Kolbe
7. Erste Fahrt Berlin, Bern, 1943
7
Erste Fahrt
Berlin, Bern, 1943
Es geschah fast gleichzeitig. Erst schritt ein mürrischer von Günther durch sein Büro und warf weitere Akten für die Glut in den Feuerkörben auf Fritz’ Schreibtisch, dann klopfte Frau Hansen an seine Tür und wedelte mit einem Zettel. Kurierfahrt, noch in diesem August, Herr Kolbe, sagte sie.
„Berlin – Bern, Bern – Berlin. Schönes Wetter ist garantiert. Grüßen Sie die Schweiz von mir. Keine Bomben, Herr Kolbe, meine Güte, keine Bomben.“ Sie legte sich eine Hand auf die Brust, als wolle sie etwas festhalten, und seufzte.
Noch am selben Abend rief er Eugen Sacher in Bern an und teilte ihm das Datum seiner Reise mit.
„Hör zu, Eugen, sag diesem Mann aus der englischen Botschaft, dass ein Beamter des Auswärtigen Amtes nach Bern kommt. Mit Geheimakten der Nazis. Um sie dem britischen Geheimdienst zu übergeben.“
Der Hörer hustete, dann krachte es in der Leitung. Wahrscheinlich war Sacher das Telefon aus der Hand gefallen. Jetzt, da er es ausgesprochen hatte, wurden Fritz die Knie weich. Er setzte sich und presste eine Faust an die Stirn. Er hielt seinen Entschluss fest, umklammerte ihn, wollte ihn sich in den Kopf schieben. Aus der Schweiz hörte er seinen Namen, ungläubig ausgesprochen.
„Fritz! Fritz, die bringen dich um.“
Fritz wollte sagen, die würden ihn nicht erwischen, aber die Worte kamen nicht, steckten im Angst- und Zweifelgebirge.
„Du kennst dich mit solchen Sachen nicht aus“, rief der Hörer. „Das geht nicht. Komm in die Schweiz – und dann verschwindest du. Ich versteck dich irgendwo, bis der ganze Mist vorüber ist. Aber sei nicht verrückt. Geheimakten? Über die Grenze? Fritz, um Himmels willen.“
„Du würdest mich verstecken?“
„Natürlich. Ich fang dich irgendwo in Bern ab, mit dem Auto. Ich bin ein unbescholtener Bürger. Unverdächtig, guter Leumund. Bei mir findet dich niemand.“
An die Möglichkeit, in der Schweiz unterzutauchen, hatte Fritz noch nicht gedacht. Seine Tage waren besetzt gewesen von Hakenkreuzakten. Sacher hatte bestimmt einen großen Weinkeller. Fritz musste lachen. Tue das Richtige und habe keine Angst.
„Eugen – Eugen, hör zu. Einen Tag, bevor ich in Bern ankomme, nimmst du Kontakt auf. Nichts weiter. Die Briten werden sofort zusagen. Das sind gute Leute. Churchill ist der Beste, den sie in diesen Zeiten haben können. Eugen, alter Freund, du musst das tun. Du musst das für mich tun. Jetzt zählt es. Jetzt zählen all die Worte, die im Frieden so leicht auszusprechen sind.“
„Ich habe Frau und Kinder, Fritz. Ich … ich ruf wieder an.“ Es knackte und die Leitung schwieg. Fritz saß wie festgenagelt auf dem Küchenstuhl und drückte sich den Hörer an die Schläfe. Er wollte auf sein Rad steigen und zu Marlene fahren, von der Straße aus hochschauen, ob er einen Spalt Licht in ihrer Wohnung sah, vielleicht schellen. Aber was hätte er ihr sagen sollen? Er stellte den Globus neben das Telefon. Katrin, direkt rechts von der weiten, gewölbten, hellblauen Fläche des Atlantiks. Wie groß mochte seine Tochter mittlerweile sein? Und ob sie immer noch so schmal war, so zart und hell unter der Kappe ihres schwarzen Haares? Er fuhr mit dem Zeigefinger von Westafrika nach Norden, nach Europa. Deutschland – Schweiz, Berlin – Bern. Ein paar Zentimeter nur, er hatte schon ganz andere Entfernungen hinter sich gebracht. Aber diesmal? Das Telefon läutete. Er legte die Hand auf den Hörer, spürte das glatte Metall, nahm ab und sagte nur Ja – mit einem Fragezeichen dahinter statt des Ausrufezeichens, das er hatte intonieren wollen. Eugen Sacher sagte, er werde es tun.
Er packte das Allgäubild am Rahmen und stellte es vorsichtig auf den Boden. Licht schimmerte wie gelber Staub auf der mattgrauen Tresortür. Er drehte an dem Stellrad, legte den Griff um und öffnete. Die Geheimakten. Ein Stapel, Schattenlinien zwischen den Blättern, Eselsohren. Schlagartig rückten die Wände seines Büros weiter auseinander, das Zimmer wurde immer größer, alles drehte sich um ihn. Mit einem Ruck zuckten die Wände wieder zurück. Fritz nahm die Akten heraus, löste sie aus den Pappumschlägen mit dem roten Querstreifen, wickelte sich die Papiere um die rechte Wade, schnürte sie mit bereitgelegten Bändern am Bein fest und zog die Hose wieder darüber. Das alles dauerte weniger als eine Minute. Tausende körperlose Augen sahen ihn an. Als könne er selbst nicht glauben, was er getan hatte, tippte er einen Begleitbrief für einen Kommissar, der auf dem Weg an die Ostfront war. Er machte so viele Fehler, dass er das Blatt aus der Maschine riss und in den Papierkorb warf. Die Akten lagen schwer an seinem Bein. Bleib ruhig. Bleib ruhig. Komm jetzt. Er löschte die Lichter im Büro und trat auf den Flur. Er hoffte, niemanden mehr zu treffen. Der Kollege Havermann grüßte ihn und erzählte etwas über Musik, so irritierend, so fremd, dass Fritz fragte: „Was? Was?“, und seine Stimme flatterte. Havermann lachte und legte ihm eine Hand auf die Schulter. Zwei Frauen aus der Visaabteilung gingen vorbei, sahen Fritz an und lächelten. Wieso waren die alle um diese Zeit noch hier? An der Abzweigung zum Ausgang Wilhelmstraße stand Müller und las ein Telegramm. „Heil Hitler. Sie sind so blass wie auf dem Schiff damals, Herr Kolbe. Geht es Ihnen nicht gut? Denken Sie an die Männer an der Front.“
„Hören Sie nicht auf den“, flüsterte Havermann. „Kennen Sie Dvořáks Sinfonie Aus der neuen Welt, Herr Kolbe?“
Er bügelte ein weißes Hemd, zog seinen schwarzen Anzug an, eine dunkle Krawatte, einen dunklen Hut. Er wollte so streng und seriös wie möglich aussehen. Er ließ die Dokumentenkisten für die Berner Gesandtschaft zum Anhalter Bahnhof bringen und nahm von seinem Vorgesetzten die Aktentasche mit den versiegelten Dokumenten entgegen. Er spürte das Papier der Schmuggelakten an seiner rechten Wade. Er hatte den Kniestrumpf darübergezogen.
„Ich habe meine Hand für Sie ins Feuer gelegt, Kolbe“, sagte von Günther. „Sie wissen, dass jeder, der eine Kurierreise antritt, einer genauen Überprüfung unterzogen wird, ja. Ich habe ein „vollkommen vertrauensvoll“ und „absolut unverdächtig“ für Sie angegeben. Trotzdem, Kolbe, ich werde nichts für Sie tun können, wenn die Dokumente nicht sicher in Bern ankommen.“
„Jawohl, Herr Botschafter.“
„Grüßen Sie von Lützow bitte von mir. Der freut sich immer, etwas aus Deutschland zu hören – weiß wahrscheinlich nicht, wie gut er es in der Schweiz hat. Unter uns, ja, Kolbe, ein Posten dort – das ist doch lächerlich. Nun, Heil Hitler.“
„Hei Hitler, Herr Botschafter.“
Vom Amt zur Charité am anderen Ufer der Spree war es nicht weit. Fritz fragte nach dem Büro von Marlene Wiese, stieg Treppen hinauf, ging an Operationssälen vorbei und einem Kabinett mit konservierten Händen und Därmen, an Hitlerporträts und Schaubildern gehäuteter menschlicher Körper. Er hörte ihr Herein durch die Tür und gleichzeitig das abgehackte Klacken einer Schreibmaschine. Marlene drehte sich nicht sofort um, sie saß ein wenig nach vorne gebeugt über einem Blatt, das sich aus der Maschine bog. Sie trug eine weiße Bluse und er konnte den Verschluss ihres Büstenhalters durch den Stoff sehen. Das Haar hatte sie zu einem Pferdeschwanz gebunden. Sie so von hinten zu sehen, ohne dass sie ihn anschaute, machte ihn nervös und glücklich.
„Ich komme, um mich zu verabschieden“, sagte er. Sie bewegte das Gesicht vom Papier weg, ein unsichtbares Bändchen schien zu reißen, dann sah sie ihn an.
„Herr Kolbe.“
„Dienstreise in die Schweiz. Soll ich Ihnen etwas mitbringen?“
„Schokolade.“ Sie bot ihm einen Platz an und fragte, ob er noch Zeit für eine Tasse dünnen Kaffee habe. Habe er nicht, sagte er, er nehme aber trotzdem gerne einen und könne dann ja zum Bahnhof rennen, er sei immer noch gut in Form. Marlene verließ das Büro. In einer Ecke lehnten Beinprothesen, metallene Gebilde mit Kugelgelenken und Lederaufsätzen. In einer Vase auf dem Schreibtisch standen getrocknete Blumen. Es rührte Fritz, dass Marlene diesen farblosen Strauß dort stehen hatte, die Stile so papieren, dass jede Erschütterung sie zerbrochen hätte. An zwei Wänden hingen alte Landkarten.
„Mein Mann ist Kartograph“, sagte sie, als sie wiederkam und ihn vor den Karten fand. Ich will jetzt nicht über deinen Mann reden, dachte er, sagte es aber nicht. Ich will jetzt diese Tür abschließen, dich auf den Schreibtisch heben, dir die Bluse aufreißen, den Rock hochschieben, das Höschen ausziehen und mit dir schlafen. Vielleicht bin ich morgen schon Gefangener der Gestapo – auch das sagte er nicht. Ganz kurz aber fragte er sich, warum er das nicht tat. Tue das Richtige und habe keine Angst. Er würde in wenigen Stunden an der Grenze sein Leben riskieren und traute sich nicht, Marlene in diesem beschissenen Krieg zu sagen, was er eigentlich wollte. Stattdessen bedankte er sich für den Kaffee. Er sah ihr in die Augen und versuchte, ihre Gedanken zu lesen. Sie wirkte so jung. Hätte es eventuell sein können, dass sie für einige Sekunden vielleicht Ähnliches gedacht hatte wie er?
