Kolbe

Andreas Kollender · Kapitel 10 von 17

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Kolbe

Acht: Marlene und das Hauptquartier

Acht

 

Marlene und das Hauptquartier

Daheim, im Schutze seiner verdunkelten Wohnung, tanzte Fritz. Er war allein, er hüpfte und schwenkte die Arme. Die Küche war angefüllt mit Freude. Fritz hielt sich den Globus vor das Gesicht, drehte ihn und streckte ihn hoch in die Luft.

Marlene, Katrin – euer Fritz macht sie fertig!

In den nächsten Tagen im Amt wurde er von vielen Kollegen gefragt, was mit ihm sei, höflich und zuvorkommend sei er immer, aber so auffallend gut gelaunt? „Na, wenn man das Richtige tut“, sagte er. Er wedelte mit Akten. Die gehen direkt an die Amerikaner, sagte er nicht.

Von Günther kündigte an, dass er ihn demnächst zur Wolfsschanze schicken werde, er selbst sei auch dort und brauche ihn. Sie würden in unmittelbarer Nähe des Führers sein, dessen Aura verspüren. Es sei ihm eine Ehre, sagte Fritz. Er besorgte sich noch am selben Tag eine Karte von Rastenburg und Umgebung aus dem Archiv des Amtes. Die Wolfsschanze, Hitlers Hauptquartier. Er würde die Koordinaten haargenau weitergeben, mit allen Details. Dulles würde bombardieren lassen! Fritz schaffte es, er schaffte es. Schluss mit Krieg. Ankunft von Katrin. Und Marlene Wiese?

In der Mittagspause ging er die Wilhelmstraße hinauf und überquerte die Spree. Flakgeschütze bedrohten an den Brückenauffahrten den Himmel. Vor den Toren der Charité blähten sich Hakenkreuzfahnen in kühlen Windböen, sackten wieder zusammen, blähten sich, als hätten sie Schweres zu verdauen. Als er vor Marlene Wieses Büro ankam, verließ ein groß gewachsener Mann den Raum, den Kittel über breiten Schultern. Fritz sah ihn nur von hinten. Er ging hinein. Der Spion brachte Marlene Wiese die Schokolade.

„Das ist ja wundervoll“, sagte sie. „Und so viel.“ Es war schön, die Frau lachen zu sehen, sie bekam sichelförmige Falten in den Wangen.

„Wer war der Mann gerade?“

„Der Professor.“ Sie lächelte. „Eifersüchtig?“

„Ich? Nein“, sagte Fritz. „Was wollte er denn bei Ihnen?“

„Einen Moment plaudern, Fritz. Mit mir.“

Fritz räumte Beinprothesen zur Seite, sie klirrten in seinen Händen. Er setzte sich und versuchte, an Marlene vorbeizusehen.

„Wie war es denn in Bern? Kein Krieg?“

„Eigentlich nicht, nein.“

„Eigentlich?“

Fritz strich sich über die kahle Stirn und das dünne Haar. Ohne Hut ist er in Afrika nie aus dem Haus gegangen, tue er hier allerdings auch kaum. Sie sahen sich an, wichen aus.

„Hat in Bern denn alles geklappt?“

Fritz hustete. „Ja, natürlich“, sagte er. „Ich habe meine Arbeit ordentlich gemacht.“ Er sah auf seine Uhr, er müsse jetzt wieder los, sagte er, blieb aber sitzen. Marlene bot ihm von der Schokolade an. Er sehe aus, als könne er ein Stück vertragen.

„Die ist ganz alleine für Sie.“

„Tun Sie mir den Gefallen“, sagte Marlene. Sie schob die Schokolade über die Schreibtischplatte und brach ein Stück ab, kleine braune Splitter rutschten über das Silberpapier.

„Wenn man doch wenigstens mal wieder richtig kochen könnte“, sagte Marlene. „Sich dann schickmachen zum Essen und danach einen Schnaps trinken und eine Zigarette rauchen. Leben. Schwimmen gehen. Fröhlich sein. Ein guter Roman. Eine schöne Landschaft. Eigentlich ist es gar nicht so viel.“

„In Spanien“, sagte Fritz, „hatten wir immer frische Tomaten und Auberginen, herrlich.“

„Gibt es da nicht so ein ganz besonderes Öl?“

„Olivenöl. Wundervoll. Das riecht ganz anders als unseres.“

„Ich war nie im Ausland. Aber ich habe einen großen Atlas.“ Sie hob den Zeigefinger. „Und den hier.“

„Weit rumgekommen?“

„Die ganze schöne Welt. Wenn man einen Kartographen als Mann hat …“ Sie sprach nicht weiter, hob die Fußspitzen und betrachtete ihre Schuhe.

Die ist verheiratet, dachte Fritz. Ich habe genug Probleme. Die Frau eines anderen. Nicht auch das noch.

„Ich würde dich gerne öfter sehen“, hörte er sich sagen.

Marlene zog ein Taschentuch aus ihrer Jacke und putzte eine Schuhspitze.

„Ich dich auch“, sagte sie.

Er wollte sagen, wir leben nur einmal – aber das war so albern, so abgedroschen und dünn und kriegshuldigend.

„Wir leben nur einmal“, sagte Marlene. Es klang weder albern noch abgedroschen aus ihrem Mund. Es klang gut und einfach und richtig. Sie lachte, es war dieses glockenhelle Lachen, das das erste gewesen war, was er von ihr in sich aufgesogen hatte. Er wollte etwas erwidern, aber da sah er die Geheimakten auf dem Schreibtisch von Allen Dulles in Bern, die verschränkten Arme von Greta Stone und er hörte William Priest sagen, ein Mann wie Fritz würde einen wirklichen Verfolger nie bemerken. Er durfte Marlene nicht einweihen. Er zwang sich zu dem Gedanken, dass er diese Frau kaum kannte. Marlene sagte nichts, sah ihn an und steckte sich ein Stück Schokolade in den Mund. Fritz lehnte sich zurück.

„Erzähl mir aus deinem Leben“, sagte er. „Was liebst du?“

„Kochen. Ich meine, gut kochen. So richtig. Außerdem …“

„Welches Gericht magst du?“

„Ich weiß nicht, in solchen Zeiten schmeckt irgendwie fast alles nach Vergangenheit. Oder auch gerade nicht.“ Sie sah ihn an. „Verrückt, das Ganze.“

„Es war ein schöner Anfang. Ich reise zur Wolfschanze. In Hitlers Hauptquartier.“

„Oh. Bist du so ein wichtiger Mann?“

Ein Lachen platzte aus seinem Mund. „Allerdings“, sagte er.

Die Hitze im Rastenburger Land drückte, in den Wäldern stand die Luft dick und gelb. Fritz versuchte vergeblich, die Mücken vor seinem Gesicht zu vertreiben. Er war in einer Jagdhütte außerhalb des äußeren Sperrkreises der Wolfsschanze einquartiert worden, hatte auf von Günthers Akten aufzupassen und viel Zeit. Ihm war gesagt worden, er könne jeden Moment gerufen werden, er solle sich immer in der Nähe des Telefonapparates aufhalten, trotzdem strich er durch die Felder und die Birkenhaine und spürte seine Füße gut und schön in den weichen Naturboden einsinken. Er stieß häufig auf patrouillierende Soldaten, von denen einer den Karabiner auf ihn richtete, während der andere seine Papiere überprüfte. Die Vorstellung, dass Hitler ein paar hundert Meter von ihm entfernt seinen Generälen und anderen Untergebenen die Welt erklärte, hinterließ eine seltsame Leere in ihm. Seine Gedanken schienen sich hier in der Hitze und dem Geruch der Wälder erholen zu wollen, die Aufregung in Bern und sein Theaterspiel im Amt waren weit weg. Er breitete sein Taschentuch am Fuß einer Birke aus, setzte sich, lehnte sich an den weißen Stamm und hielt das Gesicht in die Sonne. Er tastete nach der Rinde und spürte ihre harten Sprünge. „Setz dich, Marlene“, murmelte er. Diese Frau einmal außerhalb des Krieges zu haben – unvorstellbar. Er konnte diesen Moment der Stille und des Friedens kaum begreifen. Er fühlte sich, als sei er ganz alleine auf der Welt und sein Herz schmunzelte glücklich. Er grub ein wenig Erde aus und drückte sie in eine der Blechdosen. Er schrieb Wolfsschanze auf den Deckel.

