Kolbe
12. Brüchige Tarnung Berlin, Anfang 1945
12
Brüchige Tarnung
Berlin, Anfang 1945
Von Ribbentrop ließ Dutzende Erlasse ins Amt senden. Besonders wichtig war ihm, ganz im Sinne seines Führers, dass noch einmal mehr wehrtaugliche Männer aus dem Amt abgezogen wurden und zur Wehrmacht gingen. „Das trifft auf Sie natürlich nicht zu“, sagte von Günther und sorgte persönlich dafür, dass Fritz weiterhin UK blieb. Andere Männer packten mit hängenden Köpfen ihre Habseligkeiten zusammen und verschwanden aus ihren Büros. Von Günther saß nur selten in seinem Büro und wenn Fritz ihn einmal sah, knabberte der Mann am Daumennagel. Er roch nach Schweiß, obwohl von Günther immer großen Wert auf Körperpflege gelegt hatte. Er redete von der Kraft des Fanatismus in scheinbar aussichtslosen Situationen, von der Kraft des unbedingten Willens und der mobilisierenden Wirkung drohender bombastischer Tragödien, die danach schrien, noch in tausend Jahren besungen zu werden.
„Vielleicht, Kolbe, ist Fanatismus eine Form von …“
„Größe?“, unterbrach Fritz. Von Günther sah ihn an, den Mund voller Anerkennung.
„Ja, Kolbe, ja. Sie haben doch einiges gelernt. Die Materie“, er hob den Zeigefinger, „ist interessant, ja.“
Von Günther ließ all seine Privatsachen aus dem Büro entfernen. Im Innenhof des Amtes brannte es jetzt ständig in den Körben, flackerndes Orange unter dem grauen Winterhimmel. Wenn Fritz überhaupt etwas über Hitler hörte, dann, dass der auf dem Berghof einen Wutanfall nach dem nächsten bekomme und seine Monologe noch länger geworden sein sollen. Von Churchill wusste Fritz, dass der sich regelmäßig nach den deutschen Bombenangriffen in den Trümmern Londons gezeigt hatte, dass er bei den Menschen gewesen war. Hitler hatte sich nur in den Zeiten seiner Siege gezeigt.
Wenn von Günther nicht im Amt war, verschloss Fritz oft die Tür und machte Schattenboxen, bis ihm übel wurde. Er schlug so viel aus sich heraus, wie er konnte. Er musste Marlene aus Berlin herausbringen. So, wie er immer Hitlers Tod gewollt hatte, wollte er unbedingt das Leben der Marlene Wiese. Daheim stach er mit einer Fleischgabel auf Hitlers Porträt in der Zeitung ein, er stach, bis die Gabel sich verbog, er zog sie quer durch das Schwarz-Weiß-Gesicht mit dem albernen Schnurrbart, bis nur noch schmale, sich aufkringelnde Papierstreifen übrig waren. Die Zeit wurde knapp, der Würgegriff des Naziregimes immer fester. Die Zahl der Hinrichtungen schnellte nach oben und in der ehemals leuchtenden Hauptstadt sah er Männer, mit zur Seite geneigtem Kopf, an Laternen erhängt, oft ein Schild um den Hals „Ich bin ein Feigling“. Manchen waren die Hosen heruntergezogen worden und so hingen sie dann da, die Gesichter blau und entsetzt und aller Würde beraubt.
Irgendwann sickerte durch, dass Hitler nach Berlin gekommen war und sich in die Bunker unter der zertrümmerten Reichskanzlei zurückgezogen hätte. Fritz war ihm ganz nah.
Von Günther rief ihn in sein Büro. Die Türen zu den Aktenschränken standen offen, der Teppich war fort.
„Ich habe meine Frau und die Kinder aus der Stadt bringen lassen, Kolbe“, sagte er. Er biss sich auf den Daumennagel. Sein Blick huschte, als verfolge er ein absurdes Tennisspiel.
„Der Führer sagt, die neuen Waffen werden früh genug fertig sein, um die Krise zu bewältigen. Ich denke, wir müssen trotzdem auf alle Unannehmlichkeiten vorbereitet sein, ja. Dieser Ribbentrop sollte gefälligst hier sein.“ Von Günthers Lider flatterten. Es muss ihm klar sein, dachte Fritz, ihm muss klar sein, dass es zu Ende geht.
„Hören Sie, Kolbe. Sie müssen noch einmal nach Bern. Ich habe einige Unterlagen für Weygand vorbereitet. Nur Weygand, verstehen Sie?“
„Jawohl, Herr Botschafter.“
„Danach kommen Sie so schnell Sie können zurück. Ich werde Sie um einen Gefallen bitten, der nicht zu Ihrem Schaden sein soll. Sie werden rauskommen aus der Stadt. So viel kann ich Ihnen jetzt schon sagen.“
„Wo werden Sie sein, Herr Botschafter? Sollte der Feind es bis nach Berlin schaffen?“
„Das schafft der nicht. Aber mal angenommen, nur einmal rein theoretisch, dann müssen wir nach Westen blicken. Nach Westen und in die Zukunft. Haben Sie je persönlich einen Amerikaner kennengelernt?“
„Amerikaner? Ich? Nein, Herr Botschafter.“
„So übel sind die gar nicht. Und im Grunde sind die ja auch Feinde des Bolschewismus. Wir, Kolbe, wir sind Diplomaten. Immer gewesen. Werden es immer sein, ja.“
Von Günther händigte Fritz ein braunes Kuvert aus, ein Stempel des Amtes war darauf verschmiert. Frau Hansen sei nicht mehr im Amt, sagte von Günther, er habe das Visum für Fritz persönlich ausgestellt.
„Es wird nicht so einfach sein, nach Bern zu kommen. Die Sonderabteile und ähnliche Privilegien fallen weg. Räder müssen rollen für die Front, Kolbe. Aber es fährt noch ein Zug, morgen Mittag vom Anhalter Bahnhof, elf Uhr dreißig. Nach den neuen Erlassen dürfen Sie übrigens nicht mehr allein reisen. Müller wird Sie bis nach Bern begleiten.“
„Müller?“
„Haben Sie was dagegen, ja?“
Die Scheiben begannen zu vibrieren, von der angeschlagenen Zimmerdecke nebelte Staub. Von Günther trat ans Fenster. Drei verbrauchte Panzer rollten mit wippenden Ketten die Wilhelmstraße nach Süden hinab, um den U-Bahn-Eingang hatte sich eine zerlumpte Menge von Flüchtlingen versammelt, die Blicke in alle Himmelsrichtungen gewandt. Gegenüber vor dem Propagandaministerium hingen verblasste Naziflaggen staubschwer an verbogenen Stangen, sonst sah Fritz keine mehr. Er zog sein Etui aus der Innentasche, bot von Günther eine Zigarette an und sie rauchten am Fenster und sahen hinaus auf den zerbombten Platz.
„Der Gefallen, den Sie mir tun werden, nun, Frau Wiese – so heißt sie doch, oder? Nun, sie kann auch davon profitieren. Verlassen Sie sich auf mich. So wie ich mich immer und unbeirrbar auf Sie verlassen habe. Und …“ Er hob die Zigarette auf Kopfhöhe. „Ich habe Ihnen immer den Rücken freigehalten, ja, Kolbe. Vergessen Sie das nicht. Sie sind nie NSDAP-Mitglied geworden. Als Einziger in diesem Amt. Sie verdanken mir etwas, Kolbe. Sie verdanken mir viel.“
„Ich könnte Marlene mitnehmen. Morgen.“
Von Günther’ Augen verengten sich zu Schlitzen. War Fritz zu weit gegangen? Er las Misstrauen in von Günthers Blick, empfand aber keine Unruhe.
„Sind Sie verrückt geworden, Kolbe?“
Etwas war vorbei. Das mochte daran liegen, dass das Kriegsende immer näher kam, Fritz jedenfalls konnte es nicht mehr unterdrücken, nicht mehr ganz. Hier stand nicht der Untergebene dem Botschafter gegenüber, nicht der Schauspieler und Lügner dem Botschafter – hier stand der Mann Fritz Kolbe dem Mann Ernst von Günther gegenüber. Fritz versuchte mit aller Gewalt sein Jawohl-Gesicht zu zeigen, es gelang ihm nicht. Von Günther schwieg, die Faust vor den Lippen. Durchschaute er ihn jetzt doch? Dann zog sich etwas in von Günthers Augen zurück.
„Raus jetzt!“
Nach dem Krieg, dachte Fritz, sehe ich dich wieder. Als er die Hand auf die Türklinke legte, rief von Günther ihm hinterher, die Worte hallten im leeren Büro.
„Weygand ist ein scharfer Hund, Kolbe. Wir haben eine Menge Leute in der Schweiz. Es gibt Menschen, die kommen jetzt auf seltsame Ideen.“
„Jawohl, Herr Botschafter.“
„Wäre doch schade um den kleinen braven Beamten, ja?“ Von Günther hielt die Spitzen von Daumen und Zeigefinger etwa einen Zentimeter auseinander.
„Der brave Beamte wird diesen Krieg überleben, Herr Botschafter. Marlene Wiese ebenso.“ Er tippte sich mit dem Kuvert an die Stirn.