„In Ihrer Nähe fühle ich mich immer wie ein Schuljunge“, sagte er.
„Mache ich Sie nervös, Herr Kolbe?“
„Ein bisschen gemein, solch eine Frage zu stellen, oder?“
„Ein bisschen, ja.“
Jetzt rieselte ein Schauer Resignation durch seinen Körper. Diese Frau war verheiratet und er konnte ihr nicht sagen, was er vorhatte, obwohl er sich ihr so gerne anvertraut hätte. Sie musste ihm ansehen, dass er plötzlich etwas verloren hatte.
„Was denken Sie, wie das alles hier einmal endet?“, fragte er. Ihr Gesicht wurde ernst, auf den breiten Wangenknochen zuckten Muskeln. Sie ließ das Etui aufspringen, Fritz gab ihr Feuer. Habe er sich direkt nach ihrem letzten Treffen besorgt, dieses Feuerzeug, sagte er.
„Wir werden bezahlen, Herr Kolbe. Jeder auf seine Art. Mein Sohn, Hans, er ist …“ Sie blies Rauch aus, als könne sie damit etwas loswerden. „Schon 1940. Aber wir werden leben.“
„Das mit Ihrem Sohn …, es tut mir so leid, Frau Wiese.“
Sie hob die Hände, wehrte ab. Fritz vermochte sich nicht vorzustellen, dass er Katrin verlieren könnte. Er murmelte einen Fluch.
„Können Sie nicht fortgehen, Frau Wiese?“
„Und die Patienten? Ich bin ausgebildete Krankenschwester, dann aufgestiegen zur persönlichen Assistentin des Professors. Nein, ich kann hier nicht weg, Herr Kolbe. Das geht nicht. Außerdem lebt meine Mutter noch in Berlin.“ Sie sah sich im Büro um, als wäre noch jemand anwesend. „Das hier, das ist es, was ich tue. Für mich hat das nichts mit Politik zu tun. Ich versuche es jedenfalls.“
„Ich komme wieder.“ Das hatte er auch Katrin gesagt, in Afrika, vor über hundert Jahren. Er stand auf und sah ihr fest in die Augen.
„Sollten wir uns nicht wiedersehen, Frau Wiese, möchte ich Ihnen sagen, dass es ungeheuer schön war, Sie wenigstens kurz kennengelernt zu haben. Es war mir ein Fest. Ich hoffe, nun … passen Sie auf sich auf.“
„Wieso sollten wir uns nicht wiedersehen?“
„Ich denke an die Schokolade.“
„Dann sehen wir uns auf jeden Fall wieder, Herr Kolbe.“
„Fritz.“
„Gut, Fritz. Marlene.“
Er reichte ihr die Hand. Die Berührung ihrer Haut tat ihm gut, ihre Hand war warm und fest. In der Tür drehte er sich noch einmal um.
„Irgendwann erzähle ich es Ihnen.“
Sie drückte die Zigarette aus.
„Was auch immer es ist“, sagte sie.
Der Bahnhof schwamm in bläulichem Licht, sämtliche Lampen waren durch blau gefärbte ersetzt und die gewaltigen Lokomotiven mit Hakenkreuzen bestückt. Metall rieb schwer auf Metall, eine übergroße Schmiede im kalten Licht. Frauen drängten mit ihren Kindern in die Waggons, Koffer verkanteten sich in schmalen Türen, Ansagen wurden gebrüllt, Pfeifen tönten. Fritz hatte eine Karte für den ersten Waggon, Sonderplätze. Er wollte sich gerade die Stufen hochschwingen, als er seinen Namen hörte. Der Schreck durchfuhr seine Brust wie ein Axthieb. Er krallte sich an die Metallstange und sah sich um.
„Horrido, ich lass dich doch nicht in die Schweiz abhauen, ohne mich zu verabschieden.“
„Gott, Walter.“
„Was ist denn mit dir los? Ist dir der Teufel über den Weg gelaufen?“
„Mann, du bringst mich um.“
„Fritz? Alter Freund?“
„Ist schon gut, Walter. Ich war nur mit meinen Gedanken ganz woanders.“
„Bei dieser Frau?“
„Marlene, ja genau.“
„Nach deiner ausführlichen Beschreibung weiß ich jetzt, wer sie ist. Tolle Frau, Fritz. Wie stehen deine Chancen?“
Fritz legte sich eine Hand aufs Herz.
„Du bist zu viel alleine. Wirst ein bisschen wunderlich.“
„Seit ich wieder in Deutschland bin. War vorher anders.“
Der Schaffner blies in seine Pfeife, Türen wurden zugeschlagen und die Lok presste Rauch aus.
„Ich muss los, Walter. Schön, dass du hergekommen bist.“
Sie schüttelten sich die Hände.
„Freundschaft ist so ziemlich das Letzte, was wir noch haben“, sagte Walter.
„In welchem Mist stecken wir hier nur?“
„Ich weiß es auch nicht, Fritz. Es hätte alles nie geschehen dürfen. Und jetzt ist es unser Leben. Nicht gerade heldenhaft.“
„Pass gut auf dich auf, Walter. Und auf Käthe. Und Horst.“
Fritz fand ein leeres Abteil, zog die Tür hinter sich zu und schloss die dünnen Vorhänge. Pünktlich um zwanzig nach acht rollte der Zug aus dem Bahnhof, und Fritz wollte nichts sehen von Berlin. Würde er überprüft werden, wäre er ein toter Mann. Das Schlimmste daran war, dass er sich nicht würde wehren können. Er hatte keine Waffe. Es gäbe keine Möglichkeit. Er spürte die harten Griffe der Gestapomänner an seinen Oberarmen und er hatte keine Ahnung, wie er das, was dann kommen würde, durchstehen könnte. Jetzt wäre es noch einfach gewesen: das Fenster hinunterziehen, den Wind spüren, das Arbeiten der Lok und den Dampf riechen und die Papiere vom Bein lösen, rausschmeißen, fertig. Ein paar Sekunden nur, einen Moment, in dem die Schwäche als Stärke erschien und verlockend war und er danach frei sein würde und sein rechtes Bein leichter. Wenn er für den Rest des Krieges in seiner Position blieb, würde niemand den privaten Sekretär von Günthers vor ein Kriegsgericht stellen. Er würde durchkommen, würde leben und gegen von Günther aussagen. Er griff beidhändig nach den Vorhängen, zog sie auseinander und sah sein Spiegelbild bleich in der Scheibe. Tue das Richtige und habe keine Angst. Er atmete lang aus, sein Gesicht verschwand plötzlich hinter Milchglas. Fritz zog die Vorhänge wieder zu. Er nahm seinen Pass aus der Jacketttasche: Deutsches Reich, darunter der Adler mit dem schräg stehenden Hakenkreuz, darunter Ministerialpass. Er knibbelte mit dem Daumennagel am Hakenkreuz, immer fester, bis ein Hauch von goldigem Staub an seinen Fingern hängen blieb.
Er versuchte zu lesen, versuchte ein wenig Schach auf seinem Reisespiel zu spielen, aß sein Käsebrot und trank lauwarmen Ersatzkaffee aus seiner Thermoskanne. In Heidelberg schob ein Mann in Anzug die Tür zu seinem Abteil auf. Fritz starrte ihn an und der Mann schloss die Tür wieder. Die lichtlose ratternde Kammer brachte Fritz der Schweiz immer näher.
In Basel musste er den Zug verlassen. Der Badische Bahnhof sei die letzte deutsche Enklave vor der Grenze, hatte Marlene Wiese ihm erzählt. Sie sei mit dem Professor einmal dort gewesen. Danach befinde er sich in der angeblich neutralen Schweiz. Der Professor meine, da wimmle es nur so von Agenten. Man wisse überhaupt nie, mit wem man rede. Übermüdet und stoppelbärtig stieg Fritz die Stufen des Waggons hinab, sah nach den Wachleuten am Grenzübergang und ging zurück zum Gepäckwagen. Er kümmerte sich um die Sperrkisten des Amtes. Reichsfahnen hingen rot von der Bahnhofsdecke herab, Soldaten mit Karabinern über der Schulter standen beidseitig des Kontrollpunktes und starrten die Passanten an, harte Lichtreflexionen auf den Stahlhelmen.
Seine Wade juckte. Sein Herz wurde eng. Er klemmte sich die Aktenmappe unter den schweißjuckenden Arm und reihte sich in die Schlange der Wartenden vor dem Posten ein. Bisher war jeder kurz kontrolliert und dann gebieterisch durchgewunken worden. Jetzt könnte er noch umdrehen. Zur Toilette gehen, die Akten dem rauschenden Wassersog übergeben. Nein. Nein. Es gab kein Zurück mehr. Er hörte das Quäken einer Lok, die Dampf aufnahm, die Hitze atmete, er hörte eine Frau spitz nach ihrem Kind rufen und kam dem Mann an dem Tisch vor dem Wärter- und Zollhäuschen immer näher. Durch die Hosentasche hindurch griff Fritz nach seinem Genital, das angstklein zuckte und ungeheuren Urindrang durch seinen Leib presste. Bei einem kleinen älteren Mann wedelte der Kontrolleur mit den Papieren, und aus dem Häuschen schräg hinter dem Tisch des Kontrolleurs traten zwei Uniformierte, die den Mann wortlos in eine Kabine führten. Leibesvisitation. Nach welchen Kriterien suchten die Männer Passanten aus? Hatten sie ein Zahlensystem oder war es ein tiefer Blick in die Augen, die nie ganz still sein konnten? Sein Blick krallte sich in den hellen Mantel der Frau vor ihm, sie hatte ein schwarzes Muttermal am Nacken. Der Kontrolleur nahm ihren Ausweis. Für einen Moment sah er an der Frau vorbei in Fritz’ Augen. Solch ein kurzer Stich, wenn man jemanden ansieht und exakt in diesem Moment der andere das merkt. Fritz lächelte. Der Mann klappte den Ausweis der Frau zusammen und sagte: „Weiter!“ Jetzt war Fritz dran. Sei ruhig, Hand, betete er und er hätte sich verrenken mögen wegen des Schweißes unter seinen Armen. Ohne ein Wort zeigte er dem Beamten seinen Ministerialpass und das Visum. Der Mann sah ihn an, die Augen klein.
