Kolbe

Andreas Kollender · Kapitel 5 von 17

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Kolbe

3. Höllenfahrt

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Höllenfahrt

Auf den Außendecks und in den improvisierten Aufenthaltsräumen sangen Männer deutsche Volkslieder. Wie eine Fahne umwehten die Gesänge das Schiff. Die „Louisiana“ dampfte durch einen trügerisch ruhigen Atlantik, das Wasser rauschte an den Bordwänden entlang. Fritz stand oft an der Reling und sah auf die Klinge des Horizonts hinaus. Eine entschlossene Gruppe deutscher Männer und Frauen sandte eine Delegation zum Kapitän und verlangte, neben der holländischen auch die deutsche Flagge zu hissen. Der Kapitän lehnte ab, verschloss die Tür zur Brücke und ließ Wachen aufstellen.

Zwei-, drei Mal am Tag drängten Leute in den Funkraum, um Nachrichten über den Kriegsverlauf zu hören. Die Jubelrufe widerten Fritz an. „Polen fällt!“ Wurde von den Erfolgen deutscher U-Boote berichtet, dauerte es nicht lange und er hörte ein Lied, das ihn bis in den Schlaf verfolgte: „Denn heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt.“ Männer und Frauen, die er in Kapstadt als vernünftige Menschen kennengelernt hatte, hatten ständig etwas zu sagen und versuchten, den holländischen Matrosen Befehle zu erteilen. Schon am ersten Tag, hörte Fritz, sei es zu Handgreiflichkeiten gekommen.

Er teilte sich eine winzige fensterlose Kabine mit einem Mann namens Petersen. Der hatte in Südwest und in Südafrika versucht, diverse Geschäfte zu machen. Habe aber wegen der Halbaffen da unten alles nicht funktioniert, sagte er. Petersen stützte sich auf den Ellenbogen, die Kabinenwand hinter ihm war speckig. Aber jetzt brächen ja zum Glück ganz andere Zeiten an. Noch zwei Wochen und er sei in der Wehrmacht. Ob Fritz auch Soldat werde?

„Ich bin im diplomatischen Dienst.“

Petersen lachte. „Diplomat? So ein Quatsch. Wofür brauchen wir die denn? Mann, Sie machen doch einen sehr robusten Eindruck. Warum ziehen Sie nicht ins Feld?“

„Das Auswärtige Amt“, sagte Fritz, „hat den Vertrag mit Russland ausgehandelt und den Antikominternpakt mit Japan, außerdem …“

„Ja ja, jetzt hören Sie mal zu, ist ja gut. Sie haben nicht unrecht. Von Ribbentrop und der Führer sollen ziemlich eng miteinander sein. Wenn das also Ihr Vorgesetzter ist – gut, warum nicht.“

Fritz sah oft stundenlang auf das Meer hinaus und beobachtete, wie der Stand der Sonne die Farbe des Wassers veränderte. Er legte sich einen kleinen Plan zurecht: täglich mindestens zehn Mal um die Außendecks laufen, dreißig Kniebeugen, dreißig Liegestütz. Manchmal las er ein wenig. Vor allem wenn ihm die Deutschtümelei an Deck zu viel wurde, zog er sich in ein Buch zurück. Einmal, er wusste nicht, der wievielte Tag der Fahrt es war, sah er weit entfernt am Horizont eine schräge Rauchfahne. Wahrscheinlich hatte ein U-Boot ein Schiff torpediert und hunderte Männer waren eingeschlossen in Räumen, in denen das Wasser stieg, oder sie trieben im Meer, bis ihre Muskeln schlaff wurden und das Gewicht ihrer lebendigen Körper sie ins Atemlose hinabzog. All die armen Menschen.

Petersen monologisierte abends über die Rassenlehre und dass sich jetzt beweise, wie recht der Führer damit habe. Die Menschen im Osten, wie die Polacken, hätten der deutschen Kraft nichts entgegenzusetzen. Und dass dem internationalen Judentum gehörig auf die Finger geklopft würde, sei längst überfällig. Fritz’ Glück war es, dass Petersen keine Antworten von ihm erwartete, er redete ohne Unterbrechung, bis er gute Nacht sagte und Sekunden später zu schnarchen begann.