„Fahren Sie nach Bern. Auf Frau Wiese gebe ich acht, keine Sorge. Raus jetzt.“
Fritz schloss die Tür hinter sich, nahm das Allgäubild von der Wand und öffnete den Safe, stopfte Geheimakten in die Innentaschen von Jackett und Mantel und verließ sein Büro. Auf den Fluren traf er niemanden, aus einem Büro hörte er zwei Leute sich anschreien, aus einem anderen das Hämmern einer Schreibmaschine. Er trat hinaus auf die grau gepuderte Wilhelmstraße, drängte sich durch die Flüchtlinge am U-Bahn-Eingang und wollte sein Fahrrad losketten. Er sah in all die blassen Gesichter, roch die Kleider der Menschen und ihren schlechten, hungrigen Atem. Er rannte zurück, holte den Rest Schokolade aus seinem Büro und verteilte ihn an einige Kinder. Es war kühl, die Sonne schien staubig auf die Trümmer und die erbarmungswürdigen Wollmützen und weit im Osten sah er eine schräge schwarze Rauchsäule durch den Himmel fließen. An Trupps zerlumpter Soldaten vorbei fuhr er die Straße hinauf bis zum Spreeufer, die Brücke war zerstört und er radelte am Wasser entlang zur nächsten Behelfsbrücke. Die Spree war braun von eingeflossenem Schutt und weggebombtem Erdreich, am anderen Ufer sah er eine Reihe Leichen liegen.
Um die Charité herum standen LKW mit Rot-Kreuz-Planen, auf dem Vorplatz waren Hunderte Bahren mit notdürftig verbundenen Menschen abgestellt worden. Das dunkle Gebäude war der Klangkörper für tausendfaches Stöhnen und Betteln. Fritz drängte sich durch die Gänge zu Marlenes Büro. Sie war nicht dort. In ihrem Zimmer stapelten sich Kisten mit Verbandszeug, auf dem Bett lagen Prothesen. Er fragte eine weinende Krankenschwester nach ihr. Sie sei im Operationssaal und helfe dem Professor. In welchem OP, fragte Fritz, das ganze Haus sei doch Operationssaal. Im Keller, der Professor arbeite nur noch im Keller.
Sie saß auf einem Holzstuhl, ihr Kittel war rosafarben von den hilflosen Versuchen, das Blut auszuwaschen. Sie ließ den Kopf hängen, zwischen ihren Fingern hielt sie eine Zigarette. Fritz hockte sich vor sie. Im selben Moment schlug jemand einen Vorhang beiseite und ging mit einem Eimer an ihm vorbei, Blut tropfte auf den Boden. Der Eimer schwankte und sieben geschundene Hände winkten Fritz zu. „Schön hier“, sagte er. Er griff nach Marlenes Schultern. Sie sah ihn an, die Augen mit den schwarzen Sprenkeln weit fort.
„Wie ich dich liebe“, sagte er. Sie blinzelte Tränen weg.
„Ich muss noch einmal nach Bern, Marlene. Morgen. Wenn ich zurückkomme, verschwinden wir aus Berlin. Ich bekomme die nötigen Papiere. Auch für dich. Wir hauen hier ab. Ich bringe dich in Sicherheit.“
Sie sog Rauch aus der Zigarette und ließ ihn tief in ihrem Körper verschwinden.
„Sieh es dir an, Fritz.“
Er blickte über die krummen Verwundeten hinweg, an eiligen Krankenschwesterbeinen vorbei, auf die lederriemengekreuzten Rücken schwer bewaffneter Soldaten.
„Berlin ist nicht zu halten, Marlene. Das wird ein unvorstellbares Chaos. Ein Massaker. Wir gehen, Marlene. Wir verschwinden von hier.“
Sie ließ die Zigarette auf den Boden fallen und trat den Stummel mit schmutzigem Schuh aus. Sie blickte den betonmatten Gang auf und ab, irgendwo schrie jemand wie durch ein Tuch, es stank nach Desinfektionsmitteln, Tabak und Fäkalien.
„Ich hole dich heute Abend hier ab“, sagte Fritz. „Heute Nacht, Marlene, schlafen wir Seite an Seite. In unserem Bett. Hörst du? Du und ich.“
„Ich weiß nicht, ob ich hier wegkomme, Fritz.“
„Ich bin um acht Uhr hier.“
Sie umarmte ihn hart. Als er wieder aufblickte, sah er den großen Rücken eines eilenden Mannes in weißem Kittel. „Der Professor“, sagte Marlene.
„Was willst du am meisten, Marlene? Sag es mir. Ich höre es immer so gerne, wenn du das sagst.“
„Leben“, flüsterte sie. Sein Ohr wurde nass von ihren Tränen.
Leben, das hat sie immer gesagt. Leben.
Er hört sie schreien. Er versucht sich umzudrehen, aber dieses verfluchte verbogene Blech lässt ihn nicht. Das Auto hat sich überschlagen.
Der Untergang Berlins, sagt er, die letzte Reise nach Bern, die Flucht. Bei Kriegsende hätte es vorbei sein sollen. War es aber nicht. Es wurde noch schlimmer. Wir hatten die Bombenangriffe überlebt, wir hatten meine Spionagetätigkeit überlebt – und dann?
Wegner sieht ihn an, da ist etwas in seinen Augen. Fritz denkt, dass Wegner jetzt gerade nachvollziehen kann, was Fritz meinen könnte.
Fritz holt drei Flaschen Bier aus dem Brunnen an der Hüttenflanke, er streicht das Wasser ab, die Etiketten verschieben sich. Um diese Zeit kann man mal, sagt er und sie lassen die Bügel springen und stoßen an, die Flaschen klingen aneinander. Wegner sieht Veronika Hügel offensiv in die Augen, sie lächelt freundlich. Fritz denkt an Marlene. Wenn er sie zum Lachen brachte oder ihr Komplimente machte, drehte sie oft das Gesicht ein wenig zur Seite, senkte den Kopf und sah ihn aus den Augenwinkeln an. Das war immer so schön.
Sie sind weit weg, Herr Kolbe, sagt Veronika Hügel.
Ein ständiges Hin und Her, sagt Fritz.
Einmal, erzählt er, klopfte jemand wie verrückt bei uns an die Tür. Er schrie meinen Namen. Marlene und ich, wir waren gerade dabei, Akten zu kopieren. Wir dachten, es sei aus. Gestapo, SS, was wussten wir denn. Marlene – sie wollte, dass ich sie erschieße. Ich warf die Akten in den Ofen, ich bin mit dem Revolver in der Hand auf die Tür zu. Der Schreck. Die Angst. Ich hätte fast geschossen. Aber dann wurde mir klar, dass Gestapo oder SS nicht anklopfen würden. Niemals. Es war der neue Blockwart. So ein arschkriechendes Nazischwein. Meine Verdunklung sei nicht in Ordnung! Das war es. Und wissen Sie, warum meine Verdunklung am Fenster zum Kudamm nicht in Ordnung war? Ich war vor Marlene daheim gewesen. Ich hatte die Pappe gelöst, damit ich auf die Straße sehen konnte. Ich wollte sehen, wie sie zu mir kommt. Ich wollte diese Frau ansehen, als sie aufdem Weg zu mir war.
Liebe unter solchem Druck, sagt Veronika Hügel. Fühlt sich das anders an?
Ja.
Sie haben uns noch gar kein Bild von ihr gezeigt, sagt Veronika Hügel.
Kommt noch.
Wegner unterstreicht mit dem Bleistift etwas in seinen Unterlagen, er macht zwei Kringel, lockert seine Krawatte.
Mein Vater ist aus der Schweiz von der Gestapo verschleppt worden, sagt er. Wir haben nie herausgefunden, warum. Es muss ein Irrtum gewesen sein. Er war ein normaler Mann.
Bin ich auch, sagt Fritz.
Er hätte nie etwas Illegales getan. Nie. Er hätte sich das nicht getraut. Das ist kein Vorwurf! Ein guter Freund von ihm allerdings … man sagt, er habe spioniert. Wir haben nichts mehr von Vater gehört. Spurlos verschwunden. Auch, als alles vorbei war. Wie vom Erdboden verschluckt. Meine Mutter hat späterhin jenen Freund geheiratet.
Das mit Ihrem Vater tut mir sehr leid, sagt Fritz. Es ist schlimm, wenn man nicht weiß, was passiert ist.
Er trinkt einen Schluck Bier. Seltsam, wie gut das immer tut, den kühlen Flaschenhals an den Mund zu setzen und das Herbe laufen zu lassen, es zu schlucken und zu spüren, dass es Geist und Körper entspannt. Unter den Nazis, sagt er, waren nachher viele Alkoholiker. Wer eine Flasche in die Hände bekam, der hat sie auch getrunken. Im untergehenden Berlin wurden absurde Orgien gefeiert, nichts mehr von Disziplin und Ordnung und Strammstehen.
In der Folge Ihrer dritten Bernreise, sagt Wegner, kam es zu einem Todesfall, der ausschlaggebend dafür war, dass Sie im neuen Deutschland – wie soll ich sagen?
Persona non grata. Im neuen Deutschland bin ich ebenso Persona non grata wie wir es damals in Kapstadt waren. Am liebsten wäre es denen, es hätte mich nie gegeben. Es ist das Gewissen derer, die nichts gegen Hitler getan haben. Die können einen Mann wie mich in ihrer Nähe nicht ertragen. Natürlich gibt es immer noch unbelehrbare Nazis, aber es gibt noch viel mehr von denen, die einfach mitgelaufen sind. Die würden es nicht aushalten, wenn ich neben ihnen in einem Büro säße. Und die, die da jetzt langsam wieder in Führungspositionen rücken, schon gar nicht.
Er legt ein Foto der Angeklagten während der Nürnberger Prozesse auf den Tisch, wo sich Gesichter und Stadtpläne kreuzen.
Haben alle auf unschuldig plädiert. Aus den unteren Nazirängen sind viele freigesprochen, andere zu sehr milden Strafen verurteilt worden. Von Günther auch. Seine Untersuchungshaft wurde ihm angerechnet. Die werden mit offenen Armen empfangen. Und ich? Ich bin der Verräter. Bin verantwortlich für Todesfälle. Herrgott, für wie viele Morde sind die verantwortlich? Einer der Männer, der an der Wannseekonferenz teilgenommen hat, lebt heute als Steuerberater mitten in Berlin. Sie wissen, was während der Wannseekonferenz beschlossen wurde?