„Was haben Sie in der Tasche, Herr Kolbe?“
Fritz öffnete den ledernen Deckel, zog die versiegelten Akten ein Stück hervor und ließ sie sofort zurückgleiten.
„Nicht so schnell!“ Der Mann zog die Tasche auseinander und tippte mit den Fingerspitzen auf die Kanten der Kuverts.
„Sie haben vier Tage für die Schweiz, keine Minute länger. Weiter! Stehen Sie hier nicht rum, weiter.“
Aus dem Häuschen hörte Fritz kein einziges Geräusch. Er eilte zur nächsten Toilette, urinierte und es lief und lief, er musste sich einhändig an der Wand abstützen. Im Waschraum riss er sich das Hemd vom Leib, holte die Kernseife aus dem Koffer und wusch sich den Schweiß ab. Mit immer noch nervösen Händen zog er ein frisches Hemd an, band die Krawatte und glitt an der Kachelwand hinab zu Boden. Er blieb sitzen und krallte eine Hand um die Stirn, bis die Tür geöffnet wurde. Fritz kämpfte sich auf, griff nach seinen Sachen und versuchte, die Ouvertüre der Zauberflöte zu pfeifen. Das Getümmel vor dem Bahnhof drehte sich um ihn, Frauen, Kinder, Männer mit Hüten standen schräg, Töne verzerrten, Schaufenster spuckten die Sonne aus, und er stakste auf die Straßenbahn zu, die zum SBB fuhr. Völlig außer sich bestieg er den Zug nach Bern. Er hätte schreien können. Erst als er die Stirn an die kühle Fensterscheibe lehnte und den blauen Himmel über den klar abgesetzten Scherenschnitten der Berge sah, wurde sein Atem langsamer und das Jucken an der Wade ließ nach.
Er hatte vier Tage, seinen Plan zu verwirklichen. Den gesamten ersten Tag musste er in der deutschen Gesandtschaft im Willadingweg verbringen. Die Außenstelle des Amtes war in einer Villa mit grünen Fensterläden und einem Vorgarten mit streng gestutzten Sträuchern untergebracht. Fritz saß mit von Lützow und dessen Sekretär Weygand im Büro, es roch nach frisch aufgebrühtem Kaffee. Konsul von Lützow, ein Mann von ähnlicher Statur wie Fritz und mit sehr dunklem Haar, fragte nach den Zuständen in Deutschland und der Arbeit von Ribbentrops. Er sei dem Außenminister persönlich nur ein einziges Mal begegnet. „Man kommt sich manchmal ein wenig alleine gelassen vor“, sagte er.
Als Fritz darauf hoffte, endlich in sein Hotel gebracht zu werden, lud von Lützow ihn zum Abendessen mit seiner Familie ein. Fritz wandte ein, es sei eine lange Reise gewesen und er habe nicht richtig schlafen können.
„Ah, Herr Kolbe, die deutschen Kochkünste meiner Frau werden Sie beflügeln.“ Er griff nach dem silbergerahmten Foto auf dem Schreibtisch. Die Frau hatte ein breites Gesicht, streng, mit lebhaften dunklen Augen. „Es war nicht so einfach für sie, Berlin zu verlassen und mit mir und den Kindern hierher zu gehen. Nun, nach dem Essen lasse ich Sie in meinem Wagen zum Hotel fahren, keine Sorge. Aber täuschen Sie sich nicht, Herr Kolbe, wir müssen hier zwar keine Bombenangriffe erdulden, aber das Leben ist doch hart. Sie glauben nicht, welch administrativen Aufwand wir hier betreiben müssen – und eines“, er winkte ihn mit dem Zeigefinger zu sich heran, „eines ist klar: Es wimmelt hier in Bern von Spionen. Unsere Abwehrabteilung klagt nicht über Müßiggang. Aber auch da, Herr Kolbe, auch da, ist Deutschland nicht zu übertreffen. Wenn Churchill, Roosevelt oder Stalin ihre Agenten hierherschicken, dann finden wir das heraus. Oder, Herr Weygand?“
Von Lützows Sekretär hatte noch kein Wort gesagt, auf seinem Gesicht war ein Lächeln eingefroren. Er war ein blasser Mann mit gespaltenem Kinn. Fritz hatte bemerkt, dass Weygand in unregelmäßigen Abständen die Rechte zur Faust ballte. Bevor er jetzt etwas erwidern konnte, rieb von Lützow sich die Hände, „Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen. Scheuen Sie sich nicht, es ist genug da. Und die Landschaft, Herr Kolbe. Wenn Sie mehr Zeit hätten, würde ich Ihnen einige Wandertouren vorschlagen. Famos.“
Beim Essen erklärte von Lützows Gattin Fritz die Stellung der deutschen Frau und welche Wichtigkeit die in der Erziehung der Kinder spiele – die drei Töchter saßen nebeneinander an der Längsseite des Tisches und sprachen nur, wenn sie gefragt wurden. Frau von Lützows wahres Gesicht war nicht so angenehm, wie das, das Fritz als Foto im Büro des Konsuls gesehen hatte. Sie hatte etwas Hartes an sich, und wenn sie jemanden anblickte, schlitzte sie kaum merklich die Augen. Weygand sah Frau von Lützow an, er schnitt sehr kleine Stücke von seiner Bratenscheibe ab und beugte sich der Gabel entgegen. Als von Lützow Fritz nach seiner Haltung zum Führer fragte, pochte in Fritz die Erkenntnis, dass er überprüft wurde, dass gleich Detailfragen folgen würden – dass man ihn längst durchschaut hatte und wusste, warum ihm die Haut an der Wade brannte.
„Herr Kolbe? Unser Führer?“
Fritz breitet die Arme aus. „Was soll man da noch sagen?“
Frau von Lützow nickte wohlwollend, Weygand sah Fritz über die Gabel hinweg an, ein Stück rosiges Fleisch kurz vor den Augen.
„Verlassen wir uns auf ihn“, sagte von Lützow.
„Mein lieber Gatte, verlassen? Das ist zu wenig“, sagte Frau von Lützow.
„Das internationale Judentum …“, sagte Weygand.
„Hört, hört“, sagte Frau von Lützow. „Heil Hitler.“
„Heil Hitler“, sagten die drei Kinder.
„Hei Hitler“, sagte Fritz. Weygand zog die Brauen zusammen, Frau Lützow räusperte sich und strich sich einen imaginären Krümel aus dem Mundwinkel.
Weygand brachte ihn zur Tür, eine schwarze Limousine mit Hakenkreuzstandarten auf den Kotflügeln stand vor den eckigen Sträuchern des Vorgartens.
„So schweigsam, Herr Weygand?“, fragte Fritz.
„Ich warte.“
„Worauf?“
Weygand öffnete ihm die Autotür. Im Wagen wartete Dunkelheit. „Steigen Sie ein“, sagte Weygand, ohne ihn anzusehen.
Im Hotelzimmer warf er den Koffer auf das Bett, wusch sich mit kaltem Wasser das Gesicht und eilte hinaus in die Nacht. Auf der Fahrt hierher hatte er sich gemerkt, wo die nächste Telefonzelle stand. Er setzte den Hut auf, schlug den Kragen hoch, ging zur Telefonzelle und ließ sich mit Eugen Sacher verbinden. Als der sich hocherfreut meldete, schnitt Fritz ihm das Wort ab.
„Ich bin im Hotel Justicia am Bubenbergplatz. Komm dahin, sobald du …“ Die Telefonzelle leuchtete auf, es wurde hell und widerspiegelnd um Fritz. Dann passierte der Wagen, der um die Kurve gekommen war, die Zelle und ließ Fritz in Düsternis zurück.
„Sobald du Kontakt hast. Also, Eugen, tust du das für mich, oder nicht?“
Der immer wärmer werdende Telefonhörer an Fritz’ Ohr stammelte. Fritz ließ ihm Zeit.
„In Ordnung. Ich versuche es. Danach komme ich zu dir. Und, Fritz, halte einen großen Drink für mich bereit.“
„Verlass dich darauf. Die müssen anbeißen. Die werden dir aus der Hand fressen. Und ich liefere. Damit dieser ganze elende Mist so schnell wie möglich vorbeigeht. Ich will, dass die Nazis vernichtet werden. Ich will nach Afrika. Ich will Katrin wiedersehen, Eugen, ich will meine Tochter umarmen.“ Fritz wollte den Hörer einhängen, rief dann aber noch einmal nach Sacher.
„Erwähne bloß nie meinen Namen.“
In der Hotelbar saßen noch einige Gäste an den Tischen mit den roten Lämpchen, fast alles Paare. Ein einzelner Mann mit Hut las Zeitung, Fritz behielt ihn im Auge. Er trank einen Whisky, aber auch der verringerte seinen Herzschlag nicht. Fritz roch Zigarettenrauch, er hörte das Gemurmel der Paare, die Stimmen summierten sich zu einem leisen, alle Tonarten durchspielenden Hintergrundrauschen.
Ein Auto wurde auf den Parkplatz gefahren, die Scheinwerfer färbten die Büsche gelb, dann wurde es schwarz. Die Türen blieben verschlossen. Eugen Sacher legte jetzt wahrscheinlich die Hände aufs Lenkrad und dachte darüber nach, wieder zu fahren. „Komm schon, Eugen, steig aus“, murmelte Fritz. Nach einigen Minuten wurde die Fahrertür langsam geöffnet und im schwachen Licht der Hotelfenster und der Laterne wirkte Sachers Anzug wie aus gelbem Staub. Fritz hob die Hand zum Gruß, aber Sacher konnte ihn nicht sehen.
Sie umarmten sich zur Begrüßung, alte Freunde, die sich lange nicht gesehen hatten. Der Zeitungsleser sah sie an, faltete das Blatt zusammen und ging. Fritz und Sacher sahen ihm hinterher. „Hübsches Hotel“, sagte Sacher. Fritz legte ihm eine Hand an den Oberarm. „Schön, dich zu sehen, Eugen.“ Er kannte Sacher nur in perfekt sitzenden Anzügen. Die Hakennase war zu groß für sein Gesicht, die kleinen grauen Locken dicht an den Kopf gekämmt. Fritz wollte plaudern, sich nach dem Wohlergehen des anderen erkundigen, aber er schaffte es nicht.
