Kolbe

Andreas Kollender · Kapitel 2 von 17

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Kolbe

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Andreas Kollender

 

KOLBE

 

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… dann merkt man, dass man bereit ist,

jedes Risiko zu tragen,

ganz egal, was dabei herauskommt…

Edward Snowden

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Prolog

Triff mein Herz

Berlin, 1944

Sie sollten sich dabei die Hände halten, sagte Marlene, das wäre schön.

Sie saß mit Fritz in der Küche, im Ofen knackten letzte Kohlen, die Lampe spiegelte ihr gelbliches Licht im Glas des Schrankes. Auf dem Tisch lagen streng geheime Akten aus Hitlers Auswärtigem Amt. Matte rote Querbalken über den Pappen, Reichsadler mit Hakenkreuz waren schwarz aufgedruckt, Stempel der verschiedenen Amtsreferate überlagerten sich. Fritz hatte die Akten nach Hause geschmuggelt. Er und Marlene würden die wichtigsten Informationen auf dünnes Papier übertragen und Fritz würde die Akten morgen wieder mit in sein Büro im Ministerium nehmen und dort befehlsgemäß den Feuerkörben übergeben.

Marlene fertigte eine kleine Skizze an. „So, schau“, sagte sie.

„Als würde jemand von oben auf uns blicken“, sagte Fritz.

Zwei Strichmännchen saßen sich schräg gegenüber am Tisch, einer der Figuren hatte Marlene Brüste angedeutet. Die beiden hielten einen Stift in der Rechten, Papier darunter, und während sie schrieben, konnten sie die Finger ihrer linken Hände ineinander verschränken.

„Gut“, sagte Fritz. „So machen wir das.“ Er stellte den Globus vom Tisch auf die Anrichte, dann hoben sie den Tisch an und trugen ihn in die Mitte der Küche. Sie schoben die Stühle nach Marlenes Idee heran, setzten sich, bewegten ihre linken Hände aufeinander zu und formten sie zu einem kleinen Gebirge aus Fingern.

„Weiter?“, fragte Fritz. Marlene hob ihren Stift an. Sie schrieben, bis Fritz eine Kanne Tee kochte und sich die Hände über dem Wasserdampf wärmte. Er ließ einen Löffel Zucker in Marlenes Tasse rieseln, rührte um und stellte ihr die Tasse hin. Fritz umarmte sie von hinten und flüsterte nach einem Kuss. Marlene drehte den Kopf, ihr Hals spannte sich, Fritz sah das Blau ihrer Augen.

Sie tippte auf eine Unterschrift von Himmler. „Scheißkerl“, sagte sie. Sie berührte die Namenszüge von Ribbentrop, Kaltenbrunner und Göring. „Noch ein halbes Stündchen“, sagte sie.

„Du hast richtig Feuer gefangen für die Sache.“

„Ja“, sagte Marlene. „Wir machen sie fertig.“

„Ich bereue immer noch manchmal – dir gesagt zu haben, was ich tue.“

Marlene lächelte, sie schüttelte den Kopf. „Geliebter Spion“, sagte sie, „und Ehebrecher und Alkoholdieb.“

Sie umarmten sich, Fritz sah ihre Schemen im Glas des Küchenschranks. Marlene war größer als er.

„Du bist so schön“, sagte er. „Meine Marlene.“

Sie küsste ihn spitz auf die Lippen. Fritz hatte noch nicht herausgefunden, warum sie das manchmal tat – ihn zu küssen wie ein Schulmädchen, das keine Kusserfahrung hatte.

Jemand schlug von außen gegen die Tür.

Fritz und Marlenes Umarmung wurde zerschlagen, als durchfahre sie ein Stromstoß. Marlene stieß eine Tasse um. Der Tee lief über gestohlene Geheimpapiere und weichte eine Unterschrift von Heinrich Himmler auf.

Eine heisere Stimme dröhnte aus dem Treppenhaus: „Herr Kolbe! Herr Kolbe!“

Die Tür vibrierte unter den Schlägen, tiefes Trommeln drang durch den Flur zu ihnen in die Küche.

„Herr Kolbe!“

Marlene legte ihre Hand auf seine. Er spürte ihren Griff, ein letztes Festhalten. Ihre Augen wurden nass. Fritz küsste sie, stolperte ins Schlafzimmer, riss das Jackett vom Kleiderhaken und zog den Revolver aus der Tasche. Er stellte sich in die Mitte der Küche und zielte den Flur entlang auf die Tür.

Jetzt haben sie uns, dachte er.

