Kolbe

Andreas Kollender · Kapitel 12 von 17

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Kolbe

10. Der Preis der Geheimnisse

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Der Preis der Geheimnisse

Auf dem Tisch liegen die Stadtpläne des alten Berlin und die von Bern. Licht spiegelt sich auf Fotos von von Ribbentrop, von Günther und von Walter und Käthe Braunwein. Ansichtskarten von Bern und Berlin lehnen am vernarbten Globus, Todesanzeigen auf pulvertrockenem, gelb gewordenem Papier schlucken Sonnenglanz.

Die Russen waren Ihnen also tatsächlich auf die Schliche gekommen, sagt Wegner. Soviel ich weiß, ist bis heute unklar, wie es dazu kam.

Unklar ist noch so einiges, sagt Fritz. Ich befürchte, das wird so bleiben.

Und der gute Exgeneral Gehlen ist dabei, eine ganz große Nummer zu werden in Ihrem Deutschland, sagt Wegner. Russen und Amerikaner haben Sie damals schon nach ihm gefragt.

Aber dieser Schinken …, sagt Fritz.

Schinken? Herr Kolbe, ich bitte Sie.

Sie denken immer, es gehe um große Ereignisse. Darum geht es nie, immer erst im Nachhinein. Das große Ereignis setzt sich zusammen aus vielen Alltäglichkeiten – und aus Lügen. Mein Gott, Mann, haben Sie eine Ahnung, welche Bedeutung ein Schinken hatte zu dieser Zeit? In Berlin? Ich habe Marlene ein Stück auf die Nase gelegt und es dort weggegessen.

Gehlen, sagt Wegner.

Fritz holt eine weitere Kiste mit Fotos. Er legt ein Porträt von General Gehlen auf die Papiere. Der schmale Mann blickt an die Decke. Ein Nazi, sagt Fritz, wird der Chef des ersten deutschen Nachrichtendienstes sein.

Das muss Sie doch verrückt machen, sagt Veronika Hügel.

Fritz zündet sich eine Zigarette an. Ja, denkt er, macht es auch.

Man gewöhnt sich daran, sagt er. Er sieht Veronika Hügel an, sie sitzt mit dem Rücken zum Fenster, im Sonnenlicht schimmert ihr Haar metallen, sie formt eine Fingerkamera.

Stimmt nicht, korrigiert Fritz sich, man gewöhnt sich nicht daran. Ich hatte so viel Ärger, weil ich nie in die NSDAP eingetreten bin – und jetzt ist es völlig gleich, ob jemand Parteimitglied war oder nicht. Das kann alles nicht wahr sein.

Er schlägt mit der Faust auf den Tisch, Papiere bewegen sich, eine Tasse klirrt auf ihrem Untersetzer.

Eichmann, sagt Fritz, Adolf Eichmann, einer der obersten Judenvernichter. Ich war es, der den Alliierten zum ersten Mal diesen Namen nannte. Ich habe Schriftstücke von Eichmann an von Günther gelesen, Hilfsersuche an die Wehrmacht und all diesen Kram. Eichmann ist die Flucht gelungen. Ich sage Ihnen, mehr Menschen, als wir ahnen, wissen, wo er steckt. Außerdem denke ich, dass dieses Schwein ein ganz gutes Leben führt, wahrscheinlich. Ich meine, wie kann einem solchen Mann das Untertauchen und die Flucht gelingen, wenn er keine Helfer hat? Er braucht gut gefälschte Papiere, er braucht Geld, er braucht Leute, die ihn decken und ihm Unterschlupf gewähren und so weiter und so weiter. Ich, verstehen Sie, ich habe den Amerikanern gesagt, wer dieser Mann ist.

Also, wie auch immer, sagt Wegner und greift zum Stift. Nach der zweiten Bernreise sind Sie zurück nach Berlin. Hat es im Amt niemanden gegeben, der Ihnen auf die Schliche gekommen ist? Die Situation dort muss doch mit Fortschreiten des Kriegsverlaufes immer schlimmer geworden sein. Noch mehr Misstrauen und Lügen und Angst, oder?

Es war die Hölle. Schweigen und Schauspielern, das waren die Tricks. Erbärmlich. Machen Sie das mal jahrelang, gegen Ihre Überzeugung. Das bringt Sie um.

Nach der zweiten Reise, sagt Wegner, und dem, was in der Folge davon passiert ist, muss es doch …

Hat Sacher Ihnen davon erzählt?

Fritz geht einen der Fotokästen durch, bis er auf ein Porträt des Freundes stößt. Er legt das Gesicht auf den Tisch, das wohlwollende Lächeln, die Zufriedenheit, dieses Saubere in Eugen Sachers Leben liegt mit einer Ecke über dem Bild von General Gehlen. Fritz hat es die ganze Zeit geahnt: Sacher hat Wegner mehr erzählt, als er erzählen sollte.

Klick, sagt Veronika Hügel.

Lassen Sie das. Bitte.

Ihr Gesicht ist gerade so ehrlich.

Er muss mit Sacher reden. Er steht ruckartig auf und geht ins Bad. Sein Spiegelbild verzerrt sich. Er ist wieder in Berlin, im Krieg. Heil Hitler. Beruhig dich. Bleib ruhig. Es ist vorbei, es ist vorbei. Er überlegt, das Gespräch mit Wegner und Hügel zu beenden, sucht nach einer Formulierung, mit der er die beiden Menschen höflich der Hütte verweisen kann. Er will nicht unhöflich sein. Was hat Sacher sich dabei gedacht? Kann es sein, dass das Einzige, das Fritz an dem Freund nie wirklich geschätzt hat, dieses umgreifende Wohlwollen war? Der Blick des Unbeschädigten, des Sicheren auf den Beschädigten, von dem er nichts anderes will, als dass er selbst unbeschädigt ist und sich in der Welt aufgehoben fühlt? Diese gut gelaunten Menschen, die immer meinen, jeder müsse so sein wie sie. Bürgerliche Typen, denen Harmonie über alles geht, und die nicht begreifen können oder wollen, dass das Leben mit manchen Menschen anders umgeht. Er dreht den Wasserhahn auf, formt die Hände zu einem Kelch. Er führt das kalte Wasser an sein Gesicht, spürt seine Wangen, den Kinnbart. Wie schön es war, wenn Marlene sein Gesicht gestreichelt hat oder Katrin ihm eine Hand an die Wange legte. Marlene. Mar – le – ne.

Wie konnte ich?

Auf den Gängen der Charité lagen mehr Verwundete mit rottriefenden Verbänden auf Pritschen oder am Boden, als bei Fritz letztem Besuch. Ein Mann mit einem vollkommen von Binden eingewickelten Mumienkopf rauchte eine Zigarette und murmelte vor sich hin, Stöhnen zog durch das Gebäude und vermischte sich mit dem Gestank zerschossener Körper. Fritz klopfte an die Tür zu Marlenes Büro, die Aktentasche ausgebeult vom Schinken, sein Herz groß vor Aufregung und Freude.

„Herein.“

Welch ein Glück, dass er sich tief eingeprägt hatte, lieber zu schweigen als zu reden. Jedes „Schatz“, jedes „Hallo Liebste“, jedes „Ich hab dich so vermisst“ wäre ein Fehler gewesen. Im Bruchteil einer Sekunde schlug eine Tür in ihm zu und er war das, was er für alle anderen war, ein biederer, elegant gekleideter, nicht allzu großer Beamter aus dem Auswärtigen Amt.

Der Mann, der hinter Marlenes Stuhl stand und beide Hände auf ihre Schultern gelegt hatte, war deutlich größer als Fritz. Er trug eine Wehrmachtsuniform, eine Haarsträhne machte ein Komma auf seine Stirn. Er lächelte Fritz an. Fritz hatte befürchtet, dass es irgendwann zu einem Aufeinandertreffen kommen würde. Hoffentlich ist er unsympathisch, hatte er gedacht.

War er nicht.

„Ah, Herr Kolbe“, sagte Marlene.

„Frau Wiese, schön Sie zu sehen.“

„Darf ich vorstellen, mein Mann. Gerhard, das ist Fritz Kolbe, ein Bekannter.“

Gerhard Wiese reichte Fritz die Hand.

„Freut mich“, sagte Fritz.

„Ebenso. Immer gut, Bekannte zu haben in solchen Zeiten.“

„Ich kenne Herrn Kolbe aus dem Auswärtigen Amt. Ich bin da ja oft wegen Visa für den Professor. Wir plaudern ab und zu ein wenig.“

Wie offensiv sie war. Wie sie sich verstellte. Sie sah ihn kurz an, ihre Augen zogen sich zurück.

„Ja“, sagte Fritz, „und jetzt war ich auf Dienstreise in der Schweiz. Da habe ich mir erlaubt, Ihrer Frau Schokolade mitzubringen. Ich hoffe, Sie haben nichts dagegen.“

„Schokolade für meine Marlene, ach wo. Nur her damit. Aber behalten Sie bloß auch etwas für sich.“

Ja, sagte Fritz, er behalte etwas für sich. Er öffnete die Aktentasche, griff am Schinken vorbei nach den Tafeln und reichte sie Marlene. „Oh, wie schön“, sagte sie. Ihre Finger berührten sich, als sie nach dem Geschenk griff. An der Wand rechts von ihr standen mehr Prothesen als sonst, eine Reihe Metallbeine, einige mit, einige ohne Kniegelenk.

„Eine ganze Woche Urlaub“, sagte Gerhard Wiese. „Und meine Marlene wohnt jetzt hier. Diese Frau, Herr Kolbe, ist ein Engel. Ein Engel für ihren Mann, ein Engel für ihre Arbeit.“

Hau bloß ab, sagte Fritz nicht. Er räusperte sich. „Wenn Sie mit Ihrer Frau rauskönnten aus Berlin, das wäre gut.“

„Das geht nicht“, sagte Marlene.

„Tja, so ist sie“, sagte Gerhard Wiese. Er beugte sich über sie und küsste ihr Haar.

Mach das nicht noch mal. Nimm deine Scheißfinger von der Frau! „Okay“, sagte Fritz.

„Was haben Sie gesagt?“

„Oje“, sagte Fritz, „meine Uhr befiehlt mich zurück, muss noch ein, zwei Dinge erledigen. Frau Wiese, lassen Sie sich die Schokolade schmecken. Herr Wiese, hat mich gefreut, Sie kennenzulernen.“

Sie verabschiedeten sich. Als Fritz die Tür schließen und schreien wollte, rief Marlene ihm hinterher. Sie habe morgen einen Termin in der Visaabteilung, um elf.

„Vielleicht laufen wir uns über den Weg“, sagte Fritz. Gerhard Wieses Hände lagen wieder auf Marlenes Schultern, tiefer unten, am Ansatz ihrer Brüste.

Fritz spürte das harte Metall des Revolvers in seiner Jackentasche. Er schwitzte, sein Herz krampfte, ihm war schlecht. Er ging durch die trauernde Stadt zum zerbombten Wilhelmsplatz zurück, kettete sein Rad vom U-Bahn-Eingang ab und fuhr heim, Schlangenlinien um Trichter und Trümmer herum, um schwarze Löcher, Teerflecken von verbrannten Reifen und um Bäume, deren verkohlte Reste splittrig in den grauen Himmel wiesen. Die meisten Straßen waren so zerhämmert, dass das Radfahren bald unmöglich sein würde.

In seiner Wohnung roch er am Bettlaken. Da war Marlene, ihr Körper, ihre blauen Augen, das helle Lachen. Mein Gott, ein Mann, der monatelang fort gewesen war und jetzt zu solch einer Frau zurückkam – er würde mit ihr schlafen. Ihr Gesicht, das er so liebte, würde für den anderen stöhnen.

Hör auf! Hör auf damit!

Mit einer wischenden Wutbewegung schlug er seinen geliebten Globus vom Tisch. Die Erdkugel zersprang, Kontinente und Ozeane flogen und wippten auf ihren Rundungen am Boden. Er ließ die farbigen Teile liegen, griff nach der Cognacflasche, die er im Amt geklaut hatte, und ließ den Alkohol durch seine Kehle pulsieren. Er schaltete den Volksempfänger an und wartete auf die Nachricht von der Bombardierung der Wolfsschanze und dem Tod Adolf Hitlers. Sie kam nicht. Er rüttelte das Gerät, wollte die Nachricht herauszwingen. Nichts.