Fritz’ größter Trost war ein Wal, der dicht am Schiff vorbeikam. Der graue, wie lackiert glatte Rücken wölbte sich aus dem Meer und trotz der Masse tauchte er in einer eleganten schwungvollen Bewegung wieder ab, der Koloss blies Wasser aus und dann schlängelte sich die riesige Schwanzflosse aus dem Atlantik, Schwingen gleich, tropfend und erhaben. Petersen neben ihm sagte, wenn er jetzt ein Gewehr hätte, würde er dem ein paar verpassen – man höre, diese Viecher könnten die U-Boote stören.

„Der Kapitän hat doch bestimmt ein Gewehr auf der Brücke, was meinen Sie?“

„Jetzt reicht’s“, sagte Fritz. „Sie Blödmann.“ Petersen zog einen Block aus der Jackentasche und fragte nach seinem Namen und Wohnort. Er habe sich ihm nie vorgestellt. Also? Petersen winkte und zwei weitere Männer stellten sich an seine Seite.

„Sommer, Karl Heinz“, sagte Fritz. „Chemnitz, Fritzstraße 33.“

„Na also. Leute wie Sie, Sommer, die muss man nur richtig anpacken, dann kuschen die auch. Sie haben in Deutschland noch einiges zu lernen. Aber keine Sorge, man wird Ihnen schon zeigen, wo es lang geht.“

Fritz zog sich den Sonnenhut tiefer in die Stirn und ging. Karl Heinz Sommer, aus Chemnitz. Zieh du weiter, Wal, dachte er, zieh du ruhig weiter durch die Ozeane. Und wenn du an der Küste bei Swakopmund vorbeikommst, dann grüße Katrin von mir.

In einer dunkelblauen, ozeanisch kühlen Nacht sah er nach Süden, wo Afrika längst verschwunden war, wo Wasser rauschte und in der Dunkelheit verschwamm. Katrin! Mädchen. Warum wisst ihr Kinder nie, wie sehr eure Eltern euch lieben?

Konsul Biermann trug einen hellgrauen Dreiteiler, weißes Hemd, Fliege und seine Gattin ein dunkles Kostüm. Nach dem Frühstück hörte Fritz das Klock Klock ihres Stocks auf dem Deck. Biermann hatte Fritz noch einmal gesagt, von welcher Wichtigkeit es sei, dass Menschen wie sie nach Deutschland zurückgingen – aber schon da hatte Fritz Zweifel in den Augen des Mannes gelesen, ein kurzes Wegschauen, ein winziges Zusammenziehen der Lider. Jetzt an Bord erschien Biermann ihm immer mehr wie ein Fremdkörper. Eine Horde junger Männer in braunen Uniformen rannte an Deck an ihm und seiner Frau vorbei, rote Schlaufen um die Oberarme, darauf das Hakenkreuz auf weißem Rund. Einer der Jungs – Müller aus dem Konsulat – rempelte Therese Biermann an und rannte weiter. Der Konsul legte einen Arm um die Schultern seiner Frau. Was der Bengel sich erlaube?

„Wenn es keinen Respekt mehr gibt, Herr Kolbe, wenn Bücher verbrannt und Menschen wegen ihrer Religion auf Kommando gehasst werden, wenn es einfach kein gutes Benehmen mehr gibt, dann ist der Rest nicht weit.

Vielleicht ist das Auswärtige Amt eine der letzten Inseln – denn das Internationale muss ihm ja zueigen sein, der Austausch, die Sprache.“ Er ballte die Faust, sie war groß und runzlig.

„Es ist doch unser Land. Um Himmels willen.“ Therese Biermann griff in seine Jacketttasche, zündete ihm eine Zigarette an und reichte sie ihm. Er streichelte ihre Wange. Sie hätte noch ihren Stock, sagte sie.

