Kolbe

Andreas Kollender · Kapitel 8 von 17

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Kolbe

6. Marlene und die Geheimakten

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Marlene und die Geheimakten

Fritz hatte sich nie getraut, sie anzusprechen.

Dachte er im Nachhinein an das verhasste winzige Büro in der Visaabteilung, hatte es ein Gutes gehabt: Im Flur hörte er zum ersten Mal das Lachen. Es drang durch eine geschlossene Tür, kam aus dem Mund einer Frau. Es war hell und laut. Im Vorbeigehen drehte Fritz den Kopf und hoffte, die Unbekannte würde das Büro verlassen, bevor er seines wieder erreicht hatte. Dieses Glockenlachen war ein ehrlicher Zeuge von Glück, anders als das harte Lachen der Männer im Amt, dem Häme innewohnte, Siege und Besserwisserei. Dieses Frauenlachen ging tief in Fritz hinein. Dass ein Mensch in dieser Welt noch fähig war, so zu lachen, gefiel ihm und irritierte ihn. Es machte ihn fröhlich. Er konnte nicht warten, zu viele andere Beamte waren unterwegs und wussten, dass er niemals untätig verharrte. Während er Reisevisa für einige Kunstexperten ausstellte, die im Auftrag Görings Schätze in Frankreich requirieren würden, überlegte er, Frau Hansen nach der Unbekannten zu fragen – das Lachen war aus dem Büro von Frau Hansen erklungen. Aber er wollte so wenig Kontakt wie möglich im Amt aufbauen.

Als er Wochen später einmal seine Kammer verließ, sah er sie: Eine große Frau in dunkelblauem Kostüm zog gerade die Tür zu Frau Hansens Büro zu. Er wusste, das war die Frau, die er hatte lachen hören. Im Amt arbeitete sie nicht, das hätte er bemerkt. Sie trug einen Hut auf dem dicken braunen Haar, die Absätze ihrer Schuhe klackten und der Stoff des Kostüms bewegte sich auf ihren Hüften und an den Schultern. Die Frau hatte einen energischen Schritt. Er ging ihr hinterher, hätte aber eilen müssen, um sie einzuholen. Zwei SS-Offiziere grüßten sie und sahen ihr hinterher. Sie bog nach rechts ab, ging durch die Lichtfelder des Hauptflures an der Frontseite des Amtes und drückte die schwere Tür zur Wilhelmstraße auf. Fritz wollte ihr hinterhergehen, als Botschafter zur besonderen Verwendung von Günther und der junge Müller ihm entgegenkamen. Soweit Fritz wusste, arbeitete Müller in der Übermittlungs- und Dechiffrierabteilung. „Heil Hitler“, sagte Müller und marschierte den Gang hinab. Von Günther winkte Fritz in sein Büro.

„Kolbe, Kolbe! Kann es sein, dass Sie diese Dame angestarrt haben?“ Von Günther lachte. „Man lebt nur einmal, ja.“

„Ich habe für so etwas keine Zeit“, sagte Fritz.

„Also von mir aus nehmen Sie sie sich, ja. Nun Folgendes.“

Und das Grauen. Das Grauen. Die Entmenschlichung. Momente, in denen er innerlich die Hände vor das Gesicht krallte, eisige Fassungslosigkeit und innere Schreie wie ein im Bergwerk verschütteter Mann. Es geschah am selben Tag, an dem er die Frau gesehen hatte und zum ersten Mal seit Langem Gefühle in sich spürte, die er unter dem Dreck Deutschlands verschüttet wähnte. Als die Fremde sich der Tür zur Straße zuwandte, sah er kurz ihr Profil. Sie hatte eine schnurgerade Nase, deren Rücken im einfallenden Licht glänzte, ein gerader weißer Strich, energisch genießerische Nasenflügel, wunderschön.

Warum muss er gerade jetzt, als er davon erzählt, wie er Marlene kennenlernt, wieder an den kleinen Jungen denken?