Fritz sammelte die Trümmer der Welt auf, schichtete sie vorsichtig in die Hand und legte sie auf ein Papier. Tränen pressten in sein Gesicht, er wollte sich beherrschen. Diese ganze Heil-Hitler-Scheiße, dieses ewige ekelhafte Spiel – und jetzt kam auch noch Marlenes Mann nach Berlin. Er krallte eine Hand vor die Stirn und fluchte. Ich kann bald nicht mehr, dachte er. Es geht nicht.

Am nächsten Morgen ging er grußlos in sein Büro und knallte die Tür zu. Von Günther war in Paris, von Ribbentrop hatte sich wieder auf sein Schloss zurückgezogen. Fritz starrte auf Dutzende Hakenkreuz-Akten auf seinem Schreibtisch. Er schob sie weg und blickte nach dem Allgäubild vor der Safetür. Er versuchte, nicht an Marlene zu denken, und schon der Versuch, war nichts anderes als ein wütender Gedanke an sie.

Jemand klopfte. „Was denn?“

Die Klinke bewegte sich, eine helle, langfingrige Hand, ein dunkelblaues Kostüm, Kastanienhaar. Marlene huschte herein. Sie drückte die Tür mit dem Rücken und beiden Händen zu, den Oberkörper ein wenig nach vorne gebeugt, als wolle sie springen. Fritz las ihren Blick, die Verzweiflung, die Sorge. Die Liebe? Den Betrug?

„Schließ ab“, sagte er.

Ohne sich umzudrehen, tastete Marlene nach dem Schlüssel und drehte ihn zwei Mal, Fritz hörte das Schloss schnappen. Sie nahm den Hut ab und löste die Nadeln aus ihrem Haar.

Was sollte er sagen? Es war so viel. Es war nichts. Was würde sie sagen?

Sie kam zu ihm. Er hob sie auf den Schreibtisch, zerrte ihr den Mantel von den Schultern. Er schob ihren Rock hoch, zog am Höschen, hörte feine Nähte knacken. Ihr Atem vereinigte sich, sie küssten sich gierig und tief, krallten die Hände in den Körper des anderen, als glitten sie einen Berghang hinab. Die Akten verrutschten unter Marlenes Hintern, ein Hakenkreuz wurde von ihrem auf den Tisch gepressten Fleisch halbiert. Du, sagte er, sagte sie.

Nachher war sein Oberkörper auf ihren gesunken, sie umarmte ihn, die Kleider feucht von Schweiß und dem Duft von Liebe. Marlene kicherte, in dieser Lage schliefen ihr die Beine ein. Als Fritz auf seine Hose hinabblickte, die wie eine Acht aus Stoff um seine Füße lag, lachte er.

Sie sahen sich an, hielten sich bei den Händen.

„Lass uns jetzt nicht reden, Fritz.“

„Okay“, sagte er, „okay“.

Marlene schloss die Tür auf und sah sich nach ihm um.

„Ich liebe dich“, sagte sie. Diese drei Worte – die wichtigsten im Leben – hatte sie noch nie gesagt.

„Bist du sicher?“, fragte er.

„Nein“, sagte sie.

„Ich liebe dich auch“, sagte er. Vor den grünen Wänden seines Büros wirkte Marlene blass, das Haar dunkler.

„Wie gerne ich dich ansehe“, sagte er.

„Mein Mann wartet.“

„Gott.“

Ihr Kuss war ein Biss.

„Kommst du damit klar, Marlene?“

„Nein. Du?“

„Nein.“

„Aber wir machen es. Machen. Das ist gut.“

Als sie fort war, nahm er eine Handvoll Naziakten und presste sie sich aufs Gesicht. Sie rochen nach Marlenes Haut, nach ihrer Feuchtigkeit und ein klein wenig nach ihrem Parfüm. Sie sagte, sie habe nur noch ein paar Tropfen davon. Sie hatte es für ihn aufgelegt. Die Akten hatten es aufgenommen.

Ein Spion aus Rom berichtete über den Vatikan. Der Papst habe offen bekundet, er hoffe, die Wehrmacht halte dem Ansturm der Russen stand. Des Weiteren sei von Seiten der römischen Kirche keine Gegenwehr bezüglich weiterer Deportierungen römischer Juden zu erwarten. Scheißpfaffen, dachte Fritz.

Ein Mann aus Washington – Codename Willi – hatte einen Bericht über den Gesundheitszustand von Präsident Roosevelt geschickt. Er rechne mit einer weiteren Verschlechterung und stimme dem Führer zu, dass die Allianz der deutschen Gegner auseinanderfallen werde, sollte Roosevelt sterben, „Heil Hitler“.

Fritz las eine Liste mit den Aufenthaltsorten von Winston Churchill. Zur Weiterleitung auch an eine Kommandostelle in Plön mit Anregung eines Unternehmens zur Ausschaltung des Premierministers. Dann stieß er auf einen Brief dieses schwadronierenden Mannes, der „Lieber von Ribbentrop“ schrieb und sich darüber ausließ, welche Freiheit sie im Osten genössen. „Sagenhaft! Willst du wirklich nicht mal vorbeikommen? Du verstaubst da in deinem Amt. Sieh uns doch mal bei der Arbeit zu.“

Die Rückzugsgebiete ungarischer Partisanen waren in eine Karte eingezeichnet. Jemand beschwerte sich über die prekäre Lage in Italien und schimpfte über die Schwäche des Führerfreundes Mussolini.

Blatt für Blatt studierte Fritz die Neuorganisation der Anlieferung für Bauteile der Düsenmaschine ME 206, er las über die Reparatur von Gleisanlagen, über Produktionsverschiebungen und von Verdächtigungen gegen einige aristokratische, intellektuelle Wehrmachtsoffiziere. Judentum. Bolschewismus. Ausradieren. Der untertänige Mann, der von Ribbentrop mit „Eure Exzellenz“ anredete, erlaubte sich respektvoll über die nicht ganz so eindeutige Lage in Tokio zu berichten.

Es gab Einschätzungen der amerikanischen Rüstungsindustrie, Geheimberichte über beschädigte U-Boote, die in Spanien ankern sollten und der „liebe von Günther“ wurde informiert über die Spionagetätigkeiten in Francos Spanien.

Die Dokumente, die General Gehlen geschickt hatte, waren die am saubersten geschriebenen. Er berichtete lang über Taktik, Strategie und Aktivitäten sowjetischer Partisanen im Rückraum der Front.

Je länger Fritz die Akten durchging, desto mehr verflog Marlenes Geruch. Er adressierte einen Brief mit wichtigen Informationen an jene Frau Pfäffli an die Tarnadresse in Bern, steckte seine Notizen in die Tasche und brachte die Akten in den Keller. Er sah zu, wie das Papier von den Flammen aufgefressen wurde. Verging Marlenes Liebe jetzt ebenso? War er das Abenteuer einer Kriegsfrau gewesen, die so wenig wie alle anderen wusste, ob sie morgen noch leben würde? Ihr Mann war Kartograph und Landvermesser. Wo wurden diese Leute eingesetzt? Er sah durch die ins Metall gestanzten Löcher im Feuerkorb, die Papiere waren heruntergebrannt, nur hier und da glimmte noch eine Kante wie ein roter Faden. Es roch nach Asche. Ich habe Macht, dachte Fritz. Vielleicht das Schlimmste, was einem Menschen passieren kann.

Mit gesenktem Kopf ging Fritz ins Kartenarchiv des Amtes. Blechlampen hingen von der Betondecke, ihr Licht war pulverfarben. Der Mann am Schreibtisch grüßte ihn, es sei schön, ihn mal hier unten zu sehen.

„Was kann ich für Sie tun, Kolbe?“

Fritz stützte sich beidhändig auf den Tisch.

„Es ist …“

„Herr Kolbe?“

„Ach, schon gut. Verzeihen Sie. War nur so eine Idee. Eine dumme Idee.“

Als er daheim in seinen verdunkelten Zimmern stand, rief er ihren Namen. Er gehörte hierher. Mar – le – ne. Fritz starrte den Küchenstuhl an, auf dem sie immer saß, das Kissen, das sie aufgelegt hatte mit dem Abdruck ihres Körpers. Mein Gott, dachte er, wie routiniert, wie abgebrüht sie sich ihrem Gatten gegenüber verstellt hatte. Du machst das Gleiche wie ich, Marlene.

Einmal, als er sich aus Nervosität den Daumen aufgekratzt hatte, fragte er von Günther, ob man etwas aus dem Führerhauptquartier höre. Es sei nur, weil sie ja kürzlich erst dort gewesen seien, das habe ihn doch sehr beeindruckt. „Ja“, sagte von Günther, „die Nähe zu solchen Erscheinungen –, und das ist Hitler, eine Erscheinung – zu solchen historischen Erscheinungen, die beeindruckt einen Menschen nachhaltig. Welcher Wille in solch einem Manne stecken muss. Selbst jetzt, ja. Aufgeben, das ist ein Wort, das der Führer nicht kennt, Kolbe. Und nach allem, was bisher in diesem Krieg im deutschen Namen getan werden musste, ja, wie würde man wohl mit uns umgehen, gäben wir jetzt auf? Nein, jetzt heißt es weitergehen.“ Von Günther drehte sich zum Fenster zur Wilhelmstraße, strich über den weißen Lack am Rahmen. Fritz war sich bei dem Botschafter sicher, dass diesem die kommende Niederlage klar war. Vielen war mittlerweile klar, dass ein Sieg unmöglich war.

„Hören Sie, Kolbe.“ Von Günther drehte sich zu ihm um, das Gesicht ernst. „Diese Frau, die, mit der ich Sie gesehen habe, nun, mir ist aufgefallen, dass sie einen Ehering trägt. Jetzt schauen Sie nicht so. Passen Sie auf: Von mir wird niemand ein Wort darüber hören, verstehen Sie, niemand. Auch meine Frau nicht.“ Von Günther steckte sich eine Zigarette in den Mund und sah Fritz über die Feuerzeugflamme hinweg an, seine Augen flackerten.

„Sie können sich auf mich verlassen, ja, wie ich mich auf Sie, Kolbe. Ich kann mich doch auf Sie verlassen, oder?“

„Voll und ganz, Herr Botschafter.“

„In jeder Beziehung?“ Worauf wollte von Günther jetzt hinaus? Wieso fragte er das? Offensiv sein, dachte Fritz.

„In jeder Beziehung, Herr Botschafter.“

„Wissen Sie, Kolbe, es wird einfach zu viel geredet. Auch hier im Amt. Ich bin so dermaßen froh, dass Sie mein Vorzimmermann sind. Ein Plappermaul“, er lachte Fritz an, „sind Sie ganz sicher nicht. Wenn ich Ihnen etwas sage, dann bleibt es bei Ihnen.“ Er wandte sich ab, wahrscheinlich war ihm diese plötzliche Offenheit peinlich. „Mehr im Moment nicht“, sagte er. „Machen Sie Ihre Arbeit, Kolbe.“

Zu Hause lief jetzt ununterbrochen der verhasste Volksempfänger. Verachtung, Müll, Unmenschlichkeit und das Tosen jubelnder Massen. Jedes Mal, wenn mit Franz Liszts Musik eine Sondermeldung angekündigt wurde, sprang Fritz auf. „Warum bombardieren die die Wolfsschanze nicht? Herrgott!“ Er schlug mit beiden Fäusten auf den Tisch. Marlene blieb ruhig. Noch am Tag der Abreise ihres Mannes hatte sie abends vor Fritz’ Wohnungstür gestanden.

