Kolbe
9. Geheimmarlene
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Geheimmarlene
Sie standen und hockten Schulter an Schulter, Kopf an Hüfte, sie umkrallten sich, versuchten sich zu schützen vor etwas, das die Stadt und die Menschen fraß. Sie starrten im Luftschutzkeller unter dem Adlon-Hotel an die Bunkerdecke, als könnten ihre Blicke sie vor dem Einsturz bewahren. Fritz konnte nach der Angst im Bunkerlärm greifen. Ein Greis schimpfte mit erhobenem Zeigefinger. Er habe es doch gesagt. Und wenn die Phosphorbomben kommen, dann würde die Luft brennen. Im zuckenden Licht sah Fritz Marlene einige Meter entfernt an die Wand gepresst. Sie hielt sich die Hände an die Wangen, die Ellenbogen wie festgezurrt am Oberkörper. Von Günther kniete bei seiner Frau und den beiden Töchtern. Sie hatten ihn im Büro besucht, von Günther war einer der wenigen, die sich so etwas erlaubten. Er strich den beiden Mädchen über das matte Haar, sah ab und zu seine Frau an, und die Angst fand viel Platz in seinem breiten Gesicht. Fritz roch Urin und verfaulte Äpfel, einige Soldaten rauchten Zigaretten, die Tabakglut war die einzige leuchtende Farbe hier unten zwischen den Staubgestalten. Er drängte sich zu Marlene hindurch. Sie war blass wie das rieselnde Betonpuder.
„Es tut mir leid“, sagte er gegen die Wucht der Bombenhammerschläge. Ein gnadenlos naher Schlag schüttelte den Bunker, grollte und grub glühende Zähne ins Gemäuer. Schreie hallten. Jemand jammerte, sie würden alle lebendig begraben werden. Fritz legte die Hände links und rechts von Marlenes Gesicht an den bebenden Beton. Marlenes Nasenrücken glänzte, ihre Lippen waren trocken und spröde. Die Tränen in ihren Augen waren grau und trüb vom Dreck.
„Die sollen doch aufhören.“ Ihre Stimme schwankte. Er beugte sich ganz dicht an ihr Gesicht.
„Willst du, dass die Nazis den Krieg gewinnen, Marlene?“ Die Bunkerwelt schaukelte wie ein Schiff im Sturm und drückte Fritz gegen die Frau, er spürte, ihren schweißfeuchten Körper und ihr Haar. Er senkte den Kopf auf ihre Schulter. Wenn er in einer dieser Bombennächte sterben würde, wäre alles umsonst gewesen. Niemand würde je von ihm erfahren und Katrin bliebe den Rest ihres Lebens im Ungewissen. Er musste überleben. Seine Geschichte musste überleben. Marlene musste überleben. Weiter hinten im Bunker krachte es, in Sekundenbruchteilen wurde es schwarz um sie herum, dünne Stimmen schrien um Hilfe, Streichhölzer flackerten auf und schüchterne Kerzenflammen. Fritz spürte, wie Marlene ihre Arme auf seinem Rücken verschränkte und ihn fest an sich presste. Wie lange waren sie alle nicht umarmt worden? Er legte eine Hand auf ihren Nacken, fühlte die Haut auf den beiden Muskelsträngen am Hals und den Haaransatz.
„Ich muss dir etwas sagen, Marlene. Etwas Wichtiges. Etwas Gefährliches.“ Der Druck ihrer Arme wurde fester. Er hatte wieder einen Fehler gemacht. Gar nichts würde er Marlene sagen. Nichts.
Die Bombeneinschläge wurden leiser. Es wurde ruhiger im Bunker, der Gestank von Fäkalien schlich durch Staub, Schweiß und Atem, irgendwo stritten Stimmen um einen Wassereimer. Die kratzigen Worte des Greises drangen durch das Chaos. „Wir sind alle verraten worden.“ In der Dunkelheit hörte Fritz ein ungewöhnliches Geräusch, als falle ein Sack um. Er konnte es nicht genau erkennen, aber er meinte gesehen zu haben, wie jemand dem alten Mann in den Magen geschlagen hatte.
Sie würden noch bleiben müssen, warten, damit die Feuer sie nicht fraßen, wenn sie die Stahltür entriegelten. Jeder wusste, was sie dort draußen erwartete.
Von Günther trat neben sie und wischte sich Dreck von der schweißverklebten Stirn.
„Ich sage doch immer, dieses Amt hat viele gute Seiten, ja. Sie sind doch die Assistentin dieses Professors, oder? Im Luftschutzbunker, Kolbe, alle Achtung.“ Die beiden Mädchen klammerten sich an von Günthers Beine und Fritz hockte sich zu ihnen und fragte nach ihren Namen und sagte, irgendwann werde das alles vorbei sein.
„Aber es gibt gar keine Spielplätze mehr“, sagte eines der Mädchen.
„Wir bauen ganz viele neue“, sagte Fritz.
„Heil Hitler“, sagten die Mädchen.
Von Günther rieb sich die Angst von den Wangen. Sei immer schlimm für die Kinder, flüsterte er Fritz ins Ohr. Fritz solle froh sein, keine Kinder zu haben.
Die ängstliche, stinkende Menge bewegte sich langsam zu den Bunkerausgängen, um ins Ungewisse hinaufzusteigen. Marlene nahm Fritz’ Hand. Sie gingen nicht durch den unterirdischen Gang ins Amt zurück wie von Günther und andere Beamte und Angestellte.
Fritz sah nur kurz nach den Leichen, den Fetzen, den letzten Umarmungen zwischen Mutter und Kind. Er las Marlenes Augen, in denen sich wogender Feuerschein widerspiegelte. Löschwagen versuchten einen Weg zwischen den rauchenden Trümmern zu finden, zerquetschte Kochtöpfe und Stühle und all die anderen normalen Absurditäten, die aus rauchenden Häusern geschleudert worden waren. Das Brandenburger Tor stand dunkel und gesplittert, weiter im Norden loderten Flammen zwischen Himmel und Erde hin und her, die Luft brannte. Ein rußschwarzer Mann mit angesengtem Haar kam auf sie zu, er trug ein totes Kind, Arme und Waden pendelten. „Guten Abend, Jaschke, das ist meine Tochter.“ Er ging weiter, redete den nächsten an. „Jaschke, guten Abend. Verzeihen Sie. Das ist meine Tochter.“ Ein Strick legte sich um Fritz’ Hals, sein Herz war trocken, konnte seine blutige Arbeit nicht verrichten. Der Mann ging weiter durch Feuerschein und den stinkenden Müll des Krieges und verschwand in der Dunkelheit. „Um Himmels willen.“ Fritz griff nach Marlenes Oberarm.
„Ich schmuggele Geheimakten aus dem Amt zum amerikanischen Geheimdienst in Bern.“
„Was?“
„Ich spioniere für die Amerikaner.“
Marlene drückte ihn weg. Die krachenden Feuer in der Stadt atmeten Luft, ein heißer Wind schlug über den schwarzen Platz vor dem Adlon.
„Was redest du da?“
Marlene sah nach dem brennenden Himmel im Norden und im Osten, sie sah auf die aufgewühlte Bühne des Krieges mit ihrem Schmier und Dreck und beendeten Leben. Sie schlug Fritz mit der Faust vor die Brust.
„Ich weiß“, sagte er. Etwa hundert Meter weiter sackte ein Haus zusammen und warf eine Staubwolke in den Nachthimmel, gelb vom Feuerschein, wallte auf, floss weg in die verschüttete Straßenschlucht. Im Gerippe des Nebenhauses wüteten grelle Flammen, stießen aus Fenstern und Türen.
Weitere Löschfahrzeuge und Ambulanzwagen rumpelten vorbei, stellten sich schräg in Löcher und auf Schutt, Soldaten liefen mit schepperndem Kampfgeschirr und verschwanden im Rauch.
„Ich bring dich heim“, sagte Fritz. Marlenes linke Gesichtshälfte wurde immer wieder hell, wenn die Flammen aufwallten und den Dreckhimmel in Brand setzten. Die aufgehende Sonne bettelte hinter Rauch.
„Rühr mich nicht an“, sagte Marlene. „Du bist vollkommen von Sinnen. Wie konntest du mir das sagen? Die bringen uns beide um.“
Sie ging und Fritz wusste, es war besser, ihr jetzt nicht in die knisternde Nacht mit dem Feuersog zu folgen. Schon nach wenigen Metern verschmolz sie mit der dicken Luft. Das Letzte, was er von ihr sah, war der flackernde Schemen eines Taschentuchs, das sie sich vors Gesicht drückte. Marlene verschwand in einer menschenfressenden Stadt. Fritz trottete heim. Er verschloss die Augen, wenn er an Straßen vorbeikam, deren Asphalt geschmolzen war und jetzt wieder aushärtete und aus dem sich Gliedmaßen bogen, er hielt sich die Ohren zu, wenn Menschen mit bloßen Händen meterhohe Trümmerberge versuchten abzutragen und nach anderen Menschen schrien, die da irgendwo eingedrückt waren. Er kam an Bäumen vorbei, die so oft Fackeln gewesen waren, dass sie armdünn und trocken wie Stein waren. Er sah nicht nach den Leichenteilen, über die er stolperte, nicht nach dem, was Höllenhitze aus Körpern gemacht hatte. Er versuchte zu summen, Beethoven, Freude schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium. Wie können wir uns gegenseitig so etwas antun?
Er sah Marlene über eine Woche lang nicht. Einige Kollegen tauchten nicht mehr im Amt auf, von vielen wusste man nicht, wo der letzte Angriff sie verschlungen hatte. Müller sagte, die Vergeltung der deutschen Luftwaffe werde fürchterlich sein, heil Hitler. Von Günther sinnierte in Fritz’ Büro mit drei Fingern an der Stirn, ob ein solcher Angriff etwas „Großes“ sei. Man müsse abstrahieren, Fritz müsse verstehen, abstrahieren – das sei eine der Wurzeln der Volksbewegung. Das einzelne Konkretum stehe nicht obenan. Es sei kompliziert, eine komplizierte, interessante Materie.
Wie vollkommen bescheuert bist du eigentlich, sagte Fritz nicht. Er sagte gar nichts.
Als er Marlene wiedersah, ging sie grußlos an ihm vorbei, nickte kurz und umging eine an die Flurwand gelehnte Leiter. Ein Angestellter drehte Schrauben in die Wand, um das abgefallene Hitlerporträt wieder aufzuhängen. Alles in Fritz zog Marlene hinterher, wollte sie umschlingen. Er wartete vor dem Büro von Frau Hansen, bis Marlene herauskam.
„Kann ich mit dir reden? Bitte.“
Sie drängte an ihm vorbei, ihre Schulter berührte die Wand. Fritz ging ihr hinterher und griff nach ihrem Arm.
„Marlene, bitte.“
„Willst du mich umbringen?“ Ihre Stimme zischte, zwei Uniformierte sahen sie an.
„Heute Abend, Marlene. In dem Café, in dem wir zum ersten Mal beieinander saßen. Um acht. Bitte.“
„Und wenn die dir schon auf den Fersen sind, werde ich gleich mit verhaftet.“
Fritz sah den Flur entlang, winkte einem Kollegen aus dem Judenreferat zu und versuchte, Marlene in die Augen zu sehen. Er schaffte es nicht.
„Heute Abend. Bitte. Marlene.“ Ohne darauf zu achten, ob sie jemand beobachtete, schlug sie ihm eine Faust vor die Brust und ging.
„Herr Kolbe, können Sie mir bitte das Bild des Führers anreichen?“, fragte der Mann auf der Leiter. Fritz sah zu ihm hinauf. Der Mann hatte den Oberkörper gedreht und streckte ihm die Hände entgegen. „Herr Kolbe?“ Fritz ging in sein Büro.
Die Fassade des Cafés in der Mommsenstraße war fort, ein Schild hing an einem angesengten Balken „Der Ausschank geht weiter.“ Fritz setzte sich an einen Tisch auf dem schuttknirschenden Boden und bestellte eine Flasche Rotwein. „Falls Sie so etwas noch haben“, sagte er. Der einarmige Kellner servierte die Flasche mit zwei unterschiedlichen Gläsern. Fritz war eine halbe Stunde zu früh. Er hoffte.