Ich war mit dem Rad auf dem Weg zu Konsul Biermann und seiner Frau, sagt er. Richtung Berlin-Charlottenburg. Da werfen uniformierte Männer einen Mann aus dem Fenster, dritter oder vierter Stock. Am Fenster daneben zwingen zwei andere einen kleinen Jungen zuzusehen. Verstehen Sie das? Können Sie sich das vorstellen? Und der Junge schreit: Papa! Papa!

Fritz wird jetzt noch schlecht, wenn er den Mann in seiner Erinnerung sieht. Der fuchtelt völlig absurd nach Halteseilen in der Luft. Die Übelkeit wird noch größer und drückt sauer in seinen Hals, wenn er das Kindergesicht sieht, den kleinen Jungen. Er weiß nicht, was in dem Kind vorgegangen sein muss, er weiß nur, dass es nicht hätte schlimmer sein können. Fritz muss Tränen wegblinzeln. Gerade wenn es Kinder betrifft, gehen ihm all diese Ereignisse noch näher.

War das das ausschlaggebende Ereignis?, fragt Wegner.

Um Himmels willen, Wegner! Ausschlaggebende Ereignisse wurden uns da im Minutentakt geboten. Ständig. Nur Scheiße. Die haben gelacht. Diese Männer.

Er hört den Schrei über Zeit und Entfernung hinweg: Papa. Er zündet sich eine Zigarette an, fragt, ob noch jemand einen Schnaps möchte. Veronika Hügel und Wegner sind schweigsam, nicken. Vielleicht hat er sie geschockt. Es ist schwer, etwas so Grausames zu erzählen, noch schwerer muss es sein, das aufzuschreiben. Aber es muss getan werden. Er gießt vom Selbstgebrannten ein.

Hören Sie den Jungen?, fragt er und er spürt den Dreck in sich, die Wut, die Fassungslosigkeit.

Was soll man dazu sagen, hm? Ich war ja auch dabei, wie die Juden aus der Stadt transportiert wurden. Allesamt. Frauen, Kinder, Männer, alte Leute. Zusammengeknüppelt, angespuckt, auf offener Straße erschlagen. Ausschlaggebendes Ereignis, gottverdammt.

Konnten Sie denn nichts tun?, fragt Veronika Hügel.

Was denn? Den Mann auffangen? Achtzig Kilo aus dem dritten Stock? Dem Jungen sagen, alles werde wieder gut? Ich hab gekotzt. Dann bin ich zu den Biermanns gefahren. Fragen Sie mich nicht, worüber wir geredet haben, ich weiß es nicht mehr.

Er trinkt den Schnaps, er ist bitter und süß im Mund, brennt kurz, dann schmeckt er die Früchte heraus.

Leute, die für diesen ganzen Mist mitverantwortlich waren, rutschen jetzt langsam wieder in Positionen in der Verwaltung. Auch im neu entstehenden Auswärtigen Amt. Verstehen Sie? Ich müsste da sitzen! Ich. Nicht die. Aber was tue ich? Ich guck aus dem Fenster und weiß nicht, ob das nächste Auto, das den Berg heraufkommt, ein paar Männer mitbringt, die mich endgültig zum Schweigen bringen wollen.

Veronika Hügel und Wegner drehen die Köpfe und sehen aus dem Fenster. Fritz grinst. Machen Sie sich keine Sorgen.

Sie übertreiben, Herr Kolbe, sagt Wegner.

Ach ja? Weiß ich, wer den Anschlag verübt hat? Ist das je herausgekommen? Gehlen-Leute? Russen? Seilschaften aus dem Amt? Erboste Schweizer? Irgendwelche Handlanger dieses britischen Doppelagenten, den es geben muss, von dem aber bis heute keiner weiß, wer er ist?

Sollen wir einen Moment rausgehen?, fragt Veronika Hügel.