Zurück an der Hütte schlug sein Mitbewohner, ein Mann vom SD, die Hacken zusammen und sagte, seit Alexander und Napoleon habe die Welt so etwas nicht mehr erlebt.

„Alexander war ein Säufer“, sagte Fritz. „Und Napoleon ist in Russland gescheitert.“

„Weder das eine noch das andere trifft auf den Führer zu“, sagte der SD-Mann. „Wir sind an diesen Ereignissen beteiligt.“

„Allerdings“, sagte Fritz.

Der SD-Mann schaltete das Radio an. Zarah Leander sang: „Davon geht die Welt nicht unter …“ Das Lied sei zur Zeit von Stalingrad rausgekommen, sagte Fritz.

„Heroisch“, sagte der SD-Mann. „Heilig. Das müssen große Gefühle gewesen sein. Männer. Hass und Fanatismus. Mürrische Miene. Bis zum Letzten. Noch in tausend Jahren wird man davon singen.“

„Na sicher“, sagte Fritz. „Ganz bestimmt.“

Der SD-Mann stützte sich beidhändig auf das hölzerne Geländer der Veranda und sah entschlossen in den Wald hinaus. Obwohl Fritz nichts über den Jungen wusste, musste er plötzlich an den toten Sohn der Marlene Wiese denken.

„Man munkelt, es sei zu Kannibalismus gekommen. In Stalingrad“, sagte Fritz.

Der SD-Mann starrte ihn mit offenem Mund an, das Gesicht voller Entsetzen und Wut. „Deutsche Wehrmachtssoldaten? Glauben Sie so was?“

„Ich? Was denken Sie denn?“

„Wenn es Elemente im Volk gibt, die solches Gedankengut verbreiten: Ausmerzen. Wegmachen.“

Fritz hatte einige Bücher mitgenommen, ging in den Schatten der Hütte und las im Bett in Sophokles’ „Antigone“. Es half ihm, sich all das als eine griechische Tragödie vorzustellen oder als eines der Stücke von William Shakespeare. Es half wirklich, und er dachte nicht darüber nach, ob das abwegig war oder albern. Warum sollte er in solchen Zeiten nicht nach Halt greifen, nach Orientierung? In seinem Elternhaus war nicht viel Geld für Bücher vorhanden gewesen, studiert hatten weder Vater noch Mutter, aber er erinnerte sich gerne daran, wie seine Mutter ihrem Mann abends vorgelesen hatte, es sollte etwas mit Abenteuern zu tun haben und so lasen sie Schillers „Die Räuber“ und den „Wilhelm Tell“ und irgendwann hatte Fritz’ Mutter von einem Sufukles geredet, weil sie dachte, das wäre die korrekte griechische Aussprache. Sein Vater hatte gesagt, da müsse man sich wohl erst einmal reinhören, dann aber gefiel ihm „Antigone“ sehr gut. Mutige Frau, sagte er. Im Stillen seien Frauen meist mutiger als Männer, sagte Fritz’ Mutter. Die Männer bräuchten immer das große Getöse.

Antigone stellte sich alleine gegen die Herrschaft, gegen ihren König. „Sieh zu, ob du mitwirken und mithandeln willst.“ Fritz wusste, dass Antigone für ihre Taten bitter bezahlen musste, trotzdem war es tröstend, das Stück zu lesen. Er fragte sich oft, wie die Dramatiker es fertigbrachten, dem Leser trotz all der Schrecken ein gutes Gefühl mitzugeben. Antigone, dachte er und schlug das Buch zu, tut das Richtige.

Der SD-Mann saß auf der Terrasse und blätterte Akten durch, er rauchte eine Zigarre. „Gegen die Mücken“, sagte er. Fritz hielt ihm das Buch hin. Er lese nicht. Wenn, dann deutsche Bücher.

„Heinrich Mann?“

Der SD-Mann machte eine Miene, von der er wahrscheinlich dachte, sie sei die des mürrischen Stalingrad-Mannes.

„Heinrich Mann hätte man gleich mit seinen Büchern verbrennen sollen.“ Er stellte sich dicht vor Fritz und sah auf ihn hinab, die Mundwinkel tief nach unten gezogen.

„Ich werde mir Ihren Namen merken, Herr Kolbe.“

Fritz hörte einen Automotor und das Knirschen von Rädern auf dem Waldweg. Eine Limousine wurde vorgefahren, Sonne auf der langen Motorhaube und der Wald wie ein Film auf den Seitenscheiben.

„Ich treffe jetzt Außenminister von Ribbentrop und den Führer“, sagte Fritz.

„Den Führer? Persönlich?“

„Soll ich ihm etwas von Ihnen bestellen?“

Der SD-Mann streckte die rechte Hand zum Hitlergruß aus.

„Ich wusste ja nicht … Heil Hitler.“

„Hei Hitler.“ Fritz brachte das Buch in sein Zimmer zurück, verschloss die Tür und stieg neben den Fahrer in die Hitze des Autos. Der junge Mann wendete den Wagen, der SD-Mann blieb mit erhobenem Arm stehen. Fritz tat begeistert, fragte, wo lang es nun gehe und wer denn wo sein Quartier habe. Der Junge, dem es sicher untersagt war, Auskünfte zu geben, wurde angesteckt von Fritz’ Enthusiasmus und Fröhlichkeit, erklärte die Stacheldrahtverläufe, die Stromleitungen, die Wachabteilungen und die einzelnen Luxuswagen von Himmler, Göring und anderen. Außenminister von Ribbentrop residiere im Schloss Lehndorff im Osten der Anlage. In Gedanken machte Fritz Kreuze auf seine Landkarte, er merkte sich jede Abzweigung, die netzgetarnten Flakstellungen, die grauen Kappen der Bunker und die dunkelgrünen Waggons auf den toten Gleisen. Er sah die krachende Zukunft vor sich – die glühende, schnelle, vitale Schönheit von Explosionen und die reißenden Luftsprünge der Waggons. Vielleicht würde auch dieser bartlose Junge, der ihn gefahren hatte, hier in seinem Blut liegen. Es war das erste Mal, dass Fritz solch ein Gedanke bedrückte. Er ließ ihn ziehen, er verfolgte ihn nicht.

