Kolbe

Andreas Kollender · Kapitel 4 von 17

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Kolbe

2. „Ich komme wieder.“ Kapstadt, Südafrika, Herbst 1939

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„Ich komme wieder.“

Kapstadt, Südafrika, Herbst 1939

Seine Tochter saß auf dem Sofa, als Fritz aus der Nachmittagsschwüle ins Haus kam. Das Fliegengitter klapperte hinter ihm in den Türrahmen und dämpfte das Sonnenlicht. Er hatte das Hausmädchen Ida angerufen und gestottert, er komme heim, er wolle bei Katrin sein, unbedingt. Katrin sah ihn an, das helle Gesicht gerahmt von rabenschwarzem Haar, das ihn immer an frisch aufgetragene Ölfarbe erinnerte. Fritz schaffte es kaum, seine Tochter anzublicken. Er legte seine Aktentasche auf die Kommode, goss sich Whisky ein, bis das Glas schwer und honigfarben war, und setzte sich zu ihr. Der Deckenventilator wischte durch die Luft und vor dem Fenster tippten die Zweige der Bougainvilleen an die Scheibe, wenn ein Windzug vom Meer durch die Straßen wehte und den Garten streifte. Fritz legte den Arm um die kleine Schulter seiner Tochter.

„Was ist denn, Papa?“

Er wusste nicht, wie er es sagen sollte, er wusste auch nicht, was er sagen sollte. Im Konsulat hatten sich Gruppen von Angestellten um die Radios versammelt, standen da mit gebeugtem Rücken, die Sektgläser schon in der Hand. Alle warteten auf die angekündigte Nachricht. Fritz hatte entsetzt sein Büro verschlossen und war zum ersten Mal in seinem Leben vor Feierabend aus dem Konsulat verschwunden. Er hatte niemanden angesehen und sich von niemandem verabschiedet. Mit gesenktem Kopf war er durch die Tür in die Faust der Sonne gelaufen, die Stufen hinunter in das Gewimmel auf den Straßen der hellen Stadt.

„Papa?“

Fritz stellte widerwillig das Radio an. Aus dem Äther rauschte es, als würde eine Raspel über hartes Holz gezogen, er drehte den Knopf und dann erklangen Stimmen aus dem fernen Deutschland. Seine Hand mit dem Glas zitterte. Er sah in Katrins hellblaue Augen. Sie war jetzt seit vierzehn Jahren auf der Welt und immer noch ging er jeden Abend in ihr Zimmer, sah, ob sie gut zugedeckt war, drückte ihr einen Kuss auf die Wange und flüsterte, dass er sie liebe wie niemand anderen. Und jetzt?

„Du bist ein bisschen komisch, Papa.“ Er wusste immer noch nichts zu sagen, er wusste nur, dass alles, wirklich alles anders werden würde. Katrin musste da rausgehalten werden. Aus dem braunen Gitter des Radios quäkte eine Stimme, die von Großdeutschland und dem Führer Adolf Hitler berichtete, trunken vom Rausch großer Ereignisse. Adolf Hitler, unser Führer, dessen Rede an das deutsche Volk gleich übertragen würde. Fritz ging in die Küche und bereitete Katrin eine Limonade zu, die Flasche schlug gegen das Glas – das letzte Mal hatten seine Hände so gezittert, als seine Frau gestorben war und das war viele Jahre her. Katrin war noch ein Baby gewesen, das er an seine Brust gedrückt hatte, eine Hand am Kelch ihres Hinterkopfes.

Er brachte ihr die Limonade, das Glas ganz gelb im Licht der tiefen Sonne.

„Kannst du jetzt mal sagen, was los ist? Papa? Hier bin ich.“

„Jetzt kommt es“, sagte er. Er wies auf das Radio, als wäre das Gerät ein wildes Tier, das zum Sprung ansetzte. Hunderte Menschen jubelten, die Übertragung knisterte, als wolle der gute Weltgeist nicht wahrhaben, was da gleich kommen würde. Aber es kam. Obwohl er es wusste, schlug es auf ihn ein wie ein schwerer Hammer, der den Planeten zertrümmerte. Er konnte es nicht fassen.

„Seit fünf Uhr fünfundvierzig wird jetzt zurückgeschossen!“

Hitlers rollendes „r“, die dicke Nase, der alberne Schnurrbart, die Wutfäuste, ohne die der Mann nicht reden konnte. Fritz spürte seine Gesichtszüge versteinern, etwas Mieses fraß sich in ihn hinein.

„Was heißt das, Papa, zurückgeschossen?“

Er drückte seine Tochter an sich, wollte die Arme um sie schlingen, bis die Welt ihr nichts mehr anhaben konnte.

„Krieg, Liebes. Es ist Krieg. Das Schlimmste. Das Dümmste, das Menschen tun können. Krieg, Katrin. Um Himmels willen.“

„Aber warum denn?“

Er schaltete das Radio aus, wollte den Rest dieses Schwachsinns nicht mehr hören, wollte sich auch nicht dem hysterischen Jubelgeschrei aussetzen.

„Warum ist denn Krieg, Papa?“

Fritz stammelte. „Machthunger, Fanatismus, Größenwahn. Bodenlose Dummheit. Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll.“

„Wir gehen da einfach nicht hin.“

Fritz lachte verzweifelt. Er legte beide Arme um Katrin, spürte ihre Hand auf seiner Schulter. Das Mädchen war so dünn, ihm brach fast das Herz, als er es umarmte.

„Genau, Katrin. Wir gehen da nicht hin. Meine alten Freunde – Tante Hiltrud und Onkel Werner – die leben in Südwest. Ich kenne da Möglichkeiten, ist ja mein Beruf. Es wird nicht einfach, aber wir schaffen das, irgendwie schaffen wir das. Und jetzt“, er griff nach Katrins Hand, „jetzt gehen wir am Meer spazieren. Denn das, Liebes, das kann nie schaden.“

„Deine Spaziergänge sind immer so lang.“

„Vielleicht sehen wir ein paar Pinguine.“

„Aber nicht so lange laufen, ja?“

„Wir drehen um, wenn du es sagst.“

Am nächsten Tag schrillten die Telefone im Konsulat ununterbrochen, eilige Schritte hallten über die Flure und viele Angestellte hatten sich Armbinden mit Hakenkreuzen angelegt. Fritz bearbeitete Ausreiseanträge und Anträge auf Aufgabe der Staatsbürgerschaft so schnell er konnte, er kontaktierte Botschaften in Ländern, von denen er vermutete, sie würden neutral bleiben. Eines war ihm nach der katastrophalen Politik der letzten Jahre schon jetzt klar: Es würde nicht bei dem schändlichen Angriff auf Polen bleiben. Dieser neue Schlag Hitlers würde Folgen haben. Er spürte, wie er in Ereignisse hineingezogen wurde, die niemals hätten stattfinden dürfen. Immer wieder fuhr er sich durchs lichte Haar oder krallte die Finger in die Stirn, es gab Momente, in denen er tief durchatmen und sich beherrschen musste, um sich nicht zu erbrechen. Auf den Fluren hörte er Leute jubeln. Sie seien Teil eines großartigen Ereignisses. Er hatte Lust, ihnen links und rechts um die Ohren zu schlagen.