Sie hatte ihn nie so wütend gesehen wie während der ausbleibenden Meldung über die Wolfsschanze. Sie streckte ihm die Hand entgegen. „Lass uns spazieren gehen“, sagte sie. Sie gingen hinaus in die Trümmer über Pfade zwischen Schuttbergen, wo einst Straßen gewesen waren, zur Spree, wo rußdunkle Lastkähne im kriegsverdreckten Wasser dümpelten. Auf der Marienstraße sahen sie Soldaten einen Mann im zerrissenen Hemd in ein Auto stoßen. Ein Offizier in Ledermantel reckte den Arm zum Hitlergruß, lachte einen der Soldaten an und stieg in den Wagen. Der Mantel sah aus, als wäre er aus flüssigem Metall. Der Druck von Marlenes Hand wurde fester.

Das Capitol Lichtspielhaus in Charlottenburg war noch nicht von Bomben in die Erde gestampft worden. Marlene bat Fritz, mit ihr ins Kino zu gehen und Fritz stimmte sofort zu. Marlene wunderte sich, er hasse doch die Filme aus den Produktionsstätten der Nazis. „Aber ich gehe gerne mit dir ins Kino“, sagte er. „Händchen halten. Außerdem studiere ich diese Schauspieler. Ganz in einer Rolle aufgehen. Ein anderer sein, als der man ist.“

„Verlauf dich bloß nicht“, sagte Marlene.

Sie sahen „Ich vertraue dir meine Frau an“ mit Heinz Rühmann. Fritz’ Herz hüpfte, weil Marlene sich so verlor in dem Film und der Jagd im Doppeldeckerbus durch Berlin – ein strahlendes Berlin. Warum nicht, dachte er. Sie lachte. Hör nicht auf. Lach weiter, Marlene.

Walter Braunwein besuchte Fritz im Büro, er setzte sich auf die Schreibtischkante, Akten verschoben sich. „Was soll denn das?“, sagte Fritz und ordnete sie wieder. Walter lachte.

„Was soll ich tun?“, sagte er, „du scheinst deinen zweiten Stuhl entsorgt zu haben. Irgendwie, Fritz, passt das zu dir.“

„Diese Dokumente sind wichtig, Walter. Ich brauche die, geordnet, sauber, übersichtlich.“

„Du brauchst die? Verstehe ich nicht.“

„Sollst du auch nicht.“

Walter stand auf, betrachtete das Allgäubild vor dem Safe und sah Fritz über die Schulter hinweg an. Es war nicht das erste Mal, dass Fritz dachte, Walter durchschaue ihn. Aber es blieb unausgesprochen, trotz der Freundschaft oder gerade wegen der Freundschaft.

„Da waren wir beide auch schon wandern“, sagte Braunwein und tippte auf das Bild. Erinnerungen an gute Luft und gemeinsame Blicke über den grünen Alpsee schlugen auf Fritz ein.

„Wir müssen unbedingt mal gemeinsam nach Irland. Bentryhouse oder die Klippen von Moher, Fritz. Mensch, das wäre was. Mit Käthe und Horst und …“ Er hob den Zeigefinger: „Horrido. Ich kenne dein Mädel immer noch nicht. Käthe ist auch ganz gespannt. Auf ihre Art. Kommt heute Abend zum Essen vorbei. Ich konnte ein paar nette Sachen auftreiben.“

„Wann musst du ins Ausland?“

„Wir können uns richtig den Bauch voll schlagen.“

„Wann musst du ins Ausland? Wohin?“

„Hör auf damit, Fritz.“

Als Käthe Marlene sah, legte sie die Hände an die Wangen. Sie ging auf die ihr vollkommen fremde Frau zu und umarmte sie. „Aha“, sagte Marlene und lachte.

„Das ist also die geheimnisvolle Marlene“, sagte Walter Braunwein. Er küsste ihr die Hand. „Der Fritz hier ist ganz vernarrt in Sie.“

„Gut so“, sagte Marlene. Walter bat sie an den Tisch. Fritz roch Zwiebeln und etwas Säuerliches, sein Gaumen kribbelte. Er rückte seinen Stuhl dichter an den Marlenes heran. Es war so schön, mit ihr zusammen seinen besten Freund zu besuchen.

„Ich war dienstlich in Kiel“, sagte Walter. „Ihr werdet es nicht glauben, aber jetzt ratet mal, was ich ergattert habe?“ Er legte die Hände über die beiden abgedeckten Porzellanschüsseln. Mit einem lauten Horrido hob er die Deckel.

„Eingelegte Heringe. Ich werde verrückt“, sagte Marlene. Die Fische hatten braune Haut und schwammen in einem Sud mit dünnen Zwiebelringen. Fritz wedelte Marlene den Duft zu.

Sie tranken weißen Moselwein dazu, den Fritz im Amt geklaut hatte. Nur Käthe lehnte ab, ihr bekomme das nicht mehr. Sie starrte die ganze Zeit Marlene an, kniff die Augen zusammen, wenn Fritz und Marlene sich berührten und sie war wieder ungeheuer blass und wirkte, als sei sie weit fort. Walter versuchte, sie alle mit Erzählungen aus Irland zu unterhalten, er griff nach Käthes Hand neben dem Silberbesteck. Auch Fritz wollte die brüchige Runde in ein Gespräch über ferne Länder retten, aber die Stimmung hakte, der Geist des Krieges und des Todes bedrückte sie durch das weiße Gesicht der verstörten Käthe Braunwein. Fritz bemerkte, dass Marlene viel trank, und es war ihm recht.

„Sie sind verheiratet“, sagte Käthe. Sie sah Marlene an, hielt ihrem Blick aber nur Sekunden stand. Niemand sagte etwas. Walter schenkte Wein nach, Käthe hielt eine Hand über ihr Glas.

„Sie ist die meine“, sagte Fritz. Durch Käthes Gesicht zuckte ein Lächeln. „Schön“, sagte sie.

„Wisst ihr, was Fritz macht?“, fragte Marlene. Fritz griff hart nach ihrem Unterarm. „Was macht er denn?“, fragte Walter.

„Gar nichts“, sagte Fritz.

„Bist du sicher, alter Freund?“

Marlene nahm einen großen Schluck Wein.

„Der klaut ständig Alkohol im Auswärtigen Amt. Immerzu“, sagte sie. „Der ist da richtiger Experte geworden.“ Sie hielt Walter ihr leeres Glas hin und ließ sich nachfüllen. Sie trank es in einem Zug.

„Fritz riskiert viel, Käthe“, sagte sie.

Als Fritz und Marlene nach Hause torkelten, sagte Marlene, Käthe sei eine blöde Kuh. Nee, lallte Fritz, das sei eine tolle Frau.

„Ja, früher vielleicht“, sagte Marlene. „Aber das zählt nicht.“

„Sie kann nichts dafür.“

„Das werden später viele sagen.“

Ein Kino nach dem anderen verschwand. Die ausgekühlten Trümmer hatten nachts die Farbe des Vollmonds. Manchmal gab es noch Filmvorführungen in verdunkelten Kellern, wo sie das spulende Geräusch der Vorführgeräte hörten und den kranken Atem der Menschen, die in dieser siechenden Stadt leben mussten. Heinrich George, flüsterte Marlene Fritz zu, sei richtig gut. Von dem könne er etwas lernen.

Einmal begleitete Marlenes Freundin Gisela sie. Fritz sah sie zum ersten Mal. Sie war eine kräftige kleine Frau mit vollen Wangen und widerspenstigen Locken. „Ich freue mich, dich kennenzulernen. Marlene hat viel über dich erzählt.“

„Ach“, sagte Fritz.

„Keine Sorge, Kleiner. Das Leben lebt man, statt drüber zu quatschen.“

Als Fritz und Marlene wieder daheim waren, beschwerte er sich, Gisela habe ihn mehrfach Kleiner genannt.

„Mach dir nichts draus“, sagte Marlene. „Das meint die nicht so. Gisela, weißt du, sie ist lange an dem Punkt angekommen, zu nehmen, was sie kriegen kann. Die schläft mit ganz vielen Männern. Die klaut.“ Sie setzte sich auf Fritz’ Schoß. „Weißt du, was sie mich gefragt hat?“

„Nein, was denn?“

„Na ja, ich weiß jetzt nicht, wie ich das sagen soll.“

„Das kommt bei dir eher selten vor.“

„Also, sie fragt, ob wir es nicht einmal … zu dritt?“

Fritz erschrak. „Oh“, sagte etwas in ihm und es fügte hinzu: „Oho.“

Marlenes Wangen wurden rot.

„Was meinst du denn dazu?“, fragte sie.

Fritz stammelte. „Ich glaube, das ist nichts für mich. Ich meine, wie siehst du das denn?“

„Gisela hat hübsche Brüste. Wir waren ja zusammen im Schwimmverein.“

„Das ist nicht dein Ernst.“

„Weiß nicht.“ Sie gab ihm einen ihrer spitzmundigen Mädchenküsse. „Man lebt nur einmal.“

Sie strich ihm über den Kopf. „Beamter.“

„Sag mal!“

Marlene kicherte.

„Ich würde dich nie betrügen“, sagte Fritz.

„Ach Fritz, das tun wir doch die ganze Zeit. Auf ganzer Linie.“

Von Günther nahm mit von Ribbentrop an einem Treffen mit dem japanischen Abgesandten teil, und Fritz tat Dulles und seinen Leuten den Gefallen, besonders viele Aktenvermerke dieses Treffens abzuschreiben und die wichtigsten codiert an die Tarnadresse zu schicken. Manchmal stand er kurz davor, zum Telefon zu greifen und in Bern anzurufen: Warum bombardieren Sie nicht? Die Wolfsschanze? Vernichten Sie sie alle. Selbst als nach dem Krieg der Anschlag auf ihn und Marlene verübt wurde und er Marlene schreien hörte und sich Blech bog und Glas prasselte, fragte er sich kopfüber, warum es nie zu diesem Angriff gekommen war.

Fritz sah General Gehlen mit einem kalkblassen von Ribbentrop auf dem Flur reden, kurz darauf kam Gehlen in Fritz’ Büro und sagte, er sei mit von Günther verabredet.

„Geheimdienstarbeit, Kolbe“, sagte er, „ist die beste Arbeit.“ Von Günther kam aus seinem Büro und salutierte, er verschwand mit Gehlen, öffnete aber kurz darauf die Tür wieder.

„Kolbe, die Akte zu der Warschau-Angelegenheit – hatten wir gestern oder vorgestern – die bräuchte ich noch einmal.“

In Fritz’ Brust verkantete etwas, er konnte kaum schlucken.

„Kolbe?“

„Jawohl, Herr Botschafter.“ Von Günther schloss die Tür. Die Akte lag bei Fritz daheim unter dem Bett. Er verließ das Büro, ging über den hallenden, immer länger werdenden Flur und rannte die Treppe hinab. Unten in der Tür stand Heinz Müller und redete mit einem Kurier.

„So eilig, Herr Kolbe?“ Fritz setzte ein geliehenes Lächeln auf, sagte: „Die Arbeit, die Arbeit.“ Am Wilhelmplatz stieg er auf sein Rad und trat in die Pedalen, umrundete hektisch die Kriegsnarben, schlitterte um Kurven, stürmte die Treppe hoch, bekam aber die Tür nicht aufgeschlossen, bis er merkte, dass er den falschen Schlüssel benutzt hatte. Er steckte die Akte in die Innentasche, hastete drei Stufen auf einmal nehmend die Treppe hinab und fuhr zum Amt zurück. Er war nassgeschwitzt, obwohl es kalt war. Hatten sie ihn jetzt? War es jetzt vorbei? Er schleuderte das Rad gegen das Geländer des U-Bahnzugangs am Wilhelmplatz und rannte zum Haupteingang, er atmete durch und betrat mit pumpenden Lungen das Amt. Vor der Tür des Nachbarbüros stand Müller mit verschränkten Armen, als habe er auf Fritz gewartet. Er sagte nichts, sah Fritz aber hinterher. Offiziell war Fritz höherrangig als der knochenschultrige Müller, aber Fritz war sich immer noch nicht klar darüber, wie weit Müller damals an Bord der „Louisiana“ in die Attacken gegen ihn verstrickt gewesen war. Fritz lächelte ihn an. Man habe doch viel zu tun, sagte er.