„Es tut uns sehr leid wegen Ihrer Tochter. Aber manchmal ist es ganz erstaunlich, wie Kinder sich in Situationen hineinfinden können. Ihre Katrin ist ein Prachtmädchen. Machen Sie sich nicht zu viele Sorgen, Herr Kolbe.“

Fritz ließ die beiden in ihrer Einigkeit allein und sie waren ihm sepiafarben wie ein altes Foto. Er hatte die von ihm ersehnte Stelle in Afrika durch Biermanns Engagement bekommen – sie hatten schon in Spanien zusammengearbeitet und Biermann hatte Fritz immer wegen seines Arbeitseifers geschätzt. Sonntagmorgens trafen sie sich auf dem Gran Plaza, im Herzen Madrids, spielten Schach und unterhielten sich. Von Biermann lernte Fritz viel über die Geschichte der Diplomatie. Sprache sei Feinarbeit, Verträge müsse man auswendig lernen, dem anderen gegenüber großmütig sein. Diplomatie sei keine Pauke, sondern eine Oboe.

„Und manchmal ist sie Lüge“, sagte Fritz.

„Sprache, Herr Kolbe, Sprache.“

Als er an der Heckreling stand und auf die weiße Spur des Schiffes sah, stellte Petersen sich zu ihm und riet, den Hut wieder aufzusetzen, bei seinem dünnen Haar. Fritz verstand nicht, warum der Mann immer wieder Kontakt zu ihm suchte. Er bekomme gerne viel Sonne ab, sagte Fritz, die gehe einem direkt bis ins Herz.

„Das Herz muss jetzt kalt und hart sein, Herr Diplomat.“

„Geben Sie Gedankenfreiheit.“

„Was ist das für ein dämlicher Spruch?“

„Schiller. Ein deutscher Dichter. Deutsch, verstehen Sie? Schiller! Schon einmal von ihm gehört?“

„Natürlich weiß ich, wer Schiller ist.“

„1620 geboren.“

„Ich weiß es!“

„Scheren Sie sich zum Teufel.“

Petersen blieb an der Reling stehen, Fritz ging. Noch über eine Woche würde er die Kabine mit diesem Mann teilen müssen, nachts seinen Atem hören, sein Grunzen und morgens merken, wie er auf beide Hände gestützt Fritz anstarrte. Er musste etwas in sich finden, wohin er sich zurückziehen konnte, den Wal, die Funkcodes in Carlsroupes Händen. Katrin. Er sprach einen holländischen Matrosen an, der ihn wütend fragte, was er wolle, es gebe genug Nazis an Bord, die meinten, Befehle erteilen zu dürfen.

„Ich bin kein Nazi“, sagte Fritz. Er wolle lediglich fragen, ob es an Bord so etwas wie einen Liegestuhl gebe. Den würde er sich nachts gerne an Deck stellen. Bitte, sagte Fritz. Komfortabel müsse das nicht sein – nur irgendeine Schlafgelegenheit. Er bitte ihn von Herzen.

Je näher der Dampfer dem Nordatlantik und der Nordsee kam, desto mehr Männer trugen Uniformen. Fritz fragte sich, woher die Leute die hatten. Auch am Äußeren der wenigen Frauen an Bord meinte er Veränderungen festzustellen, hatte es in Kapstadt noch den leger geöffneten oberen Blusenknopf gegeben und hier und da offenes Haar, war jetzt jede Bluse bis oben hin geschlossen, das Haar haubengleich streng am Kopf. Auch Müller trug eine braune Uniform, die an seinen knochigen Schultern schlotterte und sich im Wind zu stark bewegte. Sah Fritz ihn an, blickte Müller weg.

Tagsüber ließen sich die holländischen Matrosen kaum noch an Bord blicken. Fritz hörte, in dem kleinen Speisesaal sei es zu Auseinandersetzungen gekommen, weil jemand ein Hitlerporträt aufgehängt und einer der Matrosen es wieder abgenommen hatte. Heute gehört uns Deutschland und auch schon dieser Scheißkah-ha-han.

Die Biermanns zogen sich in ihre Kabine zurück. Fritz schaute ab und zu bei ihnen vorbei. „Was ist das nur dort draußen?“, fragte Frau Biermann. Der Konsul saß am Fenster und sah auf den scheibenglatten Ozean hinaus. Biermanns Gesicht war bewegungslos und zur Hälfte beleuchtet, es wirkte wie ein Porträt.