Besprach er sich sonst zweimal täglich mit seinem Vorgesetzten, Konsul Biermann, schaffte er es heute erst gegen Abend in dessen Büro. Der alte Mann stand am Fenster, wie immer im Dreireiher und mit streng gebundener Fliege.

„Verrückt, Herr Kolbe“, sagte Biermann. „Die sind alle verrückt geworden.“

„Das sehen eine Menge Leute anders, Herr Konsul. Was wollen Sie jetzt tun?“

„Das kommt auf die nächsten Tage an, Herr Kolbe. Tatenlos zusehen ist allerdings immer eine schlechte Entscheidung.“ Er setzte sich an den Schreibtisch, rückte die Brille zurecht und begann mit Fritz über die Planung für die nächste Zeit zu sprechen. „Alles unter Vorbehalt“, sagte er. Biermann hatte oft gesagt, dass er sich kaum vorstellen wolle, was aus Deutschland geworden sei, wie das Leben in einer einst so herrlichen Stadt wie Berlin jetzt vor sich gehe, wo abertausende Nazifahnen wehten und ein Parteiensystem abgelöst worden sei durch einen sogenannten Führer.

„Der eine, der einem alles abnimmt“, sagte er. „Der, der alles entscheidet. Keine Verantwortung des Einzelnen mehr, nur noch braves Folgen.“

„Viele Menschen wollen das“, sagte Fritz. „Ich nicht.“

„Sie sind ein guter Mann. Der beste Mitarbeiter, den ich je hatte. Ich brauche Sie wirklich, Herr Kolbe. Noch ist nicht alles verloren.“

„Sehe ich auch so, Herr Konsul.“

Auf dem Weg zurück zu seinem Büro kam Fritz an der Kammer des jungen Heinz Müller vorbei. Müller war zuständig für Post, Funk- und Telegrafenverkehr und Codierungen. Sein heller Anzug hing an seinem dünnen Körper hinab. Fritz hatte den Jungen wegen seiner zurückhaltenden Art immer gemocht. Er fragte ihn, ob alles in Ordnung sei. Müller bat ihn herein und schloss die Tür. Er ordnete einen Stapel loser Zettel auf seinem Schreibtisch und klopfte oben auf das Papier. Seine Hände waren schlank wie die eines Mädchens.

„Ich habe Angst, Herr Kolbe. Aber bitte, sagen Sie das niemandem weiter.“

„Mir steht die Angst bis hier“, sagte Fritz und fuhr sich mit dem Zeigefinger über die Stirn.

„Was wird denn jetzt, Herr Kolbe?“

„Ich weiß es nicht.“ Fritz behielt seine Befürchtungen und seinen Hass auf Hitler für sich. Selbst hier im von Berlin so fernen Kapstadt konnte er schon lange nicht mehr sagen, was er eigentlich sagen wollte.

Die nächsten Tage hindurch fühlte Fritz sich ununterbrochen verschüttet unter schwerem Stein. Die Hitze, die er sonst so mochte, drückte unerträglich, das Klingeln des Telefons machte ihn wütend und die Hitlergrüße auf den Fluren und das Frohlocken vieler Angestellter zerrten an seinem Magen, als hätte er einen lebendigen Krebs verschluckt. Am Nachmittag des dritten September, zwei Tage nach dem Angriff auf die armen Polen, ließ Biermann ihn in sein Büro bestellen. Er hielt einen cremefarbenen Briefbogen in den Händen.

„Die Kriegserklärung der Briten und Franzosen“, sagte Biermann. Fritz schloss die Augen. In ihm blähte sich ein Nein auf, er fühlte sich, als müsse er platzen.

„Das wird ein Massaker“, sagte er.

„Damit haben die Herren in Berlin nicht gerechnet“, murmelte Biermann. Es solle vor allem wegen der Briten pures Entsetzen geherrscht haben. Außer vielleicht bei Außenminister von Ribbentrop, einem Englandhasser. Von Ribbentrop, wenn er nur den Namen höre, werde ihm bereits übel, sagte Biermann. Früher hätten solche Leute keine Chance gehabt im Amt. Das Amt sei immer ein Heim großer Diplomatie gewesen.

„Von hier aus können wir wenig tun, Herr Kolbe.“ Fritz wusste nicht, was Biermann damit meinte, aber sein Entschluss, keinesfalls nach Deutschland zurückzugehen, war eben noch deutlicher geworden.

„Churchill ist ein entschlossener Mann“, sagte Fritz. Biermann stimmte zu, er habe ihn einmal getroffen, beeindruckende Erscheinung. Er sah den Briefbogen an, faltete ihn in der Mitte zusammen und steckte ihn in die Innentasche seines Jacketts. „Ein historisches Dokument“, sagte er.

„Die Hölle, Herr Konsul.“

Biermann richtete die Fliege und stellte sich ans Fenster.

„Unter all den unsinnigen Anweisungen, die jetzt über die Fernschreiber kommen“, sagte er, „waren gleich mehrere, die uns hier auf unserem Posten daran erinnern sollen, dass der Neger im Allgemeinen der deutschen Rasse unterlegen ist.“ Der Konsul klopfte mit den Fingerspitzen gegen den Fensterrahmen. „Wie kommt Ihre Tochter mit all dem zurecht?“