Fritz saß in einem Warteabteil und sah durch einen Spalt in der grünen Gardine auf die Anlagen hinaus. Von Günther hatte ihm gesagt, er könne in der Wolfsschanze nicht in Zivil auftauchen. Die Uniform war ihm unter den Armen zu eng und ließ den Schweiß in den Achseln brennen. Irgendwo bellte ein Hund, zwei Militärlaster fuhren am Waggon vorbei und weit weg, durch eine Lücke im Baumbestand hindurch meinte er einmal kurz Goebbels in seiner braunen Uniform gesehen zu haben, den Schreimann, das Sprachrohr. Dann näherten sich von Ribbentrop und von Günther dem Waggon und Fritz hörte den Wachtposten salutieren und den Schlag öffnen. Von Ribbentrop und von Günther setzten sich in den Konferenzraum. Von Ribbentrop redete über den japanischen Außenminister Oshima und die militärischen Rückschläge im Pazifik. Bei der Abwehr frage man sich, wieso die Briten so plötzlich von den Treffen japanischer und deutscher U-Boote vor Südafrika gewusst hätten, außerdem müsse das Judenreferat im AA effektiver werden, die Sache mit der Vernichtung der Juden gehe nicht schnell genug voran. Himmler persönlich habe seinen Unmut geäußert und damit dem Führer aus der Seele gesprochen. Fritz zählte mit, wie oft von Günther „Jawohl, Herr Außenminister“ und „Ganz Ihrer Meinung, Herr Reichsaußenminister“ und „Sehr wohl“ sagte, als er drei Mal alle Finger gestreckt hatte, hörte er auf. Von Günther fragte einen Ordonanzoffizier nach Fritz und kurz darauf zog er die Tür zu Fritz’ Abteil auf.

„Sie sind ja schon hier“, flüsterte er. „Wenn ich bitten darf, ja, Kolbe. Der Herr Minister wartet nicht gerne.“ Fritz zog die Uniform zurecht, von Günther packte ihn am Arm.

„Vergessen Sie niemals das „Von“, Kolbe. Der Mann heißt von Ribbentrop, ja. Haben Sie verstanden?“ Fritz folgte von Günther in das andere Abteil. In einem silbernen Eiskühler lagen tropfende Flaschen, es roch nach kaltem Rauch. Fritz überlegte, ob er die Hacken zusammenschlagen sollte, aber er wusste nicht, wie das ging. Von Ribbentrop sah ihn an, die hohe Stirn faltig, das Gesicht so streng wie immer, die Haut papierfarben. Einen anderen Ausdruck als den der Kühle hatte Fritz bei dem Mann nie gesehen. Selbst im Sitzen betrachtete von Ribbentrop alles von oben.

„Hei Hitler“, sagte Fritz.

„Sie sind?“

„Kolbe, Fritz. Ich bin der …“

„Ja ja, schon gut. Haben Sie die Akten?“

„Wie befohlen, Herr Reichsaußenminister.“

Fritz schnallte die Tasche auf und holte die Dokumente hervor, er spürte, dass von Ribbentrop ihn die ganze Zeit ansah, als wartete er auf einen Fehler.

„Ein fleißiger Beamter, von Günther?“

„Jawohl, Herr Reichsaußenminister.“

„Ich hoffe, Sie sind sich Ihrer Privilegien bewusst, Herr Kolben. Das Auswärtige Amt, meine Herren, ist ganz ohne Zweifel das wichtigste Regierungsamt des Reiches. Mögen die Herren Himmler oder Goebbels durchaus anderer Ansicht sein – wir sind es, die global handeln und den entsprechenden Überblick haben. Ich bin das. Unser Ministerium ist größer, verstehen Sie? Wenn die Krise überwunden sein wird, sind wir es, die die Verwaltung der neuen Gebiete erst möglich machen werden. Wir, sonst niemand. Ich kenne sie alle, ich war in Amerika, in England, in Russland. Es erstaunt mich heute noch, dass niemand wirklich den Willen unserer Nation verstanden oder hat vorhersehen können. Die Engländer halten ihren Churchill für einen großen Mann. Meine Herren, ich bitte Sie, Churchill ist ein dicker, Zigarren vertilgender Säufer, Roosevelt in Amerika ist eine Marionette des internationalen Judentums, Stalin ein Ungeheuer und Bolschewist. Die Union unserer Feinde wird zerfallen, so wie es der Führer voraussagt – und nicht zuletzt bin ich es, der daran mitwirkt. Ich erkläre Ihnen Folgendes …“

Fritz stand neben von Günther, der sich nicht rührte und wie gebannt dem Monolog von Ribbentrops folgte. Von Günther schwitzte, wagte es aber nicht, sich den Schweiß vom Gesicht zu wischen. Fritz zog ein Taschentuch hervor und tupfte sich die Stirn ab. Machte von Ribbentrop eine Pause, sagte von Günther „Jawohl“. Als der Außenminister befahl, seinen Wagen rufen zu lassen, verließ von Günther augenblicklich den Raum und rief nach einem Offizier.

„Ich brauche Sie nicht mehr, Kolben.“

„Hei Hitler“, sagte Fritz. Er sah von Ribbentrop mitten ins Gesicht. Der Mann hatte immer leichte Schatten unter den Augen.

„Ist noch etwas?“

„Nein, Herr Reichsaußenminister“, sagte Fritz. „Es ist nur, nun, ich sehe Herrn Reichsaußenminister selten im Amt. Ich wollte sagen, dass ich stolz darauf bin, für ihn arbeiten zu dürfen.“ Er spürte, wie sich Schweiß in seinen Augenbrauen sammelte. „Ich arbeite sehr gut, Herr Reichsaußenminister.“

„Natürlich sind Sie stolz darauf. Natürlich arbeiten Sie gut – sonst wären Sie nicht in meinem Ministerium. Gewöhnen Sie sich ein anderes Benehmen an, Kolben.“

„Selbstverständlich, Herr Reichsaußenminister. Hei Hitler.“

In der Hitze vor dem Waggon traf er auf von Günther, der eine Zigarette rauchte, die Wolke vor seinem Mund schlierte hellgrau im Sonnenlicht.

„Dieser aufgeblasene Klinkenputzer. Ich heiße von Günther, Kolbe. Das ist halt so, Familie, Sie verstehen. Auch wenn das Ewigkeiten her sein mag, der Name ist von Günther. Von Ribbentrop und hat sich das „Von“ angeheiratet. Er hat es sich gekauft. Ein lächerlicher Sektfabrikant. Ich sage Ihnen eines …“

Von Ribbentrop stieg aus dem Waggon und richtete seinen Uniformkragen. „Wo bleibt mein Wagen, Günther?“

„Kommt sofort, Herr von Ribbentrop. Sehr schade, dass unser Treffen bereits wieder vorüber ist.“

„Ja ja. Ich fahre jetzt ins Schloss zurück, Sie wissen, was zu tun ist. Schicken Sie Kolben mit den Akten zurück ins Amt.“

„Jawohl, Herr Reichsaußenminister.“

„Und sorgen Sie dafür, dass Ihre Untergebenen sich besser benehmen.“

„Jawohl.“ Von Günther wandte sich Fritz zu.

„Was jetzt wieder, Kolbe? Haben Sie es dem Herrn Reichsaußenminister gegenüber an Respekt mangeln lassen? Immer muss ich mir so etwas anhören. Damit ist Schluss, verstanden?“

Eine schwarze, hochpolierte Limousine mit Hakenkreuzstandarten fuhr vor, der Fahrer eilte hinaus und öffnete die Tür. Es war der Junge, der Fritz gefahren hatte. Von Ribbentrop klopfte mit dem Fingernagel auf seine Uhr.

„Ihnen ist klar, dass Sie auch an der Front in Russland fahren könnten?“

„Jawohl.“

„Meine Herren.“ Von Ribbentrop stieg ein und streckte diktatorisch das Kinn vor. „Passen Sie auf sich auf“, sagte Fritz zu dem Jungen, der geduckt um den Wagen eilte. Fritz und von Günther sahen der Limousine hinterher, die vor den gepanzerten Baracken links abbog und im Sonnendunst des Waldes verschwand.