Marlene kam über den handkarrenbreiten Pfad zwischen Trümmerschrägen und setzte sich schweigend zu ihm. Fritz goss Wein ein und das sprudelnde Rot erschien ihm ungeheuer in der farbberaubten Stadt und den Nebelspuren feinsten Baustaubes, der jede Kante matt machte.
„Der Chef des amerikanischen Geheimdienstes in der Schweiz heißt Allen Dulles. Er hat zwei enge Mitarbeiter: William Priest und Greta Stone. Die Tarnadresse ist Herrengasse 23 in Bern, Zentrum.“
Marlene zündete sich eine Zigarette an und drehte das Gesicht zur Seite, ohne Fritz aus den Augen zu lassen.
„Weißt du, was die mit Menschen wie dir machen?“
„Ich musste es jemandem sagen. Dir. Wem sonst?“
„Himmler, Kaltenbrunner, SS, Gestapo und wie die alle heißen. Erbarmungslose Massenmörder. Bist du verrückt geworden?“
„Ich nicht, nein.“
Marlene lachte bitter. Sie sah nach dem Kellner, der einarmig eine Zeitung auf dem Tresen durchblätterte.
„Und du? Du klaust Akten aus dem Amt? Du kennst Leute vom amerikanischen Geheimdienst? Im Ernst?“
„Ja.“
„Mein Gott, Fritz.“ Marlene legte sich eine Hand vor die Augen und schüttelte den Kopf. Fritz wollte ihr Haar streicheln oder den Zeigefinger an ihre Nasenspitze legen. Er krallte sich am Weinglas fest.
„Er hat zugestimmt“, sagte sie.
„Wer hat wobei zugestimmt?“
„Der Professor. Sie machen Experimente. An Juden in den Lagern. Menschenversuche. Hat er mir erzählt. Er nimmt nicht teil. Aber er hat ein Papier unterschrieben. Es gehe um Wissenschaft.“
„Ich sammle Dokumente über Verbrechen. Wenn die dann alle irgendwann vor Gericht stehen, gibt es hartes Material gegen sie.“
„Ist das nicht komisch? Jetzt sitzen wir hier, niemand belauscht uns, wir können sagen, was wir wollen, wir haben ein Gläschen Wein. So ein kleines Glück. Mein Gott, Fritz, das alles ist so unwirklich.“
„Du hast so eine schöne Nase.“
Sie lachte. Es klang wie jenes erste Lachen, das er von ihr gehört hatte. Klar und hell und ganz ehrlich. Durch die Spannung des Mundes wurden ihre Lippen ganz glatt.
„Fritz Kolbe, was soll ich bloß mit dir machen?“
„Was immer du willst.“
Sie hob die Brauen und sah ihn an.
„Ich muss nachdenken. Über dich. Über uns. Danke für die Einladung.“ Sie sah auf die Straße hinaus. „Ist ja doch schön in Berlin. Alle Achtung.“
„Das wird wieder“, sagte Fritz.
„In welchem Elend wir uns kennenlernen.“
„Aber wir lernen uns kennen.“
Marlene senkte den Kopf, drehte ihn zur Seite und sah ihn aus den Augenwinkeln an. „Ja, das ist das einzig Schöne hier. Wenn ich mit Gisela …“
„Wer ist Gisela?“
„Eine Freundin. Wenn ich mit ihr über uns rede …“
„Du redest über uns?“
„Fritz, sag mal, seit wann unterbrichst du mich denn? Wenn ich mit Gisela über uns rede, dann … das ist immer so komisch: Ein Treffen in Trümmern, ein Streit vor Ruinen. Romantik ist irgendwie anders.“
„Ist sie Nazi?“
„Sie arbeitet in einer Munitionsfabrik. Sie war beim Schwimmen immer die Zweite. Unter der Dusche hat sie mir deswegen auf den Po geklopft. Gisela versteht mich.“
„Rede nicht über uns, Marlene.“
„Sagst du – Plappermäulchen.“
„Ich bin so was von verschwiegen, dass es schon krank ist.“
„Meinst du, Fritz.“
Er sah sie lange nicht. Dann war es ausgerechnet die Folge eines Bombenangriffs, die sie zu ihm trieb. Es klopfte an seiner Tür in einem Moment des Morgens, in dem die Luft langsam abkühlte, Dreck und Staub sich auf die geschundene Stadt legten und die Feuer herunterbrannten. Er schob die Akten zu einem Stapel zusammen und versteckte sie unter der Matratze. Die Müdigkeit verdrängte die Angst, die er jedes Mal empfand, wenn jemand unangekündigt zu ihm wollte. Er öffnete.
Und da stand sie, sagt Fritz. In diesem seltsamen Licht, es war irgendwie immer dunkel in diesen Tagen. Neben ihr auf dem Boden ein altes Betttuch zu einem Sack gebunden. Darin war alles, was sie noch hatte.
Diese Liebesgeschichte ist nicht die, um derentwillen wir hier sind, sagt Wegner.
Herr Wegner, erzählen Sie mal eine Geschichte ohne Liebe. Völlig sinnlos.
Treffer, sagt Veronika Hügel.
Ich will über den Spion Fritz Kolbe schreiben, sagt Wegner.
Diese Reduzierungen von Menschen, sagt Fritz, das funktioniert doch nicht. Das funktioniert nie. Kein Mensch ist nur eins. Ich schon gar nicht. Vielleicht so ein langweiliger Guru, der in der Wüste rumhockt. Aber ein richtiger Mensch? Ein voller Mensch? Mein Name ist Legion, denn wir sind viele – so ähnlich heißt das doch, oder?
Ja, sagt Veronika Hügel. Ich mag das.
Fakten, Herr Kolbe, sagt Wegner.
Fakt war und ist, dass wir verliebt waren. Dass wir begehrten. Das ist kein Privileg der Jugend. Wir sind übereinander hergefallen. Wir haben dem Krieg und der Vernichtung und der Angst Liebesakte entgegengestellt. Fritz zögert. Er hält viel von erotischer Freiheit, aber wenig von Veröffentlichung. Veröffentlichung entzaubert. Seine Spionagegeschichte soll keinen Zauber haben, seine Marlenegeschichte auf jeden Fall.
Fritz sagt, er gehe die versprochenen Schnitzel in die Pfanne hauen. Er hört Wegner noch „typisch“ murmeln. Nach wenigen Minuten in der Küche lehnt Veronika Hügel sich in den Türrahmen, fragt, ob sie helfen könne.
Leisten Sie mir Gesellschaft, sagt Fritz. Ich habe hier oben kaum Kontakt. Das wird wohl noch eine Weile so bleiben.
Außer Marlene?
Außer Marlene, natürlich.
Es ist schön, zu hören, dass das mit der Liebe noch genauso aufregend ist, wenn man – wie soll ich sagen?
Ein paar Jahre mehr auf dem Buckel hat?
Ja. Entschuldigung.
Schon in Ordnung, sagt Fritz.
Fritz hält den Stiel eines Holzlöffels ins Bratenfett, Bläschen bilden sich, das Fett ist heiß genug. Er wendet die rosigen Schnitzel in selbst gemachtem Paniermehl und legt sie vorsichtig in die Pfanne. Es brutzelt und sofort steigt würziger Geruch auf.
Herr Kolbe? Was verschweigen Sie?
Warum sind Sie hier, Fräulein Hügel?
Ich? Oh, ich will was werden. Es gibt kaum eine Frau in der Presse, nicht in der Schweiz, nicht in Ihrem Deutschland. Ich bin eine der ganz, ganz wenigen. Ich leugne nicht, dass ich Unterstützung hatte. Mein Vater, er hatte da ein bisschen die Finger im Spiel. Nachdem Martin – Herr Wegner – dann oft mit Herrn Sacher geredet hat, sprach er mit unserem Chefredakteur, dann mit mir. Er erzählte mir alles, was er über Sie wusste, einerseits durch Herrn Sacher, andererseits durch diesen frühen Artikel, der über Sie erschienen war und seine eigenen sehr intensiven Recherchen. Wie soll ich sagen, Herr Kolbe, ich war ganz aufgeregt. Ein Spion gegen die Nazis. Das hat mich beeindruckt. Ich komme aus einem Dorf. Meine Kindheit, das war der Geruch von Kühen und Enge. Ich möchte interessante Menschen kennenlernen und … Sie formt eine Fingerkamera, sagt Klick.
Wenn man lange genug hinhört, sagt Fritz, werden viele Menschen interessant. Was ist mit Ihrem Kollegen?
Martin? Der mag Biographien. Er sagt, Geschichte wird von Menschen gemacht, nicht von irgendwelchen Zusammenhängen, die Historiker im Nachhinein erkennen wollen. Von Menschen, einzelnen Menschen. Der liest viel, aber wissen Sie was? Nur Biographien. Sonst nichts, fast nichts.
Romane lesen ist gut, sagt Fritz. Das Leben wird besser dadurch. Auch in schlimmen Zeiten.
Aber Sie sind meiner Frage ausgewichen, Herr Kolbe.
Fritz wendet die Schnitzel, die eine Seite ist goldbraun, Partikelchen springen ab. Dazu gibt es Salat, sagt er. Er hat ein Auge auf Sie geworfen, wissen Sie das?
Er ist verheiratet.
Fritz lacht, halb bitter, halb amüsiert. Tut nichts zur Sache, sagt er. Und was war nun die Frage?
Was verschweigen Sie? Uns? Sich selbst?
Er sieht die Frau an. Warum auch immer, schießt ihm der Gedanke durch den Kopf, dass er älter aussieht als er ist. Wen sieht sie jetzt? Ihr Blick wiederholt die Frage. Er will es ihr sagen. Er will. Er schafft es nicht.
„Ich habe keine Wohnung mehr. Das“, Marlene wies auf das dreckige Tuch, „ist alles, was übrig ist. Ein paar Töpfe, Fritz. Kein Buch mehr, kein Bild, meine Lieblingsblumenvase, Geschirr. Die Briefe meines Sohnes.“ Sie schlug sich eine Hand vor den Mund. „Nur ein paar Töpfe.“
„Töpfe sind gut, Marlene.“ Er umarmte sie und sie begann zu weinen. Er brachte sie ins Wohnzimmer, goss ihr eine Tasse Tee ein und legte ihr Schokolade aus der Schweiz auf ein Tellerchen.
„Die beiden schönen Bücher, die du mir aus der Schweiz mitgebracht hast, die sind auch fort.“ Sie schluchzte, sagte nichts mehr, saß da mit hängendem Kopf und er ließ sie, holte die Akten zurück und schrieb weiter. Als sie sich ein wenig beruhigt hatte, fragte er nach ihrer Mutter. Die sei nach Süddeutschland evakuiert worden.
„Ich komme aus München“, sagte sie. „Bin da geboren. Vater und Mutter hatten ein Geschäft für Herrenbekleidung. Eigentlich eher Mutter. Mein Vater war ein Träumer. Er wollte Romane schreiben. Ich mochte das.“
„Und, hat er?“
Marlene lächelte und schüttelte den Kopf. Sie nippte am Tee, aß Schokolade und begann langsam, sich in dem Zimmer umzusehen. Fritz holte einen Stapel Fotos aus der Kommode. „Afrika.“ Marlene sah die Fotos an, verharrte manchmal, drehte die Bilder. Sie klopfte den Stapel auf dem Tisch zum ordentlichen Rechteck. Langsam streckte sie die Finger nach einer der Akten aus, sie drehte sie in ihre Richtung, Fritz sah den Ehering funkeln. Er schob ihr Papier und Stift hin.
„Mein Gott, Fritz.“ Ihre Stimme klang nach Anerkennung und Verzweiflung.
„Es ist das Richtige“, sagte er.
„Französischer Widerstand“, murmelte Marlene.
