Kolbe
4. Weiter im Text
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Die Erinnerungen schmecken intensiver, jetzt da Fritz den beiden Fremden erzählt wie alles begann. Wenn er alleine vor einem Stapel Papier sitzt, geht er öfter in sein Inneres, bleibt hermetisch – zerrüttet und unwirsch auch, aggressiv, so wie er nicht sein will. Wegner und Veronika Hügel hören aufmerksam zu, unterbrechen ihn kaum, trotzdem empfindet er sie als eine Art Korrektiv. Mal hört er ein Räuspern, mal das Ratschen eines Feuerzeuges. Wegner macht viele Notizen, Veronika Hügel ebenfalls, aber sie schreibt immer dann etwas auf, wenn ihr Kollege es gerade nicht tut. Fritz dreht den Globus.
Die Fakten, die Sie verlangen, Herr Wegner, sagt er, das sind Männer, die nachts vor Ihnen stehen und drohen, Sie zu ersäufen. Solche Fakten gehen einem durch und durch. Ich habe mir fast in die Hosen gemacht. Fakt?
Wegner nickt zögerlich.
Von Südafrika aus nach Nord, Nord-West, sagt Fritz und fährt mit dem Zeigefinger über den blauen Atlantik. An Sankt Helena vorbei Richtung Kapverden, dort dann eine Kursänderung nach Nord, Nord-Ost. Die Kanaren, Madeira. Rechts von uns lag die Sahara. Die großen Expeditionen. Da ging es um Forschung und fremde Kulturen. Und ich? Mich brachte dieses verdammte Schiff dem Faschismus immer näher.
Glauben Sie, diese Männer hätten Sie wirklich umgebracht?, fragt Veronika Hügel.
Bei diesen Typen zählt das Leben immer erst dann, wenn es um ihr eigenes geht.
Haben Sie ein Foto von Katrin?
Fritz öffnet den abgeschabten Bauernschrank, die Bretter sind voll mit beschriebenen Papierstapeln, alten Aktendeckeln, Fotos, Zeitungsausschnitten, Dokumenten und abgegriffenen Büchern. Fritz weiß genau, wo die Fotos von Katrin liegen. Er zieht sein Lieblingsbild heraus, betrachtet Katrins Gesicht und legt das Bild vorsichtig auf den Tisch.
Darf ich?
Bitte.
Sie nimmt das Bild und lächelt. Was für ein hübsches Mädchen, sagt sie.
Das ist in Camps Bay aufgenommen.
Veronika Hügel gibt das Bild an Wegner weiter, er sieht es an und betrachtet dann Fritz.
Haben Sie den Kontakt zu ihr aufrechterhalten können?
Hätte ich machen können.
Wo ist sie denn jetzt?
Es ist noch nicht vorbei, Herr Wegner.
Übertreiben Sie nicht?
Fritz schweigt.
Wegner zündet sich eine neue Zigarette an. Auf eine eigentümliche Art, die er sich selbst nie ganz erklären konnte, hat Fritz es immer gemocht zuzusehen, wie sich jemand – vor allem Marlene – eine Zigarette anzündet. Die meisten Menschen wirken dann kurzzeitig entspannt, lehnen sich zurück, sind zufrieden. Wenn das Rauchen nicht so ungesund wäre, würde er sicherlich mehr Zigaretten konsumieren. Im Krieg waren es mehr, in den geheimen Büros in Bern, auf den zertrümmerten Straßen Berlins, im Angesicht der Toten und seines Nervenkostüms, das dünn war wie Butterbrotpapier.
Noch 1939 haben Sie wieder im Auswärtigen Amt in Berlin gearbeitet, sagt Wegner.
Er sieht dabei auf einen Zettel. Fritz weiß genau, dass er das nicht hätte tun müssen.
Ja, sagt er, ich war dann wieder im AA. Wilhelmstraße, mitten in der Stadt, mitten in der Zentrale der Macht. Walter Braunwein hat mich am Hafen abgeholt, als ich endlich dieses erbärmliche Schiff verlassen konnte. Für Biermann und seine Gattin hatte das Amt ganz offiziell einen Wagen geschickt. Biermann sah fürchterlich aus, ganz krank.
Braun wein hat Sie abgeholt? Ein echter Freund, sagt Wegner.
