Kolbe
11. Invasion und Attentat
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Invasion und Attentat
„Gnädige Frau, darf ich bitten?“ Fritz forderte Marlene in der Küche zum Tanz auf. Es war die Nacht auf den siebten Juni 1944. Die Alliierten waren in der Normandie gelandet.
„Mein Herr, Sie dürfen.“
Sie stellten den Tisch beiseite. Marlene summte eine Walzermelodie. Singen sei gut, sagte sie, es mache glücklich. Früher sei sie im Chor gewesen. Er solle jetzt bloß nicht denken, das sei irgendwie spießbürgerlich oder so.
„Denk ich nicht“, sagte Fritz. „Musik ist nie spießbürgerlich.“
„Na ja, also bei den Nazis?“
Fritz seufzte. „Sollen sie uns alle am Arsch lecken.“
Marlene kicherte. „Nichts da“, sagte sie, „du darfst meinen Arsch haben. Aber sonst niemand.“
Über die immer gleich aufgeregten Stimmen im Volksempfänger lachte Fritz bitter. Ganz gleich, welche Niederlagen Hitlers Armeen hinnehmen mussten, immer wurden sie als Sieg dargestellt, als geniale militärische Manöver, die den Feind teuer zu stehen kommen würden. Alles im Sinne des großen Führers. Goebbels schrie stimmbrüchig in die Mikrofone. Fritz sah Marlene durch ein Cognacglas hindurch an, vielleicht sei auch er fanatisch geworden – wenn es um sie gehe. „Kann ich mit leben“, sagte sie.
Die Fältchen in ihren Mundwinkeln waren tiefer geworden, manchmal, wenn sie vor dem Spiegel stand, sagte sie, der Anblick all der Verstümmelten und das Hantieren mit den klirrenden Prothesen mache sie fertig. Wobei – sie beugte sich dem Spiegel weit entgegen, als suche sie etwas in ihrem Gesicht – das mit den Prothesen immer weniger werde. „Jetzt heißt es amputieren, irgendwie Leben retten. Da wird nichts mehr ersetzt.“ Über Forschung werde nicht mehr geredet. Über Menschenversuche auch nicht.
„Er ist nett, Fritz“, sagte Marlene. „Der Professor. Ein angenehmer Mensch, höflich, gebildet, nachsichtig seinen Angestellten gegenüber. Es ist doch, ich meine, das kann doch nicht wahr sein, aber dieser Mann, er ist – ach, ich weiß nicht, was ich sagen will.“
„Du magst ihn?“
Sie hob die Hände, fassungslos, ungläubig sich selbst gegenüber.
„Ich muss erst nachdenken, um ihn zu verabscheuen. Wenn ich nicht nachdenke, mag ich ihn.“
„Ich begreife das auch nicht, was im Menschen alles zusammengeht. Das ist nicht zu durchschauen.“
„In letzter Zeit trinkt er heimlich. Er gießt sich Cognac in die Kaffeetasse.“
Am Abend kam Gisela zu ihnen. Marlene hatte ihr erzählt, Fritz habe wieder Wein im Auswärtigen Amt geklaut. Sei eine Spezialität von ihm. Gisela beendete viele ihrer Sätze mit einem Lachen. Fritz war irritiert und amüsiert über ihre Art des Unberührtseins. Er hatte nicht die geringste Ahnung, woher diese stramme mollige Frau das Lachen nahm. Solche Menschen, dachte er. Vielleicht war sie dumm – aber sie war gut, so gut, dass sie ihre Umgebung zum Strahlen brachte.
„Jetzt nach der Invasion – also ich bin ja mal gespannt auf diese amerikanischen Jungs“, sagte Gisela. In Fritz schoss eine Portion Unsicherheit hoch. Er erinnerte sich sehr genau an das Gespräch mit Marlene, in dem sie erzählt hatte, Gisela habe nach einem flotten Dreier gefragt.
„Irgendwie muss das doch gut sein“, sagte Gisela, „wenn in einem Land viele Nationalitäten aufeinander treffen, oder? Was meint ihr? Die ganzen Grenzen da, die machen all den Quatsch doch erst möglich.“
„Wir werden den Quatsch beenden“, sagte Fritz.
„Ach ja? Na, das wäre ja mal was. Leni, Hübsche, denkst du das stimmt, dass diese Neger so große Penisse haben?“
Marlene lachte. Sie sah Fritz an. Der legte sich resigniert eine Hand über die Augen.