Fritz schnürt seine Wanderschuhe, die Schäfte greifen fest um seine Fußgelenke. Die Sonne steht hoch, ein Himmel wie über Afrika, denkt er. Wegner tippt sich mit dem Kugelschreiber auf die Hand, Veronika Hügel holt ihre Kamera aus dem Auto.

Ein paar Landschaftsbilder, sagt sie, schwerer, als man denkt. In Natura sieht das immer toll aus, auf einem Foto oft furchtbar langweilig. Man braucht bestimmte Markierungspunkte, Bäume oder Felsen, eine gewisse Struktur.

Wie in meiner Geschichte?

Ein bisschen, ja.

Wo ist eigentlich Marlene Wiese?, fragt Wegner.

Fritz sagt, sie sei mit Sacher in Bern, ein wenig einkaufen, einen Kaffee trinken. Er führt die beiden jungen Leute auf einen kleinen Rundweg nahe der Hütte. Es geht bergan, ein knirschender Pfad, nach dem von beiden Seiten Grasbüschel greifen. Fritz liebt das Geräusch von Wanderschuhen auf den unterschiedlichen Gründen der Natur. Er wundert sich, wie nah er der Geschichte ist, jetzt, da er sie Hügel und Wegner erzählt. Vitale Aufmerksamkeit. Er weiß immer noch nicht, ob er ihnen alles sagen wird. Er stemmt die Hände in die Hüften und sieht zu den weißen spitzen Kuppen der Berge. Das wird er auch noch machen, mit einem Bergführer auf einen dieser Gipfel steigen und von dort oben auf die Welt hinabsehen. Dann würde vielleicht alles ein wenig kleiner und ihm die Versöhnung leichter fallen. Er weiß nicht, was er von der Welt halten soll.

Darf ich hier draußen ein Bild von Ihnen machen, Herr Kolbe?

Fritz dreht sich zu Veronika Hügel um. Sie lächelt.

Lieber nicht, Fräulein Hügel. Ich weiß einfach nicht, wie ich in die Kamera schauen soll.

Wie geht es denn Ihrem Spiegelbild?

Fritz staunt erneut über die Aufmerksamkeit der Frau. Das hat sie sich also gemerkt, dass er so viele Jahre eine verzerrte Fratze sah.

Ganz gut geht es dem. Trotzdem, noch nicht, Fräulein Hügel.

Das Noch habe ich im Kopf, Herr Kolbe.

Sie folgen weiter dem Pfad, der sich jetzt schräg in einen blauen Tannenhain neigt, Äste knicken, Eidechsen huschen und verschwinden in Spalten, die zu klein für sie wirken. Im Schatten der Tannen legt Fritz, er weiß nicht warum, Wegner eine Hand auf die Schulter.

Je näher ich den Akten kam, je klarer mein Entschluss wurde, desto näher kam ich Marlene.

Ja, die Mädels. Veronika Hügel kichert.

Sie war im Luftschutzkeller unter dem Adlon – dahin sind wir aus dem Amt immer, wenn die Bomber wiederkamen. Sie stand etwa zehn Meter von mir entfernt, direkt an meiner Seite aber die gute Frau Hansen. Die aus dem Visabüro. Da ergriff ich die Gelegenheit. Frau Hansen sagte mir, die Frau sei die Assistentin eines Chirurgen an der Charité. Ein Professor. Der reise viel, manchmal mit ihr, manchmal ohne sie. Sie glaube, die halte sich ein wenig für etwas Besonderes. Das hat mir gefallen.

Fritz sieht zu den Bergen hinauf.

Dass sie verheiratet war, hat mir nicht gefallen.

Aber auch nicht abgehalten, sagt Veronika Hügel.

Schlimm?, fragt Fritz.

Wenn es Liebe ist, ist nichts schlimm.

Fritz sieht sie an, sie erwidert seinen Blick, stellt eine Braue in die Stirn. Fritz wendet sich ab und geht weiter.

Wenn wir zurück sind, haue ich uns ein paar Schnitzel in die Pfanne, sagt er.