„Nur das Wichtigste zusammenfassen.“
„Vorgehen von SS und Wehrmacht in Russland. Die Wehrmacht auch?“
„September 1941, Marlene, Babyn Jar, eine Schlucht in der Nähe von Kiew, glaube ich. Da sind über Dreißigtausend jüdische Kinder, Frauen und Männer erschossen worden. Auch von Einheiten der großartigen deutschen Wehrmacht. Generalfeldmarschall von Reichenau. Er begrüßte die Maßnahmen und bat um radikales Vorgehen. Die Auseinandersetzungen darüber, dass dafür zu viel Munition verbraucht wurde, halten heute noch an.“
„Maßnahmen? Radikales Vorgehen?“
„Ja.“
„Aber, Fritz, wenn du … wenn du jetzt U-Boot-Routen weitergibst und die Amerikaner oder Engländer versenken solch ein Boot?“
„Ja“, sagte er. „Ja, genau so ist das.“
Er war diesem Gedanken bisher meist ausgewichen. Jetzt sah er wieder die kinderhafte Bartlosigkeit des Jungen, der ihn an der Wolfsschanze gefahren und dem er ein sinnloses „Passen Sie auf sich auf“ hinterher gerufen hatte. Die tödlichen Folgen seines Handelns trat er fort in dunkle Verliese seiner Seele, und er wusste, dass sie eines Tages hervorkommen, jedoch nicht was sie dann mit ihm tun würden.
„Damit kommst du klar?“
„Nein.“
„Aber du tust es?“
„Ja.“ Er hielt sich fest an diesem kurzen Wort, hielt sich fest daran, dass es war, wie es war.
„Niemals ein Wort über Kartographieeinheiten, Fritz. Nicht ein Wort! Mein Mann ist Kartograph.“
Er schob Zettel und Stift weg und sah Marlene an. Wäre ihr Mann doch schon vor Jahren umgekommen, so wie Hunderttausende andere in diesem Krieg. Er legte seine Hand auf ihre.
„Versprochen“, sagte er.
„Ehrenwort?“
„Ja.“
„Keine Informationen über …“
„Ja, Herrgott.“
„Er ist mein Mann, Fritz.“
„Dein anderer Mann.“
Sie sahen sich an. Marlene drehte an ihrem Ehering. War sie wegen des Krieges hier? Was wollte eine so attraktive energische Frau wie Marlene Wiese von einem zu klein geratenen, bieder aussehenden Mann wie ihm? Sie hatten zu wenig Zeit und zu wenig Raum.
„Es ist so schön, dass du hier bist, Marlene.“
Sie lächelte und legte die Hände so ineinander, dass das Blinken des Eherings verborgen war.
„Und was machst du da?“
„Wie, was ich da mache?“
Marlene tippte auf das Papier. „Schönschrift ist nicht deine Stärke.“
Nach einer halben Stunde schloss sie die Augen. Sie habe nichts mehr anzuziehen, murmelte sie, auch nicht für die Nacht. Er holte eines seiner Hemden. Marlene zog sich aus. Er sah sie zum ersten Mal nackt. Sein Begehren war leise und sanft. Sie streifte das Hemd über und er trat vor sie und schloss die Knöpfe über ihrer Brust und dem Bauch, beim untersten Knopf spürte er ihr Schamhaar. Als sie sich nach dem Zähneputzen über das gesprungene Waschbecken beugte, glänzte die Haut auf ihrem Po. Er brachte sie ins Schlafzimmer. „Schön hast du es hier“, sagte sie. Fritz deckte sie zu und streichelte ihr Haarsträhnen aus dem Gesicht.
„Wenn du nachher kommst, dann halte mich fest.“
„Ganz sicher“, sagte er.
Sie schlief auf der Seite, die Beine an den Bauch gezogen. Fritz zog sich aus und stieg vorsichtig ins Bett. Er schmiegte sich an ihren hellen Rücken und wusste nicht, wohin mit seiner Erregung. So lange und tief er sich auch nach Liebesakten gesehnt hatte, wollte er diese verängstigte Frau nicht mit seiner Erektion belästigen. Er legte ihr vorsichtig einen Arm um die Brust, den Kopf an ihren Nacken und schob seinen Unterleib von ihr fort. Unmöglich, so zu schlafen. Er nahm seinen Schwanz und drückte ihn in die Wärme zwischen Marlenes Schenkeln. Sie bewegte sich, murmelte etwas und drehte das Gesicht tiefer ins Kissen. Fritz drückte sich fest an sie. Er spürte sein Herz und unter seiner linken Hand das Herz von Marlene Wiese in der Schattenfalte zwischen Brust und Rippen.
Er hatte verschlafen, seit über einer Stunde hätte er im Amt sein müssen. Er lief in die Küche und blieb abrupt stehen. Marlene stand nackt am Ofen, sie trug seine Filzhausschuhe. Ihr Haar war ungezähmt, der Blick noch nicht wach, die lachsfarbenen Brustwarzen kühl und klein. Fritz sah sie an. Seine Augen waren voller Sehnsucht, jener Schwester des männlichen Blickes. Er wollte dieses Bild festhalten, es sollte nicht weggehen.
„Ich könnte stundenlang hier stehen bleiben“, sagte er. „Tagelang.“
Sie lächelte, ruhig, zufrieden, vielleicht sogar glücklich. Sie habe etwas Kaffee gefunden, sagte sie und reichte ihm eine Tasse. Die Oberseiten ihrer Finger am Porzellan glänzten, der Glanz ihrer Haut zog sich an ihrem angespannten Arm hinauf, auf die Schulter, das Schlüsselbein und die Außenseite ihrer Brust, an den Rippen entlang auf ihre Hüfte und die Oberschenkel.
„Gehst du noch etwas später?“, fragte sie.
Sie hatte Fältchen in den Augenwinkeln und wenn sie lachte, sichelten tiefe Falten in ihre breiten Wangen, ihr Kieferknochen war hart abgesetzt, die Haut über ihren Schlüsselbeinen straff gespannt. Ihre Brustwarzen streckten sich ihm entgegen, wenn er sie küsste. Sie hatte ein Bäuchlein mit tiefem dunklem Nabel, einer Höhle in ihr Inneres. Ihre Scham roch nach Fleisch und Lust. Am linken Knie zog sich eine lange grobe Narbe, ihre Zehen waren groß. „Sind die nicht furchtbar?“, fragte sie.
„An dir ist gar nichts furchtbar“, sagte er. Er küsste sie auf den Mund und ihre Augen waren sich ganz nah. Das Blau von Marlenes Augen war gesprenkelt mit schwarzen Pünktchen. „Ich will der Atem sein, der durch deine wundervolle Nase gleitet“, sagte er.
„Hab ich eine wundervolle Nase?“, fragte sie.
„Hast du“, sagte er. Sie bat ihn, ihre Zigaretten zu holen. Heute werde sie sich um dieses administrative Zeug kümmern. Sie würde die Charité als ihre neue Adresse angeben, der Professor hätte nichts dagegen und sie habe dort alles, was sie brauche. Sie wolle nicht bei anderen Menschen wohnen – bei ihm, das ginge ja nun nicht. „Weil du verheiratet bist?“, fragte Fritz. Sie blies Rauch aus.
„Ich habe ihn betrogen. Wir hatten uns versprochen, so etwas käme nie vor. Das wollte ich nicht.“
„Mit mir wolltest du das.“
Sie drückte ihn weg, bis ihre Arme steifwaren. Er stemmte sein Gewicht gegen sie, kniff die Augen zusammen, weil er ihren Blick nicht ertragen hätte und er spürte, wie ihre Ellenbogen nachgaben, ihre Arme weich wurden. Er sank gegen sie und so blieben sie, still, atmend.
Einige Minuten später zogen sie sich an. Fritz beobachtete, wie Marlene ihren BH falsch herum um den Brustkorb legte, den Verschluss zuhakte, den BH drehte und die Arme durch die Träger schob, ihre Brüste wurden angehoben und verschwanden dann hinter dem weißen Stoff.
„Ich will nichts tun, das schlecht für dich ist. Niemals“, sagte er.
„Hast du schon, Fritz.“
Von Günther stand in Fritz’ Büro, Aktenrechtecke in der Hand.
„Sie sind zu spät, Kolbe.“
„Das ist mit so peinlich“, sagte Fritz.
„Stopp.“ Von Günther knallte die Akten auf den Schreibtisch, ein kleiner Windstoß bewegte Zettel.
„Unser Führer Adolf Hitler“, begann von Günther und dann rauschte wieder eine Rede über Größe, Willen und über die riesige konkret-abstrakte Maschine der Moderne an Fritz vorbei. „Sie sind ein treues Rädchen in dieser großen, mächtigen Maschine. Das müssen Sie begreifen.“
„Jawohl, Herr Botschafter.“ Wie er es hasste. Sein Herz brodelte. Von Günther wippte auf den Fersen. Er atmete laut aus, das schwere, verantwortungstragende Ausatmen eines wichtigen Mannes.
„Sagen Sie mir nur eines, Kolbe, hat das eventuell mit dieser Frau zu tun?“ Von Günther formte zwei Bälle vor seiner Brust. Du Mistkerl, dachte Fritz. Er konnte Marlene ohnehin nicht mehr verheimlichen, nachdem von Günther ihn mit ihr im Luftschutzbunker gesehen hatte.
„Frau Wiese ist ausgebombt.“
„Sie ist bei Ihnen? Vorübergehend?“
„Jawohl.“
Von Günther lachte. „Aber nicht noch einmal, Kolbe. In Ordnung? Von mir wird niemand etwas erfahren.“
„Vielen Dank.“
„Die Frauen, ja. Gut, hören Sie zu. Diese Akten hier sind für von Lützows Sekretär, Weygand. Nur für ihn. Er wird Sie in Bern am Bahnhof abholen, Sie geben ihm diese Unterlagen – den Rest wie gehabt. Zu von Lützow kein Wort darüber, verstanden?“
„Jawohl. Ist irgendetwas nicht in Ordnung?“
„Kann ich Ihnen nicht sagen, Kolbe. Dürfte ich gar nicht. Will ich auch nicht.“
„Ja, natürlich. Weiß man übrigens, warum Havermann verhaftet worden ist, Herr Botschafter?“
„Hat Feindsender gehört. Seine Tochter hat es gemeldet.“
„Die eigene Tochter?“
„Dieses Mädchen hat bereits eine Ahnung von Größe. Danach hat es gehandelt. Das ist gut.“
„Havermann hat Musik gehört.“
„Feindsender.“
„Musik hat keine Nationalität.“
„Wie bitte? Kolbe, sind Sie verrückt? Das will ich nicht gehört haben, Mann. Was ist denn los mit Ihnen?“
Nach so vielen Jahren allein in der Wohnung war es seltsam, die Wohnungstür zu öffnen und zu wissen, dass Marlene auf dem Sofa sitzen und etwas lesen oder in der Küche ein karges Mahl kochen würde. Marlene hatte bei einer Spende am Gendarmenmarkt einige Kleider bekommen – früher hatte sie einen jüdischen Schneider für Näharbeiten beauftragt, aber der war längst fort samt seiner Familie und sie nähte die Röcke, Jacken und Blusen selber um. Liebling habe die Schneiderfamilie geheißen, sagte sie. Eltern, zwei Kinder. „Ich konnte nichts für sie tun, Fritz.“
Es war der letzte Abend vor seiner zweiten Reise nach Bern und als er ins Wohnzimmer kam, streckte sie die Hand aus. Jeder Tag konnte der letzte sein, jede Nacht, jede Berührung. Dieser Gedanke war nichts Neues im Krieg, aber so alt und oft ausgesprochen er auch sein mochte, er verlor keinen Funken an Aktualität. Vielleicht war das die Überschrift ihrer aller Leben geworden. Nachdem sie miteinander geschlafen hatten, erzählte er ihr von Katrin und sie ihm von ihrem toten Sohn.
„Er war so ein schöner Junge. Er hätte doch leben sollen.“ Fritz nahm sie in den Arm.
„Furchtbar, wenn die Kinder vor den Eltern sterben müssen“, sagte Marlene. Fritz hätte ihr gerne etwas Schönes gesagt, sie aufgeheitert. Aber wie sollte das funktionieren?
„Wir machen die Verantwortlichen fertig, Marlene. Wir schaden ihnen, wo wir nur können.“
Am nächsten Morgen half sie ihm, die dünnen Papiere um seine Waden zu binden. Ihre Hände zitterten. Ob das nicht zwicke an all den Haaren dort an seinen Beinen? Sie lachte unsicher.
„Wenn die dich fassen …“, sagte sie. „Ich will nicht in deren Hände geraten, Fritz. Ich will nicht. Ich will leben.“
Marlene zog eine Schublade auf und nahm ein Fleischmesser heraus. Sie stand da, groß und kräftig, das dicke Haar offen, die Nase etwas gerötet und Fritz wusste nicht, was er sagen sollte. Er nahm ihre Hand mit dem Messer und streichelte sie.