Natürlich, sagt Veronika Hügel.
Wegner sieht Fritz an. Da ist etwas von Anerkennung und Zweifel in seinem Blick, ähnlich wie früher bei William Priest in Bern.
Ist Gewissen ein Faktum, Herr Wegner?
Ich weiß es nicht. Allmählich denke ich, ja.
Veronika Hügel fährt mit den Händen über die Fotos und Stadtpläne, sie schaut von Ribbentrop in die Augen, dreht General Gehlen ins Licht und streicht ein Zeitungsfoto glatt, auf dem ein grauer Knochen- und Schädelberg aus Auschwitz schreit.
Ich bewundere den Fotografen, sagt sie. Aber wo ist denn mal ein Foto von Ihnen, Herr Kolbe?
Von mir?
Sie haben so viel Grund, stolz zu sein, sagt Wegner.
Das Kompliment des jungen Mannes trifft Fritz. Wer hört nicht gerne ein Kompliment. Aber es prallt bei Fritz wieder gegen eine blutverschmierte Wand, etwas in ihm wehrt sich. Der ganze Dreck dieses Lebens in Hitlerdeutschland, die Toten, Marlenes Schrei, Katrin am Hafen.
Wenn man das Richtige tut, sagt er, dann bezahlt man dafür.
Wegner notiert sich Fritz’ Ausspruch. Veronika Hügel rückt von der Bank und verlässt die Hütte, die Männer sehen ihr hinterher.
Verliebt, Herr Wegner?
Ich bin verheiratet.
Eine Menge Menschen sind nicht bei dem, bei dem sie sein wollen.
Veronika Hügel kommt zurück, die Tür schleift über den Holzboden. Die junge Frau hat ihre Kamera in der Hand.
Muss jetzt sein, Herr Kolbe. Bitte.
Okay – einverstanden.
Wiederholen Sie den Satz von gerade? Das mit dem Bezahlen?
Wenn man das Richtige tut, dann bezahlt man dafür.
Die Kamera klickt, die Verschlüsse arbeiten. Fritz sieht nur den Kieferknochen und die Stirn von Veronika Hügel.
Fritz setzt sich an den Tisch, die Hände auf dem Karton. In den Fakten der Vergangenheit kann man nicht aufräumen. Aber erklären könnte man sie. Fotos, denkt er, Sekundenbruchteile ohne Hintergrund. Abbilder von Situationen, in denen kein Herzschlag zu sehen ist. Keine Lüge, kein Betrug – oder doch? Er legt ein Bild auf den Tisch.
Umtrunk in von Günthers Büro nach dem Sieg über Frankreich, sagt er. Veronika Hügel sieht sich das Foto an, Wegner beugt sich zu ihr, ihre Schultern berühren sich. Fritz muss das Bild nicht sehen, er kennt sie alle. Er steht direkt neben von Günther, er trägt einen Anzug, wie immer, eine Krawatte, ist nicht allzu groß – er muss schmunzeln. Nie hat er sich als klein bezeichnet, er sagte, wenn überhaupt, er sei nicht allzu groß oder er sei mittelgroß. Er hat nie gerne zu jemandem aufgeschaut. Es sind nur Männer auf dem Bild, typisch für die Nazizeit. Die Arme angewinkelt, eine Sektflöte in der Hand, im Hintergrund ein Bild Hitlers im Halbprofil, alle Männer lachen, Fritz lächelt mit geschlossenem Mund, zeigt die Zähne nicht.
Jetzt, da man alles weiß, sagt Veronika Hügel, könnte man meinen, dass Sie nicht dazugehören.
Was ist schon ein Foto, Fräulein Hügel?
Sie hebt den Zeigefinger und bewegt ihn von links nach rechts, wie ein Metronom. Die lügen nicht, sagt sie. Oh doch, sagt Fritz. Sie lächelt ihn an. Müsste man mal diskutieren, sagt sie.
Fritz gibt ein weiteres Foto heraus. Er sitzt auf der Bank vor dem Hotel in Bern, die Beine übereinandergeschlagen, eine Zigarette in der Hand auf dem Knie. Die Hutkrempe verdunkelt seine Augen. Eugen Sacher habe das gemacht.
Die nächsten Fotos gibt er nicht heraus. Er sieht das zertrümmerte Auto und hört Marlene wieder schreien, durch Jahre und Ereignisse hindurch. Er dreht das Bild um, nimmt das nächste. Von Ribbentrop, in schwarzer SS-Uniform, empfängt eine italienische Delegation. Von Günther lacht, schräg hinter ihm steht Fritz, es könnte sein, dass er von Ribbentrop anstarrt.
Sie waren wirklich mittendrin, sagt Wegner.
Es gibt keine vergleichbare Geheimdienstquelle, sagt Fritz. So hat er das noch nie formuliert, nie so direkt gesagt. Es tut ihm gut, es fühlt sich gut an.
Hier, sagt er, Allen Dulles und ich nach Kriegsende bei einem kurzen Treffen in Berlin. Der Gute hatte ja kaum noch Zeit für mich.
Er hat Sie auch fallenlassen?
Fritz schnippt das Foto auf den Tisch wie eine Spielkarte.
Dulles hat es weit gebracht in seinem Metier. Oberster Boss in Amerika. Er war es auch, der General Gehlen hoffähig gemacht hat. Wenn’s nicht so furchtbar wäre, könnte man lachen. Und hier, William Priest und ich, ebenfalls in Berlin. Ein guter Mann, ich habe ihn gemocht, nachher. Er war damals ganz verrückt nach deutschem Bier, fand er großartig. Verstehen Sie das nicht falsch, der Mann war kein Säufer. Säufer sind miese Typen. Noch ein Bierchen?
Die beiden jungen Leute nicken. Die Atmosphäre zwischen ihnen hat sich verändert, ein stilles brüchiges Einvernehmen scheint entstanden. Er hat viel erzählt, er hat die Braunwein-Geschichte endlich öffentlich gemacht, aber er hat wieder Dinge ausgelassen, es arbeitet in ihm, die Widerstandsmauern bröckeln, er wird weicher und das tut ihm gut. Er holt drei weitere Flaschen Bier aus dem Brunnen und sieht nach den Bergen. Die Sonne wandert den Kuppen entgegen, der Stein leuchtet auf der einen Seite, auf der anderen wirkt er dunkel und bedrohlich, die Schatten sind länger geworden, das Tal liegt graublau und der Fluss ist jetzt dunkel mit springenden weißen Flecken, wo das Wasser über Stein sprudelt.
Fritz schaltet die Lampe über dem Tisch an, auf den beschichteten Fotos entstehen Glanzstreifen, die matten sind nur zu erkennen, wenn er den Kopf bewegt, die Position zu ihnen ändert.
Also dann, sagt Wegner, die letzte Bernreise, die Flucht aus Berlin.
Das letzte Kapitel, Herr Kolbe, sagt Veronika Hügel.
Der Anschlag, Herr Kolbe, sagt Wegner. Diesmal sieht er Fritz dabei direkt an.
Fritz schüttelt den Kopf. Das letzte Kapitel ist noch lange nicht geschrieben, sagt er. Er lehnt sich zurück, streckt die Beine aus und zündet sich eine Zigarette an.
Man lässt sich nicht unterkriegen, sagt er. Das tut man einfach nicht. Das wäre Verrat. Verrat am Leben. Und, meine Dame, mein Herr, es ist mir egal, wie pathetisch das klingen mag. Ich meine das genau so, wie ich es gesagt habe.
Vor der Haustür stellte er sich vor sie, schlang sich ihre Arme über die Schultern und hob Marlene auf seinen Rücken.
„Fritz“, murmelte sie, „ich bin größer als du.“
„Ich bin Sportler. Und ich trage dich jetzt die Treppe hinauf, unter Inkaufnahme einer gewissen Unbequemlichkeit beiderseits.“
„Gekauft“, kicherte Marlene. Die Stufen knarrten unter dem Gewicht der beiden, Fritz lachte vor Anstrengung und Liebe. In der Wohnung ließ Marlene ihren Mantel zu Boden gleiten und schlurfte in die Küche. Fritz kochte ihr einen Tee und machte ihr ein Brot mit Marmelade, dazu schnitt er ihr einen Apfel in Stücke.
„Du musst aus den stinkenden Klamotten raus“, sagte er. Er half ihr beim Entkleiden, hängte Bluse, Rock, Strümpfe und Wäsche ans Fenster und erhitzte in der Küche Wasser. „Bis das warm ist“, sagte er, „wird Walzer getanzt.“ Die nackte Frau lachte und öffnete die Arme. Fritz legte die Rechte auf ihren Rücken und nahm ihre Hand. „Eins, zwei, drei“, sagte Marlene. Er küsste sie. „Wir schaffen es, Schöne. Wir schaffen es.“ Sie verschränkte die Arme in seinem Nacken und hielt ihn fest, presste sich so dicht an ihn, dass es ihn schmerzte und er wusste, dass sie die Augen geschlossen hatte und diesen Moment der Stille und Zweisamkeit hielt. „Du“, sagte sie. „Du, du.“
Mit einem dampfenden Waschlappen wusch er Marlenes Hals, ihre Achseln, die Brüste, die schweißverklebten Innenseiten ihrer Schenkel und deckte sie zu. Er legte ihr alle Kissen in den Rücken, damit sie ordentlich essen und trinken konnte. Fritz wollte unbedingt mit ihr schlafen und wahrscheinlich war irgendwo in der Ermattung und überbordenden Müdigkeit Marlenes das gleiche Verlangen, aber es würde nicht mehr hervorkommen, ganz gleich, ob er morgen verreisen würde oder nicht. Es war zu tief verschüttet. Marlene lächelte ihn schläfrig an und er küsste die Außenseiten ihrer Nase, die Wangen und ihren Mund. Sie schlief ein, während er bei ihr saß. Er nahm vorsichtig ihren Hinterkopf, zog einige Kissen weg und löschte das Licht.
