Kolbe
5. Der fleißige Hofnarr Berlin, 1943
5
Der fleißige Hofnarr
Berlin, 1943
„Kolbe! Kolbe?“
Fritz hörte von Günthers Stimme durch die braune Tür. Er hob seinen Stuhl an und setzte ihn ein Stück zurück. Schieben konnte er das Möbel nicht, der Teppich war zerschlissen und faserig. Er ging durch sein penibel aufgeräumtes Büro und klopfte bei von Günther an.
„Kommen Sie rein, kommen Sie rein, ja. Mein lieber Kolbe.“ Dieser joviale Tonfall von Günthers widerte Fritz an. Er kniff einmal fest die Augen zusammen, bevor er die Klinke drückte.
Von Günthers Büro war groß und kahl, es hatte zwei dicht verhangene Fenster zur Wilhelmstraße hinaus, Licht wie Staub. Adolf Hitler starrte im Halbprofil aus goldenem Rahmen in das Zimmer.
Von Günther bat Fritz Platz zu nehmen. Sie hätten hier folgende Vorgänge, sagte er und breitete Papiere aus. Das Licht der Schreibtischlampe lag auf dem polierten Holz wie auf einem stillen See. Der Reichsadler mit umkränztem Hakenkreuz war fett auf die Akten gedruckt, die Ränder teils tintenübersättigt und schwarz ausgefranst. Ein hoher Stapel stumpfer Papphefter. Sein Vorgesetzter trommelte mit den Fingerspitzen auf den Adler. Geheime Reichssache. Endlich, dachte Fritz. Er wagte es nicht, von Günther in die Augen zu schauen. Er wusste auch nicht, wann sein Entschluss endgültig gereift war. Bisher war es ein Plan, Fritz hatte keine Ahnung, ob er den Mut haben würde, durchzuführen, was er vorhatte. Er hatte lange darüber nachgedacht, mal klar, mal verwirrt. Er war in seiner Wohnung auf und ab gegangen, die Fäuste zitternd geballt. Alles lief auf einen Satz hinaus: Wenn er erwischt würde, wäre er tot.
„Kolbe?“
„Herr Botschafter?“
„Hören Sie mir zu? Ist etwas mit Ihnen?“
Botschafter zur besonderen Verwendung Ernst von Günther war im AA zuständig für die Verbindungen des Amtes zur Wehrmacht. Über seinen Schreibtisch liefen tausende streng geheime Akten. Politische Abteilung, Referat 1, Militär, abgekürzt: Pol 1 M. Er war genau der Mann, in dessen Vorzimmer Fritz nach Jahren bitterster Frustration und mühselig unterdrücktem Selbsthass gelangen wollte. Durch stures, emsiges Arbeiten und ein wenig Glück war Fritz so weit gekommen. Nach der schockierenden Ankunft im Deutschland der Fahnen und Aufmärsche hatte sein Freund Walter Braunwein im Amt kaum etwas für ihn tun können, Konsul Biermann ebenso wenig. Fritz war eine Stelle bei Personal und Visa zugeteilt worden, ein fensterloses grünes Büro, in dem er die Wände angestarrt hatte.
1939. 1940. 1941. 1942. Grauen, Tod, Vernichtung, Größenwahn, Krieg. Tyrannei. Einmal standen zwei SS-Männer in seinem Büro, die schwarzen Uniformjacken geöffnet, die Hände in den Hosentaschen. Sie unterhielten sich amüsiert und warteten auf die Papiere, die Fritz ihnen ausstellte.
„Babyn Jar“, sagte der eine. „Dreißigtausend Scheißjuden auf einen Schlag.“ Er klopfte sich auf die Schenkel und lachte, als sei ihm beim Fußballspiel ein schönes Tor gelungen.
„Ja, so geht es“, sagte der andere.
„Dreißigtausend, Herr Kolbe. Mit einem Wisch. Ist das nicht was? Was meinen Sie?“
„Ich kenne mich mit solchen Dingen nicht aus, Herr Leutnant.“
„Er kennt sich mit solchen Dingen nicht aus!“ Die beiden Männer lachten.
„Waren nur Juden, Kolbe! Wir sind schließlich keine Unmenschen.“
„Jawohl, Herr Leutnant.“
„Nun, Herr Kolbe, wird das heute noch was?“
„Solche Papiere müssen sorgfältig ausgestellt werden, Herr Leutnant.“
„Mein Gott, Kolbe, jetzt machen Sie einfach.“
Fritz faltete die Dokumente zusammen, zog mit dem Daumennagel über die Falze und steckte die Papiere in Umschläge. Als die Männer ihm den Rücken zuwandten, formte er mit den Fingern eine Pistole und schoss ihnen in den Nacken.