„Ich bringe die Akten jetzt gleich wie befohlen zur Vernichtung, lasse abzeichnen, alles ganz normal und nach Vorschrift.“
„Du träumst.“
„Von einer besseren Welt, ja.“
Sie umarmte ihn, er spürte das Messer an seinem Rücken und ihre Brüste an seiner Brust.
„Bringst du wieder Schokolade mit?“
Er lachte. „Ja“, sagte er, „das werde ich machen.“
„Ich komme nicht zum Bahnhof, Fritz. Wir verabschieden uns hier.“
Sie umarmten sich wieder, das Messer fiel und Fritz hörte es in die Dielen dringen.
„Auch Schinken, Fritz? Was meinst du? Oder ein bisschen Käse?“
„Ich liebe dich“, sagte er. Von der Tür aus sah er sich nach ihr um. Sie stand in der Küche, das kalte Licht kam von links und neben Marlene im Boden steckte das Messer, die Klinge grau und glänzend. Er stellte den Koffer ab, ging zurück und küsste ihre Lippen.
„Jetzt wird es noch schwerer, nach Bern zu fahren“, sagte er. „Und besser.“
„Beides?“
„Ja“, sagte Fritz. „ Das scheint so zu sein im Leben.“
Von seinem Büro im Amt aus rief er Käthe Braunwein an. Sie meldete sich müde und leise.
„Käthe, wohin soll Walter geschickt werden?“
„Weißt du noch, als wir wandern waren? Im Allgäu? Damals im Frühling, als die großen Allgäuer Wiesen voll waren mit Blumen und …“
„Käthe! Käthe – wohin?“
„Ach, Fritz.“
Fritz fluchte. Er hätte schreien können.
„Käthe, hör zu, ich …“ In diesem Moment klopfte jemand an die Tür. „Ja ja, rein“, rief Fritz. Es war Heinz Müller in schlotternder Uniform. Fritz hielt eine Hand auf den Hörer.
„Was, Müller?“
„Heil Hitler. Ich habe hier einige Fernschreiben für Botschafter von Günther.“
„Ja, schön, legen Sie sie hin. Ich kümmere mich.“
Der junge Mann legte die Papiere auf Fritz’ Schreibtisch, salutierte und ging wieder. Fritz wartete, bis die Tür geschlossen war.
„Käthe, wohin geht Walter?“, schrie er. Die Tür wurde wieder aufgestoßen. Müller starrte ihn an.
„Was jetzt noch, Müller? Und klopfen Sie gefälligst an.“
„Ich habe Sie schreien hören, Herr Kolbe. Mit wem reden Sie denn da?“
„Raus!“ Er presste sich den Hörer ans Ohr, spürte die Hände der Männer an Bord der Louisiana wieder. Er wusste immer noch nicht, ob Müller unter ihnen gewesen war. Fritz kratzte sich an der Wade mit den Akten. Gab es einen Hinweis auf Walter Braunwein?
„Käthe, bitte …“
Sie hatte aufgelegt.
Unter falschem Namen rief Fritz in der Außenstelle an, in der Walters Büro untergebracht war. Ohne Umschweife fragte er nach Herrn Braunwein, wurde aber unfreundlich abgewiesen.
An seiner Wade bogen sich Todesurteile.
Der Posten am Bahnhof in Basel war derselbe wie bei Fritz’ erstem Gang über die Grenze. Heute hatte der Mann dunkle Ringe unter den Augen, er war schmaler geworden, außerdem meinte Fritz deutlich mehr Soldaten unter dem dunklen Dach des Bahnhofs patrouillieren zu sehen als beim letzten Mal. Der Mann vor ihm in der Reihe hatte sich nach ihm umgeblickt und den Diplomatenpass in Fritz’ Hand gesehen. Er sei auch aus dem Amt? Das sei ja ein Zufall, da arbeite man in Berlin im selben Ministerium und sei sich noch nie begegnet. Er gehe für zwei Tage nach Zürich, Ruhe und Erholung in der Schweiz, ob das nicht wundervoll sei. Er reichte dem Posten seine Papiere, drehte sich noch einmal nach Fritz um und lachte. Etwas zu laut, fand Fritz. Der Posten schlug sich mit den Papieren auf die Handfläche und winkte zwei Soldaten heran.
„Gehen Sie mit den Männern.“ Der unbekannte Kollege sah sich irritiert nach Fritz um, die Augen blank vor Angst. Besser du als ich, dachte Fritz. Der Posten nahm Fritz’ Pass und Visum aus der Hand und blätterte eine Liste durch.
„Sie haben die Grenze schon einmal passiert, Herr Kolbe?“
„Jawohl.“
Der Posten zeigte auf Fritz’ Aktentasche. Fritz stellte sie auf den Tisch und zog die Dokumente hervor. Der Posten hielt sich eines der Siegel dicht vor die Augen, schob die anderen Akten auseinander und las noch einmal den Vermerk über den Weitertransport der Kiste nach Bern. Fritz spürte sein linkes Knie zittern und hoffte, dass das durch die weite Hose nicht zu sehen war. Obwohl ein kalter Wind durch die Bahnhofshalle wehte, begann er zu schwitzen und fühlte die ölige Ausdünstung einer Lok auf seinen Kleidern. Würde er jetzt auch in dieses Häuschen geführt, wäre es aus. Während der Safari mit Braunwein hatte er von ihrem Jagdführer gelernt, einem wilden Tier nie in die Augen zu sehen. Was war mit einem wilden Menschen? Wehr dich, dachte er, wenn es passiert, dann wehre dich. Das ist das Letzte, das du tun kannst.
„In Ordnung.“ Der Posten gab ihm seine Papiere, hielt sie aber zurück, als Fritz sie nehmen wollte.
„Bilden Sie sich darauf bloß nichts ein, Herr Kolbe.“
Fritz fraß es. Es widerte ihn an, sich ständig solche Dinge anhören und schlucken zu müssen. Ich könnte kotzen, dachte er. Dieses Schweigen drohte ihn umzubringen.
Auf dem Bahnsteig in Bern stand Weygand an einem Stahlträger. Er trug Uniform, seine Stiefel waren auf Hochglanz poliert. Zwei Männer in unbeweglichen Ledermänteln äugten dicht hinter ihm. Als er Fritz aus dem Zug steigen sah, ging er sofort zu ihm und hielt die Hand auf.
„Die Akten für mich!“
Fritz gab Weygand die Papiere, von denen Gehlen und von Günther gesagt hatten, die seien nur für ihn. Offensichtlich befriedigte Weygand das, selbst bei diesem kurzen Zusammentreffen, der Mann wirkte deutlich selbstbewusster.
„Kein Wort darüber“, sagte Weygand und winkte die beiden anderen hinter sich her. Nach wenigen Metern drehte er sich noch einmal zu Fritz um. „Über gar nichts, Herr Kolbe.“ Fritz antwortete nicht, steckte die Hände in die Hosentaschen und dachte daran, wie Frau von Lützow Weygand in die Brust gekniffen hatte. Er wettete mit sich, der gnädigen Frau gefalle es, dass Weygand jetzt Uniform trug.
Mit dem Fahrer der Gesandtschaft sorgte Fritz dafür, dass die Kiste in den Willadingweg gebracht wurde, danach ließ er sich am Hotel Justicia am Bubenbergplatz absetzen. Er bekam dasselbe Zimmer wie bei seinem ersten Aufenthalt. Er verschloss die Tür und zog die Vorhänge zum Platz und zum Denkmal zu. Während seines ersten Aufenthaltes in Bern war er so nervös gewesen, dass ihm der steinerne bewaffnete Mann inmitten des Platzes gar nicht aufgefallen war. Fritz setzte sich aufs Bett, schob die Hosenbeine hoch und löste die Schnüre. Er ging sämtliche Notizen durch, fand aber nichts, das mit Walter hätte in Verbindung gebracht werden können. Er legte die dünnen Blätter mit seinen Aufzeichnungen zu einem sauberen Stapel zusammen, faltete sie zwei Mal und steckte sie in die Innentasche seiner Jacke. Den Lageplan der Wolfsschanze schob er in die Außentasche. Fette Regentropfen zerplatzten am Fenster und der Bubenbergplatz mit dem Denkmal glänzte grau und nass, wie aus Blei gegossen.
Im Hotelrestaurant aß er Hackbraten. Dazu gab es Kroketten, Sauce und Salat. Mein Gott, Marlene, dachte er und stellte sich vor, sie würde hier neben ihm sitzen und er könne ihr zusehen, wie sie ein solches Mahl verspeiste. Wann hatte sie zum letzten Mal ein Stück Fleisch gerochen oder gar gegessen, gespürt wie das Messer hindurchging?
Von einer Telefonzelle aus rief er eine Nummer an, die Dulles ihm gegeben hatte.
„Ja?“
„Ich rauche keine Zigaretten.“
„Ich hätte auch kein Feuer für Sie.“
„In Rom gab es ewig brennende Feuer.“
„Was wollen Sie?“
„Hier ist Wood. Ich muss mit Dulles sprechen.“
„Augenblick … Heute Abend, einundzwanzig Uhr, derselbe Zugang wie beim letzten Mal.“
Fritz hängte ein. Er ging ins Hotel zurück, nahm ein Bad und ließ dann den Wagen der Gesandtschaft rufen. Er hätte gerne gewusst, was da gespielt wurde und warum man von Lützow überging.
Er saß mit von Lützow und Weygand im großen Büro und sah Hitler immer wieder in die Augen. Ich hab dich, dachte er und tastete nach der Skizze der Wolfsschanze in seiner Jacke. Weygand sprach von der Vernichtung des internationalen Judentums und des Bolschewismus und wieder dachte Fritz, dass diese Gesellen immer und immer und immer das Gleiche sagten, einer wie der andere. Sie sprachen nach, was Hitler ihnen vorsagte. Das, was einen Menschen zum Menschen machte, war tot und verbrannt: Der eigene Gedanke. Fritz war kein kluger Mann, er war mittelmäßig gebildet, aber aufmerksam, neugierig und er hatte ein phänomenales Gedächtnis. Wenn er mit Konsul Biermann über Literatur oder Musik geredet hatte, war er immer beeindruckt gewesen, wie viel dieser Mann wusste, und er hörte ihm aufmerksam zu und lernte. Einmal hatte Biermann in einem Café in Madrid mit ihm über die griechische Dramatik geredet, über Antigone, jenes Theaterstück, das Fritz’ Vater sich so gerne hatte vorlesen lassen. Biermann hatte von Katharsis geredet und Fritz sich geschämt, das Wort nicht zu kennen. Am Abend schlug er es in seinem einbändigen Lexikon nach. Reinigung und Läuterung der Seele nach oder trotz Leid und bitterster Not – ein Sieg der Moral, manchmal ein Bezahlen mit dem Leben. Katharsis – Tue das Richtige und habe keine Angst.
Von Lützow erschien Fritz irritiert über Weygands offensives Verhalten und darüber, dass der Mann so viel redete. Er lächelte ihn freundlich an und sagte: „Dem Führer ist an einem dauerhaften Frieden gelegen. Das ist es, was er eigentlich will. Noch bei seiner Rede zum Heldengedenktag im März 42 hat er das ganz deutlich gesagt.“
„So weit ist es noch lange nicht“, sagte Weygand.
Am späten Nachmittag kehrte Fritz zum Hotel zurück, zog sich den Mantel über und ließ sich einen Stuhl vor die Tür auf den Bubenbergplatz stellen. Es hatte aufgehört zu regnen, ein kalter Wind strich über das Kopfsteinpflaster und wohin Fritz auch sah, nirgends hing eine Naziflagge. Er musste lachen, als er daran dachte, vielleicht doch einmal eine Zigarette zu probieren. Marlene sagte, rauchen sei Genuss. Genuss war immer gut – und hatte grundsätzlich nicht zwingend etwas mit Gesundheit zu tun. An der Rezeption besorgte Fritz sich eine Zigarette. Katrin würde bestimmt mit ihm schimpfen.
