Kolbe
13. Der stille Schuss in Bern
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Der stille Schuss in Bern
Fritz verbrachte am nächsten Tag lediglich eine Stunde in der Gesandtschaft. Die meisten Angestellten waren blass und Hoffnungslosigkeit lag auf ihren Gesichtern. Wenn die Leute miteinander redeten, hörte er gespielte Treue und gelogene Überzeugung. Die machen hier alle das Gleiche wie ich, dachte er. Nur die Türen zu den Büros von Weygand und von Lützow waren geschlossen. Im Garten der Villa standen Feuerkörbe und die herausflackernden Flammen waren von intensivem Orange vor dem grauen Himmel und den moosbekupferten Baumstämmen. Hunderte Seiten belastenden Materials schrumpften zu Asche zusammen und flogen aus den Körben, schwarze Partikelchen in der Luft.
Dulles hatte Fritz gesagt, er solle von Lützow mit der Möglichkeit eines Asyls in der Schweiz ködern. Fritz wusste nicht, ob das ernst gemeint war, aber das war ihm gleich. Er wollte hier seine Sabotagearbeit verrichten und dann so schnell es ging zurück nach Berlin, um Marlene aus der Stadt zu holen. Er war sich sicher, dass von Günther sein Angebot ernst gemeint hatte.
Er unterhielt sich auf dem Flur mit einer Frau aus der Visa-Abteilung über Blumen in Südafrika und wartete, bis Weygand das Büro verließ und mit einem nervösen schweizer Zollbeamten hinausging. Er bedankte sich bei der Frau für das nette Gespräch und klopfte bei von Lützow an. Er setzte sich ihm gegenüber an den Schreibtisch und wies aus dem Fenster.
„Ein schönes Land, die Schweiz“, sagte er. „Oh ja“, sagte von Lützow, „vor allem an den Seen, ganz fantastisch“.
„Im Frieden wäre das alles noch schöner“, sagte Fritz. Von Lützow erwiderte nichts, Unsicherheit verengte seine Augen.
„Asyl, Herr von Lützow? In der Schweiz? Sicherheit für Sie, Ihre Frau und die Kinder. Und unterbinden Sie die Aktenvernichtung.“
„Wie bitte?“
„Um Sie herum beginnen Leute sich abzusetzen. Es werden Geheimverhandlungen auf höchster Ebene geführt. Ihr Vorgesetzter Ribbentrop sitzt in seinem Schloss, säuft den familieneigenen Sekt und pisst sich die Hosen voll. Sie sind diesem Mann keine Rechenschaft schuldig.“
Von Lützow starrte ihn an, die Pomade in seinem schwarzen Haar vermischte sich mit Schweiß.
„Arbeiten Sie mit mir zusammen.“
Von Lützow beugte sich hinab, zog den Papierkorb heran und erbrach sich. Fritz guckte aus dem Fenster, zwischen zwei langgezogenen Wolkenbänken lag ein Streifen Blau am Himmel. Von Lützow tupfte sich mit einem weißen Tuch den Mund ab.
„Ich lasse Sie auf der Stelle verhaften.“ Er war atemlos, als wäre er einen der Berge in einem Zug emporgeklettert.
„Das tun Sie nicht“, sagte Fritz. „Es wird Ihnen nichts geschehen. Roosevelt, Churchill und Stalin fordern die bedingungslose Kapitulation, die werden nicht mit den Nazis verhandeln. Die Wehrmacht ist geschlagen. Und die Wunderwaffen – die kommen nicht, Herr von Lützow. Sie saßen während des gesamten Krieges hier in Bern, Sie haben sich nichts oder nicht viel zuschulden kommen lassen. Man streckt Ihnen die Hand entgegen.“
„Was haben Sie getan, Kolbe?“
„Ich kann für Ihre Sicherheit garantieren.“
Von Lützow neigte sich wieder dem Eimer entgegen, ein säuerlicher Geruch legte sich über das Büro. Fritz nahm Akten vom Schreibtisch und warf sie an von Lützows Gesicht vorbei in den Eimer. Kotze und Hakenkreuze, dachte er.
„Ich rufe von Günther an.“
„Von Günther ist dabei, seine Flucht aus Berlin vorzubereiten.“
Selten hatte Fritz einen dermaßen fassungslosen Menschen gesehen. Von Lützow schien ganz weich zu werden, jeden Halt zu verlieren und sich plötzlich allein und nackt mitten in der Wüste oder auf einem hohen Berggipfel ausgesetzt wiederzufinden.
„Denken Sie ernsthaft, all die Gelder, die jetzt in die Schweiz transferiert werden, werden für den Endsieg gehortet?“
Von Lützow zerrte an seiner Krawatte, er griff nach dem Telefonhörer, war aber so nervös, dass der ihm aus den zappelnden Händen fiel und auf den Schreibtisch klackte. Fritz nahm den Hörer und legte ihn wieder auf. Er wusste, dass er viel riskierte, aber das hatte er die ganzen letzten Tage schon gemacht. Er kam immer mehr da an, wo er seit Jahren war. Aber auch wenn von Lützow wahrscheinlich wirklich kein Verbrecher war, war er doch ein Abgesandter Hitlers, brav und untertänig und überfordert. Der Mann hatte, so vermutete Fritz, nie überschaut, was in der Hitlerwelt passierte. Für Rücksicht hatte Fritz keinen Platz.
„Wenn Sie jemandem von diesem Gespräch erzählen, dann bin ich geliefert, Herr von Lützow. Aber meine Freunde erfahren das. Wenn mir etwas geschieht – dann sind Sie tot.“ In großer theatralischer Geste zog Fritz den Revolver aus der Jacketttasche und wackelte damit. In dem Spiel, das er seit Jahren trieb, erschien ihm diese Handlung ungeheuer passend, nicht eine Sekunde dachte er, er könne albern wirken.
„Sind Sie verrückt geworden, Kolbe? Haben Sie den Verstand verloren?“ Von Lützows Blick klebte an der Waffe. „Sie elendiger Verräter.“
Fritz lachte bitter. „Gaskammern, Vernichtungskriege, Ausrottung von Menschen. Herr von Lützow, Sie sind doch ein kultivierter Mann. Wer hat Deutschland verraten? Ich?“
Von Lützow gab ein Geräusch von sich, es kam aus dem Herzen und dem Magen und dem Denken. Die Hemdbrust des Gesandten war nass, sein Blick flog. Fritz spielte weiter, er spielte gemein und brutal und erschrak über die saure Freude, die ihm das bereitete.
„Wenn jemand etwas erfährt über unsere Zusammenkunft, sind nicht nur Sie geliefert. Auch Ihre Familie wird Schaden nehmen. Erheblichen Schaden.“ Wie leicht ihm diese Lüge fiel. Er würde Marlene davon erzählen müssen. Oder auch nicht.
„Sie … Sie …“ Von Lützow wusste nichts zu sagen. Dann aber machte er aus der Anrede eine Frage, in der sich all sein Erstaunen über Fritz Kolbe zusammenzog. „Sie?“ Als könne er nicht fassen, dass es Fritz war, der ihm gegenübersaß und eine Waffe in der Hand hielt. Fritz steckte den Revolver weg.
„Ich habe diese Dinge nicht in der Hand, Herr von Lützow. Wenn es nach mir ginge, würde Ihre Familie da rausgehalten.“
„Sie sind ein bezahlter Laufbursche.“
„Ein unbezahlter, Herr von Lützow.“
„Man verrät sein Land nicht.“
„Die Leute, auf die Sie sich verlassen, die werden Sie eiskalt abservieren. Weygand ist hier der Wortführer. Über Weygand wird in Berlin geredet, wenn das Gespräch auf Bern kommt. Nicht über Sie. Und jetzt sagen Sie mir, dass Sie einem Mann wie Weygand vertrauen.“
„Der steht zu Deutschland und unserem Führer.“
„Hören Sie auf damit. Zum Führer stehen? Ich glaube es ja nicht. Schreiben Sie mir bis morgen alles auf, was Sie über die Geldtransfers wissen. Banken, Mittelsmänner, Adressen, Zahlen, Routen. Alles. Denken Sie nach. Fragen Sie sich, wo die Zukunft liegt. Reden Sie mit Ihrer Frau.“ Fritz hielt inne. Reden Sie mit Ihrer Frau? Das war einer dieser Sätze, die ein Mensch so oft hörte, dass er sie unüberdacht übernahm, ohne die Inhaltslosigkeit oder das schier Falsche daran zu erkennen.
„Mit Ihrer Frau lieber nicht.“
„Ich berede alles mit meiner Frau.“
„Die aber nicht alles mit Ihnen.“
„Was …“
„Das ist jetzt gleich. Das ist Ihre Sache. Geht mich nichts an. Mit wem auch immer Sie reden, erwähnen Sie nie meinen Namen. Haben Sie mich verstanden?“
„Wie kann ein Mensch so verkommen sein?“
„Herrgott, von Lützow, der Krieg ist bald vorbei. Etwas Neues wird entstehen. Wir können daran teilhaben, dass es gut wird. Richtig gut. Jetzt.“
Fritz stand auf und sah auf den Mann hinab. Von Lützow hatte die Arme weit auf dem Schreibtisch ausgebreitet.
„Denken Sie in Ruhe nach. Und seien Sie vernünftig.“
Als Fritz an der Tür war, rief von Lützow ihm hinterher.
„Deutschland, das ist nicht nur Hitler. Aber es ist nun einmal auch Hitler. Eine Phase. Aber Verrat? Was denken Sie denn? Dass Sie ein System verraten? Sie liefern Menschen aus.
Fritz sah Walter am Lagerfeuer während der Safari, er sah Käthes geknackten Schädel und Katrins kleinen Rücken am Hafen.
„Wir sehen uns morgen, Herr von Lützow“, sagte er. „Danach reise ich zurück nach Berlin, ins Amt. Wo kaum noch jemand ist. Kommen Sie doch mit. Sehen Sie sich an, was aus Berlin geworden ist. Und aus all den treuen Dienern im Auswärtigen Amt und anderswo. Kommen Sie mit mir.“
„Meine Stellung ist hier.“
„Sorgen Sie dafür, dass nicht so viele Akten vernichtet werden. Es werden Prozesse gegen die Naziführer vorbereitet.“
Von Lützow beugte sich wieder über den Eimer und würgte.
