Erlebtes und Fiktives

Aida Vita · Kapitel 15 von 27

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Erlebtes und Fiktives

Frühlingsflimmern (Gedanken an den Frühling)

Ich sitze an meinem Schreibtisch und denke nach. Meine Katze Nina liegt entspannt auf ihrem Hochsitz, ihrem modernen Kratzbaum, von dem sie eine wunderbare Sicht auf meinen Tisch und mich hat. 'Was soll ich bloß zu dem Thema „Frühlingsflimmern“ schreiben?' überlege ich. In dem von mir besuchten Schreibkurs wurde uns Schülern diese Aufgabe gestellt. 'Schwierig', denke ich, 'ich muß mich ganz einfach in den Gedanken an den bald kommenden Frühling vertiefen,' obwohl ---wenn ich aus dem Fenster schaue und den grauen Himmel und die Regenwolken sehe-- es mir nicht leicht fällt, mir die wunderbare Jahreszeit mit Sonnenschein und Blumen vorzustellen. Nina scheint derlei Gedanken nicht zu haben. Sie hat alles im Blick und kann beruhigt ein Nickerchen machen, während ich meine Gehirnzellen in Bewegung setze. Katzen schlafen meistens nicht tief. Ihre Ohren bekommen sehr viel von den Geräuschen in der Umgebung mit. Bei den leisesten Tönen sind sie hellwach. Ich beneide sie um ihre Ruhe. Mein Blick fällt zufällig auf meinen Aquarellblock auf dem Tisch. 'Ich könnte doch versuchen, den Frühling zu malen' denke ich. 'Das Flimmern kommt dann schon von selbst'. Also hole ich meine notwendigen Utensilien: Aquarellfarben, Pinsel, ein Tuch und ein großes Glas Wasser. Eine Tasse Kaffee stelle ich mir daneben. Vielleicht wird dann meine Kreativität angeregt. Es ist ein Versuch wert. Nina schläft fest, doch ich kann 2 kleine Augenschlitze sehen. Sie scheint feststellen zu wollen, ob ich noch brav an meinem Platz sitze. Ja, das tue ich. Sie hat es gern, mich in ihrer Nähe zu wissen. Ich fange an, großzügig ein Blatt mit bunten Blumen zu bepinseln. Jetzt bin ich in meinem Element, denn ich liebe Wasserfarben. Ich liebe auch den Frühling und die bunten Blumen. Nun pinsele ich auch noch eine grüne Wiese, abwechselnd mit einem dickeren und dünneren Pinsel. Es klappt gut. Mit Farben spare ich nicht. Nina scheint alles, was ich so mache, mitzubekommen, denn plötzlich blicke ich in ihre weit geöffneten, bernsteinbraunen Augen. Das Geräusch der Pinsel hat sie wohl aufgeweckt. Sie liebt es über alle Maßen, mit meinen Pinseln zu spielen, ich hingegen mag das überhaupt nicht. Sie schaut jetzt abwechselnd mich und die Pinsel an.“Lass bloß deine Pfoten von meinen Pinseln“ fahre ich sie an. „Das sind meine Pinsel, schlaf weiter.“ Nina tut gar nichts, sie scheint beleidigt zu sein. Die Augen gehen halb zu. Ich prüfe mein neues Werk, indem ich es etwas entfernt halte. Es gefällt mir ganz gut. 'Moderne Malerei' denke ich. Die Sonne scheint auf meine Blumenwiese und es entsteht schon der Eindruck eines 'Frühlingsflimmerns' entscheide ich. Ja, so stelle ich mir den Frühling vor. Ich bin ganz entzückt. 'Etwas fehlt noch' denke ich. Aber was? Es müsste noch etwas mehr rot auf der Wiese sein, ein zartes rot, kein tomatenrot, so rot wie die Plastikblume, die Nina ab und zu hin und her wirft. Ich stehe auf und suche die Blume. Ich halte sie in den Händen und schaue mir die zarten Farben an. Plötzlich springt Nina von ihrem Hochsitz auf meinen Tisch. Sie will mir die Blume abjagen. So weit kommt es jedoch nicht. Der Wasserbehälter fällt um und ergießt sich auf meine Blumenwiese und auf den ganzen Tisch. Jammernd und schimpfend verjage ich Nina. Dann sehe ich mir mein Bild näher an. Jetzt sieht es mehr nach einem 'Frühlingsflimmern' aus. Das Wasser hat es noch verbessert. Im Geiste danke ich Nina und habe vor, beim nächsten Treffen unserer Schreibgruppe meine malerische Umsetzung unseres Themas vorzuführen.