Er schaffte es nicht, den Rauch einzuatmen. Er paffte, aber das war nicht so schlecht, Tabak schmeckte gut, hatte ein bisschen etwas von Kaffee. Dann sah er auf der anderen Seite des Platzes einen Mann, der zu ihm herüberblickte. Als Fritz ihn anstarrte, ging der Mann nach rechts über den Platz und verschwand in der nächsten Gasse, gleichzeitig tauchte an der Häuserecke links von Fritz ein anderer Mann mit Hut und hochgeschlagenem Mantelkragen auf. Er gab sich keine Mühe, sich zu verbergen. Männer von Dulles? Männer, die überprüfen wollten, ob er noch von anderen beschattet wurde? Fritz drückte die Zigarette aus. Was hatte Priest gesagt? Es gebe immer ein Team, das er bemerken würde und ein zweites, das unentdeckt bliebe? Über die Laupenstraße kam eine schwarze Limousine auf den Platz, das hintere Fenster wurde heruntergekurbelt. Weygand sah ihn an, dann stiegen die beiden Männer aus, die mit ihm am Bahnhof gewesen waren. Sie gingen in verschiedene Richtungen über das Kopfsteinpflaster, sahen sich um, betraten Seitengassen, kamen aus anderen wieder hervor, setzten sich ins Auto und fuhren wieder.
Fritz verließ das Hotel in die Dunkelheit hinaus und ging nach Norden Richtung Aare. Der Fluss rauschte laut und transportierte mehr Wasser als im Sommer. Am Ufer entlang ging Fritz bis auf Höhe des Rathauses und bog ins Stadtzentrum ab, hielt immer wieder an und sah sich um. Manchmal änderte er die Richtung und drückte sich einige Minuten in einen Hauseingang. Die Herrengasse war dumpf beleuchtet, gelb und schattig. Er bog ab zum Hintereingang der geheimen OSS-Zentrale, blieb vor dem Gartentor einige Minuten stehen und trat ein, als er sich sicher war, nicht beobachtet zu werden.
Priest stand in der Tür.
Dulles und Greta Stone saßen in Dulles’ Büro, im Kamin bewegten sich niedrige blaurote Flammen, Reste verbrannten Papiers lagen wie Schatten am Stein. Wie beim letzten Mal trug Dulles einen grauen Anzug und rauchte Pfeife. Greta Stones Bluse hatte die Farbe frischen Schnees, die Frau wirkte ungeheuer selbstbewusst. Fritz zog ohne ein Wort der Einleitung den Lageplan der Wolfsschanze aus der Tasche, faltete ihn auseinander und legte ihn vor Dulles auf den Schreibtisch.
„Das ist Hitlers Hauptquartier. Die Wolfsschanze. Bombardieren Sie, Mister Dulles. Töten Sie ihn. Rufen Sie sofort an.“ Fritz notierte die Koordinaten auf einen Zettel und schob ihn über den Tisch.
Dulles sah zu Greta Stone hinauf, Stone sah auf den Plan, Priest trat hinter den Schreibtisch und beugte sich über das Papier mit Fritz’ Kringeln, Pfeilen und Namenseintragungen.
„Schöne Grüße aus Berlin“, sagte Fritz. Er fühlte sich gut.
„Es ist schwierig, Mister Wood“, sagte Dulles.
„Es gibt nur ganz, ganz wenige Männer in Washington, die von Ihnen wissen. Ihre Informationen, Mister Wood, sind als Capa eingestuft – geheimer als geheim“, sagte Greta Stone. „Das ist doch schon mal etwas.“
Sie kreisten ihn ein. Er wusste genau, dass sie eingeschworen und klug waren, oder gab es auch unter ihnen Misstrauen?
„Sie haben die V2-Anlage bombardieren lassen, das war ein Erfolg. Und die Messerschmitt-Werke haben Sie ebenfalls exakt getroffen. Durch meine Informationen.“
„Woher wissen Sie vom Erfolg?“, fragte Priest.
„Direkt aus dem Amt.“
„Ach nein“, sagte Priest.
„Hören Sie, Sie schmeißen ohnehin tonnenweise Bomben auf Deutschland. Warum jetzt nicht dorthin?“ Er stieß mit dem Zeigefinger auf den Lageplan. „Ich habe dieses Schwein dort gesehen. Hauen Sie ihn weg, verdammt noch mal.“
Dulles rieb sich den Schnurrbart, Greta Stone goss ihnen allen Whisky ein.
„Was würde Sie denn von meiner Aufrichtigkeit überzeugen?“, fragte Fritz.
„Es ist absurd, wenn jemand wie Sie genau davon überzeugen will, finden Sie nicht?“, fragte Priest.
„Sie Scheißkerl.“
„Vorsicht“, sagte Priest.
„Sagt wer? Ein Amerikaner, der in Bern sitzt und mich angeht? Wenn ich erwischt werde, bin ich tot, Mister Priest. Wenn Sie hier auffliegen, geht es ab nach Amerika. Was wollen Sie?“
Dulles legte Priest eine Hand auf den Unterarm.
„Dieser Whisky hier verlangt nach Vernichtung“, sagte Greta Stone. So hatte Fritz sich das nicht vorgestellt. Er kippte den Whisky hinunter und hielt Greta Stone das Glas hin. Sie lachte, zuckte die Achseln und goss ihm nach.
„Ich will eine Pistole haben“, sagte Fritz.
„Wofür?“, fragte Priest.
„William“, sagte Dulles ruhig. Priest verließ das Büro und kam kurz darauf zurück. Er legte einen kurzläufigen Revolver auf den Schreibtisch und stellte drei graue Packungen Munition dazu.
„Wissen Sie, wie man mit einer Waffe umgeht, Mister Wood?“
„Keine Sorgen, Mister Priest“, sagte Fritz. „Ich war einige Jahre vor dem Krieg mit Walter Braunwein auf Safari. Ich habe einen Büffel und einen Löwen geschossen.“ Wie leicht es war, Lügengeschichten zu erzählen und wie schnell er das mittlerweile konnte. Einige Sekunden lang glaubte er selbst, was er gerade gesagt hatte. Er roch das Schussloch im Schädel des Tieres.
„Einen Löwen, aber sicher“, sagte Priest.
„Es ist gut jetzt, Gentlemen“, sagte Dulles. „Was haben Sie noch für uns, Mister Wood?“
Fritz zog die Papiere aus der Innentasche.
„Die Leuna-Werke in Berlin. Pläne eines Mannes namens Eichmann zur weiteren Ermordung von noch mehr Juden. Und hier, ein Geheimsender nahe Dublin. Die Einschätzung der amerikanischen Flottenverbände im Pazifik durch die Japaner.“
„Das ist interessant“, sagte Dulles. „Washington fragt, ob Sie mehr Informationen bezüglich des pazifischen Raumes liefern können.“
„Ich denke, man glaubt mir nicht.“
Dulles lächelte und stopfte die Pfeife. „Glauben. Nicht glauben. Der britische MI6 hat vor Pearl Harbor ein Team nach Amerika eingeschleust, um Falschinformationen zu verbreiten. Die USA sollten zum schnelleren Kriegseintritt verleitet werden. Ein Verbündeter, der gegen seinen Partner arbeitet – so ist das, Mister Wood. War das Verrat? War das Betrug oder ist das eine Form von Aufrichtigkeit gewesen?“
„Die Dinge sind kompliziert“, sagte Greta Stone.
Fast zwei Stunden lang gingen sie das Material durch, das Fritz nach Bern geschmuggelt hatte. Priest und Stone machten sich Notizen, ab und zu verließ einer von ihnen das Büro und telefonierte. Sie besprachen die Ergebnisse der letzten Informationen von Fritz, den bedrohten Funkcode, den Agenten in Ankara.
„Was ist aus dem Mann geworden?“, fragte Fritz.
„Haben wir umlegen lassen“, sagte Priest, ohne von den Aufzeichnungen hochzusehen.
„Wie?“, fragte Fritz.
„Keine Ahnung“, sagte Priest.
„Wenn ich jemanden aus Berlin rausbringen will, kann derjenige dann hier Unterschlupf finden?“
„Nein“, sagte Priest.
„Dafür haben wir keine Ressourcen, Mister Wood. Nicht im Moment“, sagte Dulles. „Wie ist Ihre Situation im Amt?“
Fritz erzählte von der Verhaftung Havermanns und von dem Verhör.
„Wenn Sie verhört werden, Mister Wood“, sagte Dulles, „sehen Sie dem Verhörenden in die Augen oder schauen Sie zu Boden. Aber nicht nach links oder rechts. Nicht zu den Seiten. Das ist Flucht. In die Augen ist offensiv und erweckt Vertrauen, nach unten kann Sammlung bedeuten. Aber nie zu den Seiten.“
„Wie ist es in Berlin?“, fragte Greta Stone. Fritz sah den qualmgrauen Mann mit seiner toten Tochter auf ihn zukommen. Jaschke, das ist meine Tochter.
„Brechen die Angriffe den Willen des Volkes?“, fragte Priest.
„Die Menschen haben es satt. Sie wollen das alles nicht mehr. Aber von einem Massenaufstand gegen das Regime sind die Deutschen weit entfernt. Die haben andere Sorgen, ganz ganz andere. Die Vernichtung Hitlers muss von außen kommen, militärisch.“
„Würden Sie Hitler erschießen, wenn Sie ihm nahe genug kämen?“, fragte Priest.
„Nein.“
„Warum nicht, Mister Wood?“
„Weil ich dann anschließend tot wäre.“
„So weit reicht es dann doch nicht, hm?“
„Erschießen Sie ihn doch, Mister Priest.“
Fritz und Priest sahen sich an. Fritz’ schlagfertige Antwort – die ihn selbst überrascht und glücklich gemacht hatte – machte Eindruck auf den Mann. Priest deutete ein Nicken an.
„Könntet ihr diese Kleinjungenspiele lassen“, sagte Greta Stone. „Ich koche jetzt Kaffee und besorge Schokolade. Sie nehmen Milch und Zucker im Kaffee, richtig, Mister Wood?“ Bevor Fritz antworten konnte, schickte Dulles Priest und Greta Stone mit einer Kopfbewegung hinaus.
„Es bleibt das gleiche Problem, Mister Wood“, sagte Dulles. „Ihre Informationen sind so gut, so geheim, dass fast groteskes Misstrauen herrscht. Ich habe dafür gesorgt, dass nur ein winziger Kreis Zugang zu Ihrem Fall hat. Präsident Roosevelt weiß von Ihnen.“
„Der Präsident?“
„Er ist skeptisch – nicht so wie William, aber skeptisch. Außerdem funkt uns immer wieder der MI6 dazwischen, irgendetwas in dem Laden stimmt nicht. Wooldrige, Sie erinnern sich? Der hiesige Chef der Briten, der, der bei Ihrem ersten Besuch angerufen hat und so erbost war, dass seine Männer Sie haben ziehen lassen? Nun, Wooldrige ist ein Profi, ein erfahrener, umsichtiger Mann. Seit Monaten treffen wir uns ab und zu, er meint, der Laden in London sei von einem Doppelagenten unterwandert. Nicht von einem Deutschen, er vermutet von jemandem, der für die Russen arbeitet. Er vermutet, dieser Mann, wenn es ihn denn geben sollte, wolle Sie für sich haben – für die Bolschewisten. Der Krieg ist für Deutschland verloren, Mister Wood, Hitler ist geschlagen – aber danach? Eine Quelle wie Sie? Es ist heikel. Sie müssen sich darüber klar sein, dass auf höchster Ebene Gerüchte über Sie im Umlauf sind. Das ist nicht gut. Wenn es irgendwo ein Leck gibt, Gott bewahre. Mister Wood, wissen Sie irgendetwas, auch wenn es nur ein Hauch ist, über deutsche Agenten in London oder gar Washington?“
„Nichts.“
„Aus unseren psychologischen Einschätzungen über Hitler schließen wir, dass Kapitulation für diesen Menschen nicht infrage kommt. Wie sehen Sie das, Mister Wood?“
„Bombardieren Sie die Wolfsschanze, Mister Dulles.“
Dulles lehnte sich zurück und sah die zugezogenen Vorhänge an. „Diese Person, die Sie gerne aus Berlin herausbringen würden – wer ist das?“
„Sie heißt Marlene.“
Dulles lächelte und hob die mörtelfarbenen Brauen. Marlene – wie dieser Name für Sekunden den Krieg und das Misstrauen verdrängen konnte. Marlene – wenn Fritz sie hier wüsste, ganz gleich, unter welch ärmlichen Verhältnissen auch, wenn sie nur hier wäre, in Bern, in der guten Luft, unter dem bombenfreien Himmel. Und dann noch seine Katrin. Fritz schluckte die Sehnsucht und den Druck in den Augen weg.
