Erlebtes und Fiktives
Der lange verschollene Prinz Arthur
In den Niederlanden lebte einstmals König Richard I. Mit seiner Gemahlin Kunigunde. Sie herrschten über ein großes Reich und da sie ein Herz für arme Menschen hatten, waren sie bei ihren Untertanen sehr beliebt. Nur eins fehlte ihnen zu ihrem Glück, nämlich ein männlicher Nachfolger. Sie hatten vier Töchter und wünschten sich sehnlichst einen Sohn. Nach vielen, vielen Jahren gebar die Königin einen Prinzen, dem sie den Namen Arthur gab. Alle Untertanen waren darüber hocherfreut und es wurde ein großes Fest veranstaltet, auch für die Bewohner des Dorfes. Eines Tages, als die Sonne wunderbar schien, stellte Kunigunde ihr Söhnchen eingewickelt in goldbestickte Decken und mit einer goldenen Kette um den Hals, auf der sein Name eingeritzt war, in einem Körbchen auf die Terrasse ihres großen Schlosses. Der kleine Prinz sollte die herrlichen Sonnenstrahlen genießen. Es dauerte nicht lange, als eine Schar Elstern über das Schloss flog, Ausschau haltend nach glitzernden Gegenständen. Sie hatten die unangenehme Gewohnheit, alles, was glitzerte, zu stehlen. Eine der Elstern hatte das Goldkettchen am Hals des Babys gesehen und sie flog direkt auf das Körbchen zu und trug es mit ihrem Schnabel fort. Die diebische Elster flog mit ihrer Beute über das weite Land bis sie plötzlich einen großen Adler sah. Dieser kam ihr entgegen und die Elster ließ vor Schreck das Körbchen fallen. Das Baby hatte großes Glück, denn es fiel in einen Heuhaufen und blieb so unverletzt. Als seine königlichen Eltern bemerkten, dass ihr Kind nicht mehr an seinem Platz war, erließen sie einen Aufruf im ganzen Land und baten ihre Untertanen um Hilfe bei der Suche nach Prinz Arthur. Nun wohnte in diesem Land, weit weg vom Schloss des Königs, der Riese Nimmersatt. Er war gerade bei der Arbeit, Heu in seine Scheune zu tragen, als er etwas Glitzerndes auf einem Heuhaufen sah. Er ging näher heran und bemerkte das Körbchen mit dem weinenden Kind. Nimmersatt wusste nicht, was er machen sollte und dachte, seine Frau wäre die richtige Person für ein Baby. Er brachte es zu ihr und sie pflegte und hütete das Baby mit Liebe und Sorgfalt als wäre es ein Waisenkind. Nur wussten die beiden Riesen nicht, dass es ein Menschenkind war. Sie wollten es nach Art der Riesenkinder erziehen. Nimmersatt wollte aus dem Kind einen vorbildlichen Riesen machen. Er sollte groß und stark werden und alle Riesen im Riesenreich übertrumpfen. Daher übte er, sobald Arthur drei Jahre alt war, mit ihm Weitwurf. Dazu nahm er verschieden große Steine, doch der Kleine konnte es ihm nicht recht machen.Trotz aller Anstrengungen vermochte er nicht, weit genug zu werfen und bekam Schelte von seinem Ziehvater. Als nächstes versuchte der Riese Nimmersatt, ihm Weitspringen beizubringen, doch Arthur konnte ihn auch damit nicht zufrieden stellen, denn er war nicht groß genug, nicht so groß wie die Riesenkinder in seinem Alter. „Was bist du doch für ein kleiner Wicht, so groß wie ein Zwerg“ sagte sein Ziehvater ungehalten. „Du wächst ja überhaupt nicht. Alle Kinder hier im Riesenland sind viel größer und stärker als Du.“Der Prinz wurde sehr traurig, weil er ja seine wahren Eltern nicht kannte genau sowenig wie die Riesenfamilie sie kannte, in der er lebte. Er gab sich so viel Mühe, seinen Rieseneltern zu gefallen. Schließlich beschloss er, wenn er erwachsen wäre, sich auf den Weg zu den Menschen zu begeben, von denen er schon gehört hatte. Vielleicht sähen sie ihm ähnlich. Die Zeit verging und Arthur wurde erwachsen. Als Anerkennung dafür wurde ein Riesenfest an seinem 18. Geburtstag veranstaltet und alle Riesen in der Umgebung kamen und gratulierten ihm, aber alle wunderten sich auch über seinen kleinen Wuchs. Keiner hatte eine Erklärung dafür. So etwas hatte es noch nie gegeben. Während sein Ziehvater einen sportlichen Wettbewerb veranstaltete, nutzte Arthur die Gelegenheit zur Flucht. Dazu holte er sich ein leeres Weinfass, setzte sich hinein und rollte damit einen langen Abhang hinunter. Er kam in einer kleinen Stadt am Fuße des Hügels an. Dort wunderten sich alle Leute, denen er begegnete, über sein seltsames Aussehen. Seine Haare hingen ihm wirr auf die Schultern, ein Bart versteckte sein Gesicht fast vollständig. Er trug einen Mantel aus einem Leinensack, dazu Schuhe aus Schilf. Die Menschen lachten über ihn und brachten ihn zum König. Dieser staunte auch über den seltsam aussehenden jungen Mann, doch als Arthur seine Goldkette hervorzog und sie dem König zeigte, wusste dieser, dass er seinen lange verschollenen Sohn vor sich hatte. Er küsste ihn auf die Stirn, ließ ihn wie es einem Königssohn gebührt mit Kleidern ausstaffieren, gab ihm ein Pferd und führte ihn zu seiner Mutter. Diese umarmte ihn mit Tränen in den Augen und erzählte ihm, wie er vor vielen Jahren als Baby in einem Körbchen liegend verschwunden war und wie seine Mutter alle vergangenen Jahre um ihren Sohn getrauert hatte.