„Dieser Popanz“, sagte von Günther. Er legte Fritz eine Hand auf die Schulter.

„War nur ein kleines Theaterspiel, Kolbe. Nichts für ungut, ja.“

„Nur ein Theaterspiel, verstehe“, sagte Fritz. „Verstehe sehr gut.“

„Hören Sie zu. Ich habe von diesem Kerl einiges an Aktenmaterial bekommen, das muss zurück ins Amt. Sie nehmen das Flugzeug, es startet um siebzehn Uhr. In Berlin bereiten Sie Folgendes vor…“ Ein Teil von Fritz nahm sehr präzise wahr, was er im Büro vorzubereiten hatte – ein anderer Teil von ihm war seltsam amüsiert, lachte sogar, weil es Fritz Kolbe war, der sie alle hier im Griff hatte und der eine exakte Karte von Hitlers Hauptquartier in die Hände des OSS spielen würde. Als Sigmund Freud Wien verlassen hatte, las Fritz in der internationalen Presse einige Berichte über den Mann und stieß dabei auf einen Artikel über psychische Störungen. Er wusste nicht mehr, wie das genannt worden war, aber es gab wohl so etwas wie eine Spaltung der Persönlichkeit, krankhaft. Und es gab Fritz Kolbe und George Wood, ein Fritz Kolbe war in dem Büro in Bern gar für tot erklärt worden. Der lebende Kolbe und der tote und George Wood würden erst wieder deckungsgleich werden, wenn dieser schnauzbärtige, krumme Mann Hitler tot oder gefangen wäre. Er hörte von Günther reden und sah an ihm vorbei zu den zentralen, getarnten Anlagen der Wolfsschanze. Über einen asphaltierten Weg zwischen den Baracken und Bunkern ging eine Gruppe Uniformierter etwa einen Meter hinter einem gedrungenen Mann in brauner Uniformjacke her. Der Mann trug eine Militärmütze mit glänzendem Schirm, er ging gebeugt, eine Hand auf dem Rücken. Fritz starrte die Gestalt an, sie war weit weg, mal im Schatten, mal im Sonnenlicht. Der Mann drehte das bleiche Gesicht in Fritz’ Richtung, es wurde größer, schwebte dicht an Fritz heran und für einen Moment war es ihm, als blickten Hitler und er sich aus kürzester Distanz direkt in die Augen. Dann zog der Körper das Gesicht wieder zurück, es wandte sich ab. Fritz sah sich eine Pistole aus dem Halfter reißen und mit ausgestrecktem Arm auf den Mann zurennen, er schoss ununterbrochen, immer auf das Gesicht, bis es fort war und er weiterrannte, ins Land hinaus, zu den Seen und Wäldern in der Sonne.

Der Mann samt Gefolge verschwand im gesprenkelten Schatten einer Baumgruppe.

„Kolbe, hören Sie mir zu?“

„Was?“

„Kolbe?“

„Verzeihung. Da hinten war gerade der Führer.“

„Ah ja. Verstehe. Es kann einen Menschen durchaus sprachlos machen, diesen Mann persönlich zu sehen – so ein wenig ab vom sonstigen Trubel. Na, reißen Sie sich zusammen, Kolbe. Er wird es schon richten.“

„Und wir.“

„Bitte?“

„Und wir, Herr Botschafter, wir auch.“

In der JU 52 setzte er sich ans Fenster und sah hinaus. Der Motor dröhnte laut und überall in der Kabine klapperte und vibrierte etwas. Unter Fritz lagen Wälder und er sah Seen das Grün und die Sonne reflektieren, und manchmal sah er den Schatten der Maschine über Wipfel streichen, auf ein gelbes Feld hinabsacken, einen Fluss kreuzen. Wie schön es gewesen wäre, mit solch einem Flugzeug über Südafrika zu fliegen, Katrin neben sich, die Braunweins und Marlene Wiese. Auf einer seltsam weiß strahlenden Straße fuhren Panzer und LKW nach Osten – alles nur Tod und Vernichtung. Je näher er Berlin kam, desto grauer und vernarbter wurde die Landschaft. Dann sah er die Verwüstungen in der Stadt zum ersten Mal von oben. Apokalypse, dachte er. Etwas anderes fiel ihm nicht ein zu den verkrüppelten Trümmerfingern, den verschwundenen Straßen und den Steinwüsten, die Wohnsiedlungen gewesen waren und in denen winzige Menschlein wieselten, gebückt und arm und nichts mehr finden würden, was einst ihres gewesen war, ein Topf, Familienfotos, Bücher, einen einfachen Ofen, Kleider, alles fort und wohin sie auch blickten lag dampfende Ödnis. Die Junkers tauchte ein in die Höllenstadt, die keinen Menschen mehr wollte. Die Maschine hüpfte über die angeschlagene Landebahn neben dem geknickten Tower und die einzigen Farbkleckse waren die roten Naziembleme mit dem Hakenkreuz. Grau und rot, dachte Fritz, das waren die Farben der ehemaligen Stadt Berlin, die so wunderbar geleuchtet hatte, so voller Leben gewesen war auf den Bildern, die er im Ausland von ihr gesehen hatte. Der abgefressene Torso dieser Stadt war es, in dem er Marlene wiedersehen würde.

Die Schritte auf dem Flur klangen wie Trommelschläge, viele harte Sohlen schlugen im Takt auf den polierten Boden des Amtes. Fritz erstarrte am Schreibtisch. Soldaten. War er aufgeflogen? Hatte Weygand in Bern etwas gemerkt? Er sah die geschlossene Tür zu von Günthers Büro an, von dort war nichts zu hören. Die Schritte kamen näher. Fritz schlich zum Fenster, die Wilhelmstraße lag im Sonnenschein, ein Militärtransporter stand vor dem Eingang zum Amt, gegenüber auf der anderen Straßenseite die immer dunklen Fenster des Propagandaministeriums. In den Kellern dort wurden Menschen gefoltert. Wohin hätte er fliehen sollen? Um Himmels willen. Katrin. Marlene. Holen die mich jetzt? Er krallte die Hände zu Schmerzfäusten zusammen und lauschte. Die Trommelschläge wurden dumpfer, wie von einer Decke verhüllt. Fritz öffnete die Bürotür. Am Ende des Gangs sah er eine Gruppe Soldaten im Gleichschritt einem Offizier folgen, die Männer hatten Karabiner geschultert. Immer mehr Türen wurden geöffnet, erschrockene Blicke, unsichere Fragen. Fritz folgte den Soldaten. Der Offizier wies zwei Männer an, eine Tür zu öffnen, stürmte hinter ihnen in das Büro und Fritz hörte ihn Befehle schreien. Etwas klirrte. Dann herrschte Stille, als sei die Zeit plötzlich stehengeblieben. Soldaten hatten vor der Tür Posten bezogen, die Karabiner vor dem Körper. Müller stand mit verschränkten Armen auf dem Flur und grinste. Fritz hörte wieder den Gleichschritt, der Offizier kam heraus, zwei Soldaten, der Beamte Franz Havermann, hinter ihm die anderen Soldaten. Havermann war kerzenblass. Er suchte Blickkontakt zu den Umstehenden, die sahen zu Boden oder wandten sich ab. Als die Kolonne an Fritz vorbeimarschierte, hörte er Havermann murmeln, ihre Blicke trafen sich, Havermanns Augen waren nass. „Ich habe nur Musik gehört, Herr Kolbe. Musik.“ Der Offizier fuhr Havermann an, er solle die Schnauze halten.