„Es muss doch eine Möglichkeit geben, die Frau da rauszuholen.“
„Warten wir es ab, Mister Wood.“
„Ich habe nie etwas verlangt.“
„Geduld. Abwarten. In Deckung bleiben.“
„Weygand aus der Gesandtschaft beobachtet mich.“
„Der Schwachpunkt dort ist von Lützow. Weygand ist gefährlicher, vermuten wir jedenfalls. Nehmen Sie sich in Acht, Mister Wood.“
Erst langsam wurde ihm klar, was Dulles erzählt hatte: Der amerikanische Präsident wusste von ihm und vielleicht ein britischer Doppelagent, Gerüchte um den Namen George Wood schlichen über teppichweiche Flure im Weißen Haus und durch Whitehall in London.
„Der Fluss darf nicht abreißen“, sagte Dulles. „Wir haben eine weitere Tarnadresse eingerichtet. Eine Eleonor Pfäffli, Brückenstraße, Bern Marzili. Sie haben sie hier kennengelernt und schreiben ihr ab und zu. Morgen Nacht wird man Sie in Geheimschriften einweisen, Buchstaben- und Zahlencodes, unsichtbare Tinte und andere Tricks.“
„Ich kann nicht allzu viel über die Post machen“, sagte Fritz.
„Was können Sie uns über die Russen sagen?“
Fritz schob die Blätter auseinander. „Die Wehrmacht verübt massenweise Verbrechen im Osten. Hier sind einige Hinweise von einem Mann namens Reinhardt Gehlen.“
„Fremde Heere Ost?“, fragte Dulles.
„Ich habe Gehlen persönlich kennengelernt.“
„Wie schätzen Sie ihn ein?“
„Kalt. Intelligent. Seiner Sache ganz verschrieben.“
„Nazi?“
„Durch und durch.“
„Er ist mittlerweile General, richtig?“
„Warum interessieren Sie sich so für Gehlen?“
Dulles winkte ab, sog an seiner Pfeife, guckte irritiert, als er merkte, dass sie erloschen war und legte sie weg.
„Eine Frage noch für heute – ich denke, danach brauchen wir alle unseren Schlaf. Haben Sie je etwas von einer Alpenfestung der Deutschen gehört? Tiefe Bunker, Versorgungskanäle, Funkeinrichtungen? Ein fast autarkes System in den österreichischen und schweizer Alpen?“
„Nein. Noch nie davon gehört. Haben Sie Leute in Südwestafrika? Wegen meiner Tochter?“
„Dieses Feld bespiele ich nicht, Mister Wood. Halten Sie Augen und Ohren offen. Wir sehen uns morgen um einundzwanzig Uhr, einverstanden?“
Fritz steckte die Pistole in die Jackentasche und die Munitionspäckchen in die großen Taschen des Mantels.
„Bombardieren Sie“, sagte Fritz. „Töten Sie ihn.“
In dem anderen Büro saßen Greta Stone und Priest über Fritz’ Papiere gebeugt, sie rauchten, Luft floss grau und es roch nach Kaffee.
„Gutes Material, Mister Wood“, sagte Greta Stone und stand auf, um sich von ihm zu verabschieden. „Ihr Kaffee ist kalt geworden“, sagte sie. Auch Priest erhob sich, einen von Fritz’ Zetteln in der Linken.
„Schönschrift ist nicht Ihre Stärke, was?“
„Ein Mann wie Sie kommt sicherlich damit zurecht.“
Priest sah ihn wieder durchdringend an, das konnte er, aber diesmal schien er nachdenklich, irgendetwas arbeitete in ihm. Aber er behielt es für sich, das wunderte Fritz nicht.
Die Nacht war schwarz, sternenlos und lag kalt auf den Mauern, und er hörte seine Schritte auf dem Kopfsteinpflaster. In Washington musste es jetzt etwa sechs oder sieben Stunden früher sein, Abendstimmung, und er fragte sich, ob in diesem Moment jemand dem Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika ein Capa-Dokument von George Wood vorlegte. Verrückt. Die Welt wurde immer größer um ihn herum, aber er war nicht mehr klein. Er wusste, dass bald schon amerikanische B17- oder britische Lancaster-Bomber ihre tonnenschwere Last über der Wolfsschanze ausschütten würden. Rennen und quieken würden sie, die Nazis, sterben und für immer von der Erde verschwinden. Seine erste Mission war schon erfolgreich gewesen, jetzt würde sie gekrönt werden von Krach und Explosionen. Hitlers Reich würde implodieren, von einem riesigen, saugenden Krater verschluckt und ein neues Deutschland würde entstehen, ein gutes Deutschland. Und er, Fritz Kolbe? Er würde einen hübschen Posten im Außenministerium bekommen, er würde helfen, die diplomatischen Beziehungen wieder aufblühen zu lassen, er würde Katrin holen und Marlene Wiese heiraten und nie wieder ohne sie frühstücken. Mein Gott, dachte er im gelben Schein einer Laterne am Bubenbergplatz, Berlin ohne Krieg, wenn der Himmel nicht dem grollenden, metallenen Höllenspiel der Bomber vorbehalten war, wenn aus den kariösen Unterkiefern der Trümmer wieder schöne Häuser gewachsen wären, die Straßen wieder voller Menschen und Autos und ohne eine einzige rote Fahne mit schwarzem Hakenkreuz. Er war nie mit Marlene über eine intakte Straße spaziert, er kannte nur die Marlene der Trümmer und des Gestanks. Ich tue das Richtige, dachte er. Er schellte den Nachtportier an die Tür und lud ihn zu einem schönen großen Whisky ein.
Am nächsten Vormittag saß er eine Stunde in der Gesandtschaft, um mit einigen Beamten die verschärften Zollbestimmungen der Schweiz zu besprechen. Dann schickte Weygand ihn hinaus.
Er ging vom Willadingweg mit den Villen und ergrauten Vorgärten zur Kirchenfeldbrücke. Zwischen grauen und bräunlichen Wolken lugten Streifen von Himmelblau hervor und der Fluss unter der Brücke war dunkel, im Osten tanzte Sonnenglanz wie ein wirrer Schwarm winziger Vögel auf dem Wasser. In der Münstergasse kaufte Fritz bei einem Metzger einen tiefroten Schinken mit hellweißem Fettrand und ließ ihn dreifach in Papier schlagen und sich versichern, der sei so fein geräuchert, dass er sich lange halten werde. So etwas gab es in Berlin seit Ewigkeiten nicht mehr. Der Metzger hatte das Haar streng gescheitelt, trug ein blaues Hemd und Krawatte und darüber eine weiße Latzschürze mit verschmierten Blutflecken. Welch absurder Mann, ganz deutsch, dachte Fritz. Er sah genau vor sich, wie er Marlene eine gute Scheibe von diesem Schinken abschneiden und auf einen weißen Teller legen würde – in seiner verdunkelten Wohnung in den Trümmern Berlins. Seine Scheibe würde er in kleine Stücke schneiden und eines davon von Marlenes schöner Nasenspitze essen. Warum waren Momente von Glück oft so kurz?
In einem warmen kleinen Restaurant in der Amtshausgasse aß er eine fangfrische Forelle mit Kartoffeln, grün gesprenkelt von Petersilie. Eilige graue Wolken zogen das Himmelblau zu. Er wollte im Hotel sein, bevor es anfing zu regnen, bedankte sich beim Ober für den Fisch und eilte hinaus in den feuchten Wind. Kurz vor dem Bubenbergplatz mit dem speckigen Kopfsteinpflaster hielt ein schwarzes Auto dicht neben ihm, der Lack glänzte vor Nässe, zwei Männer kamen heraus, wurden immer größer, zerrten ihn an den Armen in den Wagen und redeten auf ihn ein. In ihrem Englisch klang ein starker Akzent mit. Fritz versuchte, sich loszureißen, aber die Männer drückten seine Hände fest an den Sitz, dann wurde alles schwarz hinter einer kratzigen Augenbinde. Er hörte, wie der Fahrer Gas gab und fühlte den Wagen schnell durch die Stadt fahren.
Das war es. Aus. Tod.
„Machen Sie sich keine Sorgen, Herr Kolbe. Wir tun Ihnen nichts“, sagte die Stimme rechts von ihm. Er spürte die Schenkel der Männer an seinen Beinen. Die ganze Entführung war so schnell gegangen, dass ihm erst jetzt klar wurde, was geschehen war. Er schwitzte. Es war schwarz und er spürte Leben an seinen Seiten, Atem, Feindschaft.
„Wer sind Sie?“, piepste er, räusperte sich und wiederholte die Frage.
„Freunde, Herr Kolbe, Freunde.“ Fritz atmete den Würgereiz weg. Der Regen prasselte jetzt mit Kraft auf das Wagendach, einmal fuhr das Auto durch ein Schlagloch. Sie waren nicht mehr in Bern, sie mussten auf einer Landstraße sein. Fritz’ Pistole lag im Hotel in einer Schublade, dafür der Schinken auf seinem Schoß. Was wollten die von ihm? Um Himmels willen. Er durfte sich jetzt nichts anmerken lassen, er durfte sich gar nichts anmerken lassen. Trotzdem war die Angst zu groß. Er müsse mal raus. Pissen? Ja, Herrgott. Das sei kein Problem, sei doch schön, wenn man gut pissen könne.
Der Wagen hielt. Fritz spürte eine Hand an seinem Kopf, dann war die Augenbinde fort. Er sah in ein grobes lächelndes Gesicht. Der Mann war schwarzhaarig und schlecht rasiert. Der andere war kleiner und wies freundlich auf die Tür. Die geschlängelte Straße war beidseitig von dichtem tropfendem Wald gesäumt, es roch nach nassem Holz und guter Erde.
Ob er das so lange halten würde, fragte Fritz und reichte dem Mann das Schinkenpaket. Der Mann wog es in der Hand und hob anerkennend die Brauen.
Fritz bewegte sich einige Meter vom Auto weg und suchte sich einen Baum aus. Fliehen? Mit langen Schritten in den weichen brombeerfarbenen Waldboden hinein? Das hatte keinen Zweck. Er sah über die Straße zurück, ob ein weiterer Wagen folgte, aber der nassgraue Weg blieb leer. Wenn er Physiognomie und Akzent zusammenzählte, kam er zu dem Schluss, dass die Männer Osteuropäer waren. Russen.
Er stieg wieder ein, sah ein schwarzes Tuch gestreckt zwischen zwei Händen und es wurde wieder dunkel. Einige Minuten später bog der Wagen von der Landstraße ab, in einen Waldweg offenbar, die Räder rollten weicher. Jetzt könne er die Binde abnehmen, sagte der Mann an seiner Rechten. Sie standen vor einer Jagdhütte mit tief heruntergezogenem triefendem Dach. Ein Mann mit Gewehr ging vor der Tür auf und ab. Fritz wurde in die Hütte geführt. Im Kamin brannte ein Feuer. An einem Holztisch in der Mitte des Raumes saß ein Mann in einem festen braunen Anzug. Er sah Fritz entgegen und reichte ihm die Hand.
„Herr Kolbe, welche Freude.“ Er hatte den Akzent besser im Griff, sein Englisch war gut.
„Bitte, setzen Sie sich. Einen Drink?“ Der Mann nahm eine irdene Schnapsflasche und goss zwei Gläschen voll.
„Auf Hitlers Untergang.“ Fritz legte den Schinken auf den Tisch.
Die beiden Männer aus dem Auto stellten sich an die Seiten des Kamins, wärmten sich die Hände und sahen ihn an.
„Sie arbeiten im Auswärtigen Amt in Berlin, Herr Kolbe.“
Was sollte er jetzt sagen? Er musste irgendetwas tun, irgendetwas sagen. Er spürte ein weites Loch in sich, in das unablässig Angst floss. Er starrte in die niedrigen Flammen, wollte den Schnaps trinken, wusste aber, dass seine Hände zittern würden.
„Nun, ich denke, erwachsene Männer wie wir, Männer der Tat, können sich Spielchen sparen, oder?“, sagte der Russe.
