Kolbe

Andreas Kollender · Kapitel 3 von 17

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Kolbe

1. Der Unterschlupf

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Der Unterschlupf

Irgendwo in der Schweiz,

wenige Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs

 

Wenn er versucht aufzuschreiben, was damals geschehen ist, beginnt er mit einem Namen. Marlene. Die Zunge bewegt sich im Mund, wenn er das Wort ausspricht. Mar – le – ne.

Bei keinem Schreibentwurf ist es anders. Er kannte sie nicht, als er 1939 in die deutsche Hölle zurückkehrte. Es dauerte Jahre, bis er zum ersten Mal ihre Stimme hörte. Sie klang durch eine geschlossene Tür im Auswärtigen Amt in Berlin, hell, beschwingt. Sie konnte lachen. Aber zu diesem Zeitpunkt in der Geschichte wurden die Gefahren um ihn herum schon unübersehbar groß. Er hat Marlene aus all dem heraushalten wollen. Er hat es nicht geschafft. Auch wenn sie erst später von ihm eingeweiht wurde, fängt er an zu schreiben – weil es muss, es muss – fängt er an, ist sie es, mit der die Geschichte eröffnet wird. Lüge, Hakenkreuze, Betrug, Verstellung, Tod und Liebe. Er hat Angst vor großen Worten: Liebe und Krieg, Anstand in barbarischen Zeiten. Große Worte hat er in Hitlers Auswärtigem Amt genug gehört. Er hadert immer wieder. Es war Krieg, es war Liebe. Er hat versucht, anständig zu sein. Und dann? Was dann?

Er sieht aus dem tief in die Holzwände eingelassenen Hüttenfenster in das grüne Tal hinaus. An welchem Hang die Hütte liegt, welcher Fluss sich unten bleisilbern und rauschend durch die Wiesen schlängelt, das ist ganz gleich, das soll niemand wissen.

Er geht in die Küche und füllt Kaffee aus der Thermoskanne in eine Tasse. Ein Schluck frische Milch, ein Löffel Zucker, er rührt um und sieht aus dem Fenster den Hang hinab durch das Tal. Neben dem Fluss verläuft eine feste Schotterpiste, nicht weit entfernt führt sie über eine kleine Brücke, deren Bretter poltern, wenn man sie mit dem Auto überquert.

Seit er sich in der Hütte versteckt, sieht er oft aus dem Küchenfenster zur Straße hinab. Er weiß nicht, ob sie nicht doch noch einmal kommen, um ihn zum Schweigen zu bringen. Das Auto, das heute herfahren wird, soll einen Journalisten bringen. Fritz’ Freund und Vertrauter Eugen Sacher hat monatelang mit dem Mann geredet und ihm immer wieder davon berichtet. Der Mann sei seriös und recherchiere schon lange, was damals geschehen sei. Du kannst ihm vertrauen, hat Sacher gesagt. Der will das Gleiche wie du, Fritz: Gerechtigkeit. Endlich.

Da gibt es noch mehr, hat Fritz gesagt.

Eugen Sacher versuchte nach kurzem Zögern, die dunklen Flecken in Fritz’ Geschichte anzusprechen, aber Fritz war ausgewichen, wie immer, und gratulierte ihm zu seinem neuen Anzug, chic wie eh und je.

Eugen Sacher ist der Einzige, der Dinge von Fritz weiß, die der lieber für sich behalten hätte. Er fragt sich schon lange, was muss endlich raus, was behalte ich für mich? Stellt sich diese Frage nicht jeder Mensch? Er ist unsicher geworden, dünnhäutig. Aufgeben allerdings ist das Letzte. Wenn man aufgibt, kann man auch gleich Schluss machen. Nach anderen Frauen und Männern, die Ähnliches getan haben wie er, sind Straßen im neuen Berlin benannt worden. Ihn kennt kaum jemand. Eigentlich niemand. Capa-Einstufung, geheimer als geheim, Flüstern auf den Fluren des fast siebentausend Kilometer entfernten Weißen Hauses in Washington, Präsident Roosevelt wusste von ihm.

Er geht hinaus. Um die Hütte herum ist ein breiter Streifen festgetretener Erde. Fritz setzt sich auf die Bank vor dem Küchenfenster, sieht auf die Straße und zündet sich eine Zigarette an. Das Rauchen hat er sich im Krieg angewöhnt, er raucht nicht viel, er genießt es. Marlene rauchte. Er hat das immer so gemocht, wenn sie in derselben Hand, in der sie ein Weinglas hielt, auch eine Zigarette zwischen den Fingern hatte. Er fragte sie dann, ob sie einen weiteren Knopf ihrer Bluse öffnen würde und sie tat das manchmal, die langen Finger am kleinen Knopf, mit dem Daumen ein bisschen ziehen, den Zeigefinger dagegenhalten und dann löste sich der Knopf aus dem Loch, und Fritz legte die Hände an Marlenes Wangen und sah sie an. Manchmal tat sie es auch nicht.