„Halt!“ Der Befehl knallte über den Flur. Der Offizier ließ seine Männer stillstehen. Von Ribbentrop war von oben aus seinem Büro gekommen. Seinen Sekretär im Gefolge kam er den Gang hinunter und blieb neben dem Verhafteten stehen. Er starrte Havermann an, der Offizier sagte kein Wort, Havermann zitterte. Der arme Mensch, dachte Fritz. Von Ribbentrop holte aus und schlug dem Mann die flache Hand auf die Wange. Tränen spritzten Havermann aus den Augen.

„Schmutz“, sagte von Ribbentrop. „Abführen, Herr Leutnant.“ Die Kolonne marschierte weiter, Havermann in ihrer Mitte, er kreuzte die Hände vor dem Leib, als seien sie gebunden. Besser du als ich, Havermann, dachte Fritz. Er schämte sich, meinte es aber ernst.

„Da heult der auch noch“, sagte Heinz Müller. Er hatte die dünnen Arme verschränkt und sah zu Fritz hinüber. War einer der Männer an Bord der Louisiana dieser verlorene Junge gewesen? War er dabei gewesen, als die Männer Fritz gezwungen hatten Heil Hitler zu sagen?

Von Ribbentrop wippte auf den Fersen. „Habt ihr alle nichts zu tun?“ Mit einem Schlag verschwanden die Umstehenden und schlossen die Türen hinter sich. Ohne ein Wort kehrte Fritz in sein Büro zurück. Der arme Havermann, dachte er, hat wahrscheinlich Feindsender gehört. Musik, einfach nur Musik.

Später am Abend betrat Walter Braunwein mit einem leisen „Horrido“ Fritz’ Büro. Er wies auf die Tür zu von Günthers Zimmer. Der sei schon weg, sagte Fritz.

„Scheiße mit Havermann“, sagte Walter. Er fuhr sich durchs widerspenstige Haar. „Verdammt noch mal“, sagte er. „Können wir irgendetwas für ihn tun, Fritz?“

„Auf keinen Fall.“

„Auf keinen Fall?“

„Nein, Walter. Ich nicht. Das geht nicht. Ich muss …“

Braunwein verschränkte die Arme und sah Fritz an, die Augen voller Skepsis und Fragen.

„Du musst was? Irgendetwas stimmt doch nicht mit dir.“

„Doch. Mit mir stimmt alles.“ Arroganz schwebte in Fritz’ Stimme, die Schutzmauer der Unsicheren und Verstecksucher. Er wollte das nicht, schon gar nicht Walter Braunwein gegenüber. Hatte er zuvor überhebliche Sprachspiele riskiert – die letztendlich aus nichts anderem kamen als einer bodenlosen leckt-mich-am-Arsch-Stimmung – dann war das eine Sache gewesen. Jetzt aber seinen alten Freund so vor die Brust zu stoßen, weil er nicht wusste, was er tun sollte – das schmerzte.

„Wie geht es Käthe?“

Walter antwortete nicht.

Die Messerschmitt-Werke in Obertraubling waren von den Amerikanern hart bombardiert worden. Fritz sah in den Spiegel über dem Waschbecken in seinem Büro und kniff ein Auge zusammen. Die genauen Koordinaten des Messerschmitt-Werkes hatte er Allen Dulles in Bern gegeben.

Im Amt tauchten vermehrt Männer der Gestapo auf, viele in steifen Ledermänteln. Jede Regierungsstelle, die Informationen über Obertraubling besaß, wurde überprüft. Das Werk hatte als streng geheim gegolten. Die V2-Anlagen an der Küste waren zuvor schon Ziele von Fliegerangriffen gewesen, der letzte Angriff allerdings schien, so sagte von Günther zu Fritz, präziser gewesen zu sein.

Ich war das, sagte Fritz nicht.

„Vielleicht war das auch Havermann“, sagte von Günther.

„Aber Herr Botschafter, wie sollte jemand solche Informationen aus unserem Amt hinausbekommen und dem Feind zuspielen? Das geht doch gar nicht.“

„Da haben Sie recht, Kolbe. Aus dem AA kann das nicht gekommen sein. Aber sagen Sie das mal diesen Leuten, ja. Gut, wir brauchen die – aber unter uns, das sind krankhaft misstrauische Gesellen. Man muss die Größe des Führers verstehen und einiges akzeptieren. Der Mann denkt sich ja etwas bei allem, was er tut. Aber manche Menschen werden so hündisch in seiner Gefolgschaft. Apropos.“ Von Günther stellte sich ans Fenster seines Büros, eine Hand in der Hosentasche, eine am Fensterrahmen. Er sprach gegen die Scheibe, das machte er oft, wenn er meinte, etwas Wichtiges zu sagen zu haben.

„Die Ihnen anvertraute Vernichtung der Geheimakten in unserem Referat wird ein wenig modifiziert. Sie müssen ab jetzt gegenzeichnen lassen, wenn Sie die Akten in den Keller bringen.“

„Jawohl, Herr Botschafter“, sagte Fritz. Er ging in sein Büro zurück, stellte das Allgäubild auf den Boden und schaute in den Safe. Akten für Dulles. Er überlegte nicht lange. Mit nach Hause nehmen, abschreiben, dann zu den Verbrennungskörben bringen und dort den Vorgang abzeichnen lassen. Hunderte Seiten. Er musste auswählen, zusammenfassen. Das war alleine nicht zu schaffen. Mit einem Ruck wurde die Tür zu seinem Büro aufgeschlagen, Fritz zuckte zusammen. Ein Gestapo-Mann schritt herein. Er war klein und unscheinbar.

„Fritz Kolbe?“

„Bitte.“

„Sie waren kürzlich in der Schweiz.“

„In der Gesandtschaft in Bern, ja. Was kann ich für Sie tun?“

„Ihre Aufgabe war?“

„Ich habe den Transport von Dokumenten beaufsichtigt und diese in der Gesandtschaft bei Herrn von Lützow abgeliefert.“

„Hatten Sie außer zu den Angestellten der Gesandtschaft andere Kontakte?“

Ruhig bleiben, irgendwie ruhig bleiben jetzt. Er hatte keine Zeit nachzudenken.

„Nein, keine.“

Der Mann starrte ihn an, sein linkes Augenlid zitterte. Ohne zu fragen, setzte er sich Fritz gegenüber an den Schreibtisch. Er drehte eine Akte in seine Richtung.

„Das ist streng geheimes Material, Herr Kolbe.“

Aktiv sein, schoss es ihm durch den Kopf. Er griff nach der Akte und drehte sie in seine Richtung zurück. Der kleine Mann legte die Hände ineinander.

„Wer ist Eugen Sacher?“ Warum nur hatte er Weygand gegenüber Sacher überhaupt erwähnt? Weil er dachte, diese Offenheit würde Verdacht abwenden?

„Madrid, 1935“, sagte der Gestapo-Mann. „Es ging um die Aufgabe der deutschen Staatsbürgerschaft.“

„Wenn Sie es sagen.“

Von Günther kam aus seinem Büro. Als er den fremden Mann an Fritz’ Schreibtisch sitzen sah, stemmte er die Hände in die Hüften.

„Was soll das?“

„Ich befrage Ihren Sekretär.“

„Wenn Sie hier jemanden befragen, der mir unterstellt ist, dann kontaktieren Sie mich vorher.“

Der kleine Mann schien erstaunt und ebenso erbost über die Zurechtweisung. So etwas waren diese Leute nicht gewohnt, dachte Fritz. Er empfand in diesem Moment Respekt für von Günther.