Auf dem Küchentisch lagen die Geheimakten, zerknickt und matt im Licht der Lampe. Warum um Himmels willen wollten die alle sterben? Welche Ehre sollte das sein, sich für Schlächter und Lebensverächter umbringen zu lassen? Dem Leben gebührte Ehre. Nicht einem Kaiser oder Führer und schon gar nicht einer Idee. Die fanatischen Japaner waren ebenso geschlagen wie Hitlers Truppen – und was machten die? Fritz blätterte um und lachte, da schau mal einer an, die Japaner schulden dem deutschen Reich sechzig Millionen Mark.
Die rückläufigen Bewegungen an gewissen Teilen der Ostfront können als mehr oder weniger beendet betrachtet werden, las er und konnte nicht fassen, wie jemand so etwas schreiben konnte.
Er blätterte durch Berichte über japanische Waffen, das Taisho MG bringe eine Leistung von fünfhundert Schuss pro Minute.
Von Ribbentrop, dem „sehr geehrten Reichsaußenminister“ wurde berichtet, die Invasion sei erwünscht gewesen. „Nicht die Masse an Material entscheidet, wie Sie wissen, Herr von Ribbentrop, sondern der Geist der Truppe.“ Natürlich hätten die Außenstellen von der Invasion gewusst, es sei dem Feind unmöglich gewesen, ein solches Unternehmen geheimzuhalten.
Fritz legte sich eine Hand an die Stirn und schüttelte den Kopf. Es war nicht zu glauben. Er legte den Daumen unten an die Papiere und blätterte Seite für Seite durch. „Hartes Durchgreifen.“ Mehr Juden in die Waggons. Kapazitäten für die Front freihalten. „Lieber von Ribbentrop, wenn die Juden tot in den Lagern ankommen, umso besser.“ Fritz notierte die Nummern von Panzerreserven und Panzerlehrbataillonen im Westen. Der Exzellenz-Mann schrieb untertänig aus Tokio von hochgradig erfreulichem Fanatismus.
„Lieber von Ribbentrop, unter uns, bist du dir sicher zu wissen, was General Gehlen treibt?“
Es folgte ein als geheim eingestufter Runderlass von von Ribbentrop persönlich, nach dem keine Nachlässigkeiten bezüglich des Benehmens der Vorzimmerdamen zu dulden sei.
Churchill schätzte die Lage falsch ein.
Goldreserven der unter X2Z geführten Bank an Stellen in der Schweiz. Bereitschaft aus der Schweiz. Kurierfahrten genauestens überprüfen. Sieg heil.
Fritz schob die Zettel über den Tisch. Kurierfahrten überprüfen. Fritz Kolbe überprüfen. Marlene Wiese festnehmen. Katrin für immer im Unklaren lassen. Er fluchte, zog die Papiere wieder heran und las weiter über angebliche Geheimverhandlungen in Italien. Die Verräter müssten sofort ohne Rücksicht auf Rang und Namen liquidiert werden.
General Gehlen herrschte von Ribbentrop an, er habe sein Amt nicht im Griff. Niemand sonst wagte es, von Ribbentrop gegenüber einen solchen Ton anzuschlagen. Gehlen schien sich seiner Sache sehr sicher. „Lesen Sie das genau, Ribbentrop!“ Mit Ausrufezeichen dahinter.
Danach folgte ein jüngeres Schreiben aus Japan und diesmal redete der Absender den Minister nicht mehr mit Exzellenz an. Dann stieß Fritz auf einen weiteren Bericht über Goldtransporte in die Schweiz.
Die bringen Geld in Sicherheit, dachte er. Millionen.
Er fasste so viele Informationen wie möglich zusammen, hauptsächlich über Vorgänge an der Westfront, über Einschätzungen der alliierten Kräfte und über den pazifischen Raum. Er versuchte, sämtliche Vermerke über Geldtransfers zwischen dem Reich und der Schweiz zusammenzustellen und notierte jede Agentenbewegung in Spanien, Italien, Frankreich sowie die Namen der Führer in Osteuropa, die mehr oder weniger offen gegen Hitler Partei ergriffen.
Er stellte sich in die Schlafzimmertür und sah zwischen Marlene und den Akten hin und her. Geheime Reichssache. Eine schlafende, geheime Frau.
Er reiste in einem kalten Güterwaggon. Wenn er auf eine Kiste stieg und durch die vergitterten Sehschlitze blickte, lagen dort Felder, weiß beschneit, mit Lachen brauner Erde dazwischen. Er sah einen von Bomben zur Ruine gestutzten Bahnhof mit einer Hakenkreuzflagge davor und kauernden Flüchtlingen, die Augen fassungslos und müde.
Einmal wurden die Türen aufgerissen, schabten in den Metallfugen und Männer der Gestapo mit hungrigen Schäferhunden überprüften die Papiere der Leute im immer dunklen Waggon. Müller sprang sofort auf. „Heil Hitler“. Ein Mann wurde von zwei Gestapoleuten an den Armen aus dem Wagen geschmissen und auf dem bröckligen Bahnsteig in Handschellen gelegt. Fritz hielt seinen Diplomatenausweis und das Visum bereit. Der Offizier, der ihn kontrollierte, sah ihm nicht einmal in die Augen.
„Scheißdiplomat.“
Fritz sagte nichts. Er wusste, ein einziges falsches Wort würde dazu führen, dass diese Männer ihn aus dem Zug holten und durchsuchten. Wieder musste er schweigen, sich verkriechen, sich untertänig zeigen. Er kannte diesen Mann mit dem gesenkten Kopf nicht, wusste nicht, was in dem vorging, wen der liebte, was der getan hatte – aber er hasste ihn so sehr, dass er in der Manteltasche nach dem Revolver tastete. Der Mann gab ihm die Papiere zurück und bellte den nächsten an. Als er sich Müllers Papiere zeigen ließ, sah Fritz, wie Müller sich dem Mann entgegenbeugte und ihm etwas zuflüsterte. „Sagen Sie mir nicht, was ich zu tun habe!“ Fritz grinste Müller an. Niedertracht und Brutalität waren in der Enge des Waggons greifbar.
Obwohl Fritz einen guten Orientierungssinn hatte, vermochte er nicht zu sagen, welchen Zickzackkurs der Zug durch Deutschland genommen hatte. Er brauchte über fünfzig Stunden bis zur Grenze und nachts flimmerte manchmal Feuerschein und sie hörten das Grollen von Bombenangriffen. Einmal fuhr der Zug rückwärts, dann stand er stundenlang irgendwo, die Menschen rochen nach Schweiß und Durst. Fritz war, als liege Deutschland unter einem grauen stinkenden Mantel, der es ersticken würde.
„Wir werden uns hier nicht die Laune verderben lassen“, sagte er. Die anderen sahen ihn kurz an und dann wieder weg. „Heil Hitler“, sagte Müller. Fritz drängte sich zu ihm, das blatthelle Gesicht des jungen Mannes verlor im Waggonlicht jede Linie.
„Waren Sie damals dabei, Müller? Auf dem Schiff? Wollten Sie mich über Bord schmeißen?“ Müller lächelte.
„Alleine aufgrund meiner Stellung habe ich mehr für das wahre Deutschland getan als Sie.“
„Heil Hitler, Herr Kolbe. Sagen Sie es mal.“
„Da fühle ich mich doch gleich wie auf der Seereise von Südafrika nach Deutschland.“
„Ich weiß nicht, was Sie meinen, Herr Kolbe.“
„Ach Müller, es fällt nicht schwer, an Ihren intellektuellen Fähigkeiten zu zweifeln.“
Der Kontrolleur am Bahnhof in Basel war derselbe wie bei Fritz’ vorherigen Grenzübertritten. Die Gleise waren verwaiste kalte Stahllinien, es war still am Bahnhof und vor dem Tisch des Kontrolleurs standen nur vier Leute, die Fritz den verspannten Rücken darboten.
„Ah, Herr Kolbe, wieder nach Bern?“ Seine Stimme war freundlich. Der Mann hatte sich einen Schnurrbart wachsen lassen. Der Kontrolleur sah sich über die Schulter um. Zwei missmutige Wehrmachtssoldaten mit verbrauchten Uniformen und geschulterten Karabinern gingen auf und ab, ihre Stiefel knirschten auf Stein.
„Eigentlich gar nicht weit. Ein paar Schritte nur“, sagte der Kontrolleur. „Dann wäre man in der Schweiz.“
Der Mann schluckte, sein Adamsapfel bewegte sich.
„Sie bleiben …“ Er sah auf die Papiere. „drei Tage. Dann kehren Sie zurück? Nach Deutschland?“
„Natürlich.“
Der Mann hielt sich Fritz’ Visum dicht vor die Augen, drehte sich wieder kurz zu den beiden Soldaten um und betrachtete dann die Rückseite des Papiers.
