Prosastücke

Robert Walser · Kapitel 1 von 19

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Prosastücke

Das Seestück.

D a s S e e s t ü c k .

 

Dieses Stück ist sehr einfach, es handelt von einem schönen Sommerabend

und von vielen Leuten, die am Seeufer hin- und herpromenierten. Die

Menschenmenge, unter der auch ich mich befand, war ausserordentlich. Die

ganze Stadt schien zu spazieren. Wenn ich sage, dass der weite, nächtliche See

einem schlummernden Helden glich, dessen Brust auch im Schlafe noch von

Angelegenheiten der Kühnheit und der hohen Denkart bewegt sei, so drücke ich

mich vielleicht etwas gewagt aus. Viele lichtergeschmückte Nachen bewegten

sich im dunklen Wasser. Die Strassen und Nebenstrassen, die zum See führten,

schienen mir Kanäle zu sein, und ich bildete mir mit Leichtigkeit ein, dass die

Nacht eine venezianische Nacht sei. Heller Feuerschein loderte da und dort

rötlich aus dem Schwarz auf, und nächtliche Menschengestalten spazierten in die

hellen und in die dunklen Stellen. Es fehlte an Liebespaaren keineswegs, die sich

hinter allerlei Dickicht zärtlich umarmten und küssten, und ebenso wenig fehlte

es an kosender und lispelnder, an freundlich streichelnder und gleich einem

plätschernden Gewässer rieselnder Nachtmusik. Der Halbmond in der Höhe

glich, wie soll ich sagen, einer Wunde, woraus ich folgere, dass der schöne

Körper der Nacht verwundet war, ähnlich wie eine schöne edle Seele verletzt

und verwundet sein kann, und darum ihre Hoheit und Schönheit noch deutlicher

offenbart. Im Leben, das roh und unedel ist, macht sich mitunter die verletzte

edle Seele lächerlich, nicht aber in der Dichtkunst, und der Dichter lacht niemals

über empfindlicher Seelen Verletzbarkeit. Da ich über eine gebogene Brücke

ging, hörte ich von unten, aus dem Wasser, eine wundervolle Stimme zu mir

heraufdringen, es war ein hellgekleidetes Mädchen in einer hier

vorüberfahrenden Gondel, und ich und vielleicht noch ein Anderer, den die zarte

Stimme ebenfalls interessierte, beugten uns über das Geländer, um auf den

entzückenden Gesang mit angespannter Aufmerksamkeit zu lauschen, der im

Zirkus oder im Konzertsaal, den die holde Nacht bildete, warm und hell

verhallte. Wir Zwei oder Drei, die wir lauschten, gestanden uns, dass wir noch

nie so schön singen gehört hätten, und wir sagten uns, dass das Lied der im

beinahe unsichtbaren Nachen dahingleitenden liebenswürdigen Sängerin

weniger durch Kunst und grosses gesangliches Können als vielmehr nur durch eine wunderbare Seelen-Anspannung und durch die Begeisterung eines lieben

edlen Herzens gross sei. Wir sagten uns ferner, das heisst es fiel uns ein, zu

denken, dass vielleicht, ja sogar sehr wahrscheinlich die junge Sängerin unten im

dunklen Boot über die Kühnheit und Hochherzigkeit ihres Gesanges und wegen

ihrer Fähigkeit, sich zu berauschen und zu begeistern, glühend erröte, und dass

ihre reizende jugendfrohe und süsse Wange vor Scham über die Freiheit und

über den Enthusiasmus des himmlischen gesanglichen Ergusses heftig brenne.

Königspalastähnlich wurde das Lied und wuchs zu fabelhafter Grösse empor,

dass man Prinzen und Prinzessinnen auf herrlich geschmückten Pferden

vorübertanzen und -galoppieren zu sehen meinte. Alles verwandelte sich in

tönendes Leben und in eine tönende Schönheit, und die ganze Welt erschien wie

die Liebenswürdigkeit selber, und am Leben, am menschlichen Dasein gab es

nichts mehr auszusetzen. Ganz besonders anziehend und schön war, wie das

Mädchen so ihre zarte Seele singend preisgab, alle ihre Geheimnisse öffnete,

hoch über sich selbst und über ihre Zurückhaltung, über alle anerzogene

Sittsamkeit hinwegdrang, alles Denken und Sehnen offen aussprach, dass es,

Heldinnen gleich, wie eine Gestalt in die Luft hinaufragte. Der Kampf, den das

zarte Wesen mit der Schüchternheit und mit dem alltäglichen Benehmen

kämpfte, ergab die schönste Klangfarbe, und auf den schamhaft-stolzen Klang

lauschten, wie bereits gesagt, mehr Leute, die alle bedauerten, dass das Lied nun

nach und nach in der Ferne sich verlor.