Fritz denkt über das nach, was er Wegner gerade sagte. Je näher er den Akten kam, desto mehr näherte er sich Marlene Wiese. Jetzt könnte er denken, dass das ein fataler Fehler war. Aber das will er nicht. Er will nicht. Er müsste. Nein. Nein, er hat genug gemusst. Der Pfad führt sie aus dem Schattenhain hinaus auf eine grüne von Felsen weiß gesprenkelte Wiese, die sich aufschwingt zur Flanke der Hütte.

Und trotzdem, Herr Kolbe, sagt Wegner in seinem Rücken, hätten Sie denn nicht verhindern können, dass es so kam?

Nein, sagt er, hätte ich nicht. Es waren Tausende von Akten, ungelogen, Tausende. Ich konnte unmöglich auf jede Einzelheit achten. Im Nachhinein, da weiß man immer mehr. Rückblicke, das ist nostalgische Sesselfurzerei.

Wir sind hier in einem Rückblick, Herr Kolbe, ob es Ihnen gefällt oder nicht, sagt Wegner. Fritz hört die Bomber über Berlin, sieht Marlenes Augen, er spürt die Akten in seinen Händen, sieht Blut versickern.

In diesem Moment macht Veronika Hügel das erste Foto von ihm.

Böse?, fragt sie.

Ja, sagt Fritz.

Ich meinte nicht mich, sagt sie, ich meinte Ihren Gesichtsausdruck.

Böse, tja, sagt Wegner, ich glaube, ich könnte nicht leben – mit diesen Folgen. Fritz dreht sich ruckartig zu ihm um und tritt dicht an ihn heran. Er riecht Wegners Rasierwasser. Das ist wieder einer der Momente, in denen er sich darüber ärgert, kein groß gewachsener Mann zu sein. Zum Glück ist Wegner nicht viel größer als er, außerdem steht Fritz ein Stück über ihm.

Es ließ sich … nicht … verhindern, sagt Fritz.

Der kleine Halbmond von Käthes Daumennagel knackte zwischen ihren Zähnen. Fritz mochte nicht hinsehen. Sie saßen im Wohnzimmer der Braunweins, ein trockener Kuchen krümelte auf einer Porzellanplatte. Käthe Braunwein war kreidebleich, die rot geschminkten Lippen gaben ihrem Gesicht etwas Clownhaftes.

„Du bist also hier, weil du nicht weißt, was du dieser fremden Frau sagen sollst?“, fragte Walter.

„So kann man das jetzt nicht formulieren. Außerdem frage ich mich, was Katrin von ihr halten würde.“

„Was sollte Katrin von einer Frau halten, mit der du noch kein Wort geredet hast?“

„Ja, Mensch. Eigentlich … eigentlich kenne ich die ja gar nicht.“ Er rieb sich die Stirn und schlug sich auf die Schenkel. „Meine Güte“, sagte er. „Die lacht so wahnsinnig schön. Das müsstet ihr mal hören. Und die sieht gut aus.“

Er komme sich vor wie ein Pennäler. Käthe kicherte. Fritz vermutete, sie hatte lachen wollen. Es war ihr nicht geglückt. Sie hielt ihre Kaffeetasse mit beiden Händen und sah immer wieder zu den verhangenen Fenstern hinüber.

„So viel“, sagte sie, „es ist so viel, das wir nicht kennen.“

Walters vertrautes Gesicht wurde hart, wenn er seine Frau ansah. Käthe griff nach Fritz’ Hand und blickte ihm in die Augen. Sie wirkte plötzlich ganz klar und ruhig.

„Sprich sie an, Fritz. Sag es. Wer weiß, wie lange das hier noch geht.“ Sie stand auf und verließ das Zimmer.

„Fritz, es ist furchtbar, aber ich kenne diese Frau nicht. Wohin ist meine Käthe?“

„Kennst du dich noch?“

„Was soll das, Fritz?