Wenn von Günther jetzt in seinem Büro stünde, könnte er schlecht die Akte aus der Jacke ziehen. Zum Glück war es leer. Er stellte sich in dem Moment vor den Safe, in dem von Günther ins Zimmer kam.

„Kolbe? Was ist denn? Die Warschau-Akte. Der General wartet. Wo waren Sie denn?“

„Entschuldigen Sie, Herr Botschafter. Ich muss wohl etwas Falsches gegessen haben. Hier ist die Akte.“

Der General stellte sich in die Tür. Fritz hoffte, er sah den Schweiß auf seinem Gesicht nicht und die Dreckspritzer auf Schuhen und Hosenbeinen.

„Verzeihen Sie, Herr General“, sagte er.

„Meinen Leuten passiert so etwas nicht, Herr Kolbe.“

„Hier normalerweise auch nicht“, sagte von Günther. „Verlassen Sie sich darauf, das wird ein Nachspiel haben, Herr General.“

Gehlen bat von Günther wieder ins Büro. Er sah Fritz in die Augen.

„Es tut mir leid, Herr General.“

„Sie waren lange im Ausland. Sie sind kein Parteimitglied.“

„Jawohl, Herr General.“ Wie er es hasste. Wie ekelerregend er sich selbst empfand. Diese Unantastbarkeit Gehlens. Es gab nichts, überhaupt nichts, womit Fritz jetzt hätte offensiv reagieren können.

„Mir entgeht nichts, Kolbe.“

„Jawohl, Herr General.“

Gehlen sah in von Günthers Büro, dann blickte er Fritz wieder an, den Zeigefinger schräg vor den Lippen. Fritz rang hart um Haltung, lange würde er dem Blick nicht standhalten können. Sein Brustkorb bewegte sich zu stark, sein Atem ging schnell.

„Ist alles in Ordnung, Kolbe?“

„Jawohl, Herr General. Es tut mir furchtbar leid.“

„Sollte es auch. Oder?“ Gehlen drehte sich schnell um und zog mit einem Ruck die Tür zu – nichts an den Bewegungen wirkte hastig. Fritz taumelte zum Waschbecken und ließ sich Handkellen kalten Wassers übers Gesicht laufen. Es klopfte. „Was denn jetzt noch“, fluchte Fritz. Es war Müller. Er wolle von Günther sprechen.

„Der Herr Botschafter hat Besuch.“

„Es ist wichtig.“

„Geht jetzt wirklich nicht, Herr Müller. Ich richte aus, dass Sie hier waren.“

„Heil Hitler.“

„Hei Hitler.“

„Ich warte hier.“

„Nein, Müller, ich habe zu tun. Der Herr Botschafter hat zu tun. Ich richte ihm aus, dass Sie ihn sprechen möchten. Sie können allerdings auch mir sagen, worum es geht.“

„Sicher nicht, Herr Kolbe.“

„Ich kann bald nicht mehr“, sagte er.

„Halt durch“, sagte Marlene. „Es ist ja noch einmal gut gegangen. Komm her, du, komm her und nimm mich in den Arm.“ Fritz trat so heftig auf Marlene zu, dass sie gegen den Küchenschrank stieß, ein kleines Konzert scheppernden Porzellans erklang. „Ach Fritz, abends mit dir am Tisch zu sitzen und Geheimakten zu kopieren, das macht mich so glücklich. In diesem Krieg. Ich bin stolz auf dich. Wir werden leben, Fritz. Leben. Und jetzt koche ich uns diese vier Kartoffeln und lasse eine Zwiebel aus.“

„Eine Zwiebel?“

Sie hielt sie hoch, als hätte sie sie gerade hervorgezaubert, eine mittelgroße Zwiebel in hellbrauner Haut, von der an einer Stelle die äußerste Schicht abgeblättert war. Fritz schaute Marlene zu, wie sie die Zwiebel vorsichtig schälte, damit nicht ein Gramm verlorenging und sie dann in feine, durchsichtige Scheiben schnitt, die die Farbe von Essig hatten. Das Debakel mit der Akte hatte ihn tief getroffen, er war immer noch aufgewühlt, Sorgen blähten sich in ihm und er dachte viel an den Himmel über Afrika, die Parks in Madrid, die Boulevards in Paris, die fremden Sprachen. Er versuchte den Tag Revue passieren zu lassen. Als Fritz’ Feierabend machen wollte, kam Gehlen aus von Günthers Büro und es schien, als ginge er ganz langsam durch Fritz’ Zimmer und hielt den Blick die ganze Zeit auf ihn gerichtet. Nachdem er fort war, stand von Günther in der Tür und sah Fritz an. Er bewegte sich nicht, er tat nichts, er sah ihn nur an und Fritz hätte sich beinahe aus Verlegenheit an der Stirn gekratzt, lächelte und machte Notizen, bis von Günther die Tür wieder schloss und Fritz am Schreibtisch ganz weich wurde.

„Ich liebe dich“, sagte er, ohne Marlene anzusehen. Er hatte das so ernst gesagt, mit so seltsamer Stimme im Schatten der verdunkelten Wohnung. Er hatte ihr gesagt, er könne nicht mehr, jetzt sagte er, er liebe sie. Zwei so fundamentale Aussagen, volles Vertrauen, Hingabe. Er blickte ihr in die Augen, sie lächelte, blinzelte. Das seien die Zwiebeln, sagte sie.

„Die haben mich im Blick, Marlene. Von Günther ist auf einem Auge blind. Hoffe ich. Der Mann vertraut mir, warum auch immer. Er hasst Geheimdienstleute, er hasst die Gestapo. Irgendetwas an deren tiefen Misstrauen verabscheut er. Aber …“

„Aber was, Fritz?“

„Müller. Müller hat mich gesehen. Dieser dürre Scheißkerl beobachtet mich seit Jahren.“

„Ist er eine Bedrohung?“

„Keine Ahnung.“

Marlene ging ins Schlafzimmer, kam zurück und legte den Revolver vor Fritz auf den Tisch.

Jetzt ist es so weit, denkt Fritz. Jetzt muss ich es sagen. Jetzt will ich es sagen.

Ungefähr siebzig Millionen Tote hat es gegeben in diesem Krieg, sagt Fritz. Das ist dann immer eine Zahl. Aber ist es eben nicht. Das sind siebzig Millionen menschliche Herzen, siebzig Millionen Schreie. Jeder hat Freunde verloren, Familienangehörige, Liebste.

Wenn Marlene und ich und Walter und all die anderen diesen ganzen Scheiß doch nie hätten erleben müssen. Die Vernichtungswucht dieses Krieges – unvorstellbar. Vollkommen wahnsinnig.

Ohne den Krieg hätten Sie Marlene nicht kennengelernt, sagt Wegner.

Doch. Doch, Marlene wäre mir irgendwann über den Weg gelaufen.

Ach, schön, sagt Veronika Hügel.

Ihnen läuft er auch noch über den Weg, sagt Fritz.

Wegner lehnt sich zurück und sieht aus dem Fenster.

Ich konnte nichts dafür, sagt Fritz. Ich habe das doch nicht gewollt. Man darf mir keine Schuld daran geben. Das geht nicht. Verstehen Sie? Das geht nicht. Es war eine Folge von Ereignissen. Das hatte ich doch nicht im Griff. Schreiben Sie das auf, Herr Wegner. Notieren Sie das. Das ist wichtig. In solchen Zeiten gibt es niemanden, der alles kontrollieren kann, niemanden, der den vollen Überblick behalten kann. Das geht nicht.

Das ist mir schon klar, Herr Kolbe.

Ach ja?

Ja, wirklich. Sie haben etwas getan. Andere nicht.

Vielleicht hätte ich auch … nichts … tun sollen.

Das ist nicht Ihr Ernst?

Ich weiß es nicht.

Es war von Günther, der es ihm sagte.

Vor den Fenstern des Büros flogen Regentropfen schräg durch die graue Luft, die Gebäude auf der anderen Straßenseite waren nicht zu sehen. Es war still.

„Herr Kolbe.“ Von Günther wollte sich Fritz gegenüber an den Schreibtisch setzen. Ohne ein Wort ging er in sein Büro zurück und kam mit einem leichten grünen Lehnsessel zurück. Er setzte sich und faltete die gepflegten Hände.

„Churchill und seine verdammten Kommando unternehmen“, sagte er. Fritz verstand nicht, er legte den Bleistift auf die Schreibtischunterlage.

„Was ist denn, Herr Botschafter?“

„Sie sind gut mit Walter Braunwein befreundet, nicht wahr?“

„Ja. Seit – ach – wir waren als Jungs schon gemeinsam im Allgäu wandern.“

„Daher das Bild?“ Von Günther zeigte auf die goldgerahmte Landschaft, die die Safetür verdeckte.

„Erinnert mich an gute Tage“, sagte Fritz. „Aber, warum fragen Sie nach Herrn Braunwein?“

„Herr Braunwein wurde vom Amt immer wieder mit Sonderaufträgen losgeschickt. Er hatte gute Verbindungen nach Irland. Das wissen Sie vielleicht.“

Fritz nahm den Bleistift wieder auf, umschloss ihn mit vier Fingern und drückte mit dem Daumen gegen das Ende, dass sich das dünne Holz spannte. Walter hatte sich abgesetzt? Aber ohne Käthe? Das konnte nicht sein.

„Wir hatten eine geheime Funkstelle in der Nähe von Dublin. Irgendwie, nun, die Briten müssen davon erfahren haben. Die … ja, in den Dingen des Krieges, Kolbe …“

„Was ist passiert?“

„Die Funkstelle wurde gestürmt.“

„Walter?“

„Herr Braunwein war dort, ja. Einer der Männer konnte entkommen. Er hat vor drei Tagen Kontakt zu uns aufnehmen können.“ Von Günther sah seine Hände an.

„Walter ist in Gefangenschaft geraten?“

„Nein, Herr Kolbe.“

„Er … er ist verwundet?“

„Nein.“

Der Bleistift knackte, dünne Splitter von Holz und Lackauftrag spritzten über den Schreibtisch. Um Fritz’ Hals zog sich eine Schlinge, grobes Seil würgte ihn.

„Es tut mir sehr leid, Herr Kolbe.“

Fritz nahm Mantel und Hut vom Haken an der Tür und ging. Hinter sich hörte er etwas poltern.

„Kolbe! Kolbe!“ Von Günthers Stimme herrschte seinen Rücken an. „So nicht! Nehmen Sie gefälligst Haltung an, Mann. Andere verlieren auch Kameraden. Wir sind im Krieg. Kolbe! Kolbe!“

Er erinnerte sich später nicht, wie lange und wohin er durch den brüchigen Stadtkrüppel geirrt war, wie viele blasse Hungergesichter er gesehen und über welche Geröllhaufen unter Hausfassaden er gestiegen war.

Er war es gewesen. Er hatte Dulles den Vermerk über die geheime Funkstation in Dublin gegeben. Ein kleiner Vermerk, einer von Hunderten, wie nebenbei weitergereicht in einem geheimen Büro in der Herrengasse zu Bern. Fritz hatte das getan. Er hätte es wissen müssen. Irland. Walters Traum. Sein Freund Walter Braunwein mit dem zerzausten Haar. Horrido. Käthe. Horst. Er stand vor einem Haus, an dem ein Schild angenagelt war „Betreten verboten. Einsturzgefahr.“ Er kletterte durch die Krallen der gebrochenen Tür, stützte sich an rußigen Wänden ab und stieg eine geländerlose Treppe hinauf, es knirschte unter seinen Schuhen. Er ging bis in die oberste Etage, die unter kaltem, grauem Himmel verweste und setzte sich auf einen Holzstuhl neben einem zusammengesunkenen Ofen. Er sah hinaus in dieses Monstrum von vergewaltigter Stadt, steinerne Stalagmiten, bizarr, eine endlose apokalyptische Wüste. Der Wind zerrte an seiner Hutkrempe. Fritz hatte Walter umgebracht. Käthe würde ihren Mann nicht mehr in die Arme schließen. Und Horst, ach Horst, wieder ein Junge ohne Vater.