„Ich verlasse mich auf Ihre Worte, Herr Konsul. Wir können etwas tun.“

Das Porträt wandte sich ihm zu. Fritz hielt seinem Blick nicht stand, er sah auf die vergilbte Weltkarte an der grünen Kabinenwand. Afrika im Osten, die dürre Meerenge von Gibraltar, Portugal und Spanien, beide dem Faschismus verfallen, Frankreich, der enge Kanal nach Großbritannien. Deutschland kam dem einsamen holländischen Frachter immer näher, es griff nach ihm.

„Herr Konsul Biermann?“ Das Porträt blieb Porträt. Als Fritz gehen wollte, sagte Biermann seinen Namen.

„Es tut mit leid, Herr Kolbe, wegen des Telefonats. Ich hätte Sie nicht anschreien dürfen. So etwas tut man nicht.“ Es war kalt und klar nachts an Deck. Das Meer rauschte, wie es noch rauschen würde, wenn der Krieg noch weitere Stücke der Welt zerhackt hätte. Der Schiffsmotor schaufelte ohne Unterlass. In Ermangelung einer Mütze trug Fritz seinen Sonnenhut zum Schlafen. Etwas Hartes stieß gegen seinen Fuß und er drehte sich in dem durchhängenden Liegestuhl ein wenig zur Seite. Es stieß erneut und murrende Geräusche drangen in seine Schwere. Fritz öffnete die Augen. Die dunklen Silhouetten mehrerer Männer drohten.

„Der Diplomat“, sagte einer. Fritz erkannte die Stimme von Petersen. Vor dem tiefblauen Himmelshintergrund wirkten die Männer riesig. Fritz setzte sich auf. Jemand trat von der Seite gegen den Liegestuhl, Holz knackte und Fritz musste sich am kalten Boden abstützen. Er schlug die Decke zur Seite und wollte aufstehen. Zwei Hände stießen ihn zurück.

„Wir haben dich im Auge, Arschloch“, sagte die Dunkelheit.

„Noch eine einzige Dummheit von dir, Freundchen …“, sagte eine andere Dunkelheit. War das Müller?

„… und du gehst über Bord.“

Der Liegestuhl wackelte wieder, Holz splitterte, Fritz suchte nach Halt. Wieder ein Tritt. Fritz versuchte aufzustehen, wurde zurückgestoßen, das hölzerne Gerippe des Stuhls drückte ihn.

„Wir werden es dir schon beibringen.“

„Sag es! Sag Heil Hitler. Los.“ Das war Petersen.

Der Stuhl knackte, eine Böe wischte kalt über Deck, Schulterlinien waren milchweiß im Mondlicht.

„Sag es!“ Er hätte keine Überlebenschance, niemand würde ihn hören und selbst wenn, verschwände sein Kopf viel zu schnell in der Nacht und dann würde er schwimmen, ein Zug sinnloser als der nächste. Das Letzte, was er hören würde, wäre wahrscheinlich das höhnische Lachen Petersens.

„Sag es!“

„Heil Hitler“, sagte er. Hass und Scham wirbelten in ihm, Selbstverachtung und Angst. Die Männer lachten leise, eine dunkle Gestalt legte die Hand auf die Schulter einer anderen.

„Noch mal!“

„Heil Hitler.“

„Der Diplomat kann es. Sieh an, sieh an.“

„Wir kriegen dich schon“, sagte Petersen. Nach beiden Seiten hin wurde der Blick auf den Nachthimmel wieder frei, letzte Lacher verwehten im Wind. Eine der Gestalten war dünn. War das Heinz Müller aus dem Konsulat? Fritz’ Brust wurde zusammengedrückt, er zitterte. Nie zuvor in seinem Leben war er so gedemütigt worden. Er war klein und feige. Er klammerte sich an die Reling und atmete tief ein und aus. Aber ich lebe, dachte er. Er sah sich nach allen Seiten um. Er war alleine, seine Muskeln so weich, dass er zitterte.

„Hitler“, zischte er. Der Wind wehte dunkel, das Meer rauschte und sprang die Bordwand an. Manchmal klangen die Wellentäler, als rissen sie das Maul auf.

„Nazis.“ Alleine sein, dachte er. Alleine – das war der Beginn einer Lösung. Er fluchte und schlug auf die Reling. Schweine, verfluchte Schweine. Feiglinge. Gruppengroßmäuler.