„Welche Bedeutung solch ein Zettel haben kann, nicht wahr, Herr Kolbe? Ich habe immer nur ordentlich meine Arbeit gemacht. Für das, was da hinten passiert ist“, er wies auf das Häuschen, „bin ich nicht verantwortlich. Ich habe nie jemandem etwas getan.“
„Verzeihen Sie, aber ich müsste jetzt weiter.“
„Ja. Natürlich.“ Er hob das Visum auf Augenhöhe und lächelte Fritz an. Fritz kannte diesen Ausdruck so gut – da wollte jemand etwas sagen, tat es aber nicht. Er wusste nicht, was der Kontrolleur zu befürchten hatte, als Kriegsverbrecher würde man ihn sicher nicht vor Gericht stellen. Vielleicht befürchtete er Rache von Leuten, die er zur Leibesvisitation geschickt hatte, Fritz hatte keine Ahnung, wer von diesem Mann warum ausgeliefert worden war. Sicher war er sich aber, dass Rache jahrelang wie eine Sense über Deutschland geschwungen werden würde. So viel ungesühnte Barbarei. Sollten sie KZ-Wächter durch die Straßen zerren, sollten sie SS-Leute hungern lassen, Gestapo-Männer für zwanzig Jahre in Zellen sperren, ihm war es gleich. All die philosophischen Betrachtungen über Rache, dass sie unmoralisch sei und den Rächenden zu jemandem mache, der nicht besser sei als der, an dem er sich räche – ihm war es gleich. Er konnte das Gefühl und das Argument Rache nur allzu gut verstehen. Er hoffte inständig, dass kein einziger Lagerkommandant verschont bleiben würde, er hoffte, dass Typen wie Goebbels, Göring, von Ribbentrop, Kaltenbrunner und wie diese Männer alle hießen, vor Gericht gezwungen werden würden, sich zu erklären.
„Sollte ich je unhöflich oder grob gewesen sein, dann tut mir das leid, Herr Kolbe. Ich stehe hier auch unter Druck.“
„Verstehe. Unter Druck.“ Fritz hätte dem Mann beinahe hämisch auf die Schulter geklopft. Er beugte sich ihm entgegen.
„Jetzt gib mir meine Papiere, du Arschloch. Ein falsches Wort von dir und ich schieß dir die Eier weg. In ein paar Tagen bin ich wieder hier. Du armseliges Würstchen. Ist das so weit klar, oder gibt es irgendwelche Verständigungsschwierigkeiten zwischen uns, von denen ich nichts weiß?“
Der Mann wurde schlagartig noch blasser. Seine Augen flehten. „Nein, Herr Kolbe. Verzeihung.“
„Da hinten kommt gleich ein Mann namens Müller. Der ist mir während der ganzen Fahrt unangenehm aufgefallen. Dieser Mann macht defätistische Äußerungen. Ich rate Ihnen dringend, den ganz genau zu untersuchen.“
„Jawohl, Herr Kolbe. Heil Hitler.“
Direkt vor dem Bahnhof in Bern kannte Fritz eine Telefonzelle. Er rief mit dem üblichen Code die Leute vom OSS an. Er fragte nicht nach einem Termin, sondern sagte, wann er kommen werde. Danach ließ er sich mit Eugen Sacher verbinden.
Er stand am Hotelzimmerfenster und rauchte eine Zigarette. Der Bubenbergplatz lag unter einer weichen Schneeschicht, durch die schwarze Flecken von Kopfstein hervorglänzten wie Löcher beim Eisangeln. Das Denkmal war eingerüstet worden, eine nebelfarbene Plane bewegte sich im leichten Wind und schüttelte Tropfen ab. Der Himmel über den Bergen war grau. Fritz hatte lange in der heißen Badewanne gelegen und sich den Geruch der Reise und Rachegedanken abgewaschen.
Zur vereinbarten Zeit wartete er am Hintereingang auf Sacher. Der hatte sich den Hut tief ins Gesicht gezogen und den Mantelkragen aufgestellt. Fritz zog ihn in den Flur und die Männer umarmten sich. Oben im Zimmer goss Fritz Whisky ein.
„Nett hier“, sagte Sacher.
„War jemand bei dir?“
„Ein Hauptmann der Schweizer Polizei. Er fragte, ob ich dich kenne.“
„Und?“
„Von früher, sagte ich, aus Spanien. Hier hätte ich dich nicht gesehen.“
„Du hast gesagt, du hättest mich hier nicht gesehen? Obwohl er dich danach nicht gefragt hat?“
Sacher zögerte. „Ich glaube wohl.“
„Eugen, Mensch“, murmelte Fritz. Er sah auf den Platz hinaus, wettergeduckte Menschen gingen unter den Arkaden einher, Autos fuhren vorbei, ein Zeitungsständer war Gefieder im kalten Wind.
„Es ist bald vorbei“, sagte Sacher. „Die müssen doch kapitulieren.“
„Hast du eine Ahnung.“
„Dann bleib du hier.“
„Ich werde Marlene da rausholen, Eugen. Ich gehe zurück.“
„Fritz, die werden doch immer verrückter. Man nimmt dir deine Maskerade nicht mehr ab. Du schaffst es nicht mehr, dich zu verstellen.“
„Unsinn.“
„Du hast das so gut gekonnt. Ich hab es kaum geglaubt. Aber du siehst anders aus.“
Sacher trank von seinem Whisky und schenkte sich nach.
„Du wirst doch nicht leichtsinnig werden?“
Leichtsinnig wurde er bestimmt nicht, dafür aber unaufhaltsam seine Schutzschicht dünner. Sacher hatte recht, sein Schauspiel wurde unglaubwürdiger. Woche um Woche. Mit jedem Panzer, der sich Berlin näherte, mit jedem Mann, der aus dem Amt verschwand und jedem leer geräumten Büro bröckelte seine Tarnung weg. Das Fatale daran war, dass er sich dabei gut fühlte.
Reiß dich zusammen, dachte er. Er zog einen Stuhl zu Sacher heran und setzte sich neben ihn. „Ich muss bald los“, sagte er, „aber vorher will ich noch hier mit einem alten Freund sitzen und Whisky trinken.“
„Hast du irgendetwas von Katrin gehört?“
Fritz sah aus dem Fenster. Er legte Sacher eine Hand auf die Schulter.
„Eugen, alter Junge, erzähle mir von deiner letzten Wanderung. Beschreib mir, was du gesehen hast. Ich bin früher so oft mit Walter gewandert, manchmal auch mit dir. Stundenlang in der Natur sein. Katrin mochte das nie so gerne.“ Er lachte. „Marlene wird das gefallen. Sie hat sehr lange, muskulöse Beine, musst du wissen.“
In der Gesandtschaft am Willadingweg arbeiteten nicht mehr so viele Menschen wie zuvor. Auf den Fluren standen vernagelte Kisten, viele davon ohne Hakenkreuz-Emblem. Fritz kam an einem Büro vorbei, das komplett ausgeräumt war, eine leere Schnapsflasche lag auf den Dielen, an einer Wand hing ein Hitlerporträt.
Weygand fing ihn im Flur ab, fragte, wo er bleibe und streckte die Hand nach dem Kuvert von von Günther aus. Weygand wedelte mit dem Brief, „Gut, gut“, murmelte er und warf die Tür hinter sich zu. In diesem Moment kam Müller in die Gesandtschaft. Er starrte Fritz an, die Lippen blutlos und fest. Fritz sagte ihm, er habe bereits alles erledigt, was ihnen aufgetragen worden sei. Bei Beschwerden möge er sich an Herrn Weygand wenden. Er wies auf die Bürotür. Müller, überschüttet mit Wut, klopfte und riss die Tür auf. Fritz wartete, es dauerte nur Sekunden, bis er Weygand schreien hörte. Als Müller wieder auf den Flur trat, reichte Fritz ihm sein Rückfahrticket. „Sie sollten mich und die Dokumente bis zur Gesandtschaft begleiten. Das haben Sie getan, vorbildlich wie immer. Gehen Sie etwas essen, ruhen Sie sich eine Stunde aus. Dann geht Ihr Zug zurück ins Reich. Was war denn da übrigens am Bahnhof los?“ Müller riss ihm den Fahrschein aus der Hand und stapfte den Flur hinab auf das graue Tageslicht zu. Fritz tastete nach dem Revolver in seiner Manteltasche.
Von Lützow saß blass hinter seinem Schreibtisch und unterschrieb Dokumente.
„Ein Gesicht aus Berlin. Aus dem Amt, wie schön“, sagte er. Der Mann schwitzte und die Hand mit dem Füllfederhalter war unruhig. Sein schwarzes Haar war an den Schläfen grau geworden, hatte die Farbe von Felsen. Er bat Fritz über die neuesten Erlasse von Ribbentrops bezüglich der Kommunikationswege zwischen Berlin und Bern zu berichten und wie sich der Kurierdienst umgestalten solle. Von Lützow wurde übergangen, hinter seinem Rücken lief etwas zwischen von Günther und anderen Beamten aus Berlin und Weygand hier in Bern ab. Und da ging es nicht mehr um den Endsieg und Hitlers Geheimwaffen. Es ging um Geld. Nichts Anderes.
„Wie geht es denn dem Herrn Reichsaußenminister von Ribbentrop, Herr Kolbe? Ich muss gestehen, es wäre doch schön, hörten wir hier ab und zu mal etwas von ihm. Man kommt sich ein wenig alleingelassen vor, wenn Sie verstehen.“ Von Lützow zog das gerahmte Porträtfoto seiner Gattin ein wenig näher zu sich heran.
„Von Ribbentrop hat sich schon lange auf sein Schloss zurückgezogen. Im Amt sieht man ihn nicht mehr.“
Von Lützows Mundwinkel zuckten wie bei einem kleinen Kind, das ein Weinen unterdrückte. Ohne um Erlaubnis zu fragen, zündete Fritz sich eine Zigarette an.
„Von Hitler hört man auch nichts“, sagte er. Von Lützow gab ein Geräusch von sich, ganz kurz dachte Fritz, er wolle ihn zurechtweisen, aber dazu hatte der Mann keine Kraft mehr. Für Fritz wurde von Lützow in diesem Moment endgültig zum Angriffspunkt. „Aber man ist in Berlin schon der Meinung, dass … ich meine, der Glaube an den Endsieg, der ist doch noch da. Oder? Herr Kolbe?“
„Berlin? Die Menschen hungern. Nach einem Angriff bin ich einem Mann begegnet, der seine tote Tochter im Arm trug. Es gibt wenig Bedürfnis nach einem Wort, es gibt Bedürfnis nach Wärme. Nach Nahrung und einem Dach über dem Kopf. Und“, er hielt einen Moment inne, „nach Frieden.“
Von Lützow schraubte den Federhalter zu und sah in den grauen Garten der Gesandtschaft. Sie hörten einen LKW vorfahren, und kurz danach hallten Befehle durch die Villa.