Er nahm den Revolver aus der Jackentasche und legte ihn sich in den Schoß, das Metall war kalt und so dunkel wie der Himmel. Walter! Der Name stand, er war mit schwarzem Ruß an die zerstörten Wände geschrieben, der Name umfasste alles und Fritz war ein kleiner Mann in dunklem Mantel in einem unzulänglichen Haus, das tränennasse Gesicht im Wind. Klare Gedanken gab es nicht. Es gab klare Gedanken: Er hatte ihn verraten. Fritz Kolbe, der Spion, der Mann, der den Krieg verkürzen wollte. Es war ganz einfach, es war ganz klar. Klare Gedanken gab es nicht. Doch! Bitte nicht. Lieber nicht. Doch. Doch, doch. Die Wolfsschanze wurde nicht bombardiert. Aber die Briten schickten eines ihrer Spezialkommandos nach Dublin. Diese Männer waren blitzschnell. Sie waren dort, weil Fritz es ihnen gesagt hatte. Dulles hatte wahrscheinlich mit diesem Wooldrige, oder wie immer der hieß, geredet – gut geölte Stiefel, Schnellfeuerwaffen, geschwärzte Gesichter in der Nacht, Walter blickte auf, als er den Krach hörte, er sah Mündungsblitze, Kugeln durchdrangen den weichen Körper des Freundes, gingen da einfach hindurch, ins Gesicht vielleicht gar, in den Bauch, vorne rein, hinten wieder raus, wenn kein Knochen im Weg war. Es war aus. Es war vorbei. Katrin. Sie drehte Fritz den Rücken zu, am Hafen in Kapstadt. Er schrie nach ihr, aber sie wandte sich nicht um, auf ihrem schmalen Rücken glänzte der Vorhang ihres schwarzen Haars. Es gab keinen Fritz Kolbe mehr. Keinen George Wood. Keinen Walter Braunwein, der mit ihm wanderte oder im Meer vor Kapstadt um die Wette schwamm. Alles aus. Er wischte sich über die Augen, krümmte sich.

Was war Walters letzter Gedanke gewesen? Käthe? Horst? Bevor es dunkel wurde. Fritz sackte auf dem knirschenden Stuhl zusammen, er rollte sich ein wie ein Embryo, wollte einer Assel gleich in den Riss im Boden kriechen, kalten Stein um ihn. Hier endete es also. Fritz stampfte auf dem körnigen Boden. Das Haus blieb stehen.

Er starrte die Tür zu seiner Wohnung an, der Lack wurde immer brüchiger. Fritz drehte den Schlüssel im Schloss. Durch den Flur sah er Marlene in der Küche sitzen. Er schaffte es nicht, über die Schwelle zu treten und Marlene ins Gesicht zu sagen, was er getan hatte. Sie kam auf ihn zu, im gelben Licht der Küchenlampe leuchteten die Seiten ihrer Silhouette und auf ihrem dicken Haar lag Glanz. Sie ging an ihm vorbei und schloss die Tür. Marlene kreuzte die Hände auf dem Rücken und lehnte sich an die Wand.

„Was ist passiert?“, fragte sie. In Fritz war Ablehnung, er spürte, dass er wie spastisch den Kopf schüttelte. Marlene ging in die Küche und Fritz sah sie aus den Augenwinkeln hantieren, dann kam sie wieder und hielt ihm ein Glas hin. Cognac, sagte sie, habe er doch von Günther geklaut. Sie tranken, lehnten sich gegenüber an den Wänden und Fritz hielt ihrem Blick nicht stand.

„Fritz?“

„Ich war es“, sagte er. Sie schwieg. Irgendwann, Sekunden später oder Stunden später oder in einer anderen Zeit, sagte sie, sie habe etwas zu essen gemacht.

Sie hatte ihm etwas zu essen gemacht.

Tränen schwemmten ihm in die Augen.

„Fritz, was ist denn passiert?“

Hand in Hand gingen sie in die Küche und setzten sich an den Tisch. Eine „Streng Geheim“-Akte aus dem Amt lag neben einem Teller mit einem Wurstbrot. Fritz starrte den Reichsadler und das Hakenkreuz an und wischte die Akte vom Tisch. Sie blieb vor Marlenes Füßen in den groben Strümpfen liegen.

„Ich wollte das Richtige tun“, sagte er.

„Bitte, sag es mir. Sag mir, was geschehen ist. Lass mich nicht alleine. Ganz gleich, was es ist. Sag es mir.“

Fritz holte das Safarifoto aus der Bilderkiste, hielt es Marlene hin und tippte auf das tote Gesicht Walter Braunweins.

„Ich habe die Information an Dulles weitergegeben. Ich.“

Sie sagte nichts. Vielleicht wusste sie nicht, was sie sagen sollte, vielleicht hatte sie Angst, das Falsche zu sagen und ihn zu verletzen oder wütend zu machen oder es gab nichts zu sagen, auch das konnte sein. Sie trat ganz dicht zu ihm und drückte seinen Kopf an ihre Brüste. Er krallte die Finger in ihren Rücken. Dann heulte er. Er heulte alles in ihren Bauch hinein, jedes Heil Hitler, jedes Jawohl, den Hass, die Selbstverachtung und den Tod Walter Braunweins.

Käthe erschoss sich zwei Tage, nachdem sie vom Schicksal ihres Mannes erfahren hatte.

Im Amt brachte er die Akten jetzt immer zum frühestmöglichen Zeitpunkt hinab in den Keller, ließ von dem Mann am Metalltisch abzeichnen und sah zu, wie die Flammen in den Feuerkörben die Informationen für den OSS gelb und orange und am Rand der Papiere blau auffraßen. Vielleicht ging man in Bern davon aus, dass er tot war, vielleicht rechnete Dulles damit, dass er sie unter Folter verraten hatte und traf bereits Gegenmaßnahmen. Fritz beschloss, ihm eine Nachricht zukommen zu lassen. In einer Schreibtischschublade im Amt bewahrte er Postkarten auf, Berlin-Motive, Unter den Linden im Sonnenschein, Menschen mit Hüten, Frauen mit Blumen im Arm, glänzende Autos. Er spannte die Karte in die Maschine und tippte eine codierte Nachricht auf den Rand, dann steckte er sie in die Innentasche. Zu Hause schrieb er an seine imaginäre Bekannte in Bern, dass er sich nicht mehr bei ihr melden würde. Er habe nur diese alte Karte gefunden, auf der wohl jemand versucht habe, das Maschinenschreiben zu lernen. Marlene nahm ihm die Karte aus der Hand. Sie zerriss sie in der Mitte, zerriss die beiden Teile, riss immer weiter, bis daumennagelgroße Schnipsel zu Boden fielen.

Er ging ins Schlafzimmer und schlug die Tür hinter sich zu. Wie konnte sie das tun? Was bildete Marlene sich ein? Er starrte auf das Bett, in dem er mit ihr Nacht für Nacht schlief. Er hörte etwas auf dem Boden, ein sachtes Schleifen. Der Lichtschlitz unter der Tür war in der Mitte unterbrochen. Fritz ertastete die ihm so vertraute trockene Pappe. Es war die Akte, die er vom Tisch geschoben hatte. Er hob sie auf, er öffnete langsam die Tür. Marlene stand vor ihm und hielt einen Bleistift vor sein Gesicht.

„Ich verrate niemanden mehr, Marlene.“

„Hast du nicht.“

Er schmiss die Akte zu Boden und drehte seinen Fuß darauf wie auf einer Zigarettenkippe.

„Dieses Massaker ist nicht aufzuhalten.“

„Dann brauchen Briten und Amerikaner gar nicht weiterzukämpfen?“

„Ist mir gleich.“

„Dir war noch nie etwas gleich.“

Er nahm einen Stuhl, hob ihn hoch über den Kopf und zertrümmerte ihn auf dem Tisch. Holzteile flogen, klockten zu Boden, rollten. Marlene hatte sich schützend die Hände vor das Gesicht gehalten. Das schockierte ihn. Er wollte sie weichkriegen, er wollte unbedingt ihre Zustimmung.

„Er war mein bester Freund.“

„Er hat für die Nazis gearbeitet.“

Der Satz hing steinern in der Küche.

„Walter war kein Nazi.“

„Ich arbeite auch für die Nazis. In der Charité. Du hast mir gesagt, was du tust. Hast es mir gesagt, als ein Mann mit seiner toten Tochter vor uns stand. Und ganz plötzlich – die Welt, sie war ein bisschen gerettet. Sie war ein klein wenig besser.“

„Es ist aus.“

Sie ging ins Schlafzimmer und schloss die Tür. Wie konnte sie in solch einem Moment so hart zu ihm sein? Er sammelte die Bruchstücke des Stuhls auf und legte sie neben den Ofen. Er überlegte, die Akte aufzuschlagen. Noch mehr Vernichtung von Juden? Spione? Geheimwaffen? In den Dramen, die sein Vater sich hatte vorlesen lassen und die er später selbst so gerne gelesen hatte, da konnten die Verfasser immer hin- und herspringen zwischen den – er wusste nicht, wie man das nannte – zwischen den Erzählebenen, den Figuren, die gerade handelten. Da hätte man lesen können, was Dulles jetzt machte oder wie in Washington über den Spion Wood geredet wurde und wer was in Gang setzte in Reaktion auf seine Verrätereien. Aber im Leben gab es diesen Blick nicht, er hatte nur sich selbst, sonst nichts. Immer wenn er daran dachte, irgendwann aufzuschreiben, was er getan hatte – oder es aufschreiben zu lassen – wollte er darauf beharren, alles nur aus einer … Perspektive? Nannten die Fachleute das Perspektive? Schreibperspektive? Wie auch immer – wenn er es schreiben würde, dann musste es menschlich bleiben und das ging nur, wenn es aus einer Perspektive erzählt war. Alles andere war gelogen, war sinngebend zusammengedichtet, war vielleicht kunstvoll, aber falsch. Er hatte Walter und Käthe getötet. Wenn Käthe sich nicht umgebracht hätte – hätte er es ihr dann eines Tages gesagt? Mit unsicheren Fingern zündete er sich eine Zigarette an. Horst. Wenn der unversehrt durch den Krieg kommen mochte – würde Fritz ihm sagen können, was er getan hatte? Ihm in die Augen sehen? Die Freundinnen und Frauen der U-Bootfahrer, die wegen seines Verrats den Mund aufgerissen hatten, wo nur noch Wasser war? Wie würde er denen entgegentreten? Liebende Menschen. Menschliche Herzen. „Und ich, Fritz“, sagte der blutverschmierte Walter Braunwein. Er zeigte auf Fritz’ Brust, kam ihm immer näher. „Und meine Käthe.“ Fritz riss die Hände vor das Gesicht. Tue das Richtige.

Er klopfte an die Schlafzimmertür.

„Marlene? Ich liebe dich. Ich kann nicht mehr.“

„Dann komm zu mir, Fritz. Komm ganz schnell zu mir.“

Er sah sie nicht, hörte nur das Bettzeug rascheln wie einen Schritt über laubbedeckten Waldboden. Er stand im Dunkeln und versuchte, sie im Bett zu erkennen. Eine Haarwelle schimmerte blass, ein Teil ihrer Hüfte. Die dunkle Frauengestalt setzte sich auf, eine Schulter höher als die andere. Er kam sich ganz verloren vor in dieser Welt und er sah keine Besserung. In Italien rückten die Alliierten vor, die Ostfront war nicht mehr zu halten, aber in dem Wahnsinn und Hitlers Mobilisierungswut würde das Töten und Verstümmeln noch lange dauern. Was man aus diesen Vernichtungslagern, in denen Juden zu Tode geschunden wurden, hörte, war nicht zu begreifen. Und er saß hier und hielt eine nackte Frau im Arm, die sich vor wenigen Tagen noch wie ein Kind gefreut hatte, als er ihr eine Birne mitgebracht hatte, ein Stück Obst, grünrot. Die Welt war völlig aus den Fugen geraten. Fritz Kolbe wusste nicht, was er tun sollte. Vielleicht das Schlimmste, das einem Menschen passieren konnte. Es erschien ihm absurd, dass er überhaupt noch lebte, dass er jetzt Marlenes Atem unter ihren glatten Rippen spürte. Fritz rückte aus sich heraus, schwebte davon und kam erst wieder, als Marlene sich aufrichtete und ihn tief in den Mund küsste.