Fritz hoffte auf eine baldige Gelegenheit wieder nach Bern reisen zu können, aber die Kurierreisen wurden immer weiter eingeschränkt und überwacht. Als er von einem Kollegen erfuhr, dass der demnächst zum ersten Mal in die Schweiz reisen würde, versuchte er ihn zu überreden, ihm diese Fahrt zu überlassen. Der Mann lachte, „Von wegen“, sagte er. Fritz konnte nicht zu sehr insistieren. Er überlegte, ihn nachts zu erschießen, ihn eine Treppe im Amt herunterzustoßen, aber er konnte nicht noch mehr Dreck in sich ansammeln. Die Leute vom OSS, die hätten solche Taten vollbracht. Er nicht.
Von Günther, nervös und blass, schickte Fritz nach Paris. Das sei halboffiziell, sagte er, er wisse, er könne sich wie immer auf Fritz verlassen. Sein Schaden solle das nicht sein. Er solle persönlich einem Mann im dortigen Konsulat eine Akte ausgeben, die Übergabe abzeichnen lassen und dann zurückkehren.
„Wenn das Abstraktum Größe auf das Konkretum Realität trifft …“, setzte von Günther an, redete aber nicht weiter. Auf den Fluren des Amtes standen Männer beieinander und lachten hart, man werde den Amerikaner und den Briten ausbluten lassen. Trennten die Männer sich, sah Fritz in ihren Gesichtern Angst und Sorge und Unsicherheit. Hier und da wurde geflüstert, bis jemand vorbeikam und laut „Heil Hitler“ sagte.
In Paris saß Fritz in einem Straßencafé auf der Champs Élysées, als er vom Bombenanschlag des Grafen Stauffenberg auf Hitler hörte. Wieder war Hitler dem Tod entronnen. Fritz hämmerte auf die kleine runde Tischplatte, Geschirr klirrte und ließ Sonnenlicht zucken. Soldaten und Offiziere sahen ihn an. „Diese Schweine“, sagte Fritz. Heil Hitler, sagten einige der Offiziere.
Stauffenberg. Im Radio wurde über nichts anderes berichtet. Jemand hatte einen Empfänger auf einen der Cafétische gestellt und alles lauschte gespannt, harter Ohrknorpel im Sonnenlicht, strenge Augenbrauen. Es wurde von einer ganz kleinen Clique arroganter Offiziere geredet und von der fanatischen Rache der Führung. Für einige Stunden musste in Berlin große Verwirrung geherrscht haben, bis Hitler sich persönlich am Telefon wohlbehalten beim Stadtkommandanten meldete. „Unser Führer ist nicht totzukriegen“, sagte einer der Offiziere. Fritz, die Fäuste in den Hosentaschen vergraben, irrte durch Sonnenschein und das Hämmern von Militärstiefeln auf dem Asphalt der breiten Pariser Straßen. Es war immer seine Meinung gewesen, dass mit Hitlers Tod das Nazireich sofort zusammenbrechen würde. Kameradschaft, Einheit, Zusammenhalt – alles nur Worte. Gegenseitig zerfleischen würden die sich, wäre Hitler endlich tot und verschwunden.
Durch das stählerne Geäst des Eiffelturms sah er zur Sonne hinauf. Er hatte alles, was er über Bewegungen im Westen herausfinden konnte, so knapp wie möglich zusammengefasst und mit der Kurierpost nach Bern schicken lassen. Vielleicht hatte es geholfen. Es musste geholfen haben.
Er stand jetzt am Fuß des Turms und sah hinauf. Eine Kolonne Militär-LKWs rumpelte vorbei, er hörte irgendwo das Klirren schwerer Panzerketten, die Erde bebte, aber er sah sich nicht um. Wieso gaben die immer noch nicht auf? Vollkommener Wahnsinn. Nur Vernichtung. Todesverliebtheit. Der Heldentod als großes Ereignis – als wenn der Tod unter einem Panzer oder in einem brennenden Flugzeug eine besondere Qualität hätte. Wie hatten Stauffenberg und seine Leute es fertiggebracht, eine Bombe neben Hitler zu platzieren, die den Mann nicht tötete? Es würde noch schlimmer werden. Er hörte, überall in Berlin würden Leute verhaftet, es habe bereits die ersten Exekutionen gegeben. Auch im Auswärtigen Amt solle es zu solchen Zwischenfällen gekommen sein. Alle Angestellten des Amtes, die zur Zeit des Attentatsversuchs im Ausland gewesen seien, würden strengstens überprüft werden. Er musste zurück. Wieder ins mörderische Berlin, wieder in diese stinkende Hölle. Zu Marlene. Fritz fuhr mit der Metro zum Jardin de Luxembourg, er wollte sich noch eine Stunde Ruhe klauen, ein wenig die Sonne spüren. Paris war – äußerlich – so heil. Bewaffnete Wehrmachtssoldaten patrouillierten zwischen den Zivilisten, am Ausgang zum Boulevard St. Michel hingen Naziflaggen. Eine Frau in dunklem Kostüm mit Hut saß auf einer Parkbank, rauchte eine Zigarette und sah zwei deutschen Soldaten nach. Als die Männer einige Meter entfernt waren, spuckte sie ihnen hinterher. Fritz grinste, es sah so unpassend aus, eine solch elegante Frau ausspucken zu sehen. Er drehte sich zu den Soldaten um und spuckte auf den Weg. Die Frau lächelte. Sie habe gedacht, er sei Deutscher. Er sehe so aus, sagte sie.