Fritz hatte Walter Braunwein gefragt, ob er von Günther auf ihn aufmerksam machen könne. Immer, wenn Fritz Botschafter von Günther über die Flure eilen sah und seine laute Stimme hörte, grüßte er ihn. Von Günthers Vorzimmerdame, Frau Weiss, war eine Mittvierzigerin, die gestärkte Blusen trug. Fritz überlegte, wie er Frau Weiss zum Ausscheiden aus dem Dienst überreden konnte. Der Tod kam ihm zu Hilfe. Frau Weiss erfuhr an ein und demselben Tag, dass sowohl ihr Mann als auch einer ihrer Söhne an der Front getötet worden waren. Sie schlich aus dem Amt, jemand gratulierte ihr zu ihrem heroischen Opfer, danach wurde sie nie wieder gesehen. Fritz war der Erste, der auf die hausinterne Ausschreibung reagierte. Nur einen Tag später wurde er zu von Günthers persönlichem Referenten befördert. Er sei zwar nicht so attraktiv wie Frau Weiss und auch ein ganzes Stück kleiner, sagte von Günther, aber man höre doch nur Gutes über ihn. Fleiß, Disziplin, Ordnung. Er habe sich da durchaus kundig gemacht. Biermann und der umtriebige Walter Braunwein hätten sich für ihn stark gemacht. Wenn es stimme, was die Herren sagten, sei Fritz genau der Mann, den er hier sitzen haben wolle.
Jetzt begann von Günther über die Krise zu referieren. Die britische Gegenoffensive in der Wüste, die ungeheuerlichen Bombenangriffe, das heroische Halten, aber eben nicht mehr Vorankommen an der Ostfront, das Desaster in Marokko und Algerien. Stalingrad – die Größe dieses Kampfes. „Stalingrad, mein Gott, Kolbe. Dieser Heroismus, dieses Opfer.“ Objektiv sehe es im Moment schlecht aus. Fritz borgte sich ein freundliches Lächeln aus einer Kiste voller Lügen und Hass.
„Aber in der Krise, Kolbe, in der Krise beweist sich der Mensch – und das System, ja.“ Von Günther trommelte wieder auf den Akten herum. „Wer nie durch eine Krise muss, dessen Charakter formt sich nicht. Sie werden sehen, Kolbe, Deutschland meistert das.“
Von der Straße hörte Fritz das Dröhnen einiger LKW-Motoren, die Scheiben der Bürofenster vibrierten. Von Günther war deutlich jünger als Fritz, ein großer Mann mit breitem Gesicht, in dem zu viel Platz war für Augen und Nase.
„Es ist immer die Tat, die entscheidet, Herr Botschafter“, sagte Fritz.
„Die Tat. Ja. Sommer 41, Kolbe, das war zu spät, um einen Feldzug gegen Russland zu beginnen. Das habe ich damals schon gesagt. Frühling, es hätte der Frühling sein müssen.“ Von Günther zündete sich eine Zigarette an, schob den Verdunklungsvorhang mit der Fingerspitze ein Stück zur Seite, als berühre er unerlaubt ein Renaissancegemälde, und sah hinaus. Kein einziges Licht brannte draußen. Fritz legte eine Hand auf die Geheimakten. Meine, dachte er. Schweiß brannte in seinen Achseln. Neben den Akten standen zwei gerahmte Fotos: Von Günthers Frau lachte in die Sonne, sie hatte einen Blumenstrauß in den Armen. Auf dem anderen Bild saßen die beiden Töchter des Botschafters in weißen Kleidern auf einem Holzzaun, die kleinen Hände fest um den Querbalken geklammert. Die Frau und die Mädchen sahen Fritz mahnend an.
„Keine Bomber heute?“, fragte von Günther das Fenster. Das war Krieg, dachte Fritz, Menschen sahen öfter in den Himmel als je zuvor.
„Ist immer schlimm mit den Kindern. Ja.“ Das „Ja“ sprach von Günther ganz kurz aus.