Wenn er nach ihr heimkam, hatte sie den Tisch frei geräumt und einen gespitzten Bleistift bereitgelegt. Er nahm den Stift und legte ihn auf die Fensterbank, Abend für Abend.

„Es gibt keine unschuldigen Menschen, Fritz. Was wird der von dir so verehrte Mister Churchill nach dem Krieg sagen, wenn er die zerbombten Städte sieht? Wenn er erfährt, wie viele Zivilisten durch die Bombenangriffe umgekommen sind? In diesem Land kann man kein richtiges Leben führen.“

Er ärgerte sich über seine Entschlusslosigkeit, über seine Apathie und die Agonie der immer gleichen Kriegstage. Er hasste sich so sehr wie in den ersten Jahren in Hitlers Berlin, damals aber hatte er gespürt, dass etwas in ihm zu brennen begann. Jetzt lähmte ihn der Tod der Braunweins und die Angst vor dem Blick von Günthers. Er war geschlagen. Er wusste, dass man sich nie geschlagen geben durfte, der Gedanke war ganz klar, aber das Herz dachte anders und ebenso stark.

Er konnte nicht schlafen, beim Essen wurde ihm regelmäßig übel, seine Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Von Günther wies ihn manchmal zurecht, er sei nachlässig, so gehe das nicht weiter. Denken Sie an die Männer an der Front, Kolbe, die verlieren auch Freunde. Mann, lassen Sie sich nicht gehen. Reißen Sie sich zusammen!

„Dieser junge Mann aus der Dechiffrierabteilung war übrigens letztens bei mir. Heinz Müller.“

„Eine Nervensäge. Was wollte der denn von Ihnen?“

Von Günther antwortete nicht.

„Herr Botschafter, dieser Müller ist mir in Südafrika schon unangenehm aufgefallen. Dem mangelt es an Orientierung.“

„Den Eindruck hatte ich nicht, Kolbe.“

„Bei allem Respekt, Herr Botschafter, Müller und ich, wir sind uns in Kapstadt ab und zu in die Quere gekommen. Der Junge ist vorlaut und maßt sich Dinge an, die ihm nicht zustehen.“

„Lassen Sie das, Kolbe. Ich bin durchaus in der Lage, das selbst zu beurteilen. Es passt mir überhaupt nicht, wie sehr Sie durch den Tod Braunweins aus der Bahn geworfen werden. Ich sage es zum letzten Mal: Reißen Sie sich zusammen.“ Er klopfte mit dem Zeigefinger auf Fritz’ Schreibtisch.

„Hören Sie, Kolbe, Sie haben doch jetzt diese durchaus attraktive Frau an Ihrer Seite. Toben Sie sich aus. Sie wissen, was ich meine, ja? Sie müssen mich verstehen. Es ist nicht so, dass ich nicht wüsste, wie schlimm es ist, einen Freund zu verlieren. Und wenn sich dann auch noch dessen Frau umbringt, nun, ich habe davon gehört. Furchtbar. Ich zähle nicht zu den Nationalsozialisten, die es sich jetzt erlauben, abfällig über diese arme Frau zu reden. So etwas tue ich nicht, Kolbe, und Sie wissen das. Walter Braunwein ist für Führer, Volk und Vaterland gestorben. Seine Gattin auch. So sehe ich das.“

Ich erschieß dich, dachte Fritz.

„Jawohl, Herr Botschafter“, sagte er.

„Dieser Müller sagt, dass Sie während Ihrer Reise von Afrika ins Reich nicht als überzeugter Nationalsozialist aufgetreten seien.“

„Vollkommener Blödsinn. Bei allem Respekt, Herr Botschafter. Wer hat denn den gesamten Umzug des Konsulats aus Kapstadt so präzise geplant und durchführen lassen? Müller? Nein. Ich war das. Tipptopp. Schicken Sie Müller an die Front, Herr Botschafter.“

„Müller bleibt UK. Der ist zu dünn für den Krieg, ja.“ Von Günther lachte. „Sie nicht, Kolbe. Man sagt, Sie beherrschen ein wenig die Kunst des Boxens?“

Wie gerne er jetzt eine Männerantwort gegeben hätte, gesagt hätte „Leg dich nicht mit mir an“ oder „Na, versuch’s mal“, stattdessen schwieg er.

Von Günther winkte ab und rieb sich das breite Kinn. „Sie wissen, dass wir gerade im Osten hart sein müssen. Ich erkläre Ihnen gerne noch einmal, dass das mit der Größe zusammenhängt. Es geht letztendlich um die Verknüpfung von Abstrakt und Konkret in Bezug auf – na?“ Er zeigte auf Fritz und lächelte. „Na?“

„Größe, Herr Botschafter.“ Fritz atmete tief durch, er musste den Würgereiz unterdrücken. Unter dem Tisch presste er einen Fuß auf den anderen.

„Die Teilhabe an Größe.“ Von Günther nickte und schürzte die Lippen. „Von einigen Offizieren der Ostfront ist doch tatsächlich noch einmal ein gewisses Bedenken angemeldet worden, was den Umgang mit Juden und Partisanen betrifft. Es ist nicht nur so, dass private Briefe von Offizieren und Landsern abgefangen und zensiert werden – es gibt auch immer noch die ein oder andere Stimme, die es wagt, Kritik zu äußern. Ribbensnob hat ein Schreiben aufsetzen lassen, das erneut das volle Einverständnis des Außenministeriums zu den Maßnahmen in Russland ausdrückt. Er möchte, dass gerade unser Referat, als Bindeglied zwischen Wehrmacht und Amt, eine weitere Bestätigung schickt. Ich habe das Schreiben selbst formuliert. So, und nun stellen Sie sich vor, ja, ich wäre, wie so oft, auf Dienstreise. Setzen Sie also ein ‚im Auftrag‘ davor und unterschreiben Sie mit Fritz Kolbe.“

Von Günther zog das Papier aus der Innentasche seines Jacketts, faltete es auseinander und legte es vor Fritz auf den Tisch.

„Geben Sie mir diese Unterschrift, Kolbe.“

„Dazu bin ich doch gar nicht befugt.“

„Ach, Kolbe, das geht schon.“ Von Günther schraubte seinen Füllfederhalter auf, legte die schwarz glänzende Kappe auf den Tisch und reichte Fritz den Federhalter.

„Gegen die kleinen Zuckungen in meinem Vertrauen, Herr Kolbe. Geben Sie mir Ihren Namen unter dieses Dokument. Sie sind ein unbedeutender Beamter, es wird Sie nichts kosten, niemand achtet auf diese Unterschrift. Außerdem, mein guter Kolbe, haben Sie eine solche Sauklaue, dass eh niemand Ihren Namen entziffern könnte, ja.“

„Herr Botschafter, es steht mir nicht zu …“

„Einwände, Kolbe?“, unterbrach von Günther. „Einwände gegen Führererlasse?“

„Nein. Nein, es ist nur …“

„Sie stimmen mir doch zu, dass der Lebensraum im Osten mit aller Größe von Gewalt erobert und für das deutsche Volk bereinigt werden muss? Des Weiteren stimmen Sie mir zu, dass es dazu besonderer Maßnahmen bedarf, die sich zum Teil darin ausdrücken, ja, dass hart durchgegriffen wird. Oder sehen Sie das anders?“

Von Günther schob den Federhalter näher an Fritz’ Hände.

„Nun?“

Fritz zündete sich eine Zigarette an. Er wusste, zögerte er jetzt zu lange, würde von Günther ihn anbrüllen und ihm einen Befehl erteilen – und er würde sich damit durchsetzen. In der letzten, widerlichen Freiwilligkeit lag ein Rest Freiheit. Fritz nahm den Federhalter und unterschrieb. Er versuchte, seine Schrift zu verstellen, aber es gelang nicht. Von Günther klopfte ihm auf die Schulter.

„Ich bekomme gleich Besuch, Kolbe. Von einer Dame. Sie ist eine Bekannte, hat ein paar Probleme. Wie dem auch sei, Sie bewahren Stillschweigen, Kolbe.“ Er hielt das Papier mit Fritz’ Unterschrift in die Höhe.

„Verraten Sie einer Frau ein Geheimnis und morgen steht es in der Zeitung“, sagte von Günther. An der Tür zu seinem Büro drehte er sich noch einmal um.

„Wir sollten ab und zu mal über Privates reden, Kolbe, ja. Man kennt sich kaum, obwohl man sich jeden Tag sieht.“ Von Günther lachte.

„Kolbe, Mensch, schauen Sie nicht so pikiert drein. Nehmen Sie sich diese Frau. Nehmen Sie sie. Und das hier … “ Er hielt das Blatt wieder in die Luft, wedelte damit und es leuchtete weiß. „Das hier, pah.“

Die Braunweins waren tot, der musikverliebte Kollege Havermann war tot. Außer Marlene hatte Fritz kaum noch jemanden, mit dem er reden konnte. War Marlene bei ihm, versuchte Fritz, über schöne Dinge zu reden, über Bücher oder Filme oder Erlebnisse in der Natur. Er erzählte Marlene von den langen Gesprächen, die er mit Konsul Biermann in Madrid geführt hatte.

„Wegen diesem Biermann bist du nach Berlin zurück, oder?“, fragte Marlene.

Fritz bejahte. Er erinnerte sich sehr genau daran, wie Biermann ihn am Telefon angeschrien hatte. Marlene hatte viele Kolleginnen in der Charité, sie war ein offener Mensch und versuchte in all dem Elend und Chaos immer mal ein paar Minuten zu rauben, um mit einer Krankenschwester auf einem Schemel oder im Hof an die Wand gelehnt eine Zigarette zu rauchen. Alle zwei Wochen besuchte sie ihre Freundin Gisela, die ihr viel über ihre erotischen Erlebnisse berichtete, was Marlene ungefiltert an Fritz weitergab. Als Fritz sie fragte, ob Gisela das recht sei, sagte Marlene, das mache der nun ganz und gar nichts aus. Fritz hingegen galt im Amt als Eigenbrötler, höflich zwar immer, aber abgeschottet. Es war ihm recht.

Dann solle er doch auf seinem alten Fahrrad mal zu diesen Biermanns radeln, schlug Marlene vor, mal reden, mit wem anderen, einfach ein wenig plaudern. Das würde ihm bestimmt gut tun.

Frau Biermann bat ihn, Platz zu nehmen. Die beiden wohnten in einer Vierzimmerwohnung in Charlottenburg, eines der Zimmer hatten sie einer ausgebombten Frau mit ihrer Tochter zur Verfügung gestellt. Es roch nach Kaffee und Fritz sah die Buchrücken in dem wandfüllenden Regal an. Dass es so etwas noch gab. Eine Privatbibliothek. Als Konsul Biermann ins Zimmer trat, begrüßte Fritz ihn mit einem innigen Handschlag, der aus der afrikanischen Vergangenheit kam.

„Sie sehen schrecklich aus, Herr Kolbe.“ Der alte Mann ließ sich in einen Sessel sinken. „Schön dass Sie uns besuchen kommen.“

„Ruhig ist es um uns geworden“, sagte Frau Biermann. Fritz nahm ihr das Tablett mit den Kaffeetassen und der Kanne ab, die Frau lehnte ihren Stock ans Sofa und setzte sich.

„Sind Sie so nett“, fragte Frau Biermann und wies auf das Tablett. Fritz goss Kaffee ein und reichte den beiden die Tassen. Von der Straße unten war nichts zu hören, der Verkehr in Berlin war erlahmt. Fritz fühlte sich in der Wohnung ein wenig wie in der Schweiz – ein scheinbar neutrales Terrain. Es tat ihm gut, hier zu sitzen und eine Tasse Kaffee zu trinken und in diese vertrauten, alten Gesichter zu sehen. Die Bande zwischen diesen beiden Menschen waren andere als bei Dulles, Priest und Stone, aber sie waren ebenso fest, allerdings aus Liebe statt Professionalität. Bis zum Ende würden Biermann und seine Frau beieinander sein, so wie man es einst über Paare auf der Titanic gehört hatte.