„Ich bin Deutscher.“
Die Frau zog die Brauen zusammen.
„Sie sollten sich schämen“, sagte sie. Stand auf und ging durch den Schatten einiger Bäume vorbei zum vergitterten Eingang des Parks. Wie man es macht, man macht es verkehrt, dachte Fritz. Er grub ein wenig Erde aus einem Blumenbeet, füllte sie in eine der Blechdosen, schrieb Paris auf den Deckel und steckte die Dose ein.
Es wimmelte von Soldaten unter der hohen schweren Decke des Bahnhofgebäudes. Am Ende der Gleise, wo die Sonne die Kanten aufweichte, sah Fritz Rauch, eine Naziflagge loderte, Flammen marschierten im Zickzack an ihr hinauf. Soldaten mit Karabinern in den Händen rannten einem Mann hinterher ins Licht hinaus. „Ich wünsch dir Glück“, murmelte Fritz.
Bei dem letzten Bombenangriff war das Amt getroffen worden. Fritz fragte besorgt, ob Minister von Ribbentrop im Hause gewesen sei. Nein, zum Glück nicht, sagte Müller.
„Wo waren Sie eigentlich, Herr Kolbe?“
„Was geht Sie das an, Müller?“
Der junge Mann trat dicht an Fritz heran. „Ich krieg Sie noch, Herr Kolbe.“ Er straffte den Körper in der schlotternden Uniform und streckte den rechten Arm zum Hitlergruß aus. Je fataler die Situation für Deutschland wurde, desto mehr wuchs das Selbstbewusstsein Müllers. Für den Bruchteil einer Sekunde tat der Junge Fritz fast leid.
Die oberen Etagen des Amtes waren nicht mehr zu benutzen, der Schutt wurde in den Innenhof geschaufelt, der Großteil der Fenster war vom Luftdruck weggeplatzt und durch sperrige Holzplatten ersetzt, selbst tagsüber war es dunkel auf den Fluren. Die Funkstellen waren endgültig in diversen Kellern untergebracht, die Kommunikationswege zerstört, ständig liefen Beamte über die nassen Flure auf der Suche nach Adressaten diverser Telegramme. Müller versuchte verzweifelt, seine Dienststelle zur Sammelzentrale aller eingehenden Nachrichten zu machen und schrie auf dem Flur staubgraue Kradfahrer an. Von Günther war wieder irgendwo unterwegs.
Fritz sorgte dafür, dass das Referat ordentlich lief. Auf seinem Schreibtisch stapelten sich mehr Depeschen als je zuvor. Von Günther gratulierte ihm telefonisch, man habe ihm berichtet, mit welch deutschem Beamtenfleiß Fritz die Lage im Griff habe.
„Und wie ich das im Griff habe, Herr Botschafter.“
Fritz schrieb mit Marlene Dokumente über die Satellitenstaaten ab, Bulgarien, Rumänien, Ungarn, überall fanden Absetzbewegungen statt, Informationen, die für die Amerikaner sehr wichtig sein konnten. Er notierte codiert die Namen von japanischen Divisionskommandeuren und schickte sie mit der Kurierpost nach Bern. Der Großteil der Referatsleiter war nach Salzburg ausgewichen, einer war spurlos verschwunden, drei oder vier nach dem Attentat auf Hitler verhaftet und nicht mehr gesehen worden. Müller berichtete, viele Angestellte seien verhört worden. „Sie sind auch noch dran, Herr Kolbe.“
„Müller, ich habe nichts zu verbergen. Gar nichts. Ich bin treu.“
„Bis in den Tod, Herr Kolbe?“
„Nein. Sie?“
„Was für eine Frage.“
„Ja, was für eine Frage.“
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