„Fragen Sie nicht. Und Ihre Gattin, Herr Konsul?“

Biermann schüttelte den Kopf. Als Fritz das Büro verließ, sah er sich noch einmal nach dem alten Mann um. Im Sonnenlicht vor dem Fenster war Biermann eine Statue, steinern, ein Relikt aus längst vergangener Zeit. Zurück in seinem Arbeitsraum verschloss Fritz die Tür. Er legte den Telefonhörer neben das Gerät und zog die Vorhänge zu. Er legte das Jackett ab, zog die Krawatte über den Kopf, atmete mehrmals tief durch und winkelte die Arme an. Er deckte sein Gesicht mit den Fäusten, schlug linke Führhände, rechte Haken, Jabs, er tänzelte um seinen Gegner herum, schlug immer wieder, duckte sich weg, pendelte aus, verlagerte das Gewicht, schlug, wich zurück, schlug Serien. Nach wenigen Minuten waren seine Achseln und seine Brust nass, er boxte weiter. Diesem fahnenschwingenden, dumpfköpfigen Gegner würde er noch in die Rippen treten, läge er am Boden. Fritz boxte so lange, bis er die Arme nicht mehr heben konnte, bis sie ihm wegsackten und seine Knie weich waren. Er schaufelte sich am Waschbecken Wasser ins Gesicht, hinter der chinesischen Trennwand, die er sich von einem Kollegen aus Peking hatte mitbringen lassen. Er starrte in den Spiegel. Seine blauen Augen waren hart, die Stirn in Falten gelegt, die Wangen schienen aus Holz. Er mochte dieses Gesicht nicht, wenn es so war wie jetzt. Mit einem Handtuch um die Schultern setzte er sich an seinen Schreibtisch, stieß den Globus an und betrachtete die drei Fotos in den goldenen Rahmen. Das Porträt seiner verstorbenen Frau, Katrins Mutter. Das war lange vorbei. Daneben das Bild von Katrin, die ihr schwarzes Haar von der Mutter geerbt hatte. Mein Gott, war das Mädchen hübsch. So neugierig auf die Welt, sie spitzte immer die Ohren, wenn er ihr von den alten Reiseberichten erzählte, die er so gerne las. Er war es gewesen, zu dem sie gekommen war, als sie ihre erste Periode hatte. Fritz hatte gehustet und gesagt, er brauche einen Whisky – das helfe ihr aber auch nicht weiter, hatte Katrin gemurmelt. Hilflos, wie er war, sagte er, das sei ja ganz herrlich, eine richtige Frau und ohne das könne es ja gar keine Kinder geben – bis er ihren Blick bemerkte. Sie sagte nur einmal mahnend „Papa“ mit langem „a“ am Ende und er hörte auf und starrte seine Schuhe an. Als wäre das nicht schon genug gewesen, fragte sie ihn, wann sie denn endlich Brüste bekäme. Er sagte „Aua“ oder „Oh“, er wusste es nicht mehr und dann fing er wieder an und erzählte, dass ihre Mutter sehr kleine Brüste gehabt hätte und das sei etwas wirklich Hübsches, bis Katrin ihn unterbrach und vorschlug, darüber vielleicht lieber nicht zu sprechen.

Und jetzt? Er drückte das Bild an die Stirn, spürte den Schweiß, ihm kamen fast die Tränen. Er fluchte und hämmerte mit der Faust auf den Tisch. Deutschland. Beethoven, Schiller, Schubert, Kleist – die Ostseeküste mit den Seebädern von Binz und Sellin, das Allgäu, Hamburg und Berlin, das wundervolle strahlende Berlin. Sein Freund Walter Braunwein und dessen Gattin Käthe schickten ihm seit Jahren Postkarten aus Berlin – Fritz hatte sie darum gebeten, lieber Postkarten als Briefe zu schicken, so könne er mehr von Berlin sehen. Der Kurfürstendamm voller Autos, Busse und gut gekleideter Passanten, die Cafés auf der Friedrichstraße voller Menschen und glänzender Gläser, der freundliche Portier vor dem Hotel Adlon, aus den Karten kreischende Kinder am Wannsee, der gespickt war mit den Dreiecken kleiner Segelboote. Ab 1936 veränderten sich die Motive, immer mehr Hakenkreuzfahnen wehten von Häusern, uniformierte Männer mischten sich unter die Menschen auf den Bildern.

Das dritte Foto auf seinem Schreibtisch zeigte seinen alten Freund Walter Braunwein und ihn zusammen mit zwei Schwarzen während einer Safari in Namibia. Waren das tolle Tage gewesen. Die Sonne schien den vier Männern auf dem Foto in die Gesichter, fand viel Platz für Glanz auf Fritz’ hoher Stirn. Walter war ihm ein wenig zugeneigt und schien etwas zu sagen, die beiden Jagdführer lachten in die Kamera. Als Fritz eine öläugige Antilope anvisiert, aber nicht geschossen hatte, fragte Walter ihn, was los sei. Fritz senkte die Repetierbüchse, legte Walter eine Hand auf die Schulter und sagte, er habe Katrin versprechen müssen, nicht zu schießen. Warum sie dann diese Safari machten, fragte Walter. Sei doch auch schön, ohne zu schießen, antwortete Fritz. Walter sah der Antilope hinterher, die erst in wilden Sprüngen und dann geschmeidig und dünnbeinig durch die Savanne stob und vom Sonnenglanz und feinem Staub nach wenigen Sekunden verschluckt wurde. Sein alter Freund Walter. Er lebte dort, in Deutschland, arbeitete im Auswärtigen Amt. Vor einem Jahr waren die Braunweins – Walter, seine Frau Käthe und der Sohn Horst – zu Besuch in Kapstadt gewesen.

Sie waren gemeinsam in Fritz’ Diensthorch die Küstenstraße entlanggefahren, Käthe hinten zwischen ihrem Sohn Horst und Katrin. Das Mädchen und die Frau hatten sich die Hände an den Kopf gepresst, um ihre Hüte nicht im Fahrtwind zu verlieren. Katrin lachte die ganze Zeit, Fritz drehte sich oft zu ihr um, bis Walter ihn ermahnte, auf die Straße zu gucken. Während des Picknicks versuchte Fritz, mit Walter über Deutschland zu reden, aber Walter ging nicht darauf ein. Beim Abendessen daheim sprach Fritz ihn erneut an. Walter presste die Lippen zusammen und wich seinem Blick aus. Käthe sagte, Fritz solle es gut sein lassen. Fritz hatte sie lange nicht gesehen, die schöne Käthe. Ihr linker Mundwinkel zuckte manchmal und immer, wenn Fritz auf Politik zu sprechen kam, warf sie Walter einen mahnenden Blick zu.

Am nächsten Tag fuhren sie nach Norden aus der Stadt hinaus, in die grünen Täler zwischen Tafelberg, Lion’s Head und Devil’s Peak und Katrin und Horst hatten ihre Rücken an Käthe gelehnt und die nackten Beine aus dem Auto gehängt. Fritz hätte immer so weiterfahren können, bis ins Zentrum des afrikanischen Kontinents, den Wegen der Entdecker folgend, durch Wüsten und Dschungel und abends dann wieder in Kapstadt an der Uferpromenade dem Meer bei seinem geschäftigen Nichtstun zusehen. Aber etwas war falsch. Fritz wollte nicht, dass es Unstimmigkeiten gab oder Streit – er sah seine Freunde sehr selten. In Kapstadt hatte er viele Bekannte, seinen Schuster, die Blumenverkäuferin auf der New Market, mehrere Kellner in den Cafés auf der Darling und der Aderley – aber keine wirklichen Freunde. Wenigstens auf seine Frage nach von Ribbentrop antwortete Walter. „Ein Wichtigtuer. Solltest du nach Deutschland zurückkehren und ihn im Amt treffen – vergiss bloß nicht das Von. Der Mann legt größten Wert auf das Von vor seinem Namen. Ganz wichtige Sache.“