„Mein Gott, Mann, Sie kommen da doch raus. Halten Sie Ihr Haus in Ihrer Hand. Sie sind hier der Chef! Jetzt reißen Sie sich zusammen. Die Geldtransfers. Die Akten. Sie kriegen das hin.“ Auf der Fensterbank zum Garten standen eine Cognacflasche und ballonartige Schwenker. Fritz goss ein Glas halbvoll und stellte es von Lützow auf den Tisch. Der Schatten des Cognacs bewegte sich auf der Schreibunterlage.
Fritz ging nach Norden, verließ die Straße kurz vor der Brücke und schlug sich zum Ufer der Aare hinab. Er rauchte eine Zigarette und fragte sich, ob es wohl Forellen in diesem Fluss gebe. Er dachte an Horst Braunwein. Es schien ihm Jahrzehnte her, dass er mit dem Blondschopf in Südafrika geangelt hatte. Kapstadt, Katrin, Frieden – das war alles so lange her. Es war ein anderes Leben gewesen.
Er kletterte auf die Straße zurück und trat die verkrusteten Schuhe ab. Einige Passanten sahen ihn an. Man müsse immer mal den Weg verlassen, sagte er. Das tue dem Menschen gut.
In seinem Hotelzimmer saß Musorksky. Fritz erkannte ihn sofort wieder. Der Mann war blass. Ein dicker dunkler Mantel floss wie eine Decke um seinen Körper.
„Nicht in Sibirien?“
„Die Sowjetunion ist bereit, Ihnen viel Geld zu bezahlen für Informationen über General Gehlen. Sehr viel Geld. Wenn Sie möchten ein friedliches Leben in Moskau. Ist eine wundervolle Stadt mit einer großen Geschichte.“
„Man kann nicht zwei Herren zugleich dienen, Herr Musorksky.“
„Hören Sie, Herr Kolbe, das wäre sehr wichtig für uns. Der Klassenfeind …“
„Wichtig für uns?“, unterbrach Fritz. „Oder für Sie?“
„Außerdem wird von größeren finanziellen Transaktionen zwischen deutschen und schweizer Banken gemunkelt. Begreifen Sie nicht, was hier vor sich geht? Die Kapitalisten arbeiten zusammen, immer. Selbst in diesem Krieg. Amerika und Deutschland. Sie sind nicht der Mann, der dabei mitmacht, Herr Kolbe.“
„Vielleicht gehe ich nach Afrika zurück.“
„Wo die schwarze Rasse vom westlichen Imperialismus ausgebeutet wird? Wofür haben Sie gekämpft?“
„Wissen Sie, Musorksky, ich habe die Schnauze voll von all diesen Reden, all diesen hochtrabenden Ideen und dem ganzen Murks. Ich bin mir sicher, dass die sowjetischen Dienste das Gleiche leisten wie die amerikanischen oder britischen. Aber ich bin nicht dabei. Ich habe nie für jemanden gearbeitet. Ich arbeite gegen jemanden. Das Für ist einzig und allein meine Sache.“
„Ich könnte Gewalt anwenden.“
Fritz lachte. Er lehnte sich an die Wand, er fühlte sich tatsächlich belustigt. Mit ungeahnter Selbstverständlichkeit zog er zum zweiten Mal am heutigen Tag den Revolver. Er sah auf seine Hand hinab, sie war ruhig. Ein kurzes Stutzen darüber wurde beiseite gefegt von einem glasklaren Gedanken: So weit bist du also schon. Er seufzte.
„Glauben Sie, ich bin so weit gegangen, um mich jetzt von Ihnen und Ihren Scheißhaus-Ideen stoppen zu lassen?“ Musorksky schien unbeeindruckt von der Waffe, er verzog die Lippen, als lutsche er eine bittere Tablette. Würde er wirklich auf Musorksky schießen können? Diesem Menschen eine Kugel in den Leib jagen?
„Wie haben Sie die Akten hierhergebracht? Auch mit der Kurierpost, oder? Sehen Sie, ein Umschlag für uns an eine Tarnadresse, ganz sichere Sache. Eine Akte, ein Umschlag. Über Gehlen und seine Halsabschneider. Und stecken Sie den Revolver weg. Ist ein amerikanischer, die sind gut. Aber Sie können nicht damit umgehen.“
„Schnappen Sie Gehlen doch. Der ist immer irgendwo im Osten.“
„Der ist längst weg. Wenn Sie ihn uns nicht liefern, wenn Sie uns kein Material zuspielen, damit wir auch etwas in den Händen haben, dann werden Ihre amerikanischen Freunde kurz nach Kriegsende mit eben jenem General Gehlen zusammenarbeiten. Das garantiere ich Ihnen.“
„Blödsinn.“
„Seien Sie nicht naiv, Kolbe. Ein paar Dokumente über Gehlens Vorgehen im Osten, bei uns, in meiner Heimat. Zehn brisante Blätter, das würde schon reichen.“
„Wer hat Sie auf meine Spur gesetzt, Musorksky? Wer? Wie sind Sie auf mich gekommen?“
Musorksky rieb sich die Stirn. Der Mann stand unter Druck, das sah Fritz ihm deutlich an. Vielleicht sah er in Fritz tatsächlich seine letzte Chance, nachdem die Aktion in Bern fehlgeschlagen und Fritz vom OSS befreit worden war.
„Einen Whisky?“, fragte Fritz. Musorksky sah aus dem Fenster und nickte. Fritz schenkte zwei Gläser ein, ließ seines stehen, um die Rechte für die Pistole freizuhalten und reichte das andere Glas weiter. Musorksky trank gierig. Aus den Augenwinkeln sah er dabei auf die Waffe.
„Ihre Hand zittert“, sagte er.
„Blödsinn.“
„Wie dem auch sei. Die werden mit den Nazis zusammenarbeiten, Herr Kolbe. Das muss Ihnen doch klar sein.“
„Ich komme nicht mehr nach Bern, Herr Musorksky. Ich bin zum letzten Mal hier. Ich kehre morgen zurück nach Berlin. Das wird bald Ihres sein.“
„Und wenn ich dafür sorge, dass man in Berlin von Ihrem Tun erfährt?“
Fritz setzte sich, ohne Musorksky aus den Augen zu lassen. Ein plötzlicher Schwall Müdigkeit kippte durch seinen Körper.
„Wenn Sie mir drohen, etwas über mich nach Berlin durchsickern zu lassen – dann muss ich Sie jetzt erschießen, Musorksky. Ein Einbrecher in meinem Zimmer. Dulles würde das schon richten können.“
„Allen Dulles ist scharf darauf, den größten Geheimdienst der Welt aufzubauen. Sie zählen da nicht.“
„Der Präsident der Vereinigten Staaten liest meine Zusammenfassungen. Das habe ich Dulles zu verdanken. Ich zähle da. Also, wer hat Sie auf mich aufmerksam gemacht?“
„Ein Vögelchen …“
„… in London. Okay, Sie Scheißkerl. Trinken Sie noch einen amerikanischen, kapitalistischen Whisky und dann verschwinden Sie.“ Fritz warf die Flasche quer durchs Zimmer. Musorksky schaffte es, das Glasgeschoss mit beiden Händen aus der Luft zu fischen. Er drehte den Verschluss auf und trank aus der Flasche. Jetzt war Fritz sich sicher, dass dem Mann ein Ultimatum gestellt worden war. Seine Drohung musste ein Bluff sein, denn wenn Fritz tot wäre, gäbe es gar keine Quelle über Gehlen mehr.
„Sie wissen nicht, worauf Sie sich eingelassen haben, Kolbe. Wer keine Ausbildung in diesem Metier gemacht hat, der gerät zwischen die Räder.“ Musorksky legte die Hände ineinander und rieb sie, als wolle er etwas zerquetschen.
„Verschwinden Sie in die Berge, Musorksky. Tauchen Sie unter. Sibirien ist eiskalt.“
„Wissen Sie wie die deutschen Einsatztruppen und die SS in Russland gewütet haben? Haben Sie eine Ahnung, was diese Menschen dort angerichtet haben? Auch die Wehrmacht?“
„Und Sie wissen genau, dass einige Informationen, die ich Dulles geliefert habe, schnurstracks nach Moskau gewandert sind. Was wollen Sie von mir?“
Musorksky schlug mit der Faust auf die Sessellehne. „Gehlen. Gehlen, verdammt noch mal! Sie bereiten dem ein schönes warmes Bett, Kolbe.“
„Unsinn.“
„Der Mann hat profunde Informationen über unsere Art, Krieg zu führen. Über unsere Rüstung, über unsere Pläne. Der wird die Amerikaner ködern. Der wird denen Angebote machen. Begreifen Sie das denn nicht?“
„Der wird im Gefängnis schmoren.“
Musorksky schlug die Hände vors Gesicht. „Wird er nicht“, schrie er. „Das alles wird Ihnen irgendwann furchtbar leid tun, Kolbe. Einem Mann wie Ihnen – es wird Ihnen grausam leid tun. Irgendwann fällt es Ihnen wie Schuppen von den Augen. Ich reiche Ihnen die Hand, Kolbe. Greifen Sie zu. Wir kümmern uns um unsere Freunde. Und wenn Sie im Westen leben wollen, bitte, in Ordnung.“
„Die Flasche können Sie gerne mitnehmen.“
„Kolbe!“
„Sie sind auch nur einer von all diesen … diesen …“
„Und Allen Dulles? Was, Kolbe, unterscheidet mich von dem?“
„Nehmen Sie die Flasche mit.“
Das tat er. Fritz sah die Tür an, durch die Musorksky verschwunden war. Besser der als ich.
Er ging hinunter in das kleine Hotelrestaurant und bestellte eine Forelle mit Salzkartoffeln.