„Was meinen die Briten, Eugen? Was sagen sie?“
„Ich hätte auch gerne so einen Whisky.“
„Was, Eugen?“
„Ja, also, wie soll ich sagen?“
„Eugen!“
„Sie sind nicht interessiert.“
„Wie bitte?“
„Es war umsonst, Fritz.“
Fritz versank im Sessel, immer tiefer, Leere und Dunkelheit ummantelten ihn. „Ich bin gar nicht bis nach oben durchgekommen“, hörte er Sacher sagen. „Hatte nachher irgendeinen Subalternen dran, der sich mit mir auf der Nydeggbrücke getroffen hat. Für eine Minute etwa.“
„Wieso, Eugen?“
„Denkst du, das haben die mir gesagt?“
Alles umsonst. Das konnte nicht wahr sein. Das durfte einfach nicht wahr sein.
„Fritz, verstehe mich nicht falsch – aber du hast doch keine Ahnung von all dem. Es hat keinen Zweck.“
„Ich gehe persönlich dahin.“
„Um Himmels willen. Du kannst dich nicht so exponieren. Glaubst du denn, die Deutschen überwachen die anderen Vertretungen nicht? Du kannst da nicht hin. Jetzt reiß dich zusammen und denk nach. Du warst immer so ein Träumer – jetzt ist aber keine Zeit für Naivität.“
„Naiv? Ich? Ich habe Akten über die Deportation jüdischer Menschen, über Agentennetze in Nordafrika und der Türkei, über kriegswichtige Wolframlieferungen aus Spanien. Über Massaker von Wehrmacht und SS in Russland. Mit meinen Akten können wir Menschenleben retten, Eugen. Ich muss dir nicht erzählen, was die Nazis mit den Juden machen, oder? Ich kann den Krieg verkürzen. Ich kann Juden retten lassen. Nenn mich nicht naiv. Denk du lieber nach. Wen kennst du noch hier in Bern? Welche Verbindungen hast du? Welche noch?“
Fritz konnte kaum noch an sich halten, in ihm schrie eine Wut, die seinen Körper schmerzen ließ. Er musste raus aus der Bar. Er winkte Sacher hinter sich her und lief hinauf in sein Zimmer. Um keinen Lärm zu verursachen, nahm er das Kopfkissen und prügelte damit auf das Bett ein, bis die Federn flogen und sein Atem raste. Er könnte jetzt schon nackt auf einen Stuhl gefesselt sitzen und geschlagen und gedemütigt werden, entwürdigt und umgebracht. Die Briten wollten nicht mit ihm reden.
„Die Amerikaner“, sagte Sacher. „Ich habe da durchaus ein paar Anlaufstellen. Ich spreche bei den Amerikanern vor. Einverstanden?“
Fritz stand da, das zerfetzte leere Kissen in den Händen und empfand so viel Dankbarkeit wie bei Katrins Geburt.
„Ich habe nicht viel Zeit, Eugen.“
„Ich mache das, Fritz. Beruhige dich jetzt. Versuch zu schlafen.“
Den nächsten Tag verbrachte er zur Hälfte bei von Lützow und Weygand, danach in verschiedenen Abteilungen des Konsulats, wo er mit den Angestellten die Post aus dem Sperrgut durchging und über verschiedene Sachverhalte referierte, außerdem hatte er einen Termin in einer Bank, in der geheime Auslandszahlungen des AA geregelt wurden. In beinahe allen Zimmern und Fluren wurde er schwarzweiß von Hitler und von von Ribbentrop angesehen. Er suchte häufig den Waschraum auf, setzte sich auf die Toilettenbrille und massierte sich die Stirn. Er konnte dem Aufruhr in seinem Körper kaum standhalten, er schwitzte, sein Herz pochte ihm bis zum Hals und er konnte sich die Frage nicht beantworten, was normales Benehmen sei, er wusste es nicht mehr. Jedes Mal, wenn jemand einen Raum betrat, hörte er Handschellen einrasten. Er lächelte viel, sagte Hei Hitler und lehnte, als es immer schlimmer wurde, jede Tasse Kaffee ab, weil er befürchtete, sie würde ihm aus den Fingern gleiten. Um siebzehn Uhr rief er aus einer Telefonzelle Eugen Sacher an.
„Ich habe einen Kontakt, Fritz. Heute Nacht, ein Uhr.“
Fritz ging in ein Süßwarengeschäft in der Rathausgasse und kaufte mehrere große Tafeln Schokolade für Marlene Wiese. Vor Aufregung vertilgte er auf der Stelle eine der Tafeln und kaufte nach. In der Buchhandlung A. Francke, direkt bei seinem Hotel am Bubenbergplatz, kaufte er eine schöne Ausgabe von Tolstois „Krieg und Frieden“ und Melvilles „Moby Dick“. Er blätterte in beiden Romanen, las Passagen und dachte, dass all das, was er hier tat, niedergeschrieben werden müsste. Er hatte nie selbst eine Geschichte geschrieben – jetzt überlegte er, wo er würde anfangen wollen, fände er die Zeit und die Muße, sein Leben bis hierher auf dieser Parkbank in Bern schriftlich zu formulieren. Er schloss die Augen und wendete das Gesicht der Sonne zu, sie schien ihm durch die Lider, wärmte seine Haut und ließ ihn einen Moment entspannen. Vielleicht hatte er sich schon zu weit exponiert, zu lange Frau Hansen um eine Reisemöglichkeit in die Schweiz gebeten, zu offen Kontakt mit den Briten hier in Bern suchen lassen, er wusste es nicht. Würde er jetzt schon scheitern – keiner erführe je, was er vorgehabt hatte. Und woher sollte er wissen, dass Eugen Sacher nicht in eine Falle getappt war? Er nahm die beiden Romane wieder in die Hände, einer links, einer rechts, Bücher mit Gewicht, sowohl physisch als auch emotional, gute Bücher. Er hörte Mütter mit ihren Kindern reden, das Bimmeln der Straßenbahn und das Rauschen der Aare, die die Altstadt U-förmig umfloss – keine Soldaten, keine Hakenkreuzfahnen, kein Bombenalarm, der aus Menschen eine hetzende, großäugige Masse machte, die durchs Nadelöhr eines Zugangs in den Tiefen verschwand. Friede. Der Himmel über der Stadt war von afrikanischem Blau. Blumen blühten aus Fensterkästen, die Schaufenster waren voll mit Würsten und Käse, frischem Brot und Obst. Würde Marlenes Nasenspitze doch eines dieser Schaufenster berühren können. Berlin war eine Pestbeule im Vergleich zu dieser kleinen Stadt.
Fritz schlich zu Sacher ins Auto und schloss leise die Tür.
„Wen treffen wir?“
Sacher sah ihn ungläubig an, Fritz’ Stimme war weggerutscht. Er räusperte sich und wiederholte die Frage.
„Einen amerikanischen Handelsdelegierten. Offiziell. Stundenlang habe ich telefoniert, habe Leute getroffen, von denen sicherlich niemand so hieß, wie er sich nannte. Trotzdem, ich hatte den Eindruck, die Amerikaner waren etwas interessierter.“
„Hast du mit vielen Leuten telefoniert?“
„Mit einigen, ja.“
„Und das waren auch sicher alles Amerikaner?“
„Ja. Ich meine, woher soll ich das denn wissen?“
Der Wagen rollte leise durch die Gassen, wie in einem Film zogen die Häuser an Fritz vorbei, Mauerstücke gelb im Licht der Scheinwerfer, Hunderte dunkle Fenster sahen nach ihm.
„Ich habe mein Testament gemacht, Eugen. Hier. Öffne es nur, wenn mir etwas zustößt. Es ist ein Brief für Katrin. Aber schicke ihn erst ab, wenn Hitler tot ist.“
Sacher steckte den Umschlag in die Innentasche seines Jacketts. „Wenn dir etwas passiert“, sagte er, „könnte es sein, dass ich das erst Jahre später erfahre.“
„Katrin muss erfahren, warum ich mich nie bei ihr gemeldet habe.“
„Es wird schon.“
„Guter Satz. Nur stimmen muss er.“
Sacher fuhr langsamer und ließ den Wagen am Straßenrand ausrollen. Er sah sich nach allen Seiten um.
„Wie ist es übrigens in Deutschland?“
„Hitlers beste Waffe: Gib kleinen Dummköpfen Macht, ein bisschen nur, lass sie anderen Befehle erteilen dürfen und die kriechen dir in den Arsch, bis sie weg sind.“
„So hättest du dich früher nie ausgedrückt.“
„Die schmeißen einen Mann vor den Augen seines Sohnes aus dem Fenster, Eugen. Die dürfen das. Einfach so. Es ist alles völlig außer Kontrolle. Unmenschlichkeit wird zu einer Tugend gemacht. Wahnsinn, alter Freund, Wahnsinn.“
Sie sahen gemeinsam auf die Straße, die dunklen Silhouetten von Herrschaftshäusern zeichneten sich in die Nacht, Vorsprünge an Fenstern und Türen gelb von Laternenlicht.
„Das schöne Haus dort, Fritz. Herrengasse 23. Du sollst rechts vorbei in den Garten gehen. Jemand erwartet dich am Hintereingang. Solltest du dich verfolgt fühlen, sollst du fortbleiben. Hast du die Dokumente?“
Fritz streifte das Hosenbein hinauf, löste die Schnüre und hielt die Papiere hoch. Sie rochen nach ihm und hatten die Form eines Gipsabdrucks seiner Wade.
„Ich warte hier. Ganz gleich, wie lange es dauert. Wirklich schönes Haus.“
Fritz wischte sich Schweiß von der Stirn. „Wieso“, fragte er, „sind wir dieses kurze Stück jetzt eigentlich mit dem Auto gefahren?“
Fritz stieg aus dem Wagen und schloss leise die Tür. Er sah sich um, die Nacht drückte von allen Seiten auf ihn ein. Er klopfte sachte an das Seitenfenster des Wagens. Sacher beugte sich herüber und kurbelte die Scheibe herunter.
„Und wenn wir falsch liegen, Eugen? Wenn es eine Falle ist?“ Sacher legte sich eine Hand vor den Mund, seine schräg über den Vordersitzen liegende Gestalt wirkte der Situation seltsam angemessen.
„Du musst nicht gehen, Fritz“, flüsterte er. Fritz atmete tief ein, die Luft war gut und kühl und er spürte seinen gesunden Körper, in dem Angst gegen Aktivität kämpfte.