„Denken Sie an Ihre Frau und die drei Mädchen“, sagte Fritz.
Von Lützow stand auf und sah Fritz hinterher, beide Hände auf den Schreibtisch gestützt. Auf dem Flur wartete Weygand, er hielt Akten unter dem Arm und wies mit dem Kinn auf die Tür zu von Lützow.
„Der hat die Hosen voll.“
„Kann passieren, Herr Weygand.“
„Und Sie, Kolbe? Sie werden hier in der Schweiz doch nicht auf komische Ideen kommen, oder?“
„In zwei Tagen reise ich zurück nach Berlin. Heimatfront. Bald Frontstadt. Der Volkssturm würde jemanden wie Sie sofort nehmen, Weygand.“
„Meine Stellung ist hier.
„Kommen Sie hier auf komische Ideen, Weygand?“
Mein Gott, was war los mit ihm? Wie konnte er sich so exponieren? Wie konnte er sein Theaterspiel vergessen? Er hörte Weygand vom Endsieg reden, Vaterland, Führer, letzte Patrone, all der Scheiß, den er immer wieder hörte. Abrupt wandte er sich ab und ging den Flur hinab. Weygand rief nach ihm, aber er drehte sich nicht um.
„Kolbe. Kolbe!“
So hatte von Günther ihn früher manchmal gerufen. Fritz drehte sich zu Weygand um. Der Flur zwischen ihnen war lang und matt, die Holzkisten saugten Licht auf. Ein Mann mit einer Schreibmaschine in den Armen durchquerte die Blicklinie.
„Heil Hitler.“
„Aber sicher, Weygand“, sagte Fritz leise.
Am frühen Abend ging er ins Hotel zurück. Der Portier sagte, es tue ihm leid. Fritz eilte in sein Zimmer. Ein Flickenteppich aus Hemden und Unterwäsche lag auf dem Boden. Der Kleiderschrank, die Kommode, sein Koffer, alles durchwühlt. Seine „Antigone“- und „Michael Kohlhaas“-Ausgaben waren zerrissen worden. Dieser Hass auf Bücher – die Angst des Kleingeistigen vor fremden Ideen und Betrachtungsweisen. Er sammelte die Seiten auf, glättete und sortierte sie. Er steckte die Blätter in die Einbände zurück und strich über das Papier. Niemand hatte hier etwas Verdächtiges gefunden, die Geheimakten hatte er die ganze Zeit über am Körper behalten. Aber wer war hier gewesen?
Er überquerte den winternachtsilbernen Bubenbergplatz im Dunkeln, seine Schuhe platschten durch die weiche, langsam überfrierende Schneeschicht. Er ging dicht an den Häusern der Amthausgasse vorbei, wechselte mehrmals die Straßenseite und tauchte in eine lichtlose Gasse beim Casino ab. Dort hörte er seinen Verfolger zum ersten Mal, auch wenn er vom Verlassen des Hotels an das Gefühl gehabt hatte, beschattet zu werden. Die Angst blieb klein in seinem Herzen und in der Faust um den Revolvergriff. Fritz ging nicht davon aus, dass er umgebracht werden sollte. Das Zimmer war wahrscheinlich von Weygands Leuten durchsucht worden, vielleicht von der Schweizer Polizei, vielleicht von den Russen. Er wusste es nicht, vermutete wegen der zerstörten Bücher aber, dass es Weygands Männer gewesen waren. Er ging hinab bis zur Aare, die dunkel und laut rauschte, und huschte in einen Pfeilerschatten unter der Kirchenfeldbrücke. Er hörte die Schritte des anderen und wartete, bis der vorbeiging.
„’N Abend.“ Fritz’ Stimme war laut und kantig unter der Brücke.
Der Mann drehte sich langsam zu ihm um. Fritz sah ihn als Schatten, als Silhouette vor dem flachen Glanz des Flusses. Kurz meinte er, der Mann nicke, dann ging der Fremde weiter in Richtung Osten und verschwamm mit der Schwärze der Nacht.
Auf Höhe des Münsters bog Fritz ins Stadtzentrum ab, schlug erneut einen Haken, ging zur Herrengasse und entzündete unter den geheimen Fenstern des OSS drei Mal sein Feuerzeug, als versage es, als wolle es die Zigarette nicht zum Glühen bringen. Wie nach diesem Zeichen vereinbart, ging er die Straße hinab wieder aufs Casino zu. Er wartete fünf Minuten, ging zurück, lief in die Seitengasse und drückte das kalte Gartentor auf.
In der Tür stand William Priest.
„Mister Wood.“
„Mister Priest.“
Der Mann schüttelte ihm herzlich die Hand. „Sie sind also verfolgt worden?“
„Und mein Zimmer ist durchwühlt worden. Die haben zwei Bücher zerstört.“
„Schweinerei“, sagte Priest. Mit abnehmender Anspannung begann Fritz zu kichern, Priest legte ihm eine Hand auf die Schulter und die Männer lachten im gekachelten Flur.
„‚Antigone‘ und ‚Michael Kohlhaas‘.“
„‚Antigone‘ kenne ich. Aber wer ist ‚Kohlhaas‘?“
„Deutsche Literatur. ‚Michael Kohlhaas‘, Heinrich von Kleist. Sehr gut, Mister Priest.“
„Ich werde mich damit beschäftigen.“
„Wirklich ein gutes Buch. Sollten Sie unbedingt lesen. Kohlhaas begehrt nach großem Unrecht auf gegen die Staatsgewalt. Macht dann allerdings ein paar kleinere Fehler.“
„Die da wären?“
„Ich glaube, er brennt zwei Städte nieder.“
„Find ich jetzt nicht so schlimm. Hat er Erfolg?“
„Durchaus. Er verliert allerdings am Ende seinen Kopf.“
„Dann wollen wir auf Ihren mal gut aufpassen. Na, kommen Sie“, sagte Priest, und sie gingen den Fritz vertrauten Weg hinauf in das Geheimbüro von Allen Dulles.
Fritz war, als hätte er Dulles erst kürzlich gesehen. Dulles trug den grauen Dreiteiler und rauchte seine Pfeife. Er begrüßte Fritz und sie stellten Sessel ans Kaminfeuer. Priest bereitete ihnen Whisky. „Wo ist Miss Stone?“, fragte Fritz.
„Washington“, sagte Priest. „Wir sollen Sie grüßen, Mister Wood. Sie wünscht Ihnen alles Gute.“
„Und?“, fragte Fritz.
„Egal, was geschieht, Sie sollen weitermachen.“
„Überrascht mich jetzt nicht“, sagte Fritz.
„Die mochte Sie“, sagte Priest.
„Greta Stone? Mich?“
Priest hob sein Whiskyglas.
„Sie wollte mich um den Finger wickeln“, sagte Fritz.
Das Dreigestirn der OSS-Leute war ihm so vertraut geworden. Er hatte sich nicht vorstellen können, einem Treffen beizuwohnen, an dem Greta Stone nicht teilnahm. Obwohl er nie gewusst hatte, was er von der Frau denken sollte, vermisste er sie, ihre aufrechte Haltung und diese seltsame Kühle, die nie unsympathisch war. Was sie in Washington mache, fragte er. „Amerika voranbringen“, sagte Priest. „Wir vermissen sie auch, Mister Wood.“
„Nun, zur Sache“, sagte Dulles. „Haben Sie eine Ahnung, wer Sie verfolgt hat?“
„Haben Sie eine?“
Dulles lächelte und zeigte mit dem Pfeifenstiel auf Fritz.
„Weygands Leute, nehme ich an“, sagte Fritz.
„Die werden alle zusehends nervöser“, sagte Dulles. „Nun gut, was Miss Stone noch interessiert hat und was mich, neben allem anderen, sehr interessiert: Wie hat Hitler die innerstaatliche Überwachung der Bevölkerung organisiert? Unseren Einschätzungen zufolge haben Gestapo und andere Organe ein ausgeklügeltes, effizientes System der Totalüberwachung. Wir lehnen so etwas selbstverständlich ab. Nichtsdestotrotz interessiert es uns.“
„Über die Organisation der Gestapo kann ich Ihnen nicht viel sagen. Sie funktioniert. Sie schüchtert ein, von ihr geht eine ungeheure Gewalt aus. Die fragen nicht. Die dürfen alles. Das ist ein Merkmal, das sie so mächtig macht.“
„Keine Fragen. Alles dürfen.“ Dulles sog an seiner Pfeife und schlug die Beine übereinander. „Interessante Formulierung. Rein theoretisch, Mister Wood … denken Sie, die sammeln Material über jeden einzelnen Staatsbürger?“
„Die schmeißen einen Mann vor den Augen seines Sohnes aus dem Fenster. Über den haben sie kein Material gebraucht.“
„Verstehe“, sagte Dulles. „Okay, und Sie haben uns etwas mitgebracht?“
„Jede Menge“, sagte Fritz. Er zog die Papiere aus den Taschen von Jackett und Mantel, aus den Strümpfen und dem Hosenbund.
„Sehr gut“, sagte Priest, „Panzerreserven der Wehrmacht an der Westfront. Umstrukturierungen, Verdächtigungen gegen deutsche Generale. Sehr gut, sehr gut. Und hier, oh ja, das Düsenflugzeug, die ME 206, großartig. Die Wood’sche Handschrift allerdings, eine wahre Kriegskatastrophe. Können Sie Ihre Schrift lesen, Wood?“
Sie waren kaum fünf Minuten die Dokumente durchgegangen, als Dulles auf seine Uhr sah und sich verabschiedete. Er habe noch einen Termin. Priest beobachtete wie Fritz dem Mann hinterhersah.