Er dachte über Musorkskys Worte nach, über Dulles’ Frage nach der Totalüberwachung im Nazistaat und Priests Andeutungen, dass nach Ende des Krieges ein neuer Krieg beginnen würde, so wie Musorksky es gerade gesagt hatte. Er machte sich keine Illusionen mehr, dass die Amerikaner jegliche Zusammenarbeit mit subalternen Nazis verweigern würden, aber Männer wie Gehlen würden sie ins Gefängnis stecken. Mit solchen Leuten kooperieren? Nein, das konnten die nicht, das war unmöglich. Wie würden die Amerikaner weltpolitisch dastehen? Und ein neues Deutschland, würde es einen Gehlen integrieren? Völliger Unsinn.
Er schnitt durch die knusprige Haut der Forelle und trennte die Filets von den Gräten. Wenn Marlene ihm doch gegenübersäße, könnte er ihr jetzt doch in die Augen sehen. Die verheiratete Marlene Wiese. Die nackte Marlene auf dem Küchentisch, Hakenkreuze unter dem Rücken oder den Brüsten, je nachdem, wie sie es gerade mochte. Die erschöpfte Marlene. Die mutige Marlene. Marlene in seiner Wohnung, Marlene in der Charité, Marlene auf der Straße. Mar – le – ne. Ihr Mädchenname war Martens, Marlene Elisabeth Martens. Und dann würde Katrin aus ihrem Zimmer in diesem hübschen Hotel kommen, ihm kurz die Hand auf den Rücken legen und sich zu ihnen setzen, die Speisekarte durchblättern und sagen, was sie alles nicht möge und Fritz würde lachen.
An der Rezeption ließ er sich mit der Charité in Berlin verbinden. Er musste mit sieben gehetzten Menschen sprechen, bis er sie am Apparat hatte.
„Ich liebe dich“, sagte er. Er hörte einen unmenschlichen Schrei, etwas klapperte, Metall klimperte.
„Ich liebe dich auch“, sagte sie. „Nein, nein, bring ihn da hinten rein. Ja, ich komme sofort. Fritz? Fritz?“
„Ja.“
„Die Gestapo war bei mir.“
Fritz schlug auf den Tresen. Der Mann an der Rezeption sah ihn an. Fritz hielt sich eine Hand über die Augen.
„Um Himmels willen, Marlene, haben die dir etwas getan?“
„Sie waren so gemein, Fritz. So abscheulich. Warten Sie, Sie können da jetzt nicht rein. Da hinten, ja. Ja, ich weiß. Es ist mir egal, was Sie dazu sagen. Tun Sie es einfach. Ja. Fritz?“
„Ja? Marlene? Bist du verletzt?“
„Nein. Nein, ich bin nicht verletzt. Die wissen von uns. Die wissen es. Sie haben gefragt, wo du während des Stauffenberg-Attentats gewesen bist.“
„Ich war in Paris. Ganz offiziell.“
Der Hörer schluchzte. In Fritz raste Schwärze. Die konnten nichts wissen.
„Ich hol dich da raus, Marlene. Halt durch. Ich bin bald wieder da.“
„Mein Gott, Fritz, ich hatte solche Angst.“
„Ich bring die um, Marlene, ich schieß die alle über den Haufen.“
„Ja, mach das. Ich muss jetzt weiter hier. Pass auf dich auf, Fritz, pass bloß auf dich auf.“
„Marlene, ich …“ Er stammelte, er sah Marlenes Gesicht ganz dicht vor seinem, er wollte nach ihrer schönen Nase greifen, aber irgendwer zog die Frau von ihm weg und er schrie ihr hinterher.
„Fritz. Komm nicht zurück. Bleib.“ Die Leitung krachte. Fritz wollte das Telefon auf dem harten Holz der Theke zertrümmern. Er eilte in sein Zimmer zurück. Er schrie so laut er konnte das Landschaftsbild über dem Bett an, ohne einen Ton von sich zu geben. Er schlug mit dem Stuhl auf die Matratze, so hart, dass das Holz zurücksprang und ihm vor die Augenbrauen stieß.
Marlene. Um Gottes willen. Er eilte zum Bahnhof, suchte eine deutsche Zeitung mit Hitlerporträt aus dem kalten Ständer raus und rannte zurück ins Hotel. Er fuhr den Mann an der Rezeption an, er solle ihm sofort eine Gabel geben. In seinem Zimmer stieß er so lange und heftig in Hitlers Gesicht, bis die Gabel brach, ihm an die Wange sprang und die Haut aufschlitzte.
Am Abend erzählte er Dulles und Priest von seiner Offensive bei von Lützow. Er berichtete auch von Musorksky und fragte, ob der OSS beobachtet habe, dass der Russe ins Hotel gekommen sei. Das hätten sie, sagte Priest. Er fragte, ob der Russe Fritz geschlagen habe. Wegen der – er tippte sich an die Wange.
„Das war etwas anderes. Was, wenn der mich erschossen hätte?“
„Hatte der mit Sicherheit nicht vor, Fritz“, sagte Priest.
Dulles sah zwischen ihnen hin und her, sagte aber nichts. Fritz rauchte eine Zigarette nach der anderen. Marlene schrie aus Berlin. Leben, Fritz, leben!
„Verdammt noch mal“, sagte Fritz.
„Ist alles in Ordnung?“, fragte Priest.
„Ja ja. Über eine Art Fortführung des Krieges nach dem Ende Nazideutschlands“, sagte er, „hat er die gleiche Meinung wie Sie, Will. Er meint außerdem, dass die Amerikaner auch mit hochrangigen Nazis zusammenarbeiten werden.“
Dulles und Priest sahen sich an.
„Wir müssen uns auf das Jetzt konzentrieren, Mister Wood“, sagte Dulles. „Das Material, das Sie beschafft haben, ist erneut erstklassig. Ihre letzte Möglichkeit von Lützow zu bearbeiten, bietet sich morgen Vormittag. Ich gebe Ihnen die Karte eines Mannes, der hier in Bern in einer Bank arbeitet. Genaueres müssen Sie zu Ihrer eigenen Sicherheit nicht wissen. Versichern Sie von Lützow, dass dieser Kontakt sicher und seriös ist, dass er nichts zu befürchten hat. Die Papiere, die von Lützow Ihnen hoffentlich aushändigt, hinterlegen Sie im Hotel. Sie kommen da auf dem Weg zum Bahnhof vorbei. Was ist denn mit Ihnen, Mister Wood?“
„Wenn Sie meinen, Weygand sollte ausgeschaltet werden, sagen Sie es jetzt, Fritz“, sagte Priest.
„Ich bitte Sie.“
Priest lachte. „Sie sind zu gut für diese Welt. Wir sind im Krieg.“
„Mit diesem Wort wird zu viel gerechtfertigt.“
„Meine Herren, bitte“, sagte Dulles, „wir haben keine Zeit zum Philosophieren. Wenn Sie zurück in Berlin sind, Mister Wood, sind Sie wieder auf sich allein gestellt. Bleiben Sie nicht in der Stadt, wenn es geht.“
„Die Russen sind scharf auf Sie“, sagte Priest.
„Das wird wahrscheinlich unser letztes Treffen zu Kriegszeiten sein“, sagte Dulles. „Ich denke, ein Drink könnte nicht schaden.“
Priest goss Whisky ein.
„Wie lange wird es noch dauern?“, fragte Fritz.
„Der deutsche Widerstand ist sinnlos aber teils fanatisch. Vor einigen Tagen sind nahe eines französischen Dorfes Gefangene gemacht worden. Ihr Leutnant war an einem Baum erhängt worden. Er sollte mit seinem Sturmgeschütz eine amerikanische Einheit angreifen. Die Gefangenen berichteten, er habe gesagt, dass er das sofort tun würde, wenn er Munition hätte. Habe er aber nicht. Nicht eine Granate, nicht eine Patrone für das MG. Die SS-Leute wiederholten, er solle angreifen. Der Leutnant fragte: Womit? Das war sein Todesurteil. Ist einfach erhängt worden. So betrachtet, nun, es wird deutlich länger dauern, als es dauern müsste.“
„Es haben sich uns aber auch schon ganze Kompanien ergeben“, sagte Priest.
„Meine Herren“, sagte Dulles und hob sein Glas. „Auf das Ende Hitlers und des Kaisers von Japan.“ Sie stießen an, der Whisky schwappte wie flüssiger Honig in den Gläsern. Der Alkohol brannte in Fritz’ Magen.
„Mister Wood, ich will keinen Hehl daraus machen“, sagte Dulles, „meine Abteilung hat enorm profitiert von dem, was Sie geleistet haben. Ihr Einsatz hat uns hier in Bern herausgehoben aus dem Apparat. Ich habe den Präsidenten persönlich auf Sie aufmerksam gemacht, natürlich ist er dadurch auch auf mich aufmerksam geworden. Ich werde Karriere machen, Mister Wood. In Amerika. Für Amerika. Das beste Land der Welt. Ich möchte, dass Sie wissen, dass ich Ihnen mein Leben lang verpflichtet sein werde und zwar gerne.“
„Das ist ja schön“, sagte Fritz. Er blieb unberührt von Dulles’ Worten. Er bedankte sich für das Vertrauen und die Zusammenarbeit, sagte aber, das alles noch nicht vorüber und Berlin eine Mördergrube sei.
Jetzt war der Zeitpunkt gekommen. Fritz hatte Dulles anfüttern wollen, ihn umgarnen, er hatte ausgeholt mit trommelndem Herzen und Marlenes Weinen im Ohr.
„Ich muss da raus. Marlene auch. Ich habe nie etwas von Ihnen gefordert. Jetzt schon.
Die Gestapo war bei Marlene. Ich will, dass Sie mich und die Frau jetzt rausholen. Helfen Sie uns.“
„Okay“, sagte Priest, „wir …“
„Moment“, unterbrach Dulles. Er zog einen Tabakbeutel aus der Jacketttasche und begann seine Pfeife zu stopfen, braune Krümel blieben an seinem Daumen haften und er schnippte sie auf den Teppich. „Es ist noch nicht vorbei, Mister Wood.“
„Für mich und Marlene schon. Für Katrin auch. Ich habe Ihnen so viele Seiten Papier geliefert. Ich bin Capa. Ich bin der Beste, den Sie haben. Es ist jetzt vorbei, Mister Dulles.“
„Mister Wood, bitte. Wir sind gerade in einer entscheidenden Phase des Krieges. Hunderttausende amerikanischer Jungs kämpfen zehntausend Meilen von ihrer Heimat entfernt in Europa gegen Hitlers Armeen. Ich brauche Sie da, wo Sie sind, Mister Wood. Ich brauche Sie genau in diesem zusammenbrechenden Außenministerium, in dem für Sie jetzt alles noch einfacher wird.“
„Einfacher? Mister Dulles, haben Sie gehört, was ich gerade erzählte? Marlene, meine Marlene, ist von der Gestapo verhört worden. In Berlin verschwinden mehr Menschen als je zuvor. Sie holen mich und die Frau da raus!“
„Halten Sie noch ein bisschen durch, Mister Wood. Bleiben Sie treu. Jede Information, die Sie uns beschaffen können, kann unseren Vormarsch erleichtern. Und den Kampf im Pazifik. Sie können Leben retten.“
„Andere Leben.“
„Allen, wir können ihm doch entgegenkommen“, sagte Priest.