Es war still in der Stadt, die Schatten tief und unendlich. Er ging die Straße hinauf bis zu dem dreistöckigen Haus und sah sich um. Schluckende Schwärze, Verstecke, Lichtstreifen in Fenstern hoch oben im Dunkeln. Er bog ab in den schmalen Weg an der Flanke des Hauses, fand ein hölzernes Gartentor und drückte es auf. Im Garten war es dunkel, Sträucher zeichneten sich als schwarze Krallen von der grauen Wiese ab. Eine Tür wurde geöffnet, schwaches Licht legte einen gelblichen Teppich auf die Stufen. Fritz sah die Silhouette eines schlanken Mannes im Türrahmen. War das sein Kontakt? War dieser Schemen der Mensch, in dessen Hände er sein Leben legen würde?
„Sind Sie der Beamte aus Berlin?“
Fritz spürte die Holzfasern des Tors trocken an seiner Hand. Wer war dieser Schattenmann?
„Also?“
„Genau der.“
„Kommen Sie rein. Schnell.“
Fritz drückte das Tor ganz auf und ging auf das Licht zu. Der Amerikaner schloss die Tür und sah aus dem runden Fenster in den Garten. In dem engen, halbhoch gekachelten Flur standen sie sich gegenüber. Der Mann war jung, drahtig, braunhaarig. Er starrte Fritz in die Augen, das Gesicht regungslos.
„Arme hoch.“
„Was?“
„Arme hoch!“
Fritz hob die Hände.
„Mann, Sie sollen sich nicht gleich ergeben. Ich will Sie nach Waffen absuchen.“
„Ich trage keine Waffe.“
„Arme hoch.“
Der Amerikaner tastete ihn unter den Achseln, an den Hüften und an den Oberschenkeln ab. Es war intim und abstoßend.
Aus einem Kellereingang trat ein anderer Mann hervor. Er schlug den Mantelkragen hoch und huschte hinaus.
„Der sieht nach, ob Ihnen jemand gefolgt ist.“
„Da war niemand.“
„Wenn da jemand war, dann hätten Sie das ganz sicher nicht gemerkt. Jetzt folgen Sie mir.“
„Bitte.“
„Was?“
„Jetzt folgen Sie mir … bitte.“ Er hatte keine Lust – trotz aller Angst, trotz des Schweißes und der wühlenden Nervosität, er hatte keine Lust, sich auch in Bern herumkommandieren zu lassen.
„Hören Sie mal zu, ich weiß nicht, was für ein Spaßvogel Sie sind, aber werden Sie bloß nicht komisch. Ihr Nazis…“
Fritz drückte ihn an die Wand. In Sekundenbruchteilen entzog sich der junge Mann seinem Griff und drehte Fritz den Arm auf den Rücken. Fritz’ rechte Schulter spannte sich, das Gelenk knackte. Er stöhnte vor Schmerz und Ärger.
„Nennen Sie mich nie wieder einen Nazi. Haben Sie gehört? Nie wieder. Sie Arschloch.“
„Legen Sie sich lieber nicht mit mir an.“
„Lassen Sie mich los, Herrgott noch mal.“
Der junge Mann stieß ihn weg und zupfte sich das Revers zurecht.
„Wenn ich dann bitten darf, Herr …“
„Kolbe, Fritz Kolbe. Ich bringe Ihnen wichtiges Material.“
„Das werden wir sehen. Herr Fritz Kolbe. Mit ganz viel Zucker oben drauf.“
Fritz folgte ihm zornig durch den Flur. Sie gingen durch ein weites hallendes Treppenhaus hinauf in den ersten Stock und betraten einen Vorraum. Eine Frau saß an einem Schreibtisch, sie sah Fritz an und pustete Zigarettenrauch aus. Sie hatte das Haar hochgesteckt und trug eine weiße Bluse, auf dem Schreibtisch stand ein Blumenstrauß in einer Kristallvase. Der junge Mann klopfte an die einzige Tür, die der Raum noch hatte, und öffnete. Er winkte Fritz herein, die Frau sah ihm hinterher. Fritz war sich nicht sicher, aber er glaubte, sie hatte ihm zugezwinkert.
Das Büro wurde von zwei Stehlampen und der Schreibtischleuchte erhellt. Im Kamin lag ungewöhnlich viel Asche für einen Sommermonat. Der Mann hinter dem Tisch erschien Fritz groß, er hatte einen Schnurrbart, trug eine Brille und einen dreiteiligen Anzug. Er paffte an einer Pfeife.
„Das ist Fritz Kolbe“, sagte der junge Mann. Er hatte die Tür offen gelassen und Fritz hörte die Frau mit Papieren rascheln. Der ältere Mann kam um den Tisch herum und reichte Fritz die Hand, der Druck war fest wie der von Fritz. Niemand sagte etwas. Niemand bewegte sich. Die ganze Szene erschien Fritz wie eingefroren. Der junge Mann ging um Fritz herum wie ein Museumsbesucher um eine Statue. Er wechselte Blicke mit dem Älteren. Würden sie jetzt gleich lachen? Würden sie ihre Gestapo-Ausweise ziehen? War der arme Eugen unten in seinem Auto bereits verhaftet? Fritz räusperte sich. Der ältere Mann lächelte, bot ihm einen Platz an und fragte, ob er einen Drink möge.
„Ich bin A. D., der junge Mann dort ist W. P., Handelsvertreter.“
P. goss vier Gläser Whisky ein, D. lehnte sich an den Schreibtisch und sah Fritz an. Sie prosteten sich zu.
„Unser Mister P. hier ist ein wenig energisch“, sagte D. „Nehmen Sie das nicht persönlich. Er ist ein guter Mann. Ich habe hier nur gute Leute, Herr Kolbe. Wir sind ständig Angriffen ausgesetzt. Internationaler Handel. In solchen Zeiten. Das Geschäft ist nicht ganz einfach. Nun, Ihr Kontaktmann …“
„Sacher“, sagte P. „Geboren am dritten Februar …“
„Okay, Will, okay. Sacher also, er deutete an, Sie hätten vielleicht etwas für uns. Etwas Wichtiges.“
Fritz zögerte. Bis zur Tür waren es vielleicht fünf Schritte, dann das Büro der Frau, dann das Treppenhaus.
„Nun, Herr Kolbe?“, fragte D.
Fritz’ ganzes Leben schmolz auf diesen Moment zusammen, Vergangenheit und Zukunft wurden in einen Strudel gezogen und schwarz und klein. Er zog die geschmuggelten Papiere hervor und reichte sie D.
„Das sind Geheimdokumente aus dem Auswärtigen Amt in Berlin, Mister D. Ich arbeite dort als Sekretär des Botschafters zur besonderen Verwendung Ernst von Günther. Ich habe Zugang zu zahlreichen streng geheimen Akten, sie wandern täglich über meinen Schreibtisch.“
Ohne hinzusehen, faltete D. die Papiere zusammen, rieb sich den Schnurrbart und sah P. an.
„Und das hier sind?“, fragte er und hob die Dokumente auf Schläfenhöhe.
„Nazi-Agenten in Ankara, Pläne zur Deportation römischer Juden, Vermerke über Wolframlieferungen aus Spanien nach Deutschland. Unter anderem.“
Die Frau stellte sich in den Türrahmen und verschränkte die Arme. Fritz beobachtete, wie D. einen pfeilschnellen Blick mit ihr tauschte.
„Das wäre ja allerhand“, sagte die Frau.
„Wäre“, sagte P.
„Ach Will.“ Die Frau zeigte auf ein gerahmtes Schwarz-Weiß-Porträt von Präsident Roosevelt. „Was würde er wohl dazu sagen?“
„Die jungen Leute“, sagte D. Er legte P. eine Hand auf die Schulter und lächelte die Frau an.
„Ich möchte nicht unhöflich sein, aber Mister P. und ich würden uns das gerne einen Moment alleine ansehen. Setzen Sie sich doch zu unserer Miss S. in den Vorraum. Es gibt bestimmt noch einen Kaffee, oder, Greta?“
„Ich möchte das aber gleich auch sehen, Allen. Herr Kolbe, kommen Sie? Ich denke, der Kaffee hier ist besser als in Ihrem Deutschland.“
P. schloss die Tür. Fritz setzte sich Greta S. gegenüber an den Schreibtisch und bedankte sich für die Tasse Kaffee.
„Kaffee ist gut“, sagte Greta S. „Macht frisch, hält wach. Ich würde gerne zurück in die Staaten, einen guten Posten bekleiden. Waren Sie schon einmal dort? New York oder Washington? Das Empire State Building in der Sonne, der Times Square zu Silvester?“
„Nein, leider“, sagte Fritz. „Ich bin weit herumgekommen, aber Amerika, da muss ich passen.“
„So etwas wie hier in Europa gibt es dort nicht: Schlösser, Ritterburgen, mittelalterliche Städte. Ich finde das alles ganz entzückend, aber ich bin in Amerika groß geworden. Ist doch seltsam, wie verbunden man sich seinem Land fühlt.“
„Ja, das ist wohl so.“ Fritz nahm einen Schluck Kaffee. Seine Hand zitterte. Er wusste, dass Miss S. ihn ausfragte. Charmant, zuvorkommend, aber sie fragte ihn aus. Wahrscheinlich hatte D. ihn deswegen mit ihr hinausgeschickt. Sie saß auffallend gerade, die Schultern streng zurückgenommen. Greta S. war schlank, aber Fritz sah ihr an, dass sie durchtrainiert war, gespannt wie ein Bogen.
„Berlin muss schön gewesen sein, vor dem Krieg“, sagte sie.
„Theater, Kabaretts, Tanzlokale. Die Straßen voller Menschen. Früher.“
„Die Nazis kamen nicht von allein, Herr Kolbe.“
„Die werden auch nicht von allein gehen, Miss S.“
„S. Was für ein Name. Ich heiße Stone, Greta Stone. Die Jungs da drin sind Allen Dulles und William Priest.“
Sie wirft mir etwas hin, dachte er.
„Sind Sie ein Abenteurer, Herr Kolbe?“
„Kaum.“
„Die alten Römer sagten, jeder liebt den Verrat, aber keiner den Verräter. Glauben Sie mir, Herr Kolbe, das verhält sich in Zeiten wie diesen durchaus anders. Ich gehe davon aus, dass Sie zumindest eine Vorstellung haben, wo Sie hier sind. Das ist unser Geschäft: Verrat.“ Sie öffnete die Hände, als halte sie einen Globus. „Ein Beruf. Macht man den gut, erreicht man viel. Ein sehr schöner Beruf, wenn man auf der richtigen Seite steht. Und vielleicht ist das eine Qualität unserer Zeit: richtig und falsch, gut und böse. Wir, die Amerikaner, Herr Kolbe, sind immer die Guten.“
„Gut und böse, meinen Sie?“
Sie steckte sich eine Zigarette zwischen die Lippen und ließ ein Feuerzeug anspringen. Die Flamme beleuchtete ihr Gesicht.