„Höchste Ebene, Mister Wood. Allen trifft sich mit einem SS-General aus Italien, mit italienischen Adeligen, mit einem Wehrmachtsoberst und einigen hochrangigen Exilanten, die aus Schweden gekommen sind. Die ganz große Nummer.“
„Und das hier?“ Fritz hob die Papiere an.
„Sie sind sein bester Informant. Aber Allen tummelt sich jetzt gerne in höheren Sphären. In Washington wird für ihn schon ein Stuhl geputzt. Ein großer Stuhl.“
Fritz sah sich im Büro um, hörte die Scheite im Kamin knacken und blickte Präsident Roosevelt in die Augen. Das Spionage-Kammerspiel wurde jetzt nur noch von zwei Leuten gegeben.
„Nehmen Sie hier bloß nichts persönlich“, sagte Priest.
„Ich könnte ja auch nur mein Leben verlieren. Mein ganz persönliches.“
Priest grinste ihn an. „Dulles bespielt jetzt eben noch viel mehr Felder und halt einige, auf denen er sich noch wohler fühlt.
Ich habe hier viele Informanten kommen und gehen sehen, mehr als Sie wahrscheinlich denken. Nazigegner, banale Verräter, Frauen, Männer, vermutliche Doppelagenten, was weiß ich. Aber jemanden wie Sie? Nein. Sie sind der Einzige, dem ich seine tiefe Überzeugung abnehme.“
„Mittlerweile.“
„Anfangs hielt ich Sie für einen Spinner oder Schlimmeres. Aber während alle anderen mindestens versuchen, sich absichern zu lassen oder Geld nehmen – eine Menge übrigens – kommen Sie hierher und liefern das geheimste Material, das wir je unter die Augen bekamen. Und Sie wollen nichts. Greta haben Sie übrigens gefallen.“
Fritz fuhr sich über das lichte Haar. „Hat sie einen Mann?“
„Falls ja, möchte ich nicht in dessen Haut stecken.“
Sie lachten. Priest legte Holz nach.
„Nennen Sie mich Fritz.“
„William. Meine Freunde nennen mich Will.“
„Schön, Will. In Deutschland ist man dabei, riesige Mengen an Geld in die Schweiz zu transferieren.“
„Wir haben Wind davon bekommen. Stimmen Sie mir zu, dass von Lützow ein Schwachpunkt ist? Dass wir den weichklopfen können?“
„Ich habe schon damit angefangen.“
Priest schmunzelte. „Find ich okay. Aber erzählen Sie Allen nichts von solch eigenständigen Aktionen.“
„Weygand hat von Lützow im Auge.“
„Dieses Problem wird gelöst.“
„Die Sache mit den Banken?“
„Ohne die würde es diesen Krieg nicht geben. Ist nichts Neues, Mister … Fritz.“
„Mister Fritz. Wie sich das anhört.“
„Sie haben aber auch einen urdeutschen Namen.“
„Ich bin ein urdeutscher Typ. Gerne sogar. Deutsche Literatur, deutsche Musik, deutsche Philosophie. Die Nazis, das sind gar keine Deutschen, die haben keine Kultur. Die verbrennen Menschen, die verbrennen Bücher. Die haben nur ihr elendes Rumgeschreie. Wenn ich diesen Scheiß schon höre, Hitler sei ein großer Redner. Das ist doch bodenloser Unsinn. Churchill ist ein Redner, Hitler ist ein dumpfer Schreihals. Überhaupt keine Inhalte. Immer verkriecht der sich.“
„Sie haben lange Jahre im Ausland gelebt. Vielleicht daher der andere Blick? Diese Safari in Afrika? Wie war das?“
„Südwest. Mit meinem guten Freund Walter Braunwein.“ Fritz trank von seinem Whisky, Erinnerungen schwappten in seinen Hals, Gespräche, Walters Lachen, Horrido, Käthe mit Sonnenhut in Südafrika neben Katrin im Auto. „Mein bester Freund. Er ist tot, Will. Wissen Sie, warum? Weil ich ihn verraten habe. Hier in diesem Raum. Ohne es zu ahnen. Der Geheimsender bei Dublin, erinnern Sie sich? Walter war dort.“
„Verdammt.“ Priest rieb sich das Kinn. „Fritz, das tut mir leid. Ihr bester Freund?“
„Seine Frau hat sich umgebracht. Käthe.“
Priest starrte ins Feuer. Fritz kannte diesen Blick, diesen wangenwärmenden Moment, wenn sich die ganze Existenz zusammenzog auf die Anziehungskraft der Flammen, eine Art Verlorensein und Konzentration zugleich.
„Gab es deshalb die Unterbrechung?“, fragte Priest. „Haben wir deshalb so lange nichts von Ihnen gehört?“
„Ich konnte nicht mehr.“
„Und nach all dem machen Sie weiter.“
„Marlenes Worte.“
„Was ist das für eine Frau?“
„Die Beste.“
„Ich werde das mit Ihrem Freund Allen erklären.“
„Lassen Sie es, Will. Ich habe das Ihnen erzählt. Ich werde es anderen erzählen, die es wirklich angeht. Aber lassen Sie Dulles da raus, bitte.“
„Wir zahlen alle so viel.“
„Sie auch?“
„Nicht so wie Sie, Fritz. Nicht so. Aber ich habe meine Frau seit drei Jahren nicht gesehen. Und sie ist kein Kind von Traurigkeit. Wenn Sie verstehen.“
„Das Erste, das ich von Marlene gehört habe, war ein Lachen.“
Sie saßen noch eine Zeit schweigend beieinander und sahen zu, wie sich die Flammen um die schwarzen Scheite wellten. Fritz sagte, die Fahrt sei anstrengend gewesen, er müsse ins Bett. Sie verabredeten sich für den folgenden Abend. Fritz fragte, ob er Angst haben müsse wegen des Zimmers und der Verfolger?
„Ich habe keine Ahnung“, sagte Priest.
„Ja oder nein, Will?“
„Ja. Definitiv. Von diesen ganzen Nazis will natürlich keiner ein Nazi gewesen sein. Überall beginnen Absicherungsunternehmen, Tarnungen, Fluchtwege werden sondiert. Wenn herauskommt, was Sie getan haben, dann wird einigen Leuten klar, welchen Überblick Sie haben, Fritz. Dann fragen die sich, was mit den Geheimakten passiert ist. Wie gut Sie die kennen. Ob Sie vielleicht sogar Kopien davon behalten haben.“
„Wundervoll.“
„Eines garantiere ich Ihnen: Wir werden auf Sie achtgeben. Ich persönlich. Verlassen Sie sich darauf. Haben Sie den Revolver noch?“
Fritz klopfte auf die Jackentasche.
„Wenn es sein muss, Fritz, dann immer auf das Zentrum zielen. Nicht auf Arme oder Beine, nicht auf den Kopf. Auf die Körpermitte, immer auf die Mitte. Nicht zögern. Abdrücken. Umdrehen. Gehen. Können Sie das?“
„Mein Gott, Will, woher soll ich das denn wissen? Es ist jedenfalls nicht das, was ich will.“
Es klopfte an der Tür. Ein junger Mann mit Wintermantel und Hut kam herein, flüsterte Priest etwas ins Ohr und ging wieder.
„Da war Ihnen noch jemand auf den Fersen.“
„Scheiße.“
„Wenn Sie jetzt gehen, machen Sie sich wegen der Verfolger keine Gedanken. Das sind meine Männer. Die Besten. Der OSS wird immer größer. Unsere Leute erhalten eine Spezialausbildung, richtig gut. Der OSS wird eine tragende Säule Amerikas sein. Der Staat wird ohne diesen Dienst nicht mehr sicher existieren können. Das ist alles ganz wunderbar und aufregend. Sie, Fritz, Sie haben dazu beigetragen.“
„Ich will Marlene und Katrin. Das ist alles was ich verlange. Will, die Frau muss da raus.“
„Ich sehe, was ich tun kann.“
„Noch etwas. Meine Tochter. Katrin. Das beste Mädchen der Welt. Können Sie ihr nicht eine Nachricht zukommen lassen? Auf den Wegen, die Ihnen möglich sind. Nicht zurückverfolgbar? Können Sie irgendwie geheimen Kontakt zu dem Mädchen aufnehmen, Will? Bitte.“
„Ich kümmere mich darum.“
Fritz erzählte ihm von Swakopmund und Hiltrud und Werner Lichtwang.
„Vielleicht sitzt Katrin jetzt am Strand, Will. Wenn, dann hat sie die Arme um die Knie gelegt. Sie trägt ihr Haar immer offen.“
„Ich hätte auch gerne ein Kind“, sagte Priest.
„Ist das Beste, was man machen kann“, sagte Fritz.
Die Telefone in der Gesandtschaft klingelten ununterbrochen, die meisten Hörer wurden nicht abgenommen. Vor der Villa war eine Mercedes-Limousine vorgefahren, Männer in Ledermänteln trugen Kisten aus dem Haus und verstauten sie im Kofferraum.
Fritz wollte mit von Lützow sprechen, aber der war auf dem Weg zu einem Termin. Er könne ihm nicht sagen, worum es gehe. Weygand meinte, er werde sich schon um Herrn Kolbe kümmern. Dann geschah etwas, das Fritz zutiefst belustigte. Mitten auf dem Flur im Schreien der Telefone und dem Klappern einer Schreibmaschine fuhr von Lützow Weygand an, er solle gefälligst mitkommen, das sei ein Befehl. Fritz hatte von Lützow nie so reden hören. Aber es wirkte. Wie immer. Selbst bei solch einem Mistkerl wie Weygand. Dessen Gesicht war Zorn, trotzdem sagte er sofort und fast so, als wäre es ein körperlicher Reflex: „Jawohl, Herr von Lützow.“ Fritz grinste Weygand an. Der schritt dem viel zu heftig mit den Armen schlenkernden Gesandten hinterher in den grauen Tag hinaus.