„Also, ich gehe jetzt heim, Kolbe. Die Akten dort sind zur Vernichtung. Kümmern Sie sich darum. Unser lieber Ribbensnob hat abgezeichnet, die Dinge sind geklärt.“ Von Günther lachte. „Sie wissen, dass von Ribbentrop sich das Von angeheiratet hat? Eine Sektfabrikantenfamilie. Oder das Von kam durch die Adoption, kann auch sein. Jedenfalls ist es nicht original. Hier, Kolbe.“ Von Günther öffnete eine Tür an seinem Schreibtisch, holte eine grüne Flasche Henkell Sekt heraus und reichte sie Fritz. Schenke er ihm – davon gebe es im Amt genug. „Wenn von Ribbentrop so spritzig wäre wie dieses Getränk, ja, dann sähe es im Amt besser aus.“
„Ganz Ihrer Meinung, Herr Botschafter.“
„Das bleibt natürlich unter uns.“
„Ich bin absolut diskret.“
Von Günther sah ihn an. „Das weiß ich, Kolbe. Sie hätten es weit bringen können. Könnten Sie vielleicht immer noch. Treten Sie endlich in die NSDAP ein. Das öffnet Türen. Ein Mann wie Sie. Mensch, Sie hätten wirklich Norwegen haben können. Einen schönen Posten in Oslo. Konsul. Botschafter. Wer weiß.“
Fritz zog den Aktenstapel zu sich heran. Hunderte kriegswichtige Geheiminformationen, Unterschriften von Hitler, Mannstein, Jodl, Himmler, Goebbels. Seine Hände auf der Pappe juckten.
Seit ihm klar geworden war, dass er nicht mehr weitermachen konnte wie bisher, zog eine Spannung durch seinen Körper, dass er manchmal dachte, er müsse bei der leisesten Berührung explodieren.
„Kolbe“, säuselte von Günther. „Die Frauen in Norwegen! Der Führer hat nichts dagegen. NSDAP-Beitritt. Ist nur ein Stück Papier. Einmal den Stift nehmen.“
Von Günther war früh an ihn herangetreten. Völlig überraschend für Fritz bot er ihm eine Stelle in Norwegen an. Fritz hätte vielleicht Katrin dorthin holen können, weit weg von Bombenangriffen und Naziterror. Eine Unterschrift, das wäre alles gewesen. Das Papier wäre weitergereicht worden, er hätte eine Nummer bekommen, eine Mitgliedsbescheinigung und Einladungen zu diversen Versammlungen. Er hatte von Günther gesagt, er müsse sich das überlegen. Kurz darauf hatte Walter Braunwein auf ihn eingeredet. „Zurückhaltend kannst du auch sein, wenn du Parteimitglied bist, alter Freund.“ Fritz tat es nicht, er nahm keinen Stift zur Hand. Tagelang versuchte er, von Günther auszuweichen, bis er ihn im Flur vor der Visaabteilung traf und von Günther die Brauen hoch in die Stirn zog. Fritz müsse überlegen, was der Einzelne im Vergleich zur Massenbewegung sei – so könne er kaum etwas für ihn tun. Fritz suchte nach großen intellektuellen Begründungen und Argumenten, aber es lief auf ein paar einfache Worte hinaus: Er konnte nicht der Partei Adolf Hitlers beitreten. Fertig. Gerede, Diskussionen, das war nichts für ihn.
Von Günthers Worte holten ihn in die Gegenwart zurück. Der Botschafter redete vom Einmarsch ins unbesetzte Frankreich, da sei immer noch einiges diplomatisch ungeklärt. Aber Fritz solle nicht wieder so lange machen.
Und ob ich lange machen werde, dachte Fritz. In Wirklichkeit sagte er, die Arbeit müsse getan werden, er habe noch zwei, drei Dinge auf dem Tisch.
„Ich freue mich für Sie, dass Sie bald ein wenig Ruhe haben werden. In der schönen, neutralen Schweiz“, sagte von Günther. „Frau Hansen hat sich um Ihre Papiere gekümmert?“
„Alles erledigt, Herr Botschafter. Wird aber wohl noch dauern.“
„Ich war einmal in der Vertretung in Bern. Von Lützow ist unser Mann dort, wie Sie ja sicher wissen. Ein bisschen weich, aber anständig. Verlässlich. Wenn Sie Zeit haben, schauen Sie sich die Lauben an, wirklich hübsch.“ Er drückte die Zigarette aus, bis kein Rauchfaden mehr aufstieg. „Erloschen“, sagte er.
„Es ist die Größe, Kolbe. Wir leben in schrecklichen Zeiten, aber Schrecken zeitigt Größe. Es sind furchtbare Taten, die vollbracht werden müssen, furchtbar – aber: groß. Der Führer ist es, der aus dem Abstraktum Größe eine reale Situation schafft. Das muss man erst einmal begreifen. Es ist kompliziert. Schrecklich, aber berauschend.“ Von Günther legte die Spitzen von Daumen und Zeigefinger zusammen und bewegte die Hand, als steche er mit einer Nadel Löcher in Papier.
„Das Ergebnis wird überwältigend sein. Die Opfer werden sich gelohnt haben.“ Er öffnete die Finger, als werfe er etwas in die Luft. „Wir tragen unseren Teil bei.“
„Jawohl, Herr Botschafter.“
„Größe. Das Aufschauen. Ich komme von ganz unten, Kolbe. Sieben Geschwister. Eine kranke Mutter. Und wo bin ich jetzt?“ Von Günther breitete die Arme aus.