Fritz zögert, dann sagt er, ja, zusammen mit Käthe.
Kandidat Nummer zwei, soviel ich weiß, sagt Wegner.
Sie wissen gar nichts.
Wegner legt den Bleistift auf den Tisch und sieht aus dem Fenster. Der Himmel ist tiefblau, die Wiesen leuchten grün und die Berge stehen hellgrau. Und wie immer, wenn Fritz sie ansieht, fragt er sich, welch ungeheurer Lärm es gewesen sein muss, als vor Urzeiten diese Gebirge in den Himmel krachten und sich formten. Die Welt ist so schön, denkt er.
Veronika Hügel fragt, ob sie noch ein Stück von dem leckeren Apfelkuchen bekommen könne. Während Fritz in die Küche geht und den Kuchen schneidet, hört er sie mit Wegner flüstern. Sie hat mehr Geduld und wahrscheinlich mehr Verständnis für die Dinge hinter und neben seinen Taten. Fritz geht zurück und setzt sich zu den jungen Leuten.
Es ist schön, wenn Menschen mit Appetit essen. In Deutschland wurde es im Laufe des Krieges immer schwieriger, etwas Vernünftiges auf den Teller zu bekommen. Das sind nicht die Fakten, die Sie interessieren, Herr Wegner?
Bei allem Respekt, Herr Kolbe. Das und die Jahre Ihrer, was weiß ich, Skrupel oder sonst was, sind auch nicht das, was sich gut zu Papier bringen lässt – wenn ich das so sagen darf.
Oh, Sie dürfen alles sagen. Und das ist doch schon einmal was, oder? Das war nicht immer so. Die Jahre meiner Skrupel? Ich war zerrissen. Herrgott, stellen Sie sich vor, Sie müssten tagtäglich für den Teufel arbeiten. Und doch hat es vor den geschmuggelten Akten Ereignisse gegeben, die wichtig waren. Marlene zum Beispiel.
Marlene Wiese? Das ist jetzt nicht Ihr Ernst – ich meine in Bezug auf das, was wir hier machen. Ich will einen Artikel über einen der größten Spi…
Ohne Marlene, unterbricht Fritz, säßen wir jetzt wahrscheinlich nicht hier. Ganz sicher nicht.
Fritz hebt den Globus vorsichtig zur Seite und holt aus dem Bauernschrank einen Stadtplan von Berlin.
Dahin geht es jetzt. Und haben Sie keine Sorge wegen meiner – wie war das? Skrupel? Das ist ganz alleine meine Sache.
Er faltet den Stadtplan auseinander, an den Pfalzen ist das Papier rissig, Berlin zerfällt beinahe in Einzelteile, je weiter Fritz es aufklappt.
Kurfürstendamm, sagt er, da hatte Braunwein mir eine kleine Wohnung besorgt. Und da: Er tippt mit dem Zeigefinger auf den Plan. Da ist das Auswärtige Amt. Wilhelmstraße, Voßstraße, Wilhelmplatz.
Wegner zieht ein großes Foto aus seiner Aktentasche. Es ist ein Porträt. Fritz kennt dieses Gesicht. Hager, gradlinig, die immer geränderten kalten Augen.
Hitlers Außenminister Joachim von Ribbentrop, sagt Wegner, Ihr Chef im Auswärtigen Amt.
Fritz lacht bitter. Er nimmt das Bild von Katrin vom Tisch und legt es auf den Kachelofen. Er will nicht, dass das liebe Gesicht seiner Tochter bei diesem Mann ist.
Nach dem Krieg bin ich von Ribbentrop noch einmal begegnet. Bei den Nürnberger Prozessen. Ich wollte, dass er mich sieht. Ich wollte, dass er erfährt, was ich getan hatte. Als wir uns dann sahen – ich glaube, der Mistkerl hat mich gar nicht erkannt. Den kleinen Beamten. Mit einfachen Menschen hatte der nie etwas zu tun, der feine Herr Von. Er ist erhängt worden. Ich bin Gegner der Todesstrafe, aber ich kann nicht sagen, dass er mir leidgetan hat. Ich frage mich manchmal, was diese Männer in ihren letzten Augenblicken gedacht haben mögen. War da Erkenntnis? War da ein Gedanke an jemanden, den sie liebten?