„Herr Kolbe ist einer meiner treuesten Mitarbeiter. Fleißig, loyal, scheut keine Überstunde.“

„Das tut nichts zur Sache.“

„Möchten Sie mit mir nach oben gehen ins Büro des Außenministers von Ribbentrop? Der Herr Reichsaußenminister hat immer ein offenes Ohr für meine Anliegen.“

Der kleine Mann stand auf und musterte von Günther. Zerfleischt euch gegenseitig, dachte Fritz.

„Ich kenne Herrn von Ribbentrop gut“, sagte von Günther. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass ihm das hier gefallen würde. Weshalb sind Sie überhaupt hier?“

„Mir ist vollkommen neu, dass ich Ihnen Rechenschaft schuldig bin. Havermann. Der arbeitete doch auch hier. Oder, Herr Botschafter?“

„Dann verhören Sie den. In meinem Referat war der allerdings nicht“, erwiderte von Günther.

„Verhört haben wir den schon.“

„Was ist mit ihm?“, fragte Fritz. Die beiden Männer, rotwangig mit Ärgergesichtern sahen ihn an, als hätten sie vergessen, dass er noch immer an seinem Tisch saß.

„Tot.“

„Und seine Familie?“

„Der Tochter geschieht nichts. Die Frau wird vernommen.“

„Kolbe!“

„Herr Botschafter?“

„Akten zur Vernichtung. Demonstrieren Sie, wie das hier läuft.“

Fritz öffnete den Safe und nahm den Stapel heraus, der sich dort angesammelt hatte. Kein Zurück mehr. Was war das jetzt alles? Judentransporte, Werftberichte, Nachschubwege an der Ostfront, Dokumente über die Partisanenbekämpfung, Gespräche mit dem Japaner Oshima, Einschätzungen der Verfassung von Roosevelt, Agenten in Spanien. Alles für das Feuer. Nichts für Allen Dulles.

„Warten Sie“, sagte der kleine Mann. Er brüllte über den Flur. „Gefreiter Schulz!“ Mit quer vor dem Körper gehaltenem Gewehr kam ein junger Soldat zur Tür gelaufen. Der kleine Mann wies ihn an, Fritz zu begleiten.

Nach zehn Minuten war Fritz zurück im Büro. Er wusste nicht, was von Günther und der Gestapo-Mann getan hatten, aber sie standen sich immer noch gegenüber. Von Günther streckte die Hand aus. Fritz reichte ihm das Papier mit den Dokumentnummern und der Unterschrift des Mannes, der die Verbrennung im Keller überwachte. Er hielt dem Gestapo-Mann das Blatt vor das Gesicht.

„Wir sind hier noch lange nicht fertig, Herr von Günther“, sagte der kleine Mann. Er salutierte, „Heil Hitler.“ Er ging, ohne die Tür hinter sich zu schließen. Von Günther tippte die Tür an, sie schwang zu, hakte aber nicht ein. Er drückte, das Schloss klackte.

„Sollten Sie jemals Kontakt zu Geheimdienstleuten haben, Kolbe, rennen Sie weg. Man muss schon geistig krank sein, um sich diesem Metier zu verschreiben, ja. Wissen Sie, bei denen verselbstständigt sich immer alles. Die sehen Gespenster, im wahrsten Sinne des Wortes. Also gut, Kolbe, Folgendes … Ist etwas mit Ihnen? Sie sind ganz blass.“

Fritz sah wieder die dünnen Flammen, die die Akten umkringelten, ihre Ränder verfärbten und dann hell aufloderten. Todesurteile. Und wie knapp das Verhör gerade gewesen war, wie eng jetzt schon die Schlinge zu werden schien. Fritz musste nach Bern. Er musste sich von Dulles, Stone und Priest mehr Anweisungen für gefährliche Situationen geben lassen. Außerdem wollte er eine Waffe haben. Er würde sich nicht in einem Nazigefängnis der Folter aussetzen. Ihm wurde schlecht. Von Günther reichte ihm ein Glas Wasser.

Er solle heimgehen, sich ausruhen. Er arbeite weiß Gott genug. „Machen Sie einfach dieses eine Mal früher Schluss. Das ist ein Befehl, Herr Kolbe. Ich bin Ihr Vorgesetzter.“ Als Fritz an der Tür war, rief von Günther ihm hinterher. „Sie werden doch wohl keine Angst haben, ja, Kolbe? Sehen Sie mich an. Ich habe keine Angst. Sie müssen noch einiges lernen.“ Er lächelte wohlwollend. „Na, gehen Sie mal. Heil Hitler.“

Fritz nahm dieses Angebot sofort an. Als er ging, klemmte er sich den Stuhl, der seinem am Schreibtisch gegenüber stand, unter den Arm und warf ihn draußen auf einen der Schutthaufen. Es gab nur noch einen Stuhl in Kolbes Büro. Niemand würde sich je wieder zu ihm setzen können.

Er überprüfte die Verdunklungspappen und Vorhänge in seiner Wohnung und drückte sie fest. So ist es gut, dachte er.

Er zeichnete die Quartiere der Wolfsschanze exakt in eine Landkarte ein. Er umkringelte Hitlers Bunker und das Schloss, in dem von Ribbentrop residierte. Er dachte viel an Dulles, Greta Stone und Priest und er machte sich Sorgen um Eugen Sacher. Höchstwahrscheinlich wurde Sacher überwacht. Er hatte Fehler gemacht. Über Sacher jedenfalls durfte er keinen Kontakt nach Bern mehr suchen, er musste mit den Leuten vom OSS neue Möglichkeiten finden. Dulles würde Rat wissen.

Er aß eine Scheibe Graubrot mit ein wenig Butter und einer Prise Salz. Die Versorgungslage wurde immer schlechter und er erinnerte sich an Teller voller spanischer Vorspeisen auf dem Tisch oder polnisches Bigos, das nach Lorbeer und Sauerkraut roch, französischen Käse mit hellem Brot, ein Steak in Kapstadt unten an der Promenade und den kräutergefüllten Schweinebraten seiner Mutter. Wie hatte Marlene Wiese gesagt? Mal wieder richtig kochen, sich schickmachen und nach dem Essen eine Zigarette rauchen? Wenn er doch wenigstens einen Menschen hätte, mit dem er reden konnte. Einen einzigen, dem er erzählen konnte, was er tat.

Er hörte Schritte im Treppenhaus. Hastig faltete er die Karte zusammen und legte sie unter die durchgelegene Matratze seines Bettes. Jemand klopfte an die Tür. Fritz trat in den Flur und starrte das abgeschabte Holz an. Gestapo? Es klopfte wieder. Er konnte so tun, als sei er nicht daheim.

„Fritz? Ich bin es, Marlene.“

Sie kam ihn besuchen. Unangemeldet. Wie schön. Wie gefährlich. Er öffnete.

„Ich habe in der Charité Kekse ergattert. Und jetzt halt dich fest! Sie haben Schokoladenüberzug.“ Sie legte den Kopf ein wenig zur Seite. „Fritz? Wie wäre es mit einem: Bitte komm herein?“ Wie sehr er sich nach ihr sehnte, wie gierig er sie jetzt an sich reißen wollte. Aber der Vorfall heute im Amt bedrückte ihn, dieses Verhör, dessen Hintergrund er nicht durchschaute, das Verbrennen der Akten. Die Angst.