„Die Opfer, Kolbe. Das System macht Fehler. Das ist nur systemimmanent zu erklären. Bei den politischen, sozialen und militärischen Massen, die bewegt werden müssen, kann es nicht fehlerlos laufen. Blinder Gehorsam zum Beispiel – das ist ein Fehler. Innerhalb des Systems müsste es ein wenig mehr Entfaltungsfreiheit geben, ja. Ich weiß manchmal auch nicht – aber diese Zeiten sind keine des Fingerspitzengefühls. Was ich manchmal durchaus bedauere.“
„Jawohl, Herr Botschafter.“
Fritz legte die Hände links und rechts um den Aktenstapel, er war schwer, das Papier bog sich durch.
„Gute Nacht, Herr Botschafter.“
„Bis morgen, Kolbe.“
Fritz klemmte sich die Akten unter den Arm und zog die Tür hinter sich zu. Er setzte sich an seinen Schreibtisch, tat, als arbeite er und wartete, bis von Günther gegangen war. Im Amt war es still. Wegen der Verdunklung war es vor den Fenstern so schwarz, als stünde das Gebäude des Auswärtigen Amtes alleine in einer zerstörten Welt. Fritz trat auf den Flur hinaus und sah sich um, Reihen geschlossener Türen, ein abgewetzter Teppich, schummrige Deckenleuchten. Die Porträts von Hitler, Göring, Heydrich, Goebbels und von Ribbentrop beäugten ihn. Von Ribbentrop beugte sich aus dem Bilderrahmen. „Hochverrat. Ich verurteile Sie zum Tode, Fritz Kolbe.“ Irgendwo knallte eine Tür, Fritz zuckte zusammen. Mit gesenktem Kopf ging er in sein Büro zurück und drückte mit dem Rücken die Tür zu. Beruhig dich. Ganz ruhig. Er schob die Akten auf dem Schreibtisch von sich weg, zog sie wieder heran und knipste die Lampe an. Hakenkreuz, Reichsadler. Vier Jahre, dachte er, vier Jahre Verstellung, Lüge, Erniedrigung, Arbeit. Der unauffällige Beamte Fritz Kolbe im Auswärtigen Amt, Berlin, Wilhelmstraße 74-76. Er goss sich einen Cognac ein. Er trank nicht viel, er hatte Angst, im Rausch seinen Hass hinauszuschreien. Nur ab und zu einen Schluck, um den Druck abzubauen, um eine, wenn auch künstliche, innere Beruhigung zu erfahren. Er wartete etwa eine Viertelstunde, dann öffnete er erneut die Tür einen Spalt weit und schlich den Flur hinab, wieder unter den Blicken Hitlers und seiner Gefolgsleute. Am Ende des Gangs sah er nach links und rechts die Flurkreuzung hinab und lauschte. Der Kollege Havermann trat aus einem Büro. Ah, Herr Kolbe, Feierabend, sagte er. Er legte Fritz eine Hand auf die Schulter und redete über Musik. Wollte Fritz etwas einwenden, sagte Havermann „Warten Sie, warten Sie“ und redete weiter, bis sie am Ausgang ankamen und Havermann sagte, er wolle jetzt heim zu Frau und Tochter.
„Mit Musik ist alles besser, Herr Kolbe.“
Zurück in seinem Büro drehte Fritz den Schlüssel zwei Mal. Er setzte sich an den Schreibtisch und legte die Hände auf den Aktenstapel. Das Papier fühlte sich an wie kühler, fester Sand. „Dein Papa, Katrin“, murmelte er. Er schlug den obersten Ordner auf.
Der Reichsführer SS und Chef der Deutschen Polizei, Berlin, Datum, ein Eingangsstempel des Auswärtigen Amtes, einer des Referats von Günthers.
„Lieber von Ribbentrop!
Herzlichen Dank noch einmal für den schönen Abend in Deinem Haus. Du und Deine Gattin habt wirklich ein Händchen für so etwas.“
Fritz las über das Essen im Hause von Ribbentrop und über den Bau der V2-Anlage. Heil Hitler. Himmlers Unterschrift war zackig, die Hs am Anfang seines Vor- und Zunamens hart ins Papier gedrückt.
Betrifft Deportation römischer Juden.
Betrifft Entwicklung der Messerschmitt 206.
Von der Ostfront schrieb ein General, die Stimmung unter den Soldaten sei nicht mannhaft, man könne das nicht dulden, eventuell sei Gefahr im Verzug.