Walters Sohn, hochaufgeschossen und weißblond, erinnerte Fritz an dessen Versprechen, mit ihm angeln zu gehen. Na dann, sagte Fritz und stellte mit Horst eine Ausrüstung für das Brandungsangeln zusammen, schwere Ruten, gute Gewichte, die die Köder weit über die Wellen hinaustragen würden. Gegen Mittag machte der Junge sich heißhungrig über das Lunchpaket her, das Ida ihnen bereitet hatte. Sie saßen im warmen Sand und redeten über Sport. Fritz fragte Horst, wie es ihm im heutigen Deutschland gefalle. „Ach, ich weiß nicht, Onkel Fritz. Es hat sich viel verändert.“, sagte Horst. „Wir haben noch gar keinen Fisch gefangen.“ Dann sollten sie mal weitermachen, sagte Fritz. „Macht mit dir auch Spaß, ohne was zu fangen.“ Fritz lachte. „Wir kriegen schon einen“, sagte er.

Am Abend des letzten Tages ging er mit Walter am Meer spazieren, ihre Schatten waren lang und der Sand grau im schwindenden Licht. Es war das erste Mal während dieses Besuches, dass Fritz mit dem Freund alleine war. Braunwein war einen Kopf größer als er. Für einen hochrangigen Beamten des Auswärtigen Amtes wirkte er seltsam unfrisiert, der Scheitel in seinem braunen Haar wurde gekreuzt von Strähnen, als wehe ständig Wind im Leben des Walter Braunwein. Fritz spürte das alte Vertrauen zu ihm. Er fragte erneut, wie es in Deutschland sei. Walter steckte die Hände in die Hosentaschen, sah aufs Meer hinaus und zuckte mit den Schultern. Viele Männer redeten mehr, wenn ihre Frauen nicht dabei waren. Fritz wusste, dass Walter ein anderer war, wenn Käthe mit der Wucht ihrer Schönheit neben ihm saß. Er fragte wieder, nur ein Wort: „Deutschland?“

„Um ehrlich zu sein, ich weiß es nicht, Fritz. Ich begreife es noch nicht. Die Leute sind berauscht. Es ist beeindruckend, irgendwie.“

„Berauscht? Verdammt, Walter. Wird es Krieg geben?“

„So weit geht er nicht.“

„Was ist mit den Juden?“

Walter rieb sich die Stirn und atmete tief aus. Sie gingen weiter am Strand entlang. Fritz spürte die Leere und Unentschlossenheit seines Freundes, er sah zu den Lichtern der Stadt, dann auf den jetzt dunklen Ozean, der auf den Sand rauschte. Ein Gefühl ungeheurer Machtlosigkeit senkte sich auf ihn.

Er könne verstehen, dass es Fritz hier in Kapstadt gut gefalle, sagte Braunwein, sei wirklich schön.

„Aber es geht doch nichts über Irland. Da zu leben, Fritz, das wäre es. Am besten in einer anderen Zeit.“ Fritz lachte. „Du und dein Irland“, sagte er, „das soll mal jemand verstehen“.

„Lass uns schwimmen gehen, alter Freund“, sagte Walter. Sie zogen sich aus, und der Wind kühlte ihre Haut und ließ sie ihre Körper spüren. Sie rannten den Wellen entgegen und schrien wie kleine Jungs, als sie ins kalte Wasser brachen, ihre Schritte schwerer wurden vom Widerstand der Wellen und sie sich kopfüber in die See warfen, als sie den Boden unter den Füßen verloren. „Wir werden schon durchkommen!“, rief Walter. „Ja“, sagte Fritz mit Wasser im Mund, „natürlich.“ Wer zuerst an der Boje sei. Sie kraulten durch die Wellen, sahen sich aus gesenkten rauschenden Gesichtern an, versuchten schneller durchs Wasser zu peitschen als der andere. Sie schlugen gleichzeitig an die metallene Außenwand der Boje. Fritz keuchte, er habe eine Sekunde früher angeschlagen, Walter bestritt das. „Doch, nein, doch, nein.“ „Unentschieden“, schlug Walter vor. Darauf könnten sie sich gerne einigen, sagte Fritz. Walters nasse Schultern waren weiß im aufkommenden Mondlicht. Er sah glücklich aus.

Am nächsten Tag reisten die Braunweins ab.

Kam Fritz abends aus dem Konsulat nach Hause, saß Katrin mit angezogenen Beinen auf dem Sofa. Oft war Ida bei ihr, versuchte, mit ihr zu spielen oder brachte ihr Bücher, aber Katrin starrte die Wand an, an der Fritz eine Weltkarte aufgehängt hatte. Was denn jetzt werde, fragte Ida. Er wisse es nicht, sagte er und fühlte sich wie in einer dick mit Schaumstoff isolierten Zelle, in der nichts zu hören war bis auf das Rauschen des eigenen Blutes.

„Ich lasse dich nicht allein, Katrin.“

„Versprichst du das?“

„Ja, Liebes. Ich könnte dich niemals alleine lassen. Das geht doch gar nicht.“

Sie sprang in seine Arme und er drückte ihren schmalen Körper, so fest er konnte. Es gab nichts Schöneres auf der Welt.

„Ich bin auf der Straße von einem Haufen Buren beleidigt worden. Ich hatte Angst, Herr Kolbe. Einer von ihnen trug eine Hakenkreuzfahne“, sagte Ida.

„Haben die Ihnen etwas getan?“

„Nein. Aber bei allem Respekt, Herr Kolbe, wissen Sie, was ich mir wünsche? Dass Südafrika Ihrem Deutschland auch den Krieg erklärt.“

„Das ist nicht mein Deutschland, Ida.“ Fritz setzte Katrin ab.

„Noch mehr Krieg?“, fragte sie. Ida strich ihr über das Haar. „Ach, Zuckerschnecke“, sagte sie, „das hat alles nichts mit dir und deinem Papa zu tun.“

„Das wird sich noch herausstellen“, sagte Fritz.

Am sechsten September, drei Tage nach der Kriegserklärung der Briten und Franzosen, marschierte eine Delegation aus zwei Uniformierten und zwei Zivilisten über den Flur des Konsulats auf Biermanns Büro zu. Fritz sah den Männern hinterher. Ohne anzuklopfen, stieß einer von ihnen die Tür zu Biermanns Büro auf. „Herr Konsul!“ Dann wurde die Tür von innen zugeschlagen. „Was war das denn jetzt?“, fragte der junge Heinz Müller. Er trug seit zwei Tagen eine Hakenkreuzbinde am dünnen Oberarm.