„Warten Sie, Will. Moment.“ Dulles beugte sich über den Schreibtisch und suchte Fritz’ Blick. „Nie war jemand von uns so tief da drin wie Sie, Mister Wood. Sie können da nicht weg. Nicht jetzt. Ich garantiere Ihnen, dass ich mich persönlich um Sie kümmern werde, nach dem Krieg. Sie können da nicht weg. Man verlässt seine Stellung nicht.“
„Welche verdammte Stellung? Hören Sie zu, Mister Dulles, setzen Sie alles in Bewegung, was Ihre Organisation bewegen kann, um mich und Marlene da rauszuholen.“
„Nicht jetzt, Mister Wood. Noch nicht. Halten Sie durch.“
„Warum haben Sie die Wolfsschanze nicht bombardieren lassen?“
Dulles sah Priest an, der öffnete die Hände, als wolle er andeuten, Dulles solle es sagen. Dulles zog die grauen Brauen zusammen, sein linkes Auge zuckte.
„Ein paar Wochen noch, ein paar Informationen noch über die Kurierpost. Ich weiß, dass Sie der Post nicht viel mitgeben können, aber die entscheidenden Informationen. Ich beschwöre Sie, Mister Wood! Halten Sie durch. Bleiben Sie noch ein bisschen.“
„Hören Sie, Fritz, hier …“ Priest ging in Greta Stones ehemaliges Büro und kam Sekunden später zurück, er hatte ein Bündel Dollarnoten in der Hand.
„Das sind Zwanzigtausend, als kleine Entschädigung. Ich bewahre das Geld für Sie und Marlene auf. Lassen Sie mich wenigstens das tun. Nehmen Sie es.“
„Bis auf den letzten Cent, Will.“
„Ich muss jetzt los“, sagte Dulles. Er erhob sich und sah von oben auf Fritz hinab, ein Ausatmen im Schnurrbart. Er ging, ohne sich zu verabschieden.
„Arschloch“, sagte Fritz.
„Whisky, Fritz? Viel Whisky?“
Als wäre Frieden, als wäre Ruhe und Zeit zur Muße, ließen sich die Männer in die Sessel sinken, tranken von ihrem Whisky und begannen, über Sport und Literatur zu reden. Sie stahlen sich Zeit, die sie nicht hatten. Diese Zeit flog oder stand still, die Männer lachten, erzählten Anekdoten aus ihren Leben, wurden leiser, als sie über die Abwesenheit ihrer Lieben redeten und dann berichtete Priest, warum Dulles gelernt hatte, niemals jemanden abzuweisen, der ihn sprechen wollte. Noch vor dem ersten Weltkrieg – oder im Krieg, er wisse es nicht genau, hätte ein junger Mann hier in Bern um eine dringende Unterredung gebeten, Dulles aber habe wegen eines Tennisspiels mit einer charmanten jungen Dame abgesagt. Später erfuhr er, dieser Mann sei Lenin gewesen. Seitdem habe er noch so seltsam klingenden Fragen nach Treffen immer zugestimmt.
„Ich habe also Lenin etwas zu verdanken? Ich glaube, so übel war der gar nicht.“
„Ein Scheißkerl.“
„Will, Sie unverbesserlicher Cowboy.“
„Kann ich nach dem Krieg weiter für Sie arbeiten? Vorausgesetzt, Sie kümmern sich darum, dass Marlene aus Berlin herauskommt. Ich habe gelernt, mich jahrelang zu verstellen. Ich kann lügen und täuschen. Ich wusste manchmal selbst nicht mehr, wer ich bin.“
„Es wird noch einiges passieren, bis es so weit ist. Unvorhersehbares.“
„Haben Sie etwas wegen Katrin unternehmen können?“
„Noch nicht. Aber ich kümmere mich darum. Versprochen. Schaffen Sie es, Fritz?“
Fritz presste die Lippen zusammen. Gestapogesichter beugten sich dicht zu Marlene, sie musste ihren Atem riechen.
Als Fritz am nächsten Morgen vor der Gesandtschaft ankam, stieg Weygand gerade in ein Auto. Er sah Fritz an und zeigte auf ihn, der Finger vibrierte in der Luft.
Auf dem Flur traf er die Frau, mit der er am Vortag über Blumen geredet hatte. Sie fragte ihn flüsternd, was aus ihnen werden würde. Fritz sagte, es werde schon irgendwie. Sie legte ihm eine Hand auf die Schulter und zog ihn dicht heran. „Ich habe Weygand jahrelang in den Kaffee gespuckt.“
Fritz lachte. Sie sei ein Goldkind. Er fragte, was sie von von Lützow halte. Das sei schwer zu sagen, flüsterte sie. Eigentlich ein anständiger Mann. So einer, der irgendwo Abteilungsleiter in einer Sparkasse hätte sein müssen. Oder Deutschlehrer. Was Fritz denn gerne wäre?
„Fritz Kolbe“, sagte er.
Von Lützow saß steif an seinem Schreibtisch. Er starrte Fritz an, suchte etwas in ihm, suchte etwas in sich selbst. Fritz grüßte freundlich. Minutenlang saßen sie sich schweigend gegenüber, auf der polierten Schreibtischplatte lag kein einziges Dokument, kein Papier, kein Umschlag. Das Foto der Frau war verschwunden. Es war Fritz unangenehm, so lange angesehen zu werden. Er hätte von Lützow die Stärke, die man dazu braucht, nicht zugetraut. Manchmal erwiderte er den Blick, sah dann wieder auf den Schreibtisch und den Glanzfleck durch die grünbeschirmte Lampe.
„Ich habe gestern noch versucht, von Ribbentrop zu erreichen“, sagte von Lützow. „Unmöglich. Dann habe ich mit Berlin telefoniert, wollte mit von Günther reden. Der war nicht zu sprechen, beziehungsweise schien niemand zu wissen, wo er sich aufhielt. Schließlich habe ich einen Referatsleiter in Salzburg erreicht. Nun, der war betrunken.“
Fritz zündete sich eine Zigarette an. Hatte von Lützow tatsächlich versucht, ihn auffliegen zu lassen? Hatte er ihn verraten und schlichen jetzt schon Männer der Gestapo vor der Bürotür herum? Er wollte sich von Lützow gegenüber nichts anmerken lassen, blieb ruhig und war froh über die Tarnung durch die Zigarette.
„Ich wollte die Herren nach ihrer Einschätzung der Lage fragen. Man könnte denken, wir sind hier fast vergessen worden. Außer auf dem Bankensektor. Da ist in der Tat ein wenig mehr im Gange, als ich wusste. Aber wie Sie so treffend sagten, ich bin hier der Chef.“
Von Lützow zog eine Schreibtischlade auf und nahm ein großes, unbeschriebenes Kuvert heraus. Er legte es vor sich auf den Tisch und drückte beide Hände darauf.
„Meine Frau, Herr Kolbe, ist überzeugte Nationalsozialistin.
„Verstehe.“
„Und in Berlin redet man also über Weygand, nicht über mich?“
„Wenn Sie jetzt die richtige Entscheidung treffen, wird man über Sie reden.“
„Meinen Sie?“
Hätte er die Motive der Menschen doch besser durchschauen können. Sollte von Lützow mit ihm kooperieren, dann beruhte dessen Entscheidung nicht auf einem unmissverständlich formulierbaren Grund, sondern da floss viel ein, die Gattin, Kinder, Weygand, abgeblockte Telefonate, der Dienst für Hitler, die Ruhe der Schweiz und andere Dinge, von denen Fritz wusste, dass er sie nicht einmal erahnen konnte. Wer wusste schon, welche Zweifel und Widersprüche im Menschen wüteten? Gefährlich waren die, die Widersprüchen keinen Platz gaben. Die lebten nicht, die tickten.
Fritz schob die Karte über den Tisch, die Dulles ihm gegeben hatte.
„Ein sicherer Kontakt. Jemand, der Bescheid weiß und gewisse Befugnisse hat, vor allem aber Einsicht. Absolut seriös.“
Von Lützow rührte die Karte nicht an. Er griff in die Jacketttasche und legte einen kleinen Schlüssel auf das Kuvert.
„Für meinen Panzerschrank. Es gibt nur noch einen weiteren Schlüssel, den habe ich.“
Er schob mit beiden Händen das Kuvert über den Tisch. Der Schlüssel blitzte im Licht der Lampe auf. Fritz faltete das Dokument und steckte es in die Innentasche.
„Ich bin hier der Chef“, sagte von Lützow.
„Ja, das sind Sie.“
An der Tür drehte Fritz sich noch einmal zu dem Mann um. Wie aus Blei gegossen saß von Lützow am Tisch.
„Wir haben alles falsch gemacht“, sagte er. Fritz war sich nicht sicher, aber er glaubte, Tränen in den Augen des Mannes schimmern zu sehen.
„Nicht alles.“ Fritz klopfte auf die Papiere in seiner Jackentasche.