Er drückte auf die Lehnen des Liegestuhls, es schien nichts gebrochen. Fritz setzte sich, zog den Trost der Decke um sich und sah in den schwarzen Himmel mit den dunkelblauen Schlieren und den weißen Nadelstichen der Sterne. Die Stimmen brannten in ihm, seine Worte brannten.

Er fluchte, sprang aus dem Liegestuhl und tastete sich durch das dunkle Schiff zur Kabine der Biermanns. Fritz hämmerte an die Tür. Er schämte sich für dieses Benehmen und hämmerte erneut. Ein Lichtstreif glühte am Boden auf, Konsul Biermann öffnete einen Spalt. Er hatte sich das Haar gekämmt.

„Herr Kolbe, was ist denn passiert? Um diese Zeit?“

„Wir können etwas tun? Sie haben das gesagt. Wir können etwas tun? Oder?“

Mit Daumen und Zeigefinger strich Biermann sich über den Schnurrbart. Er sah sich nach seiner Frau um und flüsterte, er komme an Deck. Fritz solle auf ihn warten.

Zurück in der kalten Nachtluft bettelte er darum, Petersen möge alleine an Deck erscheinen, nicht wieder im feigen Bett einer Gruppe von Großmäulern. Alleine. Dann würden sie boxen. Fritz kannte solche Gedanken und Gefühle nicht, nicht in diesem Maße. Er hörte das vertraute Klock Klock des Stocks von Biermanns Gattin.

„Ich wollte Sie nicht stören, Frau Biermann, verzeihen Sie.“

„Ist schon gut, Herr Kolbe. Aber, nun, mein Mann braucht Ruhe. Er kann jetzt nicht mit Ihnen reden. Er wünscht Ihnen eine gute Nacht – so viel davon noch übrig ist.“ Die kleine Frau drehte sich um und ging wieder. Fritz rief ihren Namen.

„Nein, Herr Kolbe. Nein. Es tut mir leid. Schlafen Sie jetzt. Schlaf ist gut.“

Nirgends an Bord der „Louisiana“ konnte er alleine sein. Was hätte er für eine eigene Kabine gegeben, ganz gleich, wie klein und dreckig die auch gewesen wäre. Petersen und dessen Kumpane beäugten ihn, manchmal folgten sie ihm über die Außendecks, Schulter an Schulter, lachend, auf einer Welle fundamentaler Sicherheit. Es war nicht auszuhalten. Fritz wollte sie fertigmachen, jeden Einzelnen von ihnen. Er sagte kein Wort. Heinz Müller beobachtete ihn, das helle, spitze Gesicht ausdruckslos.

Die Biermanns sah er nicht mehr an Deck und er klopfte auch nicht mehr bei ihnen an. In Deutschland würde er die Braunweins haben, Käthe und Walter, sein alter Freund Eugen Sacher lebte in der brüchigen Sicherheit der Schweiz – ansonsten kannte Fritz kaum noch jemanden in seiner alten Heimat, zu dem er würde Kontakt aufnehmen können. Vielleicht würde er im Amt ein, zwei Leute finden, mit denen er sich anfreunden konnte. Er konnte unmöglich der Einzige sein, der so dachte, wie er.

Manchmal stand er mit verschränkten Armen an der Reling und sah Frauen hinterher, die Schatten lang und schräg auf den Decksplanken. Er hatte lange nicht geliebt. In Kapstadt hatte er während eines kleinen Empfangs in der britischen Gesandtschaft die Gattin von Carlsroupe kennengelernt, eine rothaarige, grünäugige Engländerin aus Cornwall. Ein Herd guter Laune. Sie unterhielten sich lange an diesem Abend, lehnten an der Wand, tranken kühlen Sekt und auf dem Heimweg dachte er, sie hätten ein wenig geflirtet, mit gesenktem Blick, mit kleinen Zweideutigkeiten. Einige Tage später rief er sie an, dann sie ihn. Sie redeten über die Stadt und den Tafelberg, das Meer und die Sonne und über die neueste Mode. Alltag und Arbeit gab es nicht. Sie verabredeten ein Treffen in einem Café auf der Darling Street und saßen lange im Schatten der Markise und tranken Whisky. Ihre Finger berührten sich. Fritz war aufgeregt und unsicher, er fragte sich, was Katrin von Mrs. Harriet Carlsroupe halten würde und ihm wurde klar, dass er Carlsroupe mochte, der Mann war ein durch und durch netter Kerl. Harriet und er fuhren in Fritz’ offenem Wagen ans Meer hinab und spazierten mit hochgekrempelten Hosenbeinen durch den nassen Sand. Ganz plötzlich schlang Harriet die Arme um seinen Hals und küsste ihn. Es war wie ein Sprung, eine Plötzlichkeit, ein kurzes Fallenlassen. Er umarmte sie. Das alles dauerte eine halbe Minute, dann drückte sie ihn weg, strich ihm eine der dünnen Strähnen aus der Stirn und schüttelte den Kopf.