„Was glauben Sie? Ab und zu mal das Gehirn einschalten, Herrgott noch mal.“ Müller stotterte etwas Unverständliches. Fritz bat um Verzeihung, es sei nicht so gemeint gewesen.

Nur wenige Minuten später verließen die vier Männer Biermanns Büro wieder. Sie schritten den Flur hinab, auf das lichtglänzende Rechteck der Tür zu. Einer der Uniformierten ballte die Faust.

Fritz sah den Männern hinterher, die von der Sonne aufgesogen wurden. Er ging langsam in Biermanns Büro. Es war, als laufe er über Glassplitter.

Der alte Konsul saß schief in seinem Stuhl, er schwitzte. So haltlos hatte Fritz ihn nie gesehen. Die Welt brach zusammen, immer weiter, Stück für Stück.

„Wir sind beide Persona non grata, Kolbe. Südafrika hat Deutschland den Krieg erklärt. Wir müssen das Konsulat auflösen.“

Er stemmte sich aus dem Stuhl hoch. „Wir müssen zurück“, sagte er, stellte sich ans Fenster und wies auf die flache, wie abgeschnittene Kuppe des Tafelbergs. „Ein komischer Berg. Ich mochte Kapstadt sehr, meine Gattin ebenso. Ihnen und Ihrer Tochter hat es hier doch auch gut gefallen, oder?“ Die Vergangenheitsform irritierte Fritz, sie machte ihm Angst.

„Ich mag es immer noch“, sagte er. „Ich bin mit Katrin oft in den Trolleybussen die Darling Street oder die Adderley auf und ab gefahren, an den Parks vorbei, den Geschäften unter den Markisen, runter ans Meer. Außerdem lieben Katrin und ich die Sonne. Und davon gibt es hier viel.“ Er stellte sich neben den alten Mann. „Herr Konsul Biermann, ich gehe nicht zurück nach Deutschland.“

Biermann nahm militärische Haltung an und wies mit dem Zeigefinger auf ihn. Eine Geste, die Fritz dem Mann nicht zugetraut hätte.

„Jetzt hören Sie genau zu, Herr Kolbe. Mein Großvater war Diplomat, mein Vater ebenso. Ich habe einflussreiche Bekannte, mein Wort gilt etwas. Ich stelle mich dem, was in Deutschland geschieht. Und ich garantiere Ihnen“, er ballte die Faust, „ich kann mehr ausrichten, als Sie vielleicht denken. Ich habe Kontakte in die ganze Welt. Ich kenne Molotow persönlich und andere. Ich werde etwas tun, ich werde zu retten versuchen, was noch zu retten ist. Und ich kann. Ich kann, verstehen Sie? Aber was glauben Sie wohl, wie mein Stand in Berlin sein wird, wenn mein engster Mitarbeiter, mein Vizekonsul, sich davonschleicht? Wenn der sich in Afrika internieren lässt oder nach Südwest ausweicht? Sie untergraben damit meine Reputation. Sie weichen meinen Einfluss auf. Sie wissen ganz genau, wie die Herren, die dort jetzt das Sagen haben, reagieren, wenn mein bester Mann in Afrika bleibt. Das können Sie nicht tun, Herr Kolbe. Das ist unverantwortlich.“

„Meine Tochter.“ Fritz’ Stimme war weich vor Liebe.

„Sie müssen Katrin hier lassen, Herr Kolbe. Sie können sie nicht mitnehmen. Nicht dorthin.“

Fritz’ Herz klemmte. Er wandte sich ab und starrte auf die Bodendielen.

„Sie wird es verstehen, Herr Kolbe.“

„Sie ist vierzehn. Ich habe ihr versprochen, sie niemals alleinzulassen.“

„Sie kann nicht nach Deutschland.“

„Nein. Niemals.“

„Aber Sie, Herr Kolbe, Sie müssen. Wenn Sie nicht an meiner Seite sind, wenn wir zurückkehren, dann bin ich machtlos. Dann ist alles aus.“

Biermann öffnete eine Tür an seinem Schreibtisch, holte eine Flasche Cognac und zwei Schwenker heraus und goss ein. Er ließ die Gläser in der Hand kreisen, ein Ritual, eine alte Bewegung, die auch jetzt nicht eingestellt werden musste. Fritz rührte das, ein winziger Moment eines Hauches von verfliegendem Glück. In ihm zog sich alles zusammen, seine Gedanken wurden dunkel und wattig. Biermann lud ihn für den Abend zum Essen ein. Fritz begann die Auflösung des Konsulats vorzubereiten. Er telefonierte, gab Anweisungen, hörte niemandem zu, kümmerte sich nicht um Funknachrichten aus Deutschland und verbrachte den Abend wie in Trance unter den Blicken und milden Worten Biermanns und seiner Gattin und wusste nur eines: Die beiden überredeten ihn, nach Deutschland zurückzukehren. An diesem Abend im Geruch geschmorten Gemüses und eines Bratens und im angenehmen Luftzug, der durch das Fenster kam, dachte er zum ersten Mal seit Jahren an die Worte, die sein Vater ihm mit auf den Lebensweg gegeben hatte: Tue das Richtige und habe keine Angst. Als er später auf dem Balkon stand und die Hände um das Metallgeländer krallte, stellte Biermanns Gattin sich neben ihn. Sie stützte sich auf ihren Stock und zündete sich eine Zigarette an.

„Sie werden sie wiedersehen, Herr Kolbe. Ganz sicher. Wir werden uns von diesen Barbaren doch nicht sagen lassen, wo es lang geht. Vertrauen Sie meinem Mann. Unter uns, ein alter Haudegen, auf seine Art. Sein Wort hat Gewicht.“ Sie goss ihm Whisky nach. In Momenten wie diesen dürfe man durchaus einen Schluck mehr trinken als gewöhnlich, auch wenn ihr Mann diesbezüglich sicher anderer Ansicht sei. Er beherrsche sich manchmal ein wenig zu sehr. Sie lachte.

„Bedenken Sie, Herr Kolbe, die deutsche Presse, die wir erhalten, steht unter starker Manipulation. Vor Ort, in Berlin, kann es nicht so eindeutig schlimm sein, wie wir es lesen. Menschen sind nicht so.“

Angetrunken und zornig fuhr er aus der Stadt zurück nach Camps Bay. Er legte sich zu Katrin ins Bett. Sie atmete gleichmäßig durch die schnurgerade Nase, ihr schwarzes Haar wie ein Fächer auf dem Kopfkissen ausgebreitet. Sie murmelte etwas und warf den Kopf herum. Ganz sachte berührte er ihren dünnen Oberarm, ließ seine Hand dort und versuchte zu schlafen.