Fritz las von einem Treffen am Wannsee, Januar 42, und bezüglich der aus den damaligen Beschlüssen zu ziehenden Konsequenzen in der Judenfrage. Ausmerzen. Vernichten. Direkt danach blickte er in eine Akte, die mit „Lieber von Günther“ überschrieben war und in der lange Zahlenreihen zum Munitionsverbrauch aufgelistet waren, der durch die Liquidierung der Zivilbevölkerung und festgesetzter jüdischer Gruppen entstehe. Es könne doch nicht sein, dass diesbezüglich keine anderen Verfahrensweisen zu finden seien.
Fritz war entsetzt, mit welcher Logik und Konsequenz in allen Bereichen das Töten und Vernichten vorangetrieben wurde. Judenfreier Raum. Das gezielte Verhungernlassen russischer Kriegsgefangener. Briefbögen, die in drei Spalten geteilt waren: Männer, Frauen, Kinder, darunter vier, manchmal fünfstellige Zahlen, eine Flut von Schreien, Entsetzen, Grauen und Blut.
„Lieber von Ribbentrop,
ein sagenhaftes Stück. Wir konnten einen Agenten direkt im britischen Konsulat in Ankara anwerben. Deckname Cicero. Zwanzigtausend Reichsmark perfekt investiert.“
Ein Mann aus der Botschaft in Tokio redete von Ribbentrop mit „Eure Exzellenz“ an und berichtete untertänig, der Durchhaltewille des japanischen Volkes und der japanischen Führung könne beinahe als deutsch bezeichnet werden, gäbe es da nicht den auch von seiner Exzellenz angesprochenen rassischen Unterschied.
Ein SS-General in der Ukraine bat um Hilfeleistungen der Wehrmacht.
Fritz stieß auf einen als geheim eingestuften Brief, in dem sein Vorgesetzter als „Von Günther, alter Haudegen“ angeredet und erneut Munition zum Thema gemacht wurde. Es folgte ein Bericht von einem General Gehlen über verschärfte Verhöre russischer Gefangener im Kaukasusgebiet, „Ergebens, Ihr R. Gehlen, Fremde Heere Ost.“
Fritz las stundenlang. Für ihn gab es zu all dem kaum etwas zu sagen. Das Geschrei Hitlers und seiner Speichellecker war dermaßen unmenschlich und dumm, dass Gegenargumente hilflos und banal klangen. Es war eine Zeit der Wortlosigkeit, der Unsprache und Lüge. Angeekelt schob er die Akten fort. Er starrte auf die Schreibmaschine mit dem panzergrauen Gehäuse. Eine neue Taste, die es nirgends sonst auf der Welt gab. SS, in Runenschrift. Fritz tippte darauf, immer wieder, er betätigte den Hebel, das Blatt ratschte in eine neue Zeile. SS – nur ein Anschlag. Er riss das Blatt aus der Maschine, knüllte es zusammen und schmiss es in den Papierkorb.
Seit von Ribbentrop das Amt übernommen hatte, waren immer mehr Führungsstellen in den einzelnen Referaten von SS-Männern übernommen worden, von Ribbentrop war SS-Gruppenführer.
Bis vor wenigen Wochen hätte Fritz dafür gesorgt, dass die Geheimakten ordnungsgemäß in den verrußten Feuerkörben im Keller verbrannt worden wären. Heute schloss er sie zu anderen Geheimpapieren in seinen Safe und hängte das Allgäubild über die graue Stahltür. Den britischen Geheimdienst in Bern konnte er nur mit Originalpapieren überzeugen. Die würden ihn nicht mit offenen Armen empfangen. Es würde schwierig werden. Trotzdem. Es war der alte Konsul Biermann gewesen, der Fritz von einer Außenstelle der Briten dort berichtet hatte. Fritz hatte mit seinem alten Freund aus spanischen Tagen, Eugen Sacher, in der Schweiz telefoniert, ihn gefragt, ob er immer noch so gute Kontakte zu den Briten habe, vielleicht sogar zu einer höhergestellten Person in der Botschaft. Sacher fragte, warum er das wissen wolle und begann, über die alten Zeiten in Spanien zu reden, aber Fritz unterbrach ihn.
„Hast du, Eugen? Könntest du da vielleicht einen Kontakt herstellen?“ Sacher schwieg lange, Fritz drückte sich den Hörer ans Ohr und ließ den Freund gewähren.
„Was meinst du denn damit? Einen Kontakt?“
„Kannst du oder kannst du nicht, Eugen?“ In seiner Anspannung begann er zu kichern. Sacher beschwerte sich, welch ein sturer Hund Fritz doch sei. Aber ansonsten, durchaus, er habe ziemlich gute Kontakte zu den Briten, er kenne auch jemanden aus der Botschaft. Na also, sagte Fritz, mehr habe er nicht wissen wollen. Bevor Eugen Sacher etwas sagen konnte, hängte er ein. Das war unhöflich, aber in diesem Fall besser.