Wenn dieser Zeitungsmann ihm nicht gefalle, hat er zu Sacher gesagt, dann schicke er ihn sofort wieder weg. Der Kerl habe Sacher wirklich geschworen, Fritz’ Aufenthaltsort nicht bekannt zu geben? Und der sei kein getarnter Psychiater? Sacher habe das schließlich schon einmal versucht.

Nein, nein, der wisse, wie man mit Quellen umgehe, hat Sacher erwidert.

Das hätten schon andere behauptet, hat Fritz gesagt.

Weit weg, wo die Straße von links zwischen den Hängen hervorkommt, sieht er etwas blinken, sich die Sonne schnappen und wieder wegwerfen. Der Wagen nähert sich in gemäßigtem Tempo, er fährt über die Brücke und hält an der Abzweigung. Die Fahrertür wird geöffnet, jemand steigt aus und sieht sich um. Es könnte sein, dass er zur Hütte hinaufschaut. Fritz rührt sich nicht, spürt die Holzbalken an seinem Rücken. Die Gestalt beugt sich hinab – da ist noch jemand im Auto. Das war nicht vereinbart. Fritz könnte jetzt den stets gepackten Rucksack schultern, die Hütte verschließen und in die Berge verschwinden, wo er jeden Kuhpfad kennt, jede Höhle, jeden schattigen Unterschlupf hinter Wurzelwerk. Wer immer da kommt, er würde an der Tür rütteln, vielleicht um die Hütte herum gehen, hinter vorgehaltenen Händen ins Fenster schauen und wenig später wieder abfahren.

Der Wagen wird ein Stück zurückgesetzt und fährt den Abzweig hinauf. Er verschwindet hinter einer grünen Hügelkappe aus Fritz’ Blickfeld und kurvt dann zur Hütte. Fritz hört den Motor und das Knacken von Steinchen unter den Rädern. Der Wagen wird vor dem morschen unzureichenden Zaun gestoppt. Ein mittelgroßer Mann mit Hut steigt aus und lehnt einen Arm auf die Fahrertür.

Fritz Kolbe? Sind Sie Fritz Kolbe?

Wer will das wissen?

Fritz hasst Unhöflichkeit, aber er muss sich schützen.

Eugen Sacher hat Ihnen von mir erzählt. Ich bin Martin Wegner.

Er nennt den Namen der Zeitung, für die er arbeitet. Ein bekanntes Blatt.

Ich werde dafür sorgen, dass Sie rehabilitiert werden, Herr Kolbe. Sie sind ein großer Mann.

Aber sicher. Wer ist da noch in dem Auto?

Eine Fotografin.

Schicken Sie sie weg. Und sie soll sich unterstehen, Bilder zu machen. Bei allem Respekt.

Ich garantiere Ihnen, sie fotografiert nur, wenn Sie es erlauben. Ehrenwort.

Durch die spiegelnde Windschutzscheibe kann Fritz die Frau nicht sehen, er meint lediglich eine Bewegung des Kopfes zu bemerken. Der Mann beugt sich hinab und spricht in den Wagen.

Eine Frau mit zurückgebundenem braunem Haar steigt aus, sie trägt eine khakifarbene Bluse, olivgrüne Hosen und stabiles Schuhwerk. Ein Mensch, mit dem er wandern gehen könnte. Geschickt von ihr, die Kamera im Wagen liegen zu lassen.

Veronika Hügel, sagt sie. Es tut mir leid, dass Sie nicht von mir wussten. Herr Sacher sagte, er würde Sie über alles informieren. Hat er das vergessen?

Anders als der Mann bleibt sie nicht am Auto stehen, sie schiebt das schräge Tor auf, kommt auf ihn zu und reicht ihm die Hand. Der Druck ist fest und hält lange.

Eugen Sacher, verdammt noch mal, flucht er. Das geht nicht gegen Sie, Frau Hügel.

Der Mann ist ein echter Freund von Ihnen, Herr Kolbe, sagt Veronika Hügel. Außerdem Fräulein, nicht Frau.