Fritz versammelte die Kommunikationsbeamten um sich und erklärte ihnen die neuen Wege nach Salzburg. Dorthin hätten sich viele Stellen des AA abgesetzt, unter anderem folgende Abteilungen …
In der Marktgasse kaufte er einen schwarzen BH und Schokolade für Marlene, am Bahnhof die britische Times und die Washington Post. Im Hotelzimmer legte er sich aufs Bett, rauchte und las Zeitung. Er hatte nach nichts so viel Sehnsucht wie nach der Anwesenheit Marlenes und danach, eine Hand auf ihren Wangenknochen zu legen. Und einem Moment, da er am Bahnhof stehen und Katrin empfangen würde. Er ließ die Zeitung sinken und sah aus dem Fenster in den staubfarbenen Himmel. Konnte es wirklich sein, dass ihm im Amt noch niemand auf die Spur gekommen war? Wieso war sein Zimmer durchsucht worden und von wem? Die Ruhe im Bett erschien ihm unfassbar. Die Unversehrtheit seines Körpers, das Blut, das er meinte durch seine Venen fließen zu spüren, das Gefühl des Papiers an seinen Händen. Was war das alles? Er faltete die Zeitung zusammen, stellte sich ans Fenster und sah auf die schwarz-weiß-graue Stadt hinab. Wie lange war es her, dass Marlene eine friedliche Stadt gesehen hatte? Marlenes und sein Leben, das waren der Krieg und die Geheimnisse. Ein einzelner Mann im schwarzen Mantel ging quer über den Platz und sah zum verhüllten Denkmal hinauf.
Es waren fünf- bis siebentausend Tonnen Gold, die einzelne Nazis versuchten, in die Schweiz zu schaffen. Pro Monat, sagt Fritz. Weil Weygand nie völlige Befugnis bei solchen Angelegenheiten hatte, konnte er von Lützow nicht vom Thron stoßen. Ich weiß nicht genau, warum von Lützow bis zum Schluss seinen Posten behielt, keine Ahnung, wahrscheinlich Vetternwirtschaft. Da kannte immer jemand jemanden, der wen kannte. Als Will Dulles erzählte, dass ich auf eigene Faust begonnen hatte, von Lützow zu bearbeiten, war der Gute völlig entsetzt. Bekam ein ganz graues Gesicht, aber er hat nichts dazu gesagt.
Fritz Kolbe hat sich emanzipiert, sagt Veronika Hügel.
William Priest sagte, er würde persönlich auf Sie aufpassen, auch oder gerade nach Kriegsende?, fragt Wegner.
Es war seine Stimme. Die hörte ich zuerst, als … Fritz schweigt.
Als was? Herr Kolbe? Veronika Hügel hält ihre Kamera in den Händen.
Er geht in die Küche, das Abendlicht schneidet die Konturen deutlich. Er bereitet einen Teller mit Käse, Radieschen, Zwiebeln und dunklem Brot. Er geht hinaus und holt drei Flaschen Bier aus dem kalten Wasser des Brunnens. Er sieht sich um. Welch ein Anblick, welch eine Luft. Er hört das träge Klingeln von Kuhglocken und das Rauschen des Baches im Tal, die Berge sind blau, genau wie die Wiesen im Schatten. Er hat es so lange verdrängt. All seine kläglichen Schreibversuche sind daran gescheitert, dass er die Realitäten fast ebenso brutal ausgeblendet hat, wie die Nazis es getan haben. Eugen Sacher ist in Sorge gewesen wegen ihm, ist er sicher immer noch. Fritz erinnert sich, wie er vor der Einladung von Wegner mit Sacher vor der Hütte gesessen hat.
Ich erzähle es ihm, Eugen, ich, nicht du, hat er gesagt.
Machst du das wirklich? Erzählst du ihm wirklich alles? Du erstickst sonst, Fritz.
Ja ja.
Bei allem Respekt, Fritz, was du da geschrieben hast, einmal sogar auf Englisch, The Story of Georg. Georg was an ordinary German boy … um Himmels willen, du bist kein Schriftsteller, alter Freund.
So schlecht war das gar nicht, hat Fritz gesagt. Eugen Sacher hat gelacht und mit den Händen gewedelt.
Eine Katastrophe, Fritz. Aber wie auch immer – du willst es doch. Du musst. Ja, hat Fritz gesagt und auf die Berge geschaut, ich muss da rauf. Weißt du, Eugen, so viele Menschen wollen außergewöhnlich sein. Ich will einfach wieder normal sein.
Erzähle es ihm, Fritz. Alles.
Er presst die Hände so fest um die feuchten Flaschen, dass ihm eine durch die Finger gleitet und auf den Boden aufschlägt. Sie bleibt ganz, das Glas ist dick und stabil. Er sieht an sich hinab, seine kräftigen Beine. Marlenes Beine. Er denkt an die Prothesen in ihrem Charitébüro. Im Nachhinein ein klirrender silberner, theatralischer Hinweis, den er nicht hatte erkennen können.
Ach Marlene. Liebes.
Er hebt die Flasche auf und lehnt sich an die Hüttenwand. Er hört Schritte, Veronika Hügel schaut um die Ecke.
Sie sehen aus wie ein Saufkumpan, sagt sie. Fritz hebt die Flaschen an.
So ein Drink, das ist etwas richtig Nettes, sagt er.
Finde ich auch. Die junge Frau stellt sich neben ihn und sie sehen über das Tal auf die Berge und den dunkler werdenden Himmel. Fritz reicht ihr ein Bier, es gluckst, als sie trinken.
Gibt es einen Mann, Fräulein Hügel?
Ach, Herr Kolbe. Klar, da ist schon mal der ein oder andere, aber, ich weiß nicht.
Fritz sieht sie an, eine junge Frau, selbst wenn sie lächelt, ist ihre Haut noch ganz glatt. Wenn Marlene lächelte, bekam sie viele Fältchen in den Wangen, er liebte das, legte dann oft eine Hand an ihre rechte Wange und küsste lang die linke, und Marlenes gerade Nase war nur Zentimeter von seinen Augen entfernt. Ach Marlene, denkt er.
Unten auf der Straße blitzen gelbe Katzenaugen auf, ein Auto fährt über die Brücke. Es hält an dem Abzweig, an dem Wegner heute Morgen gehalten hat. Hinter dem Licht der Scheinwerfer ist der Wagen kaum auszumachen, nichts bewegt sich in und um ihn. Der Wagen wird ein Stück zurückgesetzt. Wenn er die Abzweigung nimmt, kommt er hierher. Der Weg führt nirgends anders hin.
Ist etwas?, fragt Veronika Hügel.
Abwarten, sagt Fritz.
Wer immer da unten in dem Auto sitzt, muss die Hütte deutlich sehen, aus den Fenstern leuchtet es gelblich. Jetzt gehen die Lichter am Auto aus, Dunkelheit wirft ein schwarzes Tuch über den Wagen, zwei Leute steigen aus. Fritz kann nicht erkennen, was sie tun, sie sind zu weit weg, es ist zu dunkel.
Wer sind die?, fragt Veronika Hügel.
Keine Ahnung. Wissen Sie, in Romanen und Theaterstücken, da ergibt irgendwie immer alles einen Sinn. Im Leben ist das nicht so. Da wird nicht alles abgestimmt, da schließen sich nicht alle Kreise. Schön wäre es vielleicht, aber es ist nicht so. In Romanen kommt Schuld irgendwann zum Schuldigen zurück. Im Leben? Manchmal, aber weiß Gott nicht immer.
Fritz sieht Bewegung unten am Auto. Die Lichter leuchten wieder auf und der Wagen wird die Straße entlang gefahren, einen Fächer Gelb vor sich hertreibend, bis er im Tal verschwindet.
Wir sind ein wenig unhöflich Herrn Wegner gegenüber, sagt Fritz.
Sie gehen zurück, Fritz holt den vorbereiteten Käse und stellt alles auf den Tisch. Die Stube ist übersät mit Bildern und Dokumenten, an den Wänden hängen Fotos, Zeitungsausschnitte, Stadtpläne. Wegner hat viele Seiten seines Blocks vollgeschrieben, er sieht Dokumente durch. Fritz öffnet die Klappe des Kaminofens und hält ein Streichholz an das vorbereitete Papier mit dem pyramidenartig aufgebauten Kleinholz darüber. Nach wenigen Sekunden knackt das Holz, Wärme fließt aus dem Ofen. Fritz wartet noch einen Augenblick, dann legt er größere Scheite nach.
Aktenvernichtung, sagt er. Die Nazis haben so viel Papier beschmiert. Da wurde alles aufgeschrieben, jede Patrone, jedes Gespräch. Jeder Mensch. Himmler bekundete ganz offen seinen Stolz, die logistische Aufgabe der Judenvernichtung – eine große intellektuelle Herausforderung – so gemeistert zu haben. Wobei, „intellektuell“ hat er wahrscheinlich nicht gesagt, Hitler verabscheute Intellektuelle. Die sind in der Lage, in mehrere Richtungen zu denken, Hitler hat nur in eine gedacht. Ich weiß gar nicht, ob der überhaupt wirklich denken konnte.
Was für ein Käse, sagt Veronika Hügel. Fritz ist kurz irritiert, dann sieht er die junge Frau mit ausgebeulter Wange kauen. Er lacht. Nehmen Sie von den Radieschen dazu, die sind ganz frisch.
Wegner klopft mit dem Stift auf seinen Block.
Das war Ihr letzter Bernbesuch im Krieg, sagt er.
Der schlimmste, sagt Fritz. Da fiel keine Bombe, da rollte kein Panzer. Und trotzdem …
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