Am nächsten Morgen betrat er vor Dienstbeginn sein Büro im Konsulat, las die Fernschreiben durch, die über Nacht gekommen waren und ging dann runter in den kleinen, ummauerten Garten. Er sah am weiß lackierten Flaggenmast empor in den hellblauen Himmel. Die Hakenkreuzfahne hing schlaff und bewegungslos wie ein Kadaver. Er zog das Taschenmesser, schnitt das Seil durch und war schon wieder auf dem Weg sein Arbeitszimmer, als die Flagge zu Boden trudelte und sich auf der Wiese zu einem Gebirgsmodell zusammenlegte. Ohne nachzudenken, mit einem seltsamen Brummen im Kopf, betrat Fritz den Dechiffrier- und Funkraum, öffnete den Safe, nahm die Ledermappe mit den Funkcodes heraus und notierte sie auf seinem Block. Danach rief er von seinem Apparat aus im britischen Konsulat an und lud Mister Carlsroupe, den er aus den Jahren in Kapstadt gut kannte, zu einem Drink am Abend ein.

Um neun Uhr fuhren die LKWs vor, die er bestellt hatte, Umzugskisten mit aufgebrannten Reichsadlern wurden geliefert. Als nach und nach die Angestellten eintrafen, erteilte er Befehle, trieb zur Eile und, als der junge Müller aufgeregt über den Flur lief und rief: „Die Fahne ist abgeschnitten worden! Unsere Fahne!“, mahnte Fritz ihn zur Arbeit, ihnen sei ein Ultimatum gestellt worden, er solle sich jetzt nicht um diese Fahne kümmern, davon würde er demnächst in Deutschland noch genug zu sehen bekommen. „Das will ich doch sehr hoffen, Herr Kolbe.“ Was war los mit dem Jungen? Es war, nicht lange her, da hatte er Fritz seine Angst gestanden. Einige Tage später dann trug er eine Hakenkreuzbinde. Und jetzt das.

Fritz telefonierte mit Werner und Hiltrud in Swakopmund und redete mit dem Vertreter einer holländischen Schifffahrtslinie. Deutsche Schiffe durften in Kapstadt nicht mehr vor Anker gehen. Er schlug die Fotografien dick in altes Zeitungspapier, umwickelte den Globus vorsichtig und verstaute ihn so, dass er möglichst stabil stand. Er tastete nach dem Zettel mit den Funkcodes in der Innentasche.

Am Nachmittag verließ er das Chaos des Konsulats und klappte das Verdeck des Horchs zu. Er war immer mit offenem Auto gefahren, jetzt wollte er das nicht mehr. Eine Kompanie berittener Soldaten kam die Straße herauf, die Hufe klackten metallen und laut auf dem Pflaster. Die Soldaten hielten vor dem Eingang zum Konsulat, der Captain rief einen Befehl und wie elektrisch angeschlossen, wandten Pferde und Männer sich dem Konsulat zu und verharrten still. Fritz fuhr vorsichtig an den Männern vorbei, zwischen den Art déco Häusern hindurch, an den Parks und den Blumenhändlern vorbei den Bay Drive hinauf. An der höchsten Stelle blieb er stehen und sah auf das anbrandende Meer hinab, der Himmel war strahlend blau. Berlin war von hier fast zehntausend Kilometer Luftlinie entfernt und schwappte mühelos ins Konsulat und als Hakenkreuz an die Oberarme von Männern, die er bis vor Kurzem noch für vernünftige Menschen gehalten hatte. Er stieg aus und atmete den warmen Wind. Biermann hatte noch einmal lange mit ihm geredet. „Ich garantiere Ihnen, Herr Kolbe, ich kann in diesem Amt noch Dinge gerade rücken. Und dafür brauche ich Sie.“ Er erzählte von der Hingabe und Detailversessenheit großer Diplomaten wie Benjamin Franklin oder Talleyrand, die so geschickt gearbeitet hatten, dass Vertragsunterzeichnern erst Monate später bewusst geworden war, welche Bedingungen sie mit ihren Unterschriften anerkannt hatten. Der Wiener Kongress – Biermann schwärmte –, welch spitze Federn, welch schwarze Tinte. „Es wird schlimm werden“, sagte er, „aber wir gemeinsam können noch Schlimmeres verhindern! Ich beschwöre Sie, Herr Kolbe.“

Katrin würde es nicht verstehen. Wie auch? Wie sollte das Mädchen diesen ganzen Irrsinn verstehen? Was, wenn Konsul Biermann sich täuschte? Vielleicht war er nicht umsonst auf den entfernten Posten in Kapstadt versetzt worden. Dass er bei Empfängen für Delegationen der nationalistischen südafrikanischen Grauhemden mehr als distanziert gewesen war, würde in Berlin nicht unbemerkt geblieben sein. Aber der alte Mann war wirklich gut, Biermann kannte die Geschichte der europäischen Diplomatie wie kein anderer und er war ein durch und durch anständiger Mensch. Sein Argument, sein Ansehen würde beschädigt, käme Fritz nicht mit ihm, hatte Fritz tief getroffen. Er nahm den Strohhut ab und rieb sich den Schweiß von der Stirn. Er kam sich so klein vor. Das Meer brandete in die Camps Bay und umspülte die Wale Rocks mit wolkenweißer Gischt, die Sonne schien und Seevögel schrien in den Wind. Das Stadtzentrum lag weiß und strahlend zu seiner Rechten. Fritz sog die Eindrücke auf, atmete tief durch und prägte sich ein, was er sah. Dann fuhr er hinab nach Camps Bay.

„Herr Vizekonsul Kolbe?“ Mister Carlsroupe, der Sekretär des britischen Gesandten, stand in der Tür. Sie schüttelten sich die Hände.

Fritz sei immer ein hochanständiger Kerl gewesen. Er solle ihn auch im Namen des Gesandten grüßen. Er wünsche ihm viel Glück. „Auch wenn ich befürchte, Glück wird im heutigen Deutschland sehr seltsam definiert.“

Fritz ging nicht darauf ein und fragte, ob Carlsroupe etwas trinken wolle.

„Wohin kämen wir, würden wir einen Drink ablehnen?“

„Vernünftiger Ansatz.“ Sie gingen in die Küche, Fritz nahm eine Flasche Scotch und Gläser aus einem Schrank.

„Wir sind Kriegsgegner, Herr Kolbe.“

„Von Braunweins Sohn Horst liegen hier irgendwo noch Spielzeugpistolen“, sagte Fritz. „Wir könnten ein bisschen aufeinander schießen.“

Sie lachten und stießen an. Fritz sagte, es seien schöne Zeiten gewesen hier in Südafrika, er habe mit Katrin und auch mit den Braunweins eine Menge Ausflüge mit dem Auto gemacht, oft sei er auch allein gewandert, trotz der Warnungen vor wilden Tieren.