„Es war jemand hier“, sagte Biermann. „Ein Oberst. Er machte Andeutungen, fragte nach meinen Verbindungen ins Auswärtige Amt. Verrat. Ein Putsch. Gegen dieses Scheusal. Wir sind zu alt für so etwas. Außerdem muss ich an meine Frau denken.“

„Herr Biermann, bitte, Sie müssen sich nicht rechtfertigen.“

„Wann, Herr Kolbe, soll man sich rechtfertigen, wenn nicht in solchen Zeiten?“, fragte Frau Biermann. Ihre dünne Hand umgriff den Knauf des Stockes.

„Worte, Herr Kolbe“, sagte Biermann. „Wohin haben uns all unsere diplomatischen Unternehmungen geführt? All die Worte, all das Reden? Gut, wir waren zehntausend Kilometer entfernt, aber Diplomatie, die große Geschichte der Diplomatie ist das exakte Gegenteil von dem, was hier passiert. Wir sind auf ganzer Linie gescheitert. Es ist doch absurd, Herr Kolbe: Wofür gibt es ein Auswärtiges Amt in diesem Deutschland? Wofür? 1933 hätten wir den Dienst quittieren müssen.“

Ja, hätten wir, dachte Fritz. Weshalb saß er hier? Er wollte gar nicht höflich sein. Er wollte Biermann sagen, dass er von ihm enttäuscht war und der Konsul keines seiner afrikanischen Versprechen hatte halten können. Aber gab es nicht schon genug gottverdammte Scheiße um ihn herum?

„Schön mit den Büchern“, sagte er.

Eine Zeit lang sagte niemand etwas.

Der Konsul pochte mit kraftloser Faust auf die Sessellehne.

„1933 hätten wir es tun müssen“, sagte er.

„Haben wir aber nicht, Herr Konsul.“ Biermann sah aus dem Fenster.

„Und wenn man etwas tut“, sagte Fritz, „und dadurch Menschen zu Schaden kommen?“

Die Wanduhr tickte, Frau Biermann starrte gedankenverloren auf ihre Tasse.

„Es sind die alten Geschichten, Herr Kolbe“, sagte sie. „Man lädt Schuld auf sich.“

„Walter und Käthe Braunwein sind tot.“

„Oh. Oh, das tut mir sehr leid“, sagte der alte Mann.

„Das war diese wunderschöne Frau, nicht wahr?“, fragte Frau Biermann.

„Sie hat sich erschossen, nachdem sie vom Tod ihres Mannes erfahren hat.“

„Wenn du gehen würdest, ich würde dir auch folgen“, sagte der Konsul.

Die beiden alten Leute sahen sich an. Fritz wusste, dass sie die Stadt nicht verlassen würden.

„Nun“, sagte Biermann, „es tut mir persönlich leid, Sie überredet zu haben, mit zurück in dieses Land hier zu kommen. Das war einer der größten Fehler meines Lebens. Aber ich hoffe, Sie können mir verzeihen. Und ich hoffe inständig, Sie überleben diesen ganzen Wahnsinn hier.“

„Vielleicht hat es etwas Gutes, dass ich hier bin. Gutes – und Schlechtes.“

„Gut und Schlecht, es ist die …“

„Keine Philosophie jetzt“, sagte Fritz. Er hörte Frau Biermann scharf einatmen.

Aber Musik, lenkte Biermann ein. Er habe eine wunderbare alte Aufnahme von Beethoven hier. Musik könne nie schaden, sagte Frau Biermann. Sie kurbelte das Koffergrammophon an, ließ eine Platte aus der Papierhülle gleiten und legte sie auf. Sie ließ den Tonarm sinken, wusste genau, in welcher Plattenrille der Chor einsetzte.

„Freude schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium, wir betreten feuertrunken, Himmlische, dein Heiligtum, deine Zauber binden wieder, was die Mode streng geteilt, alle Menschen werden Brüder, wo dein sanfter Flügel weilt.“ Fritz begann zu summen, Biermann stimmte ein, danach seine Gattin. Sie sangen gemeinsam, schlecht und brüchig, aber das war gleich. Sie sangen und Fritz liefen Tränen die Wangen hinab.

„Es ist gut, Herr Kolbe“, sagte Frau Biermann. „Es ist schon gut.“

„Haben Sie je wieder von Katrin gehört?“, fragte der Konsul. Fritz wischte sich über die Augen und schüttelte den Kopf. „Ich verleugne sie.“

„Nein“, sagte Frau Biermann. „Sie halten das Mädchen aus allem heraus. Das ist gut, Herr Kolbe. Machen Sie sich keine Vorwürfe.“

Später brachte der alte Konsul Fritz zur Tür. Biermann fiel das Laufen schwer, Knie und Hüften waren steif, sein Bart war lang geworden. Im Flur hingen goldgerahmte Landschaftsbilder, Wälder rauschten, Bäche sprangen. Die Natur sei doch immer ein Trost, sagte er, Fritz sehe das, wie er wisse, ebenso. Hinter Biermanns Kopf sonnte sich ein Gebirge, die Schneekuppen so weiß wie das Haar des Konsuls. Erst jetzt wurde Fritz klar, dass er sich keinesfalls sicher sein konnte, ob Biermann seinen Verrat, seinen wirklichen, echten Verrat gutheißen würde. Es konnte sein, dass dieses Wort im Denken des alten Mannes nicht vorkam.

„Ist es sehr schlimm, Herr Kolbe?“

„Ja.“

„Man muss die Stellung halten. Man kann sich nach innen zurückziehen, das muss man vielleicht sogar in solchen Zeiten. Aber es gibt keine Alternative. Stellung halten, versuchen, sich durchzusetzen. Machen Sie keinen Unsinn. Verrennen Sie sich nicht. Ich weiß nicht, was Ihre Andeutungen gerade mir sagen sollten. Ich will das auch nicht wissen. Bleiben Sie auf dem Posten und strecken Sie die Hand aus, wenn das alles vorbei ist. Seien Sie dann voll und ganz da. Dann verstehen Sie. Wenn Sie jetzt das Falsche tun – die Folgen sind unabsehbar. Außerdem findet dann eine Verwerfung des Charakters statt, die irreparabel ist. Leben Sie wohl, Herr Kolbe.“ Im Händedruck lag ein Erkennen, eine Vermutung. „Und kommen Sie bitte nicht mehr hierher.“

„Was soll ich auch bei Ihnen?“

Der alte Mann zuckte zurück. Sein Hinterkopf berührte das Landschaftsbild.

Unten auf der Straße klammerte Fritz sich an sein Fahrrad. Biermann hatte es gemerkt, der alte Konsul hatte ihn durchschaut und sich von ihm abgewendet. Nicht auszuhalten, es war nicht mehr zu ertragen – es war nie zu ertragen gewesen, aber jetzt ging es gar nicht mehr.

Der britische Geheimdienst war gut, sagt Fritz, vielleicht ist dieser Sender in Dublin gar nicht aufgrund meiner Informationen gefunden worden. Vielleicht hatten die Leute vom MI5 und MI6 selbst eine Spur nach Irland aufgenommen, den Funkverkehr mit einem U-Boot abgehört, was weiß ich.

Fritz hat noch mehr Fotos aus den Kisten geholt. Mit kleinen Nägeln hat er sie an den gekalkten Balken befestigt. Das Bild von ihm und Walter während der Safari in Südwest, ein Foto des Autos, in dem Marlene und er saßen, bevor es zu dem Anschlag auf sie kam, ein Bild der qualmenden Überreste der Leuna-Werke in Berlin, schwarze Hallengerippe, riesige, stählerne Drehbänke, von der Wucht der Explosionen verbogen wie Tentakeln.

Die Koordinaten habe ich den Amerikanern übermittelt, sagt er. Direkt nach dem Angriff – ich konnte das Feuer sehen, als ich aus dem Luftschutzbunker kam – überlegte ich, hinzufahren. Ich habe es nicht getan.

Veronika Hügel sieht Wegner an, Wegner macht eine Notiz und murmelt, er verstehe.

Sie sind für längere Zeit nicht mit dem OSS in Kontakt getreten?

Ich hatte die Schnauze so voll, Herrgott. Können Sie sich vorstellen, unter welchem Druck ich stand? Und dadurch, dass ich Marlene eingeweiht hatte, wurde alles noch schlimmer.

Ihm schlägt das Herz, er massiert sich die Stirn, als könne er aufhalten, was in seinem Kopf ist. Er ist erschöpft, fühlt sich leer und ausgelaugt. Die Wucht der Vergangenheit ist groß.

Die Angriffe auf Berlin wurden immer schlimmer, die ersten Flüchtlinge aus dem Osten strömten in die Stadt, bei Marlene in der Charité war endgültig die Hölle los.

Aber wo ist sie denn nun?, fragt Veronika Hügel.

Fritz sieht an ihr vorbei aus dem Fenster.

Wahrscheinlich geht sie noch mit Eugen Sacher und dessen Frau essen, sagt er.

Die Sonne hat den Zenit überschritten, die Schatten der Berge legen sich dicht an den Hängen langsam ins Tal, machen einige Haine blau, den Bach an den bergnahen Windungen dunkel. Sechs Jahre Krieg, denkt er, sechs Jahre ein Doppelleben. Er hat nie wieder aufgehört zu lügen. Die Lügen, die Parallelwelten sind ihm so zu eigen geworden, dass er sich immer wieder verirrt. Manchmal ist ihm, als leide er an Amnesie und müsse über die Fotos und Notizen, über den geklebten Globus und die an den Falzen gerissenen Stadtpläne seine Identität wiederfinden. Er wollte es so gerne loswerden, so gerne endlich und wirklich zu Papier gebracht haben. Der Gedanke ist noch ebenso groß wie damals, als er und Marlene aufschraken, weil so heftig an die Tür gehämmert wurde und Marlene das Schlimmste von ihm verlangte. Es war Marlene, sagt Fritz. Um ihretwillen habe ich weitergemacht.

Fakt ist, die Amerikaner schickten jemanden, der mit Ihnen redete, sagt Wegner.

Vielleicht hätte der nicht kommen sollen, sagt Fritz.

Bleiben Sie einfach bei den Fakten, sagt Wegner.

Sie begreifen es wirklich nicht, oder?

Oh doch, Herr Kolbe, ich begreife sehr wohl. Aber Fakten gibt es. Punkt. Es gab Hitler, es gab Berge von vergasten und verhungerten Menschen, ob uns das passt oder nicht. Das sind Fakten. Und damit Sie es wissen, mir ist sehr wohl klar, dass in jedem dieser toten Menschen mal ein Herz schlug. Aber wir müssen hier weiterkommen. Ich schreibe einen Artikel über den vielleicht wichtigsten Anti-Nazi-Spion des Zweiten Weltkriegs. Also, die Leute vom OSS haben tatsächlich jemanden nach Berlin geschickt?

Fritz zieht das Foto von Eugen Sacher aus einem Stapel. Grauer Anzug, weißes Hemd, wie immer lächelnd.

Die hatten keine Scheu, den Mann dieser Gefahr auszusetzen. Damals hat er Marlene kennengelernt. Und mich.

Wie meinen Sie das – und mich?, fragt Veronika Hügel.

Es ist, als rede ich hier die ganze Zeit über jemanden, den ich nicht kenne. Über jemanden, der ich nie sein wollte. Das ist nicht Fritz Kolbe, und es ist auch nicht George Wood. Ich weiß nicht, wie verrückt man sein muss, um mit dieser Situation klarkommen zu können. Ich war vollkommen am Ende. Sie wissen, dass Eugen Sacher mich unbedingt zu einem Psychiater schicken wollte? Nein? Na, dann wissen Sie es jetzt. Eine Zeit lang versuchten Fritz und Marlene, die verdunkelte Wohnung zu einem kriegsfreien Raum zu machen. Sie nahmen sich vor, hier, wenn sie beieinander waren, nicht mehr über all die Schrecken und den Tod und die Vernichtung zu reden.