Fritz bemerkt, dass Wegner den Rücken der Frau ansieht. So etwas hat er immer registriert. Von Marlene hat er anfangs auf den Fluren des Amtes auch meist den Rücken gesehen, einen hohen Rücken, auf dem sich ganz leicht der Stoff bewegte. Soll er die jungen Leute hereinbitten? Soll er sie die Schwelle zu seiner Geschichte übertreten lassen? Wenn er das jetzt macht, gibt es wahrscheinlich kein Zurück. Er kann bald nicht mehr. Er blinzelt in die Sonne, spürt die Wärme auf den Wangen.

Kaffee?, fragt er. Er schlägt sich auf die Schenkel.

Also dann, zwei junge Leute in meinem bescheidenen Heim. Nun, herein mit Ihnen, seien Sie willkommen.

Er führt sie in die Hütte, es riecht nach sommerlicher, holziger Trockenheit.

Huch, sagt Veronika Hügel, solch eine Hütte, von innen fast ganz weiß. Das ist ja toll.

Gekalkt, nicht lackiert, sagt Fritz. Ist besser für das Holz. Unsere Kriegswohnung in Berlin war immerzu verdunkelt. Das kann für eine Liebe schön sein, aber auf Dauer macht das mürbe.

Und als Sie das erste Mal nach Bern kamen, sagt Wegner, und Geheimakten gegen die Nazis schmuggelten – da waren Sie erstaunt, dass auch in der Schweiz die Fenster verhangen waren, richtig?

Gut vorbereitet, junger Mann.

Immer, Herr Kolbe. Fakten. Solide, klare Fakten.

Ja, Fakten. Wie möchten Sie den Kaffee?

Schwarz mit Zucker, sagt Veronika Hügel. Wegner nimmt Milch und Zucker.

Fritz gießt den Kaffee ein.

Faktisch ein schwarzer Kaffee, oder, Herr Wegner? Sehen Sie und nun – er lässt Zucker von einem Löffel in die Tasse laufen – gebe ich Zucker hinzu. Und was sehen Ihre Faktenaugen? Einen schwarzen Kaffee.

Wegner reagiert nicht, Veronika Hügel rührt um und streift den Löffel an der Tassenkante ab. Vielleicht war das jetzt ein wenig theatralisch, denkt Fritz, ein wenig zu einfach. Aber ist am Ende nicht auch seine Geschichte „einfach“?

Ich habe einen Apfelkuchen gebacken, sagt er.

In der Küche holt er den Kuchen aus dem Ofen, stellt ihn auf den Tisch und zieht eine Schublade auf. Neben Messern und Gabeln liegt der Revolver. Fritz fühlt das Metall und die Riffelung des Griffes und Erinnerungen stürzen auf ihn ein, klacken wie Steine, die eine Felswand hinunterrollen, Luftsprünge von Leere und ausgelassener Zeit, bis zum nächsten Ereignis, dem nächsten Aufschlag, manchmal zwei, drei ganz kurz hintereinander, dann wieder ein langer Flug und seltsame Schwerelosigkeit. Er schiebt den Revolver zur Seite, nimmt das Kuchenmesser und schneidet breite Stücke, die Apfelspalten sind weich und riechen süßlich. Er stellt alles auf ein Tablett und trägt es in die Stube.

Veronika Hügel und Wegner haben sich an den Tisch gesetzt. Die Sonne scheint durch die Seitenfenster auf die Bücherregale und den bemalten Kachelofen. Wegner legt Zettel und Stifte auf den Tisch. Fritz stellt das Tablett ab und positioniert die Stifte exakt ausgerichtet in die Mitte des Papierstapels. Wegner grinst.

Immer noch Beamter, Herr Kolbe?

Fritz muss über sich selbst lachen.

Ich weiß nicht. Vielleicht. Ich müsste Außenminister sein! Botschafter, wenigstens Konsul. Eigentlich. Im neuen Deutschland. Ich … ach, verdammt.

Kaffee, Kuchen – Fritz merkt, dass er ausweicht, verspürt wieder diesen Drang, starr aus dem Fenster zu sehen und eine Klappe vor seine Gedanken fallen zu lassen, die ihn von seiner Umwelt und seinen Erinnerungen trennt. Es wäre ganz leicht. Hügel und Wegner würden das vielleicht eine Stunde aushalten und dann gehen und denken, er sei reif für die Irrenanstalt. Ist er vielleicht auch, er weiß es nicht. Aber er wehrt sich.

Sie essen den Kuchen und Fritz lässt sich aus der Stadt erzählen. Er sieht die jungen Leute ihre Vorbereitungen treffen, Teller werden leise zur Seite geschoben, ein Stift aufgenommen, Veronika Hügel formt aus Daumen und Zeigefingern ein Viereck und macht imaginäre Fotos der Hütte – und von Fritz.