„Das wäre Verrat, Fritz. Das geht nicht.“

Er sah zu Boden, dann an ihren Beinen empor über Bauch, Brust, Hals in ihr Gesicht.

„Fritz, es tut mir leid, aber ich kann nicht. Unter anderen Umständen …“, sagte sie.

„Die haben wir aber nicht“, sagte Fritz.

„Lass uns zurückfahren. Und niemals und zu niemandem ein Wort darüber. Dieser Kuss, dieser Moment hier, der bleibt für immer unter uns. Das ist das Beste.“

„Harriet, wir …“

„Es geht nicht, Fritz.“

„Geht nicht immer mehr als man denkt?“

Harriet lachte mit weit offenem Mund in den Wind hinein. „Fritz Blauauge“, sagte sie und band sich die tobenden Locken zusammen.

„Es ist schön, wenn das ganz bei uns bleibt“, sagte Fritz. „Danke für den Kuss.“

„Sehr gern geschehen.“

Er verfluchte das Schiff, das ihn unbeirrbar Meile für Meile Deutschland und den roten Naziflaggen näherbrachte und ihn gleichzeitig immer weiter von Katrin wegzog. Wenn Petersen und seine Leute ihn bedrängten, wich er aus, bis seine Scham so groß wurde, dass er sich anders entschied. Kamen sie auf einem der ausgetretenen Außendecks auf ihn zu, blieb er stehen und hörte sein Herz pochen.

Die Männer sahen ihn an, murmelten, lachten und zogen weiter. Sie würden jetzt noch mal zum Kapitän gehen, sagte Petersen über die Schulter hinweg, und ihm sagen, er solle die Reichsfahne hissen. Ob er mitkommen wolle – als Diplomat müsse er doch gut sein in solchen Dingen.

Nach wenigen Minuten kamen die Männer die fleckigen Stahlstufen zur Brücke wieder hinab. Fritz sah unter vorgehaltener Hand nach dem Flaggenmast. Kein Hakenkreuz.

„Strategischer Rückzug?“, fragte er. Petersen kam auf ihn zu, die Lippen zusammengepresst.

„Sei bloß vorsichtig.“ Er wollte Fritz mit dem Finger auf die Brust klopfen, aber Fritz wischte seine Hand weg.

„Ich hab deinen Namen und deine Adresse, Sommer. Pass bloß auf.“ Er winkte seinen Kameraden und sie gingen weiter an Deck entlang, einer trat wütend vor eine Luke, die zu den Unterkünften der holländischen Matrosen führte. Warum hatte er Petersen jetzt doch provozieren müssen? Er konnte ihm nicht aus den Weg gehen, er kam nicht weg von diesem Schiff. Zu den Biermanns konnte er nicht gehen, es war ihm unmöglich, die alten Leute darum zu bitten, ihn in ihrer Kabine aufzunehmen, obwohl sie das sicher getan hätten. Er holte sich im provisorischen Speisesaal einen Teller dicke Erbsensuppe, aß an Deck, dem Wind den Rücken zugekehrt und wagte dann den Weg hinauf zur Brücke. Der Wachtposten vor der Tür schwang einen Knüppel. Fritz hob die Hände und sagte, er müsse den Kapitän sprechen, es sei dringend.

