden“, jammerte der Wolf immer lauter. Voller Mitleid sagte Rotkäppchen: „Komm her, ich helfe dir“ und zog ihm das Hemd über den Kopf. Dabei verhedderte sich der Wolf, stolperte,fiel auf die Schnauze und verlor fast alle Zähne. „Du armer Wolf,“ hörte er das Mädchen sagen, „du tust mir ja so leid.“ Kaum konnte sie seine Worte „la mi in uhe“ verstehen, die der Wolf noch zwischen den Kiefern heraus brachte. Das Rotkäppchen ließ ihn in Ruhe und machte sich auf den Weg zu seiner Großmutter.