Liebe?, fragt Veronika Hügel. Bei diesen Leuten?
Oh ja, Fräulein Hügel, sagt Fritz. Jeder liebt – irgendwen, irgendwas. Auch diese Männer haben geliebt. Ob uns das passt, ist vollkommen gleich.
Fritz merkt, dass Wegner versucht, unauffällig in Veronika Hügels Profil zu schauen. Sie ist auch so eine mit einer kecken Nase, sie gefällt Fritz. Die junge Frau strahlt etwas Angenehmes aus, er hat sie gerne hier. Er glaubt, dass sie ein guter Mensch ist.
Haben Sie mal mit von Ribbentrop persönlich gesprochen?
Wegner tippt auf das Bild, er trifft von Ribbentrops Stirn.
In der Wolfsschanze. Ich war Hitler ganz nah.
Sie haben die genauen Koordinaten der Wolfsschanze an die Amerikaner weitergeleitet, sagt Wegner. Aber das hatte keine Folgen. Im Gegensatz zu anderen Offenbarungen.
Wieso haben die Amerikaner nicht bombardiert, Herr Kolbe?, fragt Veronika Hügel.
Ist mir nie gesagt worden. Vieles ist nie gesagt worden. Bis heute nicht.
In diesem Moment taucht Fritz wieder in die Vergangenheit ein. Immer noch sind viele Türen zu der Geschichte fest verschlossen, dunkle Kammern, aus denen fremde Menschen in sein Leben gepfuscht haben.
In so einer Geschichte ist doch jeder nur eine Marionette, sagt Wegner.
Ich nicht! Teufel noch mal. Ich nicht. Was ist eigentlich los mit Ihnen?
’Tschuldigung. Verzeihung.
Wir müssen hier mal mehr Struktur reinkriegen, sagt Veronika Hügel. Das wäre nett. Und gut, irgendwie.
Du lieber Himmel, sagt Fritz, Struktur? Wird schwierig, Fräulein Hügel. Vier Jahre Schweigen und Mitmachen.
Fritz kann kaum fassen, was er sagt. Die Jahre vor dem ersten Auftauchen der Geheimakten erscheinen ihm dumpf und grau, leer und er weiß sich nicht einzuordnen. Er hasste sich, er verabscheute sich. Im Nachhinein betrachtet weiß er nicht, was er in dieser Zeit getan hat. Er will es nicht wissen. Veronika Hügel hat recht, er – sie – müssen versuchen, sich an den Haltegriffen der Geschichte entlangzuhangeln. Machen sie das nicht, läuft der Wille, das Geschehene endlich zu Papier zu bringen, erneut aus dem Ruder.
Ich wollte nie ein Held sein, sagt er. Es ist mir wichtig, dass Sie das wissen.
Er nimmt einen Stapel verblassender Fotos aus dem Schrank. Er blättert sie durch und legt eine weitere Porträtaufnahme auf den Tisch.
Botschafter zur besonderen Verwendung, Ernst von Günther, sagt Fritz. In sein Vorzimmer habe ich mich hochgearbeitet.
Sie haben doch sicher auch ein Bild von Marlene, oder?, fragt Veronika Hügel.
Da drin, sagt er und klopft sich aufs Herz.
Veronika Hügel formt eine Fingerkamera und sagt Klick.
Die Geschichte braucht ein Gesicht, sagt Wegner.
Die jungen Leute ahnen nicht, was dieser Satz in Fritz auslöst. Ihm läuft ein kalter Schauer über die Haut. Ewigkeiten hindurch hat sich sein Spiegelbild vor seinen Augen zu einer rotblauen Grimasse verzerrt. Die Geschichte braucht ein Gesicht? Welches? Er legt das Porträtfoto seines Vorgesetzten von Günther auf den Stadtplan.
Also, sagt er und von Günther erhebt sich aus dem Papier, wippt auf den Zehenspitzen, marschiert die langen Gänge des Amtes hinab, immer Zettel in der Hand und voller Enthusiasmus. Eines Tages, später, wird er Fritz anstarren und Fritz in Todesangst versetzt, wird nach der Waffe in seiner Tasche tasten. Aber jetzt ruft von Günther Fritz’ Namen aus der Vergangenheit. „Kolbe! Kolbe?“
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