Eigentlich will ich nur mit meiner Familie nach Irland. Wollte ich immer.“

Fritz deutete auf die Schlafzimmertür, Walter nickte.

Käthe lag auf dem Bauch im Bett, die Stirn auf eine Faust gestützt. Fritz setzte sich, die Federn quietschten.

„Ich könnte immer nur heulen“, sagte Käthe.

„Na, dann würde hier wenigstens einer die Wahrheit sprechen.“

Sie drehte sich auf die Seite und zog die Beine an. So hatte er Katrin oft im Bett liegen sehen.

„Du musst mal wieder lachen, Käthe.“

„Worüber?“

„Ich weiß nicht. Geh mit Walter tanzen. Es wird noch viel getanzt in diesem verrückten Berlin. Tanz doch einfach.“

Mit Zeige- und Mittelfinger vollführte Käthe Walzerschritte auf dem Kopfkissen.

„Vor, Seit, Ran, Rück, Seit, Ran“, murmelte sie. „In der Nacht vom siebten auf den achten Juni 1940 kamen sie zum ersten Mal. Von Januar bis März 43. Sie schmeißen Tod vom Himmel, Fritz. Tod. Die Feuer – die Feuer atmen Menschen ein.“

Sie starrte ins Bettzeug und strich über das Laken wie über die Wange eines Kindes.

„Käthe? Käthe?“ Sie verschwand vor seinen Augen, obwohl er sie sehen konnte und seine Hand auf ihrer Schulter lag.

Als er auf die Straße hinaustrat, kam ihm ein Junge in Uniform entgegen, das Haar gelbblond. Fritz eilte ihm entgegen und breitete die Arme aus. „Horst, Junge.“ Horst Braunwein schlug die Hacken zusammen und streckte den Arm pfeilgerade in die Luft.

„Heil Hitler, Onkel Fritz.“ Fritz’ Atem wurde hölzern. Er wollte den Jungen umarmen, Horst wich zurück, der Blick und die Augenbrauen Abwehr und Unverständnis.

„Horst. Ich freue mich, dich zu sehen. Mensch, das gibt’s ja nicht.“

„Danke. Ich mich auch, Onkel Fritz.“

Fritz streckte die Hand nach der Schulter des jungen Mannes aus. Horst wich erneut zurück.

„Alles in Ordnung, Horst?“

„Natürlich.“

„Weißt du noch, als wir angeln waren in Camps Bay?“

„In Südafrika? Das sind Feinde, Onkel Fritz.“

„Bitte?“

„Feinde.“

„Aber es war doch schön, oder?“

Horsts Gesicht war ausdruckslos, das Einzige, das Fritz darin zu erkennen vermochte, war eine seltsame Ferne, als stünde der Junge am anderen Ufer eines Flusses.

„Deine Eltern sind oben“, sagte Fritz. „Deiner Mutter geht es nicht so gut, Horst.“

„Sie sollte sich nicht so gehen lassen.“

„Sie ist deine Mutter.“

„Ich muss jetzt weiter, Onkel Fritz. Heil Hitler.“

„Ja. Ja, natürlich.“

Fritz trottete durch die farblosen verkraterten Kriegsstraßen. Jetzt haben die den Jungen auch noch kaputt gekriegt, dachte er. Er setzte sich auf das Trittbrett eines verrosteten Autos und sah sich um. In den ersten Jahren des Krieges war Berlin eine Stadt der Frauen gewesen, die Männer alle fort, um zu töten und zu sterben oder verkrüppelt zu werden. Jetzt wurden immer mehr Frauen und Kinder aus der Stadt geschickt, und die Männer, denen er begegnete, trugen Uniform und suchten etwas, das sie nicht finden würden. Eine rote Hakenkreuzfahne war auf einen ausgebrannten Doppeldeckerbus gefallen und bedeckte ihn wie einen Sarg.