„Sie sprechen unsere Sprache außergewöhnlich gut, Herr Kolbe. Mögen Sie die deutsche Sprache? Ist schwer zu lernen.“
„Im Deutschen kann man sich sowohl sehr präzise als auch außergewöhnlich poetisch ausdrücken. Eine großartige Sprache. Die wird auch von den Nazis vergewaltigt.“
„Fritz Kolbe, Beamter in von Ribbentrops Laden, liebt die deutsche Sprache. Sie arbeiten für Onkel Adolf.“
„Ich bin Beamter im Staatsdienst.“
„Für Adolf Hitler.“
„Ich bin nicht einmal NSDAP-Mitglied.“
„Na, das glaube ich nun nicht.“
„Ehrenwort.“
„Ehrenwort? Hier? Oh, là, là.“ Sie lächelte, ihr Gesicht war von seltsamer Klarheit, ganz gleich, welche Miene sie aufsetzte.
„Kein NSDAP-Mitglied und dann in solch einer Position?“
Fritz legte seinen Ausweis auf den Schreibtisch.
„Suchen Sie die Mitgliedsnummer, Miss Stone.“
Sie wedelte mit dem Pass. „Wir haben hier Leute, die machen mir solche Papiere in einer Stunde.“
Die Tür wurde geöffnet, Dulles und Priest kamen an den Tisch. Dulles legte Greta Stone die Dokumente hin und lehnte die Pfeife gegen den Aschenbecher. Der Mann strahlte auf Fritz eine ungeheure Souveränität aus, er war ruhig und sicher, Fritz wusste nicht, wie er sich verhalten sollte. Er war nervös und aufgeregt, fühlte sich intensiv beobachtet und vermochte nicht, seinen Blick stillzuhalten, er sah den Aschenbecher, die Schreibmaschine, die Blumen, Greta Stones lange Finger, Dulles’ eleganten Anzug, eine Landkarte Europas und das alles war unruhig.
„Laut Ihrer Papiere haben Sie nur noch zwei Tage Zeit hier in Bern, Herr Kolbe. Ich schlage deshalb vor, dass wir uns gleich morgen wieder treffen, vielleicht früher. Um einundzwanzig Uhr, geht das für Sie?“
„Das hier“, Priest wies auf die Akten, „ist gut. Auf den ersten Blick. Ein Galgen ist nicht gut. Lebensmüde?“
„Ich will mit Marlene durch ein gesundes Berlin spazieren.“ Fritz hätte gerne mehr gesagt, aber er schaffte es nicht. Der Gedanke pochte wieder, dass er nicht wusste, wer Dulles, Priest und Stone überhaupt waren.
„Die Dokumente sind gut. So gut, dass sie nach Fälschung riechen“, sagte Priest.
„Sie sind echt.“
„Beweise?“
„Nein.“
„Wie haben Sie die Dokumente aus dem Amt bekommen?“
„An der Wade.“
Dulles räusperte sich und sah auf Fritz’ Beine hinab.
„Und Onkel Adolf“, sagte Priest, „lässt einen Mann in solch einer Position nach Bern reisen?“
„Die Kurierreisen werden nach einem Rotationsprinzip eingeteilt. Ich gelte als absolut vertrauenswürdig – außerdem bin ich kein Spitzendiplomat.“
„Ganz bestimmt nicht“, sagte Priest.
„Langsam, Will“, sagte Dulles.
„Eine Quelle direkt im Auswärtigen Amt in der Wilhelmstraße. Zu schön, um wahr zu sein“, sagte Priest.
„Zu schön“, sagte Greta Stone, „nicht zu schön, um wahr zu sein.“
„Wie viel wollen Sie dafür haben?“, fragte Priest.
„Geld? Keinen Pfennig, Mister Priest.“
„Ach.“ Priest, Dulles und Greta Stone sahen sich an, ein Dreieck von Blicken über den Schreibtisch hinweg, eine eingeschworene Gemeinschaft. Fritz erahnte die unterschiedlichen Charaktere dieser Menschen, aber er spürte bei ihnen auch einen klaren Zusammenhalt und großes Vertrauen – anders als im Amt in Berlin, wo Misstrauen als Tugend galt.
„Keinen Cent“, sagte Greta Stone. „So etwas gibt’s, meine Herren.“
„Kommen Sie, Herr Kolbe, ich bringe Sie hinunter“, sagte Dulles. Priest und Greta Stone griffen nach Telefonhörern und begannen die Drehscheiben zu bedienen.
„Das wird eine lange Nacht“, sagte Dulles. „Aber das sind wir gewöhnt.“
Dulles führte ihn den gleichen Weg zurück, den er mit Priest gekommen war. Vor der Tür zum Garten blieb Dulles stehen und musterte Fritz.
„Wir werden ein paar Dinge überprüfen. Das ist nie so einfach, Telefone werden überwacht, wir müssen Umwege gehen, Mittelsmänner, andere Leitungen, technischer Kram, von dem ich weiß, dass er funktioniert, allerdings nicht wie. Seien Sie vorsichtig, Herr Kolbe. Wenn etwas schiefzugehen scheint: Verschwinden Sie. Versuchen Sie niemals, die Sache irgendwie zu regeln. Suchen Sie einen Vorwand und verschwinden Sie. Verstehen Sie das?“
„Ich denke schon.“
„Gut. Wie kommen Sie zurück?“
„Herr Sacher wartet im Auto.“
„Hier in der Nähe? Aber morgen nicht. Weiter weg, einverstanden, Herr Kolbe? Wir sehen uns dann am Abend. Und falls Sie Zeit finden, sehen Sie sich die Laubengänge an, sehr hübsch.“
„Trauen Sie mir?“
Dulles lächelte ihn an und schob sich die Brille zurecht. Dann öffnete er die Tür.
„Ihr Deutschen seid ein seltsames Volk. Jederzeit zu Höchstleistungen fähig, sowohl kulturell als auch technisch. Wirklich großartig. Und dann ein solcher Absturz. Wie kommt das?“
„Ich weiß es nicht“, sagte Fritz. „Entweder ist das hochkompliziert oder bestürzend einfach. Es muss beendet werden. Unbedingt.“
„Das wird sehr, sehr teuer. Für alle Beteiligten.“
Dulles wartete, bis Fritz am Gerippe des Gartentors angekommen war. Fritz nickte ihm zu, er wollte ein kleines Zeichen des Einvernehmens oder Vertrauens. Dulles’ Silhouette, breiter und einnehmender als die Priests, blieb bewegungslos.
Fritz ging hinab zur Straße und bog zu Sachers Wagen ab. Er hörte ein Geräusch hinter sich, eine Art Schleifen. Er drehte sich um. Ein Gassenschatten schien einen Arm zu haben, der sich langsam in die Schwärze zurückzog. Fritz ging schneller und huschte zu Sacher ins Auto.
„Wir werden beobachtet“, sagte Sacher.
„Mich verfolgt jemand.“
„Und jetzt, Fritz? Was jetzt?“
„Fahr, Eugen. Fahr einfach.“
„Die wissen, wer ich bin.“
„Jetzt fahr doch, Herrgott.“
Sacher startete den Wagen, das Auto machte einen quietschenden Satz und blieb mit einem blechbiegenden Ruck wieder stehen.
„Eugen?“
„Ja-a.“ Sacher startete erneut und gab Vollgas. Er wischte sich Schweiß von der Stirn und verlor dabei seine Brille. Fritz tastete hastig nach ihr und fand sie neben dem Gaspedal.
„Sie sind hinter uns“, stotterte Sacher.
Sacher fuhr über breite Straßen, bog hastig in Gassen ab, überquerte die Aare und drehte wieder ins Zentrum ab. Fritz wusste nach wenigen Minuten nicht mehr, wo in Bern sie sich befanden. Wer saß in diesem Auto hinter ihnen? Hatten Männer der deutschen Abwehr ihn verfolgt oder war er bei Dulles und seinen Leuten in eine Falle gelaufen? Er konnte nicht klar denken, rutschte auf dem Sitz hin und her und roch Eugen Sachers Schweiß. Nach etwa zwanzig Minuten verschwanden die gelben Katzenaugen aus dem Rückspiegel. Sacher gab seltsame Geräusche von sich. Sein Atem rasselte, als hätte er einen Sprint gemacht. Fritz ließ sich weit entfernt vom Hotel absetzen und sagte Sacher, dass er sich melde, wenn er ihn brauche. Ansonsten solle Sacher sich bedeckt halten, normal seinen Alltagstätigkeiten nachgehen.
„Warum brechen die die Verfolgung ab?“, fragte Sacher. „Was ist denn das? Das geht nicht gut, Fritz. Das ist nichts für mich.“
Fritz wollte etwas sagen, aber das Schlagen seines Herzens füllte ihn so aus, dass er kein Wort hervorbrachte. Er drückte Sacher die Schulter und stieg aus in die warme Nacht.
„Wo muss ich denn jetzt lang?“
Sacher erklärte ihm den Weg.
Vor der Hoteltür stand William Priest. Er hatte die Hände in die Hosentaschen gesteckt, ein Zeichen größter Entspannung und Lässigkeit. Fritz hatte Lust, ihn zu schlagen, mehr Prügelwut als erneute Angst.
„Ihre Beschattung war ziemlich dilettantisch“, sagte er.
Priest lachte.
„Es gibt immer zwei Teams, Herr Kolbe. Eines, das Sie bemerken und ein zweites, das jemand wie Sie ganz sicher nicht bemerkt.“
Fritz fluchte.
„Wichtig ist im Moment doch nur eines: Wir haben Sie verfolgt, sonst niemand. Das ist doch erst einmal gut so. Also, wir sehen uns.“
Priest ging, blieb nach wenigen Metern aber stehen und drehte sich zu Fritz um.
„Sind Sie sicher, dass Sie kein Geld wollen? Dollar? Wir können das. Wir haben Geld, noch und noch. Unsere Organisation, der OSS …“
„OSS?“
„Office of Strategic Services. Große Nummer. Also, der OSS blüht in Kriegszeiten. Washington schmeißt uns zu mit Dollar. Jetzt sind die Russen Waffenbrüder, aber irgendwann ist das anders. Das hört nie auf. Amerika hasst den Kommunismus. Ich hasse ihn. Also, tausend Dollar pro Lieferung?“ Fritz schüttelte den Kopf.