„Wer sind Sie?“, Fritz’ Stimme taumelte.
„Ach, ich komme von weit her.“
„Das ist ja schön.“ Seine Stimme war etwas fester geworden. Woher nahm er das? Wie schaffte er es, jetzt so forsch zu sein? Im Nazideutschland musste er sich ständig verstellen, musste immer vorgeben, ein anderer zu sein, als er war. Er hatte keine Lust, sich während seiner Schmuggelaktionen auch noch unterdrücken zu lassen. Er wollte nicht. Er hielt diesen Willen mit unter dem Tisch zusammengepressten Schenkeln.
„Gestatten Sie, dass ich gleich zur Sache komme, Herr Kolbe?“
„Sie können tun, was immer Sie wollen. Ich übrigens auch.“
„Was wissen Sie über General Gehlen? General Reinhardt Gehlen?“
„Kenne ich nicht.“
„Nun, sehen Sie, Herr Kolbe, wenn …“
Mit einem krachenden kalten Windstoß wurde die Tür aufgeschlagen. Priest und Greta Stone, beide mit Pistolen in den Händen, gradrückig, klare Augen, siegessicher. „Meine Herren“, sagte Greta Stone. Die Männer am Kamin griffen in ihre Taschen, aber Priest warnte sie, es gar nicht erst zu versuchen. Fritz schloss für einen Moment die Augen. Er war gerettet. Er fühlte sich ganz leicht, ein Lachen lauerte in seinem Bauch. Er hörte draußen den Regen und das Plätschern des ablaufenden Wassers, sein Nacken wurde kalt. Dann schloss jemand die Tür, es wurde ruhig. Allen Dulles setzte sich an den Tisch und legte seine Pfeife vor sich.
„Mister Musky.“
„Musorksky, Mister Dulles, Musorksky“, sagte der Mann im braunen Anzug. Fritz war sich sicher, dass Dulles den richtigen Namen des Mannes kannte. Dulles bat um Verzeihung und begann, die Pfeife zu stopfen. „Was ist das?“, fragte er.
„Schinken“, sagte Fritz.
„Ah, schön. Nun, Herr Musorksky, was wollen Sie von ihm?“
„Plaudern, Mister Dulles. Ein gutes Gespräch unter Männern, die auf der selben Seite stehen.“
„Welche Seite ist das?“
Musorksky sah Dulles an, sagte aber nichts. Fritz fragte sich, wie Stone, Priest und Dulles ihn gefunden hatten und was mit dem Fahrer der Russen und der Wache geschehen war. Priest hatte die Männer am Kamin entwaffnet und sie auf zwei Schemel in die Ecke befohlen. Greta Stone legte Holzscheite ins Feuer, sie sah Fritz an und kniff kurz das linke Auge zu.
„Mister Musorksky, woher wissen Sie von ihm?“, fragte Dulles.
„Das hat mir ein Vögelchen gesungen.“
„Erstaunlich, was diese kleinen Tiere heutzutage alles können. Sagen Sie …“ Dulles hielt ein Streichholz über den Pfeifenkopf und paffte, bis eine dicke Rauchwolke aus seinem Mund quoll. Sie hatte die gleiche Farbe wie sein Schnurrbart. „Sagen Sie, saß dieses Vögelchen möglicherweise in Whitehall, London?“
„Es gibt so viele Vögelchen, Mister Dulles.“
„London ist eine schöne Stadt. Waren Sie einmal dort, Mister Musorksky?“
„Wegen der Arbeit. Ich kenne London gut.“
„Das wird die Briten aber nicht freuen.“
„Heute sind wir Waffenbrüder. Es ist lange her, Mister Dulles.“
„Wenn wir doch Zeit hätten, über die alten Tage zu plaudern. Aber ich denke, wir müssen das hier jetzt klären. Okay, also. Ich habe nach Dollmann schicken lassen. Weiß Ihr Vorgesetzter von dieser Aktion? Oder wollten Sie Punkte sammeln, Musorksky?“
„Sie möchten doch auch Karriere machen, Mister Dulles. Es ist kein Geheimnis, dass Sie Bern als Ihr persönliches Sprungbrett betrachten. Ohne Rücksicht auf Verluste. Washington ist doch eine Nummer größer, nicht wahr?“
Greta Stone sah Priest an, Dulles sah Greta Stone an, Priest behielt die Männer auf den Schemeln im Auge, sah aber einmal kurz zu Dulles hinüber. Solche Blicke bemerkte Fritz immer. Aber, was sagten die?
„Halten Sie es für karrierefördernd“, fragte Dulles Musorksky, „am helllichten Tag mitten in der Stadt solch eine Aktion durchzuführen? Also ich nicht. Sehr dilettantisch.“ Zum ersten Mal zuckte Wut durch Musorkskys Gesicht, aber er beherrschte sich. Einer der Männer auf den Schemeln setzte an, etwas zu sagen. „Schnauze halten“, sagte Greta Stone. Der Mann schwieg. Fritz hatte nie eine Frau wie Greta Stone gesehen. Sie stand da, als wäre sie irgendwo daheim in Amerika und koche sich eine Tasse Kaffee und halte dabei ganz zufällig eine Pistole in der Hand.
Priest zog einen Stuhl heran und setzte sich neben Fritz. Die Pistole blieb auf die Männer auf den Schemeln gerichtet. „Alles in Ordnung?“, fragte er leise und, wie Fritz erstaunt heraushörte, aufrichtig besorgt. Durch das absurde Gespräch zwischen den Geheimdienstleuten aufgeregt, albern und leicht sagte Fritz, eine Fahrt ins Grüne sei doch immer etwas Nettes. Priest lachte und legte ihm eine Hand auf die Schulter. Wieder wurde die Tür geöffnet. Ein sehr großer blasser Mann trat ein und drückte Dulles still die Hand. Er sah auf Fritz hinab. Dann zog er scharf den Atem durch die Nase.
„Das ist meiner“, sagte Fritz und nannte die Adresse des Metzgers. Priest kicherte, das hatte Fritz bei dem jungen Mann noch nie gehört. Dulles verließ mit dem Blassen die Hütte und stellte sich unter das splittrige Vordach. Fritz hörte die Männer intensiv reden, verstand sie aber nicht. Musorksky war still geworden und betrachtete seine Fingernägel. Nach wenigen Minuten kamen Dulles und der Große in die Hütte zurück. Dulles wies Priest, Stone und Fritz mit einer Kopfbewegung nach draußen. Fritz nahm den Schinken vom Tisch. „Auf Wiedersehen“, sagte er. Greta Stone und Priest lachten. „Wie war das doch gleich?“, fragte Priest, „zu Höflichkeit gibt es keine Alternative?“
Fritz stieg mit den anderen in eine schwarze Limousine deutschen Fabrikats. Der Wachtposten und der Fahrer der Russen waren nicht zu sehen.
„Die leben noch, keine Sorge, Mister Wood“, sagte Priest. Fritz saß zwischen ihm und Greta Stone, Dulles vorne neben dem Fahrer mit der Schirmmütze.
„Ich denke, die werden ihn nicht wieder belästigen“, sagte Dulles.
Fritz spürte Greta Stones Hand auf seiner, sie drückte fest zu.
„Bist doch mein Fritz“, flüsterte sie. „Ganz allein mein.“
„Wenn die Russen sich Berlin nähern“, sagte Dulles, „wenn der Vorhang zum letzten Akt gehoben wird – dann müssen wir vorsichtig sein. Aber okay, noch ist es nicht so weit.“
„Woher wussten die von mir?“
„Dollmann ist gefährlich – aber auf Linie. Ich denke, Musorksky hat eigenständig gehandelt. Wirklich, Mister Wood, machen Sie sich keine Sorgen. Noch hat niemand Interesse daran, Sie auffliegen zu lassen“, sagte Dulles.
„Außer den Deutschen“, sagte Greta Stone.
„Was heißt hier, keine Sorgen? Woher verdammt noch mal wissen die Russen von mir? Verdammt!“
„Wir finden das heraus“, sagte Priest.
„Wonach hat Musorksky Sie gefragt, Mister Wood?“, fragte Dulles.
„Können wir vielleicht erst über meine Situation reden?“
„Wonach hat er gefragt?“ Allen Dulles saß bewegungslos da und alle Einwände von Fritz schienen an seinem grauen Hinterkopf abzugleiten.
„Wonach, Mister Wood? Das ist wichtig.“
„Ich bin auch wichtig.“
„Wonach?“
„Ohne mich fände das alles gar nicht statt.“
„Wonach?“
„Nach General Gehlen.“
„Die also auch“, murmelte Dulles.
„Was denn?“, fragte Fritz. Niemand antwortete, sowohl Dulles als auch Priest und Greta Stone sahen nach seiner Frage aus den Fenstern. „Schon klar“, sagte er und sog den Duft des Schinkens in die Nase. „Das ist meiner. Ganz allein meiner, Miss Stone.“ Greta Stone wandte ihm das Gesicht zu und lächelte schief. „Meiner und Marlenes.“ Als hinter einer Wegbiegung die Mauern Berns zu sehen waren, hielt der Fahrer den Wagen am Straßenrand an und sie ließen Fritz aussteigen. Greta Stone gab ihm einen Schirm. Dann fuhr der Wagen an, kleine, fadige Wasserspritzer unter den Reifen, beschleunigte und verschwand im Nieselregen hinter der nächsten Biegung. Fritz ging auf die Stadt zu, ein plätscherndes Rinnsal neben sich am Straßenrand, die Füße nass. Seine Tarnung wurde löchrig, seine Haut dünn. In Berlin war er wachsendem Misstrauen ausgesetzt und jetzt verflog der kleine Hauch von Sicherheit, den er nach seiner ersten Aktion in Bern verspürt hatte. Ihm wurde immer klarer, dass Dulles und seine Leute ihm bei Weitem nicht alles sagten, was gerade er hätte wissen müssen. Woher die seltsame Reaktion von Stone und Priest nach Musorkskys verbalem Angriff auf Dulles? Woher Greta Stones beinahe unvorstellbare Annäherung im Auto, er sei ihrer ganz allein? Dulles’ Anspielung auf London musste etwas zu tun haben mit dem Gemunkel über einen potenziellen Doppelagenten der Russen – und wenn es wirklich so war, wie Priest einst gesagt hatte, dass der Krieg unvermindert weitergehen würde, wenn Hitler erst vernichtet sei, dann stünde er zwischen den Fronten der Westmächte und der Russen. Fritz fluchte. Er wollte kein Rädchen in diesem absurden System sein, wollte nicht zu jemandes Spielball werden. Er wollte Hitlers Tod. Er wollte mit Marlene und Katrin glücklich sein.
Er hörte ein Auto hinter sich, es war der Wagen der Russen. Er fuhr langsam an ihm vorbei, Dollmann starrte aus der schwimmenden Windschutzscheibe, Musorksky wandte ihm das blasse Gesicht zu und drohte ihm mit dem Zeigefinger.
„Lass mich in Ruhe“, sagte Fritz. Der Wagen beschleunigte. Fritz lockerte mit der Schuhspitze einen Stein am Wegesrand und warf ihn dem Auto hinterher. Der Stein klackte auf die Straße, sprang noch zweimal und trudelte dann in den Graben. Der Wagen verschwand in der regenglatten Stadt.
Im Hotel fiel Fritz erschöpft in die federnde Weichheit des Bettes. Er umarmte das Kopfkissen, als sei es Marlene. Was tust du in diesem Augenblick? Denke an mich, Marlene, denke an mich, so wie ich an dich denke – dann müssen wir doch irgendwie Tod und Vernichtung entkommen.
Greta Stone saß an Dulles’ Schreibtisch. Sie trug einen hellgrauen engen Rollkragenpullover. Dulles und Priest waren nicht da und Fritz’ Frage, wo die Herren seien, blieb unbeantwortet. Greta Stone beschrieb ihm, wie man mit Urin oder wahlweise Zitronensaft unsichtbare Tinte herstellen konnte, erklärte, wie man feststellt, ob man verfolgt wird, ohne dass der Verfolger das merke, und wie man in einer Menschenmasse untertauchte. „Sie halten sich für einen unauffälligen Mann, Mister Wood, kann das sein? Kein Problem damit, unauffällig zu sein?“
„Nein, gar nicht.“
Sie beugte sich ihm entgegen und legte die Fingerspitzen an die Lippen.
