Prosastücke
Das Seestück.
D a s S e e s t ü c k .
Dieses Stück ist sehr einfach, es handelt von einem schönen Sommerabend
und von vielen Leuten, die am Seeufer hin- und herpromenierten. Die
Menschenmenge, unter der auch ich mich befand, war ausserordentlich. Die
ganze Stadt schien zu spazieren. Wenn ich sage, dass der weite, nächtliche See
einem schlummernden Helden glich, dessen Brust auch im Schlafe noch von
Angelegenheiten der Kühnheit und der hohen Denkart bewegt sei, so drücke ich
mich vielleicht etwas gewagt aus. Viele lichtergeschmückte Nachen bewegten
sich im dunklen Wasser. Die Strassen und Nebenstrassen, die zum See führten,
schienen mir Kanäle zu sein, und ich bildete mir mit Leichtigkeit ein, dass die
Nacht eine venezianische Nacht sei. Heller Feuerschein loderte da und dort
rötlich aus dem Schwarz auf, und nächtliche Menschengestalten spazierten in die
hellen und in die dunklen Stellen. Es fehlte an Liebespaaren keineswegs, die sich
hinter allerlei Dickicht zärtlich umarmten und küssten, und ebenso wenig fehlte
es an kosender und lispelnder, an freundlich streichelnder und gleich einem
plätschernden Gewässer rieselnder Nachtmusik. Der Halbmond in der Höhe
glich, wie soll ich sagen, einer Wunde, woraus ich folgere, dass der schöne
Körper der Nacht verwundet war, ähnlich wie eine schöne edle Seele verletzt
und verwundet sein kann, und darum ihre Hoheit und Schönheit noch deutlicher
offenbart. Im Leben, das roh und unedel ist, macht sich mitunter die verletzte
edle Seele lächerlich, nicht aber in der Dichtkunst, und der Dichter lacht niemals
über empfindlicher Seelen Verletzbarkeit. Da ich über eine gebogene Brücke
ging, hörte ich von unten, aus dem Wasser, eine wundervolle Stimme zu mir
heraufdringen, es war ein hellgekleidetes Mädchen in einer hier
vorüberfahrenden Gondel, und ich und vielleicht noch ein Anderer, den die zarte
Stimme ebenfalls interessierte, beugten uns über das Geländer, um auf den
entzückenden Gesang mit angespannter Aufmerksamkeit zu lauschen, der im
Zirkus oder im Konzertsaal, den die holde Nacht bildete, warm und hell
verhallte. Wir Zwei oder Drei, die wir lauschten, gestanden uns, dass wir noch
nie so schön singen gehört hätten, und wir sagten uns, dass das Lied der im
beinahe unsichtbaren Nachen dahingleitenden liebenswürdigen Sängerin
weniger durch Kunst und grosses gesangliches Können als vielmehr nur durch eine wunderbare Seelen-Anspannung und durch die Begeisterung eines lieben
edlen Herzens gross sei. Wir sagten uns ferner, das heisst es fiel uns ein, zu
denken, dass vielleicht, ja sogar sehr wahrscheinlich die junge Sängerin unten im
dunklen Boot über die Kühnheit und Hochherzigkeit ihres Gesanges und wegen
ihrer Fähigkeit, sich zu berauschen und zu begeistern, glühend erröte, und dass
ihre reizende jugendfrohe und süsse Wange vor Scham über die Freiheit und
über den Enthusiasmus des himmlischen gesanglichen Ergusses heftig brenne.
Königspalastähnlich wurde das Lied und wuchs zu fabelhafter Grösse empor,
dass man Prinzen und Prinzessinnen auf herrlich geschmückten Pferden
vorübertanzen und -galoppieren zu sehen meinte. Alles verwandelte sich in
tönendes Leben und in eine tönende Schönheit, und die ganze Welt erschien wie
die Liebenswürdigkeit selber, und am Leben, am menschlichen Dasein gab es
nichts mehr auszusetzen. Ganz besonders anziehend und schön war, wie das
Mädchen so ihre zarte Seele singend preisgab, alle ihre Geheimnisse öffnete,
hoch über sich selbst und über ihre Zurückhaltung, über alle anerzogene
Sittsamkeit hinwegdrang, alles Denken und Sehnen offen aussprach, dass es,
Heldinnen gleich, wie eine Gestalt in die Luft hinaufragte. Der Kampf, den das
zarte Wesen mit der Schüchternheit und mit dem alltäglichen Benehmen
kämpfte, ergab die schönste Klangfarbe, und auf den schamhaft-stolzen Klang
lauschten, wie bereits gesagt, mehr Leute, die alle bedauerten, dass das Lied nun
nach und nach in der Ferne sich verlor.