Nach dem Besuch bei den Braunweins dauerte es Wochen, bis Marlene wieder im Amt auftauchte. Fritz hatte sich angewöhnt, zweimal täglich über den Flur der Visaabteilung zu patrouillieren. Er hoffte auf das Lachen der Marlene Wiese. Er hoffte, wenigstens einen Blick auf sie erhaschen zu können.

Eines Tages erschien sie. Sie ging den Flur hinunter. Fritz blieb stehen, klemmte sich einen Aktenordner unter den Arm und wartete, bis die Frau an ihm vorüberging.

„Guten Tag, Frau Wiese.“

Sie sah ihn an, die Brauen lustig in die Stirn gehoben.

„Kennen wir uns, mein Herr?“

„Leider nicht“, sagte Fritz. Er war glücklich über seine Schlagfertigkeit. Oh ja, gut gemacht, dachte er. Woher er ihren Namen kenne? Er habe sich erlaubt, Frau Hansen danach zu fragen. „Aha.“ Im Blau ihrer Augen lagen schwarze Sprenkel, ihre Nase war linealgerade, ihr Haar hatte die Farbe von Kastanien.

„Und wieso haben Sie nach meinem Namen gefragt?“

„Es ist nicht schön, Sie immer wieder zu sehen, ohne zu wissen, wie Sie heißen. Das geht nicht.“

„Ach, schau an.“

„Darf ich Sie am Sonntag zu einem Kaffee einladen?“

„Ich weiß nicht.“

„Ich schon.“

„Das geht ja ruckzuck jetzt.“

„Zeit ist nicht gerade das, das wir im Überfluss haben.“

Mit der Spitze des Zeigefingers tupfte sie sich eine Strähne aus der Stirn. Sie lächelte, hauchdünne Fältchen in den Augenwinkeln. Zwei Soldaten marschierten an ihr vorüber, irgendwo knallte eine Tür.

„Einen schönen dünnen Kriegskaffee am Sonntag, Frau Wiese? Im etwas ramponierten Berlin? Darf ich hoffen?“

Sie drehte das Gesicht ein wenig zur Seite und sah ihn aus den Augenwinkeln an. Sag ja, dachte er. Komm schon. Schönnase.

„Kaffee ist etwas Feines“, sagte er.

„Aha.“

„Es könnte auch etwas anderes sein, wenn Sie möchten.“

„Hm.“

„Mich würde es sehr freuen.“ Warum hatte er das jetzt gesagt? Es würde ihn freuen? Marlene Wiese lächelte. „Würde es das, ja?“

Zurück in seinem Büro warf er die Akte aus dem Handgelenk auf den Schreibtisch, machte ein paar Walzerschritte und ballte die Faust. Sie hatte Ja gesagt.

Jetzt saßen sie in einem Café in der Mommsenstraße. Marlene hatte ihm von ihrer Arbeit in der Charité erzählt, von den international anerkannten Fähigkeiten ihres Professors, der auch eine Koryphäe des Prothesenbaus sei.

„Er hat ihm die Hämorrhoiden operiert“, sagte Marlene.

„Wie bitte?“

„Mein Professor. Er hat Himmler das kleine Arschloch aufgehübscht.“

„Das kleine Arschloch jetzt durch Kommata eingeschlossen oder als anatomischer Begriff?“

„Halten Sie das, wie Sie möchten, Herr Kolbe.“

„Das hätte man ja auch mal in der Wochenschau bringen können.“

Sie lachten. Im Café waren nur zwei weitere Tische besetzt, auf dem Bürgersteig lagen graue Schuttberge, durch die sich eine Art Trampelpfad zog.

„Prothesen werden gebraucht, noch und noch“, sagte Marlene. Der Professor reise viel, er kenne eine Menge der Nazibonzen persönlich.