„Ich bin nie davon ausgegangen, dass mir etwas zustößt. Bis zu jenem Tag.“

„Welchem Tag, Herr Kolbe?“

„Seit fünf Uhr fünfundvierzig – den Tag meine ich.“

Carlsroupe nahm den Panamahut vom Kopf und legte ihn auf den Tisch.

„Die deutsche Armee macht dort keine halben Sachen, Kolbe.“

„Ein deutscher Maler“, sagte Fritz, „Max Liebermann, hat irgendwann in den Dreißigern während eines dieser Aufmärsche – mit tausend Fahnen und Fackeln und all den Albernheiten – gesagt, er könne gar nicht so viel fressen, wie er kotzen möchte.“

Carlsroupe räusperte sich und lachte.

„Nun“, sagte er, „trotz Ihrer immer eleganten Kleidung sind Sie am Kap als bunter Vogel bekannt. Es wundert mich nicht, dass Ihnen dieses Zitat gefällt.“ Er tippte auf den Zeitungsstapel, Times, Washington Post, Figaro, und dann seien da noch Italiener, Russen, Spanier und Polen. „Selbst jetzt noch so wild auf internationale Presse, Herr Kolbe?“

„Die Welt ist groß und bunt“, sagte Fritz.

„Nun, warum haben Sie mich gerufen, Herr Kolbe? Es klang dringend.“

Fritz schloss die Küchentür und zog die Gardine vor das Fenster, der Raum fiel in grünliches Licht. Fritz zog den Zettel aus der Innentasche des Jacketts. Er starrte seine Hand mit dem Papier an.

„Kolbe?“

Carlsroupes strohblondes Haar war streng gescheitelt, der Schnurrbart sauber gestutzt.

„Das sind die Codes der Funkstelle. Und die Namen einiger Leute, die zurückbleiben.“

„Herr Kolbe?“

„Ich bin kein Nazi, Mister Carlsroupe.“

„Was machen Sie denn? Sind Sie je auf den Gedanken gekommen, dass der Mann, dem Sie jetzt diese Codes zustecken wollen, ein Doppelagent sein könnte? Wir wissen doch alle, dass Botschaften und Konsulate durchsetzt sind mit Spionen. Gerade jetzt. Und Sie kommen daher, ohne sich abzusichern? Kolbe, lieber Fritz, vielleicht sollten Sie doch hierbleiben. Wenn Sie in Deutschland so agieren, sind Sie in wenigen Wochen tot.“

Carlsroupes Worte durchdrangen Fritz wie eine Machete. Wenn er in Deutschland so agiere? Während seiner Arbeit in Madrid, dann kurz in Paris, in Warschau und jetzt in Südafrika, hatte Fritz ab und zu von Geheimdiensttätigkeiten flüstern gehört, der britische MI6, der sowjetische NKWD, der NKGB, das französische Deuxième Bureau.

„Nun geben Sie her, Kolbe.“ Carlsroupes Stimme hatte ein wenig von ihrer britischen Vornehmheit verloren. Der Blick des Engländers ging zwischen dem Blatt und Fritz’ Augen hin und her. Fritz schob das Papier langsam über die Tischplatte, es machte ein sachtes, schleifendes Geräusch. Carlsroupes Hand näherte sich, die Finger gespreizt, er trug einen Siegelring. Fritz presste den Zettel an die Platte. Carlsroupe zog die Hand zurück und hob die Arme, als werde er bedroht.

„Können Sie mir irgendeine Garantie geben?“, fragte Fritz.

„Nein, keine. Sie wissen, dass diese Funkcodes jetzt schon wertlos sind, Kolbe.“

Fritz stellte sich ans Fenster mit der zugezogenen Gardine. Die Sonne dahinter erschien ihm wie an einem gleißenden Tag in der Wüste, mehr weiß als gelb, sie täuschte Schwäche vor. Tun, dachte er, nicht grübeln. Natürlich waren die Codes wertlos, aber nicht die Geste, nicht für ihn. Außerdem schien Carlsroupe von all diesen Spionagedingen ebenso wenig Ahnung zu haben wie er, sonst hätte er Fritz sicher nicht auf mögliche Gefahren hingewiesen. Er warf das Papier auf den Tisch, es rutschte und Carlsroupe fing es mit einer Hand auf.

„Sehr gut“, sagte Carlsroupe. „Passen Sie auf sich auf, Herr Kolbe. Telefone und Funkverkehr werden abgehört, Post wird geöffnet. Sie gehen – freiwillig – in eine Tyrannei. Ich weiß ehrlich nicht, was ich von Ihnen halten soll.“ Er griff nach seinem Hut. „Mein Gott, Mann, überlegen Sie sich, was Sie wollen und was Sie nicht wollen.“ Carlsroupe steckte den Zettel in seine Jacketasche und klopfte darauf. Er reichte Fritz die Hand.

„Leben Sie wohl, Herr Kolbe.“

Fritz geleitete ihn zur Tür, es war, als springe der Sommer ins Haus, als Fritz öffnete.

„Wir wollen doch alle nur Frieden“, sagte er.

„Ein Dach über dem Kopf, eine Familie, genug zu essen“, sagte Carlsroupe.

„Wohin man schaut auf der schönen Welt, das ist überall das Gleiche. Es wäre so einfach, Mister Carlsroupe.“

Der Engländer setzte sich den Panamahut auf.

„Es wird schlimm, Kolbe. Briten geben nicht auf.“

„Ich wünsche Ihnen Glück, Carlsroupe.“

„Ich Ihnen auch, Kolbe. Sie werden es brauchen.“

„Grüßen Sie Ihre Gattin.“

Ida hatte Hähnchenkeulen geschmort und Gemüse. Fritz aß mit Katrin in der Küche. Er schaffte es nicht, seine Tochter anzusehen, hörte nur ihre Kaugeräusche und ab und zu ein „Mhmm, lecker, Papa.“ Sein Magen zog sich zusammen, er bekam kaum einen Bissen herunter.

„Was ist denn, Papa?“ Sie merkte es, sie durchschaute ihn.

„Ich muss telefonieren“, sagte er. Er ging hinauf in sein kleines Arbeitszimmer und rief Konsul Biermann an.

„Ich komme nicht mit, Herr Konsul. Auf keinen Fall. Ich bleibe bei Katrin.“

Der Hörer schwieg. Dann geschah etwas, das Fritz niemals von Biermann erwartet hätte. Der alte Mann schrie ihn an.