„Noch so einer?“

„Nein. Verzeihung, nicht noch so einer. Ein ganz anderer. Es geht mir nicht um eine Flagge oder Ähnliches. Bitte, sagen Sie dem Kapitän, dass ich ihn sprechen muss.“ Der Matrose klopfte an die Tür mit dem runden, messinggerahmten Bullauge. Er flüsterte mit jemandem, dann kam der Kapitän heraus. Er hatte einen runden festen Bauch. Fritz schilderte ihm seine Situation, dass er die Kabine nicht weiter mit diesem Barbaren teilen wolle, dass sein Leben bedroht werde. Er könne nicht mehr an Deck im Liegestuhl schlafen. Es müsse irgendein anderer Ort für ihn gefunden werden, es sei ihm ganz gleich, was oder wo.

„Und dann spionieren Sie auf meinem Schiff herum?“

„Spionieren? Ich? Nein, Herr Kapitän. Bitte. Die bringen mich um. Die schmeißen mich über Bord.“

„Wäre einer weniger“, sagte der Matrose.

„Bitte. Ich bin aus dem Auswärtigen Amt. Ich wende mich an Sie in einer internationalen Angelegenheit.“ Fritz hatte es so satt. Erst zwangen ihn diese Banausen, Heil Hitler zu sagen und jetzt stand er hier in der Sonne und musste mit zusammengekniffenen Augen zu diesem Mann emporschauen, dessen Gnade er ausgeliefert war. Der Kapitän trug keine Uniform, lediglich eine abgeschabte Jacke mit Goldlitzen. Er sagte etwas in den Brückenraum hinein und Fritz hörte jemanden lachen. „Ist Hitler scheiße?“, fragte der Kapitän. „Ja“, sagte Fritz.

„Würden Sie das jetzt auch laut an Deck zu Ihren Landsleuten sagen?“

„Nein. Sie?“

Der Kapitän grinste, sein grauer Bart bewegte sich.

Der Passagier Fritz Kolbe alias Karl Heinz Sommer verschwand im Gestank, Lärm und Schatten des Maschinenraumes der „Louisiana“. Es gab kein Fenster, es roch nach Öl und Kohle und säuerlich nach Diesel oder was immer hier in den schlagenden Maschinen benutzt wurde. Fritz wusste es nicht. Aus einer Serviette rollte er Stöpsel für seine Ohren. Es wunderte ihn, wie wenige Männer im Maschinenraum arbeiteten. Die meisten ignorierten ihn, bis er anfing, sie nach holländischen Vokabeln und einfachen Sätzen zu fragen oder danach, an welcher der mit Dämmmaterial umwickelten Deckenleitungen er Klimmzüge machen dürfe. Nachts wagte er sich hin und wieder an Deck, die weißen, rostfleckigen Außenwände der „Louisiana“ schimmerten, die Bodenplatten lagen matt und wie aus Staub geformt. Er sah in den Sternenhimmel und überlegte, wo die geliebte Sonne jetzt stehen musste. Er lebte in Dunkelheit. Zwei der holländischen Seeleute brachten ihm morgens, mittags und abends etwas zu essen. Sie sagten, er sei ein seltsamer Vogel. Sie sagten, die Situation auf dem Schiff werde immer angespannter, wie ein Fluch scheine Deutschland nach der guten alten Tante „Louisiana“ zu greifen. Aber wenn einer hier der Chef sei, dann ihr Kapitän. Dem könne man nicht ans Bein pinkeln. Ein Scheißpack, diese Deutschen. „Nicht alle“, sagte Fritz.

Schon nach einem Tag hier unten meinte er, anders zu riechen als sonst. Er durfte den Waschraum der Matrosen benutzen, ihre Seife, die aussah wie marmoriert. Trotzdem war ihm, als läge ein Hauch von unabwaschbarem Öl auf seiner Haut. Hatte er draußen die Sonne und die pralle Luft über dem Meer gehabt, atmete er hier etwas, das nicht gesund sein konnte. Trotz allem fühlte Fritz sich wohl in seinem hämmernden Verlies und dem Alleinsein. Durch einen der Matrosen ließ er den Biermanns eine Nachricht zukommen: Er habe sich zurückgezogen. Fritz ahnte nicht, wie lange dieser Zustand anhalten würde.

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