„Ich hoffe, ich sehe Sie nie wieder, Kolbe.“
Die Rückfahrt nach Berlin verlief entgegen Fritz’ Hoffnungen ebenso katastrophal wie die Hinreise. Als sich der Zug nach fast zwei Tagen endlich der Hauptstadt näherte, wurde er weit vor den ersten Häusern Berlins gestoppt. Fritz spürte es sofort. Er sprang aus dem stinkenden Waggon, kletterte die Eisenstufen hinauf und stellte sich auf das rauchverklebte Dach. Es mussten tausend Bomber sein, die Stadt zuckte unter gelben Lichtblitzen, die Erde bebte bis zu ihnen. Flammenbeschienener Rauch stieg gelb in den Abendhimmel, wurde dunkler und verwusch mit den Wolken und dem Qualm explodierender Flakgranaten. Die Nebelfinger der Scheinwerfer tasteten sich müde durch das Chaos am Himmel. Berlin tanzte verzerrt, manchmal gab es Detonationen, die Stichflammen hoch in die verräucherte Luft stießen. Ein brennender Ball stürzte vom Himmel, Flächenbrände loderten, Flugzeuge blinkten auf und verschwanden und immer und immer wieder stürmten Wellen von Explosionen. Die schwarze Silhouette der Stadt wurde geschüttelt. Irgendwo in diesem Inferno hockte Marlene, presste sich die Hände auf die Ohren oder ein Tuch vor den Mund.
Fritz kletterte hinab und rannte zur Lok.
„Fahren Sie weiter!“ Der Lokführer lehnte sich ins Fenster und sah auf Fritz.
„Sind Sie verrückt, oder was?“
Fritz zog seinen Diplomatenausweis aus der Tasche.
„Ich bin mit kriegswichtigen Dokumenten unterwegs. Ich muss ins Auswärtige Amt. Da hin.“ Er zeigte auf den flackernden, schreienden Horizont.
„Bitte, tun Sie sich keinen Zwang an. Machen doch einen sportlichen Eindruck. Den Weg können Sie nicht verfehlen, immer dem Licht zu.“
„Fahren Sie, Herrgott noch mal.“
„Wir fahren heute gar nicht mehr nach Berlin rein. Wenn das da vorbei ist, tuckern wir schön gemütlich dem Stadtrand entgegen. Und da, Herr Ausweisschwinger, ist dann für mich Feierabend.“
„Dann fahren Sie jetzt an den Stadtrand. Los, fahren Sie.“
Fritz schwang sich in das Führerhäuschen und zog den Revolver. Seine Hand blieb ruhig. So schnell geht das, dachte er, so fest sitzt das. Der Lokführer sah auf die Waffe hinab, dann in Fritz’ Augen.
„So einer sind Sie.“
„Bis zum Stadtrand. Jetzt.“
„Sie können da doch sowieso nicht rein, Mann.“
„Fahren Sie.“
Der Mann betätigte schwere, quietschende Eisenhebel, langsam und stampfend nahm die Lok Fahrt auf. Fritz steckte die Waffe in die Tasche zurück.
„Es tut mir leid“, sagte er. „Aber meine Frau ist da drin.“
Meine Frau, dachte er, meine Frau. Marlene.
Mir ist nichts passiert, sagt Fritz. Unglaublich, in diesem ganzen Krieg habe ich nicht eine Schramme abbekommen. Physisch.
Sie sind wirklich da hineingelaufen?, fragt Veronika Hügel.
Es war vorbei, als wir ankamen. Es war so heiß, ich konnte kaum atmen. Ich stolperte über Leichen. Ich weiß nicht, wie ich da durchgekommen bin. Ich weiß auch nicht, wie lange ich gebraucht habe. Wegen der Feuer musste ich gewaltige Umwege machen. Im Zentrum war es bei diesem Angriff besonders schlimm. Ich bin dahin, wo ich mich am besten auskannte. Wilhelmstraße, Auswärtiges Amt. Ich kletterte durch ein geschmolzenes Fenster und nahm dann einen jener Tunnel, von denen ich erzählt habe, die, die aus dem Amt zum Keller unter dem Adlon führten. Und dann, mein Gott. Sie stand dort. Marlene. Da unten haben wir uns wiedergesehen. Wir haben gelacht und geheult und gelacht. Und wissen Sie was? Meine Wohnung stand auch noch. Das Nachbarhaus war schwer getroffen worden. Aber meine Wohnung, unser Kriegsliebesnest, es war unversehrt. Gegen vier Uhr morgens konnten wir dorthin zurück. Überall Tote. Überall brannte es, ein unbeschreibliches Szenario. Grauenhaft. Und wir? Hand in Hand, verliebt, endlos aufgeregt, weil wir gleich alleine sein würden.
Berlin brannte und stürzte zusammen, die Straßen waren gefleckt von glimmenden Leichen, Sirenen heulten, schwerer Rauch biss in den Augen und erstickte das Atmen, ein verbrannter Mensch stand an eine schwarze Laterne gelehnt, die Zahnstümpfe des lippenlosen Mundes zum letzten Schrei in den Dreckhimmel aufgerissen, und Marlene und Fritz liebten sich, krallten sich ineinander, ihre Küsse wie Bisse, ihre Körper nackte, nach harter Liebe ringende Gebilde auf dem Boden, sie zerrten und rissen, waren tiefer und heftiger vereint als je zuvor, wälzten sich, wurden ein schwitzender Körper und stammelten von Liebe.
In den nächsten chaotischen Tagen im Amt versuchte Fritz von Günther ausfindig zu machen, konnte ihn aber nirgends erreichen. Niemand schien zu wissen, wo er sich aufhielt. Die Arbeit in den noch existierenden Büros erlahmte, einzelne Referate waren komplett ausquartiert worden, die Verbindungen unterbrochen, Kommunikation unmöglich. Von den Vorzimmerdamen saßen noch zwei in verwahrlosten Räumen und strickten. Aus einzelnen Zimmern krächzte ein Volksempfänger und Goebbels schrie von Vergeltung und Bombe mit Bombe und fanatischem Durchhaltewillen in dieser großen Stunde des deutschen Volkes.
Die Post, die für von Günther noch ankam oder die ein verwirrter Mann aus der Telegrafen- oder Funkstation bei Fritz ablieferte, wurde von Fritz sofort gesichtet, nach ihrer Relevanz für die Amerikaner geordnet und zusammengefasst.
Über und über verdreckte Kradfahrer brachten Schreiben des Außenministers. Es waren Hauserlasse. Fritz lachte, er konnte es nicht fassen: Fahrdienste, neue Briefköpfe, Urlaubskürzungen, Schließung der Waschräume wegen der mangelnden Wasserversorgung in Berlin. Er bedankte sich bei dem Fahrer, quittierte den Eingang der Dokumente und kicherte. Durch schuttenge Straßen und Wege schlug er sich zur Charité durch, er wollte Marlene wenigstens einmal umarmen. Das Krankenhaus unterschied sich in nichts mehr von einem Kriegslazarett. Er wusste nicht, wie Marlene das aushielt. Ständiges Schreien und Stöhnen und Weinen gingen ihm so tief, dass er sich selbst verwundet fühlte. Die Marlene, die er in die Arme schloss, trug einen blutfeuchten Kittel und sagte kein Wort.
„Sobald ich von Günther aufgespürt habe, kommen wir hier raus“, flüsterte er. Marlene schüttelte den Kopf. Sie roch nach Schweiß, Tabak und Desinfektionsmitteln. Marlene zeigte auf den Rücken eines hoch gewachsenen Arztes, der zwischen den Verwundeten hindurch den Flur hinabging ins nächste, von einer zerrissenen Plane abgedeckte Operationsabteil, „Der Professor“, murmelte sie. „Der bleibt hier bis zum Ende.“
„Wir nicht“, sagte Fritz. Er legte die Hände an Marlenes Wangen. Ihr Blick wich aus. Sie versank in dieser Welt der Wunden und der Schreie, und Fritz bewunderte sie wegen ihrer Arbeitsauffassung und ihres Durchhaltewillens. Bald, dachte er, bald. Er sah einem Soldaten hinterher, der einen Karabiner über der Schulter trug und eine Maschinenpistole in den Händen hielt. Der Mann war so grau von Staub, wie der betonierte Boden mit den trockenen Blutspuren, in die Schuhabdrücke gepresst waren.
Auf dem Vorplatz der Charité führten Pfade zwischen den Tragen mit den Verwundeten hindurch, blutrote Verbände, sickernd oder braun vertrocknet, malten Farbpunkte ins Grau des Krieges. Fritz irrte durch die Menschenmasse zur Straße, als er etwas hörte, das längst vergessen schien.
„Onkel Fritz!“ Die Stimme klang verbraucht. Fritz blickte in die schmutzigen Gesichter unter den Binden oder durchschossenen Stahlhelmen. Dann sah er eine Hand winken. Er stakste über Körper, durch den dünnen Rauch von Zigaretten und abgestumpftes Stöhnen.
„Horst!“
Der Mann auf der Trage stützte sich auf die Ellenbogen. Sein Gesicht war alt, das Haar ergraut. Fritz hockte sich zu ihm, Horst roch nach kaltem Urin und Erde. „Das ist ja ein Ding“, sagte er.
„Horst. Mein Gott.“ Fritz wollte ihm eine Hand auf die Schulter legen oder den Kopf des Freundessohnes an seine Brust drücken. Er unterließ es.
„Wie geht es dir?“
„Oberschenkel, zweimal. Wird wieder. Und du bist also immer noch in Berlin?“
„Das Amt ist noch nicht ganz weggebombt. Herrgott, dass wir uns hier sehen.“
„Cape Town wäre auch nicht schlecht gewesen, was?“
Horst legte sich zurück, stützte den Kopf auf den angewinkelten Arm und klopfte die Uniformtaschen ab. Fritz sagte, er habe noch Zigaretten und zündete ihm eine an.
„Hat Mutter sich wirklich umgebracht, Onkel Fritz?“
„Jetzt lass doch das Onkel mal weg.“
„Hat sie?“
Fritz setzte sich neben die Trage auf den kalten Boden, winkelte ein Bein an und fand zwischen dem Elend Platz, das andere auszustrecken.
„Sie war krank, Horst.“
„Krank ist hier alles.“
„Du musst raus aus Berlin.“
Horst blickte ihn aus viel zu alten Augen an. Fritz war so froh, dass er nichts hörte von Endkampf und Heroismus.
„Nach allem, was ich mitbekomme, muss Vater verraten worden sein“, sagte Horst.
Jemand biss Fritz von innen in den Mund und drehte ihm den Magen um.
Horst ließ seine Rechte in der Luft erzittern.