Er ging in den Toilettenraum, stützte sich auf das Waschbecken und sah sich an. Sein Gesicht blieb ruhig, verzog sich nicht zu einer blau und rot gefärbten Fratze. Es blieb das Gesicht, das Katrin kannte – zum ersten Mal seit Jahren.
Auf seinem alten Wanderer-Fahrrad fuhr er durch die dunklen Trümmer zum Kurfürstendamm. Das Rad hatte er anfangs vor dem Haupteingang des Amtes abgestellt, bis er unterrichtet wurde, von Ribbentrop verbiete das. Seitdem stellte er es auf dem Wilhelmplatz am Eingang zur U-Bahn ab.
Die Luft und das Treten in die Pedalen taten ihm gut.
Braunwein hatte ihm die kleine Wohnung am Kurfürstendamm besorgt, unweit der Gedächtniskirche. „Horrido, alter Freund“, hatte er gesagt. Dein Reich. Klein, aber er sei ja bescheiden. „Bin ich das?“ Fritz stellte das Rad in den Flur und tastete sich die dunkle Treppe mit den weißkantigen Stufen hinauf.
In den zwei Zimmern überprüfte er die Pappen und Vorhänge an den Fenstern und knipste dann die Lampen an. Früher hatte er die Verdunklung gehasst. Als der Blockwart in seine Wohnung gekommen war, um die Abdichtungen zu überprüfen, wollte Fritz ihn anschreien, wie ekelhaft es sei, Licht auszuschließen, aber er hatte wie immer geschwiegen. Jetzt, da seine Pläne reiften, empfand er die Verdunklung wie etwas, das zu seinem Leben gehörte. Der dunkle Fritz, der geheime Fritz. Der Lichtraub und dieses dämmrig Verschlafene waren viel mehr seine Welt als die großen Fenster des Amtes zur Wilhelmstraße. Er kochte Wasser, wartete, bis es aufhörte zu brodeln, und goss Tee auf. Auf dem Tisch lagen seine Übungskarten. Er machte das seit Jahren. Er las eine Zahlenreihe, drehte den Zettel um und ging dann das Alphabet mit den zugeordneten Ziffern durch: A:1, H:8, O:15. Auf einen neuen Zettel schrieb er zwanzig fiktive Namen, las sie sieben Mal durch und drehte den Zettel um. Er blickte zu den gerahmten Fotos auf dem Wandschrank: Walter Braunwein und er während der Safari in Südwest, alles voller Sonne. Käthe, Walter, Horst und er neben dem Auto während der Tour durch die Täler nördlich von Kapstadt – Er hatte das Bild an seiner linken Schulter abgeschnitten. Katrin hatte neben ihm gestanden. Seine verstorbene Frau in einem Straßencafé auf der Gran Via in Madrid, das schwarze Haar voller Glanz. Die Biermanns im Garten der Vertretung in Kapstadt, elegant und vergnügt. Seine Eltern in der warmen Sattlerwerkstatt. Ein leerer Rahmen: Katrin. Sie musste bitter enttäuscht sein, weil er ihr nicht einen einzigen Brief geschrieben hatte. Aber schon während der Überfahrt nach Deutschland und in den ersten Wochen in dieser Hölle hatte er beschlossen, keine Spur zu ihr zu legen. Er streichelte das leere Innere des Rahmens. „Irgendwann erzähle ich es dir“, murmelte er, „liebe Katrin“.