Schweiß lief ihm von den Achseln an den Rippen entlang. Wie viele würden sie geschickt haben? Gestapo? SS? Gleich würden sie die Tür eintreten, in die Wohnung stürmen, Lärm und Schreie mitbringen.

„Fritz.“ Marlenes Stimme klang, als stünde sie im Nebenraum. Mein Gott, wie sehr er dieses Gesicht liebte, die gerade Nase, die breiten Kieferknochen.

„Bitte, Fritz.“

Drei Mal krachte es von außen gegen die Tür. Wieder wurde sein Name gerufen. Marlene knöpfte sich die dunkelblaue Bluse auf und zog sie ein Stück auseinander. Im Weißweinschein der Lampe schimmerte die Haut auf ihrer Brust. Er richtete den Revolver auf sie. Seine Muskeln gaben nach, der Revolver wog eine Tonne und zog seinen Arm hinab.

„Hier“, sagte Marlene. Sie legte sich eine Hand aufs Herz.

„Herr Kolbe! Machen Sie auf. Jetzt sofort!“

Er drehte sich zur Tür, hielt die Waffe mit beiden Händen. Der Flur wurde immer kürzer, die Tür berührte fast den Lauf des Revolvers.

„Es war richtig“, sagte er. „Was wir getan haben.“

Er spürte Marlenes Körper hinter seinem, sie legte die Arme um ihn, drehte ihn um und drückte die Hand mit der Waffe gegen ihre Brust. Als sie nach dem Abzug tastete, schob er sie an den Schultern gegen den wackligen Küchenschrank. „Du willst doch leben.“ Er riss die Akten vom Tisch und entriegelte die Klappe am Ofen, Hitze sprang ihm entgegen, die Bodendielen wurden rötlich gepudert. Er warf die teefeuchten Papiere in die Glut. Flammen züngelten um Hakenkreuze, bogen Papier und verschlangen es. In seiner Hast fielen einige Blätter zu Boden und er stopfte sie hinterher, verbrannte sich die Handkante, kleine Härchen zischten. Fritz trat die Klappe zu, Hitze und Orange wurden vom Ofen eingeatmet.

Marlene flehte. Das sollte es doch in einer Liebe nicht geben, dass einer flehte. Was würden diese Männer mit ihr machen? Was würden sie diesem Körper antun? Er richtete den Revolver auf Marlenes Brust und spürte den Abzug am Zeigefinger. Dann war die Entschlossenheit wieder weg.

Ein Schlag an die Tür, einer nur.

„Du weißt von nichts, Marlene. Du weißt nicht …“ Er stammelte. Er wollte weg hier. Er wollte sich in Luft auflösen, zusammen mit Marlene.

„Spiele ihnen eine Nazifrau vor. Dir geschieht nichts.“

Fritz konnte ihr Herz hören, ihr schlagendes rotes Herz. Durch ihren Blick überschlugen sich in ihm die Erinnerungen. Gassen in Bern, seine Tochter Katrin in Afrika, Hitler, Pläne der Wolfsschanze, eine Hütte im Wald, Stimmen, geschmuggelte Geheimakten, Herzpochen, Leichen – es ging so schnell und verwirbelt, dass er keinen Gedanken fassen konnte.

„Du musst leben“, sagte er, und warum auch immer, seine Stimme klang klar und stark. Durch ihre Augen huschten Zweifel. Vielleicht ein Hauch Hoffnung. „Herr Kolbe!“ Er drehte sich zur Tür.

„Grüße meine Tochter, Marlene. Erzähle Katrin, was ich getan habe. Erzähle ihr, was du getan hast.“

Marlene hatte den Kopf gesenkt, das Kastanienhaar hing ihr ins Gesicht. Seine Knie gaben nach, er stützte sich an der gerahmten Weltkarte ab. Marlene zog eine Schublade auf, Besteck klirrte. Mit nervösen Händen nahm sie zwei Messer heraus, die Klingen blinkten. Wie sinnlos und verrückt, dass er jetzt stolz auf sie war.

„Ich liebe dich so sehr“, sagte er. Dann ging er mit vorgehaltenem Revolver auf die Tür zu. Ich hab euch verraten, Nazischweine! Er stieß gegen einen Bücherstapel am Boden. Mit dumpfem Geräusch fiel der Papierturm zusammen. Fritz war der Tür jetzt ganz nah, er spürte die Anwesenheit der Mörder im Treppenhaus. Er starrte auf die Bücher hinab. Irgendwer muss Katrin erzählen, was wir getan haben. Meiner Tochter. Um Himmels willen, irgendwer muss unsere Geschichte erzählen.

Er spürte Marlenes Blick auf seinem Rücken.

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