„Kannst du dir das vorstellen, Fritz? Dass jemand verraten hat, dass Papa in Irland war?“
„Wer sollte das gewesen sein?“
Sanitätshelfer und Krankenschwestern hoben ein paar der Tragen an und schleppten sie durch die gesplitterte Doppelflügeltür in den Rachen des Krankenhauses. Warum hatte Fritz den Jungen jetzt hier treffen müssen? Er schaffte es nicht, ihm ins Gesicht zu sehen.
„War ein Guter, mein Vater. War gut.“
In Fritz schwemmte etwas hoch, Flüssigkeit, ganz dünn. Er krampfte die Finger um sein angewinkeltes Knie.
„Wenn ich diesen Verräter erwische, ich leg ihn um, Fritz.“
„Horst, sieh zu, dass du nach Westen kommen kannst.“
„Weißt du irgendwas? Dublin?“
Fritz legte eine Hand über die Augen. „Er wollte immer mit Käthe und dir in Irland leben.“
„Heulst du, Fritz?“
„Quatsch.“
Horst schnippte den Zigarettenstummel achtlos in das graue Feld der Körper. Er winkte Fritz zu sich heran. Fritz roch den verbrauchten Atem.
„Der Krieg hat das Mieseste aus uns rausgeholt.“
„Ich versuche, dich hier rauszukriegen, Horst.“
Horst griff um seinen Unterarm, der Druck war nur leicht.
„Lass mal, Fritz, lass mal. Mich hat es nicht so schlimm erwischt. Ich kümmere mich allein. Was hast du vor?“
„Aufträge. Weiß noch nichts Genaues.“
„Vielleicht sehen wir uns irgendwann wieder. Ich wünsch dir Glück.“
„Ich dir auch.“
Als er aufstehen wollte, versagten ihm beinahe die Muskeln. Er stemmte sich hoch, knickte ein, fing sich.
„Irgendwann nach dem Krieg wird rauskommen, wer es war“, sagte Horst. „Ich hab so viele Menschen getötet. Auf einen mehr kommt es nicht an.“ Fritz sah sich um, das Meer brandete blau und hellblau und türkis auf den Sand von Camps Bay. Der Junge war damals hellblond gewesen.
„Jede gottverdammte Leiche ist eine zu viel“, sagte Fritz.
„Ist nicht dein Ernst?“
„Doch, Horst. Mein voller Ernst.“
„Hätte es etwas geändert, wenn ich hier gewesen wäre? Bei Mutter?“
„Mach dir keine Vorwürfe.“
„Hast du noch eine Zigarette?“
„Ja, klar.“ Fritz zog mit bebenden Fingern die Packung aus der Jacke. Als er Horst Feuer gab, berührten sich ihre Hände.
„Ich schieß dem Kerl eine Kugel in den Kopf“, sagte Horst, ohne die wippende Zigarette aus dem Mund zu nehmen.
Fritz beugte sich zu ihm hinab und packte ihn am Kragen. „Die Scheißnazis sind an all dem hier schuld. Scheißnazis. Verkommenes Drecksgesindel. Wenn jemand deinen Vater verraten hat, Horst, dann die.“
„Du solltest ein bisschen vorsichtiger sein, Fritz Kolbe.“
Er stieß Horst zurück und ging. Als er am verbogenen Tor angekommen war, hörte er die Stimme. Sie schnitt über den Bodennebel des Stöhnens.
„Es machte wirklich nichts.“
Fritz wandte sich um. Horst stützte sich auf die Ellenbogen, sein Gesicht war weiß.
„Dass wir keinen Fisch gefangen haben. Es machte nichts.“
Fritz ging und all die, die sinnlos und ausgehöhlt in der Stadt irrten und ihn sahen, sahen einen weinenden Mann. Aber das war nichts Besonderes.
In seinem Büro stand ein Mann in Ledermantel am Fenster, ein anderer in fleckigem Anzug saß an seinem Schreibtisch und blätterte Akten durch.
„Fritz Kolbe? Geheime Staatspolizei.“
Warum hatte er keine Angst? In Basel hätte er sich beim ersten Grenzüberschreiten beinahe in die Hosen gemacht, als die Russen ihn entführt hatten, war er ganz weich geworden vor Furcht. Jetzt empfand er nichts. Vielleicht hatte der Krieg und Fritz’ Aktenschmuggel die Angst aufgebraucht oder so weit verschüttet, dass sie den Weg nach außen nicht fand. War dieser Kerl der, der Marlene verhört hatte? Hatte der sie angepackt?
„Wo waren Sie während des Attentats auf den Führer?“ Fritz legte ihm ein Schreiben vor, tippte auf die Unterschrift von von Günther. „Paris“, sagte er.
„Sie verwalten hier streng geheimes Material.“
„Hier kommt nichts weg.“
„Sie waren kürzlich in der Schweiz.“
„Lassen Sie mich an den Schreibtisch“, sagte Fritz. Der Mann zog die Wangen hohl und krauste die Stirn, er wollte gefährlich aussehen. Ganz langsam schob er den Stuhl zurück und machte Fritz Platz. Fritz holte die Reiseunterlagen aus dem Schubfach und legte seinen Diplomatenausweis mit den Visastempeln dazu.
„Sie sind kein NSDAP-Mitglied.“
„Wenn der Führer jetzt etwas braucht, dann Leute, die Ordnung halten, unbedingte Ordnung. Sehen Sie sich hier um. Ich halte Stellung.“
„Wir gehen jetzt zu Ihrer Wohnung.“
„Ich kann hier jetzt nicht weg. Ich bin einer der Letzten, auf die Botschafter von Günther noch zählen kann.“
„Schnauze halten und los jetzt“, sagte der Mann am Fenster.
„Und Sie übernehmen die Verantwortung? Was ist, wenn der Herr Botschafter …“
„Los jetzt!“
Fritz blieb sitzen. Er zählte still: einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig.
„Gut“, sagte er. „Ich zeige Ihnen meine Wohnung.“
Sie schoben Möbel von den Wänden, zerstießen Geschirr, rissen die Matratze aus dem Bett und brachen die Bilderrahmen auf. Das Safarifoto segelte auf den Küchenboden.
„Wieso liegt hier so viel Papier rum?“
„Ich schreibe.“
„Was machen Sie?“
Fritz hob einen Bleistift an.
„Heil Hitler.“ Dann waren sie fort. Boshaftigkeit blieb wie der Geruch verdorbenen Essens in der Wohnung zurück.
Er brauchte drei weitere Tage, bis er von Günther in Salzburg erreichte. Von dort werde er ins Marinehauptquartier reisen und dann nach Berlin zurückkommen. Fritz solle versuchen, die Dinge so gut wie möglich am Laufen zu halten. Die Verbindung war schlecht, aber Fritz meinte, von Günthers Nervosität zu spüren.
Daheim drehte Fritz den von Marlene geklebten Globus und trank einen Cognac. Trotz des Wassermangels hatte Fritz das Bettzeug abgeschrubbt, nachdem die Gestapomänner es berührt hatten. Es war noch nicht getrocknet, Marlene und er hatten eine alte Wolldecke untergelegt. Vom Westen her bewegten sich die Armeen der Alliierten immer näher ans Zentrum Deutschlands heran, Eisenhower, Montgomery, Patton; im Osten war dem Sturm der russischen Armee nichts mehr entgegenzusetzen, die deutsche Luftwaffe existierte praktisch nicht mehr und Hitler war vollends zum Gespenst geworden. Es wurde viel geflüstert, der Mann lebe gar nicht mehr. Je näher das Ende der Kampfhandlungen rückte, desto mehr brannten sich Fritz die Worte von Will Priest und Musorksky ein: Der Krieg würde weitergehen, anders, aber weiter, vor allem für ihn. Er hatte sich das früher nie vorstellen können, aber allmählich wurde ihm die Tragweite dieser Aussage bewusst. Diese obskure, undurchschaubare Spionagegeschichte, die er mit voller Absicht begonnen hatte, würde in der Tat nicht enden, nur weil Hitler tot war und die Waffen abkühlten. Welche Möglichkeiten hatte er, sich und Marlene abzusichern und für Katrin eine sichere Zukunft zu schaffen? Was konnte er tun? Was hatten Männer wie Dulles, Will oder eine Frau wie Greta Stone alles gelernt, welche Verhaltensweisen und Tricks, von denen er nicht den Hauch einer Ahnung hatte? Wie viele Menschen hatte er zu seinen Feinden gemacht?
Als Marlene spät in der Nacht zu ihm kam, erzählte er ihr von seinen Gedanken. Dass er Braunweins Sohn getroffen hatte, verschwieg er.
„Sie werden es doch verstehen, oder, Marlene?“
„Wer soll das alles hier verstehen?“ Sie küsste ihn. „Du zitierst so oft deinen Vater, seinen Leitsatz, von wegen das Richtige tun und so. Aber in dem hier? Da wird auch das Richtige ganz schmutzig und verkommen. Das lässt sich nicht verhindern. Aber am Ende, Fritz, werden wir leben. Leben, verstehst du?“
Am nächsten Tag tauchte von Günther leise im Amt auf. Er wirkte gehetzt, sein breites Gesicht war überzogen mit Hautrötungen, er telefonierte über eine Stunde und packte Akten zusammen, brachte sie in den zerbombten Hinterhof und schüttete sie in die hitzegeblähten Feuerkörbe. Als er zurückkam, schloss er die Tür zu Fritz’ Büro und stellte sich zu ihm an den Schreibtisch. Er trommelte mit den Fingern auf die Tischplatte. „Gibt es hier immer noch keinen neuen Stuhl?“
„Keine Zeit, Herr Botschafter.“
„Sie bekommen ein Auto, Kolbe. Vollgetankt, zwei weitere Benzinkanister im Kofferraum, ja. Bezugsscheine, Passierscheine, all das. Sie werden nach Bayern fahren und …“
Fritz wartete einen Moment. „Und was, Herr Botschafter?“
„Haben Sie gehört, was in Bern passiert ist?“
Fritz zündete eine Zigarette an und schob von Günther das Päckchen hin. Was sollte in Bern passiert sein? Nicht, dass da jetzt noch irgendetwas schiefging. Nicht das.