Marlene hatte es sich zum Ritual gemacht, ihren Ehering in die Besteckschublade klimpern zu lassen, wenn sie in Fritz’ Wohnung kam. Öffnete er ihr die Tür, ging sie wortlos an ihm vorbei in die Küche, spreizte den Ringfinger ab, zog am Gold und lief Fritz in die Umarmung, nachdem der Ring zwischen Gabeln und Messern verschwunden war.

Wenn sie Zeit hatten, gingen sie durch die Trümmer spazieren. Die Plätze ihrer Liebe waren zerrissene Geländer zur Spree, in der unaufhörlich angesengte Hölzer dümpelten, unerklärliche Reste von Lastkähnen, es waren Geröllberge, in deren Flanken ihre Füße einsanken und von denen aus sie über die geborstene Stadt schauten, ihr Hand-in-Hand-Gehen führte sie durch Straßen, die nur noch pfadbreit waren und auf Brachen, auf denen einst Häuser gestanden hatten, die von einer apokalyptischen Wucht hinweggeschleudert worden waren.

Marlene redete oft wochenlang nicht von seiner Untätigkeit in der Spionage, sie ließ ihn in Ruhe, um dann völlig unerwartet mitten im Gespräch eine Andeutung zu machen. Wie viel hatte ihre Liebe zu ihm damit zu tun, dass er für die Leute vom OSS gearbeitet hatte? Machte das nicht den immensen Unterschied aus zwischen ihm und dem Mann, mit dem sie verheiratet war? Jedes Mal, wenn er Akten zur Vernichtung brachte, brannte ihm der Magen, als sprängen die Flammen aus dem Korb in ihn hinein. Was hätte Dulles anfangen können, mit dem Material, das er jetzt vernichtete? Er sah immer wieder von Günther bei ihm am Schreibtisch sitzen und sagen, Walter Braunwein sei tot. Statt sofort zu Käthe zu rennen, hatte er sich vom Leid einfangen lassen, sagte sich, morgen, morgen gehe ich zu ihr. Aber morgen war zu spät gewesen, morgen war Käthe tot, das Rohrloch eines Schusses quer durch alle Erinnerungen.

Nach einem ihrer Traumspaziergänge stand Marlene mit einer Tasse Tee in der Hand in der Küche vor ihm und fragte nach Geheimakten.

„Ich wollte das Richtige tun, Marlene.“ Er ballte die Fäuste auf Augenhöhe. „Was ist das? Das Richtige? Marlene? Was?“

Sie stellte einen Stuhl vor den Küchenschrank, kletterte hinauf und er eilte zu ihr, sie in den Hüften zu stützen. Sie griff auf den Schrank, tastete und reichte ihm ein vergilbtes, an den kurzen Rändern eingerolltes Blatt hinab. Marlene sah von oben auf ihn hinab, ihre breiten Kieferknochen und ihre Nase sahen aus dieser Perspektive außergewöhnlich attraktiv aus, fast ein bisschen arrogant.

„Ein deutscher Spion in Südengland, Codename Brandt. Hast du in deiner Wahnsinnshandschrift zusammengefasst.“

Sie griff wieder auf den Schrank.

„Ein Bericht von General Gehlen, von dir in knappe Notizen umgewandelt. Nimm!“

Er hielt die Blätter in der linken, die rechte Hand ruhte auf Marlenes Hüfte. Sie solle da runterkommen, brummte er.

„Komm du wieder rauf“, sagte sie. „Mein Sohn ist tot. Mein Junge, Fritz. Ich belüge den Mann, der mich heiraten durfte. Du hast dich mir anvertraut. Unser Leben hängt an einem seidenen Faden. Alles umsonst? Alles, damit du jetzt aufhörst? Man kann nicht aufhören, Fritz. Nicht mit so etwas. Das – das wäre Verrat. Wirklicher, echter Verrat.“

Jemand klopfte an die Tür. Fritz starrte durch den dunklen Flur und reichte Marlene die Papiere. Das Klopfen war sachte, es war freundlich. Seltsam, was man alles hören konnte.

„Wer ist da?“

„Ein alter Freund.“

Fritz erkannte die Stimme sofort. Eugen Sacher. Sie umarmten sich, Sacher roch nach Rasierwasser und Sauberkeit, nicht nach Krieg und Entbehrung. Fritz zog ihn in die Wohnung. Er konnte es kaum fassen, mitten im immer flacher und hohler werdenden Berlin einen Freund bei sich zu haben. „Nette Wohnung“, sagte Sacher.

Als er Marlene an den Küchenschrank gelehnt erblickte, verneigte er sich und gab ihr einen Handkuss. Seine große Hakennase berührte ihr Handgelenk. Fritz stellte die beiden einander vor. Sacher sagte, er habe Schokolade mitgebracht, Marlene seufzte wohlig. Fritz holte eine Flasche Moselwein aus dem Schrank. „Im Alkoholklauen ist Fritz mittlerweile richtig gut“, sagte Marlene. Sie polierte drei Wassergläser, hielt sie gegen das Apfelsaftlicht der Lampe und verteilte sie. Sie sagte, Sacher möge doch bitte einfach nur aus Bern erzählen, aus einer Stadt, auf die keine Bomben fielen. Bitte, bitte, sagte sie, Sacher solle sie mitnehmen auf einen kleinen Stadtbummel. Sie stießen an und Eugen Sacher erzählte. Marlene schloss die Augen und Fritz sah ihre Nase energisch werden, wenn sie bei der Schilderung von Schaufenstern voller Wurst und Käse tief einatmete.

Als Sacher fragte, warum Fritz den Kontakt nach Bern abgebrochen habe, stammelte Fritz vom Tod der Braunweins.

Sie schwiegen eine Zeit, hörten in der Nachbarwohnung etwas poltern, als würden Möbel umgestellt.

„Hat dich jemand hierherkommen sehen, Eugen?“

„Nein, ich glaube nicht.“

„Wie können die so was riskieren?“

„Man muss sich für eine Seite entscheiden, befürchte ich“, sagte Sacher.

„Behauptet wer?“, fragte Fritz. Sacher hob abwehrend die Hände und bat um Verzeihung.

„Ich habe mich für eine Seite entschieden“, sagte Fritz. „Nur die hat zwei, mindestens. Leuchtet dir das ein, Eugen?“

„Ja. Ja, ist gut, Fritz.“ Er trank einen Schluck Wein und lächelte Marlene an.

„Sitzt da in der Schweiz.“

„Fritz, bitte“, sagte Marlene. „Das ist ungerecht.“

„Hör zu, Fritz“, sagte Sacher. „Nichts für ungut, alles in Ordnung. Ich verstehe dich ja. Folgendes: Dulles fragt nach Truppenbewegungen Richtung Westen – aus Russland, aus Italien. Umstrukturierungen in Frankreich, Nachschubwege, Küstenbefestigungen, Divisionskommandeure.“

„Die Invasion!“

„Wollen wir es hoffen. Irgendwann muss dieser Wahnsinn ja mal aufhören.“

„Mein Gott“, sagte Fritz. „Eine Landung in Frankreich! Das bricht diesem Schwein das Genick. Endlich.“

„Dulles hat mir natürlich so gut wie nichts erzählt.“

„Im Nichts-Sagen sind die gut, Eugen.“

„Du hältst doch so große Stücke auf Dulles.“

„Die sind erheblich kleiner geworden.“

„Die haben mir einen erstklassig gefälschten schweizerischen Diplomatenpass besorgt. Und die haben mich keineswegs gezwungen. Die haben gefragt. Ich bin mit einer Handelsdelegation hier, Geschäfte. Ich habe nicht viel Zeit. Was soll ich Dulles also sagen?“

Fritz sah Marlene an, ihr Blick war klar und fordernd. Marlene öffnete den Küchenschrank, schob darin einige Dinge hin und her und holte etwas hervor. Sie hatte ihn geklebt. Sie stellte den Globus auf den Tisch.

„Mein Globus! Wieder heil. Du hast sogar Deutschland repariert.“

Sacher fuhr mit den Fingern vorsichtig über die harzigen Klebenarben. „Die Welt ist eh nicht so glatt und rund, wie sie immer dargestellt wird“, sagte er.

„Wie viel Zeit habe ich?“, fragte Fritz.

„Eine Stunde.“

„Gut. Ich gehe ein wenig raus.“

„Sieht schlimm aus da draußen“, sagte Sacher.

Fritz ging.

Er setzte sich auf einen Schutthaufen, das von den Explosionen zermahlene Gestein gab unter seinem Gewicht nach, Staub und Erdteilchen rutschten in seine Schuhe. Einmal fuhr ein LKW vorbei, einmal ein Mann auf einem Fahrrad, hin und wieder ein staubiges Auto. Eine knappe Stunde, sich zu entscheiden. In der Jackentasche spürte er das Gewicht des Revolvers. Er sah die zerstörte Straße in beide Richtungen hinunter über den grauen Schutt, die weggesackten Häuser, einige davon von beiden Seiten zur Straßenmitte gedrückt, als wollten sie ineinander stürzen. Nichts in ihm konnte sich an diesen Anblick und das Grauen gewöhnen.

Er zündete sich eine krumme Zigarette an und blies den Rauch aus. Katrin, was meinst du? Die, die ich töte, Mädchen, das sind nicht alles Nazis, das sind nicht alles Schweine. Ich wollte immer anständig sein. Haltung bewahren. Aber wie mache ich das? In all dem hier. Guck dich hier um, Katrin, sieh dir das an! Das kann alles nicht wahr sein.

Er hörte das schwere Brummen eines Motors, das Aufheulen beim Zwischengas, das erste Grollen im neuen Gang und dann das Rundlaufen der Maschine, ein Militärtransporter rumpelte über die Straße, die grauen Tarnplanen hinabgelassen, matt und lichtschluckend. Fritz zog den Revolver. Peng, sagte er. Von der anderen Straßenseite sah ihn eine Frau an, ihre Tochter an der Hand.

„Gehen Sie weg aus Berlin“, rief Fritz. „Verlassen Sie mit dem Mädchen die Stadt. Noch heute.“ Das Mädchen blickte zu seiner Mutter und sagte etwas, die Frau zog es an seinem dünnen Arm weiter. Die Kleine humpelte, ihr rechtes Bein war steif, bei jedem Schritt zog sie die Schulter hoch. Selbst die Kinder, dachte Fritz. Er steckte den Revolver weg. Wie sollte er mit Marlene leben, wenn er nicht für Allen Dulles spionierte? Wie sollte er mit sich selbst leben? Es war so furchtbar zu formulieren – aber die britischen, amerikanischen, kanadischen, russischen, französischen Soldaten, sie schossen auf die Richtigen, wenn sie auf deutsche Männer schossen. Väter, Söhne, Ehemänner. Kartographen. Walter Braunwein. So schlimm war das. Und so unabänderlich. Fritz schnippte die Zigarette auf die Straße, weiß und rauchend flog sie in ein Schlagloch, er sah sie nicht mehr, nur ein dünner Rauchfaden wellte aus der aufgewühlten Erde. In den Büchern, die er las, gab es immer einschneidende Ereignisse, wenn eine Entscheidung anstand. Hier war er und seine Gedanken, sein Unglück und sein Glück mit Marlene und ein steifbeiniges Mädchen, das kein Glück in der Liebe haben würde, und tote Braunweins. Er schob den Hut in die Stirn und wunderte sich, wie leicht ihm die Entscheidung plötzlich fiel. Ich mach euch fertig, dachte er. Er ging zurück zu seiner Wohnung.

„Sag Dulles, ich liefere wieder. Kein Wort sonst, nichts von dem, was wir hier geredet haben. Kein Wort über die Braunweins. Sag ihm nur, Wood ist wieder da. Ein anderer Wood.“

„Wut?“

„Wood.“

„U oder Doppel-o?“

„Beides.“

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