Er trank von seinem Tee und überprüfte die Karte mit den Namen: er hatte sie allesamt korrekt im Gedächtnis behalten. Er schrieb Aliasnamen dazu, las sie sieben Mal durch und drehte den Zettel um. Er sah wieder die Fotos an, seine Menschen. Neue Freundschaften hatte er kaum geschlossen. Je weniger Leute von ihm wussten, je unauffälliger er blieb, desto besser. Konsul Biermann und seine Gattin. Der alte Mann war ausgebootet worden. Aus geheuchelter Rücksichtnahme hatte man ihm anfangs einen Posten im Amt zugewiesen, er sollte von dort seine alten Kontakte nach Spanien pflegen – Moskau, das übernähmen jetzt andere, bei allem Respekt für seine persönlichen Beziehungen zu Molotow. Anfangs hatte Fritz ihn aufrecht und streng auf den Gängen des Amtes gesehen, immer im grauen Dreiteiler und nach einigen Wochen ebenso am Stock wie seine Frau. Je öfter Biermann an Konferenzen und Besprechungen teilnahm, desto gebückter wurde er. Kannte Fritz ihn aus Afrika als vitalen Mann, sah er jetzt einen Greis vor sich. Biermanns angenehme klare Stimme wurde in Gesprächen auf den Fluren weggeredet, mitten im Satz fuhren ihm junge Männer in SS-Uniformen dazwischen, lachten und ließen ihn stehen und der alte Mann streckte die Hand nach ihren Rücken aus, als wolle er sie zurückziehen. Trotzdem gab er sich nicht geschlagen und ballte die Faust, wenn er Fritz sah, der mit Papieren in der Hand von Büro zu Büro eilte. Nach seinem ersten Privatgespräch mit von Ribbentrop kam Biermann in Fritz’ winzige Kammer in der Visaabteilung und schloss die Tür. Das könne doch nicht wahr sein, sagte er, welch ein arroganter, eiskalter Flegel das sei. Von Ribbentrop! Mein Gott, murmelte er, wenn das der Außenminister sei. Wofür, fragte er, wofür brauche dieses Amt, mit seiner großen Tradition, ein Judenreferat? Früher habe Berlin gewimmelt von ausländischen Diplomaten – und nun? Großmäulige, erzfaschistische Italiener, degenerierte Österreicher, gelangweilte Spanier und hier und da ein Japaner, der sich in Berlin offensichtlich so fremd fühlte wie auf einem anderen Planeten. „Wofür braucht Hitler Diplomaten, Herr Kolbe? Wir sind keine mehr. Alles Internationale ist national geworden. Absurd.“
Während der Hochstimmung nach dem Sieg über Frankreich musste es zu einem zweiten Einzelgespräch zwischen Biermann und von Ribbentrop gekommen sein. Fritz erfuhr das nie direkt und Biermann redete nicht über das Zusammentreffen. Es wurde gemunkelt, von Ribbentrop habe einen hitlergleichen Monolog gehalten und den alten Mann dann angeschrien. Biermann habe den Rest des Tages schweigend in seinem Büro gesessen. Er bekam einen Orden und wurde in den Ruhestand versetzt. Sei kein schlechter Mann gewesen, sagte von Günther, aber den neuen Zeiten nicht gewachsen. Monate später, als die Verzweiflung immer wilder in Fritz wütete, war er trotz des Verbots nachts nach Charlottenburg geradelt und hatte zu den Fenstern der Biermann’schen Wohnung hinaufgesehen. „Ich habe mich auf Sie verlassen!“, schrie er in die Dunkelheit.
Fritz hielt eine Seite des Zettels zu, er las die Namen laut und fügte dann das Alias hinzu. Zwei Mal lag er falsch. Er schlug mit der Faust auf den Tisch, die Teetasse klirrte. Er ging die Namensliste erneut durch und drehte sie um. Er konnte die Spieglung seines Gesichts im verglasten Bücherschrank sehen. Wenn er an Schaufenstern auf dem Kurfürstendamm vorbeiging – einige von ihnen mit Judensternen beschmiert, andere gesprungen und notdürftig geflickt –, dann sah er einen ernsten kräftigen Mann, der dem eigenen Blick auswich. Hatte er anfangs noch gehofft, ein richtiges Leben führen zu können, musste er schnell lernen, dass das nicht ging – ein anständiges Leben war in diesem Wahnsinn nicht möglich. Eine Seite des Zettels verdeckt, las er die Namen erneut. Diesmal machte er keinen Fehler. Er aß ein Stück Schokolade, die er im Amt geklaut hatte, und putzte sich die Zähne. Er öffnete die Schuhe weit, um schnell hineinschlüpfen zu können, falls die Sirenen in den Nachthimmel jaulen sollten, legte die Nottasche für den Luftschutzbunker zurecht und warf die Übungszettel in die Glut des Ofens. Er legte sich hin und starrte an die Decke, es würde wieder dauern, bis er einschlafen konnte.
Das Telefon klingelte. Vielleicht von Günther, der unerwartet eine wichtige Depesche erhalten hatte und Fritz ins Amt rufen wollte. Sollte er den Anruf ignorieren? Nein, seine Tarnung als erzfleißiger, ergebener Beamter musste aufrechterhalten werden.
Es war Walter Braunwein. Er schwärmte, was solch ein Diplomatenausweis doch alles Gutes an sich habe.
„Scheiß auf die Ausgangsperre, Fritz. Mensch, ich war in Paris. Und jetzt halt dich fest: Ich habe Champagner mitgebracht. Richtigen, echten Champagner. Ich bin in zehn Minuten bei dir, alter Freund. Horrido.“
Fritz polierte zwei Gläser, räumte die Küche ein wenig auf und zog sich wieder an. Er tastete sich durch den dunklen Flur hinab zur Haustür und trat auf die stille Straße hinaus, es roch nach vergangenen Bränden und Staub. Von Osten sah er ein Auto mit abgeblendeten Scheinwerfern den Kudamm heraufkommen. Walter. Wieder mit irgendwelchen Sonderaufträgen unterwegs gewesen. Für die Nazis, dachte Fritz. Mein Freund, mein guter, alter Freund. Der Wagen hielt, Walter stieg aus und wackelte mit zwei Champagnerflaschen.