„Sie kennen doch von Lützow? All diese Typen, die keine Nerven haben. Diese Fluchtmenschen. Sitzt da in der Schweiz, hat von unseren Herausforderungen keine Ahnung. Widerlich.“
Er hatte geredet. Er hatte dem Druck nicht standgehalten und geredet. Fritz tastete nach dem Revolver in der Jacketttasche. Denk nach. Wenn von Lützow etwas offenbart hätte, dann würde von Günther jetzt nicht so mit dir reden. Sein Name konnte nicht gefallen sein, noch nicht. Vielleicht hatte von Lützow sich auch nicht gestellt, sondern Weygand hatte dafür gesorgt, dass er verhaftet wurde, weil er sich verdächtig gemacht hatte. Fritz biss die Zähne aufeinander.
„Es ist das Problem der Größe“, sagte von Günther, „dass man sie nicht einfordern kann. Stellen Sie sich vor, der Führer hätte ausschließlich Menschen um sich gehabt, die Größe haben. Verstehen Sie, was ich meine? Nicht seine Größe, nein, das gibt es nur selten. Aber Größe, ja. Eine gewisse Art. Der Kern des Problems von Größe ist ihre Unübertragbarkeit und die Unmöglichkeit einer Voraussetzbarkeit.“
Was redete der da? Nazis spuckten Hauptwörter. Dachte Fritz über das Schreiben nach, war er sich sicher, dass Verben wichtig waren. Die brachten Bewegung und Leben. Genau das war der Grund für diese immer so platt wirkenden Nazireden: Da bewegte sich nichts, alles steinern.
„Was ist denn passiert, Herr von Günther?“
„Der hat sich eine Kugel durch den Kopf geschossen. Zu Hause. Die Kinder waren im Haus. Stellen Sie sich das mal vor, ja. So ein Arschloch.“
Von Lützow hat es nicht geschafft, sagt Fritz. Wieder einer tot.
Und diese Geldtransfers?, fragt Wegner.
Die Amerikaner konnten nach der Sichtung der Papiere, die ich besorgt hatte, ziemlich dazwischenfunken. Auch nach Kriegsende noch. Von Lützow hatte sich mit jenem Mann getroffen, dessen Karte ich ihm gegeben hatte. Später kam mir immer wieder zu Ohren, dass von Lützow beliebt war. Er galt unter den Auslandsvertretern als seriös und unfanatisch, ein umgänglicher Mann, mit dem man gut habe reden können. Eine tragische Figur fast, hin und her gerissen zwischen Vaterlandstreue und Skrupeln. Stilisierungen halt.
Wissen Sie, was aus Weygand geworden ist?, fragt Wegner.
Keine Ahnung, wie so oft, sagt Fritz.
Wegner blättert in seinen Papieren. Er kratzt sich am Kopf, weiß nicht, ob er lachen oder fluchen soll.
Lebt heute wohl in Österreich, sagt er. Der hat von Lützows Witwe geheiratet.
Oh Gott, sagt Fritz. Das war also das Ergebnis meiner letzten Bernreise zu Kriegszeiten: Irgendein deutscher Mann, der mich beschattet hat, verschwindet spurlos und wird nicht einmal mehr erwähnt. Musorksky, dem wird es nicht gut ergangen sein. Von Lützow schießt sich in dem Haus, in dem seine Töchter spielen, eine Kugel in den Kopf. Und ich richte die Pistole auf einen harmlosen desillusionierten Lokführer.
Fritz streicht über die Papiere aufdem Tisch, schiebt sie hin und her.
Musorksky hatte recht, sagt er. Dieser Russe hatte recht. Mit Gehlen. Ein gewalttätiger Nazi, durch und durch. Und die Amerikaner? Die servieren dem auf einem Silbertablett ein neues Leben. Ich habe ihn noch einmal wiedergetroffen. Er fragte mich, ob ich für ihn arbeiten wolle. Dem waren die Anfeindungen gegen mich vollkommen egal. Dem hätte auch niemand widersprochen. Ein Fingerschnippen von dem und ich wäre für alle Zeiten rehabilitiert gewesen. Wahnsinn.
Meine Güte, Herr Kolbe, sagt Veronika Hügel. Sie müssen doch, ich weiß nicht, Sie müssen doch platzen. Haben Sie denn Horst Braun wein je wieder gesehen?
Nie. Ich habe keine Ahnung, was aus ihm geworden ist. Ich weiß es nicht.
Und von Günther, sagt Wegner, hatte einen pikanten Grund, Ihnen ein Auto zur Verfügung zu stellen?
Fritz grinst und schenkt Schnaps nach. Er legt einige Holzscheite in den Ofen, lässt die Klappe offen und sieht auf den Tisch. Er nimmt den alten Berliner Stadtplan, knüllt ihn zusammen und wirft ihn in die Flammen. Das trockene Papier lodert sofort auf.
Hier wäre von Ribbentrop, sagt Veronika Hügel. Fritz wirft ihn ins Feuer.
Gehlen?, fragt Veronika Hügel.
Gehlen nicht. Der lebt noch.
Von Günther? Die Bilder von den Empfängen im Auswärtigen Amt?
Die ja. Fritz nimmt sie entgegen und wirft sie ins Feuer.
Von Günthers pikanter Grund war erstaunlich normal, sagt er.
Fritz fluchte, als von Günther ihm von von Lützows Tod erzählte. Das hatte er nicht gewollt. Die armen Mädchen. Der arme Mann. Noch einer, der im Fahrwasser von Fritz Kolbe alias George Wood, Capa-Spion, untergegangen war.
„Weiß man warum?“
Von Günther schüttelte den Kopf.
„Wegen dieser Sache hätte der sich doch nicht erschießen müssen.“
„Wegen welcher Sache, Kolbe?“
„Was weiß ich. Der Feind naht oder was auch immer.“
„Wie dem auch sei“, sagte von Günther. „Herr Kolbe. Sie wissen, dass ich von Ihrer Beziehung zu Marlene Wiese weiß, und Sie wissen, dass ich weiß, dass sie verheiratet ist. Sie wissen außerdem, dass ich Ihnen immer vertraut habe und Ihre Arbeit schätze und ich denke, ich darf zu recht sagen, dass es Ihnen unter mir als Vorgesetztem nicht allzu schlecht ergangen ist, ja. Jenes kleine Theaterspiel seinerzeit vor von Ribbentrop, na Schwamm drüber, oder?“
Daran erinnerte von Günther sich also noch. Sollte dem Mann das doch peinlich gewesen sein?
„Nun sagen Sie schon, Kolbe, ja. Es war – ist – doch nicht so schlecht als mein persönlicher Referent, oder?“
„Wenn Sie meinen, Herr Botschafter.“
„Wie geht es der Dame?“
„Sie arbeitet in der Charité. Schön ist etwas anderes.“
„Sie wissen, dass meine Frau mit den Kindern fort ist aus der Stadt. Nun, es gibt …“ Von Günther kratzte an einem der Flecken in seinem Gesicht. „Es gibt da noch jemand anderen, ja, den ich hier weghaben will. Eine … ein Mensch, Herr Kolbe. Ein Mensch, dem ich innig zugetan bin.“
Von Günther bekam rote Wangen. Er hatte sich Fritz ausgeliefert, einen Teil seines Lebens seinem persönlichen Referenten, seinem Vorzimmermann dargeboten. Er selbst konnte sich wahrscheinlich nicht aus dem Staub machen, der Druck war zu groß, die Überwachung zu engmaschig.
„Es ist eine Dienstreise, Kolbe, ja. Ich händige Ihnen gleich Akten aus, die bringen Sie, nachdem Sie die Frau abgesetzt haben, nach Lindau am Bodensee. Das Amt führt dort ein kleines Büro. Sie sind angemeldet. Die Frau setzen Sie nahe des Niedersonthofener Sees ab, ich habe dort Freunde. Danach fahren Sie weiter. Steht alles in den Papieren. Sie werden ganz offiziell als mein Kontakt in Lindau arbeiten.“
Von Günther sah Fritz nicht ein Mal an. Er zog gierig an seiner Zigarette und wies auf die Bürowände.
„Warum hängt hier eigentlich kein Porträt des Führers, verdammt noch mal? Ich habe Ihnen einiges durchgehen lassen, Kolbe. Vergessen Sie das bloß nicht.“
Von Günther ging in sein Büro und schlug die Tür zu.
Fritz eilte zur Charité. Von den meisten Häusern standen nur noch die löchrigen Fassaden, manche so oft in Feuern gebacken, dass er nicht gewagt hätte, sich an sie zu lehnen. An den zerbrochenen Straßenrändern moderten ausgebrannte und zerfetzte Autos, Hausrat lag grau eingestaubt auf Schuttbergen. An manchen Ruinen hingen Schilder „Wir leben alle noch. Sind nach Süden“ oder „Der Verkauf geht in den Kellerräumen weiter“. Einige Straßen waren verstopft mit glasäugigen Flüchtlingen, Kriegsgefangene schippten krummrückig Wege frei und an der Behelfsbrücke über die Spree wurde ein Flakgeschütz in Stellung gebracht und richtete das verschrammte Rohr in den Himmel.
Aus Marlenes Büro waren sämtliche Prothesen verschwunden. Zwei dreckig bandagierte Soldaten lagen auf dem Boden und rauchten krumme Zigaretten. Fritz fragte sie nach Marlene, aber die Männer sagten, sie hätten keine Frau gesehen und sie lägen schon Ewigkeiten hier und niemand kümmere sich. Als er sie nach einer Viertelstunde noch nicht gefunden hatte, fragte er mehrere Krankenschwestern nach ihr. Niemand wusste, wo sie war. Fritz packte einen Arzt am Arm. „Marlene Wiese? Wo ist Marlene?“
„Wer?“
„Die Assistentin des Professors.“
„Kenn ich nicht, Mann. Und jetzt lassen Sie mich in Ruhe.“
Er irrte Treppen auf und ab, kam an mit Blut bespritzten Planen vorbei, mit denen notdürftig Zimmer abgetrennt waren, aber er konnte Marlene in dem stinkenden, stöhnenden Chaos nicht finden. Völlig außer sich kehrte er zurück in sein Büro, packte ein paar persönliche Dinge zusammen und radelte heim. In der Wohnung schmiss er einen Koffer aufs Bett, verstaute die geflickten Ausgaben von „Antigone“ und „Michael Kohlhaas“ darin und die Blechdosen mit den Bodenproben für Katrin. Er wickelte den Globus mehrfach in Zeitungspapier.