„Fünftausend?“
„Kaufen Sie Ihrer Frau etwas Schönes.“ Fritz freute sich, eine so schlagfertige Antwort gegeben zu haben.
„Mir machen Sie nichts vor, Kolbe.“
„Hat Dulles etwas mit Greta Stone?“
Priest lachte, er deutete mit dem Zeigefinger auf Fritz. Dann ging er, löste sich auf, verschwamm mit der Nacht.
Wie gerne er jetzt mit Marlene telefoniert hätte und mit Katrin. Er wollte ihnen erzählen, was er getan hatte, wollte sich ihre Ohren am Telefonhörer vorstellen und sie teilhaben lassen an seinem Werk. Alles in ihm brannte danach, wenigstens einem einzigen Menschen von seinem Treffen mit den Leuten des OSS zu berichten. Aber das ging nicht. Wenn man ihm auf die Schliche kam, gab es bestimmt Möglichkeiten, über die Vermittlung herauszufinden, wann er mit wem telefoniert hatte. Er musste seine Geschichte für sich behalten, ganz und gar. Sie drückte ihm genauso in den Magen wie sein Schauspiel im Amt. Fritz stellte sich vor den Spiegel, er sah müde aus. Aber er grinste. Er presste sich beide Hände vor den Mund und prägte sich dieses Bild ein. Seine Kopfhaut schimmerte im Schein der Lampe. Wenn er sich doch nur hätte beruhigen können. Er fühlte sich immer noch, als wäre er weit und schnell gelaufen, sein Herz rannte ihm davon. Er ging hinunter in die Bar und ließ sich ein Glas Sekt eingießen. Was er zu feiern habe, fragte der Kellner. „Das würden Sie nicht glauben“, sagte Fritz. Er blickte durch die aufsteigenden Bläschen im Glas auf die roten Lichter der Hotelbar und lachte.
In seinem Zimmer breitete er den Stadtplan von Bern auf dem Tisch aus und prägte sich die Hauptverkehrsadern ein, die West-Ost-Ausdehnung der von der Aare umflossenen Altstadt, das Münster, die Kramgasse, den Schmiedenplatz, die Kirchenfeldbrücke hinüber zum anderen Ufer, wo die deutsche Gesandtschaft lag. Er fuhr mit dem Zeigefinger verschiedene Wege zum geheimen Büro von Allen Dulles und seinen Leuten ab. Auch wenn ihn Priests Auftritt geärgert hatte, war er sich jetzt doch sicher, dass er seine Anlaufstelle gefunden hatte. Fritz Kolbe spielte dem amerikanischen Geheimdienst brisante Akten aus dem Auswärtigen Amt zu. Er rief in der Hotelbar an. „Wissen Sie was, bringen Sie mir doch eine Flasche von diesem Sekt aufs Zimmer.“
„Für das, das ich nicht glauben würde, Herr Kolbe?“ „Genau dafür.“
Fritz legte die nackten Füße aufs Fensterbrett, sah hinaus auf den nächtlichen Bubenbergplatz und die gelben Lichtaureolen um die Laternen und unter den Arkaden und trank seine Flasche Sekt. Es war weit nach Mitternacht, als er sich ins Bett legte. Die Matratze war hart, so wie er das mochte, das Federbettzeug hoch und leicht und er lächelte, weil er spürte, dass die Müdigkeit endlich über die Aufregung siegte. Er fühlte seine Glieder schwer werden, den Atem regelmäßig, er zuckte, schlug die Augen noch einmal auf und erlebte den wundervollen Moment, in dem ein Mensch manchmal glasklar spürt, dass die warme Decke Schlaf ihn mitnimmt.
Um neun Uhr fuhr der Wagen der Gesandtschaft vor dem Hotel vor. Weygand grüßte kurz und wies den Fahrer an, sich Zeit zu lassen.
„Haben Sie Kontakte in Bern, Herr Kolbe?“
Warum fragte der das? Von Sacher konnten die nichts wissen, obwohl es kein Geheimnis war, dass Fritz damals in Spanien die Akten bearbeitet hatte, die zur Aufgabe der deutschen Staatsbürgerschaft Sachers benötigt worden waren. Hatte Weygand bis dorthin gegraben? Wenn ja, warum? Wusste dieser eingeschüchtert wirkende Mann etwas über Sachers Kontakte in Bern? Fritz sah aus dem Fenster.
„Eine wirklich hübsche Stadt“, sagte er.
„Herr Kolbe! Kontakte? In Bern?“
„Ein Mann namens Eugen Sacher, Handelsmann. Ich kenne ihn von früher, das ist allerdings viele Jahre her. Der lebt, soweit ich weiß, in der Schweiz.“
„Haben Sie ihn eventuell getroffen?“
„Ich weiß weder, wo er wohnt noch wie ich ihn erreichen könnte. Außerdem bleibt mir kaum Zeit – wenn ich mal eine Stunde erübrigen kann, schaue ich mir die Stadt an. Die Lauben, kennen Sie die?“
Weygand legte eine Faust ans Fenster. „Die werden sich alle noch wundern“, murmelte er. Dann fing Weygand an von den neuen Waffen zu sprechen, die Hitler bauen ließ, von strategischen Manövern, von der Schwäche der englischen und amerikanischen Armee und der Primitivität der Russen.
Fritz stellte sich Weygand in rosafarbener Unterwäsche vor. Auch das war eine Formulierung seines Vaters gewesen. Hierarchien seien in Ordnung, im Arbeitsleben, in der Ausbildung. Anerkennung der Leistung anderer Menschen – absolut in Ordnung. Aber sobald jemand seine Stellung auch nur einen Millimeter weit missbrauche, dann stelle ihn dir in rosa Unterwäsche vor. Ob König, General oder sonst wer: Rosa Unterwäsche! Woher hatte dieser Mann all diese Ideen? Fritz’ Mutter sagte, er schwimme darin, und sie liebe das sehr. Wenn der da stundenlang allein in seiner Werkstatt arbeite, würde sie manchmal gerne seine Gedanken lesen.
Der Wagen hielt vor dem Garten der Gesandtschaft. Frau von Lützow stand am Tor, die Töchter vor dem lackierten Zaun aufgereiht. Fritz grüßte sie. Weygand bat um Verzeihung, Fritz solle schon vorgehen, er müsse noch eine Kleinigkeit mit der gnädigen Frau besprechen. Fritz meinte Frau von Lützow noch „Zackzack“ sagen zu hören, war sich aber nicht sicher, ob er richtig verstanden hatte. Im Politurduft der Gesandtschaft ging er sofort in das erste Büro, das ein Fenster auf den Garten und die ruhige Straße hinaus hatte. Frau von Lützow sah sich um und redete auf Weygand ein. Sie näherte sich ihm und kniff dem Mann kurz in die Brust. Dann befahl sie mit einem Fingerschnippen die Kinder in den weißen Kleidern hinter sich her.
Als Fritz das unbesetzte Büro wieder verlassen wollte, verfing sich sein linker Fuß in der Schlaufe eines Telefonkabels. Das Gerät schepperte vom Tisch auf die Dielen. Fritz fluchte und hob es auf. Weygand stand in der Tür. Für einige Sekunden sahen die Männer sich in die Augen. Weygand kam in das Büro und sah aus dem Fenster, aus dem Fritz geschaut hatte.
„Zitadelle ist verraten worden, Kolbe“, sagte Weygand unvermittelt. Fritz wollte fragen, was er damit meinte, beschloss aber zu schweigen.
„Der Angriff bei Kursk – Unternehmen Zitadelle – ist verraten worden.
Da gibt es irgendwo eine undichte Stelle in Berlin. Hätten die Russen nicht von den Aufmarschplänen gewusst, hätten sie uns nie aufhalten können. Mannstein, Modell? Wer vom Iwan sollte die stoppen können? Oder, Herr Kolbe?“
„Die hätten keine Chance gehabt“, sagte er. Du Naziarschloch, sagte er nicht. Weygand sah ihn an, als suche er etwas in Fritz’ Gesicht.
„Die gesamte russische Geschichte zeigt, dass dieses Volk zum Dienen geboren ist. Warum sind Sie nicht an der Front, wenn ich fragen darf?“
„Ich bin UK.“
„Unabkömmlich? Sie? Warum sind Sie kein Parteimitglied? Ich finde, das ist ein klein wenig befremdlich – wie so einiges im Leben.“
Immer wieder das, dachte er. Personalbogen, Punkt siebenundzwanzig.
„Ich werde demnächst einen Antrag stellen.“
Weygand lächelte, nahm Fritz an den Arm und führte ihn auf den Flur hinaus.
„Man zieht so schnell falsche Schlüsse, finden Sie nicht auch?“
„Das geht schnell, ja.“
„Man muss vorsichtig sein. Verräter lässt man am Galgen langsam in die Schlinge gleiten. Während sie noch zucken, zieht man ihnen die Hose runter. Das alles wird gefilmt.“
„Ich denke, Herr von Lützow wartet auf uns.“
„Dann sollten wir mal gehen, hm.“
Dulles und Greta Stone standen unterhalb der Tür im Garten und sahen ihm entgegen, als er das Tor aufschob. Er ging auf sie zu und sie rührten sich nicht, halb beschienene Standbilder in der orangefarbenen Abendsonne.
„Schön, Sie zu sehen“, sagte Fritz. Dulles und Greta Stone sahen sich an, wieder dieser Blick tiefsten Vertrauens. Solche Blicke wollte Fritz auch mit diesen Leuten teilen, er wollte endlich irgendwo aufgenommen werden und einen Ort für seine wahre Existenz finden. Wo sollte das jetzt noch sein, wenn nicht hier in der geheimen Zentrale des OSS?
„Mister Wood“, grüßte Greta Stone.
„Wood?“
„Ab sofort“, sagte Dulles. „Heißen Sie George Wood. Es gibt keinen Fritz Kolbe mehr.“
„Fritz Kolbe ist tot“, sagte Greta Stone. „Es lebe George Wood.“
„Fritz Kolbe ist nicht tot“, sagte Fritz.
„Toter als tot“, sagte Greta Stone.
Oben in den Büros wartete Priest auf sie, er wies kurz mit dem Zeigefinger auf Fritz. Das war wahrscheinlich ein amerikanisches Begrüßungsritual, und Fritz erwiderte es. Priest grinste.
„Ich denke, ich kann Ihnen vertrauen, Mister Wood“, sagte Dulles.
„Ich bin mir da nicht so sicher“, sagte Priest.