Schon 1943, sagt Wegner, ist es durch Ihren Ver…

Moment! Fritz steht auf, holt den kegelkugelgroßen Globus aus dem Bücherregal und stellt ihn auf den Tisch.

Der hat aber auch schon bessere Zeiten gesehen, sagt Veronika Hügel.

Er dreht den Globus, fährt mit den Fingern über die harzigen Klebenarben nach Süden.

Kapstadt, Südafrika, sagt er, da beginnt es. Da müssen wir anfangen.

Ich weiß nicht, ob wir so viel Zeit haben, Herr Kolbe. Wir wollten eigentlich 1943 beginnen, als Sie zum ersten Mal nach Bern gefahren sind.

Fritz sieht Wegner an und tippt auf Südafrika. Sein Finger findet jedes Land, in dem er gewesen ist, ohne dass Fritz auf die verkrustete Erdkugel blicken muss.

1939, Kapstadt, sagt er. Wissen Sie, wie wahnsinnig blau der Himmel über Afrika sein kann?

Fritz räumt die Teller vom Tisch. Der Globus wird von der Sonne beschienen, hat Tag- und Nachtseite.

1935 oder -36, sagt Fritz, kam schon die Verordnung, dass im Garten des Konsulats in Kapstadt eine Hakenkreuzfahne aufzuhängen sei. Außerdem ein Runderlass, in dem gefordert wurde, dass sich auch die deutschen Auslandsvertretungen mit der Judenfrage auseinanderzusetzen hätten. Der Schwachsinn kam nicht langsam, er kam mit einem Paukenschlag. Das Ermächtigungsgesetz. Nach diesem Gesetz gab es kein Halten mehr. Es war von Anfang an Größenwahn. Hysterie. Blödheit.

Fritz spürt die Invasion dieser ungeheuren, vertrauten Wut. Er könnte die Teller gegen die Wand schmeißen, auf den Tisch schlagen und schreien. Er beherrscht sich.

Wir müssen jetzt nicht über Hitler, den Holocaust und den Krieg referieren, sagt Wegner.

Es geht um Sie, Herr Kolbe, sagt Veronika Hügel. Sie haben uns bestellt, sozusagen. Durch Herrn Sacher.

Es muss eine Entwicklung gegeben haben, sagt Wegner.

In Bezug auf die Nazis? Nein. Ich habe sie von Anfang an gehasst. Abgrundtief.

Aus der Ferne?, fragt Veronika Hügel.

Aus Afrika, sagt Fritz.

Aber Sie sind zurückgegangen, sagt Wegner. Sie sind zurück. Nach Hitlerdeutschland.

Fritz zündet sich eine Zigarette an. Ja, bin ich. Ich war naiv. Mein Vorgesetzter ebenfalls. Er war es, um dessentwillen ich gegangen bin. Ein Fehler? Vielleicht. Wäre ich allerdings nicht gegangen …

Hätte der amerikanische Geheimdienst nie eine Quelle wie Sie gehabt, setzt Veronika Hügel fort.

Fritz ist froh, dass sie das sagt. Sie sieht ihn durch ein Fingerviereck an, er lächelt, dreht das Gesicht nach links, nach rechts, und Veronika Hügel sagt: Klick – Klick.

Ich wäre kein Spion geworden. Ich hätte Marlene nicht kennengelernt.

Wir müssen über die Konsequenzen reden, sagt Wegner.

Fritz drückt Veronika Hügels Fingerviereck auf den Tisch und lässt seine kräftige Hand auf ihren Fingern liegen, sie lässt es sich einige Sekunden gefallen und zieht ihre Hände dann weg. Wegner hält den Bleistift hoch. Fritz zögert, er ist durcheinander. Es ist viel.

Sie wollen das doch auch, Herr Kolbe, sagt Veronika Hügel. Ihr Haar hat etwa die Farbe wie Marlenes, Kastanie mit kupferrot dazwischen.

Vom Gefühl her, ich weiß nicht, es ist, als habe Marlene neben mir gestanden, als diese verdammte Naziflagge im Hof des Konsulats in Kapstadt herabfiel. Als sei sie dabei gewesen, als ich meine kleine Tochter zurücklassen musste.

Die beiden jungen Leute sehen sich an, Veronika Hügel hebt die Brauen wie jemand, der etwas hört, das er schon weiß. Fritz schwenkt durch Raum und Zeit ab nach Kapstadt, wo unter der Sonne sein Schattendasein begann. Hätte er geahnt, was er tun würde, geahnt, was deswegen alles passieren würde – wäre er dann gegangen? Er weiß es nicht. Der Globus wirft ein eierförmiges Abbild auf den Tisch und die unbeschriebenen, schneeweißen Papiere des Journalisten.

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