„Ist das was, oder ist das was?“ Fritz umarmte ihn, er spürte die Flaschen an seinem Rücken.
Als er die Stufen nach oben stieg, beschloss er, nicht über den Krieg zu reden, nicht über die Nazis. Sein Freund war da, jeder Tag konnte der letzte sein und sie hatten Champagner.
Walter ließ den ersten Korken gegen die Decke knallen, noch bevor er sich des Mantels und Huts entledigt hatte. Er goss die Gläser randvoll und die beiden Männer stießen an. Als hätte Walter Fritz’ Gedanken gelesen, begann er über die Safari in Südwest zu reden und über ihr Treffen in Kapstadt. Sie ließen sich forttragen von vergangenen Bildern und Düften, betraten das Safari-Foto, kamen wieder heraus und zogen nach Madrid, wo Walter die schöne Käthe kennengelernt hatte. Fritz sagte, er sorge sich ein wenig um sie. Als er sie das letzte Mal besucht habe, sei sie nervös und blass gewesen.
Braunwein schenkte nach und seufzte. Mit einem lauten Ha! begann er von Paris zu erzählen, von den großen Boulevards und der Ruhe dort. Frankreich sei zwar nicht Irland, aber immerhin. Man merke fast nichts vom Krieg.
„In einem besetzten Land, Walter? Voll mit Wehrmachtssoldaten?“
„Ach komm, Fritz.“
„Kannst du Käthe nicht hier rausbringen?“
„Käthe?“ Braunwein lehnte sich zurück, der Stuhl knackte. „Meine Frau. Sag, alter Freund, warst du eigentlich mal verliebt in sie?“
„Sie ist die deine.“
„Du hast sie mir vorgestellt. In der Vertretung in Madrid. Und jetzt siehst du sie vielleicht öfter als ich, hier in Berlin. Aber weißt du, Fritz, selbst wenn du bis über beide Ohren in Käthe verliebt gewesen wärst, du hättest nie gegen mich gehandelt. Du bist eine treue Seele – das schätze ich sehr an dir. Du bist genau der Mann, von dem gesagt wird, man könne sich blind auf ihn verlassen. Und solche Männer gibt es in diesem Deutschland nur noch äußerst selten. Auf dein Wohl also.“
Walter stellte die leere Flasche zu Boden, verharrte und zog etwas Weißes unter dem Ofen hervor.
„Oh“, sagte Fritz. „Gib mal her.“ Er streckte die Hand nach dem Zettel aus. Es musste eines seiner Übungspapiere sein, die er meinte, in die Glut geschmissen zu haben. Braunwein faltete das Blatt auseinander.
„Fiktionale Namen, Aliasnamen? Alles fein säuberlich aufgelistet. Wie man es von dir kennt. Was ist das?“
„Nichts weiter. Gib mal her.“
Braunwein sah die Liste an, dann Fritz.
„Vergiss es einfach“, sagte Fritz. „Und jetzt gib das her.“
„Warum so ungehalten?“
„Walter, Herrgott, lass uns noch etwas trinken.“
„Machst du Gedächtnisübungen?“
Braunwein reichte ihm den Zettel. Aus der zweiten Flasche drehte er den Korken langsam heraus.
„Mach keinen Scheiß, Fritz.“
Ihr Gespräch versickerte in den Küchenmöbeln. Zum Glück bekam Fritz vom Champagner einen Schluckauf. Als es ihn das zweite oder dritte Mal durchzuckte, begann Braunwein zu grinsen. Sekunden später löste sich etwas bei den Männern, sie saßen da in dieser kleinen Kriegsküche und rieten, was der andere denken mochte, sie klopften sich vor Lachen auf die Schenkel und der Krieg war weit weg.
Spät in der Nacht sagte Braunwein, er gehe jetzt zu Käthe. In der Tür sah er Fritz lange an.
„Pass auf dich auf, Fritz Kolbe.“ Mit einer Hand an der Wand abgestützt torkelte er die Treppe hinab und fluchte laut, als er eine Stufe übersah und stolperte. Schweinestufe, rief er, und Horrido. Er solle Käthe grüßen, sagte Fritz in den dunklen Schacht hinab.
Zurück in der Küche warf er die Zeitung auf den Tisch. Auf der Titelseite war ein Hitlerporträt, Halbprofil, wie so oft. Fritz stach mit einer Gabel auf das Bild ein, mitten ins Gesicht.
„Er ist mein Freund. Du Schwein.“ Die Gabel nahm Hitler das Augenlicht.
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