„Ist er ein Nazi, Frau Wiese?“

„Ein ausgesprochen fähiger.“ Sie blickte aus dem tiefen Fenster auf die verschüttete Straße. „Der Mann ist in seinem Beruf wirklich gut. Er hilft. Ich helfe ihm.“

„Sie besorgen ihm bei uns im Amt die Reiseunterlagen. Welch ein Glück.“

Sie legte den Kopf zur Seite und lächelte. Ihre Nase wurde etwas breiter dabei. Marlene nahm ein Etui aus ihrer Handtasche, ließ es aufspringen und zog eine Zigarette unter dem Gummi hervor. Fritz bereute es zum ersten Mal, kein Feuerzeug zu besitzen. Marlene wartete einen Moment und völlig sinnlos klopfte Fritz seine Jacketttaschen ab, ob sich ein Päckchen Streichhölzer fände. Marlene schob ihr Feuerzeug über den Tisch, Fritz knipste es an, hielt unnötigerweise eine Hand um die Flamme und näherte sie Marlenes Gesicht. Ihre Lippen waren blass, in den Mundwinkeln saßen entzückende Fältchen. Fritz sagte, er bestelle ihr ein Glas Wein. Aber sie habe noch ihren Kaffee, sagte Marlene.

„Ja. Ja, aber ich möchte gerne sehen, wie Sie in der gleichen Hand, in der Sie die Zigarette zwischen Zeige- und Mittelfinger halten, auch ein Weinglas haben.“

„Aha.“

Er rief den einarmigen Kellner und orderte ein Glas Rotwein.

„Sie sind ein seltsamer Vogel, Herr Kolbe.“

„Das sagte man in Afrika schon über mich.“

„Afrika? Erzählen Sie!“ Sie hörte ihm lange zu, die Straße wurde immer grauer, die wenigen Gäste verschwanden, der Kellner stand mit verschränktem Arm hinter dem Tresen und Fritz schwebte durch seine Erinnerungen. Er erwähnte Katrin mit keinem Wort und während er redete, glitten seine Gedanken auf zwei voneinander wegführenden Schienen dahin und er dachte, dass er vorsichtiger sein müsse, dass er dieser fremden Frau viel zu sehr vertraue, ihr jetzt schon zu viel gesagt hatte und dass er ihr, so sehr er auch wollte, keinesfalls verraten durfte, was er plante und bald umsetzen würde. In diesem Land konnte man niemandem mehr vertrauen. Nicht mal ihm konnte man trauen.

Sie nahm das Weinglas in die Hand, in der sie die Zigarette hielt. Das Weiß des Papiers spiegelte sich im beweglichen Rot.

„Aber machen Sie sich nicht die Hoffnung, dass ich immer tue, was man von mir wünscht“, sagte sie.

„Das wäre keine Hoffnung, das wäre eine Befürchtung.“ In diesem Moment nahm sie den Hut ab. In ihrem Haar war Kastanie und Eichhörnchen, Kupfer und Sonnenuntergang.

Sie wollte nicht von ihm heimgebracht werden. Als sie sich auf der Straße verabschiedeten, drehte sie sich nach wenigen Schritten noch einmal zu ihm um. Er war sich sicher, dass sie wusste, er würde ihr hinterher schauen.

„Ich bin verheiratet, Herr Kolbe.“

Er wollte etwas sagen, wusste aber nicht, was.

„Das war ein sehr schöner Kriegsnachmittag“, sagte sie.

„Er hätte nicht besser sein können, Frau Wiese.“

Sie lächelte. „Besser geht immer. Wenn Sie mich erneut einladen sollten, ich würde nicht ablehnen.“

Fritz verbeugte sich. Ein kräftiger, nicht allzu großer Mann, wie immer in Anzug und Krawatte und eine Frau in einem ausgebesserten dunkelblauen Kostüm mit Hut zwischen zusammengesackten Häusern einer verwesenden Stadt. Er sah ihr hinterher. Nach den Stunden in ihrer Gesellschaft fühlte er sich noch einsamer als zuvor. Selbst wenn es irgendeinen Beweis gäbe, dass er ihr vertrauen könne, konnte er ihr nicht von seinen Plänen erzählen.

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