„Es geht jetzt nicht“, sagte er. Komm herein, setz dich zu mir, lass uns diese Kekse essen, küsse mich, sagte er nicht.

„Ich verstehe nicht“, sagte Marlene. Er schwieg und ließ den Kopf hängen. Er wollte ihr so viel sagen, er wollte ihr gar nichts sagen. Ihre Schuhe waren alt, aber gut gepflegt, ihr Kostüm war abgetragen, aber elegant. Er hörte sie durch die schöne Nase atmen.

„Was ist denn, Fritz? Ich habe mich so gefreut. War nicht so einfach für mich, hierherzukommen.“

Er schwieg.

„Sollen wir woanders hingehen?“

Er presste die Hände ineinander, biss die Lippen zusammen – er hielt es fest, alles, was in ihm war, er schoss die Widerstände nieder und hielt es.

„Es geht nicht“, sagte er mit fremder Stimme. „Du … du bist verheiratet.“ Marlene straffte die Schultern. „Das ist wohl eher etwas, das ich zu verhandeln habe.“

„Ich habe mich wohl getäuscht“, sagte sie und ging.

Er warf die Tür zu und fluchte. Er schlug gegen die Wand. Verdammt. Er rannte die Stufen hinab auf den zertrümmerten Kurfürstendamm hinaus. Der Himmel war so grau wie die vernarbte Stadt. Fritz erblickte Marlenes blaues Kostüm und er sah ihrem Rücken die Wut und die Enttäuschung an. Er holte sie ein und griff nach ihrem Arm. Sie riss ihn weg.

„Was?“

„Marlene.“ Er wartete, bis eine Frau mit ihrem Kind an ihnen vorbeigegangen war.

„Was?“

„Es ist schwierig.“

„Das sind solche Dinge immer.“

„Da ist noch viel mehr.“

„Pass mal auf, Fritz Kolbe, ich habe keine Lust auf diesen Unsinn. Das gefällt mir nicht, ganz und gar nicht.“

„Ich stelle mir manchmal vor“, sagte er, „ich wäre mit dir in Afrika. Es ist so schön dort. Fangfrischer Fisch.“

„Ich verstehe kein Wort.“

„Komm mit zu mir. Lass uns deine Kekse essen.“

„Jetzt nicht mehr.“ Sie ging weiter. Er sah ihr hinterher, sie wich einem Schuttberg aus und passierte ein ausgebranntes Auto. Marlene wurde kleiner zwischen den Trümmern und es sah traurig aus, wie diese Frau durch die sterbende Stadt ging und einmal hinaufsah zu einer wetterbleichen, rötlichen Hakenkreuzfahne, die schlapp von einer verbrannten Wand herabhing.

Komm zurück.

Marlene.

Komm.

Er zerrte sein Fahrrad aus dem Hausflur und fuhr mit gesenktem Kopf zu den Braunweins. Walter fluchte, sie schliefen jetzt bei ein bisschen zu viel Frischluft. Er zeigte Fritz das Schlafzimmer. Die Außenwand hatte ein fast kreisrundes Loch, Walter hatte Bretter angenagelt und eine graue Decke daran befestigt.

„Du siehst nicht gut aus, Fritz. Was ist mit dir?“ Mein Freund, dachte Fritz, mein alter Freund Walter. Und ich kann ihm nichts sagen. Ich kann es auch ihm nicht erzählen. Braunwein sprach ihn nicht einmal auf ihr angespanntes Aufeinandertreffen in Fritz’ Büro an. Walter konnte so etwas, hatte er immer gekonnt: Dinge weglassen. Einfach so.

„Die Gestapo war in deinem Büro, richtig?“ Walter legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Diese Kerle können einem schon Angst machen. Aber horrido, Fritz, du hast doch nichts zu verbergen.“

Fritz verfluchte sich dafür, überhaupt hierhergekommen zu sein. Es war zwecklos.

„Ich muss bald für einige Wochen ins Ausland“, sagte Walter. „Kümmerst du dich um Käthe?“

„Wohin?“

„Fritz, bitte. Die Leute vom Geheimdienst haben einen Weg gefunden – geradezu abenteuerlich.“

„Walter – wohin? Gib mir wenigstens die Himmelsrichtung.“

„Nord. Ost. Süd. West.“

„Gibt es Aktenvermerke im Amt?“

Walter Braunwein zog die Brauen zusammen und strich über die Decke. Merkte er ihm etwas an? Durchschaute er ihn?

„Ist der Auftrag, den du ausführst, amtlich mit deinem Namen bezeichnet?“

„Es reicht langsam, Fritz.“

Käthe schob die schleifende Tür auf. Sie habe einen Kaffee gekocht, sagte sie. Sie setzten sich an den Tisch, im Volksempfänger setzte Franz Liszts Musik an.

Fritz bat Käthe das Radio auszuschalten. Käthe sah ihn an und rührte sich nicht, ihre Augen waren leer. Um Himmels willen, dachte Fritz. Er drehte den Knopf, bis es knackte und Liszt verstummte.

„Lehn den Auftrag ab, Walter. Und du, Käthe, verlass endlich Berlin. Verschwinde von hier.“ Er stand neben dem Tisch und sah seine Freunde an, niemand sagte etwas. Die Wanduhr tickte in die Leblosigkeit. Fritz hielt es nicht aus. Wenn sie doch alle nur zurückgekonnt hätten in ein Leben ohne Hitler.

„Geh weg, Käthe. Dein Mann lässt dich alleine.“

„Fritz, bist du verrückt geworden?“ Walter schüttelte den Kopf.

„Es ist sein Beruf“, sagte Käthe leise. „Er kann mich nicht mitnehmen, so wie früher. Ich werde hier sein, wenn er zurückkehrt. Ich bin hier, wenn Horst wieder Zeit hat.“

„Ihr wisst so gut wie ich, dass der Krieg verloren ist.“

„Verdammt noch mal, Fritz. Du verbrennst dich. Für solche Aussagen werden Menschen umgebracht“, sagte Walter.

„Willst du mich verraten?“

Walter trat vor ihn, sie standen sich zentimeterdicht gegenüber, teilten Atem.

„Ich würde dich niemals verraten, Fritz. Verrat ist widerlich.“ Er legte Fritz eine Hand an den Oberarm. „Wir sind alle sehr angespannt. Wen wundert das? Ich würde vorschlagen, wir trinken einen Schnaps.“

Ein paar Minuten Frieden, dachte Fritz. Ein wenig Entspannung, ein Schnaps.

„Ich hole die guten Gläser“, sagte Käthe.

„Bleib du ruhig sitzen, ich mache das schon“, sagte Walter. Die Gläser waren klein, dickwandig, das Licht der Stehlampe funkelte in ihrem Schliff wie Eiskristalle und sie lagen gut in der Hand. Der Schnaps war wie wasserfarbenes Öl.

„Wohin, Walter?“, fragte Fritz.

„Sage ich dir nicht. Sage du mir, was ich verraten könnte.“

„Mehr Schnaps.“ Fritz war viel zu leichtsinnig. Er musste sich dringend zurecht finden zwischen den beiden Welten, in denen er sich zu bewegen schien. Momentan machte er einen Spagat und der drohte, ihn zu zerreißen.

„Noch einen“, sagte er.

Walter lachte. „Sicher?“

„Ja ja, komm. Für Käthe auch.“

„Ich will lieber nicht.“

„Doch doch, komm, Käthe.“

Nach den ersten Arbeitsstunden am nächsten Tag zog er sich die Krawatte zurecht und ging hinaus auf die Wilhelmstraße. Er musste zur Charité, er musste zu Marlene.