Fritz sah Greta Stone an, die im Türrahmen lehnte. Sie wedelte mit den Händen. „So lala.“
„Sie waren bei den Briten, bevor Sie zu uns gekommen sind“, sagte Priest. „Sie hätten uns das mitteilen müssen.“
„Die Briten haben abgelehnt.“
„Sie müssen uns so etwas sagen, Mister Wood“, sagte Dulles. Fritz war erstaunt, wie schnell und konsequent die Menschen hier ihn mit einem fremden Namen anredeten. Greta Stone schien ihm das anzusehen und sagte, der Name Kolbe werde in diesen Räumen nie wieder ausgesprochen, noch werde an anderer Stelle des OSS jemals dieser Name erwähnt.
„Sie bleiben ein Unbekannter“, sagte Priest.
„Diese Dokumente“, Dulles klopfte auf die Akten, die Fritz nach Bern geschmuggelt hatte, „sind ausgezeichnet. Ich will Ihnen reinen Wein einschenken, Mister Wood: Das Misstrauen gegen Sie ist immens. Es wird schwer werden, Sie zu etablieren.“
„Können Sie etwas für diese jüdischen Menschen tun, von denen in vielen der Aufzeichnungen berichtet wird?“
„Lassen Sie es unsere Sache sein, was wir tun“, sagte Priest. Greta Stone schenkte Whisky aus und Dulles stopfte sich seine Pfeife, er hielt ein Streichholz über den Tabak und schien tief konzentriert. „Wir können nicht für Ihre Sicherheit garantieren, Mister Wood“, sagte er. „Sie werden morgen nach Berlin zurückreisen. Wenn – ich sage, wenn – Ihnen irgendetwas zustößt, werden wir leugnen, je von Ihnen gehört zu haben. Andererseits tun wir alles, was wir können, um Sie zu schützen – wechseln Sie allerdings in Basel den Zug, ist das nicht mehr viel.“
„Gar nichts“, sagte Priest und prostete Fritz zu.
„Sie wollen weiter liefern?“, fragte Greta Stone. Sie legte ihre schmalen Finger auf seine Schulter und sah auf ihn hinab. Greta Stone trug einen schwarzen Rollkragenpullover. So etwas hatte Fritz nie zuvor bei einer Frau gesehen.
„Ja“, sagte Fritz. „Ich liefere.“
Dulles setzte sich hinter seinen Schreibtisch, er hatte die Pfeife mitten im Mund, und als Fritz ihn frontal ansah, hatte Dulles eine dicke dunkelbraune Nase, aus der es qualmte.
„Sie bringen Berichte, Mister Wood“, sagte Dulles, „wir werten sie aus.“
Er lehnte sich zurück und starrte Fritz an, dann begann wieder das Degengefecht der Blicke zwischen Dulles, Priest und Stone.
Fritz wusste, dass jetzt der Moment gekommen war, den OSS endgültig zu überzeugen. Er griff in die Innentasche und zog weitere, auf dünnes Papier übertragene Dokumente hervor.
„Eine diplomatische Depesche aus Kairo ist abgefangen worden. Sie können davon ausgehen, dass der Code des State Department geknackt worden ist.“ Greta Stone riss ihm den Zettel aus der Hand. Sie wollte in ihr Büro eilen, blieb in der Tür aber stehen.
„Ist das Ihre Handschrift, Mister Wood? Schauderhaft, da brauchen wir glatt einen Kryptographen.“
Sekunden später hörte Fritz sie jemanden am Telefon beschimpfen.
„Deutsche und japanische U-Boote treffen sich am Kap der Guten Hoffnung, die Rückzugspläne der Wehrmacht in Russland und hier – die genaue Lage des Telefunkenwerks in Berlin. Die produzieren da Zielvorrichtungen für die Luftwaffe.“
„Mein lieber Mann“, sagte Priest. Dulles nahm die Brille ab, er sah nicht einmal auf die Papiere, er beäugte Fritz. Zum ersten Mal glaubte Fritz etwas wie Fassungslosigkeit bei dem Mann zu erkennen. Es klopfte und Priest ging zur Tür im Nebenraum, redete mit jemandem und kam zurück. Das sei einer der Briten gewesen, wegen Wood.
„Wir sollen ihm nicht trauen. Natürlich, Will“, sagte Dulles. Er griff nach seiner Pfeife, sie fiel um und winzige dunkle Ascheteilchen regneten auf die Akten wie Asche nach einem Bombenangriff auf Berlin.
„Ich nehme an, da hat es ziemliches Theater gegeben. Wooldrige vom MI6 hat mich angerufen, er war recht erbost. Und jetzt wollen sie uns unseren Mister Wood madig machen.“
„Ein Homerun für uns?“, fragte Priest.
„Ich würde sagen ja.“
„Ist Eugen Sacher in Gefahr?“, fragte Fritz.
„Was ist denn das für eine Frage“, sagte Priest. Dulles sah ihn missbilligend an und Priest hob die Achseln.
„Erzählen Sie aus Ihrem Leben, Mister Wood“, sagte Priest. „Und erzählen Sie uns über die Stimmung im Auswärtigen Amt und hier in der Vertretung.“
Fritz redete und Berlin erschien ihm weit fort. Er redete von der Werkstatt seines Vaters und zitierte dessen Worte Tue das Richtige und habe keine Angst. Er vergaß beinahe, wo er war und verlor sich in den Kissen der Erinnerung, bis Priest ihn unterbrach.
„Was ist Ihr größtes Geheimnis, Mister Wood?“
„Was ist Ihres, Mister Priest?“
„Geht Sie nichts an. Also?“
Fritz sah Priest an, er stand rechts von Dulles, Greta Stone war zurückgekommen und stand links neben ihrem Chef, Dulles paffte an seiner Pfeife.
„Meine Tochter Katrin bei der Familie Werner und Hiltrud Lichtwang in Swakopmund. Ich habe sie 1939 in Kapstadt zurückgelassen. Seitdem … habe ich sie nicht ein Mal gesprochen. Ich habe ihr nicht einen einzigen Brief geschrieben.“
Stone und Priest schrieben die ganze Zeit mit. Manchmal sahen sie ihn über ihre Blöcke hinweg an, als wollten sie seine Worte fangen, noch bevor er sie ausgesprochen hatte.
„Katrin darf nicht in diese Angelegenheit hineingezogen werden“, sagte Fritz.
„Selbstverständlich“, sagte Dulles.
„Ist von Ribbentrop so doof?“, fragte Greta Stone.
„Plappert alles nach, was Hitler ihm vorsagt. Grausam. Vollkommen leer, dieser Mann. Als er noch in England stationiert war, hat er den König mit Heil Hitler gegrüßt. Unhöflicher geht es nun wirklich nicht mehr.“
„Sie schätzen das, nicht wahr, Höflichkeit?“, fragte Priest.
„Ich kenne keine Alternative dazu, Mister Priest. Sie?“
„Allerdings.“
„Okay“, sagte Dulles. Dieses Wörtchen hatte sich, so schien es Fritz, bei ihnen allen eingebrannt.
„Wir werden jetzt Wege besprechen, über die Sie mit uns in Kontakt treten können, Mister Wood“, fuhr Dulles fort. „Ich nehme an, Reisen nach Bern werden Sie nicht allzu oft machen können. In medias res also.“
„Eines noch, Mister Wood“, sagte Greta Stone. „Es kann gut sein, dass die Briten jetzt an Sie herantreten …“
„Sie sagen denen kein Wort“, unterbrach Priest.
„Geben Sie mir keine Befehle, Mister Priest.“ Fritz hatte es geschafft, seine Stimme fest und klar zu halten. Während dieses gesamten zweiten Treffens fühlte er sich sicherer und auch, wenn er zuvor von der Brisanz der von ihm geschmuggelten Dokumente gewusst hatte, wurde ihm immer klarer, welche Bedeutung Dulles den Akten beimaß.
„Sie gefallen mir, Mister Wood“, sagte Greta Stone. Fritz spürte Wärme in seinen Wangen steigen.
„Was ich sagen wollte: Es wäre angebracht, Sie hielten sich den Engländern gegenüber zurück. Strikt zurück. Sie sind unser Mann“, sagte Priest. Fritz bewunderte ihn widerwillig für seine Hartnäckigkeit. Mit diesen Leuten war nicht zu spaßen – mit Fritz auch nicht, jetzt nicht mehr, jetzt nie wieder.
Noch in der Nacht rief er Eugen Sacher an und sagte, Sacher solle sich nicht bei ihm melden, solle auch nicht zum Hotel oder zum Bahnhof zur Verabschiedung kommen. Es könne sein, dass Fritz ihn weiterhin als Kontaktperson brauche, vielleicht sogar für getarnte postalische Sendungen. Ob er damit einverstanden sei.
„Gefahr besteht ja wohl nicht, oder, Fritz?“
„Weygand hat nach dir gefragt. Ich habe gesagt, wir hätten uns nicht getroffen, ich wisse auch nicht, wo du wohnst. Es besteht Gefahr. Hör zu, Eugen, ich will dich zu nichts überreden, geschweige denn zwingen.“
„Ich weiß, Fritz. Ist schon gut. Nach dem Krieg – man wird dich in Deutschland als Helden feiern.“
„Die können alleine feiern.“
„Zähle weiterhin auf mich.“
„Weiß deine Frau davon?“
„Ich habe nichts gesagt.“
„Aber sie merkt etwas?“
„Natürlich merkt sie etwas.“
„Sag es ihr nicht, Eugen. Sag ihr gar nichts. Erst, wenn es vorbei ist.“
„Wann wird das sein?“
„Ich weiß es nicht.“ Er presste die Faust an das Glas der Telefonzelle. „Ich habe Material geliefert, Eugen, meine Dokumente werden den Krieg abkürzen. Es hat geklappt.“
Am nächsten Morgen packte er seinen Koffer, ging durch die Altstadt und bog am Theaterplatz nach Norden zur Aare ab. Der Fluss strömte unter den Pfeilern der Kornhausbrücke hindurch, das Wasser war dunkel im Schatten der Brücke und goldbespielt in der Sonne. Von den Bergen wehte eine klare Brise und Fritz fühlte sich einen Moment lang zufrieden und ruhig. Er verließ den Langmauerweg am Ufer und sammelte etwas Erde und ein paar Steine für eine der Blechdosen, die er immer bei sich trug. Er drückte den Deckel fest auf die Dose und schrieb „Bern“ darauf. „Für dich, Katrin“, murmelte er.
Er musste zurück in die Hölle von Berlin.
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