„Ich befürchte, da sind Sie auf dem Holzweg, Mister Wood. So unauffällig sind Sie gar nicht.“
Fritz wusste nicht, was er sagen sollte. Er roch Greta Stones Parfum.
„Okay, gut“, sagte sie. „Jetzt noch ein paar Kommunikationswege.“ Greta Stone brachte ihm verblüffend einfache Codes bei. Diese Codes seien von der Gegenseite nicht zu knacken, wenn die nicht einen Spitzel, im Laden des andern hätte. Sie lachte.
„Wie die guten alten Römer“, sagte sie. „Die verpassen einem Kollegen eine Glatze und schreiben ihre Geheimbotschaft auf seine Kopfhaut. Dann macht der Knabe ein Päuschen, ein längeres Päuschen, bis er wieder Haare hat. Mit wehenden Locken eilt unser Kurier zum Adressaten. Der rasiert eben jene Locken wieder ab, und zack, er liest die Botschaft. Genial, oder?“
„Ich liebe Einfachheit.“
„Das dürfte in unserem Metier allerdings schwer durchzuhalten sein. Wie dem auch sei, haben Sie das jetzt alles im Kopf, Mister Wood?“
„Ja.“
Greta Stone hob die linke Augenbraue hoch in die Stirn. „In Washington ist ebenso mieses Wetter wie hier“, sagte sie. „Sie können sich nicht vorstellen, welche Wirkung das Capitol oder das Weiße Haus haben, wenn die Sonne scheint. Und unsere amerikanische Flagge auf dem Dach weht. Ist schon etwas Besonderes, dieses Land.“
„Berlin hätten Sie sehen müssen. Vor dem Krieg“, sagte Fritz.
„Wie ist es eigentlich bei so einem Bombenangriff? Wir Amerikaner werden so etwas nie erleben. Niemals.“
„Nachher kommen Männer auf Sie zu, die die Leiche ihrer Tochter im Arm halten. Haben Sie Kinder, Miss Stone?“
„Sehe ich so aus?“
„Einen Mann? Dulles mag Sie.“
„Allen? Also, ich weiß nicht. Achten Sie auf so etwas?“
„Immer. Ich glaube, der gute Herr Weygand lässt sich gerne mal von Frau von Lützow zwicken.“
Greta Stone lachte schallend, den Mund weit geöffnet wie eine Opernsängerin. Ihre Zähne waren schneeweiß. „Ein Lustsklave? Auch nicht schlecht.“ Sie sah Fritz an, der zuckte die Achseln.
„Was werden diese Männer übrigens tun, wenn es zu Ende geht? Goebbels, Göring, Himmler? Onkel Adolf?“
„Sie werden versuchen, zu fliehen oder andere Identitäten anzunehmen. Oder sie werden sich umbringen. Keiner wird zu dem stehen, was er getan hat. Wie soll ein Mensch auch dazu stehen?“ Er blickte aus dem schwarzen Fenster. „Das ist die Frage: Wie stehe ich zu dem, was ich tue?“
„Aha, schön. Wissen Sie etwas über diesen Raketenkonstrukteur, von Braun?“
„Ich weiß nichts über diesen Mann. Nicht viel jedenfalls.“
„Washington will mehr Informationen über den pazifischen Raum.“
„Ich kann mir das nicht immer aussuchen.“
Greta Stone legte den Bleistift auf eine Akte und sah ihn an.
„Ich verstehe Sie, Mister Wood. Wirklich. Aber es gibt in Washington einige Leute, die der ganzen Sache nicht trauen. Immer noch nicht.“
„Es ist Ihre Sache, das zu klären. Nicht meine. Nennen Sie mir einen vernünftigen Grund für das Misstrauen, Miss Stone. Ich riskiere hier mein Leben. Wollte ich den OSS in Bern hochgehen lassen, wäre das längst passiert. Ich habe auch niemals einen von Ihnen nach Informationen gefragt, kein einziges Mal. Was soll das alles?“
„Nun, es ist halt so. Okay?“
„Nicht okay.“
„Die höchsten Ebenen der Geheimdienste, das ist ein bisschen wie absurdes Theater, Mister Wood. Es gibt keine klaren Linien. Der Geheimdienst, das ist das Unterbewusstsein einer Gesellschaft oder einer politischen Ordnung.“
Greta Stone zündete sich eine Zigarette an und schob Fritz das Päckchen hin. Er ließ sich von ihr Feuer geben, ihre Hände berührten sich.
„Sie haben sich verändert.“
„Ich komme aus Berlin, Miss Stone. Berlin im Krieg. Das verändert jeden Menschen. Ich will Gegenleistungen.“
„Hatte William doch recht?“
„Ihr Name ist Marlene.“
„Wie die Dietrich? Sieht die gut aus?“
„Sie müssen mir helfen, sie aus Berlin herauszubekommen.“
„Ich werde sehen, was sich tun lässt. Aber, Mister Wood, Sie wissen, dass Sie allein auf sich gestellt sind. Sehen Sie nur zu, dass Sie sich nach Westen bewegen, wenn es so weit ist, auch nach Süden. Nur nicht nach Osten.“
„Ich werde sehen, dass ich mehr über den Pazifik bekomme“, sagte er. Er blickte zu dem Porträt von Roosevelt. „Was ist der für ein Mann?“
„Manche Männer wachsen im Krieg, er ist so einer. Ist so eine Sache mit euch. Soweit ich heraushören kann, verehren Sie den dicken Mister Churchill? Jetzt frage ich Sie, was wäre Churchill ohne Hitler? Was wären Sie ohne Hitler?“
„Das ist nicht Ihr Ernst.“
„Sie sind ein Capa-Spion. Sie werden in die Geschichte eingehen, ob Sie überleben oder nicht. Ohne Hitler wären Sie ein kleiner deutscher Beamter.“
Greta Stone meinte diesen Unsinn ernst. Fritz musste lachen, die waren doch alle verrückt, Greta Stone war verrückt. Ob er überlebt oder nicht – großer Gott.
„Der kleine Beamte könnte bei seiner Tochter sein. Er könnte mit Marlene durch ein schönes Berlin spazieren, im Tiergarten ein Bier trinken, unter den Linden flanieren, gut gekleidet, die Frau an der Hand. Bücher lesen. Musik hören. Ich scheiß auf Ihr Geschichtsbuch, Miss Stone. Ich scheiß auf Hitler, ohne den ich angeblich nichts wäre.“
„Ach, Mister Wood, ein Mann, der kein Held sein will? Gibt es nicht. Ihr macht das alles doch erst möglich.“
„Ich nicht, Miss Stone.“
Greta Stone drückte die Zigarette aus und war sich ihrer Sache sicher. Fritz erkannte genau, dass sie sich im Recht fühlte und daran nicht rütteln lassen würde. Diese Haltung war der vieler Männer aus dem Amt ähnlich.
„Ich mache das Richtige, Miss Stone. Wie sieht es bei Ihnen aus?“
„Ich bin Amerikanerin.“
Fritz lachte. Greta Stone zog die Brauen zusammen, sie schien ihn nicht zu verstehen oder missbilligte, was er gesagt hatte.
„Ich würde mich gerne noch von Mister Dulles und Mister Priest verabschieden.“
„Das wird nicht gehen.“
„Wo sind die Gentlemen?“
„Nicht hier.“
Sie verabschiedeten sich. Greta Stone sagte, er solle gut auf sich aufpassen und in Berlin den Kopf einziehen.
„Taten haben Konsequenzen, Mister Wood. Wenn Sie weitermachen – was ich doch sehr hoffe – werden Sie Entscheidungen treffen müssen, die Sie um nichts in der Welt treffen wollen.“
„Warum sagen Sie mir das?“
„Ist mein Metier. Nur eins noch, Mister Wood: Das Klügste, das ein Verräter tun kann, ist die Welt glauben zu lassen, dass es ihn nie gegeben hat. Auch hinterher, Mister Wood, noch lange hinterher.“
„Man muss es doch irgendwann loswerden.“
„Tun Sie das nicht! Auch wegen … wie heißt sie?“
„Marlene.“
„Auch wegen Marlene. Bloß nicht.“
„Wissen Sie, wie oft ich Ja und Amen zu irgendwelcher grotesken Scheiße sage?“
„Weiß ich nicht. Interessiert mich auch nicht.“ Sie hielt sich die Handkanten vor die Stirn und ließ sie zu den Seiten auseinander fallen. „Zwei, mindestens“, sagte sie. „Wenn Sie das nicht können, na dann, gute Nacht Marie.“
Sie begleitete ihn in das andere Büro und wollte ihm gerade die Tür zum Treppenhaus öffnen, als das Telefon klingelte. Sie sprach italienisch und legte die Stirn in Falten. Dann hielt sie eine Hand über den Hörer, sah Fritz an und blickte zur Tür. Das war unhöflich, aber auch diese Geste wirkte bei Greta Stone charmant und in der sicheren Annahme dahingehaucht, man könne ihr das nicht übel nehmen. Er fragte sich, ob sie in Amerika Schauspielunterricht genommen hatte. Fritz nickte und ging.
Am nächsten Morgen war er zum Frühstück zu von Lützow und seiner Familie bestellt. „Sie sind ein angenehmer Gast, Herr Kolbe“, sagte von Lützow. Weygand trug Uniform. Von Lützows Frau erzählte von Theateraufführungen in Berlin, Heinrich George, Gründgens, und wie sehr sie es bedauere, nicht dort sein zu können. „Meinen Gatten hat es nun leider hierher verschlagen. Aber, verstehen Sie mich nicht falsch, Herr Kolbe, auch das hat sein Gutes.“ Weygand griff sich an den Krawattenknoten. Von Lützow sah seine drei Töchter an, als würden sie gleich verschwinden und ihm bliebe nichts als Sehnsucht. „Der Kampf wird noch härter“, sagte Weygand. „Die Besten werden sich beweisen. Mir gefällt es, dass jetzt noch mehr durchgegriffen wird, irgendwann muss ja doch der Letzte begriffen haben, worum es geht. Endschliff, Vervollkommnung.“ Frau von Lützow legte sich die Fingerspitzen an den Hals. Sie trug eine Kette mit seltsam großen silbernen Gliedern. „Der Sekretär meines Mannes“, sie zeigte auf von Lützow, „hat es begriffen.“
„Dieser heroischen Aufgabe kann man sich nicht entziehen“, sagte Weygand. „Das ist Wagner und Nibelungen in höchster Potenz. Wir werden im Blut unserer Feinde waten und die Horden der Untermenschen vernichten.“
„Frieden wäre schön“, sagte Fritz. Bis auf die drei Mädchen sahen alle ihn an. Er spürte die Spannung im Esszimmer, nur weil er „Frieden“ gesagt hatte.
„Nun“, sagte von Lützow.
„Bis dahin“, unterbrach Weygand, „haben wir noch einiges zu tun, Herr Kolbe. Es wundert mich, dass Sie in solch einem Moment überhaupt an Frieden denken. Es ist ein heiliger Kampf.“
„Schrecklich und wunderbar“, sagte Frau von Lützow.
„Allerdings“, sagte Weygand.
Von Lützow drehte ein Glas mit roter Marmelade in den Händen und sah es an, als bewege sich etwas darin. Alles, was der Mann in diesem Moment hatte, war ein Glas Konfitüre, an den dicken Stellen weiß wie Schnee.
„Diese Marmelade, gnädige Frau, ist ganz ausgezeichnet“, sagte Fritz.
„Möchten Sie ein Glas mitnehmen nach Berlin, Herr Kolbe?“
„Meine Angehimmelte wäre außer sich vor Glück.“
„Schön, wenn ein Mann über Hunderte Kilometer hinweg an die Frau an seiner Seite denkt. Die Frau hält Stellung? In Berlin?“
Fritz legte die Hand über den Mund. Diese Leute ging es nichts an, was er ohne Marlene wäre. Er hätte sie nicht erwähnen dürfen. Es war ein Überfall auf seine Gedanken gewesen.
„Wer ist diese Frau?“, fragte Weygand.
„Die Beste. Für mich.“
„Heil Hitler“, sagte Frau von Lützow.
„Heil Hitler“, sagten die Mädchen. Sie sahen Fritz an, helle Gesichter, helle Augen, klar.
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