Die Tür zu ihrem Büro war geschlossen. Er wollte anklopfen, schaffte es aber nicht. Er ging den grauen Flur hinab, an Bahren vorbei, an Krankenschwestern in abgetragenen Kitteln, drehte um, kehrte zurück und die braune Tür stand wie ein Wall vor ihm. Er hob die Faust auf Kopfhöhe, holte aus und stoppte die Hand Zentimeter vor dem Holz. Er fluchte. Er klopfte an.

„Herein.“

Er öffnete die Tür.

„Raus!“

Er schloss die Tür. Er hatte Marlene Wiese einen so harten Tonfall durchaus zugetraut. Es traf ihn tief und zermalmte seinen Widerstandsgeist. Er drückte die Tür auf. „Ich komme wieder.“ Marlenes Rücken hörte ihm zu.

Fritz kehrte in sein Büro zurück. Von Günther stand mit einem anderen Mann an Fritz’ Schreibtisch und fragte, wo er gewesen sei. Arbeit, Arbeit, sagte Fritz.

„Wo ist der zweite Stuhl?“, fragte von Günther. Mit offener Hand wies er auf den leeren Platz vor Fritz’ Schreibtisch. Die Beinabdrücke des Stuhls waren noch als markstückgroße Vertiefungen im Teppich zu sehen.

„Kaputt. Tut mir leid, Herr Botschafter.“

„Das ist?“ Die Frage des fremden Mannes klang wie ein „Setzt dich!“. Er war klein und trug eine Generalsuniform, die zu viele Falten warf um den flachen Bauch.

„Mein Sekretär, Fritz Kolbe, Herr General. Herr Kolbe, darf ich vorstellen, General Gehlen, Fremde Heere Ost. Einer unserer besten Männer.“ Gehlen sah Fritz von oben bis unten an. Der Mann war schmal und spitzgesichtig und hatte ähnlich dünnes Haar wie Fritz.

„Fritz Kolbe also?“ Gehlen tippte sich an die Stirn. „Der beste Notizblock, der je erfunden worden ist“, sagte er. „Nur im Griff haben muss man ihn. Wissen Sie, dass man das menschliche Gedächtnis trainieren kann, ebenso wie Muskeln?“

„Von Günther und ich haben gerade einige Akten durchgesehen“, sagte Gehlen. „Wir wollen bestimmte Papiere in der Gesandtschaft in Bern deponieren – warum, kann Ihnen gleich sein. Von Günther sagt, Sie seien absolut zuverlässig, auch schon einmal in der Schweiz gewesen, zur vollsten Zufriedenheit.“

„Jawohl, Herr General.“

„Ich vergesse nie ein Gesicht“, sagte Gehlen. „Und ich schätze loyale Mitarbeiter. Von Günther hier als Zweigstelle zwischen Auswärtigem Amt und der Wehrmacht ist für uns von größter Bedeutung. Sie sind sich Ihrer Stellung bewusst, Kolbe?“

„Selbstverständlich, Herr General.“

„Von Günther?“

„Ich würde ihm meine Kinder anvertrauen.“

„Immer aufpassen, Kolbe. Immer nach allen Seiten schauen. Achtsam sein, auf Kleinigkeiten hören. In angespannten Zeiten werden Menschen schwach – unverzeihlich. Wenn Sie aber in der Lage sind, die Schwäche des anderen zu erkennen, sind Sie bereits auf der Siegerstraße. So wie ich. Schwäche, Kolbe, auf allen Seiten. Allen. Nun, ich fliege heute noch zurück nach Russland. Von Günther gibt Ihnen die Anweisungen und Sie bewahren Schweigen.“

„Jawohl, Herr General.“

„Meine Herren.“

„Heil Hitler.“

„Heil Hitler.“

Nachdem Gehlen gegangen war, rieb von Günther sich das Kinn. Er wirkte angespannt.

„Vielleicht, Kolbe, vielleicht hat dieser Mann die Größe, die das System und der Führer brauchen. Das frage ich mich manchmal, ja. Ich meine – wenn man – wie soll ich sagen, wenn man als Einzelner mittendrin steht, dann hat man das Ganze nicht mehr im Blick. Die Massenbewegung, Kolbe. Masse wegen Größe, Masse ist groß. Als Einzelner sind Sie ein Nichts.

Aber nun, hören Sie zu, Kolbe, in einigen anderen Abteilungen hier läuft das nicht so, wie es unter meiner Führung laufen würde – von den Kompetenzstreitigkeiten gar nicht zu reden. Folgende Akten müssten Sie bitte nach diesem Schema hier ordnen.“ Von Günther erklärte ihm das System. Er hatte die Akten wie immer versiegelt, an dieses Material war für Fritz kein Rankommen. Sie redeten noch einige Minuten miteinander, dann ging von Günther in sein Büro zurück, blieb aber in der Tür stehen. „Gehlen denkt weit“, sagte er. Er machte mit dem Zeigefinger kreisende Bewegungen, als drehe er einen Uhrzeiger. „Wir sollten uns gut stellen mit dem Mann. Eigentlich ein ganz umgänglicher Typ, alles in allem. Sagen Sie, Kolbe, kann man sich Ihrer Ansicht nach auf Weygand mehr verlassen als auf von Lützow? Drüben in der Schweiz?“

„Nein.“

„Nein?“

„Nein.“

„Nun gut, ja. Also dann: Ende nächster Woche nach Bern. Regeln Sie das.“

„Herr Botschafter, eine Frage vielleicht noch. Wissen Sie, wohin Walter Braunwein geschickt wird?“

Von Günther stemmte die Hände in die Hüften. „Was soll das?“

„Er erzählte mir etwas von einem neuen Auslandseinsatz. Ich dachte nur, nun, vielleicht könnte ich ihn um einen kleinen Gefallen bitten. Dass er mir etwas mit …“

„Sind Sie verrückt geworden, Kolbe? Einen kleinen Gefallen? Etwas mitbringen? Ist das hier ein Badeausflug, oder was? Manchmal verstehe ich Sie nicht.“

„Verzeihung, Herr Botschafter. War nur eine Frage.“

„Wir leben in einer Zeit der Antworten, Kolbe.“

Er arbeitete, bis von Günther sich verabschiedete. Er öffnete den Safe, stopfte so viele zur Vernichtung freigegebene Akten wie möglich in seine Tasche und fuhr mit dem Rad durch Berlins kriegsschifffarbene Trümmerstraßen. Daheim überprüfte er die Pappen und Vorhänge an den Fenstern, setzte sich an den Tisch und begann, die Akten zu sichten. Einen dicken Packen Papier hatte er im Amt gestohlen. Er suchte nach Hinweisen, die auf Walters Reise deuten könnten, fand aber nichts. Er begann zu schreiben über Schienennetze nach Auschwitz, Treblinka und andere Lager, über geheime Munitionsdepots im Osten, über die Infiltration des Vatikan, über einen Geheimsender bei Dublin, von dem aus irische Nazisympathisanten gegen die Briten unterstützt und U-Boote instruiert wurden, über die Fertigung von Schiffsteilen im Ruhrgebiet, Umstrukturierungen von Kampfdivisionen in Frankreich, Spione in Italien, andauernde diplomatische Versuche in Francos Spanien, Berater in Japan, Erkenntnisse über Stalins Geheimdienst aus den Händen von General Gehlen. Es hörte nicht auf. Er schrieb die ganze Nacht hindurch bis zum kürbisfarbenen Sonnenaufgang über dem Chaos aus Ruinen und noch unbeschädigten Bauten Berlins.

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