Marlene kam früh heim an diesem Abend. Fritz rannte auf sie zu. Es umarmte sie so heftig, dass sie beinahe zu Boden gegangen wäre. „Wo warst du denn?“
„Operiert, Fritz.“
„Den ganzen Tag?“
„Ein ganzes Jahr. Oder noch mehr. Keine Ahnung.“
Sie setzte sich in die Küche und zündete sich eine Zigarette an.
„So eine Scheiße, Fritz. Wirklich. Scheiße.“
„Ich weiß. Soll ich dir einen Tee kochen?“
„Haben wir noch Kaffee?“
„Für eine Tasse reicht’s.“
Marlene löste die Klammern aus ihrem Haar und warf sie auf den Tisch. Sie ließ den Kopf hängen.
Sie habe mit dem Professor geredet, sagte sie, der unterstütze sie, der habe nichts dagegen, wenn sie gehe. Im Gegenteil, er habe ihr sogar dazu geraten. Die Zeit komplizierter Entschlussfindung und des Nachdenkens war vorbei. Vielleicht war Marlene schlicht zu müde und entsetzt.
„Ich komme mit dir, Fritz. Lass uns in den Süden fahren. Auf dem Land fallen keine Bomben. Und Krankenschwestern werden überall gebraucht.“
„Und dein Mann?“
„Ich habe wochenlang nicht eine Minute an ihn gedacht. Nicht ein einziges Mal. So ist das wohl manchmal im Leben. Gestern, Fritz, kam ein Brief von ihm. Er ist unversehrt. Er hofft, ganz bald eine Möglichkeit zu finden, sich den Amerikanern zu ergeben.“
„Es gab ein paar Sekunden, da habe ich gewünscht …“
„Fritz, lass. Hör auf. Scheißkrieg. Haben wir noch irgendetwas zu essen?“
„Ein ganzes Brot und ein paar Scheiben Wurst. Sogar fünfzig Gramm Butter.“
„Er weiß es.“
„Bitte?“
„Mein Mann. Gerhardt. Er schreibt, er habe es schon bemerkt, als du ins Büro in der Charité kamst. Er weiß es. Es ist furchtbar schwer für ihn.“ Marlene schlug die Hände vor das Gesicht und schluchzte. Sie stammelte den Namen ihres Mannes. Gerhardt. „So viel gemeinsames Leben. So ein guter Mensch. Er hat so furchtbar geweint, als unser Junge umgekommen ist.“ Der eine Meter Küchenboden zwischen Fritz und Marlene wurde immer länger. Fritz streckte die Hand nach ihr aus, berührte sie aber nicht. Sie weinte um einen anderen Mann und einen toten Sohn.
„Weißt du, was dieser Mann schreibt? Uns schreibt?“
Fritz verschränkte die Arme, ließ sie wieder hängen. Er streckte eine Hand nach Marlenes nassem, Gesicht aus.
„Er wünscht uns Glück. Er sagt, ohne diesen Krieg wäre das sicher alles anders gewesen. Aber, mein Gott, Fritz, er wünscht uns Glück.“ Marlenes Körper wurde geschüttelt von Weinkrämpfen. Nie war es Fritz so schwergefallen, sich ihr zu nähern. Für ein paar Sekunden drängte es ihn, die Wohnung zu verlassen.
„Marlene?“
Ganz langsam bewegte er sich auf sie zu. Er breitete die Arme aus, stellte sich vor sie und dann legte er die Arme erst behutsam und dann immer fester um ihren Körper. Er wusste, dass sich in diesem Moment endgültig entscheiden würde, ob sie sein war oder nicht. Marlene nahm die Hände von ihrem Gesicht, drückte ihre Wange an seine und umarmte ihn.
Fritz roch das Blut und die Verzweiflung der Charité in ihrem Haar und an ihren Kleidern. An ein Bad war nicht mehr zu denken, Wasser war rationiert, die meisten Leitungen zerstört. Aber einen Topf würde er noch heiß machen können und ein wenig Seife darin lösen, damit Marlene sich waschen konnte. Er bereitete ihr ein Brot und die versprochene Tasse Kaffee zu. Sie würde seine Frau sein. Seine Marlene. Sie würden nach Süden fahren und sich von dort über einen Kontakt, den Will ohne das Wissen des großen Allen Dulles geknüpft hatte, aus Deutschland absetzen. Er dachte an den blauen Himmel über Afrika. Vielleicht schaute Katrin gerade in den Himmel seiner Fantasie.
„Bist du mein, Marlene?“
Sie sah ihn an und nickte.
Zwei Tage später wurde vor der Tür des Amtes ein Mercedes abgestellt. Der Fahrer kam in Fritz’ Büro, warf ihm die Schlüssel auf den Tisch und ging wieder. Fritz fuhr mit dem Auto zum Kurfürstendamm. Wie viele hundert Mal war er diesen Weg mit seinem alten Rad gefahren? Jetzt war dieses Rad nur noch ein verbogener Haufen Metall, die Kette weggeschleudert, die Klingel verschwunden. Als er nach dem letzten Angriff zum zertrümmerten U-Bahneingang gelaufen war, hatte er die Reste des Fahrrads dort gefunden, der Rahmen war noch angekettet. Einen Moment lang war er traurig gewesen, ganz seltsam und unbegreiflich, aber dieses Rad, schien es, hatte ihm etwas bedeutet. Wie absurd, dachte er. An der Flanke des trichtergelöcherten Platzes wurden Leichen wie Sandsäcke auf einen LKW gehoben und er war erschüttert wegen des Rades.
Als er den Wagen mit seinen Habseligkeiten beladen hatte, fuhr er zum Amt zurück. Marlene saß auf den Stufen davor und lachte ihn an. Sie trug einen blauen Mantel und einen Hut, und wie sie da saß vor den bröckelnden Mauern und den an die Wand gefegten Stein- und Schuttwällen war sie ihm das pure Leben, das ganze Glück und alles, was er haben wollte. Er nahm sie mit in sein Büro und versteckte seine Notizen in den Innentaschen des Jacketts und des Mantels, schob alle notwendigen Papiere in seine Aktentasche und sah auf die Uhr. Um elf sollte die Frau erscheinen, sie wisse Bescheid, hatte von Günther gesagt. Der Botschafter war erneut nach Salzburg gereist, wollte sich aber auch noch mit Dönitz treffen und, wie er gesagt hatte „Dinge vorbereiten“.
Frau Meiner war mittelgroß, einfach gekleidet und freundlich. Marlene, Fritz und sie standen sich unschlüssig gegenüber, reichten sich die Hände und sahen sich nicht an.
„Na ja“, sagte Marlene, „dann machen wir drei mal eine Spritztour.“
Frau Meiner lächelte. „Ich werde Ihnen nicht zur Last fallen“, sagte sie. „Und Gepäck, tja.“ Sie hob ihr Köfferchen an.
„Der wird auch wieder größer werden“, sagte Fritz. Er schaute sich noch einmal in seinem Büro um. So viele Jahre. Er würde nicht zurückkommen, nicht in dieses Büro, nicht in dieses Berlin. Fritz ging hinüber in von Günthers Büro, öffnete die Tür am Schreibtisch und griff eine ungeöffnete Flasche Napoleon Cognac heraus.
„Ihr … Herr von Günther wird nichts dagegen haben“, sagte er.
Frau Meiners Mundwinkel bewegten sich zaghaft nach oben. „Nennen Sie ihn ruhig meinen Freund, Herr Kolbe. Er ist mein Freund. Ob er mich je dort unten wegholen wird?“
Marlene legte ihr eine Hand auf den Arm.
Fritz trug den Frauen die Koffer hinaus und lud sie in den Wagen. Dann ging er noch einmal zurück. An der Schreibmaschine betätigte er die SS-Taste, bis sich der Hammer emporreckte. Er bog ihn mit aller Gewalt um, das Metall wurde weiß am Knick. Er nahm das Allgäubild ab, legte es auf den Schreibtisch und kritzelte einen einzelnen Mann in die Landschaft, eine dunkle kantige Figur, die den Arm zur Seite ausstreckte. Die zweite Figur versuchte er etwas rundlicher zu gestalten, es gelang ihm nicht. Auch dieses zweite Menschlein streckte den Arm aus, die beiden hielten sich an der Hand. Als er auf den Flur trat, stand Müller dort, die Hände in die Hüften gestemmt, die Schultern knochig. Er war noch dünner geworden, ganz brüchig. Fritz hob die Papiere an.
„Dienstreise, Müller.“
„Ich werde das überprüfen, Herr Kolbe.“
„Rufen Sie von Günther an. Und halten Sie Stellung, Müller.“
„Heil Hitler.“
Fritz ging, drehte sich aber noch einmal zu dem Mann um.
„Waren Sie dabei, Müller? Auf der „Louisiana“?“
„Ich weiß nicht, wovon Sie reden.“
Fritz lachte. „Selbst jetzt noch nicht, Müller?“
„Sieg heil, Herr Kolbe.“
„Genau, Müller. Sieg.“
Als Fritz auf die Straße trat, stand Gisela bei Marlene am Auto. Sie trug eine Wollmütze über den Locken. Frau Meiner hielt sich abseits, sie wollte die Freundinnen in ihrem Gespräch nicht stören.
„Können wir sie nicht mitnehmen?“, fragte Marlene. Bevor Fritz antworten konnte, sagte Gisela, dass sie gut verstehe, dass das nicht gehe.
„Es ist nicht schlimm. Ich bleibe hier. Hier geht es zu Ende, hier wird es neu anfangen. Ich komm schon durch, Marlene.“
„Passen Sie auf sich auf, Gisela“, sagte Fritz.
„Und Sie auf diese Frau hier. Die ist etwas ganz Besonderes.“
„Ich weiß.“
Marlene und Gisela umarmten sich, Frau Meiner schluchzte. Sie wünschte Gisela viel Glück.
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