Erlebtes und Fiktives

Aida Vita · Kapitel 17 von 27

PDF-Seiten

Erlebtes und Fiktives

Uschis verschwundener Schal

Es war im Winter 2006 als meine Freundin Uschi mich fragte, ob wir---mein Mann und ich--- Lust hätten, mit ihr und ihrem Mann Frank auf eine Entdeckungsreise durch Mexiko zu fliegen. Ich überzeugte meinen noch unschlüssigen Mann schließlich damit, dass ich ihm alle Vorzüge dieser Reise---vor allem die wunderbaren, 3000 Jahre alten, sehenswerten Pyramiden --- vor Augen hielt und wies besonders auf das warme Wetter hin, das dort wohl zu erwarten wäre. Er war schließlich einverstanden und bei einem gemeinsamen Essen mit Uschi und Frank besprachen wir die Einzelheiten unserer zukünftigen Tour. Wir wälzten Kataloge, verglichen Preise im Internet und buchten schließlich bei einer namhaften Reisegesellschaft unseren Urlaub. Im darauffolgenden Januar starteten wir Richtung Mexico City und kamen nach einem langen Flug übermüdet in der Hauptstadt schliesslich an. Diese 30 Millionen-Stadt, von der man schon lange verschiedenartige Berichte gelesen und gesehen hatte, beeindruckte uns wirklich sehr, insbesondere der schreckliche, unübersichtliche Verkehr. Aber vor allem staunten wir über die Funde der alten Mayas und Inkas -- der Vorfahren der heutigen Mexikaner -- die in einem riesigen Museum untergebracht waren und wir staunten auch über die riesigen, fast unvorstellbar grossen Pyramiden-Reste. Sie waren in Anbetracht der langen Bauzeit vor 3000 Jahren noch gut erhalten . Die Stadt war ganz ungewöhnlich, eben eine typische Latino-Stadt, mit keiner europäischen Stadt vergleichbar. Leider konnten wir nur einen Teil davon sehen, denn 2 Tage danach ging unsere Reise weiter. Aber einen Abend hatten wir noch Zeit, ein internationales Ballett anzuschauen. Man feierte gerade die „Internationalen Künstlertage“ in Mexiko City. Nachdem das Hotel uns Eintrittskarten gebucht hatte, brachte uns ein Taxi gegen 20 Uhr ins Theater „Grandes bailles“ . Vor allem waren wir schon auf die mexikanischen Tänze gespannt---hatten wir doch viel darüber gelesen .Uschi und ich waren elegant gekleidet. Sie erschien in einem roten Kleid mit passendem Schal aus Seide. Ich hatte mich für ein schwarzes Kleid entschieden. Dazu hatte ich einen schwarzen Spitzenschal leicht über die Schultern drapiert. Unsere Ehemänner standen uns in Eleganz nicht nach. Alle waren zufrieden und wir genossen die Tänze bis zur Pause. In dieser Pause herrschte eine große Aufregung, denn plötzlich sprang Uschi von ihrem Sitz auf und schrie laut : „Mein Schal ist weg! Jemand hat ihn gestohlen.“ „Schwer zu glauben“, meinte ich. „Ich habe niemanden bemerkt“. „Doch, der Schal ist weg“, bestand Uschi auf ihrer Behauptung. „Er muss gestohlen worden sein, während ich voller Aufmerksamkeit das Geschehen auf der Bühne verfolgte“. Plötzlich deutete sie auf die Frau neben ihrem Sitzplatz und fuhr sie laut an: „Öffnen Sie Ihre Handtasche sofort! Sie haben meinen Schal!“ Die Angegriffene antwortete ebenso laut: „ Ich denke nicht daran, meine Tasche zu öffnen. Ich habe ihren Schal nicht genommen“. Das war Uschi zu viel. Wütend forderte sie ihren bis dahin schweigenden Mann auf, sofort die Polizei zu rufen. Sie wolle schnellstens eine Aufklärung und sie sei sicher, dass ihre Platznachbarin ihren Schal gestohlen hatte und nun in ihrer Handtasche verberge. Ungern--man konnte es Frank ansehen--doch unter Druck seiner Frau wählte er schließlich die Nummer der mexikanischen Polizei und schilderte den Vorfall. Wir sollten nun auf die Polizeihüter warten. Währenddessen war mir mein Ticket aus der Hand gefallen und ich bückte mich, um es aufzuheben. WAS erblickte ich dann unter Uschis Sitzplatz ? Ihr schöner Seidenschal lag dort zerknüllt auf dem Boden. Ihre Nachbarin hatte nichts damit zu tun. Meine Freundin hob das „Corpus delicti“ mit gemäßigter Freude und schlechtem Gewissen auf. Schließlich hatte sie „viel Lärm um Nichts“ gemacht und musste sich jetzt auch noch entschuldigen. Das tat sie dann und die Polizei bekam einen weiteren Anruf von ihrem finster dreinblickenden Mann. Einen Schiedsrichter brauchten wir nun nicht mehr.