„Ich bin Ihr Vorgesetzter, Herr Kolbe! Wohin kommen wir, wenn hier jeder macht, was er will? Wovon soll das der Anfang sein? Sie sind mein Vizekonsul. Berlin weiß, dass ich mit Ihnen zurückkehre. Wollen Sie ernsthaft diesen Banausen dort in die Hände spielen? Wollen Sie sich denen geschlagen geben und den Schwanz einziehen wie ein räudiger Straßenköter? Ich kann nicht glauben, was Sie da sagen.“ Der Hörer atmete schwer. Fritz schämte sich, er fühlte sich klein. „Ich bin enttäuscht und entsetzt, Kolbe. Nie, niemals habe ich mich so in einem Menschen getäuscht wie in Ihnen. Aber gut, bitte, schicken Sie einen alten Mann zurück nach Berlin, damit er den Kampf austrägt, für den die jungen Leute zu feige sind.“ Es klackte. Fritz schlug sich mit dem Hörer an die Schläfe. Er fluchte, er boxte. Führerstaat. Sag mir, was ich tun soll und ich tue es. Oh, himmlischer Führer. Nimm mir alle Verantwortung ab. Oh, ich folge dir willig. Nimm meine Seele, nimm mein Denken. Nimm mich. Er riss das Telefonkabel aus der Wand und schleuderte es gegen das Fenster. Es blieb kurz haften, wie eine Schlange, dann fiel es zu Boden.

Fritz ging zurück, streckte Katrin die Hand hin und schlug vor, ein Stück am Meer spazieren zu gehen.

Als er es ihr gesagt hatte, rannte sie weg. Ein kleines dünnes Mädchen mit ölschwarzem Haar. Er sah ihr hinterher, Haken in der Brust, verbunden mit einem Seil um Katrins Taille. Er rief ihren Namen in den Wind und das harte Rauschen des Meeres. Er rannte ihr hinterher, seine Schuhe sackten in den Sand und alle Kraft floss aus ihm heraus, er konnte nicht mehr.

„Katrin! Katrin!“ Seine Tochter floh vor ihm. Er flehte sie an, stehen zu bleiben. Als er sie einholte und eine Hand auf ihre Schulter legte, stieß sie sie weg. Ihre Augen waren nass, ihr Gesicht zeigte einen Ausdruck, wie er ihn noch nie gesehen hatte. Katrin war erwachsen.

„Du hast es mir versprochen! Du hast es mir versprochen! Versprechen bricht man nicht.“

Er kniete sich vor sie in den Sand und hob die Hände wie zum Gebet. Katrin boxte ihm vor die Brust.

„Ich komme wieder“, stammelte er. „Ich komme wieder, Katrin. Ich …“

„Du lässt mich alleine.“ Ihre Stimme war schrill vor Wut und Wind. Fritz ließ den Kopf hängen und breitete die Arme aus. Er wusste nicht, wie lange er in dieser Haltung verharrte. Nach Sekunden oder Jahren spürte er Katrins Körper, sie drückte sich so fest an ihn wie sie nur konnte, und er schlang seine Arme um sie und wollte sie nie wieder loslassen.

„Du kannst mich doch nicht zurücklassen, Papa.“ In Katrins Brustkorb bebten Schluchzer.

„Ich komme ja wieder. Ich hole dich, mein Mädchen. Ich hol dich ganz bestimmt.“

Fritz hielt sie ganz fest. Sie wusste es. Sie war kein Kind mehr. Sie las genau so viel Zeitung wie er.

„Du wirst es gut haben bei Hiltrud und Werner“, sagte er. „Es ist schön in Südwest, glaub mir. Sobald es geht, komme ich zurück. Es wird nicht lange dauern, Schatz. Dieser ganze Spuk. Das kann nicht lange gut gehen.“

Sie löste sich aus seiner Umarmung, drückte ihn weg und er sackte in den Sand. Katrin kehrte ihm den Rücken zu und lief den Strand entlang.

Katrin bestand darauf, mit zum Hafen zu gehen. Fritz hätte sich lieber im Haus von ihr verabschiedet, allein, ungestört. Er befürchtete, er würde zu weinen beginnen, wenn er seine Tochter von der Reling aus als kleinen Menschen in der Masse verschwinden sah. Aber er konnte Katrin den Wunsch nicht abschlagen. Im Gedränge vor der hohen Schiffswand roch es nach Sonne, Blüten und Schweiß. Ein fluchender Mann rempelte Katrin an und stieß ihr seinen Koffer ans Schienbein. Fritz fuhr den Mann an, er solle gefälligst aufpassen und sich zum Teufel scheren. Er spürte, dass Katrin ihn aus ihren den Himmel widerspiegelnden Augen ansah. Sie hatte ihn noch nie so reden hören. Mitten in der Hitze und den Wellen sich überlappender Stimmen umarmte Fritz seine Tochter und sie krallte die Finger in seinen Rücken. Ich schaff es nicht, dachte er. Ich kann nicht. Er schloss die Augen, verharrte in der durchscheinenden Dunkelheit und roch den Ausstoß des Schiffskamins, dessen schwarzer Rauch fast senkrecht in den blauen Himmel stieg. Er nahm Katrins Gesicht in beide Hände, spürte die Glätte ihrer Wangen, sah ihr in die Augen. Das Kostbarste auf der Welt.

„Ich komme wieder“, sagte er. Er zerbrach, als er Katrins Arme von seinem Rücken löste und nach Ida winkte. Bei ihr würde das Mädchen in den nächsten Tagen unterkommen, bis seine Freunde Werner und Hiltrud sie nach Südwest holten.

Als einer der Letzten ging Fritz an Bord des „Holländischen Dampfers“, das Fallreep wippte unter ihm und aus den Augenwinkeln sah er die flache Kuppe des Tafelbergs. Südafrika war ein Stück des Paradieses gewesen. Das Gedränge an Deck war heiß und laut, aber mit seinen durchtrainierten Armen verschaffte Fritz sich einen Platz an der Reling. Er sah Katrins helles Gesicht und die große, dicke Gestalt des Hausmädchens Ida neben ihr. Hunderte Hände winkten, Taschentücher flatterten hilflos, Soldaten streckten die Fäuste in die Luft. Das Schiffshorn dröhnte, die schwergliedrige Ankertrosse rumpelte und Fritz spürte die Arbeit des riesigen Motors durch die Decksplanken unter seinen Füßen. Das kann alles nicht wahr sein, dachte er. Katrin wandte ihm den Rücken zu. Sie war so schmal.

„Katrin, bitte!“, schrie er. Ida beugte sich zu Katrin hinab und redete auf sie ein. Fritz betete. Er sah, wie das Mädchen den Kopf schüttelte, sah, dass Ida zu ihm hinaufblickte und sich dann wieder dem Mädchen zuwendete. Langsam drehte Katrin sich um. Fritz rieb sich ein Schluchzen aus dem Gesicht. Katrin winkte ihm.

„Ich komme wieder!“, schrie er. Der Abstand zwischen der Bordwand und dem Kai wurde größer, von Schiffspropellern aufgeschraubtes Wasser spritzte. Katrins helles Gesicht verlor jede Kontur, ging unter und verschwand.

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